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Essai 166: Über Sprüche, die Introvertierte auf die Palme bringen

1. Oktober 2016

Meine Damen und Herren, herzlich Willkommen bei Isas Clickbaiting-Experiment! 10 Sprüche, die jeden Introvertierten sofort!!!111!1!!!einself!!1! auf die Palme bringen!!!1!! Bei Nummer 9 platzt mir immer garantiert die Hutschnur! Und Nummer 4 hat mich zum Heulen gebracht!

Aber im Ernst, ich weiß, jeder Introvertierte ist anders und sicher gibt es auch Leute, die sich nicht über die folgenden Sprüche aufregen, sondern sie gleichmütig zur Kenntnis nehmen oder als hilfreiche Ratschläge akzeptieren und umgehend in die Tat umsetzen. Mir persönlich gehen sie jedoch eklatant auf den Zeiger. Viel Spaß! Und lasst mich in den Kommentaren gern wissen, ob ihr meine Meinungen teilt oder findet, dass ich völligen Blödsinn verzapfe 😀

1. „Das Telefon klingelt“

Drrrinnng! Düdelüdelüdel! – DAS Geräusch aus der Hölle ist das Klingeln eines Telefons. Mein Handy habe ich meistens auf lautlos gestellt, aber leider kann man diesem grauenhaften Lärm nicht immer aus dem Weg gehen. In der heimlichen Hoffnung, der Anrufer möge bald aufgeben und mir eine Nachricht schreiben, die ich in Ruhe durchlesen kann, lasse ich das Telefon gern mal klingeln. (Einzige Ausnahme: Ich habe mich mit Freunden zum Telefonieren verabredet) Wenn dann jemand sagt „Das Telefon klingelt! Willst du nicht rangehen?“ finde ich das ganz furchtbar.

Natürlich habe ich gehört, dass das Scheißding herumdüdelt, ich bin nicht taub. Und nein, ich will nicht rangehen! Was, wenn der Anrufer irgendetwas von mir wissen will, was ich nicht beantworten kann? Dann stehe ich da und komme mir vor wie ein Idiot. Und das kann ich nicht leiden. Und außerdem kann doch derjenige, anstatt so eine scharfsinnige Beobachtungsmitteilung zu machen, ja auch selbst ans Telefon gehen. Ist doch wahr!

2. „Lass dir das doch nicht gefallen“

Gut, ich verstehe, das ist nett gemeint und soll mich aufbauen. Tut es aber nicht. Es ist nämlich so: Wenn ich mir etwas gefallen lasse von irgendwelchen Arschlöchern, dann schäme ich mich deswegen in Grund und Boden und fühle mich richtig dumm, dusselig und scheiße. Da ist das nicht hilfreich, wenn mir das jemand auch noch aufs Butterbrot schmiert und noch Salz in die Wunde streut und mir unter die Nase reibt, wie blöd und schwach ich bin. Nein, dann will ich einfach meine Ruhe haben, meine Wunden lecken, mich kurz selbst bemitleiden, bevor ich mich wieder aufrappel, mir den Staub von den Klamotten klopfe und wieder raus in die Welt gehe und mein Bestes gebe.

Wenn man in diesem Moment etwas Nettes tun möchte, kann man mir dabei gern Gesellschaft leisten und mir sagen, dass das echt voll gemein von diesen Fieslingen war (aber bitte so, dass ich es auch glauben kann). Aber irgendwelche herablassenden Handlungsaufforderungen, auf die ich ohnehin schon von selbst gekommen bin, machen es nur noch schlimmer.

3. „Du brauchst doch nicht schüchtern zu sein“

Ach so? Na, dann schnippe ich doch einfach mit dem Finger, stoße meine rotbeschuhten Hacken aneinander und – Zack – bin ich nicht mehr „schüchtern„. Warum hat man mir das nicht schon viel früher gesagt, wenn ich das eher gewusst hätte, was hätte ich da nicht alles erreichen können. Weh mir! Dass ich da nicht von selbst drauf gekommen bin!

