Archive for Juli 2008

Essai 36: Über Diskussionen

25. Juli 2008

Diskussionen können eine große Bereicherung für den Intellekt sein, indem sie uns helfen unseren Horizont zu erweitern, sie können auch eine große Bereicherung in zwischenmenschlichen Beziehungen sein, weil man lernt, den anderen zuzuhören, sich eine Meinung zu bilden und diese sachlich zu äußern und mit Argumenten zu untermauern.

Können – müssen sie aber nicht. Denn der positive Aspekt von Diskussionen setzt voraus, dass alle Beteiligten vernünftig denkende Leute sind und dass man auf der Inhaltsebene bleibt anstatt persönlich zu werden.

Die Welt ist aber nun mal eben ein großer Kindergarten und so diskutiert man lieber die blödsinnigsten Dinge aus, als dass man sich wirklich austauscht. Was ich ganz besonders schön finde, ist, wenn man anfängt über Gefühle zu diskutieren. Das ist natürlich großer Mist, weil man über Gefühle gar nicht sachlich sprechen kann, aber dennoch ist es in Paarbeziehungen beispielsweise immer wieder ein beliebtes Spielchen, um dem anderen zu zeigen, wo der Hammer hängt und wer die Hosen anhat und so.

Ich hab das noch nie erlebt, dass der Satz „Schatz, lass uns über unsere Beziehung reden“ zu irgendwas Tollem geführt hätte. Natürlich sollte man sagen, wenn einen etwas stört, aber dann sagt man es und gut ist. Da braucht man nicht groß zu diskutieren. Und was kommt denn nach der Diskussion? Entweder sie artet zum Streit aus oder man geht friedlich auseinander. Selbst wenn man friedlich aus der Diskussion herauskommt, ist denn das Problem damit gelöst?

Nö.

Denn schließlich müsste man dafür handeln, was man aber nicht tut, wenn man statt dessen mit Reden beschäftigt ist. Bei mir persönlich bleibt nach solchen Gesprächen immer ein fahler Nachgeschmack. Klar, man hat sich ausgetauscht und das ist schön, aber es hat etwas Künstliches an sich. Und wenn man dann nach ein paar Wochen merkt, dass nichts von dem, was man gesagt hat, bei dem anderen hängengeblieben zu sein scheint und man selber auch merkt, dass man zwar intellektuell verstanden hat, was der andere wollte, es aber einfach nicht auf die Reihe kriegt, dann ist das mehr als frustrierend.

Deswegen bin ich in Beziehungen eher für das Handeln, als für das „Drüber reden“. Kurz ansprechen, wenn es nicht klappt nochmal ansprechen und jedesmal in der Situation, die einen stört, dann hat das vielleicht irgendwann Erfolg. Aber Diskussionen bringen nichts.

Was ich auch unerträglich finde, sind Leute, die aus allem eine Diskussion machen müssen. Man könnte meinen, dass sei sowas wie eine Sucht bei denen. Da kann man dann nicht mal eben was sagen und der andere nimmt es zur Kenntnis und versucht es in die Tat umzusetzen. Nein, da muss dann auf alles mit „Ja, aber…“ geantwortet werden. „Machst du morgen den Abwasch und ich dann heute?“ „Ich würde ja gerne den Abwasch morgen machen, aber du hast noch nicht den Rasen gemäht.“ „Hä? Was hat denn der Rasen damit zu tun?“ „Ja, ich seh das einfach nicht ein, dass ich immer Rasen mähen muss. Du kannst ja auch mal.“ und so weiter. Das macht mich wahn-sin-nig. Das Ganze dann auch noch garniert mit Totschlagargumenten (Wieso ich, warum nicht du?) und Themensprüngen (Ich wäre ja zum einkaufen gefahren, aber deine Füße stinken), so dass man schon voll drin ist in einer idiotischen, richtungslosen Diskussion, aus der man nicht mehr herauskommt, außer indem man aus dem Zimmer rennt, die Tür zuknallt und sich wie ein Vollidiot aufführt.

Es ist nunmal eben einfach so: Mit manchen Leuten kann man nicht reden.

