Posts Tagged ‘Unhöflichkeit’

Essai 177: Über die angemessene Reaktion auf nicht lustige Witze

12. August 2017

Alles in allem betrachtet, bin ich leider völlig humorlos. Das ist überhaupt nicht lustig, weil es echt Nerven kostet, die vielen schlechten Witze und lästigen Verarschungsversuche meiner Mitmenschen zu ertragen, wenn mir dafür einfach komplett das Humorverständnis fehlt.

Wenn ich zum Beispiel in einem Gruppenchat eine klare Frage stelle, auf die ich eine klare Antwort mit einer bestimmten Information erhalten möchte, dann stellt es meine Geduld wirklich auf eine extrem harte Probe, wenn irgendwelche Scherzbolde dazwischenhupen. Dann geht meine – völlig unmissverständlich formulierte, einfach zu beantwortende – Frage unter den Frotzeleien unter.

Das führt dazu, dass ich meine Frage noch mal wiederholen muss, und ich hasse es, wenn ich mich wiederholen muss, obwohl es an meiner ursprünglichen Frage oder Aussage nicht viel misszuverstehen gab. Es sei denn natürlich, man greift sich ein Mini-Detail heraus und spitzfindet und haarspaltet was das Zeug hält, um witzig zu sein und den ganzen Laden aufzuhalten.

Nun will ich aber trotzdem nicht gemein sein, wenn jemand mich mit seinem Herumgewitzel nervt, und das stellt mich vor ein echtes moralisches Dilemma. Was ist denn bloß die sozial angemessene Reaktion auf Witze, die man überhaupt nicht lustig findet? Es ist ja nicht so, dass ich die Absicht witzig zu sein nicht bemerke. Das schon. Wenn jemand ironisch, sarkastisch oder spöttisch ist, aus Spaß irgendwas Dummes oder Selbstverständliches sagt, dann bin ich intellektuell durchaus in der Lage, es als „Witz“ zu identifizieren.

Aber genausowenig wie „gut gemeint“ das Gleiche wie „gut“ ist, ist „witzig gemeint“ immer das Gleiche wie „witzig“. Und manchen Leuten scheint das Feingefühl zu fehlen, um intuitiv zu spüren, wann ein Witz gerade angebracht ist, und wann er einfach nur allen anderen auf den Wecker fällt. Andere spüren das schon, sind aber von der Sorte „Lieber einen Freund verlieren, als eine Pointe zu verpassen und apropos, meinen Humor kann man bequem unter der Tür durchschieben. Höhöhö.“ und die sind nicht in der Lage, einfach mal die Fresse zu halten, wenn sich eine Gelegenheit bietet, sich mit einem blöden Spruch wichtig zu machen und vor allen aufzuplustern. Anstrengend.

Echt mal, das Leben an sich und zwischenmenschliche Kommunikation sind doch so schon kompliziert genug. Da muss man doch nicht noch mit unnützen Scherzen die Aufmerksamkeit auf sich ziehen, obwohl man zur Klärung des Sachverhalts überhaupt nichts Konstruktives beizutragen hat. Kann man nicht einfach nach dem Motto handeln: „Wenn du nichts Interessantes oder Sinnvolles zu sagen hast, dann sei still.“ Ist das wirklich so schwer? Man kann dann doch seine Energie und Spucke dafür aufbewahren, einen guten, lustigen Witz zu reißen, wenn es vom Kontext her passt.

Das Problem ist: Ich habe nicht nur keinerlei Sinn für Humor, ich lege auch noch großen Wert auf Höflichkeit, freundlichen Umgang miteinander und Harmonie. Ich will ja gern Toleranz für Anderswitzige aufbringen. Aber das kostet mich wirklich einiges an Selbstbeherrschung. Und das zehrt mit der Zeit an meinen inneren Energie- und Geduldreserven, die mir dann an anderer Stelle fehlen.

Allerdings muss man wohl damit leben, dass es immer wieder irgendeinen Kasper gibt, der allen unter die Nase reiben muss, was für einen riesengroßen Clown er gefrühstückt hat. Irgendeine sozial angemessene Reaktionsstrategie bräuchte ich also doch, die möglichst wenig nervlichen Aufwand kostet.

Ist es zum Beispiel OK, wenn ich die Frotzeleien einfach ignoriere und stur meine Frage wiederhole? Oder ist es sehr unhöflich, wenn ich den Scherzcharakter der lustig gemeinten Sprüche nicht mit Aufmerksamkeit würdige?

Oder darf ich mit Ehrlichkeit reagieren und die Witzbolde mit einem „Alter, wenn du nichts zu sagen hast, dann halt die Klappe und lass die Erwachsenen ihren Kram in Ruhe regeln!“ in ihre Schranken weisen? Das kann man doch eigentlich nicht machen, oder? Schließlich war das ja nicht böse gemeint und die wollen bloß spielen. Außerdem will ich halt auch nicht wie ein Arschloch dastehen.

Ich tendiere daher zu der Strategie, das Herumgewitzel zu ignorieren. Was ist eure Meinung dazu?

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Essai 174: Über grundlose Unhöflichkeit

2. Juli 2017

Beim besten Willen kann ich nicht nachvollziehen, warum manche Menschen unfreundlich zu Leuten sind, die ihnen gar nichts oder sogar etwas Nettes für sie getan haben. Da bin ich vielleicht auch etwas dogmatisch, ich weiß es nicht. Aber meiner Meinung nach gibt es keinen Grund, unhöflich zu sein, wenn der andere sich nicht wie ein Riesenarschloch aufführt. Und selbst, wenn jemand sich wie ein Riesenarschloch aufführt, sollte man höflich sein, weil man sich ja nicht zwingend auf dieses Arschloch-Niveau herabbegeben muss.

Genaugenommen gehe ich sogar soweit, zu behaupten, dass generell niemand unhöflich sein muss. Es gibt zwar manchmal begriffstutzige Vollpfosten, die völlig wahrnehmungsgestört und ich-bezogen sind, und die nicht kapieren, dass sie sich scheiße benehmen, sofern man sie nicht im Kasernentonfall anschnauzt und zusammenfaltet. Aber die haben dann ja angefangen. Sprich: Wenn die sich nicht unhöflich und achtlos verhalten hätten, gäbe es nichts, weswegen man sie anpflaumen müsste. Und für ihr ursprünglich pampiges Gebahren gibt es meines Erachtens keine Entschuldigung.

Sicher, manchmal hat man einen Pups quer sitzen, ist mit dem falschen Fuß aufgestanden oder PMS-bedingtes Hormongeschwurbel verhagelt einem die Laune (an die Herren: In diesem Fall ist davon abzusehen, eure Herzensdamen zu fragen, ob sie ihre Tage haben, wenn sie gereizt sind). Dann ist es verständlich und menschlich, wenn man etwas mürrisch ist und einem der Tonfall ein wenig harsch gerät. Aber dann kann man sich doch kurz entschuldigen, damit der andere weiß, es liegt nicht an ihm. „Sorry, heute ist echt nicht mein Tag“ oder sowas in der Art, das reicht dann ja schon, wenn man andere versehentlich brüskiert hat.

