Posts Tagged ‘Dummheit’

Essai 198: Über Schlaufaulheit

2. März 2021

Menschen bilden sich ja gern ein, sie wären die Krone der Schöpfung. Ich halte das für Quatsch. Die meisten Menschen verhalten sich dumm: entweder dummfleißig, also verbissen überehrgeizig, oder dummfaul. Damit meine ich, wenn man nur darauf schaut, unmittelbaren Aufwand zu vermeiden, und sich damit langfristig mehr Aufwand aufhalst. Wenn ich jetzt zum Beispiel zu faul bin, meinen Kram nach dem Benutzen wieder an seinen Platz zu räumen, verbasel ich den Kram, und wenn ich das nächste Mal den Kram brauche, muss ich ewig suchen.

Schlaufaul wäre es, mir den minimalen Aufwand zu machen, nach dem Benutzen den Kram wieder zurück an seinen Platz zu stellen und dann weiß ich immer, wo das ist und spare mir nerviges Suchen. Schlaufaulheit bedeutet also, dass man unmittelbar ein kleines bisschen Mehraufwand in Kauf nimmt, und sich damit langfristig kolossal nervigen, völlig unnötigen Mehraufwand spart. Zum Beispiel, wenn ich zu faul bin, meine frisch gewaschene Wäsche nach dem Trocknen zusammenzulegen und zurück in Kommode und Schrank zu räumen, sie stattdessen einfach auf einen Haufen schmeiße, am besten noch zur Schmutzwäsche oder zur getragen-aber-noch-sauber-Wäsche. Dann habe ich da einen Riesenberg Wäsche und weiß gar nicht mehr, was da drin ist und wo und ob das überhaupt sauber ist oder dreckig. Und das ist dann ja total anstrengend, das auszuklamüsern und auseinander zu sortieren. Also lasse ich den Haufen einfach so, er wird immer größer und dann stehe ich eines Tages da und habe nichts Sauberes mehr anzuziehen und muss unter Stress diesen Riesenberg durchwühlen. Hätte ich einfach von vorneherein schlaufaul den kleinen Mehraufwand auf mich genommen, die trockene, saubere Wäsche an ihren Platz zu räumen, hätte ich dieses Problem gar nicht.

Oder auch beim Einkaufen: Ich bin da seit dem Lockdown eher dummfaul unterwegs und gehe lieber seltener einkaufen und ärgere mich dann, dass ich so schwere Taschen schleppen muss und mir die Nacken- und Schulterpartie verspanne. Schlaufaul wäre es, öfter kleinere Einkäufe zu machen. Aber bis zum nächsten Einkauf habe ich die Nackenschmerzen wieder vergessen und bin wieder genauso doof und ärgere mich über die schweren Taschen, die ich in den zweiten Stock hochschleppe.

Übrigens ist Schlaufaulheit auch eine gute Strategie, wenn man – wie ich – eher zu Dummfleiß neigt, sich viel zu viel Arbeit macht, weil man dem irrigen Gedanken anhängt, man müsste alles alleine wuppen. Stattdessen wäre es schlaufaul, um Hilfe zu bitten und Teile seiner Aufgaben zu deligieren.

Im Moment würde uns wohl allen mehr Schlaufaulheit gut tun, ob wir nun eher dummfleißig oder eher dummfaul sind. Denn wenn wir uns jetzt, wo die dritte Corona-Welle erst noch am Anfang steht, den Mehraufwand zusätzlicher Lockdown-Verschärfungen machen würden, dann könnten wir die Verbreitung des Virus und der Mutanten vielleicht noch einigermaßen ausbremsen, bis wir mit den Impfungen endlich mal aus dem Quark gekommen sind. Vielleicht könnte man dann im April oder Mai wieder mehr aufmachen, als wenn wir jetzt schon planlos irgendwas lockern, um kurzfristig Unannehmlichkeiten zu minimieren, und dann fliegt uns der Scheiß hier spätestens zu Ostern wieder um die Ohren, die letzten Monate waren für die Tonne, die Infektionszahlen steigen wieder exponentiell, die Krankenhäuser sind wieder überlastet, keine Kontrolle mehr, bei dem Chaos laufen die Impfungen auch nicht besser als jetzt und wenn wir nicht gestorben sind, dann sitzen wir 2050 noch im Lockdown und müssen uns mit immer bekloppteren Verschwörungstheorien herumplagen.

Und, wie geht es euch zur Zeit? Seid ihr eher dummfleißig oder eher dummfaul? Oder gehört ihr zu den beneidenswerten Zeitgenossen, die die Kunst der Schlaufaulheit meistern?

Essai 188: Über die dummdreiste Arroganz der Ahnungslosen

17. August 2019

Ich habe eine ganz schreckliche Vermutung: Möglicherweise bin ich intelligenter und gebildeter als der Durchschnitt. Wie ich auf diese anmaßend und eingebildet klingende Theorie komme?

Nun jaaa … ich bin, wie ihr wisst, viel in den Kommentarspalten sozialer Medien unterwegs. Und da begegnet einem ziemlich oft furchtbar dummes Zeug. Und ich kann und will unqualifizierten Quatsch nicht immer einfach so unwidersprochen stehen lassen. Am Ende glaubt das noch jemand, zum Beispiel, dass Impfungen mehr schaden als nutzen, dass es den Klimawandel gar nicht gibt, sondern dass die linksrotgrünversiffte Verbotspartei uns das nur einredet, um uns den Spaß zu verderben!!!1!111!!dankemerkel!!!1!12!“ Oder dass diese Ausländer an allem Schuld seien.

Und dann nehme ich es eben auf mich, und erkundige mich, wie die Kommentatoren auf diese Idee kommen. Manchmal, wenn ich müde und genervt bin von diesem haarsträubenden Ausmaß menschlicher Inkompetenz, schreibe ich auch sowas wie: „Was Sie da behaupten, stimmt nicht“, „Sie haben die Statistik falsch interpretiert“ oder „Sie haben sich offenbar nur auf Seiten informiert, die Ihre Sichtweise – die übrigens nicht den Tatsachen entspricht – bestätigen“.

So oder so: Es ist dann immer ein großes Hallo und die Leute, die den Quatsch verzapft haben sowie ihre ebenfalls geistig überforderten Zeitgenossen schießen sich auf mich ein, schreiben, ich wäre dumm und naiv und hoffentlich würde ich selbst mal von diesen „Rapefugees“ vergewaltigt/erleide selbst mal einen Impfschaden, dann würde ich ja wohl einsehen, wer Recht hat.

Seufz.

Was ich dabei immer wieder faszinierend finde, ist, dass meine Gesprächspartner offenkundig überhaupt keine Ahnung haben, was sie da reden, und das mit einer bestechend dummdreisten Arroganz einfach ignorieren. Bekannt ist dieses Phänomen auch als Dunning-Kruger-Effekt: Je inkompetenter jemand ist, desto eher überschätzt er seine eigenen und unterschätzt die Fähigkeiten seines (kompetenteren) Gegenübers.

Das begegnet mir gelegentlich auch im richtigen Leben, dass Leute in einem Brustton der Überzeugung irgendwelchen Scheiß behaupten, von dem ich entweder sofort weiß, dass es Blödsinn ist oder es durch eine kurze Recherche im Nachhinein als solchen entlarve.

So ein unerschütterliches Selbstvertrauen, selbst wenn man keine Ahnung von dem hat, was man da herausposaunt, hätte ich irgendwie auch ganz gern. Zumindest würde mir dann niemand mehr fiese Sachen an den Hals wünschen oder mich beleidigen, sondern dann würde man mir einfach alles abkaufen, was ich so an Unfug herauströte.