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Essai 35: Über Identität und Krisen derselben

13. Juli 2008

Im Grunde ist das mit der Identität eine einfache und eindeutige Angelegenheit. Identität ist das, was auf dem Pass oder Ausweis draufsteht. Heißt ja nicht umsonst „carte d’identité“ auf Französisch. Nicht weiter kompliziert.

Oder etwa doch?

Schließlich ist das ja keine spannende Antwort, mit der man ganze Romane füllen oder große Dramen auf die Bühne bringen kann. Also zaubert man sich eine kleine Identitätskrise zurecht. Wie soll denn das gehen, mag sich der geneigte Leser fragen, wo doch das mit der Identität so einfach ist?

Also aufgemerkt, hier kommt das Patentrezept für zünftige Identitätskrisen: Man nehme eine Tonne Ich-Bezogenheit und tue diese in ein psychisch labiles Gefäß. Dann gebe man noch zwei Esslöffel gemischte Komplexe dazu, vorzugsweise Minderwertigkeitskomplexe, damit unsere Krise schön saftig wird. Das Ganze ziehen lassen und währenddessen selbstzerstörerische Ambitionen, Überdramatisierung und Ignoranz zu einer cremigen Soße vermengen und diese vorsichtig unter den Teig heben. Schließlich die Mischung mit Selbstmitleid und Opferhaltung abschmecken und mit dem die-anderen-sind-an-allem-Schuld-Quirl vermixen. In eine keiner-hat-mich-lieb-Form geben und den Ofen auf die höchste Hineinsteigerungs-Stufe stellen. Nachdem die Mischung lange genug vor sich hin geköchelt, vielmehr gebacken, hat – etwa nach zwei bis drei Wochen – haben wir eine schöne Identitätskrise, die wir unseren Mitmenschen auftischen können, damit alle merken, wie interessant wir sind.

Essai 34: Über (mangelndes) Einfühlungsvermögen

9. Juli 2008

Mag sein, dass ich ein Sensibelchen bin.

Aber ist es wirklich zuviel verlangt, von seinen Mitmenschen ein kleines bisschen Mitdenken zu fordern? Nur ein kleines bisschen? Ich meine, wozu hat man denn ein Hirn? Man kann sich doch denken, dass man morgens, wenn man müde ist, vielleicht sogar noch schläft, nicht von lauten, plärrenden Rufen – von einer erwachsenen Person wohlgemerkt – aus seinem Gedöse herausgerissen werden will. Man kann doch auch vorsichtig an die Schlafzimmertür klopfen, ja, ist das denn so schwer?

Oder wenn man gerade konzentriert in seinem Zimmer arbeitet, zum Beispiel für die Uni lernt, dann will man nichts davon wissen, dass Brigitte Nielsen ihr abgesaugtes Fett versteigert. Überhaupt will man nichts von dieser armen Frau wissen, die sich für nichts zu schade ist, um nicht in Vergessenheit zu geraten. Tragisch. Passt zum Essai über Imponiergehabe. Und sowas nennt sich dann ganz schamlos „Schönheitschirugie“. Am Arsch. Ja, da wohl auch.

Aber genug von Brigitte Nielsen, zurück zum Einfühlungsvermögen:

Meine Theorie ist, dass das manche Leute einfach nicht haben. Anders kann ich mir nicht erklären, warum Freundschaften über die Handy-Mailbox gekündigt werden oder warum meine Schwester immer den Käse entführt, den ich auch gerne esse. Das Schlimmste ist, dass man diesen Empathie-Zombies hilflos ausgeliefert ist. Man kann nichts gegen sie tun, weil ihnen alles egal ist, was nicht sie direkt betrifft und weil sie einem nicht zuhören, ganz gleich wie gewaltfrei man mit ihnen zu kommunizieren sucht. Sie sind einfach nicht bereit, gewillt, fähig, sich in die Lage eines anderen hineinzuversetzen und mal zu überlegen, ob es nicht auch andere Sichtweisen gibt als die eigene.

Immer nur: ICH, ICH, ICH – und die Großbuchstaben sind Absicht.