Was ich auch nicht verstehe – und es macht mich fuchsig, wenn ich was nicht verstehe – wenn Menschen grundsätzlich unhöflich und unfreundlich zu allen anderen sind. Die so eine Grundhaltung an den Tag legen, dass alle anderen immer alles falsch machen und das mit voller Absicht, nur um sie zu ärgern. Die davon ausgehen, dass alle ihnen Böses wollen. Die sich nicht vorstellen können, dass andere vielleicht Besseres zu tun haben, als jede Sekunde ihres Daseins mit Komplotten und perfiden Betrugsplänen zu verplempern, um dieser einen Person zu schaden.

Da kann man noch so aufrichtig freundlich und wohlwollend auf diese Menschen zugehen, sie finden immer irgendeinen subjektiven Vorwand, um einen auf den Schlips zu treten. Gut, es kann sein, dass dieser garstigen Grundhaltung ein langes Leben voller Gefühle der Einsamkeit, Enttäuschung und des Ungeliebtseins vorangegangen ist. Das tut mir ja auch leid. Aber trotzdem kann man sich ja wohl Leuten, die einem nichts getan haben, gegenüber zusammenreißen. Und wenn man das nicht kann, sollte man eine Psychotherapie in Erwägung ziehen. Ist ja nichts dabei, sich professionelle Hilfe bei Problemen zu holen, die man alleine nicht geregelt bekommt. Wenn man einfach weiterhin alle wie Dreck behandelt, nur weil man sich selbst wie Dreck fühlt, wird die eigene Situation nur noch schlimmer.

Früher oder später hat da nämlich keiner mehr Lust zu, sich ständig von jemandem, der den lieben langen Tag nur in seiner eigenen Galle versumpft und die ganze Welt außer sich selbst dafür verantwortlich macht, dass er sich schlecht fühlt, als Frustableiter missbrauchen zu lassen. Und dann ist derjenige wirklich einsam. Und hat dann niemanden, der ihm ab und zu mal den Spiegel vorhält, Grenzen aufzeigt, und sagt: So, jetzt reicht’s aber.

Aber vielleicht stelle ich mir das auch alles viel zu einfach vor. Ich gebe zu, ich kann mir das schwer vorstellen und mich da nicht hineinversetzen, wenn man so chronisch verbittert ist. Mich kostet es zugegebenermaßen überhaupt keine Mühe, freundlich und höflich zu meinen Mitmenschen zu sein. Klar, manchmal bin ich aus Versehen ein achtloser Paddel, und mache irgendwas, was andere verletzt, ohne es in dem Moment zu merken. Dann bin ich von meinem Selbstbild her überzeugt, dass ich voll nett war, aber in Wirklichkeit hat mich der andere als Arsch empfunden. Das habe ich noch nicht ausklamüsert, wie sich so etwas vermeiden lässt. Ich hoffe einfach, dass man mich in solchen Situationen sachlich darauf hinweist, dass ich was Blödes gemacht habe, damit ich mich entschuldigen und versuchen kann, es wieder gut zu machen.

Doch wenn jemand ständig scheiße zu allen ist, das kann ich nicht nachempfinden. Ich kann auch diesen falschen Stolz, der solche Leute daran hindert, sich Hilfe zu holen, um Probleme zu lösen, die sie alleine nicht in den Griff bekommen, nicht nachvollziehen. Gut, es gibt manche psychische Erkrankungen, die für Antriebslosigkeit sorgen, und es für Betroffene unheimlich schwer machen, eine Therapie anzufangen. Das ist dann noch mal was anderes. Aber ansonsten verstehe ich das nicht.

Was ich ebenfalls schwierig finde, ist der richtige Umgang mit solchen chronisch grundlos unhöflichen Zeitgenossen. Einerseits bin ich es allmählich leid, mein Seelenglück von solchen egozentrischen Stinkstiefeln vermiesen zu lassen. Dazu habe ich echt keine Lust mehr, ich bin jetzt Mitte 30 und langsam wirklich zu alt für diesen Scheiß. Die sollen sich entweder verdammt noch mal nicht so anstellen oder sich Hilfe suchen. Außerdem habe ich überhaupt nicht das professionelle psychologische Handwerkszeug, um solchen Leuten zu helfen. Andererseits habe ich aber ein schrecklich schlechtes Gewissen, weil ich ja niemanden im Stich lassen will, nur weil er ständig Scheißlaune hat und allen Menschen mit Misstrauen und Arroganz begegnet. Obwohl die das ja irgendwie nicht besser verdient haben, als dass ihnen die Freunde nach und nach davonlaufen.

Aber wenn sie alle Menschen gleichermaßen mies behandeln, ist es ja nicht persönlich gemeint, wenn sie bei mir keine Ausnahme machen. Und dann muss ich es doch eigentlich auch nicht persönlich nehmen … Allerdings sehe ich nicht ein, warum ich mich für Fieslinge aufreiben sollte, wenn es genug liebe, nette Menschen gibt, die meine Gesellschaft zu schätzen wissen und das ab und zu auch mal zeigen. Das muss ich doch nicht, oder?

Essai 170: Über zweifelhafte Konfliktlösungsstrategien

2. April 2017

Um ehrlich zu sein, bin ich manchmal schon ein ziemlicher Feigling. Wenn’s irgendwo nach Ärger riecht, Streit oder Unfrieden droht, ergreife ich ganz gern vorsorglich die Flucht und gehe dem Konflikt aus dem Weg. Das ist übrigens im Tierreich, zum Beispiel unter Katzen, eine völlig legitime Konfliktlösungsstrategie, aber unter Menschen ist das alles ein bisschen komplizierter.

Wenn zum Beispiel zwei Katzen einander auf einem Weg begegnen, der zu keinem Revier der beiden gehört, bleiben sie erst einmal stehen, taxieren sich aus einem höflichen Abstand heraus, und einigen sich schließlich darauf, ganz friedlich aneinander vorbei zu laufen und ihrer Wege zu gehen. Wirklich Zoff gibt’s nur, wenn er unvermeidbar ist, etwa, weil die Revierzugehörigkeit unklar ist und keine Rückzugsmöglichkeit besteht. Dann muss man den Konflikt kurz mit Tatzenhieben und Gefauche ausfechten, und danach ist es in der Regel auch wieder gut. Es sei denn, die Katzen hocken dauerhaft auf zu engem Raum und ohne Rückzugsmöglichkeit aufeinander, aber das ist eine andere Geschichte.

