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Essai 139: Über Paranoia im Internet

14. März 2015

Bis vor kurzem wusste ich nicht, dass es sowas wie Impfgegner überhaupt gibt. Es verblüfft mich immer wieder, zu was für Dummheiten der menschliche Geist fähig ist. Gegen jede Vernunft, wissenschaftlich eindeutig belegte Studien und gegen jede Logik wird da der allergrößte Unfug verzapft und mit vehementer Beratungsresistenz verteidigt. Tummelplatz dieser bornierten Idioten ist das Internet, durch das sie nicht nur ihre Paranoia füttern, sondern Gleichgesinnte finden und sich dann nicht mehr so allein fühlen.

So ein Impfgegner zum Beispiel, der traut Ärzten und Studien nicht, denn die sind ja alle Marionetten der Pharmaindustrie, das ist allgemein bekannt, da muss man nur mal gucken, was in den Medien steht und da die Lügenpresse immer das Gegenteil von dem schreibt, was die Wahrheit ist, weiß man gleich Bescheid. Wenn in der Zeitung steht „ungeimpftes Kind an Masern gestorben“, dann ist nicht die fehlende Impfung Schuld, sondern … irgendwas anderes. Das belegen zuverlässige Quellen aus der Esoterik- oder Konspirationstheorienbranche, die die Wahrheit eindeutig ausgependelt und mit der Wünschelrute orakelt oder sich spontan ausgedacht haben. Und überhaupt, dieser eine Junge aus den USA, dessen Eltern ihn zuhause unterrichten, nicht impfen lassen und nur nach den Wahrheiten aus der Bibel erziehen (Evolution ist doch gendermaingestreamte Lügenpropaganda linksgrüner Gutmenschen), der war schwer krank, aber dann hat eine weise alte Frau aus der Nachbarschaft ihre Hand aufgelegt und er war hinterher vollständig geheilt. Wirklich wahr! Das habe ich neulich irgendwo gelesen.

Natürlich darf jeder in einer Demokratie und im Internet eine Meinung haben und diese auch vertreten. Nur: Wenn diese Meinung völliger Quatsch ist, dann muss man auch ab können, dass man das von weniger dummen Leuten gesagt bekommt. Selbstverständlich darf man trotzdem auf seine Meinung beharren und alle logischen Argumente mit „Gar nicht wahr“ (und diversen Variationen dieser Aussage) abschmettern. Sich hinterher zu beschweren, wenn einem die eigenen idiotischen Ansichten um die Ohren fliegen, halte ich jedoch für inkonsequent.

Ich habe den Eindruck, die meisten Internet-Trolle, die jede passende und unpassende Gelegenheit nutzen, um mit ihren bescheuerten Wahrheitskonzeptionen hausieren zu gehen, sind solche Paranoiker, die zwar nicht sehr schlau, aber immerhin pfiffig genug sind, im Internet zu recherchieren und in sozialen Netzwerken und Foren ihren Blödsinn zu verbreiten.

Übrigens, ich habe gehört – das ist aber total geheim, die Regierung will nicht, dass das verbreitet wird -, dass die Pharmalobby einen neuen Coup plant. Die haben nämlich vor genau 50 Jahren Nessie aus dem Loch Ness entführt und tiefgefroren und nun ist in der Elbe ein außerirdisches Wesen aufgetaucht, das genauso aussieht, nur in klein. Das haben sie gefangen genommen und führen daran Tests mit Wachstumshormonen durch und wenn das Viech aus der Elbe (genannt Elbie) groß genug ist, tauen sie Nessie wieder auf und prüfen, ob die DNA sich ähnelt. Und wenn dem so ist, würde das beweisen, dass Nessie eigentlich ein Alien ist, das mit wachstumsfördernden Medikamenten gefüttert wurde. Deswegen darf das auch keiner wissen, denn das würde die Pharmalobby in schlechtem Licht da stehen lassen, ganz klar. Der Beweis dafür ist, dass bisher noch keine Zeitung darüber berichtet hat.