So. Das ist auch so ein Spruch, der vom Sprücheklopfer selbst gut gemeint ist, aber mich richtig auf die Palme bringt. Es soll mich aufmuntern, mich ermutigen, ein Kompliment sein – und erreicht das komplette Gegenteil. Weil es suggeriert, dass ich zu doof bin, etwas an mir zu ändern, was allgemein gesellschaftlich als unerwünscht gilt. Kann man mir denn bitte einfach mal zutrauen, dass ich schon von alleine über meinen Schatten springe und meinen Hang zur Schüchternheit überwinde, wenn ich es für notwendig erachte? Es mag ja Leute geben, denen man alles sagen muss, weil sie von selbst nicht auf die Idee zu irgendwas kommen und permanente Arschtritte brauchen, um aus dem Quark zu kommen. Aber so bin ich nicht und will ich auch nicht sein, also soll man mich bitte auch nicht so behandeln.

4. „Sei nicht so zaghaft“

Das schlägt im Grunde in dieselbe Kerbe wie „Du brauchst doch nicht schüchtern zu sein“, ist aber noch eine Spur unverschämter und herablassender. Während das eine nämlich einfach nur von Unverständnis zeugt, aber ein ungeschickter Versuch ist, mich zu trösten oder was auch immer, ist „Sei doch nicht so zaghaft“ mit einem Vorwurf verbunden. Da schwingt Ungeduld mit, die kurz davor ist, in Aggression umzuschlagen. Und wenn man glaubt, dass ich plötzlich weniger zaghaft werde, wenn man mich so unter Druck setzt, dann sollte man noch mal an seinem Empathievermögen arbeiten und mich mit meinen „Problemen“ in Ruhe lassen.

5. „Sag ihm/ihr das doch einfach“

Ja, wenn das denn so einfach wäre, hätte ich es ja schon längst getan! Mit manchen Menschen kann man nicht vernünftig reden, weil sie cholerisch, narzisstisch, dumm, extremst überempfindlich, eitel oder chronisch beratungsresistent sind. Manche Leute sind sogar alles auf einmal. Da kann man nicht einfach hingehen und sagen, was man denkt und wie man es denkt, weil der andere das unter Garantie in den völlig falschen Hals bekommt und da, wo anfangs nur eine Meinungsverschiedenheit war, explodiert ein Streit, bei dem garantiert immer ich verliere, weil ich einfach nicht anders kann, als sachlich zu argumentieren.

Gut, ich neige auch zu emotionalen Argumenten, aber die kennzeichne ich stets als solche, und tu nicht so, als wären es Fakten. Und wenn dann jemand völlig unfair kämpft und mir Vorwürfe macht, auf die ich im Traum niemals gekommen wäre, dass man mir das ernsthaft unterstellen könnte, dann fange ich an zu heulen oder zu schreien oder beides, und es dauert ewig, bis ich mich wieder eingekriegt habe. Das ist anstrengend! Dazu habe ich nicht die geringste Lust! Und deswegen ziehe ich es gelegentlich vor, mich im Stillen über derartige impertinente Troglodyten zu ärgern, bis ich irgendwann ausgebrummelt habe.

6. „Wollen wir noch spontan irgendwohin?“

Spontane Antwort? Nein. Ich mag gern gemütlich mit Freunden und netten Menschen in einer muckeligen Runde zusammensitzen und klönen. Warum um alles in der Welt sollte man so einen schönen Moment unterbrechen, um in einen lauten, stinkigen, engen Club zu gehen, in eine verrauchte Kneipe oder sonstwohin, wo man sich nicht problemlos unterhalten kann? Ich habe das nie verstanden, warum man nicht einfach an einem Platz bleiben und sich dort amüsieren kann und was daran so toll sein soll, von einem Ort zum nächsten zu ziehen.

7. „Jetzt sei doch nicht so langweilig“

Und das ist der Vorwurf, den man dann oft von Leuten zu hören bekommt, wenn man auf die Frage „Wollen wir noch spontan irgendwohin?“ mit „Och nööö“ antwortet. Zum Glück bin ich jetzt in einem Alter, wo meine Freunde Ruhe und Frieden zu schätzen gelernt haben und es vollkommen in Ordnung finden, einen netten Abend zu Hause zu verbringen, anstatt auf die Piste zu gehen. Hinzu kommt, dass inzwischen die Freunde, die feierwütiger sind als meine Langweiligkeit, ihre eigenen Wege gehen und wir kaum noch Kontakt haben. Das ist aber auch in Ordnung so, schließlich hat ja jeder eine unterschiedliche Auffassung von Spaß und wenn die komplett anders ist als meine, hat man dann getrennt voneinander mehr Spaß als zusammen und da haben dann alle mehr von.