Dann würde ich vielleicht nicht ständig an mir zweifeln, Dinge hinterfragen oder so kreuzunglücklich darüber sein, dass niemand mehr heutzutage auf echte Experten hört und lieber Unfrieden stiftet, andere Leute mit Masern ansteckt oder weiterhin dazu beiträgt, die Erde zu zerstören, anstatt einmal kurz inne zu halten, zu reflektieren, ob der eigene Standpunkt überhaupt logisch ist, und dann wenigstens ein bisschen Demut zu zeigen.

Stattdessen hören dummdreist-arrogante Ahnungslose lieber auf Spinner, die unqualifizierten geistigen Dünnpfiff auf YouTube verzapfen, Hass säen oder beides gleichzeitig. Bestimmt fühlt es sich gut an, sich seiner selbst und seines (einfachen und nicht den Tatsachen entsprechenden) Weltbilds zu 100 Prozent sicher zu sein, zu einer Gemeinschaft anderer hasserfüllter Idioten zu gehören, die genau den gleichen Schwachsinn behaupten wie man selbst … da fühlt man sich bestimmt nicht so allein und so, als würde man gegen Windmühlen kämpfen, obwohl es völlig hoffnungslos ist.

Puh, das war jetzt ganz schön misanthropisch. Ich sollte solche polternden Vollidioten wahrscheinlich meinem eigenen Seelenheil zuliebe besser ignorieren. Aber das schaffe ich leider nicht. Ich denke, wenn man zu den Leuten gehört, die ein klitzekleines bisschen weniger dämlich sind als der Durchschnitt, hat man doch auch eine gewisse Verantwortung. Es gibt ja immer auch die stillen Mitleser oder die stillen Zuhörer, die sich nicht ganz sicher sind, ob der pöbelnde Dummdödel nicht vielleicht doch ein wenig Recht hat. Und da braucht es doch Menschen, die dagegenhalten, oder?

Komischerweise bin meistens ich diejenige, die dann als arrogante, eingebildete Intellektuelle dasteht, wenn ich Leute, die dummes Zeug behaupten, korrigiere. Anscheinend mögen es arrogante, eingebildete Dumpftröten nicht besonders, wenn man sie auf ihre Irrtümer aufmerksam macht. Dabei bin ich total höflich, ich sieze die Leute, ich bleibe sachlich, ich schreibe nie: „Halt die Fresse, du Honk“, sondern beziehe mich immer nur auf das Inhaltliche und kritisiere höchstens das Verhalten der Leute, werde also nicht persönlich ausfallend. Das scheint sie aber umso mehr zu reizen … verstehe ich gar nicht.


Und, wie sind eure Erlebnisse mit dummdreist-arroganten Ahnungslosen? Widersprecht ihr den Leuten? Oder habt ihr schon resigniert (ich selbst bin manchmal kurz davor …)?

Essai 162: Über dumme Sachen, die man sagt, wenn einem nichts Schlaues einfällt

8. August 2016

Menschen sind seltsame Geschöpfe, sie scheinen es nur schwer auszuhalten, einfach mal still zu sein, wenn ihnen nichts Konstruktives einfällt, was sie in einer bestimmten Situation sagen könnten. Da bin ich keine Ausnahme, auch ich ertrage peinliches Schweigen so gut wie nie mit Fassung und versuche dann, irgendwas zu sagen, und das ist dann meistens noch viel peinlicher, als wenn ich einfach den Mund gehalten hätte.

Das Gute daran ist, dass es einen viel lustigeren Essai ergibt, wenn man über eigene Peinlichkeiten schreibt, als wenn ich jetzt hier herumtröten würde, wie unfassbar toll ich bin, dass ich nie Fehler mache und was Besseres bin als alle anderen Idioten und man sich mir als Vorbild für Anstand, gutes Benehmen und vortreffliche Manieren nehmen sollte. Ernsthaft, lasst das lieber, ich habe auch keine Ahnung von wasauchimmer.

Ich habe hier einfach mal in loser, willkürlicher Reihenfolge ein paar Allerweltsaussagen zusammengetragen, die man gern mal von sich gibt, um überhaupt etwas zu sagen, obwohl einem eigentlich gar nichts dazu einfällt. Weitere Sprüche und Geschichten dazu können gern in den Kommentaren verewigt werden 😀

1. „Vorsicht“ (nachdem das, vor dem man sich in acht nehmen soll, bereits geschehen ist)

Mich nervt es ungemein, wenn ich irgendwo gegenlaufe, mir den Kopf stoße oder ich über etwas stolpere und dann sagt irgendein Schlaumeier „Vorsicht“ oder „Achtung“ oder sowas. Leider bin ich auch oft dieser nervtötende Blitzmerker, der Leute auf Gefahren aufmerksam macht, in die sie gerade schon selbst getappt sind. Das ist eigentlich total bescheuert und nicht ansatzweise hilfreich, aber offenbar braucht das Gehirn manchmal einen Moment, vor allem, wenn es sich erschrocken hat, bis es eine potenzielle Gefahrensituation als solche erkannt hat – und dieser Moment zieht sich anscheinend gelegentlich so lang, dass die Gefahr schon längst wieder vorbei ist, bevor man sie realisiert hat.

Um die Nerven desjenigen, der gerade gestolpert ist oder sich gestoßen hat, nicht zu stark zu strapazieren, könnte man jedoch vielleicht beim nächsten Mal statt „Vorsicht“ lieber sagen „Oh, hast du dir wehgetan?“

2. „Frag doch mal“

Wenn ich einkaufen gehe und etwas Bestimmtes suche, dann gucke ich gern ersteinmal in Ruhe selbst, ob ich das Gesuchte finde. Gelingt es mir nicht, das Objekt meiner Begierde alleine aufzutreiben, frage ich einen Verkäufer. Es kann jedoch auch sein, dass ich keine Lust habe, zu fragen und dass mir die Sache so wichtig nun auch wieder nicht ist, sodass ich den Laden wieder verlasse, ohne etwas gekauft zu haben.

Das ist überhaupt nicht schlimm und gar kein Problem, was ich allerdings nicht ausstehen kann, ist, wenn mich jemand beim Einkaufen begleitet und mich dazu ermuntern will, einen Verkäufer zu fragen, während ich selbst grad noch gucke oder wenn ich bereits entschieden habe, dass ich auch ohne das Ding leben kann und ich keinen Bock habe, mit fremden Leuten zu reden. „Frag doch mal“ ist in diesem Moment ein Satz, der mich zielsicher mit 180 Sachen auf die Palme bringt, weil er suggeriert, dass ich zu doof bin, selbst auf die Idee zu kommen, jemanden um Rat zu fragen, der es besser weiß als ich, wenn ich alleine keine Lösung finde. Grummel!

3. „Ich hab’s dir ja gesagt!“

Zugegeben, diesen Satz muss ich mir selbst soooo oft verkneifen – und manchmal rutscht er mir dann doch heraus. „Ich hab’s dir ja gesagt“ oder „Das hätte ich dir auch gleich sagen können“ helfen dem anderen kein Stück und reiben ihm außerdem noch unter die Nase, dass nur eine totale Vollnulpe wie er die Konsequenzen seiner von vorneherein zum Scheitern verurteilten Idiotenentscheidung nicht hätte vorhersehen können und dass er deswegen ständig einen Anstandswauwau an seiner Seite braucht, der aufpasst, dass er keinen Mist baut.

Manche Menschen machen es einem wirklich nicht leicht, auf dumme Klugscheißersprüche zu verzichten, weil sie wirklich dauernd komplett dämliche Entscheidungen treffen und keine Sekunde vorher mal nachdenken und sich hinterher über die Konsequenzen wundern, die andere dann immer wieder geradebiegen müssen. Da muss ich mir dann richtig auf die Zunge beißen, um nicht ein sarkastisches, überhebliches „Pff, war ja klar!“ vom Stapel zu lassen. Selbst, wenn Leute allumfassend unfähig sind, ist niemandem damit gedient, wenn man es ihnen ständig sagt. So ändert sich ja nie etwas, wenn man ihr Selbstwertgefühl mit Füßen tritt. Allerdings weiß ich auch nicht, was man stattdessen machen soll, wenn erwachsene Menschen durch ihr eigenes dummes Verhalten ständig in ihr Verderben rennen, man sieht das und warnt und der andere baut trotzdem Mist, weil er meint, alles besser zu wissen. Vielleicht schweigen und den anderen sein Chaos alleine aufräumen lassen? Und konkrete Tipps geben, falls der andere seinen Fehler doch einsieht, wie sich sowas künftig vermeiden ließe?

