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Essai 100: Über Sexismus, Dirndl und sexuelle Belästigung

3. Februar 2013

Bevor die Sexismus-Debatte, die der Stern-Artikel „Herrenwitz“ von Laura Himmelreich über Rainer Brüderle ausgelöst hat, wieder in der Versenkung verschwindet, will ich zu diesem Thema jetzt auch mal meinen Senf beitragen.

Zum einen ist mir aufgefallen, dass die Sexismus-Debatte nicht nur bedingt in besagtem Artikel thematisiert wird, sondern sich inzwischen auch ganz davon gelöst hat. Allerdings ist sie – fürchte ich – gerade wieder am Verpuffen. Dabei halte ich es für unumgänglich, dass wir im 21. Jahrhundert mal darüber nachdenken, wie wir uns im intergeschlechtlichen Umgang miteinander verhalten. Es geht ja nicht nur darum, dass ein nicht mehr ganz nüchterner älterer Herr einer jungen Frau in den Ausschnitt guckt und plumpe „Komplimente“ macht, sondern Sexismus ist ein tiefsitzendes gesellschaftliches Problem, das uns alle etwas angeht.

Im Übrigen halte ich es für Quatsch, dass Brüderle sich entschuldigt, denn eine Entschuldigung ist nur sinnvoll, wenn Einsicht in eigenes Fehlverhalten vorliegt. Das ist bei Brüderle nicht der Fall, der war meiner Meinung nach einfach so, wie er immer ist, wenn er in den Feierabendmodus geschaltet hat. Frau Himmelreich war noch im Arbeitsmodus und so konnte das Gespräch nicht funktionieren. Das ist klar, dass beide völlig aneinander vorbeireden, wenn sich keiner auf den unterschiedlichen Modus des anderen einstellt. Es wäre vielleicht am klügsten gewesen, hätte sich die Nüchternere (Frau Himmelreich) an dem Abend zurückgezogen und Herrn Brüderle am nächsten Tag noch mal angesprochen. Nichtsdestotrotz kann man sich natürlich fragen, ob das nicht auch schon Sexismus ist, dass Männer machen dürfen was sie wollen und sich fröhlich wie die Höhlenmenschen aufführen können und von den Frauen wird erwartet, dass sie damit umgehen. Jungs sind eben Jungs. Das ist doch Mist!

Ich meine damit nicht, dass die Frauen sich dann dem männlichen Verhalten in solchen Situationen anpassen und sich ihrerseits wie Troglodyten aufführen, sondern ich bin der Meinung, dass Männer sich sehr wohl auch mal zusammenreißen können. Sie mussten es bloß nie und haben es deswegen nicht gelernt. Aber irgendwann sollten sie doch mal damit anfangen.

In unserer Gesellschaft herrscht unterschwellig immer noch die Normvorstellung vor, dass Männer den Frauen naturgemäß überlegen wären. Männer haben mehr Führungspotential, Männer sind das „starke Geschlecht“, Männer können besser mit Geld umgehen, besser rechnen, besser wirtschaften und überhaupt, wer hat denn die ganzen großen Erfindungen und Entdeckungen der Weltgeschichte gemacht? Eben. Dass Galileo, Goethe, Einstein und Konsorten ganz bestimmt eine Frau irgendwo hatten, die den feinen Herrn die Wäsche gewaschen, das Essen gekocht und eventuell vorhandene Kinder umsorgt haben, wird dabei gern verschwiegen. Die Frauen waren einfach viel zu beschäftigt und außerdem auch viel zu unterdrückt als dass sie die Zeit zum Forschen, Dichten und Denken gehabt hätten. Mit Natur und genetischer Veranlagung hat das nichts zu tun. Machen wir aber einen kleinen Zeitsprung ins 21. Jahrhundert, so hat sich doch Einiges geändert. Frauen haben jetzt prinzipiell die gleichen Rechte wie Männer. Aber was im Gesetz verankert ist, ist noch nicht in allen Köpfen angekommen.

Noch immer werden Frauen aus Prinzip schlechter bezahlt als Männer. Noch immer muss man über eine Frauenquote diskutieren, damit mehr Frauen an höhere Positionen kommen. Noch immer denkt man ernsthaft über so etwas Beklopptes wie das Betreuungsgeld nach, damit Frauen dafür belohnt werden, überholte Rollenmuster wieder zu beleben. Noch immer muss sich eine Bundeskanzlerin Angela Merkel gefallen lassen, dass man darüber diskutiert, wenn sie mal ein Kleid mit Ausschnitt trägt. Dass Guido Westerwelle neulich mal Rollkragenpulli statt Schlips und Hemd trug, interessiert keinen Menschen. Nein, Klamotten sind immer noch Frauengedöns. Schminkt man sich als Frau, wird das so gewertet, dass sie den Männern gefallen wolle. Schminkt sie sich nicht, gilt das gleich als ungepflegt. Zieht sie sich figurbetont an, muss sie mit blöden Blicken oder dummen Sprüchen rechnen. Trägt sie nur Kartoffelsack und Gummistiefel hält man sie für eine leicht verrückte Baumliebhaberinnen-Öko-Tussi. Kurz: Wie man es als Frau auch macht, man macht es falsch. Aber beklagen wir uns darüber? Nein. Auch nicht, wenn die Männer zum wiederholten Male herumnölen, die weibliche Emanzipation habe sie metaphorisch entmannt, die Frauen hätten sie zu Konsumtrotteln gemacht, es fehlten ohnehin auch die männlichen Vorbilder und man dürfe ja auch heute gar nicht mehr männlich sein, das allein wäre ja schon ein Verbrechen, blasülz. So ein Schwachsinn. Natürlich dürfen alle noch ihre Penisse und Vaginas behalten, aber der Besitz davon ist doch wohl kein Freifahrtsschein für respektloses Verhalten. Und da gibt es noch reichlich Diskussionsbedarf.

Die immernoch männlich-weiß-heterosexuell geprägten Machtstrukturen werden sich nicht von heute auf morgen auflösen lassen. Aber irgendwo muss man mal damit anfangen, anstatt immer zu leugnen, dass diese Machtstrukturen existieren. Wenn ein flapsiger, dummer und plumper Spruch eines Politikers dazu führt, dass man immerhin mal ins Grübeln kommt, dann fände ich das prima. Ich fürchte aber, diese Strukturen sitzen so fest, das wird im Sand versickern, ohne dass sich etwas ändert. Es sind ja auch nicht einfach nur die Männer schuld. Sondern es ist ein gemeingesellschaftliches Problem, wo auch Frauen mit beteiligt sind. Vielleicht haben wir Mädels uns auch einfach schon viel zu lange viel zu viel gefallen lassen. Vielleicht haben wir nicht genug zusammen gehalten. Vielleicht haben wir nicht laut genug mit dem Fuß aufgestampft und gesagt „es reicht!“ Vielleicht haben wir zu oft über plumpe Scherze gekichert, uns für misslungene Komplimente artig bedankt oder dumme Anmachen höflich ignoriert. Ich weiß es nicht. Jedenfalls ist das noch ein langer Weg zur tatsächlichen Gleichberechtigung von Mann und Frau. Und bevor hier gleich wieder das Gezeter losgeht. Ich bin nicht dafür, dass die Machtstrukturen ins andere Extrem umkippen. Wir sind hier ja nicht bei Penthesilea und ihren Amazonen. Nein, ich bin dafür, dass alle – egal welchen Geschlechts – mit Respekt behandelt werden.

