Essai 165: Über Humor, den ich nicht verstehe

Mit dem Humor ist das wie mit dem Musikgeschmack: Jeder ist der Meinung, der eigene sei der einzig Wahre. Da bin ich keine Ausnahme, ich finde auch, dass mein Sinn für Humor Maßstab aller Lustigkeit ist und mein Musikgeschmack ganz klar nur gute Musik einschließt und alles, was ich nicht mag (Elektro, Free Jazz, Bäh!), ist keine richtige Musik, sondern nerviges Gedudel und unerträglicher Lärm. Da habe ich auch recht, bin ich der Meinung. Auf der anderen Seite gibt’s halt auch genug Leute, die Elektro und Free Jazz über alles lieben und finden, dass zum Beispiel Eurodance der absolute Tiefpunkt jeglichen Musikgeschmacks darstellt. Ich hingegen mag Eurodance sehr gern, weil es mich an meine Jugend erinnert und ich die Texte noch mitsingen kann (nicht, dass „Oooh lalala, I love you Baby“, „What is love? Baby don’t hurt me, don’t hurt me no more“ oder „Ooh, Aah, Just a little bit, Ooh, Aah, a little bit more …“ besonders schwer zu merken wären – Na, wer hat jetzt auch einen Ohrwurm?), aber ein Metalfan würde da jetzt die Hände über den Kopf zusammenschlagen und sich wünschen, er wäre tot, nur um nie wieder so etwas Schreckliches zu hören.

Und das hat man beim Humor halt auch. Ich bin der Ansicht, dass das, was ich witzig und komisch finde, auch witzig und komisch ist, und alles, worüber ich nicht lachen kann, jeglichem Sinn für Humor zuwiderläuft. Das ist zwar völliger Quatsch, denn Geschmäcker sind nichts weiter als Meinungen, und die können – im Gegensatz zu Fakten – verschieden und trotzdem gleichermaßen richtig und gültig sein. Aber ich habe finde ich trotzdem recht 😛

Allerdings spricht dagegen, dass sich mein Sinn für Humor im Laufe meines Lebens gewandelt hat. Früher als Kind und Teenie konnte ich mich über Pupswitze kaputtlachen, heutzutage rolle ich mit den Augen und denke „Pff, wie vulgär!“ Als Kind fand ich es auch unfassbar komisch, Telefonstreiche oder Klingelstreiche zu machen, nun finde ich das kindisch und albern. Ich frage mich, ob mein junges Ich und mein erwachsenes Ich viel miteinander zu lachen hätten …

Auf jeden Fall stelle ich fest, dass meine Toleranz für meiner Meinung nach dummen Sinn für Humor gaaanz tief gesunken ist. Zum Beispiel, wenn Leute in meinem Alter eine Wasserpistole in die Hände bekommen, und es unglaublich amüsant finden, andere Menschen damit nasszuspritzen, da könnte ich immer ausrasten. Warum können sie sich nicht gegenseitig nassspritzen und mich in Ruhe lassen? Dann treffen Leute mit demselben Idiotenhumor aufeinander und können sich einen Keks freuen und ich bleibe gemütlich trocken und kann in Ruhe mein Buch weiterlesen oder meine Umgebung friedlich beobachten.

Es ist aber offenkundig so, dass manche Leute es einfach sehr sehr witzig finden, andere zur Weißglut zu treiben. Daher ergibt es für sie dann humortechnisch keinen Sinn, Leute nasszuspritzen oder anderweitig grundlos auf die Nerven zu gehen, die das ebenso komisch finden wie sie. Der Spaß scheint für sie darin zu liegen, dass der andere sich aufregt. Und ganz ehrlich: Ich. Verstehe. Das. NICHT!!!

Ich kann etwa auch nicht begreifen, warum manche Leute dauernd Streit suchen und mich oder andere friedliebende Zeitgenossen aus dem Nichts heraus provozieren und an ihren Achillesfersen herumpieken und so lange sticheln und ärgern, bis dem anderen irgendwann der Kragen platzt und er ausfallend wird oder laut oder beides, obwohl das normalerweise überhaupt nicht seine Art ist, und der arme Tropf (also ich) nach jedem Wutanfall Ewigkeiten braucht, um sich wieder einzukriegen. Was soll denn das? Warum kann man Menschen, die einem nichts getan haben und die einem überhaupt nichts Böses wollen, nicht einfach in Ruhe sein lassen, wie sie sind?