Essai 127: Über Internet-Trolle

29. Juni 2014

Idioten in der Offline-Welt sind ja schon schlimm genug. Doch wenn diese Schwachmaten immerhin schlau genug sind, sich ins Internet zu begeben, entsteht eine explosive Mischung. Denn im Internet sind die Menschen durch ein gewisses Maß an Anonymität geschützt – zumindest empfindet man das persönlich so, wahrscheinlich ist das in Zeiten von NSA und Co. eine Illusion – und trauen sich daher, auch den bescheuertsten geistigen Dünnpfiff kund zu tun. Ja, mir scheint sogar, dass es für manche dieser Internet-Trolle eine Vollzeitbeschäftigung ist, durchs Netz zu surfen und überall ihre verqueren Ansichten zu hinterlassen und Unruhe zu stiften.

Zugegeben: Auch ich erliege gelegentlich der Versuchung, herumzutrollen. Wenn beispielsweise auf Facebook wieder irgendwer einen vor nostalgischer Vergangenheitsverklärung, Kitsch oder Klischees triefenden Aphorismus postet, kann ich einfach nicht an mich halten und muss den mit Sarkasmus oder Altklugheit demontieren. Dann mache ich mir einen Jux daraus, Rechtschreib- und Grammatikfehler zu monieren oder hinterfrage die Logik dieser Aussage. Es bereitet mir ein diebisches Vergnügen, diese Sprüche à la „Früher war alles besser“, „Diese Jugend heutzutage“ oder „Liebe ist blabla *irgendein-Schwachsinn* blabla“ auseinander zu nehmen.

Oder, was ich zuweilen auch ziemlich lustig finde, zumindest, bis irgendein noch größerer Troll als moi rassistisch wird, ist, den politischen, spießig-verstockt-verstaubten Ansichten der Christdemokraten, Christsozialen, Neoliberalen und AfDlern fröhlich zu widersprechen. Aber meistens dauert das nicht lange und diese Unsympathen beweisen, dass sie in Sachen Herumgetrolle weitaus versierter sind als meine Wenigkeit und dann macht’s nicht mehr so wirklich Spaß. Dann verabschiede ich mich mit einem „Ich diskutiere nicht mit Idioten. Sie ziehen dich herunter auf ihr Niveau und schlagen dich mit Erfahrung“ und schmolle ein wenig vor mich hin. Und dann merke ich mir das für einen Essai vor.

Jedenfalls bin ich manchmal fassungslos, was Internet-Trolle so alles von sich geben. Manchmal ist es zwar unfassbar dämlich, aber immerhin harmlos. Zum Beispiel, wenn sich jemand die Mühe gegeben und die Zeit genommen hat, einen Artikel zu lesen und dann kommentiert (und dafür auch noch Zeit und Mühe aufwendet): „Ja, ja. Und in China fällt ein Sack Reis um“ oder „Dieser Artikel ist sowas von überflüssig, reine Zeitverschwendung“ oder „Scheißjournalisten, haben keine Ahnung, müssen mal besser recherchieren. Was für’n Schwachsinn lol“ und andere schon zu Klassikern der Trollkommentare gewordene Perlen. Etwas beunruhigender finde ich dann die ebenfalls sehr beliebten, aber unterschwelligen Nationalismus und Rechtsradikalismus offenbarenden Kommentare, die sich aus Textbausteinen wie „armes Deutschland“, „linksgrüner Sozialismus“, „Sozialschmarotzer“ und so weiter zusammensetzen. Der Postillon hatte das mal sehr hübsch zusammengefasst.