4. „Beeil dich!“

Gut, ich bin gelegentlich etwas verträumt und mit meinen kurzen Beinchen kann ich ohnehin nicht so schnell laufen. Da kann ich verstehen, wenn das andere nervt und sie ungeduldig werden. Trotzdem weiß ich ja, wenn Eile angesagt ist, und dann mache ich halt so schnell wie ich kann, ohne dass man mir ein genervtes „Beeil dich!“ vor den Latz knallt. Oder es ist keine Eile angesagt, dann sehe ich nicht ein, warum ich mich grundlos abhetzen und herumstressen sollte. So einfach ist das.

5. „Das bist nicht du“

Menschen ändern sich, entwickeln sich und nicht immer kommt das Bild, das wir uns von ihnen gemacht haben, schnell genug hinterher. Wenn sie sich dann für uns ungewohnt verhalten, kann uns das irritieren. Allerdings ist es dann überhaupt nicht sinnvoll „Das bist nicht du“ oder sonstwas Kategorisches zu sagen, das den anderen in eine Schublade steckt, ihm ein Etikett aufklebt und ihm unterstellt, dass man viel besser weiß als er selbst, wer er ist und wer nicht. Das finde ich fürchterlich arrogant, selbstherrlich, selbstgefällig und destruktiv. Warum steht man nicht dazu, dass man überrascht ist und schildert seine Verwirrung ganz ehrlich und fragt neugierig, wie es zu der Veränderung kam? Das ist doch spannend, wenn Menschen sich entwickeln.

6. „Nicht, dass du dich hinterher beschwerst!“

Dieser Satz fällt meistens dann, wenn jemand mir einen seiner Meinung nach unverzichtbar guten Rat ungefragt aufbrummt und ich diesen dankend ablehne beziehungsweise mit einer vagen Larifari-Antwort versuche, mir die Entscheidung, ob ich den Rat befolge oder nicht, für später vorzubehalten. „Nicht, dass du dich hinterher beschwerst“ nervt deswegen, weil er ähnlich wie „Frag doch mal“ mir unterstellt, dass ich zu blöd bin, eigene Entscheidungen zu treffen und mit den Konsequenzen zu leben. Außerdem wird damit angedeutet, dass ich mich andauernd über selbstverschuldete Unannehmlichkeiten beklage, obwohl man doch ständig großmütig versucht, mich vor mir selbst zu schützen.

Das bedeutet ja nicht, dass man anderen nicht ungefragt einen guten Rat geben darf (wobei ich es immer höflicher und respektvoller finde, vorher zu fragen). Aber die Entscheidung, ob der andere dem Rat folgt oder nicht, bleibt beim Betroffenen, nicht beim Ratgebenden. Wenn dieser wirklich dem anderen helfen und ihm etwas Gutes tun will, sollte er seinen Rat geben und gut ist. Ansonsten wirkt das respektlos und übergriffig und dient nur dem Zweck, sein eigenes Ego aufzuplustern.

Essai 161: Über rationale und emotionale Argumente

24. Juli 2016

Eigentlich bin ich friedfertig und habe gern meine Ruhe, aber manchmal kann ich einem gepflegten geistigen Duell einfach nicht widerstehen. Neulich zum Beispiel habe ich mich mal wieder mit einem Kerl auf Facebook gestritten (Spoiler: Ich habe gewonnen 😛 ). Es ging um einen Comic von Erzählmirnix, wo ein Mann einer Frau erklärt, dass der Unterschied zwischen Männern und Frauen darin bestünde, dass Männer rational argumentieren und Frauen mit Gefühlen. Die Frau sagt daraufhin: „Das stimmt nicht“ und der Mann konstatiert: „Siehst du, da haben wir wieder den Beweis: Ich stelle ganz rational Tatsachen fest und du als Frau weigerst dich, die Realität zu akzeptieren und argumentierst damit, was du lieber hättest.“ Da ich diesen Quatsch auch schon des Öfteren gehört habe, habe ich das natürlich kommentiert. Beim Scrollen durch die Kommentare fiel mir dann ein Beitrag auf, wo besagter Kerl spekulierte: „Ich meine mich zu erinnern, dass es mal eine psychologische Studie mit diesem Ergebnis gab 😉 Die mag natürlich falsch sein, aber wissenschaftlich gilt eine These bekanntermaßen, bis sie widerlegt wurde ^^“ Und da wollte ich ganz gern wissen, was es mit dieser Studie auf sich hat. Zunächst aber erzählte ich eine Anekdote, in der ich Parallelen zu seiner Argumentation sah. Ein Freund von mir, der sich ebenso gern geistig duelliert wie ich, hat mir mal von einer Studie berichtet, die beweisen soll, dass Frauen grausamer seien als Männer. In einem Versuch, wo die Probanden jemandem Stromstöße verpassen sollten, hätten die Frauen häufiger aufs Knöpfchen gedrückt als die Männer. Da wollte ich dann gern mehr Details zur Studie wissen: Wer hat sie wann unter welchen Bedingungen mit wie vielen Menschen durchgeführt? Wo kann man sie finden und das nachlesen? Wie war die Ausgangsthese und könnte es sein, dass Vorurteile eine Rolle gespielt haben? Antworten gab es keine.

Ursprünglich hatte ich diese Geschichte eigentlich nur erzählt, weil ich es amüsant fand, dass man eine Studie anbringt, um seine Argumentation scheinbar rational zu untermauern und tüchtig Eindruck zu schinden, bei näherem Nachfragen stellt sich dann jedoch heraus, dass man da irgendwie mal von irgendwas gehört hat, und eigentlich nichts Genaues weiß. Und das von Männern, die den Eindruck erwecken, sie argumentierten rational. Wobei implizit angenommen wird, dass rationale Argumente immer besser wären als emotionale Argumente. Da der feine Herr sich weigerte, mir den Link zur Studie zu schicken, sich in Widersprüchen verhedderte und lustigerweise ins Emotionale abdriftete und anfing, mich zu beleidigen, schlug ich einen Kompromiss vor: Männer und Frauen argumentieren beide emotional und rational, was davon jeweils überwiegt, hängt von der Persönlichkeit, Temperament, Situation, Kontext, persönlichem Hintergrund, Tagesform und Thema ab, weniger vom Geschlecht. Wenn es vom Geschlecht abhängt, ist es wahrscheinlich zum großen Teil der Erziehung geschuldet, die nach wie vor Männern „untersagt“ Gefühle zu zeigen und Frauen einredet, sie würden Schwierigkeiten haben, einen heiratstauglichen Göttergatten zu finden, wenn sie zu viele rational untermauerte Widerworte gäben. Da meinte er, das sei falsch, und überhaupt, er wisse doch auch nichts von der Studie, hätte nur gefragt, ob es eine solche nicht gäbe, sie sei ihm überdies völlig egal und außerdem hätten beide Personen im Comic unrecht. Da brachte ich den Einwand, dass nicht beide unrecht haben können, da Person A sagt „XY ist Fakt“ und Person B sagt „Das stimmt nicht“. Etwas kann ja nicht gleichzeitig Fakt und nicht Fakt sein. Ich meine, daraufhin wurde er wieder ausfallend … Jedenfalls, irgendwann war mir das dann auch zu blöd, da schlug ich ihm vor, wir könnten uns einfach einigen, dass ich das geistige Duell gewonnen hätte, woraufhin er mich als dumm und asozial beschimpfte. Höhöhö, ist mal eine nette Abwechslung, sonst kriege ich eher vorgeworfen, ich wäre ein Klugscheißer, Streber und zu nett (wobei wir ja alle wissen, wessen kleine Schwester das Wort „nett“ ist). 😀