Dann gibt es noch ein Thema, das oft mit Sexismus in einen Topf geworfen wird, das ist sexuelle Belästigung. Die Grenze ist fließend und außerdem immer vom Kontext und den Persönlichkeiten und Hintergründen der beteiligten Personen abhängig. Deswegen ist es sehr schwer, vielleicht sogar unmöglich, da eine allgemeingültige Definition zu finden. Natürlich kann man sagen: „Belästigung ist, wenn sich jemand belästigt fühlt“. Aber das ist gar nicht so einfach. Manchmal fühlt man sich ja auch erst im Nachhinein belästigt und ist im ersten Moment vor allem baff und schockiert. Ist eine unerwünschte Anmache zum Beispiel schon Belästigung? Wenn mich jemand fragt, ob ich mit ihm was essen gehe, obwohl ich überhaupt nichts gemacht habe, das Flirtbereitschaft signalisiert hätte (jedenfalls nicht absichtlich), ist das dann einfach Pech oder schon Belästigung? Schließlich ist das ja auch ganz schön knifflig für Männer, Frauen anzusprechen. Da viele Frauen nach wie vor der Ansicht sind, es läge beim Mann, den ersten Schritt zu wagen und sie anzusprechen, denken immer noch viele Männer, das wäre ihre Pflicht. Nun sind aber die meisten Männer recht ungeschickt im Flirten und benehmen sich wie Trottel, wenn eine Frau ihnen gefällt. Dann machen sie erstmal ewig Feldforschung und fallen dann mit der Tür ins Haus, so dass die Frau völlig überrumpelt ist und gar nicht weiß, was sie davon halten soll. Ihres Wissens hat sie nämlich nichts gemacht. Ich denke, das lässt sich vermeiden, indem man sich erstmal beiläufig kennen lernt und dann kann man sich ja auch anfreunden, wenn es mit einer Beziehung nicht klappt. Na ja. Aber ist dieses Tollpatschig-Plumpe schon Belästigung? Denn, ich fühle mich dann dadurch belästigt, wenn ein Typ mir Avancen macht, bevor man sich überhaupt nett unterhalten hat. Wobei ich auch der Meinung bin, wenn mir einer gefällt, dann sage ich dem Bescheid und solange ich dem nicht sage, dass ich mit ihm eine Beziehung versuchen will, will ich das auch nicht. Alles, was nicht „Ja“ ist, ist „Nein“. Aber ich bin ja nicht Maßstab aller Dinge, also kann ich nicht davon ausgehen, dass Männer das wissen. Erst recht nicht, wenn diese Paddel mit der Tür ins Haus fallen, ohne mich vorher zu kennen.

Aber wenn ich es recht bedenke, das nervt schon ganz schön. Trotzdem – weil die böse Absicht dabei fehlt – würde ich das nicht als sexuelle Belästigung ansehen, die man bei der Polizei anzeigen müsste. Dass die Anmache doof rüberkommt liegt ja nicht daran, dass die Jungs in der Absicht, mir ihren Willen aufzudrücken oder mich wie ein Stück Fleisch respektlos zu behandeln, auf mich zugekommen sind, sondern in der Absicht, mich kennen zu lernen. Also, die Motivation spielt dabei auch eine Rolle, nicht bloß das Gefühl einer Person. Schließlich gehören zur Belästigung ja zwei Personen, nicht nur die Person, die sich belästigt fühlt, sondern auch die, die belästigt. Wenn also der Typ, der mich ungeschickt angegraben hat, nach einer nicht-eindeutig-zustimmenden Reaktion meinerseits nicht locker lässt und versucht mich zu überreden, dann kann man davon ausgehen, dass er mir seinen Willen aufdrücken will und dann ist das Belästigung. Muss man das anzeigen? Nein. Trotzdem finde ich es sehr störend, wenn man versucht, mich zu überreden, wenn ich schon ablehnend reagiert habe. Und jetzt komme mir bitte niemand mit „Ja, wieso, da muss dann die Frau auch einfach mal klipp und klar sagen, dass sie das nicht möchte.“ Der Mann könnte genauso gut auf Körpersprache und Zwischentöne achten, die genau das genauso klipp und klar zum Ausdruck bringen. Ob jetzt eine Frau Himmelreich zu einem Herrn Brüderle sagt „Ich möchte das hier gern professionell halten.“ oder ob sie ihm sagt „Lassen Sie mich in Ruhe, ich möchte nicht, dass sie mich anbaggern“ ist ja wohl genau das Gleiche. Bloß ist das erste höflich und professionell und das zweite unfreundlich und zickig. Wenn ich zu einem Typen sage, der mich angegraben hat: „Ich möchte jetzt lieber mein Buch lesen“ ist das eine höfliche Abfuhr, wenn ich sage: „Verpiss dich, du Idiot, ich will nichts von dir“, bedeutet das genau das Gleiche, aber ich beleidige den anderen damit.

Wie ist das mit anzüglichen Blicken? Belästigung oder nicht? Normalerweise würde ich sagen: Gucken, von mir aus, aber anfassen ist nicht! Aber wenn ich es mir recht überlege, ist das auch schon belästigend, wenn mir einer ununterbrochen auf die Brüste guckt und sich noch nicht einmal die Mühe gibt, weg zu gucken. Jedoch ist auch das etwas, was man als Frau nicht anzeigen würde. Wir denken dann nämlich, wir dürfen uns nicht so anstellen, der macht doch nichts, der guckt doch nur. Miteinander reden? Als ob ein verkappter Lustmolch, der Frauen mit Blicken auszieht ein Einsehen darin hätte, wie sehr sein Verhalten stört. Was ist mit den Männern in der U-Bahn, die sich extra nah an die junge Frau neben ihnen hinsetzen? Was ist mit den Wanderpfoten im Schwimmbad, die wie zufällig an Frauenkörper greifen? Was ist mit den besoffenen Schmierlappen in der Disko, die nicht kapieren, dass „Nein“ auch „Nein“ heißt? Da kann man zwar Anzeige gegen Unbekannt erstatten, aber erstens bringt das doch nichts und zweitens finde ich, das kann man ja wohl nicht nur den Frauen anlasten. Von wegen, selber Schuld, was geht die auch im Schwimmanzug oder Bikini ins Schwimmbad, was setzt die sich in der U-Bahn auch hin und was zieht die sich auch so feminin an, wenn sie tanzen geht. Da finde ich, könnten die werten Herren der Schöpfung doch auch mal ihr Oberstübchen bemühen, ihre kritische Selbstreflexion aktivieren und nicht immer gleich automatisch davon ausgehen, sie wären unwiderstehlich. Von Frauen verlangt man schon seit immer, dass sie sich zusammenreißen. Da kann man doch das gleiche auch mal von den Männern erwarten. Oder etwa nicht?

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Essai 98: Über intolerante Ignoranten und die sogenannte Homo-Ehe

22. Januar 2013

Eins muss ich mal in aller Deutlichkeit sagen: Religiöse Fanatiker nerven! Haben von Tuten und Blasen keine Ahnung, aber müssen allen Leuten vorschreiben, was sie zu tun und zu lassen haben. Ganz besonders lästig sind, auf der westlichen Hälfte der Erdkugel, die christlichen Extremisten. Machen einen auf tolerant und verplempern dann ihre Zeit damit, anderen Menschen ein bisschen Glück zu verbieten, das niemandem weh täte, wenn es ihnen erlaubt würde.

