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Essai 137: Über die Bewahrung der Integrität in Krisenzeiten

11. Januar 2015

Zwölf Menschen starben am 7. Januar 2015. Als Redakteurin und (Halb)-Französin waren Cabu, Charb und Co. meine Kollegen, meine Landsleute, Vertreter meiner Kultur. Ich stehe noch immer unter Schock und kann es nicht verstehen. Ähnlich ging es mir nach dem 11. September 2001, als die Flugzeuge ins World Trade Center flogen, aber dieses Mal ist es trotzdem anders. Kleiner zwar, aber persönlicher.

Ich verstehe nicht, was das soll und ertappe mich bei dem Gedanken: „Wenn es diesen religiösen Fanatikern in Frankreich, in einem demokratischen, freien Land, nicht gefallen hat, warum sind sie dann nicht in ein unfreies, undemokratisches Land gegangen?“ und schäme mich sofort, weil das doch Gedankengut ist, mit dem man in einer Pegida-Demo gar nicht weiter auffallen würde. Es ist gar nicht so einfach, in solchen Zeiten der Krise, in denen ein paar fundamentalistische Riesenarschlöcher Gott spielen und Menschenleben grundlos vernichten müssen, nicht an den eigenen, menschenfreundlichen Überzeugungen zu zweifeln.

Denn eigentlich glaube ich an das Gute im Menschen. Da bin ich normalerweise hoffnungslos idealistisch und immer bereit, die positiven Seiten eines Sachverhalts bevorzugt zu betrachten. Aber was gibt es Positives daran, wenn Jungs im Alter von meiner Schwester und mir sämtliche Vernunft, Logik, Humor, Mitgefühl und was sonst noch zur Menschlichkeit dazu gehört, willentlich über Bord werfen, um anderen Menschen, die niemandem etwas getan haben, die einfach nur unterhalten und auf witzige Weise auf aktuelle, gesellschaftliche und politische Ereignisse reagieren wollten, mit Kalaschnikows und Raketenwerfern hinrichten? Und wozu das alles? Weil sie beleidigt waren?

Wie bei jeder fanatischen Ideologie ist auch der Islamismus (nicht der Islam) von vorne bis hinten unlogisch. Wenn Gott allmächtig ist, braucht er keine selbsternannten Gotteskrieger, um ihn zu verteidigen. Außerdem steht er oder sie oder es da doch drüber, wenn er eh alles kann und weiß, wenn sich da irgendwer einen Spaß auf seine Kosten erlaubt. Und nicht zuletzt: Woher wissen die Fanatiker, dass da ihr Gott oder einer seiner Stellvertreter abgebildet wurde, wenn sie sich kein Bild von ihm machen dürfen und von daher auch nicht wissen können, wie er aussieht? Und wegen sowas müssen Menschen sterben?

Trotzdem und gerade deswegen ist es wichtig, sich seine Integrität zu bewahren. Wenn man sich von der Verzweiflung übermannen lässt, sich von dem Hass, der Gewalt, den Rachegelüsten dieser Terroristen anstecken lässt, dann ist man am Ende auch nicht besser als sie, hält sich aber dafür. Und dann teilt man plötzlich die Welt in Seiten ein, in Schwarz und Weiß, Gut und Böse, Westen und Osten. Und dann hat der Krieg schon begonnen und man ist mittendrin und lässt sich instrumentalisieren, damit irgendwelche verblendeten, größenwahnsinnigen Arschlöcher ihren Willen durchsetzen und anderen ihre verquere, von Hass zerfressene Weltsicht aufzwingen können.

Dann stimmt man Marine Le Pen zu, die die Todesstrafe zurückfordert (auch noch per Guillotine, geht’s noch?) oder findet plötzlich, dass die AfD, Pegida und Konsorten gar nicht so unrecht haben (wie da einige jetzt ein triumphierendes „Siehste“ unausgesprochen, aber überdeutlich vor sich hertragen ist einfach nur zum Kotzen!) oder wird seinerseits zum Fanatiker, nur dass man für seinen Hass nicht den Islam zum Deckmäntelchen wählt, sondern irgendeine andere Religion oder Ideologie. Das Ergebnis wäre eine gespaltene Gesellschaft, in der jeder das vereinfachte Weltbild für die absolute, unumstößliche, allgemeingültige Wahrheit hielte, welches ihm von religiösen oder ideologischen Anführern vorgekaut würde. Diese Anführer würden ihre Marionetten als Kanonenfutter aufeinander prallen lassen und sich die Hände reiben (nicht selbst schmutzig machen) und ihrem Machthunger frönen.