So viel zur Vorgeschichte, weshalb es mich in den Fingern gejuckt hat, diesen Essai zu schreiben. Der Blödmann wollte nämlich partout nicht zugeben, dass er Schwachsinn verzapft und selbst keine Ahnung hatte, wovon er denn da redet, und … nun ja, der Vorwurf mit dem Klugscheißer ist wohl berechtigt. Selbst, wenn ich weiß, dass ich recht habe, höre ich es doch ganz gern, da fühle ich mich gebauchpinselt. Wir haben alle unsere kleinen Eitelkeiten *hüstel* Nachdem das geklärt ist, möchte ich gern wissen, was denn nun eigentlich genau rationale Argumente im Gegensatz zu emotionalen Argumenten sein sollen. Denn meiner Ansicht nach kann man gar nicht umhin, dass sich immer persönliche, emotionale Motive unbewusst in unsere Aussagen mogeln. Das merken wir in dem Moment nicht unbedingt, wenn es nur ganz subtile, leise emotionale Töne sind, aber da sind sie trotzdem. Man könnte höchstens sagen, dass in wissenschaftlichen Arbeiten, Studien und bei seriöser Berichterstattung im Journalismus sowie vor Gericht versucht wird, seine Emotionen weitestgehend in den Hintergrund zu schieben und sich auf die bloße Nennung der Fakten zu beschränken. Im Schriftlichen gelingt das sogar noch einigermaßen, aber sobald man etwas ausspricht, verraten Stimme, Tonfall, Betonung und Körpersprache etwas von der inneren Haltung. Aber sagen wir, dass in diesen Bereichen die rationalen Argumente überwiegen, so gut sie es eben können.

Sind emotionale Argumente denn im Gegenzug immer schlecht? Klar, wenn es um Wissenschaft, Recht und Berichterstattung geht, kann man nicht einfach schreiben oder sagen: „Ach, also ich habe das Gefühl, der Angeklagte ist ein dummes Stück Dreck, deswegen ist er meinem Empfinden nach definitiv schuldig.“ Eine gerechte Verhandlung wäre dann nicht mehr möglich. Aber angenommen, es geht nicht um Fakten und Taten, sondern um Befindlichkeiten, Meinungen und persönliche Vorlieben. Kann man da überhaupt rational argumentieren und wenn ja, ist das sinnvoll? Es entstehen dauernd Missverständnisse in zwischenmenschlichen Beziehungen, weil jeder einen unterschiedlichen Hintergrund, eigene Wahrnehmung und Perspektive, Gewohnheiten, Kenntnisse, Erziehung und so weiter hat. Wenn man dann seine persönlichen Ansichten als Fakten darstellt, kann man den Konflikt niemals klären. Weil dann beide auf ihrem Standpunkt verharren und diesen verteidigen, denn für beide erscheint der eigene Standpunkt als Wahrheit. Da ist es doch besser, man argumentiert ehrlich mit seinen Gefühlen, steht dazu, dass es Befindlichkeiten und keine Fakten sind und versucht, die Gefühle des anderen nachzuvollziehen oder zumindest zu akzeptieren.

Von daher finde ich, dass sowohl emotionale als auch rationale Argumente ihre Daseinsberechtigung haben und es das Beste ist, wenn man beides beherrscht und je nach Situation, Kontext und Diskussionspartner mal mehr in die eine oder andere Richtung tendiert. Das ist natürlich der Idealzustand, im wirklichen Leben platzt einem dann doch mal der Kragen und man schaltet auf stur und vergisst, dass die eigenen Gefühle keine Fakten sind. Das ist einfach menschlich, aber weder explizit männlich noch ausschließlich weiblich. Meiner Meinung nach könnten wir trotzdem ruhig mal etwas netter und nachgiebiger miteinander umgehen. Und uns vielleicht auch mal fragen, ob unsere Behauptungen wirklich eindeutig belegbar sind, oder eher als Überzeugung getarnte Meinungen und Befindlichkeiten sind. In diesem Sinne: Wer das nächste Mal als rationales Argument eine Studie aufs Tapet bringt, sollte vorher noch mal den Link zur Originalquelle heraussuchen – oder lieber schweigen.

Essai 155: Über stilvolles Beleidigen

13. April 2016

Wer sich auf Onlineforen oder in den Kommentarspalten sozialer Medien tummelt, hat oft Gelegenheit, die Kunst des stilvollen Beleidigens zu trainieren. Es ist wirklich faszinierend, wie viel Unsinn sich Menschen ausdenken und auch noch für alle lesbar niederschreiben können. Darüber kann man verzweifeln, muss man aber nicht. Allerdings ist es auch wenig erquicklich, auf einen strunzdämlichen Kommentar zu antworten, dass der Kommentar strunzdämlich ist. Das Problem mit Idioten ist nämlich, dass die einen auf ihr Niveau herunterziehen und mit Erfahrung schlagen, wenn man sich auf eine Diskussion mit ihnen einzulassen versucht. In der Folge wirft man sich gegenseitig stillose Beleidigungen an den Kopf und hinterher hat man schlechte Laune, weil der Idiot einen längeren Atem als man selbst in Bezug darauf hat, seinen geistigen Dünnpfiff wiederzukäuen.

Was also kann man tun? Ignorieren? Ist eigentlich für den Seelenfrieden am besten, aber ab und zu juckt es einen dann ja doch in den Fingern. Oder es besteht Hoffnung, dass der Idiot vielleicht nicht ganz so dämlich ist und sich von sachlichen Argumenten möglicherweise doch zum Nachdenken anregen lässt. Und wenn schon nicht er selbst, dann vielleicht Menschen, die den Wortwechsel mitlesen. Stilvolles Beleidigen ist da eine ganz pfiffige Strategie, und die geht so:

1. Stilvolles Beleidigen ohne Beleidigungen

Hö? Stilvolles Beleidigen muss ohne Beleidigungen auskommen? Wie geht das denn? Tja, das ist paradox, aber tatsächlich ist es das Beste, wenn man den anderen nicht offensichtlich und offensiv beleidigt. Sonst ist er nämlich in der vorteilhaften Position, sich als Opfer ungerechtfertigter Angriffe stilisieren zu können und braucht überhaupt keine Argumente mehr, um als Derjenige, der recht hat, dazustehen. Blöd. Also bleibt man ganz höflich, sachlich und freundlich, zeigt Respekt und Achtung vor seinem Gegenüber und hinterfragt lediglich den Inhalt des Kommentars, wird also nicht persönlich.

Weiterer Vorteil: Der andere kennt diese Art der Kommunikation wahrscheinlich nicht, ist verwirrt und irritiert – und gerät womöglich ins Straucheln. Wenn man Glück hat, wird er selbst ausfallend und beleidigend, sodass man selbst wiederum in der vorteilhaften Position ist, sich als Opfer ungerechtfertigter Angriffe hinstellen zu können. Ausgebufft, oder? Also, anstatt zu schreiben: „Du dumme Sau hast doch überhaupt keine Ahnung und laberst hier nur Scheiße!“ sollte man lieber schreiben: „Ich verstehe Ihren Ärger, doch Ihre Argumentation erschließt sich mir noch nicht ganz.“ Dass man den Ärger des anderen versteht, ist natürlich gelogen, aber trotzdem kann der andere nichts dagegen sagen. Ätsch 😛