Man ahnt es bereits, ich bin beim Thema „Homo-Ehe“. Die Tüddelchen sind Absicht, ebenso das „sogenannte“ im Titel. Mir persönlich gefällt die Formulierung nämlich nicht sonderlich. Das wirkt so, als wäre die „Homo-Ehe“ etwas anderes als die „Hetero-Ehe“ und als wäre Ersteres nicht selbstverständlich, Zweiteres hingegen ja. Besser gefällt mir die französische Bezeichnung „Mariage pour tous“ – „Ehe für alle“. Es fällt mir nämlich wirklich nicht ein einziger Grund ein, warum nicht alle heiraten und warum nicht alle Kinder adoptieren dürfen sollten. Es ist doch völlig egal, aus wie vielen Leuten welchen Geschlechts auch immer eine Beziehung besteht. Wenn man sich liebt und das rechtlich verankern und mit seiner ganzen Familie und seinen Freunden feiern will, dann soll man doch ruhig heiraten. Das ist doch schön. Und einem Kind ist das doch völlig wumpe, ob es nun zwei Papas, zwei Mamas, einen Papa und eine Mama oder nur einen davon oder sonstwas hat, Hauptsache, da ist überhaupt jemand, der sich liebevoll kümmert und sich für das Kind interessiert. So einfach ist das.

Leider denken nicht alle so, wenn ich mir diese ganzen intoleranten Ignoranten ansehe, die in Frankreich auf die Straße stürmen und wutentbrannt dagegen protestieren, dass Menschen, die sie nicht einmal kennen, die niemandem irgendwas getan haben, wie „normale“ Menschen behandelt werden wollen. Und in Deutschland ist das ja keinen Deut besser. Auch hier sitzen die Idioten im selbstauferlegten Auftrag des Herrn in den Talkshows und verbreiten geistigen Dünnpfiff, den sie sich nicht einmal selbst ausgedacht haben. Da wiederkäuen sie immer wieder den gleichen Salat, von wegen, eine Familie bestehe nun mal eben aus Vater, Mutter, Kind. Und was beim Wiederkäuen herauskommt, weiß man auch mit rudimentären Kenntnissen der Landwirtschaft, das ist nämlich Mist.

Es ist genau die gleiche alte Leier wie auch schon beim Thema Betreuungsgeld oder auch beim Thema Frauenquote. Vornehmlich die feinen Herrn und Damen von der „Christlich Sozialen Union“ (Christlich? Sozial? Union? – am Arsch!) werden offensichtlich nicht müde, gebetsmühlenartig zu wiederholen, dass sie sich in dem Punkt nun mal eben so und so entschieden haben und das bleibt jetzt bis in alle Ewigkeiten so und damit Ende der Diskussion. Unfassbar, dass es tatsächlich noch Leute gibt, die diese fanatischen Dummköpfe überhaupt beachten. Am besten wäre es, Ignoranten zu ignorieren, dann können die herumblubbern so viel sie wollen, sie richten dann immerhin keinen Schaden am allgemeinen gesellschaftlichen Wohlbefinden an. Aber nein, stattdessen lädt man sie hierzulande in Talkshows ein. Warum? Man weiß doch vorher, was sie sagen werden und man weiß auch schon vorher, dass sie ihre Meinung niemals ändern werden. Wieso bietet man denen so eine große Plattform? Die können ja am Stammtisch von mir aus gerne ihre kernigen Phrasen dreschen, aber im Fernsehen hätte ich gerne meine Ruhe vor diesen Pappnasen. Zum Glück kann man ja umschalten. Aber leider gibt es ja auch immer wieder Leichtbeeinflussbare, die eben nicht wegschalten und sich von dem überzeugten Auftreten religiöser Eiferer blenden lassen.

Wovor haben die Gegner der „Ehe für alle“ eigentlich Angst? Das verstehe ich wirklich nicht. Was soll denn Schlimmes passieren, wenn Schwule und Lesben heiraten und Kinder adoptieren dürfen? Außer, dass die sich dann freuen. Oder geht das hier nur um Rechthaberei? Das Gefühl habe ich nämlich, dass es den bedenkentragenden Miesmachern nur darum geht, recht zu haben und anderen Leuten das Leben schwer zu machen. Nicht mehr, nicht weniger. Geht es ihnen dadurch besser? Nein. Wird die Welt dadurch friedlicher? Nö. Hat das überhaupt irgendeinen tieferen Sinn? Pustekuchen. Ich könnte jetzt natürlich eine unflätige Vermutung äußern, in der möglicherweise die Begriffe „chronisch“ und „Untervögelung“ fallen würden, aber nachher fühlen sich wieder irgendwelche Leute beleidigt und sind dann erst Recht nicht gewillt, mal ein bisschen ihr Oberstübchen zu bemühen.

Essai 89: Über das Betreuungsgeld

20. Juni 2012

Bislang hatte ich noch mit mir gehadert, ob das wirklich Not tut, etwas zu dieser bescheuerten Idee mit dem Betreuungsgeld zu sagen… Jetzt habe ich mich aber doch dazu entschieden, zumindest ein paar konstruktive Vorschläge zu formulieren, wie man’s denn besser machen könnte. (Vielleicht sollte ich meinen Blog doch noch mal umbenennen in „Isa09 – Profi-Klugscheißerin“? Ach neeeee, „Angry young woman“ ist entschieden cooler.)

Zunächst einmal, warum finde ich die Idee mit dem Betreuungsgeld, wie es aktuell der Plan ist, überhaupt bescheuert? Ich hätte übrigens gedacht, das findet jeder bescheuert, ich hab da diese dumme Angewohnheit, immer von mir auf andere zu schließen, obwohl ich mich damit schon oft genug geirrt habe, ich kann’s einfach nicht lassen. Schlimm, das. Wie dem auch sei, es gibt also tatsächlich auch Leute, die finden die Idee super und sind zutiefst beleidigt, wenn man sagt, die Idee ist aber blöd. Die Idee an sich ist ja auch nicht unbedingt blöd, nur wie sie ausgeführt werden soll. Geplant ist nämlich, den Müttern, die zu Hause bleiben, zunächst 100 Euro im Monat zu zahlen, bzw. später 150. Ich glaube, das hing auch irgendwie vom Alter der Kinder ab, weiß ich grad aber nicht so genau. Ausgeschlossen von dieser großzügigen Belohnung vorsintflutlichen Geschlechterrollengebahrens sind Hartz IV-Empfänger, damit die sich davon nicht Zigaretten holen oder in die Kneipe gehen, wie Hartz IV-Empfänger das in der Regel mit Geld so machen, und ihre Kinder vernachlässigen, so dass die am Ende alle Junkies und Sozialschmarotzer werden (Sarkasmus!). Und was kann man mit 100-150 Euro monatlich nicht so alles anfangen, zum Beispiel… öhm… tja… nun ja… äh… also, Essen für ein-zwei Wochen für eine vierköpfige Familie ist da wohl schon drin, vielleicht auch mal ein neues Paar Schuhe, wenn man dann halt mal eine Woche lang nichts isst. Allerdings muss man auch bedenken, dass die Frau dann ja nicht arbeiten geht, wenn sie auf das Kind aufpasst, so dass ihr Gehalt wegfällt. Heutzutage von nur einem Gehalt auszukommen, ist gar nicht so einfach, da muss man schon irgendwo Vorstandschef sein und seinen Bonus selbst bestimmen dürfen. Na gut, Arzt sein reicht vielleicht auch, auf die ist man nämlich angewiesen, da interessiert das auch wen, wenn die streiken. Aaaaber ich schweife schon wieder ab. Fakt ist, dass nur diejenigen es sich leisten können, zu Hause zu bleiben und die Kinderbetreuung in die eigenen Hände zu nehmen, die es sich ohne das Betreuungsgeld auch schon leisten können. Für die, die auf zwei Gehälter angewiesen sind, ist das keine ernsthafte Alternative. Es wäre eine ernsthafte Alternative, wenn das Betreuungsgeld tatsächlich ein richtiges Gehalt wäre. Wenn das Betreuen und Erziehen der eigenen Kinder als Beruf anerkannt würde. Dann hätte es auch nicht dieses antiemanzipatorische Geschmäckle. Denn, natürlich sagt das keiner, offiziell sind wir ja alle für Gleichberechtigung und da darf man auch als Frau sein Jodeldiplom machen, aber Kindererziehung ist nach wie vor Frauensache. Jaaaa, Männer sind halt Männer. Das ist nicht so ihr Ding, verstehste. Und Frauen können das doch viiiiiel besser, das ist bei denen auch angeboren und so. Männer sind halt Jäger und Frauen sammeln und hüten das Feuer und das ganze Gedöns. Das macht denen ja auch Spaß und liegt in ihrer Natur, also warum sollte man sie dafür auch noch respektieren? Pfff, da hört sich doch alles auf, da könnte ja nun jeder kommen. Als nächstes soll man(n) auch noch Hühner dafür respektieren, dass sie Eier legen oder Schafe wegen ihrer Wolle oder Kühe wegen ihrer Milch. Das ist doch lächerlich. Was aber WIRKLICH lächerlich ist, ist dieser alberne Kleckerbetrag von 100-150 Euro. Schon klar, mehr ist nicht drin. Aber warum dann die Leute verarschen und verhöhnen und das ganze auch noch euphemistisch „Betreuungsgeld“ schimpfen? Da gibt’s doch nun wirklich Besseres mit dem Geld für das Wohl unserer Kinder anzufangen, als dieser Betreuungsgeld-Unfug. Im Folgenden nun ein paar Vorschläge meiner Wenigkeit:

1.) Da es wohl kaum finanziell möglich ist, das Betreuungsgeld zu einem richtigen Gehalt aufzustocken, könnte man doch das Geld nehmen, um mehr qualifizierte Betreuer auszubilden und die Anzahl der Kitas zu erhöhen. Dann wüssten die Eltern ihre Kinder gut aufgehoben und könnten guten Gewissens arbeiten gehen.

2.) Wenn man das doof findet, könnte man auch das Geld nehmen und als Prämien an Firmen verteilen, die sich um die Kinderbetreuung ihrer Angestellten besonders verdient machen, indem sie z.B. eine firmeninterne Kinderbetreuung einrichten oder mehr Teilzeit oder flexible Arbeitszeiten oder Home office ermöglichen, so dass es für Eltern leichter ist, Arbeit und Familie unter einen Hut zu bringen.

3.) Man pfeift auf das Betreuungsgeld und erhöht einfach das Kindergeld.

4.) Man investiert das Budget fürs Betreuungsgeld in den Ausbau von Ganztagsschulen. Ist zwar für die Lehrer doof, weil sie dann auch länger arbeiten müssen. Auf der anderen Seite haben die wenigsten Leute vor 17h00 Feierabend und in anderen Ländern funktioniert das auch und da beschwert sich auch keiner. Und die Kinder wären den ganzen Tag lang gut aufgehoben, man könnte sogar noch überlegen, ob sie hinterher gemeinsam Hausaufgaben machen, die Lehrer könnten sich mit der Aufsicht abwechseln oder man engagiert dafür Studenten, dann können sie sich auch gegenseitig helfen, was wiederum gut für den Mannschaftsgeist ist. Aber ich komme schon wieder ins träumerische Weltverbessern.

5.) Man investiert das Budget für andere Formen der Nachmittagsbetreuung und -beschäftigung von Kindern und Jugendlichen. Treffpunkte und ähnliches.

Kurz gesagt, es gibt jede Menge besserer Ideen, wie man das Budget, das fürs Betreuungsgeld vorgesehen ist, sinnvoller für den Aufbau einer faireren, gleichberechtigteren, toleranteren Gesellschaft nutzen könnte. Und alles, was an Argumenten für das Betreuungsgeld kommt ist: „Ja, hier keine Diskussionen mehr, das Betreuungsgeld kommt.“
Ich bleibe dabei: Das Betreuungsgeld, wie es in der jetzigen Form angedacht ist, ist schlicht und ergreifend bescheuert. Selbstverständlich lasse ich mich gerne eines Besseren belehren, wenn ich nur endlich mal wenigstens den Versuch eines vernünftigen Dafür-Arguments wahrnehmen würde. Also, liebe Betreuungsgeld-Befürworter, lasst mal hören!

Essai 87: Über Migrationshintergründe

11. Mai 2012

Fürwahr, ein heikles Thema, das ich mir für diesen Essai ausgesucht habe. Man setzt sich da doch recht schnell in die Nesseln, wenn man was über Ausländer öhm tja nun Mitbürger mit migrationshintergründigen Wurzeln und Wurzelinnen erzählt. Aber da ich ja per Definition auch zu diesem Menschenschlag gehöre, weil meine Mutter nicht aus Deutschland kommt, denke ich reicht das an Qualifikation, um mich mal über diesen Begriff des „Migrationshintergrunds“ zu wundern und mich zu fragen, ob überhaupt irgendeiner eine Ahnung hat, was er meint, wenn er von „Integration“ spricht.

Recht schnell rutscht man bei den Begriffen „Migrationshintergrund“ und „Integration“ in die Klischee-Kiste ab und hüpft entweder zum einen Extrem, in dem man herumzetert, „die“ (Mitbürger mit Migrationshintergrund) würden sich ja gar nicht „integrieren“ wollen, würden außerdem „uns“ (Deutschen ohne Migrationshintergrund) die Arbeitsplätze wegnehmen und überdies seien „die“ ja auch alle faul und hätten keine Moral und was weiß ich. Oder man gleitet ins andere Extrem und gibt einem B*shid* (ich zensier den Namen mal bis zur Unkenntlichkeit, damit der mich nicht verklagt) den Bambi für seine tolle Integrationsarbeit. Der Kerl ist auch nicht ausländischer als ich, ein Elternteil kommt aus Woanders-als-Deutschland und der andere aus Deutschland. Zudem ist er in Deutschland aufgewachsen, wie ich auch. Wo bleibt also mein Bambi? Ich mag Rehe, ich würde mir das Ding sogar ins Regal stellen und mich freuen, versprochen! Meine vage Vermutung ist, dass besagter junger Mann deswegen mit dieser heuchlerischen ‚Ausländer-Scheißfreundlichkeit‘  behandelt wird, weil er eine Person des öffentlichen Lebens ist, den ‚Jugendlichen‘ als ‚Vorbild‘ dient und daher für die selbstbeweihräuchernde Prominenz bei der Bambi-Verleihung ungemein wichtig ist. Mich kennt ja kein Aas, also kann ich zwar schreiben, was ich will, aber ein goldenes Rehlein bekomme ich dafür nicht. Man muss halt Prioritäten setzen. Vielleicht bastel ich mir eins aus Alufolie und Klopapier. Aber das ist irgendwie nicht dasselbe…