Das Nervige bei Menschen ist, dass wir uns vor allem verbal verständigen und nicht – wie Katzen und andere Tiere – nonverbal. Wenn es bei uns zu Konflikten kommt, heißt es immer, man müsste darüber reden. Leider kommt es aber gerade beim Reden oft zu Missverständnissen und manchmal entsteht durch missverstandene Worte überhaupt erst ein Konflikt. Das ist fürchterlich anstrengend, das hinterher dann ebenfalls mit Worten auseinander zu klamüsern, die dann möglicherweise wieder missverstanden werden. Und da möchte ich mich dann manchmal am liebsten einfach verkriechen und mich verstecken, bis der Konflikt sich hoffentlich von alleine in Wohlgefallen aufgelöst hat.

Im Kontext menschlichen Sozialverhaltens gilt diese Konfliktlösungsstrategie allerdings als reichlich unreif, kindisch und albern. Ich komme mir dann ja auch selbst völlig bescheuert vor, wenn ich mal wieder versuche, mit meiner Ausweichtaktik einen Konflikt solange zu ignorieren, bis er hoffentlich wieder ohne mein Zutun verschwindet. Obwohl es manchmal vermutlich schlauer und schneller ginge, doch miteinander ehrlich zu reden.

Aber dann weiß man ja oft nicht, was andere Menschen so denken, wie die drauf sind, wo ihre Empfindlichkeiten liegen. Und nachher überwinde ich meine Konfliktscheu, springe mutig und tapfer über meinen Schatten, sage, was ich denke, und der andere ist hinterher noch wütender auf mich oder enttäuschter von mir als vorher, weil ich meine Wortwahl ungeschickt getroffen habe. Oder ich lege jedes Wort ganz genau auf die Goldwaage, sodass der andere völlig genervt ist, weil ich nicht auf den Punkt komme. Auch blöd.

Normalerweise komme ich ganz gut damit zurecht, Konflikte gar nicht erst entstehen zu lassen, indem ich einfach von vorneherein freundlich und höflich zu allen bin, die mir nichts getan haben. Wenn doch einmal der äußerst seltene Fall eintritt, dass mich jemand absichtlich ärgert, ist das allerdings auch kein Problem, weil ich dann keinen Grund sehe, auf dessen Gefühle Rücksicht zu nehmen, und dann kann ich ihm ja problemlos meinen ehrlichen Ärger um die Ohren hauen. Das ist für denjenigen dann wenig erfreulich, aber das ist dann Pech, man muss mich ja nicht unnötig reizen. Kurz zur Klarstellung: Man muss das schon wirklich darauf anlegen, mich zu verärgern, ich bin da in der Regel sehr duldsam und langmütig.

Wenn es aber dann doch zu einem Missverständnis oder einem anderen Konflikt kommt, bin ich aufgeschmissen. Ich will den anderen ja nicht verletzen, unnötig gemein sein oder das Missverständnis noch weiter vertiefen. Aber auf eine offene Auseinandersetzung habe ich auch absolut keine Lust. Und wie ehrlich ich sein kann, ohne den Konflikt zu verschärfen, weiß ich dann ja auch nicht im Voraus. Und weil ich dann überhaupt nicht weiß, was ich machen soll, mache ich dann bevorzugt gar nichts, sprich: ich gehe der ganzen Geschichte aus dem Weg und komme mir völlig dusselig vor.

Seufz! Das Leben wäre um einiges einfacher, wenn wir uns tatsächlich nur über Körpersprache, Gerüche und Laute verständigen würden. Auf der anderen Seite ist verbale Sprache aber auch so eine faszinierende und vielseitige Sache, dass ich sie nicht missen möchte. (Zumal ich damit meine Brötchen verdiene) Vielleicht muss man Uneinigkeit manchmal auch einfach aushalten. Oder? Was meint ihr dazu?

Essai 165: Über Humor, den ich nicht verstehe

25. September 2016

Mit dem Humor ist das wie mit dem Musikgeschmack: Jeder ist der Meinung, der eigene sei der einzig Wahre. Da bin ich keine Ausnahme, ich finde auch, dass mein Sinn für Humor Maßstab aller Lustigkeit ist und mein Musikgeschmack ganz klar nur gute Musik einschließt und alles, was ich nicht mag (Elektro, Free Jazz, Bäh!), ist keine richtige Musik, sondern nerviges Gedudel und unerträglicher Lärm. Da habe ich auch recht, bin ich der Meinung. Auf der anderen Seite gibt’s halt auch genug Leute, die Elektro und Free Jazz über alles lieben und finden, dass zum Beispiel Eurodance der absolute Tiefpunkt jeglichen Musikgeschmacks darstellt. Ich hingegen mag Eurodance sehr gern, weil es mich an meine Jugend erinnert und ich die Texte noch mitsingen kann (nicht, dass „Oooh lalala, I love you Baby“, „What is love? Baby don’t hurt me, don’t hurt me no more“ oder „Ooh, Aah, Just a little bit, Ooh, Aah, a little bit more …“ besonders schwer zu merken wären – Na, wer hat jetzt auch einen Ohrwurm?), aber ein Metalfan würde da jetzt die Hände über den Kopf zusammenschlagen und sich wünschen, er wäre tot, nur um nie wieder so etwas Schreckliches zu hören.

Und das hat man beim Humor halt auch. Ich bin der Ansicht, dass das, was ich witzig und komisch finde, auch witzig und komisch ist, und alles, worüber ich nicht lachen kann, jeglichem Sinn für Humor zuwiderläuft. Das ist zwar völliger Quatsch, denn Geschmäcker sind nichts weiter als Meinungen, und die können – im Gegensatz zu Fakten – verschieden und trotzdem gleichermaßen richtig und gültig sein. Aber ich habe finde ich trotzdem recht 😛

Allerdings spricht dagegen, dass sich mein Sinn für Humor im Laufe meines Lebens gewandelt hat. Früher als Kind und Teenie konnte ich mich über Pupswitze kaputtlachen, heutzutage rolle ich mit den Augen und denke „Pff, wie vulgär!“ Als Kind fand ich es auch unfassbar komisch, Telefonstreiche oder Klingelstreiche zu machen, nun finde ich das kindisch und albern. Ich frage mich, ob mein junges Ich und mein erwachsenes Ich viel miteinander zu lachen hätten …

Auf jeden Fall stelle ich fest, dass meine Toleranz für meiner Meinung nach dummen Sinn für Humor gaaanz tief gesunken ist. Zum Beispiel, wenn Leute in meinem Alter eine Wasserpistole in die Hände bekommen, und es unglaublich amüsant finden, andere Menschen damit nasszuspritzen, da könnte ich immer ausrasten. Warum können sie sich nicht gegenseitig nassspritzen und mich in Ruhe lassen? Dann treffen Leute mit demselben Idiotenhumor aufeinander und können sich einen Keks freuen und ich bleibe gemütlich trocken und kann in Ruhe mein Buch weiterlesen oder meine Umgebung friedlich beobachten.

Es ist aber offenkundig so, dass manche Leute es einfach sehr sehr witzig finden, andere zur Weißglut zu treiben. Daher ergibt es für sie dann humortechnisch keinen Sinn, Leute nasszuspritzen oder anderweitig grundlos auf die Nerven zu gehen, die das ebenso komisch finden wie sie. Der Spaß scheint für sie darin zu liegen, dass der andere sich aufregt. Und ganz ehrlich: Ich. Verstehe. Das. NICHT!!!