2. Gegenfragen stellen

Gegenfragen sind eine einfache, aber oft wirksame Strategie, damit der andere sich selbst als Idiot entlarvt. Dann muss man nämlich nicht mehr beleidigend werden und konkret aussprechen, dass der andere strunzdummes Zeug labert und nicht alle Tassen im Schrank hat, weil das dann auch so von alleine klar wird. Hübsche Gegenfragen sind zum Beispiel: „Mögen Sie mir Argument XY noch einmal genauer erläutern?“ oder „Haben Sie dafür sachliche Argumente oder wollen Sie es bei der bloßen Behauptung belassen?“ oder „Das ist ja interessant, was Sie da behaupten, aber haben Sie dafür auch stichhaltige Quellen, die Ihren Standpunkt objektiv beweisen?“

Es kann natürlich sein, dass daraufhin wirklich stichhaltige Argumente aufkommen. Sollte dieser Fall eintreten, kann sich daraus eine fruchtbare, spannende Diskussion entwickeln und dann kann man sich freuen, dass man nicht ausfallend geworden und höflich geblieben ist. Kommen daraufhin schwachsinnige Pseudoargumente à la „Ist halt so“ oder „da muss man halt über eine gewisse Intelligenz verfügen, um das so zu sehen (wie ich, weil ich bin so kluk!)“, kann man weiter nachfragen. „Tut mir leid, aber ich habe das immer noch nicht verstanden. Wie kommen Sie darauf, dass XY tatsächlich so passiert?“

3. Quellen prüfen

Fragt man nach Quellen, muss man damit rechnen, dass wirklich welche genannt werden. In diesem Fall lohnt es sich, reinzulesen und zu schauen, woher sie kommen, wer sie geschrieben hat und einen Blick ins Impressum zu werfen. Manchmal untermauern Leute ihre Behauptungen nämlich gern mit Links, die zu irgendwelchen Blogs oder Seiten von Leuten führen, die Dasselbe behaupten und ebenfalls weder objektiv nachvollziehbare Argumente noch seriöse Quellen nennen. Das kann man gut am Tonfall erkennen: Ist er polemisch, spöttisch, höhnisch oder verächtlich? Dann ist er mit großer Wahrscheinlichkeit zur objektiven Beweisführung ungeeignet.

Stutzig werden sollte man außerdem, wenn es weder ein Impressum noch ein Autorenporträt gibt. Ein Impressum habe ich auch nicht, aber immerhin könnt ihr unter „Über die Autorin“ erfahren, wer eigentlich diese Isabelle Dupuis ist, die hier so herumklugscheißert und immer alles besser weiß. So könnt ihr entscheiden, ob ihr findet, dass meine Expertise ausreicht, um hier etwas zum Thema stilvolles Beleidigen überzeugend darbringen zu können, oder ob ihr findet, ich habe zu dem Thema ja wohl gar nichts zu melden und soll mich hier gefälligst nicht so aufplustern und meine blöde Klappe halten. Gibt es keine Informationen darüber, was für Erfahrungen ein Autor hat, ist es nicht möglich, den Glaubwürdigkeitsfaktor eines Texts einzuschätzen. Es gibt Quellen, etablierte Zeitungen und Zeitschriften, öffentlich-rechtliche Medien, die bereits genug Glaubwürdigkeit mitbringen, weil man weiß, da arbeiten seriöse Journalisten. Die haben dann aber in der Regel ein Impressum und man merkt am Tonfall, ob der Autor sich um Objektivität bemüht oder seine subjektive Meinung über ein Thema äußert.

4. Rechtschreib- und Grammatikfehler korrigieren

Jetzt wird es doch ein bisschen unsachlich. Gibt es für die ersten drei Methoden zum stilvollen Beleidigen keine Ansatzpunkte, kann man, wenn man unbedingt etwas zu einem Meckerpöbeldummdödelkommentar sagen möchte, einfach seine Grammatik- und Rechtschreibfehler korrigieren. Keine Sorge, davon gibt es in Meckerpöbeldummdödelkommentaren immer welche zu entdecken. Trotzdem sollte man aber höflich und respektvoll bleiben. Beispiel für einen Dummdödelpöbelkommentar: „Dass ist so ein SCHWACHSINN was soll dass seit Ihr Dumm oder was!!!1111!!!??!?!??“ Da gibt es mannigfaltige Möglichkeiten, Grammatik, Rechtschreibung und Stil nach Manier eines Literaturkritikers zu zerpflücken. Trägt nichts zur Klärung des Sachverhalts bei, macht aber Spaß.

5. Nicken, lächeln, „Arschloch“ denken

Was bei Idioten im wirklichen Leben funktioniert, klappt auch bei unverbesserlichen Kommentar- und Forenpöblern. Sollten alle anderen Versuche gescheitert sein, zieht man sich am besten aus der Diskussion mit formvollendeten Manieren zurück. Also schreibt man so etwas wie „Ach so, na dann, wenn du meinst“, macht einen niedlichen Grinsesmiley dahinter, zum Beispiel 🙂 oder 😀 und denkt sich seinen Teil.

Essai 150: Über Selbstverständlichkeiten, die keine sind

12. Dezember 2015

Das Dumme ist, dass ich immer von mir auf andere schließe. Und so erwarte ich dann, dass allen Menschen daran gelegen ist, mit anderen gut auszukommen und ansonsten ihre Ruhe zu haben. Für mich ist das selbstverständlich, freundlich und höflich zu allen zu sein, mich an Absprachen zu halten und mich möglichst so zu verhalten, dass ich die Dinge nicht schlimmer mache als sie sowieso schon sind – sofern ich das beeinflussen kann.

Dass das ganz und gar nicht selbstverständlich ist, zeigt der Syrien-Einsatz der Bundeswehr. Was soll das denn bitte Konstruktives zur Konfliktlösung beitragen und inwiefern soll das bitte den Terrorismus bekämpfen, wenn wir da jetzt unsere schrottigen Jets hinfliegen lassen? Damit liefern wir doch dem IS eine Rechtfertigung für seinen Terror und vielleicht schließen sich dann noch mehr Leute, die bisher unentschlossen sind, diesem Verein an. Die anderen Menschen, die wie ich einfach nur mit anderen gut auskommen und ihre Ruhe haben wollen, werden in den Krieg mit hineingezogen, obwohl sie niemandem etwas getan haben. Wenn sie es schaffen zu flüchten, will sie in Europa schon wieder keiner aufnehmen. Es ist also das Verheerendste und Dämlichste, was man machen kann, Kampfjets und anderen Kriegskram gegen den IS zu schicken. Davon einmal abgesehen, dass es für diese absolut hirnrissige Entscheidung noch nicht einmal eine rechtliche Grundlage wie zum Beispiel ein Mandat gibt.

Oder Nächstenliebe, die halte ich ebenfalls für selbstverständlich, und das muss ich gar nicht, denn ich bin Atheistin. Im Mittelalter wäre ich – selbstverständlich – auf dem Scheiterhaufen gelandet, ich ketzerische Heidin, ich. Trotzdem bin ich der Meinung, dass man Menschen helfen sollte, wenn man sieht, dass sie in Not sind. Oder dass man zumindest denen, die helfen, das Leben nicht noch schwerer macht als nötig, indem man zum Beispiel Flüchtlingsheime abfackelt. Warum machen Menschen sowas? Ich verstehe es einfach nicht. Warum jubeln Menschen Leuten zu, die menschenverachtende Kackscheiße vom Stapel lassen? Warum wählen einige Menschen solche Leute? Warum hat der Front National in meinem Mutterland Frankreich so viel Erfolg? Warum gibt es Menschen, die die AfD immer noch gut finden?

Aber auch alltägliche Selbstverständlichkeiten, die gar keine sind, treiben mich regelmäßig an den Rand der Verzweiflung. Das ist eigentlich völlig lächerlich und spießig, aber ich lege wirklich großen Wert auf Höflichkeit und Zuverlässigkeit. Und wenn dann jemand sich nicht an eine Abmachung hält, nicht einmal von sich aus absagt, sondern ich das auf den letzten Drücker durch Zufall oder zwischen Tür und Angel erfahre, dass die Absprache platzt, dann macht mich das sauer. Weil es doch eigentlich selbstverständlich ist, dass man von sich aus absagt und wenigstens ein bisschen zerknirscht ist, wenn man eine Verabredung nicht einhalten kann. Das kann doch nicht so schwer sein?

