Archive for März 2010

Essai 60: Über das Prinzip

11. März 2010

Ich fühle mich unverstanden.

Tja, so ganz immun gegen Selbstmitleid bin ich dann doch nicht. Mist.

Heute geht es mir ums Prinzip. Und zwar um das Prinzip, dass es manchmal eben tatsächlich ums Prinzip geht. Wenn ich das sage, halten mich immer alle bestenfalls für bescheuert und schlimmstenfalls für spitzfindig, pingelig UND bescheuert. Deswegen fühle ich mich ja auch unverstanden.

Vor allen Dingen, sobald ich gesagt habe: „Aber es geht ums Prinzip“ und nach einem „Haha! Ja, klar!“ noch ein verzweifeltes „Aber, es geht mir WIRKLICH ums Prinzip“ hinterhergeschoben habe, halten mich schon alle für dämlich und hören mir gar nicht mehr zu, WAS dieses Prinzip in dem Falle dann überhaupt ist.

So wirklich verübeln kann ich das den meisten Leuten auch nicht, schließlich reagiere ich spontan oft genauso, wenn mir jemand sagt, es gehe aber doch ums Prinzip. Vor allem, wenn es Leute sind, die sowieso schon häufiger durch exzessives Haarespalten und lustvolles Spitzfinden aufgefallen sind. Aber bin ich denn auch so schlimm?

Nä.

Wenn es bei mir prinzipiell ums Prinzip geht, ist das nämlich im Prinzip immer absolut logisch und nachvollziehbar. Meiner Meinung nach. Mit Spitzfindigkeit oder Pingeligkeit hat das gar nichts zu tun. Finde ich.

Das Problem ist, dass jeder, dem es ums Prinzip geht, es genauso sieht. Sprich: Geht es mir ums Prinzip, ist das logisch und nachvollziehbar, wenn es dem anderen ums Prinzip geht, spinnt der. Es ist deprimierend.

Na ja, wahrscheinlich muss man sich da als überzeugter Prinzipienreiter an die eigene Nase fassen und etwas toleranter mit Prinzipienreiter-Artgenossen umgehen. Man kann sich ja zumindest erstmal anhören, worin das Prinzip besteht, um das es geht. Danach hat man dann zwei Möglichkeiten, entweder man findet es einleuchtend und akzeptiert das oder man kann den anderen völlig unbedenklich für bescheuert erklären. Immerhin hat man’s ja versucht. Und vielleicht, wenn man den anderen mit etwas mehr Verständnis begegnet, begegnen sie einem auch mit mehr Verständnis…

Haha! Ja, klar!

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Essai 59: Über kontextignorierendes Betrachten

4. März 2010

Und noch eine menschliche Eigenart, die mich regelmäßig auf die Palme bringt: Kontextignorierendes Betrachten. Es entspringt zumeist einem ziemlich kindischen und unreflektierten „Gerechtigkeits“empfinden.

Das kann zum Beispiel sein, dass man laut herumposaunt, es könne nicht angehen, dass jemand der arbeitet weniger bekommt, als jemand der nicht arbeitet (wogegen zweifelsohne kaum jemand etwas einwenden wird) und daraus den völlig absurden Schluss zieht, das Arbeitslosengeld zu kürzen. Und bei der Gelegenheit auch gleich mal alle Arbeitslosen mit einigen Faulpelzen darunter über einen Kamm zu scheren. Auf so eine beknackte Schlussfolgerung kann man nur kommen, wenn man die Angelegenheit bar jeden Kontextbezugs betrachtet. Wenn man nur völlig borniert draufguckt, mit seinem kategorisierenden Schwarz-Weiß-Denken und dann sieht: „Aha. Die kriegen wenig Geld, obwohl sie arbeiten und die anderen da kriegen mehr Geld, obwohl sie nicht arbeiten. Daraus folgt: Leistung lohnt sich nicht.“

Erstens betrachtet man nicht den Umstand, dass es vielleicht unmöglich ist, dass überhaupt so niedrige Löhne gezahlt werden können, dass es am Ende des Monats noch weniger ist, als jemand, der Hartz IV bekommt. Das wäre nämlich meine erste Schlussfolgerung, dass so niedrige Löhne nicht möglich sein dürfen, das heißt, ein gesetzlicher Mindestlohn muss her. Zweitens fragt man sich dabei auch überhaupt nicht, warum die Leute keine Arbeit haben. Ich denke, die Leute, die wirklich nicht arbeiten WOLLEN, sind aber sowas von in der Minderheit. Und von denen ist der Teil derer, die WIRKLICH nicht arbeiten wollen für ihr Geld und nicht bloß so tun, weil sie sich längst aufgegeben haben und glauben, sie kriegen eh nirgendwo mehr Arbeit, dann noch mal um einiges geringer.

Übrigens ist Neid häufig eine Folge kontextignorierenden Betrachtens. Das sieht man zum Beispiel an Geschwisterpaaren. Völlig kindisch und albern, aber weit verbreitet, sind dann Streitereien wie: „Oh Ma-haann, wieso bekommt XY einen eigenen Computer und ich muss die olle Krücke von Papa mitbenutzen!? Das ist voll unfair!“ Der Umstand, dass XY studiert und den eigenen Computer zum Arbeiten braucht, wird dabei komplett ignoriert. Sind die Geschwister älter, geht es meistens um Geld. Ja, ich wette, die meisten Erbstreitigkeiten lassen sich auf Neid infolge kontextignorierenden Betrachtens zurückführen: „Oh Ma-haann, wieso bekommt XY mehr Geld als ich, das ist voll unfair!“ Der Umstand, dass XY vielleicht eine eigene Familie ernähren muss, selbständig ist und nicht viel Geld verdient und sich außerdem hingebungsvoll um die Eltern gekümmert hat bis zu ihrem Tod, man selbst aber nicht, wird dabei auch völlig ignoriert.

Wäre diese Eigenart nicht so unglaublich anstrengend und nervenraubend, müsste man mit den armen Tropfen eigentlich Mitleid haben. Sie werden niemals zufrieden sein. Wenn man den Kontext laufend ignoriert, ist man unfähig, Verständnis und Empathie für andere aufzubringen. Dafür müsste man sich nämlich in sie hineinversetzen, dafür wiederum von seinem heiligen Standpunkt abrücken und – um Himmels Willen, bloß das nicht – seine Meinung gegebenenfalls ändern. Und Toleranz ist ja auch eh nur was für Weicheier. Das heißt,  da man nie das Verhalten anderer nachvollziehen können wird, werden die sich immer – aus Sicht des kontextignorierenden Betrachters – nicht nachvollziehbar, sprich „falsch“, benehmen. Dadurch wird er sich ständig angegriffen fühlen. Und infolgedessen sich nicht nur durch ständiges Beleidigtsein, Dauernörgeln und Herumzicken bei seinen Mitmenschen unbeliebt machen, sondern selbst wenn er beliebt ist, sich trotzdem ungeliebt fühlen. Es sind ja alle gegen ihn.

Aber wie soll man mit solchen Menschen am besten umgehen? Versuchen, sie zu mehr Toleranz, Empathie und zum Nachdenken zu bewegen ist ein Kampf gegen Windmühlen. Schließlich sind das ja alles Schlappschwanz-Eigenschaften und was ein richtiger Kerl ist, der beharrt auf seinem Irrtum bis zum bitteren Ende. Seufz.

Man muss diese Eigenart wohl oder übel akzeptieren und selbst umso mehr Toleranz und Empathie walten lassen.  Oh Ma-haaann!!!


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