Oh, ich schweife schon wieder ab, Verzeihung. Ich will mal versuchen, diesen Begriff des „Migrationshintergrunds“ ein wenig zu analysieren, vielleicht verstehe ich ja dann, was das eigentlich heißt. Dass das nicht ein fadenscheiniger Ersatz für den Begriff des „Ausländers“ ist, um politisch korrekt wirken zu können, selbst wenn man es nicht ist, ist denke ich klar. Wäre ja irgendwie auch ziemlich scheinheilig, einfach einen objektiv wirkenden Euphemismus für einen zur Beleidigung verkommenen, aber konkreten Ausdruck zu nehmen, damit keiner merkt, dass man Vorurteile hat. Dass man aber diese Vorurteile trotzdem noch hat, selbst wenn der Begriff sich geändert hat und durch seine neue Schwammigkeit auch gleich viel netter klingt, merkt man dann an Aussagen wie: „Sie sprechen aber gut Deutsch!“ – Ist wirklich wahr, das hat mal so ein Akquise-Fuzzi von einer Finanzberatung zu mir gesagt (keine Ahnung, aus welchem zwielichtigen Datenhandel-Deal der meine Nummer hatte), nachdem er festgestellt hatte, dass „Isabelle Dupuis“ doch ein französischer Name sei. Der Einfachheit halber habe ich gesagt „Ja“ und dann kam auch schon das vermeintliche Kompliment, mein Deutsch sei aber gut. Daraufhin habe ich mir den Spaß gemacht und in meinem schönsten Missingsch geantwortet: „Jo. Ich bin auch hiä geboor’n, nech“ und habe sogleich darauf verzichtet, diesem Stoffel meine spärlichen Ersparnisse anzuvertrauen. Ich kenne aber auch das andere Extrem, mir hat zwar bisher noch keiner vorgeworfen, ich hätte eine zweifelhafte Moral und würde hart arbeitenden Deutschen den Arbeitsplatz wegnehmen (wobei ich ja auch nur zur Hälfte „Ausländerin“ bin, sprich, ich bin dann nicht moralisch völlig verdorben, sondern nur halbseiden und wenn, dann nehme ich den hartarbeitenden Deutsch-Deutschen auch nur eine Teilzeitstelle weg), aber trotzdem scheinen manche Leute zu denken, sie könnten mich beleidigen, indem sie irgendwelche Sprüche über den Verzehr von Froschschenkeln und den angeblich mangelnden Wohlgeruch von Franzosen klopfen. Ich bin dann höchstens über den Mangel an Einfallsreichtum und psychologischer Subtilität enttäuscht. Einmal habe ich auch gekontert, wenn dem so ist, dass Franzosen das mit der Hygiene nicht so genau nähmen, dann stänke ich ja nur auf der einen Hälfte. Das kann man natürlich auch positiv sehen, auf der anderen Hälfte dufte ich nach Rosenblüten und so.

Was ich mit diesen kleinen Anekdoten zu demonstrieren gedenke, ist die totale Absurdität des „Migrationshintergrund“-Begriffs. Hinzu kommt, dass es offenbar bestimmte „Migrationshintergründe“ gibt, die migrationshintergründiger sind, als andere „Migrationshintergründe“. Wenn ich zum Beispiel jemanden, der gerade über „Ausländer“ herzieht, freundlich darauf hinweise, dass auch meine Mutter per Definition zu dieser Spezies gehört, bekomme ich zu hören: „Ja, du! Das ist ja wohl was anderes“. Wieso ist das was anderes? Entweder man ist Deutscher oder nicht und wenn nicht, dann ist man doch in Deutschland ein Ausländer. Ich bin Deutsche und Französin und Deutsch-Französin. Ich bin gleichzeitig Deutsche, Ausländerin, Halb-Deutsche und Halb-Ausländerin, zieht euch das mal rein. Da stößt dann doch dieses ganze Konzept an seine Grenzen und dann ist es vielleicht einfach mal an der Zeit, diese Dichotomie von „Inländer“ und „Ausländer“ fallen zu lassen. Außerdem, wie kann denn das angehen, dass ein Franzose weniger ausländisch ist, als beispielsweise ein Türke oder ein Türke mit deutscher Staatsbürgerschaft oder ein Deutscher mit türkischem Migrationshintergrund? Das ist doch Blödsinn! Wo fängt überhaupt ein „Migrationshintergrund“ an und wo hört er auf? Gibt es dabei auch eine Verjährungsfrist, so wie bei Verbrechen? Mein Vater hat zum Beispiel hugenottische Wurzeln, sprich, irgendwann vor einigen Jahrhunderten, lebten meine Vorfahren väterlicherseits in Frankreich und frönten ihrem protestantischen Glauben. Frankreich war damals in der Hand von Katholiken und aus unerfindlichen Gründen haben diese etwas gegen Protestanten gehabt und ihnen nach dem Leben getrachtet, woraufhin diese geflüchtet sind, im Falle meiner Familie nach Deutschland. Übrigens hat wenige Generationen später irgendein Urahn dann doch zum Katholizismus konvertiert, um im katholisch geprägten Süddeutschland Bürgermeister werden zu können. Ich verstehe das nicht, das ist ja nicht nur der gleiche Gott wie in allen monotheistischen Religionen, es ist auch noch derselbe, ist doch alles Christentum, wo liegt also das Problem? Manche Leute WOLLEN aber auch einfach nicht ihr Hirn benutzen. Außerdem sieht man doch daran, wie unterschiedlich sich die Texte in der Bibel deuten lassen, wie will man denn da mit Sicherheit sagen, wer denn nun eigentlich Recht hat und wer falsch liegt? Aber ich komme schon wieder vom Ästchen aufs Stöckchen, schlimm das. Wo war ich stehen geblieben? Ach ja, Verjährungsfrist für „Migrationshintergründe“. Genau. Also, hat mein Vater jetzt mit seinem hugenottischen Nachnamen und den dazugehörigen Wurzeln einen Migrationshintergrund oder nicht? Was ist mit meiner Oma, die im Elsass geboren wurde, was ja zwischendurch auch mal zu Deutschland gehörte. Das heißt, irgendwann waren ihre Vorfahren zwischenzeitlich Deutsche und dann wieder Franzosen und dann wieder Deutsche. Migrationshintergrund oder nicht? Hat überhaupt auch schon mal irgendwer den Umstand bedacht, dass Deutschland und überhaupt alle anderen Länder auch, nicht seit Anbeginn der Erde ihre heutige Beschaffenheit hatten? Was ist mit den großen Völkerwanderungen? Gilt das nicht auch schon als „Migrationshintergrund“? Was ist mit den Amerikanern, wieso spricht man da von „Afro-Amerikanern“, aber nicht von „Euro-Amerikanern“, „Australo-Amerikanern“, „Asia-Amerikanern“? Und wieso nennt man die eigentlichen Amerikaner nicht „Amerikaner“ sondern „amerikanische Ureinwohner“ („Indianer“ darf man ja nicht mehr sagen)? Wobei, ich meine gelesen zu haben, dass besagte „Ureinwohner“ auch nicht immer in Amerika gelebt haben… Da wird man ja ganz wirr im Kopf. Aber ernsthaft, entweder, man unterscheidet überhaupt nicht („Diskriminierung“ heißt übrigens nichts anderes als „Unterscheidung“/“Trennung“) oder man unterscheidet alles. Wobei letzteres, wie man an meinen kleinen Beispielen sieht, ziemlich unübersichtlich und verwirrend werden kann. Sowieso, wird dieser ganze Quark mit dem „Migrationshintergrund“ meiner Erfahrung nach komplett hinfällig, sobald man jemanden als individuellen Menschen kennenlernt. Klingt zugegebenermaßen jetzt etwas kitschig und gutmenschelnd, aber es stimmt. Deswegen sagen ja meine Freunde auch, wenn ich ihnen sage, ich hätte sozusagen auch einen „Migrationshintergrund“, so was wie „Ja, DU!“ und finden, dass das bei mir nicht als „Migrationshintergrund“ gelten könne. Weil sie mich halt persönlich kennen. Wenn ich jemanden persönlich kennen lerne, ist er dann nicht mehr „Der Pole“, „Der Türke“, „Der Iraner“, „Der Österreicher“, sondern dann hat er einen Namen und dann ist das spannend, davon zu erfahren, wenn er eine andere Kultur und andere Traditionen hat, als ich, aber dann schiebe ich den nicht mehr in irgendeine Schublade, klebe ein Etikett drauf und fertig. Dabei ist es ja auch egal, ob auf dem Etikett etwas Erfreuliches draufsteht, wie „ist integriert“ oder etwas Unschönes, wie „will sich ja gar nicht integrieren, die Sau“, Vorurteile sind Vorurteile und die kann man nur ablegen, wenn man sich von bescheuerten, absurden Begriffen wie „Migrationshintergrund“ verabschiedet und offen und neugierig auf andere Menschen zugeht und sich ein bisschen Mühe gibt, denjenigen näher kennen zu lernen.