Ich kann etwa auch nicht begreifen, warum manche Leute dauernd Streit suchen und mich oder andere friedliebende Zeitgenossen aus dem Nichts heraus provozieren und an ihren Achillesfersen herumpieken und so lange sticheln und ärgern, bis dem anderen irgendwann der Kragen platzt und er ausfallend wird oder laut oder beides, obwohl das normalerweise überhaupt nicht seine Art ist, und der arme Tropf (also ich) nach jedem Wutanfall Ewigkeiten braucht, um sich wieder einzukriegen. Was soll denn das? Warum kann man Menschen, die einem nichts getan haben und die einem überhaupt nichts Böses wollen, nicht einfach in Ruhe sein lassen, wie sie sind?

Das würde mich wirklich mal interessieren, was die Motivation hinter einem solchen aggressiven, unhöflichen und gemeinen Verhalten ist. Wenn man Leute angreift und nervt, die irgendwie scheiße sind oder extrem dumme Ansichten vertreten und zum Beispiel die AfD gut finden oder so – das kann ich nachvollziehen, da juckt es mich auch, eine Diskussion vom Zaun zu brechen, und manchmal kann ich da nicht an mich halten. Aber wenn Menschen mir nichts getan haben und zwar anderer Meinung sind als ich, aber keinen haarsträubend blöden Standpunkt haben, sondern die Dinge einfach aus einer anderen Perspektive heraus betrachten als ich, vielleicht sogar aus ihrer Sicht nachvollziehbare Argumente für ihre Meinung haben, dann kann ich das doch auch einfach mal akzeptieren? Wieso muss ich die denn dann noch triezen?

Vielleicht kann mir das ja mal jemand erklären? Ich kann es nämlich nicht leiden, wenn ich Sachen nicht verstehe …

Essai 152: Über die Fähigkeit zur kritischen Selbstreflexion

6. Februar 2016

Mit der Selbstkritik oder der Fähigkeit zur kritischen Selbstreflexion ist das so eine Sache. Alle behaupten, das wäre was Tolles, aber toll findet man eher die, die diese Fähigkeit anscheinend nicht besitzen. Die, die hemmungslos herumposaunen, wie unfassbar großartig sie sind, die sich an ihrer eigenen Existenz ergötzen und vollkommen von sich und ihrer absoluten Phänomenalität überzeugt sind, werden allseits bewundert. Man glaubt ihnen bereitwillig den größten Unsinn, weil man so gern glauben möchte, dass diese selbsternannten Superhelden wirklich die Welt retten werden.

Zweifel, differenzierte Ansichten, logische Argumente, das sorgfältige Abwägen von Pro und Contra – das alles interessiert keine Sau. Außer vielleicht Leute, die selbst der kritischen Selbstreflexion fähig sind, und wissen, dass es im Grunde genommen keine einfachen Wahrheiten und eindeutigen Antworten auf komplexe Fragen gibt. Aber diesen Leuten hört keiner zu, weil niemand die Geduld und die Lust hat, sich das ganze Geschwafel anzuhören. Markige Sprüche und Angeberposen kommen da viel besser an.

Ich würde ja jetzt gern sowas Melodramatisches schreiben wie: Ach und Weh! Wann ist unsere Welt nur so verkommen, dass wir lieber herumpolternden Wichtigtuern folgen als wirklich klugen Menschen, die die Zusammenhänge leise, bescheiden, aber differenziert und sinnvoll zerpflücken, erklären und langsam, Stück für Stück ändern wollen? Aber das würde voraussetzen, dass es jemals anders war. Wenn man sich die Geschichte der Welt mal so anschaut, war das aber schon immer so, dass man lieber den Großmäulern hinterhergedackelt ist und sich von ihnen vorschreiben ließ, was man machen soll, anstatt mit anderen Zweiflern gemeinsam nachzudenken und nach konstruktiven, langfristigen Lösungswegen zu suchen.

Ich merke selbst, dass ich mich schnell überzeugen lasse, dass mein Gegenüber weiß, wovon es da redet, wenn es nur sicher genug auftritt. Ein „So und so ist das und nicht anders, basta!“ klingt auf Anhieb überzeugender als ein „Na ja, man könnte das einerseits so interpretieren, aber wenn man das aus einer anderen Perspektive betrachtet, ist andererseits auch die gegenteilige Interpretation durchaus nachvollziehbar“. Hand aufs Herz, wer hat nach dem „Na ja, man könnte …“ noch aufmerksam weitergelesen?

Gerade, weil ich selbst ja zu übertriebener kritischer Selbstreflexion neige und immer erst einmal davon ausgehe, dass ich falsch liege und die anderen alle richtig, falle ich auf so großspuriges Gehabe immer wieder herein. Man muss mich im Prinzip nur unfreundlich genug anpampen, dann traue ich mich schon gar nicht mehr, die Aussage des kurz angebundenen Unsympathen anzuzweifeln. Dann hinterfrage ich eher meinen eigenen Standpunkt noch mal. Und wenn ich irgendwann nach ewig langem Gegrüble zu dem Schluss komme, dass ich doch gar nicht mal so bescheuerte Ansichten habe, ist der Großkotz schon längst über alle Berge.

Ich find’s schade, dass Selbstkritik immer erst einmal als Schwäche angesehen wird. Genauso wie Bescheidenheit, von wegen Zier, am Arsch hängt der Hammer, so sieht’s aus. Klar, wenn man nur am Grübeln ist und nie eine Entscheidung trifft, kommt man auch nicht vorwärts, das sehe ich ein. Man sollte es also nicht – so wie ich zum Teil (nehmt euch bloß kein Beispiel 😛 ) – mit der kritischen Selbstreflexion so weit übertreiben, dass man sich im Vergleich mit anderen standardmäßig für grundsätzlich im Unrecht hält. Dann ist es nämlich wurscht, was für zauberhafte innere Werte in einem schlummern, das kriegt nämlich ohnehin keiner mit, und dann nützen sie auch keinem was.

Aber ich arbeite dran 🙂 Immerhin schaffe ich es inzwischen, meinen Ansichten treu zu bleiben und sie mit guten Argumenten zu untermauern, wenn ich ein wenig Zeit zum Nachdenken habe. Sprich, wenn ich zum Beispiel schriftlich kommuniziere (was ich ohnehin bevorzuge) oder wenn man mich nicht völlig aus dem Nichts überrumpelt, dann kriege ich das inzwischen ganz gut hin, meine kritische Selbstreflexion mit ein wenig Selbstvertrauen zu bremsen. Woran ich noch tüfteln muss, ist, wie schaffe ich das, mich nicht einschüchtern zu lassen, wenn man mich vollkommen unvorbereitet und ohne Vorwarnung ankläfft. Aber das ist eine Herausforderung, die ich gern annehme 🙂 Ist ja auch langweilig, wenn man alles schon supertoll kann und nichts mehr dazulernen muss, dann kann man nur noch dasitzen, sich selbst fantastisch finden, und auf das Ende warten. Schnarch.

