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Essai 167: Über Männer, die Frauen Technikgedöns erklären

5. November 2016

Bei Paaren, die schon längere Zeit zusammen sind, lässt sich häufig ein amüsantes Schauspiel beobachten, wenn es um den Kauf, die Inbetriebnahme oder den Gebrauch eines technischen Geräts geht. Oft ist es ja so, dass Männer sich vor Begeisterung über dieses Gerät gar nicht mehr einkriegen und ganz fasziniert von den vielen Möglichkeiten sind, die dieses Ding ihnen bietet. Die Frau indes will einfach nur, dass das Ding funktioniert und der Rest ist ihr vollkommen wurscht. Gut, die Rollen mögen auch bei anderen Beziehungen vertauscht sein und es mag auch Paare geben, wo beide ähnlich in Bezug auf Technikgedöns ticken. Aber zumindest bei den Pärchen in meinem Umfeld sowie meinem Freund und meiner Wenigkeit ist das so.

Zum Beispiel bin ich vor rund zwei Monaten endlich eingeknickt, und habe mir so ein neumodisches Smartphone gekauft. Mein olles, 14 Jahre altes Siemenshandy hat zwar noch einigermaßen funktioniert (ich hasse es ohnehin, zu telefonieren, erst recht, wenn ich unterwegs bin – da will ich lieber lesen und zwar ein echtes Buch aus Papier), aber heutzutage kann man halt viele Services nur mit Smartphone nutzen, also konnte ich mich nicht länger davor drücken. Inzwischen habe ich mich darin ganz gut eingefuchst und weiß die Vorzüge durchaus zu schätzen – etwa, dass ich keine Kinokarten auf Papier mehr brauche, ich gebe zu, das ist praktisch.

Jedenfalls war dieser Anschaffung eine kleine Diskussion vorausgegangen, weil ich gern ein Telefon mit Tasten gehabt hätte. Ich mag keine Touchscreens, da fehlt einfach der haptische Vorgang, auf einen Knopf zu drücken, damit was passiert. Stattdessen schmier ich da mit meinen Wurstfingern das schöne Display voll und dann sehe ich die ganze Zeit, wie dreckig das ist, obwohl ich das gar nicht wissen möchte. Eklig.

Mein Freund fand es sehr albern von mir, dass ich unbedingt Tasten wollte und argumentierte: „Tja, wenn du unbedingt eins mit Tasten willst, kann ich dir aber hinterher nicht helfen“, woraufhin sich mein inneres Kleinkind zu Wort meldete und trotzig zickte: „Ja, aber vielleicht komme ich ja auch alleine mit dem Ding klar, wenn es Tasten hat!“ Woraufhin mein Freund nur milde lächelte, ein angedeutetes Augenrollen nicht ganz verbergen konnte und spöttisch meinte: „Tja, wie du willst. Aber nicht, dass du dich hinterher beschwerst.“ Darauf ich: „Mimimi! Werde ich auch nicht!“ Kann sein, dass ich ihm auch die Zunge rausgestreckt habe, das weiß ich nicht mehr so genau. Auf jeden Fall war das Thema damit erstmal erledigt.

Dann kam mein Entschluss, jetzt doch ein Smartphone zu kaufen, und wir gingen in den Handyladen. Ich glaube, es gibt kein langweiligeres Geschäft als einen Handyladen. Überall nur Smartphones, Tablets, Zubehör für den ganzen Schnickschnack und keine Bücher. Bäh. Allein bei dem Gedanken an Handyläden werde ich schon ganz schläfrigggggggggggggg…………

Oh. Hoppla. Entschuldigung. Ich war kurz über der Tastatur eingenickt. Also wir standen in diesem unfassbar öden Geschäft, der Anblick all dieser unterschiedlichen Telefone war erdrückend und trostlos … und bevor ich mitten im Laden im Stehen einschlief, beschloss ich, doch auf meinen Freund (überzeugter Apple-Fan) zu hören und mir so ein blödes Schnösel-iPhone zu holen. Damit ich mir nicht allzusehr wie ein Modeopfer vorkam, habe ich mich dann aber für ein älteres Modell entschieden.