Ich will das nicht.

Ich will nicht, dass irgendjemand für mich denkt, dass mir irgendwer vorschreibt, was ich für richtig und was für falsch zu halten habe. Ich will, dass mein moralischer Kompass intakt bleibt. Ich will weiter jedem Menschen, den ich treffe, offen begegnen, neugierig sein, ihn mit all seinen Facetten kennen lernen.

Als Atheistin glaube ich nicht daran, dass uns irgendwer die Schuld, die wir auf uns laden, abnimmt. Niemand nimmt einem die Verantwortung ab, die der freie Wille mit sich bringt. Schicksal? Gibt’s nicht. Und das ist eigentlich auch gut so, denn das bedeutet, das jeder die Chance hat, das Beste aus dem zu machen, was ihm bei der Geburt und durch die Herkunft mitgegeben wird. Da ist keiner, der einem das abnimmt. Wir entscheiden selbst, ob wir etwas tun, was anderen schadet oder ob wir etwas tun, was anderen hilft.

Manchmal sind die Situationen komplexer, dann muss man abwägen. Zum Beispiel als die beiden Attentäter sich in der Druckerei verschanzt hatten und erschossen wurden. Hätte es eine andere/bessere Möglichkeit gegeben, sie zu stoppen? Vermutlich nicht. Im Gefängnis hätten die ihr Netzwerk weiter steuern können, ihren Ausbruch organisieren oder weitere Anschläge planen können. Frei herumlaufen lassen ging erst recht nicht. Und trotzdem bleibt da jetzt ein bitterer Nachgeschmack, weil diese Fundamentalisten genau das bekommen haben, was sie wollten: den Märtyrertod. Und weil da jetzt unschuldige Menschen anderen ihr Leben nehmen mussten.

Wie also soll man sich angesichts solcher Schrecken verhalten?

Ich denke, man sollte sich mit ganzer Kraft dagegen wehren, Vorurteile aufkommen zu lassen. Denn dann hätten Fanatiker jeder Couleur gewonnen, die Gesellschaft würde sich spalten. Stattdessen ist Zusammenhalt, Solidarität wichtiger denn je. Die Geschwindigkeit, mit der Journalisten, Satiriker und Karikaturisten überall auf der Welt ihr Mitgefühl zum Ausdruck brachten, gibt Hoffnung. Wenn ihre Stimme lauter nachklingt als der Hass, haben die Terroristen im Nachhinein doch noch verloren.

Spannende Kommentar zu dem Thema kamen zum Beispiel von Christoph Sieber und Oliver Kalkofe:

Und von Flix gab es einen treffenden Comic-Strip.

Essai 133: Über künstliche Aufreger

26. Oktober 2014

Nun ist Dieter Nuhr also angezeigt worden. Er sei ein „Hassprediger“, der gegen religiöse Gemeinschaften hetze, Gläubige beleidige und verunglimpfe, lautet der Vorwurf. Mein Verdacht ist, dass die Leute, die Dieter Nuhr gerade juristisch auf die Pelle rücken nur den Zusammenschnitt seiner Auftritte gesehen haben, in denen er den Islam – genauer gesagt den religiös-islamistischen Fanatismus – kritisiert. Denn wenn man sich mehrere seiner Auftritte am Stück ansieht, dann wird klar, dass er nicht etwa nur den islamistischen religiösen Fanatismus kritisch-sarkastisch auseinandernimmt, sondern generell gegen Doofheit wettert. Wobei – und da gehe ich mit ihm d’accord – unter Doofheit jegliche Form von Borniertheit, Verblendung, Ignoranz, Vorverurteilung und Fanatismus fällt. Also auch christliche Fundamentalisten bekommen ihr Fett weg und nicht religiös motivierte Dumpfbacken ebenfalls. Dass er dabei aus dem Koran zitiert und die Zitate aus dem Zusammenhang reißt, mag sein. Aber wenn man ihn anzeigt, indem man ebenfalls seine Aussagen aus dem Zusammenhang reißt und dies als Begründung für seine Empörung nutzt, ist man doch keinen Deut besser. Und selbst wenn: Muss man denn immer gleich die Leute anzeigen, nur weil die was gesagt oder getan haben, was einem nicht gefällt? Man kann doch auch einfach sagen: Gut, der hat da eine Meinung, die finde ich blöd und mit der bin ich nicht einverstanden, aber das ist nu(h)r eine Meinung! Wenn man wirklich was Besseres ist, dann steht man da doch drüber!