Essai 151: Über das nervige Wörtchen „Hm“

27. Dezember 2015

Im Großen und Ganzen habe ich meinen Freund ziemlich lieb. Er ist ein recht erträglicher Zeitgenosse und in der Regel geht er mir nicht zu sehr auf die Nerven. Aber: Manchmal könnte ich ihn an die Wand klatschen. Schuld daran ist das harmlos erscheinende Wörtchen „Hm“, gelegentlich auch mal in seiner geschwätzigen Variante „Mhm“. Es erfordert für den Sprechenden nicht mehr Aufwand als „Ja“ oder „Nein“, sorgt jedoch beim Hörer für größtmögliche Verwirrung.

Es liegt vielleicht auch daran, dass ich mal wieder von mir auf andere schließe. Wenn ich nämlich eine Frage oder eine Aussage meines Gegenübers mit „Hm“ quittiere, meine ich damit meistens „Ich bin ganz und gar nicht deiner Meinung, aber mach wie du denkst“, was im Prinzip bedeutet „Du kannst mich mal“. „Mhm“ ist nicht ganz so schlimm, damit antworte ich meistens auf Bitten und Aufforderungen, auf die ich keine Lust habe, die ich aber trotzdem aus Pflichtgefühl mache. Zum Beispiel „Schatz, bringst du nachher den Müll mit runter?“ „Mhm.“ Ziehe ich das erste „M“ jedoch lang, wie in „Mmmmmmm-hm“, dann bedeutet es wieder „Leck mich am Arsch“ oder „Ich hab dir gerade nicht zugehört, aber es wird schon nicht sonderlich interessant gewesen sein. Damit du merkst, dass ich noch lebe, gebe ich mal ein unverbindliches Geräusch von mir, in der Hoffnung, dass du mich dann mit deinem Geschwafel in Frieden lässt.“

Mein Freund antwortet jedoch andauernd mit „Hm“, „Mhm“ oder „Mmmmm-hm“, und wenn er das meint, was ich meine, wenn ich das sage, dann finde ich das alles andere als schmeichelhaft. Dann wäre es mir lieber, er sagt mir direkt „Jetzt hör doch mal auf zu sabbeln, Weib! Mir wachsen schon die Frikadellen aus den Ohren!“ Das ist wenigstens eindeutig, und dann kann ich mit Fug und Recht beleidigt sein, und komme mir nicht so dusselig dabei vor. Außerdem ist es ja auch wenig zielführend, wenn man möchte, dass das nervige Quasselweib endlich den Rand hält, mit so kryptischen, polyvalenten Nicht-Antworten zu kommen, die zwangsläufig mehrerer Rückfragen bedürfen, um Klarheit zu erlangen. Überdies: Wie war das noch gleich mit klare Ansagen machen? Männer brüsten sich doch immer so gern damit, wie toll sie Klartext reden, und dann kommt so ein Scheiß wie „Hm“!? Ja, ich weiß, nicht alle Männer, bla. Und ja, es gibt auch Frauen, die bla. Ist mir jetzt aber gerade wurscht, es geht ums Prinzip, und ich schreibe mich hier gerade so schön in Rage, das muss auch alles mal raus. Jeder Küchentischpsychologe, der was auf sich hält, weiß, dass er Ärgernisse nicht in sich hineinfressen darf, davon kriegt man Pickel. Und Magengeschwüre.

Jedenfalls, ich frage jetzt einfach immer nach, ob es ein „Ja-Hm“, ein „Nein-Hm“ oder ein „Leck-mich-am-Arsch-Hm“ war, wenn mein Freund wieder so antwortet. Aber anstatt dass er dann eine der drei Möglichkeiten auswählt, muss er lachen und findet das ungemein witzig. Ich steh dann immer noch da wie der letzte Trottel, der die Pointe nicht verstanden hat, und weiß nicht, was ich mit diesem vermaledeiten „Hm“ anfangen soll. Das macht mich wahn-sin-nig! Warum nur? Warum kann man nicht einfach entweder zugeben, dass man nicht zugehört hat, oder dass man zu dem Thema keine Meinung hat, weil es einem egal ist? Und wenn es weder das eine noch das andere ist, warum kann man dann nicht „Ja“ oder „Nein“ sagen? Was ist daran so schwer? Ich verstehe es beim besten Willen nicht, und wenn ich etwas nicht ausstehen kann, dann ist das, wenn ich etwas beim besten Willen nicht verstehe!

Natürlich passiert mir das auch manchmal, dass ich mit „Hm“ antworte, obwohl ich nicht respektlos sein will, sondern weil ich das gerade vermeiden will. Weil ich fürchte, dass meine klare, eindeutige Meinung noch respektloser wirken könnte als „Hm“. Oder weil ich denke, dass meine Meinung zu einer sinnlosen Diskussion führen könnte, die ich für nicht konstruktiv halte, weil dann am Ende trotzdem noch alle ihre vorherige Meinung haben, aber dafür sauer aufeinander und zerstritten sind. Das ist dann aber auch die einzige Situation, in der ein „Hm“ in Ordnung ist, um Schlimmeres zu vermeiden. Dann heißt es: „Ich sehe das anders, aber ich weiß, dass ich dich nicht überzeugen kann, also lasse ich deine Meinung – die ich für falsch halte – unkommentiert stehen und denke mir meinen Teil.“

Aber man muss doch nun wirklich nicht mit „Hm“ oder „Mhm“ antworten, wenn ich frage, ob man an dem und dem Tag Zeit hat, um XY zu machen. Oder wenn ich an einem Gedankenspiel herumphilosophiere und den anderen in meine Spinnereien involvieren möchte, einfach, weil das Spaß macht. Wenn dann so ein fantasieloses, nichtssagendes „Hm“ kommt, finde ich das irgendwie grob. Vielleicht bin ich da allerdings schon wieder zu dünnhäutig und erwarte zu viel von meinen Mitmenschen. Ich find’s bloß schade, wenn man so wenig Lust daran hat, ein wenig seine Vorstellungskraft zu bemühen. Da ist wohl jeder anders und das muss man akzeptieren, nehme ich an.

Essai 132: Über was die Nachbarn denken sollen

3. Oktober 2014

Vor langer Zeit war ich mal mit jemandem befreundet, der mich ziemlich oft ganz schön verwirrt hat. Unter anderem mit einer für mich gänzlich unnachvollziehbaren Angst davor, was bloß die Nachbarn denken sollen. Meine Familie und ich galten in unserer Nachbarschaft zumindest bei denen, die uns nicht übermäßig leiden konnten, als „die Franzosen“ (was ja zumindest halbrichtig ist) und somit als amoralisches, unzivilisiertes Pack. Und ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert. Ich bin daher in einem Umfeld aufgewachsen, in welchem man einfach nett und freundlich zu allen ist und dann können sie von einem denken, wozu sie Lust haben, das ist dann nicht mehr mein Problem. So lange ich mich so verhalte, dass ich es vor mir und den Menschen, die mir am Herzen liegen, aufrichtig vertreten kann, ist alles andere unwichtig.