Internet-Trolle rechtfertigen sich gern mit Sprüchen wie „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“, „freie Meinungsäußerung blablubb“, verstecken sich hinter ihren heiligen Ansichten und stellen sich als Opfer hin. Gerade die aus dem rechten Spektrum sind darin echte Virtuosen. Das ist zugleich feige und unglaublich borniert. Die bilden sich nämlich allen Ernstes ein, sie wären mit ihrer ach so tollen Meinung allein und wären die Ersten, die auf die Idee gekommen sind, sich vor „Überfremdung“ der „Herkunftsdeutschen“ durch gemeine „Zukunftsdeutsche“ und sonstigem Quatsch zu fürchten und gegen „linkssoziale Propaganda“ zu wettern oder alle, die nicht ihrer Meinung sind als „Antifa-Terroristen“ zu betrachten. Dabei sind sie selbst rechtspopulistischer Propaganda aufgesessen, ihre Meinung ist aus den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts aufgewärmt und wiedergekäut und insofern alles andere als eigenständig und originell, sowieso ist das ja heutzutage wieder in Mode, Nationalstolz mit Rechtsradikalität und Fremdenhass zu verwechseln. Ich zum Beispiel lebe gern in Deutschland, finde es ein im Großen und Ganzen recht sympathisches Fleckchen Erde und hab trotzdem keine Angst vor anderen kulturellen Einflüssen. Warum auch? Ich selbst bin das Ergebnis unterschiedlicher kultureller Einflüsse und finde es prima.

Kein noch so abwegiger Anlass ist den Internet-Trollen überdies zu schade, um ihre verschwurbelten Ansichten unters Volk zu bringen. So schreibe ich in den Kommentaren bei kino.de immer Kritiken zu den Filmen, die ich gesehen habe. Und das genügt den Internet-Trollen tatsächlich, um rassistisches oder sexistisches Gedankengut herauszupoltern. So geschehen bei Fack ju Göhte (Rassismus) und Transcendence (Sexismus). (Bei Letzterem ist rätselhafterweise der entsprechende Kommentar auf der Seite von kino.de nicht zu sehen, sondern nur auf meiner Facebook-Seite. Der Internet-Troll hatte geschrieben: „Gesellschaftskritisch? Frauen und Technik fällt mir dazu ein. Ein Wunder, dass Du nichts über die Frisuren zu heulen hattest.“)

Dass es auch anders geht, zeigt beispielsweise eine Diskussion, die ich auf meinem Kultur- und Theaterblog Hamburgische Dramaturgie 2.0 mal mit einem Scientologen und einem ehemaligen Scientologen hatte. Ich hatte in einem Artikel die Methoden Lee Strasbergs mit denen Scientologys verglichen, woraufhin ein Scientologe einen vermutlich vorformulierten PR-Text als Kommentar schrieb. Ich hinterfragte den Kommentar ein wenig kritisch, aber offen und freundlich, woraufhin sich ein spannender, interessanter Austausch von Lebensansichten entwickelte. Zumindest, bis sich der Scientologe und der Ex-Scientologe in die Wolle kriegten und Ersterer sich diskriminiert fühlte und aus der Diskussion zurückzog.

Es ist doch spannend und interessant, wenn man unterschiedlicher Ansichten ist. Selbst, wenn ich eine Meinung völlig abwegig und bescheuert finde, muss ich ja nicht gleich aggressiv und ausfallend werden. Selbst, wenn mich mal die Troll-Lust packt, versuche ich, mich auf Sachliches und Inhaltliches zu beziehen und nicht die Privatmenschen persönlich zu beleidigen. Aus sach- und inhaltsbezogener Kritik und Polemik kann sich eine Diskussion entwickeln, aus niveauloser, persönlicher Beleidigung hingegen entsteht nur Streit, der einen in der Erweiterung des eigenen Horizonts nicht weiter bringt. Und das ist eine verpasste Chance. Aber ich vermute, dass leidenschaftliche Internet-Trolle das anders sehen und ihren Horizont gar nicht erweitern wollen. Am Ende müssten sie dann ja noch einsehen, dass ihre Meinung gar nicht so unabhängig, selbstständig, frei und originell ist wie sie sich einbilden. Und dann wüssten sie vermutlich nichts mit sich anzufangen, weil sie ihre eigene Persönlichkeit über diese Meinungen definiert haben. Nimmt man ihnen die Grundlage für diese Meinungen, zieht man ihnen ihr Identitätskonstrukt als Boden für ihre Persönlichkeit unter den Füßen weg. Daher: Troll füttern lieber unterlassen und sich seinen Teil denken. Oder freundlich, höflich, sachlich und offen formulieren und gucken, was passiert.

 


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