Ebenfalls selbstverständlich ist für mich, Eigenverantwortung zu übernehmen. Das heißt, wenn mich jemand kritisiert, dann überlege ich, ob was dran ist. Wenn ja, versuche ich, dran zu arbeiten. Wenn nicht, dann nicht, dann hefte ich die Kritik unter „unberechtigt“ ab und gut ist. Wobei, na ja, das ist sozusagen der Idealfall. Wenn die unberechtigte Kritik von Menschen kommt, die ich selbst sehr schätze und gern habe, dann wurmt mich das, weil ich denke, wie kommen die denn auf die Idee, mir so etwas aus meiner Sicht Abwegiges zu unterstellen? Das ist doch selbstverständlich, dass ich niemanden kränken oder verletzen will, den ich schätze und gern habe. Oder nicht? Kommt die unberechtigte Kritik allerdings von irgendwelchen Leuten, die mir wumpe sind, dann lasse ich sie blubbern und denke mir meinen Teil.

Also insgesamt ist das doch gar nicht so selbstverständlich mit den Selbstverständlichkeiten. Da benehmen sich Leute wie die letzten Arschlöcher, obwohl das überhaupt nichts Konstruktives zum Gemeinwohl beiträgt. Da machen Menschen dumme Sachen und bringen damit sich und/oder andere in Gefahr, obwohl sie ganz genau wissen (können), wie dumm und unnötig diese Sache ist. Da zetteln Politiker Kriege an, die sie unmöglich gewinnen können und die am Ende nur Verlierer übrig lassen … Und ich verstehe die Welt nicht mehr.

Essai 148: Über Idealismus und Naivität

10. August 2015

Ich konnte es mal wieder nicht lassen und habe mich in den Kommentaren zu einem Blogbeitrag zum Thema Flüchtlinge mit Leuten gestritten, die ich für Flüchtlingsgegner hielt. (Den Beitrag von Erzählmirnix gibt’s hier) Im Wesentlichen hatte ich die Aussage „Warum soll man nichts gegen Kriminelle haben dürfen?“ eines Kommentators im Zusammenhang von Flüchtlingen so gedeutet, dass er allen Flüchtlingen pauschal unterstellt, kriminell zu sein. Da ist mir der Kragen geplatzt und ich wurde verhältnismäßig zickig, was mir jetzt im Nachhinein peinlich ist, weil ich normalerweise etwas überlegter handle. Der Kriminalitätsgegner durchschaute mich dann auch prompt und klatschte mir als Gegenargument vor die Füße, dass ich offenbar sehr emotional reagiere und äußerte die Vermutung, mir würden meine Gefühle einen Streich spielen. „Verdammt, erwischt!“, dachte ich und antwortete daraufhin entsprechend patzig und leider viel zu offensichtlich beleidigt. Ein solches trotziges Verhalten ist vollkommen kontraproduktiv, wenn man Leute von seinem Standpunkt überzeugen will. Da kann man auch gleich antworten: „Mimimi, selber doof!“ und die Zunge herausstrecken. Es verwundert also wenig, dass sich kurz darauf ein zweiter Kommentator einmischte, und mein Verhalten als „blöde“ abkanzelte.

Das Problem war, dass ich in der Tat für meinen Standpunkt „Flüchtlinge sind Menschen in Not und Menschen in Not brauchen Hilfe!“ keinerlei rationale Argumente vorzubringen wusste, sondern nur verzweifelt wiederholte, dass das doch wohl aus menschlich-ethischer Sicht selbstverständlich sei. Während also die beiden Herren mit (scheinbar) rationalen Gründen ihre Sichtweise untermauerten, stand ich da mit meinem moralischen Kompass, der wie verrückt ausschlug, und konnte nur emotionale Gründe vorbringen. Ich meinte, es gehe doch bei der ganzen Debatte auch um Nächstenliebe und um die Unschuldsvermutung, und das sei doch auch wichtig, oder? Nein, meinte derjenige, der mein Verhalten „blöde“ fand. Aber in dem Punkt bleibe ich dann doch anderer Meinung.

Lange Vorgeschichte, nun komme ich zum eigentlichen Thema dieses Essais, nämlich Naivität und Idealismus. Meine Ansicht ist und bleibt, dass Menschen in Not Hilfe brauchen, dass man sie nicht pauschal als zukünftige mögliche Kriminelle betrachten, sondern sie nach Kräften darin unterstützen sollte, sich möglichst schnell zu berappeln, zur Ruhe zu kommen und möglicherweise eine neue Heimat zu finden, dort arbeiten zu gehen und sich zu integrieren. Das wird anscheinend von manchen Leuten als emotionaler Unfug, als naives Geschwätz und dämlicher Idealismus abgetan. Sie wiederum halten sich für Realisten, weil sie überall nur das Schlechte in anderen Menschen sehen. Was ich im Gegenzug für defätistisch und nicht zielführend halte.

Was hat denn irgendjemand davon, wenn man alles negativ sieht, jedem Menschen erst einmal tiefes Misstrauen entgegenbringt und von vorneherein davon ausgeht, dass alle anderen nur Schlechtes im Sinn haben? Ab und zu hat man damit vielleicht zufällig ein bisschen recht. Die Aspekte, in denen man sich irrt und die die eigene Sichtweise eventuell infrage stellen könnten, weil sie zeigen, dass der pessimistische Standpunkt zu schwarzweiß gedacht ist und dass die Realität viel komplexer und facettenreicher ist, kann man ja ganz rational und unnaiv ignorieren. Dann passt es aus eigener Sicht wieder und die selbsterfüllende Prophezeiung wird subjektiv betrachtet wahr. Ansonsten nützt es gar nichts. Warum sollte man schließlich versuchen, die Welt ein wenig besser zu machen, wenn man davon ausgeht, dass das sowieso nichts bringt? In diesem Zusammenhang begegnet einem unter Flüchtlingsgegnern dann ja auch des Öfteren das (scheinbar rationale) Argument, wir (Deutschen) könnten ja nicht jeden (Flüchtling) aufnehmen. Nee, jeden nicht. Müssen wir ja auch gar nicht. Aber mit meiner naiven, idealistischen Einstellung, dass man sein Bestes geben sollte, um Menschen in Not zu helfen, nimmt man so viele auf, wie man kann. Nur weil man nicht allen helfen kann, soll man niemandem helfen? Das mag ja manchen „Realisten“ als logisch erscheinen, ich find’s unmenschlich, unethisch und arschig. Sorry, da bin ich wieder emotional geworden. Und das war jetzt pampiger Sarkasmus. Ach je, ich lern’s auch einfach nicht, ich Naivchen.

Ich verstehe nicht, warum Naivität immer mit Dummheit, Pessimismus und Defätismus mit Intelligenz synonym verstanden wird. Wenn es um Menschen geht, um Existenzen, um Leben, dann kann man da doch nicht damit umgehen wie mit Schuhkartons! „So, jetzt ist die Lagerhalle voll, jetzt passen keine Schuhkartons mehr hinein. Der Karton ist angeditscht, der kommt weg“, das ist bei Ware, bei Objekten, eine logische, sinnvolle Vorgehensweise. Aber wenn Menschen andere Menschen so betrachten, dann müsste eigentlich jeder moralisch anständige Mensch emotional werden und aufschreien! Das ist doch nicht dumm! Es ist gutgläubig, sicher, davon auszugehen, dass wenn die Mehrheit der Menschen sich gegen Ungerechtigkeiten ausspricht, sich möglicherweise nach und nach etwas an den Ungerechtigkeiten ändert. Ich weiß, ich bin eine hoffnungslose Idealistin, aber deswegen ist mein Standpunkt doch nicht bescheuert!