8. „Mach doch mal mehr aus deinem Typ“

Würde ich ja, wenn ich Lust dazu hätte. Habe ich aber nicht, also lass mich in Ruhe. Das Ding ist, ich bin in mancherlei Hinsicht ziemlich bequem und habe keine Lust, ewig viel Zeit in mein äußeres Erscheinungsbild zu investieren. Außerdem finde ich es Quatsch, mich zu schminken, wenn ich von Natur aus dunkle Augenbrauen und Wimpern, volle Lippen und einen einigermaßen glatten Teint habe. Natürlich würde ich mit Make-up noch schöner aussehen und bla. Aber ich bin einfach nicht eitel genug, um meine Abneigung gegen farbige Pampe im Gesicht und meine noch größere Abneigung dagegen, den Scheiß hinterher wieder abzuschmieren, zu überwinden.

9. „Drück dich doch mal klarer aus“

Hör du doch mal genauer hin. Ich hasse es, wenn Leute mir sagen, ich sollte mich klarer ausdrücken, weil ich finde, zu einem Missverständnis gehören immer zwei Leute und dann soll man sich um seine eigene Seite kümmern, anstatt mir Vorschriften und Vorwürfe zu machen. Man kann gern sagen, dass man mich falsch verstanden hat, dass man meine Aussage so und so interpretiert hat, und dann komme ich schon von selbst zu der Schlussfolgerung, dass ich mich künftig klarer ausdrücken muss. Aber mir einfach vor den Latz zu knallen, dass ich unverständlichen Dünnpfiff labere, ohne sich selbst und seine eigene Wahrnehmung auch nur eine Sekunde infrage zu stellen, finde ich überheblich und mir gegenüber ziemlich unfair.

10. „Wo liegt denn das Problem?“

Tja. Wie erklärt man jemandem, der kein Problem in einem Sachverhalt sieht, wo für einen selbst das Problem liegt? Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Dann erklärt man da ewig herum, und der andere guckt einen völlig ratlos an und versteht nicht ansatzweise, worauf man hinaus will und worüber man sich derart aufregt. Und das macht einen dann natürlich noch wütender. Und dann dauert es nicht lange, dann fällt der Satz „Reg dich doch nicht so auf“, was dann dazu führt, dass man sich noch mehr aufregt. Es mag ja Menschen geben, die sich gern aufregen, aber zu denen gehöre ich ganz und gar nicht.


Und, welche Sprüche treiben euch so richtig zur Weißglut?

Essai 164: Über potenzielle Überlebenschancen in der freien Wildbahn

11. September 2016

Nicht selten bekomme ich zu hören, dass ich zu viel nachdenke. Ich sei zu verkopft, heißt es dann. Das bringt mich dann schon ins Grübeln … 😛 Nee, Quatsch, das Ding ist, ich denke einfach gern nach und sehe überhaupt nicht ein, warum ich mir diesen Spaß verkneifen sollte. Gedankenspiele sind für mich ein wunderbarer Zeitvertreib und warum auch nicht? Nur, weil man an allen Ecken liest, dass man „loslassen soll“ und so’n Scheiß? Was materielles Zeugs angeht, von mir aus, da ist das äußerst wohltuend, ab und zu mal auszumisten, Platz zu machen und Sachen zu verschenken, die man kaum nutzt und die im Weg herumstehen. Und wie sagte einst ein weiser Mann namens Tyler Durden? „Alles, was du besitzt, besitzt irgendwann dich“, oder so ähnlich. Die Gedanken aber sind frei, und wenn es einem Freude macht, sie schweifen und Pirouetten drehen zu lassen, weshalb sollte man es dann lassen?

Eines meiner Lieblingsgedankenspiele ist: Was wäre wenn ich aus irgendeinem Grund in die freie Wildbahn geworfen würde? Wie stünde es um meine Überlebenschancen? Vermutlich mies, richtig mies. Ich schätze, ich wäre so – je nachdem wo es mich fernab der Zivilisation hinverschlägt – spätestens nach einer Woche verrückt oder tot. Oder erst verrückt und dann tot. Betrachten wir einige der möglichen Katastrophen und meine jeweiligen Überlebenschancen doch mal näher:

Szenario: Supervirus löscht Menschheit aus

Angenommen, ein ekliger Monsterkeim würde fast die ganze Menschheit ausrotten und ich wäre eine der Wenigen, die immun sind (ich empfehle Stephen Kings „The Stand“, um sich das vorzustellen). Am Anfang wäre ich natürlich erst einmal verwirrt, verängstigt und verunsichert. Ich würde mich in eine Ecke setzen und heulen. Dann würde ich mich aufrappeln, ein paar Vorräte packen, ein letztes Mal duschen, und mich auf den Weg machen. Mein Startpunkt wäre Hamburg, eine große Stadt mit vielen Läden zum Plündern und Vorräte aufstocken, vielleicht treffe ich auf noch mehr Überlebende.