Ich hab da auch keine Idee, wie man sich da am Besten verhält. Vielleicht muss man das einfach akzeptieren und damit leben und versuchen, sich nicht aufzuregen, wenn man auf die Frage, wo denn die persönliche Lieblings-Kaffeetasse schon wieder abgeblieben sei nur ein pampiges „Ja, dafür hast du mich neulich (vor drei Wochen – Anmerkung der Autorin) im Badezimmer eingesperrt (Die Tür ging nicht sofort auf)“ geschnauzt bekommt. Aber das ist wieder eine ganz andere Geschichte.

Essai 33: Über Imponiergehabe

6. Juli 2008

Ursprünglich wollte ich ja über männliches Imponiergehabe schreiben. Aber da ich keine Lust habe, mir Vorwürfe von wegen mangelnder politischer Korrektheit und Sexismus und männerdiskriminierenden Anwandlungen anzuhören, habe ich das jetzt doch gender-unspezifisch formuliert. Außerdem machen wir Frauen ja auch allerhand Schwachsinn, nur um andere zu beeindrucken.

Was mir zu dem Thema jedenfalls als erstes einfällt, das sind die Haarschnitte, die bei jungen Halbstarken derzeit „in“ sind. Ein unidentifizierbares Gewuschel, das aussieht als wäre etwas auf der Straße überfahren worden, eine Katze vielleicht, oder auch ein Waschbär, und wäre dann wie von Zauberhand – Simsalabim – auf dem zuvor kahl geschorenen Schädel gelandet. Etwas, das wohl mal ein Irokesenschnitt werden soll, wenn es groß ist. Objektiv betrachtet, sieht jeder damit irgendwie bescheuert aus. Warum tragen also so viele junge Männer diesen Haarunfall? Ich kann es mir nur durch das Imponiergehabe erklären. Der Schnitt gemahnt entfernt an einen Hahnenkamm und wahrscheinlich wollen diese, gerade den Kinderschuhen entwachsenden, Jungspunde zeigen, wer hier der Hahn im Korb ist. Der Kamm wird dann finster blickend spazieren getragen, meist im Rudel, so dass man total beeindruckt ist und weiß – Aha – mit denen ist nicht gut Körner picken. Zu unseren jungen Kapaunen gesellen sich auch gerne solche, die auf eine, jeglichen physikalischen Gesetzen trotzenden, Art und Weise ihre Baseball-Kappen auf dem Kopf balancieren. Sie sehen aus, als müssten sie jeden Moment herunterfallen, aber sie tun es nicht – also die Baseball-Kappen. Ein Rätsel. Obzwar diese Schwebekappen ihrem Träger ein absonderliches Aussehen verleihen, kann man doch nicht umhin, zu bemerken, dass man den Blick schwerlich von den Kopfbedeckungen abwenden kann. Die Faszination des Grauens, nehme ich an.

Im Freibad lassen sich auch immer viele unterhaltsame Szenen beobachten, die dazu dienen, insbesondere das andere Geschlecht zu beeindrucken. Männliche Teenager springen irgendwelche Rückwärtssaltos vom Beckenrand (und springen dabei Leuten, die ins Schwimmbad gehen um zu schwimmen gerne auf den Kopf) und weibliche Teenager kreischen sich die Seele aus dem Leib, wenn sie von ihren männlichen Altersgenossen mit feinsinnig-hintergründigem Sinn für Humor zum wasweißichwievielten Male ins kalte Becken geschubst werden. Vermutlich ein Trick von den Mädchen, um den Beschützerinstinkt in den Schubsern zu wecken. Was die Schubser angeht, versuchen sie wahrscheinlich einfach auf plump-liebenswerte Art und Weise, ihre Zuneigung kund zu tun.

Eine Sache, die mir niemals einleuchten wird, ist die Legende von der Wichtigkeit der Penisgröße. Hui, toll, was Sexuelles! Wenn die Männer wüssten, wie völlig schnurzpiepegal die Größe ist, würden sie sich eine Menge Stress ersparen, dessen bin ich überzeugt. Ich habe von Push-up-Slips gehört. Was es nicht so alles gibt. Es soll ja auch welche geben, die sich ausstopfen. Warum? Die Wahrheit kommt ja doch irgendwann ans Licht und außerdem gucken Frauen auch mal woanders hin, als immer nur auf den Schritt. Ja, ist so.