Das zumindest ist meine Meinung.

Ich hab jedenfalls damals, als mein Kumpel das erste Mal ängstlich aus dem Fenster sah und flüsterte: „Vorsicht, die Nachbarn!“, gedacht, der macht Witze. Und fand das ziemlich lustig. Erst allmählich wurde mir später klar, dass das ernst gemeint war und verstehe bis heute nicht, warum. Ich denke, wenn man alle Menschen freundlich grüßt, ihnen nicht zu sehr auf die Pelle rückt, sie respektiert und ihre Sachen nicht kaputt macht oder sie irgendwie belästigt oder stört, dann ist doch alles in Ordnung. Dann braucht man doch keine Angst davor zu haben, sie könnten dies oder das von einem denken. Das weiß ich doch ohnehin nicht, was die denken und was in ihren Köpfen vorgeht und wenn die Vorurteile gegen mich haben, ist das auch nicht meine Schuld (vorausgesetzt natürlich, ich benehme mich einigermaßen anständig). Da wird man doch völlig bekloppt, wenn man sich über sowas den Kopf zerbricht. Außerdem: Was für eine unerquickliche Zeitverschwendung.

Nichtsdestotrotz habe ich es vor ein paar Monaten doch mal geschafft, den Unmut einer Nachbarin zu erregen. Ich bin letztes Jahr in eine Wohnung gezogen und wir hatten noch keine Vorhänge. Die ältere Dame sah uns daraufhin immer beim Umziehen im Schlafzimmer zu und war der Ansicht, das sei Erregung öffentlichen Ärgernisses, was uns denn einfiele, wir seien hier nicht beim FKK und sie würde uns anzeigen und das würde richtig teuer für uns werden, Jawoll!

Also offenbar kann man auch den Ärger von seinen Nachbarn provozieren, wenn man es gar nicht beabsichtigt. Darüber könnte ich mir jetzt natürlich Gedanken machen und mir das Leben ein wenig schwieriger und witzloser gestalten. Mein Freund und ich haben es jedoch vorgezogen, Gardinen aufzuhängen. Seitdem ist Ruhe und die Anzeige ist bislang auch ausgeblieben.

 

Essai 123: Über den Umgang mit Idioten

9. Juni 2014

Da die Untergattung der Idioten innerhalb der menschlichen Spezies eindeutig in der Überzahl ist, ist es ratsam, sich mit ihnen zu arrangieren. Doch nach Lösungen zu suchen, wie das zuverlässig gelingt, ist eine Lebensaufgabe. Immerhin, ein paar Tricks und Kniffe, wie man mit Dummdödeln gut zurecht kommt, habe ich schon ausgetüftelt und an real existierenden Exemplaren erfolgreich erprobt. Bevor ich hier wieder als arrogante Intellektuelle da stehe: Ich meine mit „Idioten“ nicht Menschen mit niedrigem Intelligenzquotienten. Sondern ich meine damit Leute, die normal oder sogar überdurchschnittlich intelligent sind, sich aber wie Vollidioten aufführen, obwohl sie anders könnten.

Ich hege die Theorie, dass das Sich-idiotisch-aufführen als eine Art Selbstschutz dient. Vermutlich halten sich die Betroffenen insgeheim für Totalversager und damit das keiner merkt, spielen sie nach außen hin den von sich selbst überzeugten Supermacker. Nur leider scheint das, was wir insgeheim von uns denken, immer irgendwie nach draußen durch und macht sich in der Ausstrahlung bemerkbar. Vielleicht kann man das als Außenstehender nicht immer gleich erklären, warum der andere einem seltsam erscheint, doch man merkt, dass er unauthentisch ist und nicht im Einklang mit seinem Selbstbild handelt.

Das allein ist ja noch nicht schlimm. Wenn Derjenige nur ein wenig aufgesetzt wirkt, aber trotzdem bemüht ist, freundlich und höflich zu sein, kann man ihm ja einfach seinen Selbstschutz lassen. Doch was tun, wenn Derjenige es so dermaßen übertreibt, dass er wie ein eingebildeter Fatzke, arroganter Klugscheißer, unhöflicher Angeber oder bornierter Vollpfosten rüberkommt? Dann wird’s knifflig.

Zunächst sollte man sich dann fragen: Muss ich mit dem Idioten klar kommen oder kann ich ihm auch ohne großen Aufwand aus dem Weg gehen und ihn sein Leben leben lassen, während ich meinem Seelenfrieden fröne? Ist Letzteres der Fall, sollte man auch schlichtweg Letzteres tun. Es sei denn natürlich, man ist selber ein Idiot und macht gern einen auf Streithammel. Dann kann man sich freuen, einen Seelenverwandten gefunden zu haben.

Ist man jedoch wie ich pazifistischer und pragmatischer veranlagt, sollte man versuchen, eine Basis zu finden, auf der der Idiot nicht allzu sehr nervt. Als kurzfristige Lösung funktioniert die Strategie „lächeln, nicken, ‚Arschloch‘ denken“ immer ganz gut. Langfristig aber wird der Vollpfosten irgendwann die Strategie durchschauen und dann kommt man in Erklärungsnot. Unangenehm.

Es ist also schon wichtig, dass man dem Dummdödel Kontra gibt und so ehrlich wie möglich mit ihm redet. Ich bitte vielmals um Pardon, dass ich hier überwiegend die männliche Form gebrauche, aber leider sind die Idioten, die ich meine, häufig männlich. Liegt vermutlich daran, dass Männer ständig glauben, ihre Männlichkeit beweisen zu müssen, die auf völlig veralteten und überdies albernen Prämissen beruht. Das fragile Selbstbild des sich zur Männlichkeit verpflichteten Mannes bedarf eben eines besonders starken Selbstschutzes.

Ich warte immer ein wenig ab, wie weit ich in Richtung Ironie, Sarkasmus und ehrlicher Meinungsäußerung bei einem Idioten gehen kann beziehungsweise bis es mir wurscht ist, ob ich dem Vollpfosten auf den Schlips trete, weil er sich so bescheuert aufführt, dass er es nicht anders verdient hat. Und dann sage ich einfach direkt und furztrocken, was ich von ihm halte. Mit Menschen, die ich mag, bin ich immer etwas feinfühliger, vorsichtiger, behutsamer und netter – da sage ich meine Meinung nur, wenn man mich nach Selbiger fragt, formuliere sie freundlich, mit differenzierter Begründung und unter Berücksichtigung des jeweiligen Kontextes. Mitunter führt das dazu, dass man mich nicht versteht, aber geradeheraus und holterdipolter bin ich eben nur, wenn mir jemand so auf die Nerven geht, dass meine Geduld aufgebraucht ist und mir seine Gefühle wumpe sind.