Habe ich Glück und sie sind nett, halte ich es vielleicht sogar mehrere Wochen durch, ohne den Verstand oder mein Leben zu verlieren. Spaßig ist trotzdem was anderes, denn ich hasse Zelten, bin total etepetete mit dem Essen und wenn ich nicht täglich meine warme Dusche habe, kriege ich schlechte Laune und dann haben die anderen ganz schnell keine Lust mehr darauf, mich alberne Zimperliese mit durchzuschleppen. Sind die anderen Überlebenden Arschlöcher, bin ich gleich geliefert. Dann klauen sie mir meine Vorräte, verprügeln mich, lassen mich im Straßengraben liegen und dann habe ich auch echt keinen Bock mehr auf gar nichts. Bumms, tot, nach … vielleicht drei Tagen.

Szenario: Zombie-Apokalypse

Ich schau unheimlich gern die Serie „The Walking Dead“ und stelle mir dann vor, welcher von den Überlebenden ich wohl wäre. Dieses Szenario ist ähnlich wie das mit dem Supervirus, nur, dass hier noch mordlüsterne, hungrige Zombies mir ans Leder wollen. Ich vermute, diese Variante würde ich genau so lange überleben, bis mir der erste Zombie begegnet. Ich dann so: „Aaah! Ein Zombie! Igitt“ und der Zombie so: *röchelkrächzsabbergrunz* und schon beißt mir der Untote den Kopf ab und tut sich an meinem denkfreudigen Gehirn gütlich.

Es kann aber auch sein, dass ich es schaffe, mich lange genug zu verstecken, bis mich irgendein schießwütiges Raubein unter seine Fittiche nimmt und ich ihm erzählen kann, ich wüsste, wie man die Zombie-Apokalypse aufhalten und die Menschheit retten kann, damit er mich nicht in die Wüste schickt, sobald ich ihn nerve. Das Dumme ist nur, ich lüge sehr, sehr offensichtlich und das würde recht schnell auffliegen, und dann war’s das.

Szenario: Zeitreise läuft schief

Was wäre wenn ich eine Zeitmaschine finden und in die Vergangenheit reisen würde? Strande ich bei den Dinosauriern, frisst mich der nächstbeste Tyrannosaurus Rex zum Frühstück. Strande ich bei den alten Ägyptern, werde ich versklavt und beim Pyramidenbau vom Stein zerquetscht, sodass ich Jahrtausende später Archäologen mit meinen Gebeinen eine spannende Entdeckung beschere. Im Mittelalter würde ich als Atheistin auf dem Scheiterhaufen verbrannt, sobald ich den Mund aufmache.

Bis zu dem Zeitpunkt, wo Frauen eigene Entscheidungen treffen, studieren und einen Beruf wählen durften, ohne erst ihren Mann um Erlaubnis zu fragen, hätte ich mich schlichtweg zu Tode gelangweilt. Es ist meinen Überlebenschancen also ganz zuträglich, hier und jetzt zu leben und nicht zu einem anderen Zeitpunkt in der Vergangenheit.

Szenario: In der Dystopie auf der Loser-Seite gelandet

Und was wäre mit einem anderen Zeitpunkt in der Zukunft? Viele besorgte Bürger hätten ja ganz gern klare Verhältnisse und einen beinharten Staatschef, der ihnen sagt, wo es langgeht, was sie denken und was sie tun sollen. Dass wir das schon mal hatten, vergessen sie dabei leicht. Aber wenn der Besorgtbürgertraum wahr würde und wir hier in Deutschland irgendwann in der Zukunft wieder eine Diktatur, eine Dystopie haben, kommt es darauf an, auf welcher Seite man steht, wie gut man diese überlebt.

Da ich wie gesagt gern selbst denke und miserabel lüge, würde ich zwangsläufig relativ schnell als Staatsfeindin auffallen. Denunziation von der Nachbarin gegenüber, die mich auf dem Kieker hat, weil mein Freund und ich uns in unserem Schlafzimmer umziehen und das auch gemacht haben, als wir noch keine Vorhänge hatten (sie entrüstete sich ob unseres schamlosen Freikörperkults). Verhör bei der geheimen Militärpolizei. Knast. Tod.