So, und nun gehe ich mein Klopapier-Alufolien-Bambi für den Weltfrieden anbeten.

Essai 86: Über Gerichte mit Geschichte

4. April 2012

Im französischen Radio lief vorhin eine Sendung über das Essen und dabei habe ich einen interessanten Gedanken aufgeschnappt, den ich meiner werten Leserschaft nicht vorenthalten wollte. Jedes Gericht hat seine eigene Geschichte, hieß es. Als Studentin der Literaturwissenschaft und Narratologie (Erzähltheorie) möchte ich dem nicht ganz vorbehaltlos zustimmen, so schön ich diesen Gedanken auch finde. Wobei, wenn man zum Beispiel auch sagen kann, dass ein Bild eine Geschichte erzählt oder ein instrumentales Musikstück, warum dann nicht auch eine Ansammlung von Gerüchen und Geschmäckern, wie man sie in Gerichten findet? Schließlich können diese eine ganze Flut von Erinnerungen und Assoziationen hervorrufen, die zusammengenommen eine Art Geschichte bilden. Aber dann ist diese Geschichte ja bei jedem Menschen eine andere, während bei einem (nicht-abstrakten) Bild oder einem Musikstück die Geschichten, die der Betrachter oder Zuhörer damit verbindet sich doch eher ähneln.

Vielleicht war damit aber auch so etwas wie eine Tradition gemeint, die hinter bestimmten Gerichten steckt. Da gibt es ja tatsächlich Rezepte, die schon sehr alt sind und wirklich eine Geschichte haben, die ursprünglich für irgendwelche Könige gedacht waren oder Ähnliches. Es kann aber auch eine ganz persönliche Familiengeschichte dahinterstecken. Der Apfelkuchen, den meine Mutter immer macht und den ich auch in mein Repertoire übernommen habe, ist zum Beispiel ein Rezept, das schon meine Urgroßmutter immer benutzt hat. Oder die leckeren Käseplätzchen, die mein Opa immer gebacken hat. Meine Schwester und ich haben sein Rezept übernommen und wenn wir heute Käseplätzchen essen, ist das auch immer eine Erinnerung an unseren Opa und Teil unserer Familiengeschichte. Das hat doch auch etwas Tröstliches, oder?

Ich find’s bloß schade, dass es in Deutschland so ein merkwürdiges Verhältnis zur Nahrungsaufnahme gibt. In Frankreich oder auch in Wien, wo ich neulich für eine Woche war, habe ich den Eindruck, man geht viel natürlicher, freudiger und sinnlicher mit dem Essen um. Natürlich ist auch da nicht immer alles supertoll und Friede, Freude, Eierkuchen, aber zumindest die Esskultur wird mit einer gewissen Zuneigung gepflegt. In Deutschland macht man da entweder so eine Wissenschaft draus und sich das Leben viel zu kompliziert (Eier in den Mürbeteig? Backpulver für Crèpes? Zucker in die Salatsoße?) oder man isst, um satt zu werden und hauptsache, die Größe der Portion ist möglichst umfangreich. Kein Wunder, dass der Anteil der Übergewichtigen hier so hoch ist. Essen sollte doch auch Spaß machen, man sollte das doch auch genießen können. Wie will man denn etwas genießen, was so völlig ohne Vergnügen zubereitet wurde? Dann schaufelt man eben in Windeseile Nahrung in sich hinein, damit man nicht merkt, wie leidenschaftslos das Essen schmeckt. Das ist doch öde. Und da merkt man natürlich auch nichts von der Geschichte eines Gerichts.

Mich nerven ja immer die Leute, die mit stolzgeschwellter Brust verkünden, sie könnten nicht kochen. Das ist Unsinn. Jeder kann kochen, da halte ich es wie der Koch im Film Ratatouille, der der kleinen Ratte Rémi als Vorbild dient. À propos, diese kocht ja auch nicht sklavisch nach Rezept, sondern intuitiv, sinnlich, mit Spaß am Vergnügen. Und das kann wirklich jeder. Einfach mal in die Schränke gucken, eine Packung Nudeln hat man ja immer irgendwo und die kann man mit allem essen. Sogar mit Apfelkompott. Und dann improvisiert man mit dem, was man sonst so findet, eine Soße. Dafür braucht man kein kulinarisches Talent, nur ein wenig Experimentierfreude und Fantasie. Oder wenigstens Salz und Pfeffer. Dann kann man sich nämlich auch diesen widerlichen Dosenfraß sparen, bei dem sogar das am wenigsten eklige immer noch schlimmer ist, als das misslungenste Selbstgekochte. Außerdem weiß ja auch kein Mensch, was in diesen Dosenravioli und dergleichen Verbrechen gegen die Geschmacksnerven eigentlich drin ist. Das ist ja wie bei Katzenfutter, dann steht drauf „mit Rind“ und in der Zutatenliste, ganz klein gedruckt, ja mir ist manchmal langweilig im Supermarkt, dann lese ich mir das durch, „0,3% Rinderknochenasche“.

Aber so lange es Leute gibt, die diesen – Pardon – Scheiß in sich hineinschaufeln, weil sie stolz auf ihr eingebildetes Koch-Untalent sind, wird dieser Mist auch immer weiter produziert. Natürlich gibt’s diesen Ekelkram auch in Frankreich oder Österreich, aber da steht dem wenigstens eine traditionelle Esskultur gegenüber, mit Gerichten, die etwas zu erzählen haben. Es wäre schön, wenn sich in Deutschland auch mal so eine Wertschätzung von gutem, leckeren Essen etablieren könnte.

Essai 85: Über Vor- und Nachteile einer Frauenquote

31. März 2012

Unglaublich, dass ich zum umstrittenen Thema der Frauenquote noch nicht meinen Senf dazu gegeben habe. Asche auf mein Haupt, aber sowas von! Nun, aber die Einführung einer Frauenquote in der deutschen Arbeitswelt ist ja noch lange nicht vom Tisch und so für mich noch Gelegenheit, besagtes Versäumnis nachzuholen. Wohlan denn, frisch ans Werk! Welche Vorteile, welche Nachteile sprechen für, bzw. gegen die Einführung einer Frauenquote? Selbstverständlich ist der folgende Essai garantiert frei von Objektivität und voll von subjektiven Spekulationen. Beschwerden, Beschimpfungen, Beleidigungen bitte über die Kommentarfunktion loswerden.