Jedenfalls habe ich schon ein paar Mal festgestellt, dass man sich mit dieser direkten, spöttischen Art den Respekt von Idioten verdient. Und schon sind sie gar nicht mehr so idiotisch wie man anfangs dachte. Also, es lohnt sich durchaus, ab und zu etwas Verständnis auch für Vollpfosten aufzubringen, nicht beleidigt zu reagieren, wenn sie sich bescheuert benehmen und ihnen stattdessen mit schonungsloser Offenheit zu begegnen. Nur wie man mit völlig humorlosen oder aggressiven Idioten umgeht, konnte ich noch nicht herausfinden. Da ist Ehrlichkeit nämlich nicht immer unbedingt empfehlenswert.

Essai 116: Über Gute-Laune-Terrorismus und Zwangsbespaßungsmaßnahmen

16. März 2014

Karneval ist zwar für dieses Jahr glücklicherweise schon wieder abgefrühstückt, trotzdem frage ich mich jedes Mal aufs Neue, warum die Leute in den Karnevalshochburgen nicht einfach ihren Spaß haben und uns Faschingsmuffel aus norddeutschen Gefilden in Ruhe lassen können. Stattdessen laufen dann zwei Wochen lang auf den öffentlich-rechtlichen Sendern – die ich mit meinen Rundfunkgebühren, jawoll, mitfinanziere – diese fürchterlichen Karnevalssendungen und man kann sich diesem Gute-Laune-Terrorismus schlichtweg nicht entziehen. „Los Kinder, das macht Spaaaaaß“ krakeelt es dann hysterisch von allen Seiten und wenn man übellaunig brummt, man habe keine Lust auf derlei Zwangsbespaßungsmaßnahmen, gilt man gleich als das ultimative Böse.

Auf jeder Party gibt es dann auch immer diese Gute-Laune-Terroristen, die partout eine Polonäse vom Zaun brechen müssen und alle müssen mitmachen, weil das so viel Spaß macht und Ach so lustig ist. Ich mach dann natürlich auch mit, ich bin ja keine Spaßbremse, aber man glaube nicht, dass ich mich dabei nicht in Grund und Boden schäme und das Ende dieser Zwangsbespaßungsmaßnahme herbeisehne.

Im Prinzip bin ich durchaus ein sonniges Gemüt, optimistisch, fröhlich und mit Dauergrinsefresse ausgestattet. Aber wenn irgendwer mir vorschreiben will, was ich lustig und amüsant zu finden habe, finde ich das schon aus Protest doof. Zum Beispiel, wenn jemand auf einer Party eine Essensschlacht veranstaltet und plötzlich alle anfangen, sich Schokoküsse ins Gesicht zu klatschen und das ungemein komisch finden, dann denke ich nur: Die schönen Schokoküsse. Die isst doch jetzt keiner mehr. Und überhaupt gibt das garantiert Pickel, wenn man die klebrige Subsche nicht sofort abspült. Außerdem trage ich eine Brille und wenn die mit süßer Matsche vollgepampt ist, sehe ich nichts mehr und das nervt. Oder Kissenschlachten. Ich hasse Kissenschlachten. Habe ich schon immer gehasst. Hahaha, wie lustig, wir polieren uns jetzt mal mit Kissen die Fresse, Juhu. Das tut weh, verdammt!

Im Fernsehen gibt es ja nicht nur zu Karneval televisionären Gute-Laune-Terrorismus. Aber zum Glück kann man den dämlichen Gameshows üblicherweise gut aus dem Weg gehen. „Wetten dass..?“ ignoriere ich beispielsweise schon seit über zehn Jahren erfolgreich. Aber vor ein paar Monaten bekam ich dann doch mit, dass Tom Hanks gezwungen wurde, eine Katzenmütze aufzusetzen während Tausendsassa Markus Lanz Sackhüpfen um ihn herum vollführte. Mr. Hanks war not amused und ich glaube, in den USA haben wir damit die Klischees vom nichtvorhandenen Sinn für Humor in Deutschland nicht eben widerlegt. Das ist nämlich ein krasses Missverständnis, dass Sinn für Humor immer laut, schrill und plump zu sein habe. Nee, der kann auch mal heimlich, still und leise auf Samtpfötchen im Hintergrund umherschleichen.

Gute-Laune-Terroristen und Zwangsbespaßer sind jedoch diesem Irrtum aufgesessen, dass sie nur dann als lustig, humorvoll und infolgedessen als sympathisch herüberkommen, wenn sie möglichst laut, plump, schrill und unsensibel andere Leute zu ihrem vermeintlichen Glück zwingen. Dass manche Leute sich fantastisch amüsieren, wenn sie sich einfach in Ruhe, aber angeregt mit jemandem unterhalten, dass es für einige durchaus ein erfülltes Wochenende darstellen kann, wenn sie in Ruhe auf dem Sofa ihren Krimi weiterlesen können oder dass manche Leute das prima aushalten und es sogar genießen, nicht ständig von vielen lauten, penetranten, plumpen, unsensiblen Trampeltieren umgeben zu sein, kommt den Gute-Laune-Terroristen nicht in den Sinn.

Mir ist bewusst, dass sie ihre Zwangsbespaßungsmaßnahmen nicht böse meinen und ganz ehrlich und aufrichtig fest daran glauben, dass alle ihre Definition von Spaß und Unterhaltung teilen. Dass sie wirklich wollen, dass alle sich amüsieren und sich wohlfühlen und dass sie es wirklich nicht merken, wie sehr sie Anderstickenden damit auf den Wecker fallen. Aber ich würde mir manchmal doch etwas mehr Verständnis wünschen. Nur, weil ich es gern ruhiger angehen lasse, heißt das nicht, dass ich ein armes Würstchen bin, das ständig aus der Reserve gelockt werden muss. Ich komme da schon von alleine rausgekrochen, wenn man mich in Ruhe lässt und ich soweit bin. So. Das wollte ich einfach mal gesagt haben.

Essai 115: Über vermeintliche Überredungskünstler

9. März 2014

Gestern vormittag klingelte mein Handy und da ich frei hatte und das Ding zur Abwechslung nicht auf lautlos gestellt oder mit leerem Akku irgendwo in der Ecke lag, ging ich tatsächlich auch mal ran. Ein Fehler. Am anderen Ende der Leitung befand sich ein übereifriger, hochmotivierter Finanzfuzzi, der mich schon vor sieben oder acht Jahren dazu bewegen wollte, mein nicht vorhandenes Vermögen gewinnbringend zu investieren. Ich wusste schon damals nicht, woher der Typ meine Nummer und Kontaktdaten hat. Er behauptete, er hätte mich auf dem Unicampus mal angesprochen und da ich mich nicht dran erinnern konnte, dass dem nicht so ist, habe ich da nicht weiter insistiert. Wie dem auch sei, der Kerl hat also offenkundig sämtliche meiner Daten und geht mir seitdem gelegentlich am Telefon auf den Zeiger, weil er mir irgendwas ganz Tolles andrehen will, mit dem ich garantiert derbe reich werde. *prust* Entschuldigung, ich musste kurz lachen.