Oder es wird eine Dystopie à la „Hunger Games“ – ich glaube kaum, dass meine Schwester für mich als Tribut antreten würde, das heißt, das bliebe an mir hängen. In der Arena: „Oh je, ich kann hier doch nicht meine Mitmenschen töt-“ – Zack, tot. Vielleicht werde ich aber nicht ausgelost und habe eine Schonfrist. Ich kann nicht jagen, nicht schlachten, habe keine Ahnung von Pflanzen (meine Zimmerpflanzen überleben meine Obhut für gewöhnlich genauso kurz wie ich die hier geschilderten Katastrophenszenarien) und würde wahrscheinlich verhungern oder mich versehentlich selbst vergiften, weil ich Tollkirschen und Johannisbeeren verwechselt habe. Ersteres würde etwas länger dauern, Letzteres ginge recht fix.

Szenario: Einsame Insel

Sollte ich mit dem Flugzeug abstürzen und auf einer einsamen Insel landen, kommt es darauf an, ob ich alleine bin oder mit mehreren, wie lange ich das durchhalte. Bin ich alleine, erfriere ich in der ersten Nacht, weil ich zu handwerklich unbegabt bin, um mir einen anständigen Unterschlupf zu bauen, und zu dusselig, um ein Lagerfeuer zu machen. Ist es eine tropische Insel, erfriere ich womöglich nicht sofort, sondern verhungere vorher. Möglich ist auch, dass mich ein wildes Tier frisst. Auf jeden Fall wäre das der Moment, um mein geisteswissenschaftliches Studium und meine Schauspielausbildung zu bereuen. Sind noch andere mit mir gestrandet, wird sicher irgendwann die Frage aufkommen, wen von uns man entbehren und essen kann – und das wäre dann wohl ich.


Und, wie rechnet ihr eure Überlebenschancen in der freien Wildbahn aus, wenn irgendeine Katastrophe euch dorthin katapultiert?

Essai 163: Über Dinge, die ich tue, wenn keiner guckt

21. August 2016

Es soll ja Leute geben, die um keinen Preis der Welt alleine sein wollen. Zu denen gehöre ich nicht. Ich bin zwar kein mürrischer Eigenbrötler, der alle Menschen grundsätzlich hasst und Gesellschaft überhaupt gar nicht verträgt, aber gelegentlich finde ich es sehr wohltuend, alleine zu sein. Ich tendiere nämlich dazu, es allen recht machen zu wollen, und nehme mir das immer sehr zu Herzen, wenn ich irgendwelche emotionalen Disharmonien verspüre und denke dann immer gleich, ich hätte irgendwas gemacht, weswegen der Miesepeter sich nicht wohlfühlt. Ich weiß, dass das Blödsinn ist, aber mein Herz ist da etwas schwerer von Begriff als mein Hirn 😛 Und wenn man immer andere Menschen um sich hat, tauchen früher oder später immer irgendwelche schiefen Töne auf, und das finde ich sehr anstrengend.

Manchmal meinen es Menschen obendrein auch noch gut mit mir und geben mir so sinnvolle Ratschläge, etwa, dass ich gar nicht schüchtern/zurückhaltend/etc. sein müsste, dass ich doch einfach sagen sollte, wenn irgendwas ist oder dass ich mir doch gar nicht alles so zu Herzen zu nehmen bräuchte. Ich weiß, es ist nett gemeint und man will mir nur helfen. Aber das finde ich dann noch mal doppelt anstrengend, weil ich dann das Gefühl habe, ich müsste mich nicht nur für meine dusseligen Empfindungen schämen, sondern mich auch noch dafür rechtfertigen, dass ich nun mal eben fühle, was ich fühle, und das nicht einfach ausknipse, wenn das, was ich fühle, Schwachsinn und nicht zweckdienlich ist. Ja, schon klar, ich bin ein komischer kleiner Kauz.