Aber auch Frauen nehmen schier unerträgliche Qualen auf sich, um die Männerwelt von ihrer Existenz in Kenntnis zu setzen. High-Heels, Pfennigabsätze, Riemchensandaletten. Machen die Füße kaputt, tun höllisch weh und laufen kann man darin schon mal gar nicht, was den eigentlichen Sinn und Zweck von Schuhen sabotiert. Aber sie sehen gut aus und die Männer finden es super. Generell ist es sehr tragisch zu beobachten, was sich Frauen alles antun, weil sie glauben, sie könnten die Männer damit beeindrucken. Augenbrauenzupfen, abenteuerliche Kaltwachs-Geschichten – die ich hier nicht weiter ausführen will – bis hin zu sogenannten Schönheitsoperationen. Manchmal frage ich mich auch, ob sie wirklich nur die Männer beeindrucken wollen, oder ob nicht auch so ein kleiner Schneewittchen-Stiefmutter-Spiegel-Komplex eine Rolle spielt. Wer ist die Schönste im ganzen Land? Tjahaaa…

Das ist wohl Teil der menschlichen Natur, dass wir immer besser als „die anderen“ sein wollen. Hat ja auch positive Seiten, wenn es als Antrieb dient. Aber muss es denn immer gleich so lächerliche bis schmerzhafte Auswüchse annehmen?

Essai 32: Vor- und Nachteile von Gewohnheit

5. Juli 2008

Wie so ziemlich alles im Leben hat auch die Gewohnheit ihre Schokoladen- und ihre Gammelkäseseiten.

Eine der Haupteigenschaften von Gewohnheit ist nämlich, dass sie Gefühle mit der Zeit abschwächt. Das betrifft sowohl positive Gefühle – das ist dann der Gammelkäse – als auch negative Gefühle – Schokolade.

Mit anderen Worten, wenn man sich an Liebe gewöhnt, verblasst sie allmählich und verkommt zu Gleichgültigkeit, was extrem deprimierend ist. Das Gute ist, dass das umgekehrt auch mit Hass funktioniert. Wenn man sich daran gewöhnt, wird es auch zu Gleichgültigkeit, nur dass es in diesem Falle auch Erleichterung bedeutet. Es ist nämlich furchtbar anstrengend jemanden zu hassen, so von wegen dass es einen innerlich auffrisst und solche Geschichten. Wenn man das betreffende Objekt ansieht und sich denkt: „Pfft, soll der doch glücklich werden, ist mir doch egal“, kann man aufatmen und sich wieder mit anderen Dingen beschäftigen. Toll. Hingegen, wenn man bei der goldenen Hochzeit seinen Göttergatten betrachtet und denkt „Wieso sind wir noch gleich solange zusammen? Och, ist ja auch egal.“ dann kann man eigentlich auch gleich die ganze Beziehung vergessen.

Also sollte man versuchen, positive Gefühle in metaphorische Frischhaltefolie zu packen oder regelmäßig mit metaphorischem Wasser zu gießen, damit sie immer wieder neu aufblühen können, während man negative Gefühle am besten akzeptiert und sich an sie gewöhnt, dann langweilen sie sich irgendwann und verschwinden.

Soviel jedenfalls zur Theorie.

Jedenfalls ist sicher, dass Gewohnheiten einem Sicherheit geben können. Umgekehrt heißt das auch, dass wer viele Gewohnheiten, sprich Macken, hat, viel Sicherheit benötigt. Das kann mitunter auf die Umwelt einen schrullig-kauzigen Eindruck machen, muss aber selbstverständlich nicht. Der Nachteil dieser gewohnten Sicherheit ist, dass man mit der Zeit an Flexibilität abnimmt, alles was man nicht kennt doof findet, nur noch am Meckern ist und zum unausstehlichen Sturkopf mutiert, was wiederum eine Erklärung dafür wäre, warum so viele alte Menschen ein wenig – nun ja – schwierig sind. Wobei das „alt“ hierbei einen Geisteszustand meint, keinen biologischen Tatsachenbestand.

An dieser Stelle möchte ich mit einem wie gewohnt klugen Schlusssatz enden.


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