Glücklicherweise hat er mich die letzten drei oder vier Jahre in Ruhe gelassen und ich hatte diesen Quälgeist schon fast vergessen, da rief er gestern also an und quatschte mir wieder eine Frikadelle ans Ohr. Und wenn ich eine Sache wirklich nicht ausstehen kann, dann ist das, wenn ich in aller mir möglichen Deutlichkeit meine Ablehnung kommuniziere und mein Gegenüber das einfach nicht schnallt. Gut, zugegeben, ich neige dazu, selbst dann freundlich und höflich zu bleiben, wenn ich „Nö“ sagen will. Mir tut mein Gegenüber dann leid, weil ich denke, der hat’s ja auch nicht leicht. Der meint es ja nur gut oder der muss ja auch irgendwie seine Brötchen verdienen, ist vermutlich selbstständig und muss hier am Wochenende Leute belästigen und seinen dubiosen Finanzscheiß so verkaufen als wäre es pures Gold, das ist sicher nicht einfach. Und dann komme ich mir gemein vor, wenn ich einfach drauflos blaffe: „Nä. Kein Bock. Lassen Sie mich in Ruhe und rufen Sie nie wieder an!“ und auflege.

Leider ist das aber genau die Art, mit der man bei solchen vermeintlichen Überredungskünstlern, die sich für mega die Verkäufer halten, umgehen muss, wenn man seine Ruhe haben will. Aber ich bringe es nicht übers Herz. Was mich auf keinen Fall zu einem besseren Menschen macht, das nur so am Rande, denn mir ist durchaus bewusst, dass das wiederum eine äußerst nervige Eigenschaft von meiner Wenigkeit ist. Bei dem anderen kommt das nämlich so rüber, als würde ich dieses Bombenangebot nicht ablehnen, sondern zögern und mich zieren und quasi darum betteln, weiter überredet zu werden. Es wirkt wie eine Hinhaltetaktik, wie Kokettieren und als würde ich spielen wollen. Vermutlich ist das auch der Grund, warum ich immer wieder in solche Situationen gerate, in der irgendwer meint, mich zu meinem eigenen Wohl zu irgendwas überreden zu müssen und ich fang an mich zu rechtfertigen, zu argumentieren, zu begründen und mich zu verteidigen – kurz: zu versuchen, mich rauszureden und aus der Affäre zu ziehen. Was nie funktioniert, denn je mehr ich versuche, mich herauszuwinden, desto mehr fühlt sich der vermeintliche Überredungskünstler angespornt, mir mit noch mehr Tipps und Angeboten auf den Wecker zu fallen. Ein Teufelskreis. Seufz.

Im Gespräch mit dem Finanzfuzzi meinte ich gleich zu Beginn: „Ja. Wissen Sie was, an meiner Situation hat sich jetzt nicht so viel geändert. Ich hab alles, was ich brauche, aber auch nicht mehr. Ich hab kein Geld übrig, das ich anlegen könnte.“ Und mir ist ein Rätsel, wie man da die Ablehnung nicht kapieren kann. Aber offenbar war das schon wieder zu nett von mir, jedenfalls fing der Typ dann an, mir irgendwas vorzufaseln, von wegen, man könne sich doch trotzdem mal zu einem Gespräch (ganz unverbindlich! Gern auch auf nen Kaffee!) treffen und dann finde man schon eine Möglichkeit auch mit kleinen Beträgen und da könnte ja der Staat auch noch und Sie sparen dann Steuern und denken Sie doch mal an Ihre Rente! – Darauf ich: „Na, die ist ja wohl noch ne Weile hin, so alt bin ich nun auch wieder nicht. Ich würde mich dann einfach melden, wenn ich eine Beratung brauche.“ – Dann er: „Das passiert viel schneller als man denkt mit der Rente und wenn Sie jetzt nicht damit anfangen, dann ist das bald zu spät …“ – Da wurde ich dann langsam ungeduldig und infolgedessen leicht sarkastisch: „OK, also wenn ich in zwanzig Jahren oder so mal irgendwann das Bedürfnis verspüren sollte, mich beraten zu lassen, dann würde ich mich noch einmal bei Ihnen melden.“ Das ging dann noch ein paar Mal hin und her, bis er dann endlich etwas geknickt resignierte und wir das Gespräch beendeten.

Wie gesagt, mir tut das schrecklich leid, wenn Leute mir einen guten Rat geben wollen und ich will den guten Rat aber in diesem Moment nur zur Kenntnis nehmen und sonst nichts. Also sag ich dann sowas wie „Mhm.“ oder „Mjoa … mal gucken“ oder – wenn ich gerade richtig genervt bin – „Das ist für mich im Moment kein Thema“. Da sitzt der vermeintliche Überredungskünstler natürlich auf glühenden Kohlen und denkt, Aha, ich muss jetzt einfach noch mehr auf dem Thema herumreiten und noch weiter ins Detail gehen und noch mehr die Vorteile anpreisen und dann sieht sie ein, dass ich nur das Beste für sie im Sinn habe und ihr nur Gutes will. Was ja absolut ehrenwert und alles ist. Aber leider ein eklatantes Missverständnis. Gut, da muss ich mir wohl auch an die eigene Nase fassen, schließlich könnte ich mich auch wirklich klarer ausdrücken und sagen: „Ich nehme den Vorschlag zur Kenntnis und erkenne an, dass er wohlwollend gemeint ist, möchte aber jetzt gern das Thema wechseln.“ – Aber im Eifer des Gefechts kommt dann bei mir trotzdem nur ein „Mjoaaa“ herausgepurzelt und den darunter liegenden Subtext versteht kein Mensch.

Manchmal wäre es echt praktisch, wenn man auf Knopfdruck pampig und unwirsch sein könnte. „Nein! Sonst noch Fragen? War ne rhetorische Frage, ich leg jetzt auf!“ – das wäre vermutlich eine sehr erfolgversprechende Strategie, um sich lästige Verkäufer und Überredungskünstler vom Leib zu halten. Vielleicht sollte ich das auf meine Mailbox sprechen: „Nach dem Piepton Fresse halten“ oder so. Bloß dann vergraule ich ja auch die Leute, mit denen ich gern ein Schwätzchen halte. Vielleicht kann ich aber nervige Verkäufer in Zukunft als Testpersonen nutzen und das vermeintlich unfreundliche „Nein! Kein Interesse! Tschüss!“ üben und dann wirklich einfach auflegen, damit sie gar nicht erst die Möglichkeit haben, mich mit ihren Überredungskünsten in die Ecke zu drängen. Mal gucken, wann der Finanzfuzzi das nächste Mal anruft.


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