Ich kann mich wunderbar künstlich darüber aufregen, wenn sich Leute künstlich über irgendwas aufregen, ohne den Kontext zu berücksichtigen. Das mit der Anzeige gegen Dieter Nuhr ist ja nur ein Beispiel unter vielen. Also, bevor mich jetzt auch noch irgendwer anzeigt, weil ich versuche, die ganze Angelegenheit wieder auf den Teppich zu holen, hier noch weitere Beispiele. Zum Beispiel diese Anwohner in Hamburg an der Alster in einer eher schickeren Gegend, die kein Flüchtlingsheim in ihrem Revier wollen. Schließlich würden die ja nicht gleich Arbeit finden und dann lungern die da die ganze Zeit draußen rum und machen Krach. Und dann haben die ja auch so viele Kinder, pfui, die machen ja auch Krach. Also haben die sich einen Anwalt genommen und klagen gegen das geplante Flüchtlingsheim. Bei sowas kriege ich echt das Kotzen, man verzeihe mir die Ausdrucksweise. Wenn diese reichen Schnösel selber den ganzen Tag arbeiten, kriegen die doch den angeblichen Krach, sofern es ihn denn gäbe, gar nicht mit. Und wenn sie nicht den ganzen Tag arbeiten, sondern ebenfalls die ganze Zeit draußen herumlungern, dann sollen die nicht mit nacktem Finger auf angezogene Leute zeigen und herumhupen.

Und wenn ich schon mal dabei bin, mich künstlich aufzuregen: Diese Mecker-Anwohner, die kein Hospiz und keine Kita und keinen Friedhof und kein gar nichts in ihrer Nachbarschaft haben wollen, weil das ja so viel Lärm verursache, oder Geruchsbelästigung oder ihnen der Anblick nicht fein genug ist – kommt mal klar!

OK, ich kann ja mal wenigstens versuchen, mich in diese Stinkstiefel hineinzuversetzen, damit mir nachher keiner vorwerfen kann, ich würde ebenfalls den Kontext ignorieren. Angenommen, die haben den ganzen Tag nichts Interessantes zu tun und hocken rund um die Uhr in ihrer Wohnung. Da hätte ich auch eine Scheißlaune und wenn ich dann auch noch denke, dass ich nichts dran ändern kann, weil ich zum Beispiel ein grantiges, fieses, verbittertes Arschloch bin, dann würde ich vermutlich auch nach Schuldigen suchen, die ich dafür fertig machen kann. Und wenn ich noch dazu ein Feigling wäre, dann würde ich mir Schuldige suchen, die sich nicht wehren können, also Flüchtlinge, Kinder oder Todkranke. Hmmm, doch das ergibt Sinn.

Gut, man muss ja jetzt nicht zwingend ein Arschloch sein, um Leute anzuzeigen, die – im Kontext betrachtet – nichts wirklich Schlimmes getan haben. Es reicht, wenn man einfach zu wenig Sinnvolles zu tun hat. Da kommt man halt auf Gedanken. Und wenn man sich dann künstlich darüber aufregt und Leute findet, die auch zu wenig Sinnvolles zu tun haben und Lust bekommen, sich die Zeit mit künstlichem Aufregen zu vertreiben, dann schaukelt sich das eben ratzfatz hoch. Besonders in Zeiten des Internets findet man ja schwuppdiwupp Gleichgesinnte, die nur darauf warten, dass ihnen irgendwer eine Idee gibt, worüber sie sich künstlich aufregen könnten.

So. Und jetzt mache ich mir eine schöne Tasse Tee.


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