Erst einmal muss ich ganz ehrlich sagen, dass ich es als beleidigend, diskriminierend und im 21. Jahrhundert einfach nur als peinlich empfinde, dass über die Einführung einer Frauenquote in Deutschland diskutiert werden muss. Eigentlich sollte es doch heutzutage selbstverständlich sein, dass die Stellen wirklich nach Qualifikation und sowohl fachlicher, als auch sozialer Kompetenz besetzt und dementsprechend honoriert werden, nicht nach Geschlecht, Religion, Hautfarbe, Alter, sexueller Ausrichtung, was auch immer. Ist es aber nicht. Noch immer sitzen erschreckend wenige Frauen in den oberen und obersten Etagen und weniger Geld kriegen sie obendrein auch noch. Das ist angesichts der Tatsache, dass Frauen mehr als 50% der Weltbevölkerung ausmachen, ein absoluter Skandal. Dass wir weniger qualifiziert wären, müssen wir uns nicht sagen lassen. Das stimmt schlicht und ergreifend nicht. Inzwischen machen wir die besseren Abschlüsse, wir sind (in der Regel, wir wollen hier ja keine Vorurteile schüren) fachlich und vor allem sozial kompetenter, sind mutiger, innovativer, kreativer, kritischer, überlegter und neugieriger als die männlichen Platzhirsche. Problem ist aber, dass die männlichen Platzhirsche das Sagen haben und die wollen in ihren erlesenen Kreis keine Frauen lassen. Warum, darüber kann ich hier nur wild und völlig unwissenschaftlich herumspekulieren. Dass sie Frauen tatsächlich für unfähig halten, kann ich mir nicht vorstellen. Ich glaube eher, sie haben Angst, dass wir Frauen eben einfach fähiger sind als sie und ihnen ohne Weiteres ihren Platz streitig machen können, wenn sie uns lassen. Die Zeiten, in denen sich die Männer darauf ausruhen konnten, dass sie in der Regel physisch kräftiger und somit für bestimmte Berufe fähiger sind als Frauen, sind – zum Unglück der Männer – überholt. Sicher gibt es diese Berufe immer noch, aber mit dem technischen Fortschritt sind sie seltener geworden, weil vieles heute von Maschinen erledigt oder derart unterstützt wird, dass auch kleine zierliche Frauen diesen Beruf ausüben können. Das heißt, die meisten der modernen Berufe haben keine geschlechtsspezifischen Anforderungen mehr. Nur streben weniger Männer in frühere ‚Frauenberufe‘ (Kinderbetreuung, Pflege, diverse Assistenz-Positionen), als Frauen in ehemals den Männern vorbehaltenen Posten. Das heißt, Männer haben ihrerseits keine glaubhafte Möglichkeit, eine Männerquote für bestimmte Stellen zu fordern. Wie hört sich denn das an: „Manno, wenn wir mehr Frauen in Führungspositionen lassen müssen, dann müssen die Frauen aber auch mehr Männer in die Kinderbetreuung lassen, das ist sonst voll gemein und alles.“ Da macht man(n) sich ja lächerlich. Wir Frauen haben doch überhaupt nichts dagegen, wenn mehr Männer sich sozial engagieren wollen. Aber den meisten Männern ist das nicht prestigeträchtig genug. Und mit prestige-untauglichen Berufen, in denen es darum geht möglichst mitfühlend und sozial zu sein, lässt sich vor anderen Männern nicht herumprotzen. „Mein Haus, mein Auto, mein Swimmingpool“ macht sich zum Angeben immer noch besser als „Meine Kindergartengruppe, unser Sandkasten, unser Gemüsebeet“. Uns Frauen ist das egal, wir finden dieses Herumposaunen mit Statussymbolen sowieso total albern und denken dann nur, der Herr habe offensichtlich Einiges zu kompensieren, aber bei anderen Männern können die Jungs offenbar Eindruck schinden. Und da wir Mädels nach wie vor nicht wirklich etwas zu melden haben, ist es auch das, was zählt.

Die Frage ist, lassen die Männer uns auch ohne Quote in den höheren beruflichen Positionen mitspielen? Ich denke: Nein! Gibt es denn für uns Frauen die Möglichkeit, auch ohne Quote, uns gegen die alteingesessenen männlichen Herrschaftsformen durchzusetzen? Nur, wenn wir uns den männlichen Spielregeln anpassen und ihre Hierarchie akzeptieren, aber dann heißt es ja gleich wieder: Zicke!

Es muss sich also grundlegend, strukturell etwas ändern, damit Frauen und Männer wirklich auf allen Gebieten die gleichen Chancen haben. Von alleine und freiwillig wird sich da nichts tun, wenn man die Leute machen lässt, was sie wollen, lassen sie einfach alles so, wie es ist, das macht keine Mühe und bisher ist ja auch immer alles gut gegangen. So leid es mir also tut, ich glaube, dass wir am Anfang, um diese grundlegende, strukturelle Änderung anzuwerfen, um eine gesetzliche Frauenquote nicht herumkommen. Wenn sich das dann eingependelt hat – und das wird es irgendwann – ist diese Quote vielleicht nicht mehr nötig. Aber für den Anfang ist sie das.

Verflixt. Ich wollte ja noch ein paar Nachteile der Frauenquote aufzählen… Hmm… Also… Nun ja… Die alteingesessenen Platzhirsche würden ganz schön schmollen.

Essai 71: Über Konsummüdigkeit infolge von omnipräsentem Überangebot an Nicht-Notwendigem

19. Dezember 2010

Weihnachten steht sozusagen direkt vor der Tür und die weihnachtsfeiernde Menschheit teilt sich – wie jedes Jahr – in zwei Lager. Auf der einen Seite haben wir die „Traditionalisten“, die das ganze Paket mit Liebe, Friede, Heiterkeit, Geschenken und prall geschmücktem Weihnachtsbaum bevorzugen.

Und auf der anderen Seite, die sich für ungemein originell haltenden, pseudo-rebellischen „Anti-Traditionalisten“, die total individuell gegen den weihnachtlichen „Konsum-Terror“ wettern, sich und ihren Lieben gegenseitig das – inzwischen schon zum Klischee verkommene – „Wir schenken uns nichts“ schwören und einen auf puristisch machen.

Eine Haltung, die mir – nebenbei bemerkt – reichlich auf die Nerven geht. In dem Versuch, dem einen Klischee zu entkommen, stürzt man sich voller Leidenschaft ins nächste. Nur dass die „Traditionalisten“ gar nicht erst so tun, als wären sie individuell, originell und was-weiß-ich. Die „Anti-Traditionalisten“ sind das schlimmste Klischee von allen und merken es nicht einmal. Das ist doch peinlich!

Außerdem, ich finde das schön, anderen etwas zu schenken, eine Freude zu machen und Liebe, Friede, Heiterkeit finde ich auch gut. Ja, ja, ich weiß, ich habe mich soeben als „Traditionalist“ geoutet, schon klar.

Bevor ich jetzt aber von den „Anti-Traditionalisten“ in der Luft zerfetzt werde, weil ich mit meiner Haltung den monströsen Konsumapparat des kapitalistischen Terrors personifiziert in der Figur des amerikanistischen Coca-C*la-Weihnachtsmannes unterstütze (Schleichwerbung ist pfui, daher das Sternchen), möchte ich ein großes „ABER“ hinzufügen.