Man könnte jetzt natürlich einwenden, dass aus Idealismus Fanatismus werden kann. Die Gefahr besteht tatsächlich, wenn man aufhört, selbstkritisch zu sein und seine eigene Sichtweise zu reflektieren. Ab und zu leisen Zweifeln zu lauschen, ist ein gutes Gegengewicht zu übertriebenem Idealismus. Aber das ist ein anderes Thema.

Essai 139: Über Paranoia im Internet

14. März 2015

Bis vor kurzem wusste ich nicht, dass es sowas wie Impfgegner überhaupt gibt. Es verblüfft mich immer wieder, zu was für Dummheiten der menschliche Geist fähig ist. Gegen jede Vernunft, wissenschaftlich eindeutig belegte Studien und gegen jede Logik wird da der allergrößte Unfug verzapft und mit vehementer Beratungsresistenz verteidigt. Tummelplatz dieser bornierten Idioten ist das Internet, durch das sie nicht nur ihre Paranoia füttern, sondern Gleichgesinnte finden und sich dann nicht mehr so allein fühlen.

So ein Impfgegner zum Beispiel, der traut Ärzten und Studien nicht, denn die sind ja alle Marionetten der Pharmaindustrie, das ist allgemein bekannt, da muss man nur mal gucken, was in den Medien steht und da die Lügenpresse immer das Gegenteil von dem schreibt, was die Wahrheit ist, weiß man gleich Bescheid. Wenn in der Zeitung steht „ungeimpftes Kind an Masern gestorben“, dann ist nicht die fehlende Impfung Schuld, sondern … irgendwas anderes. Das belegen zuverlässige Quellen aus der Esoterik- oder Konspirationstheorienbranche, die die Wahrheit eindeutig ausgependelt und mit der Wünschelrute orakelt oder sich spontan ausgedacht haben. Und überhaupt, dieser eine Junge aus den USA, dessen Eltern ihn zuhause unterrichten, nicht impfen lassen und nur nach den Wahrheiten aus der Bibel erziehen (Evolution ist doch gendermaingestreamte Lügenpropaganda linksgrüner Gutmenschen), der war schwer krank, aber dann hat eine weise alte Frau aus der Nachbarschaft ihre Hand aufgelegt und er war hinterher vollständig geheilt. Wirklich wahr! Das habe ich neulich irgendwo gelesen.

Natürlich darf jeder in einer Demokratie und im Internet eine Meinung haben und diese auch vertreten. Nur: Wenn diese Meinung völliger Quatsch ist, dann muss man auch ab können, dass man das von weniger dummen Leuten gesagt bekommt. Selbstverständlich darf man trotzdem auf seine Meinung beharren und alle logischen Argumente mit „Gar nicht wahr“ (und diversen Variationen dieser Aussage) abschmettern. Sich hinterher zu beschweren, wenn einem die eigenen idiotischen Ansichten um die Ohren fliegen, halte ich jedoch für inkonsequent.

Ich habe den Eindruck, die meisten Internet-Trolle, die jede passende und unpassende Gelegenheit nutzen, um mit ihren bescheuerten Wahrheitskonzeptionen hausieren zu gehen, sind solche Paranoiker, die zwar nicht sehr schlau, aber immerhin pfiffig genug sind, im Internet zu recherchieren und in sozialen Netzwerken und Foren ihren Blödsinn zu verbreiten.

Übrigens, ich habe gehört – das ist aber total geheim, die Regierung will nicht, dass das verbreitet wird -, dass die Pharmalobby einen neuen Coup plant. Die haben nämlich vor genau 50 Jahren Nessie aus dem Loch Ness entführt und tiefgefroren und nun ist in der Elbe ein außerirdisches Wesen aufgetaucht, das genauso aussieht, nur in klein. Das haben sie gefangen genommen und führen daran Tests mit Wachstumshormonen durch und wenn das Viech aus der Elbe (genannt Elbie) groß genug ist, tauen sie Nessie wieder auf und prüfen, ob die DNA sich ähnelt. Und wenn dem so ist, würde das beweisen, dass Nessie eigentlich ein Alien ist, das mit wachstumsfördernden Medikamenten gefüttert wurde. Deswegen darf das auch keiner wissen, denn das würde die Pharmalobby in schlechtem Licht da stehen lassen, ganz klar. Der Beweis dafür ist, dass bisher noch keine Zeitung darüber berichtet hat.

Essai 135: Über die Suche nach einem Sündenbock

28. Dezember 2014

Eigentlich wollte ich mich ja nicht mehr so sehr über Leute ärgern, die eine meiner Meinung nach bescheuerte Meinung vertreten. Das hatte ich mir zumindest im Essai über den Umgang mit intoleranten Ignoranten vorgenommen. Aber das war, bevor diese Leute von Pegida und Hogesa und wie sie alle heißen sich bedrohlich wachsender Beliebtheit erfreuten. Im letzten Essai über religiöse Gefühle war ich ja kurz auf diese bornierten Zeitgenossen eingegangen. Nun hat der Hype um diese selbsternannten patriotischen Europäer aber nicht nachgelassen und so fand ich, das verdient einen eigenen Essai.

Ich muss zugeben, ich bin bei Fremden- und Ausländerhass immer sehr dünnhäutig und reagiere da zuweilen etwas zickig, rechthaberisch und humorlos, wenn ich irgendwas in der Richtung zu wittern meine. Da kann ich mich manchmal nicht zurückhalten, ich finde eine solche Einstellung einfach scheiße. Vor allem, weil sie sich ja durch ein bisschen Nachdenken und Neugier auf das Andere sofort in Luft auflösen würde und das ist doch eigentlich nicht schwer. Na ja, das ist zumindest meine Sicht der Dinge, die besitzt ja keine Allgemeingültigkeit, wie ich mir gelegentlich ins Gedächtnis rufen muss. Schon gut, arrogante Intellektuelle und so weiter.

Also, heute möchte ich mal versuchen, zu verstehen, warum die Leute bei Pegida und Co. mitmachen. Ich habe mir mal die Videos der Panorama-Sendung angeschaut, die ARD auf seiner Homepage veröffentlicht hat.

http://www.ardmediathek.de/tv/Panorama/Pegida-Die-Interviews-in-voller-L%C3%A4nge-/Das-Erste/Video?documentId=25442126&bcastId=310918

Achtung, die graubemützte Pappnase, die die ausländerfeindlichen Parolen am Anfang hervorblubbert, ist der inzwischen enttarnte Möchtegern-Wallraff von RTL, der sich bei seinen Kollegen mehr als unbeliebt gemacht hat. Hier gibt’s den Kommentar von der Panorama-Redaktion zu der Angelegenheit.

Es gibt noch ein zweites Video mit Interviews:

http://www.ardmediathek.de/tv/Panorama/Pegida-Die-Interviews-in-voller-L%C3%A4nge-/Das-Erste/Video?documentId=25442102&bcastId=310918

Es fällt auf, dass die meisten Menschen, die dort befragt werden, die im Namen Pegida („Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“) enthaltene vermeintliche Islamisierung gar nicht fürchten, teilweise sogar selbst für Quatsch halten. Weiterhin scheinen auch nicht alle plumpe Ausländerhasser, Nazis, Rechtsradikale und Idioten zu sein. Mein Eindruck nach diesen Interviews ist eher, dass es sich um Durchschnittsbürger und Spießer handelt, die sich mit ganz anderen Sorgen als irgendeine Islamisierung plagen. Was natürlich keine Verteidigung sein soll, wie gesagt, ich versuche das lediglich nachzuvollziehen.