Das würde mich wirklich mal interessieren, was die Motivation hinter einem solchen aggressiven, unhöflichen und gemeinen Verhalten ist. Wenn man Leute angreift und nervt, die irgendwie scheiße sind oder extrem dumme Ansichten vertreten und zum Beispiel die AfD gut finden oder so – das kann ich nachvollziehen, da juckt es mich auch, eine Diskussion vom Zaun zu brechen, und manchmal kann ich da nicht an mich halten. Aber wenn Menschen mir nichts getan haben und zwar anderer Meinung sind als ich, aber keinen haarsträubend blöden Standpunkt haben, sondern die Dinge einfach aus einer anderen Perspektive heraus betrachten als ich, vielleicht sogar aus ihrer Sicht nachvollziehbare Argumente für ihre Meinung haben, dann kann ich das doch auch einfach mal akzeptieren? Wieso muss ich die denn dann noch triezen?

Vielleicht kann mir das ja mal jemand erklären? Ich kann es nämlich nicht leiden, wenn ich Sachen nicht verstehe …

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2 Antworten to “Essai 165: Über Humor, den ich nicht verstehe”

  1. maunzendemaus Says:

    Als „Humor“ würde ich das nicht bezeichnen, Humor ist für mich etwas geteiltes, während Leute ärgern ja nur der eigenen Befriedigung dient. Obwohl, wenn man sich ’nen Kumpel dazu holt und dann mit Wasserbomebn vom Balkon auf Passanten zielt, ist’s ja auch geteilt… Gibt halt Arschkrampen, die zum Lachen ein Opfer brauchen. Schadenfreude.
    Als Geschwisterkind liegt es mir allerdings auch nicht ganz fern, meinem Bruder auf den Keks zu gehen… zB das von mir sogenannte Katzenspiel… ich liege auf seinem Bett, und er sitzt am PC am Schreibtisch, der am Kopfende steht. Dann fange man an, unzerbrechliche Gegenstände auf dem Schreibtisch zur Kante zu schieben und runterzustoßen. Wenn er den Gegenstand aufhebt und zurück stellt, wiederhole man den Vorgang bzw. wenn er nichts aufhebt, fahre man fort. Sobald sich ein Ausrasten abzeichnet, sollte man rennend das Zimmer verlassen.

    Ach, und als 90er Trash & Metalenthusiast verbitte ich mir solche Unterstellungen 😉 Ich habe in meinem Mix-Ordner aufm MP3Player gerade (Stichprobe) Manfred Mann’s Earth band, Sia, Erasure, K.I.Z., Tame Impala, Music Instructor, Members of May Day, Children of Bodom, Igorrr, Sigur Ros, Owl City da ist für fast jeden was dabei 😀 Ich glaube, es gibt keine Musikrichtungen, die sich gegenseitig ausschließen, das ist so wie Leute, die gerne Salami mit Marmelade essen, jibbet allet.

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    • Isabelle Dupuis Says:

      Stimmt, Schadenfreude spielt da sicherlich eine Rolle. Ich hatte noch überlegt, dass vielleicht Frust dahintersteckt, mir fiel noch dieses eine „Fight Club“-Zitat ein: „Ich muss heute etwas Schönes kaputt machen“ oder so ähnlich (bevor Jared Leto alias Angel Face die Abreibung seines Lebens bekommt). Frust oder Minderwertigkeitskomplexe (oder beides) führen schnell zu Neid, Missgunst und das wiederum zu Gehässigkeit. Oder manche Menschen sind einfach sadistisch veranlagt und finden es unfassbar lustig, andere Menschen einfach so zu quälen, weil sie es können.

      Und stimmt, unter Geschwistern gibt’s das oft, dass man sich gegenseitig reizt, bis einem von beiden der Kragen platzt 🙂 Wobei, ich fand, ich war da eigentlich immer recht nett zu meiner großen Schwester (obwohl sie das wahrscheinlich anders sieht 😛 ), aber klar, da testet man dann sozusagen im sicheren Rahmen seine Grenzen aus, übt seine Konfliktfähigkeit und so 😀 Schließlich kann man seine Geschwister ärgern bis zum Umfallen, sie bleiben dennoch Familie.

      Hehe, und das überrascht mich jetzt wirklich, dass es Metalenthusiasten gibt, die gern 90er Eurotrash hören 😀 Das habe ich bisher noch nicht erlebt 🙂 Und vielleicht schmeckt Salami mit Marmelade gar nicht so schlecht, man isst ja auch Preiselbeersoße zu Wild. 🙂

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