ABER in einem Punkt haben die „Anti-Traditionalisten“ nämlich gar nicht so Unrecht und das ist die Sache mit dem „Konsum-Terror“. Ich würde es nicht unbedingt so martialisch als „Terror“ bezeichnen, aber schon als ein omnipräsentes Überangebot an Nicht-Notwendigem. Da wird man zum Beispiel mit riesengroßen Werbetafeln zugeballert, die die Zielgruppe „verzweifelter, weil unkreativer Mann mit weiblichem, charakterlich schwierigem Anhang“ anspricht und versucht selbiger allen Ernstes zu suggerieren, jede Frau wünschte sich so ein bescheuertes elektronisches Buch. Dann doch lieber einen Gutschein für die  Lieblings-Buchhandlung im Wert eines elektronischen Buchs. Das ist auch unkreativ, aber dann kann frau sich wenigstens aussuchen, was ihr Spaß macht und hat dann nicht so ein blödes Ding im Weg rumliegen, das sie dann auch noch benutzen muss, weil Männe sonst enttäuscht ist. Und womit Männe sowieso lieber herumspielt und sich voller Inbrunst in die Lektüre der Bedienungsanleitung stürzt, um dann hinterher mit treuherziger Penetranz seiner Angebeteten die Funktionsweise des blöden Dings zu erklären. Und sie darf sich dann nicht anmerken lassen, dass sie das überhaupt nicht interessiert und dass sie jetzt viel lieber ihr (echtes) Buch weiterlesen würde, anstatt den technischen Verbal-Ergüssen ihres Göttergatten mit unendlicher Geduld zu lauschen.

So, um aus den Untiefen des Gender-Stereotypen-Sumpfs wieder aufzutauchen, jetzt mal Schluss mit dem „Mann schenkt Frau elektronischen Firlefanz, den sie weder braucht noch will, er aber schon, und das ist auch der Grund warum er das verschenkt“-Gedöns. Ganz allgemein habe ich in letzter Zeit an mir beobachtet, dass ich ab einem bestimmten Punkt an Angeboten und Auswahlmöglichkeiten schlicht und ergreifend jegliche Lust verliere, mir überhaupt irgendwas zu kaufen. Und das ist natürlich in der Weihnachtszeit besonders extrem. Ich war zum Beispiel neulich mal im KadeWe in Berlin. Das war bombastisch, überall glitzerte und funkelte der Weihnachtsschmuck, große Kulleraugen gläserner Rehe strahlten mich an, dann überall Schokolade, Süßigkeiten, Kekse, Kuchen aus aller Welt, von der grandiosen Mode-Abteilung mal ganz zu schweigen. Es war überwältigend. Und ich wollte mir wirklich gerne irgendetwas kaufen, weil ich nicht so oft ins KadeWe komme und weil alles so fantastisch war. Aber ich wusste nicht was. Dieses Überangebot an Dingen, die zwar schön und toll sind, die man aber – rational betrachtet – nicht braucht, hat mich einfach total erschlagen. Und dann bin ich nach Hause gefahren, ohne mir etwas gekauft zu haben.

Was ich dabei festgestellt habe ist, dass das überhaupt nichts gemacht hat. Man muss nicht ständig irgendwas kaufen. Eigentlich braucht man doch viel weniger Zeug, als man glaubt. Also bin ich vielleicht doch eine verkappte „Anti-Traditionalistin“? Konsumverweigerung durch Konsummüdigkeit?

Neeeee… so einfach ist das natürlich nicht. Man kann nämlich auch hier einen Mittelweg finden. Wenn man zum Beispiel sich vorher überlegt, was man in etwa braucht, so eine grobe Richtung zumindest, dann kann man dem Konsumwahn entkommen, ohne gleich in das andere Extrem der Konsumverweigerung zu rutschen. Ich bin zum Beispiel in der Hinsicht ein großer Fan von Listen. Listen sind super. Und das macht so einen Spaß, kleine Häkchen hinter die erledigten Punkte zu setzen. Wenn man spontan etwas Geniales findet, kann man das ja trotzdem kaufen, aber man ist dann nicht so sehr erschlagen von dem omnipräsenten Überangebot, wenn man sich vorher einen groben Plan gemacht hat.

Soweit, so gut, ich wünsche dann noch allen Traditionalisten und Anti-Traditionalisten ein fröhliches, entspanntes Weihnachtsfest und lasst euch nicht vom Konsum-Monster terrorisieren.

Essai 54: Über den Valentinstag

14. Februar 2010

Nachdem ich in der Zeitung einen unglaublich dummen Kommentar zum Valentinstag gelesen habe, fühle ich mich nun bemüßigt, zur Feier des Selbigen ebenfalls meinen Senf beizutragen.

In dem Artikel ging es darum, dass die Schreiberline zu einer „seltenen“ „vom Aussterben bedrohten“ Art gehöre, nämlich der der hoffnungslosen Romantiker, die – Achtung, Klischee-Alarm! – noch an die „große Liebe“ glaube. Und als ob es der Klischees nicht damit schon genug wäre, führte sie dann auch gleich an, dass sie diesem romantischen Glauben anhänge, obwohl doch die Hälfte der Ehen geschieden würden. Dass im Gegenzug die andere Hälfte der Ehen nicht geschieden werden, wurde geflissentlich ignoriert.

Damit nicht genug, die Platitüden gingen noch weiter. Die literarische Einfallsfreiheit tönte dann rum, sie habe eine Freundin, die – das ist jetzt meine eigene Interpretation – offenbar irgendwo im geistigen und emotionalen Alter zwischen 13 und 14 hängen geblieben war, gleichzeitig aber der Meinung war, die Weisheit mit Tanklastern schnabuliert zu haben. Und vermutlich zuviele Vampirkitschromane gelesen und dabei die ironisch-distanzierte Haltung vergessen zu haben. Diese besagte Freundin wurde nun mit einer ihrer Weisheiten zitiert und als Beweis für die (stereotype, unreflektierte, selbstdiskriminierende) Meinung der „Autorin“ angeführt, was es denn mit der großen Liebe auf sich habe.

Mit dem Grundton der Überzeugung wurde so nun der uralte Irrtum hochgehalten, Liebe bedeute Schmerzen. Wenn es nicht wehtut, ist es keine Liebe.

Und das ist der Punkt, wo ich einfach mal ganz vehement widersprechen muss. Meiner Meinung nach ist es zwar spannender, tragische Liebesgeschichten zu lesen, zu sehen oder zu hören, so wie auch traurige Liebeslieder oft schöner sind als fröhliche. Aber: Wenn es um das RICHTIGE Leben geht, dann ist es einfach nur zum – Pardon – Kotzen, wenn die Liebe weh tut und man Liebeskummer hat. Im Nachhinein kann man das natürlich alles verklären, vielleicht muss man das auch, um mit den Schmerzen klar zu kommen. Aber mir kann keiner erzählen, dass er eine unglückliche, schmerzhafte Beziehung einer glücklichen, harmonischen vorzieht.

Sicher, es gibt den einen oder anderen, der auch diesem bekloppten Mythos der schmerzhaften Liebe aufgesessen ist, der möglicherweise auch aus irgendwelchen unglücklichen Verkettungen fieser Umstände glaubt, es nicht besser verdient zu haben.

Aber die wirkliche, wahre Liebe ist ganz ruhig, still und unspektakulär. Sie tut nicht weh, sie ist nicht laut und penetrant, sie beruht nicht auf Unausgewogenheit und Disharmonie, sie ist auch nicht schmerzhaft.

Natürlich muss man was dafür tun, damit die Liebe nicht weh tut. Und genau dafür finde ich den Valentinstag gut. Denn er bietet einem einen Anlass, mal wieder gemeinsam etwas zu unternehmen, dem anderen eine Freude zu machen und sich selbst damit auch. Das hat nichts mit hoffnungslosem Romantismus zu tun, sondern das ist reiner Überlebenswille. Denn wo kommen wir denn da hin, wenn das, was unser Leben lebenswert macht – nämlich die Liebe – wenn selbst das mit Leiden und Schmerzen verbunden ist.

Es wird mal Zeit, diesen dämlichen Mythos zu überdenken. Und nicht alles zu glauben, was in der Zeitung steht.

Einen fröhlichen Valentinstag noch an alle.


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