Meines Erachtens schimmert vor allem eine Grundstimmung durch: Politikverdrossenheit. Viele der Interviewten kamen relativ schnell ins Straucheln, wenn die Reporter sie auf die Islamisierung ansprachen. Da wussten sie dann auch nicht so genau, was das sein soll und wovor sie da konkret Angst haben und was sie da nun aktuell bedroht sehen. Stattdessen kamen Probleme zum Vorschein, die mit Religion oder Ausländern nicht wirklich viel zu tun haben. Einige beklagen, dass nicht genug unternommen wird, um die Bevölkerung vor Kriminalität zu schützen (wobei es schon arg ausländerfeindlich ist, in diesem Zusammenhang alle Bulgaren und Rumänen über einen Kamm zu scheren). Ältere Menschen sorgen sich, dass ihre Rente nicht ausreicht, andere kritisieren, dass der Lohn für ehrliche Arbeit nicht zum Leben genügt oder dass Mütter nicht ausreichend unterstützt werden. Im Kern schien es hauptsächlich darum zu gehen, dass „die Politiker“ sich für die Schwierigkeiten der Bevölkerung nicht interessierten, sich mit Ersatzproblemen beschäftigten, anstatt im „eigenen Land“ anzupacken, das Geld für die falschen Dinge verschwendeten und sich überhaupt rücksichtslos egoistisch aufführten.

So betrachtet erscheint diese vermeintliche Islamisierung des Abendlandes nicht als reelle Gefahr, sondern als Sündenbock. Relativ normale Menschen mit mehr oder weniger nachvollziehbaren Ängsten und Alltagsproblemen wissen nicht, wohin sie ihren Frust lenken sollen. Gegen die genannten Schwierigkeiten ist man ja als Einzelner tatsächlich machtlos und das kann einen schon sehr belasten, nehme ich an.

Trotzdem, auch wenn man das mit etwas Wohlwollen immerhin verstehen kann, warum ein Sündenbock gesucht wird, halte ich diese schwelende Atmosphäre der allgemeinen Frustration für gefährlich. Das kann ganz schnell eskalieren, vor allem, wenn sich auch noch gewaltbereite Rechtsradikale und mitlaufende Vollidioten unter die Durchschnittsbürger mischen. Und ich habe keine Lust, dass die Nazis wieder Oberwasser gewinnen. Das bereitet mir persönlich größere Sorgen als irgendeine eingebildete Islamisierung.

Vielleicht lassen sich nicht alle diese Probleme lösen, aber ich bin der Ansicht, wenn man die Energie, die man in die Suche und Aufrechterhaltung eines Sündenbocks investiert, aufspart, dann kann man zumindest im Kleinen ein bisschen bewegen. Die Energie lässt sich dann zum Beispiel darauf verwenden, den ausländischen Nachbarn besser kennen zu lernen. Sobald man jemanden persönlich kennt, spielen Vorurteile gegen größere Gruppen keine Rolle mehr.

Essai 133: Über künstliche Aufreger

26. Oktober 2014

Nun ist Dieter Nuhr also angezeigt worden. Er sei ein „Hassprediger“, der gegen religiöse Gemeinschaften hetze, Gläubige beleidige und verunglimpfe, lautet der Vorwurf. Mein Verdacht ist, dass die Leute, die Dieter Nuhr gerade juristisch auf die Pelle rücken nur den Zusammenschnitt seiner Auftritte gesehen haben, in denen er den Islam – genauer gesagt den religiös-islamistischen Fanatismus – kritisiert. Denn wenn man sich mehrere seiner Auftritte am Stück ansieht, dann wird klar, dass er nicht etwa nur den islamistischen religiösen Fanatismus kritisch-sarkastisch auseinandernimmt, sondern generell gegen Doofheit wettert. Wobei – und da gehe ich mit ihm d’accord – unter Doofheit jegliche Form von Borniertheit, Verblendung, Ignoranz, Vorverurteilung und Fanatismus fällt. Also auch christliche Fundamentalisten bekommen ihr Fett weg und nicht religiös motivierte Dumpfbacken ebenfalls. Dass er dabei aus dem Koran zitiert und die Zitate aus dem Zusammenhang reißt, mag sein. Aber wenn man ihn anzeigt, indem man ebenfalls seine Aussagen aus dem Zusammenhang reißt und dies als Begründung für seine Empörung nutzt, ist man doch keinen Deut besser. Und selbst wenn: Muss man denn immer gleich die Leute anzeigen, nur weil die was gesagt oder getan haben, was einem nicht gefällt? Man kann doch auch einfach sagen: Gut, der hat da eine Meinung, die finde ich blöd und mit der bin ich nicht einverstanden, aber das ist nu(h)r eine Meinung! Wenn man wirklich was Besseres ist, dann steht man da doch drüber!

Ich kann mich wunderbar künstlich darüber aufregen, wenn sich Leute künstlich über irgendwas aufregen, ohne den Kontext zu berücksichtigen. Das mit der Anzeige gegen Dieter Nuhr ist ja nur ein Beispiel unter vielen. Also, bevor mich jetzt auch noch irgendwer anzeigt, weil ich versuche, die ganze Angelegenheit wieder auf den Teppich zu holen, hier noch weitere Beispiele. Zum Beispiel diese Anwohner in Hamburg an der Alster in einer eher schickeren Gegend, die kein Flüchtlingsheim in ihrem Revier wollen. Schließlich würden die ja nicht gleich Arbeit finden und dann lungern die da die ganze Zeit draußen rum und machen Krach. Und dann haben die ja auch so viele Kinder, pfui, die machen ja auch Krach. Also haben die sich einen Anwalt genommen und klagen gegen das geplante Flüchtlingsheim. Bei sowas kriege ich echt das Kotzen, man verzeihe mir die Ausdrucksweise. Wenn diese reichen Schnösel selber den ganzen Tag arbeiten, kriegen die doch den angeblichen Krach, sofern es ihn denn gäbe, gar nicht mit. Und wenn sie nicht den ganzen Tag arbeiten, sondern ebenfalls die ganze Zeit draußen herumlungern, dann sollen die nicht mit nacktem Finger auf angezogene Leute zeigen und herumhupen.

Und wenn ich schon mal dabei bin, mich künstlich aufzuregen: Diese Mecker-Anwohner, die kein Hospiz und keine Kita und keinen Friedhof und kein gar nichts in ihrer Nachbarschaft haben wollen, weil das ja so viel Lärm verursache, oder Geruchsbelästigung oder ihnen der Anblick nicht fein genug ist – kommt mal klar!

OK, ich kann ja mal wenigstens versuchen, mich in diese Stinkstiefel hineinzuversetzen, damit mir nachher keiner vorwerfen kann, ich würde ebenfalls den Kontext ignorieren. Angenommen, die haben den ganzen Tag nichts Interessantes zu tun und hocken rund um die Uhr in ihrer Wohnung. Da hätte ich auch eine Scheißlaune und wenn ich dann auch noch denke, dass ich nichts dran ändern kann, weil ich zum Beispiel ein grantiges, fieses, verbittertes Arschloch bin, dann würde ich vermutlich auch nach Schuldigen suchen, die ich dafür fertig machen kann. Und wenn ich noch dazu ein Feigling wäre, dann würde ich mir Schuldige suchen, die sich nicht wehren können, also Flüchtlinge, Kinder oder Todkranke. Hmmm, doch das ergibt Sinn.

Gut, man muss ja jetzt nicht zwingend ein Arschloch sein, um Leute anzuzeigen, die – im Kontext betrachtet – nichts wirklich Schlimmes getan haben. Es reicht, wenn man einfach zu wenig Sinnvolles zu tun hat. Da kommt man halt auf Gedanken. Und wenn man sich dann künstlich darüber aufregt und Leute findet, die auch zu wenig Sinnvolles zu tun haben und Lust bekommen, sich die Zeit mit künstlichem Aufregen zu vertreiben, dann schaukelt sich das eben ratzfatz hoch. Besonders in Zeiten des Internets findet man ja schwuppdiwupp Gleichgesinnte, die nur darauf warten, dass ihnen irgendwer eine Idee gibt, worüber sie sich künstlich aufregen könnten.

So. Und jetzt mache ich mir eine schöne Tasse Tee.


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