Wie dem auch sei, ich denke, ich bin zumindest nicht die Einzige, die hin und wieder gern unbeobachtete Momente genießt und diese dazu nutzt, Quatsch oder peinlichen Kram zu machen, einfach so, weil’s Spaß macht. Eine kleine Auswahl davon enthülle ich euch heute mal:

1. Laut singen

Ich singe unheimlich gern, aber ich fürchte, es klingt nicht immer sonderlich gut. Zumindest habe ich mal bei einem Karaoke-Wettbewerb „Unbreak my Heart“ von Toni Braxton voller Inbrunst ins Mikrofon gegrölt und damit den letzten Platz gemacht. 5 Punkte heimste ich von der dreiköpfigen Jury ein, die nach meinem Auftritt erstmal perplex dasaß. Nachdem sie sich vom Schock erholt hatten, meinte die Anführerin: „Das war zu tief“ (war’s auch), woraufhin ich meinte: „Mir hat’s gefallen“. Ach so, und dann habe ich bei einem anderen Karaoke-Auftritt „Basket Case“ von Green Day gesungen – bei Punkrock macht es ja zum Glück nichts, wenn’s ein bisschen schief klingt – und das fand die Jury dann „ganz OK“.

Wie dem auch sei, Spaß habe ich trotzdem dran, auch, wenn aus mir vermutlich nicht die nächste Céline Dion oder was wird. Um meine Mitmenschen dennoch nicht über alle Maße zu quälen, singe ich meistens nur, wenn gerade keiner zuhört, oder beim Karaoke, wo ohnehin alle fürchterlich singen und keinen Ton treffen, da falle ich dann nicht weiter auf. 😀 Mein Freund muss gelegentlich auch meinen Gesang ertragen, wenn wir im Auto Radio hören und ich das Lied kenne. Aber er trägt es mit Fassung, zum Glück hat er Nerven aus Stahl 😛

2. Voll sexy durch die Wohnung tanzen

Mindestens genauso gern wie Singen mag ich Tanzen, aber weil das irgendwie peinlich ist, auf der Straße, in der U-Bahn oder im Büro ständig vor mich hin zu tänzeln und zu hüpfen, reiße ich mich in der Öffentlichkeit lieber zusammen. Ein Hopser hier oder ein Wechselschritt da rutscht mir manchmal schon heraus, aber ansonsten beschränke ich mein Getanze darauf, wenn ich alleine bin oder in einem Kontext, in dem Tanzen angemessen erscheint, etwa auf Feiern. Zum Beispiel mache ich zu Hause beim Kochen immer das Radio an, und wenn mir ein Lied gefällt, singe ich laut mit und wackel mit dem Hintern und lasse die Hüften kreisen, während ich hingebungsvoll die Tomatensoße umrühre.

3. Grimassen schneiden vorm Spiegel

Wenn ich in den Spiegel schaue, verziehe ich mein Gesicht immer zu irgendwelchen Grimassen, die sogar Jim Carrey Konkurrenz machen würden. Das macht einfach Spaß, außerdem werden die Gesichtsmuskeln dabei gedehnt und man bewahrt sich etwas länger sein jugendliches Aussehen 😛

4. Füße auf den Tisch legen

Eigentlich gehört sich das ja nicht, die Füße auf den Tisch zu legen. Es ändert aber nichts an der Tatsache, dass das sehr bequem ist. Also mache ich das nur, wenn ich sturmfreie Bude habe. Da ich meine Füße täglich wasche und die Socken täglich wechsle, ist das auch nur ein bisschen eklig 😀

5. Handtücher zu Abendkleidern umfunktionieren

Ich brauche immer Ewigkeiten im Bad, weil ich dort so schön meine Ruhe habe und weil’s da schön warm ist, wenn ich die Heizung rechtzeitig voll aufgedreht habe. Beim Abtrocknen finde ich es außerdem immer sehr unterhaltsam, aus meinem Handtuch ein Cocktailkleid zu basteln und mir auszumalen, ich würde so zu einem wichtigen Anlass gehen. Das wäre ziemlich lustig. Wer weiß, vielleicht traut sich auch keiner, anzumerken, dass ich mir nur ein Handtuch umgetüddelt habe und ich bekomme lauter Komplimente zu meinem exquisiten Kleidungsstil, so wie in dem Märchen von des Kaisers neue Kleider. Aber dafür müsste ich wahrscheinlich irgendwie wichtig sein. Und dann hätte ich weniger Zeit für mich alleine, was auch blöd wäre. Tja, man kann halt nicht alles haben, dann bleiben meine Handtuchkleidkreationen eben hinter verschlossener Tür.

Und, was macht ihr so, wenn ihr euch unbeobachtet fühlt?


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