Die Mitarbeiter waren alle sehr freundlich, wobei ich finde diese professionell erlernte Freundlichkeit immer etwas frostig und unauthentisch. Immerhin konnte ich die jungen Leute mit meiner alten Sim-Karte schockieren. Der Mitarbeiter, der sich um die Grundeinrichtung des Telefons kümmert, meinte: „So, jetzt können wir die Sim-Karte hier reinstecken“, woraufhin ich sagte: „Hm. Die Karte ist glaube ich zu groß.“ Mein Freund und der junge Mann dann so: „Ach was, das kann man zuschneiden“ und ich war skeptisch. Dann sahen sie meine Sim-Karte und beide: „Oh! SO alt ist die … Ja, dann muss wohl doch eine neue her!“

Ich hatte gehofft, ich brauche das blöde Ding nur einzuschalten und der Rest erklärt sich von selbst. Ich musste dann aber feststellen, dass es doch nicht ganz so einfach war. Nun ist es aber so, dass ich das Lesen von Bedienungsanleitungen mindestens so langweilig wie den Besuch eines Handyladens finde, und die Funktionen eines Technikdings lieber eigenständig erkunde. Das ging leider nicht, und dann war es doch gut, dass mein Freund mir das ein bisschen weiter einrichten und erklären konnte.

Was mich dann aber nervt, ist dieser Tonfall, mit dem solche Erklärungen oft einhergehen. Als wäre ich ein bisschen doof oder so. „Guck mal und hier kannst du dann das und das machen, und wenn du das und das willst, dann musst du hier klicken“, schön langsam und betont, um unendliche Geduld mit dem begriffstutzigen Gegenüber (nämlich mir) bemüht. Und dann geht auch manchmal ihre Begeisterung mit den Männern durch, und dann erklären die einem auch noch so Zeug, was man in dem Moment gar nicht gebrauchen kann, in einer Ausführlichkeit, die gar nicht nötig ist. Ich sag schon Bescheid, wenn ich was Konkretes wissen will. Und wenn ich wissen will, wie ich ein Spiegelei brate, interessiert es mich nicht, wie aus Dinosauriern Vögel und schließlich Hühner wurden, die Eier legen. Wenn ich wissen will, wie ich eine bestimmte App installiere, muss ich nicht noch erfahren, welche Apps es sonst noch alles gibt, wie die funktionieren und so weiter.

Ganz besonders langweilig wird es, wenn die Männer einem dann auf eine konkrete Anfrage hin, etwa: „Der will, dass ich hier ein Update installiere, muss das sein?“ einem das Gerät aus der Hand nehmen, „nur kurz was gucken“ und dann komplett darin versinken, irgendwas daran herumtüddeln und man sitzt da, und weiß immer noch nicht, ob man dieses dämliche Update jetzt braucht oder nicht. Fragt man dann nach einer halben Stunde nach, was der andere da eigentlich mache, heißt es dann: „Ich schau nur mal eben“ und dann dauert das noch mal so lange.

Bei meinen Eltern ist das übrigens genau dasselbe Spielchen. Meine Mutter hätte zum Beispiel einfach gern einen ganz normalen Fernseher gehabt, den man einschaltet und dann läuft er. Mein Vater aber liebt technische Spielereien über alles und hat da ins Wohnzimmer ein – damals hochmodernes – Multimedia-Surround-Sound-Anlagenmonstrum in die Ecke gepackt. Wenn man fernsehen will, muss man erstmal den Strom einschalten – im Standby-Modus frisst das Monstrum nämlich Unmengen Strom – dann muss man den Verstärker anschalten, den Receiver (oder was auch immer) und den Computer, ach so, und den Bildschirm natürlich auch. Dann hofft man, dass man die Reihenfolge richtig getroffen hat, weil sonst alles durcheinander kommt, und wartet 10 Minuten, bis die Kiste endlich hochgefahren ist. Dann muss man die Fernsehsoftware anklicken und hoffen, dass die nicht ein Update verlangt, das dann wieder den ganzen Rechner lahmlegt. Hat man Glück, funktioniert das Fernsehprogramm und man kann endlich in Ruhe fernsehen.

Wenn ich bei meinen Eltern zu Besuch bin, fragt mich meine Mutter dann, ob ich ihr den Fernseher einschalten kann. Mein Vater neigt nämlich dazu, „nur kurz was gucken“ zu wollen, wenn das Monstrum endlich läuft, und dann klickt und sucht er da fröhlich herum, kein Mensch weiß, was er vorhat, und man kann das mit dem Fernsehgucken erstmal knicken. Zum Glück gibt’s immer reichlich Bücher griffbereit, lesen kann man auch als vollendeter Techniktrottel. Überhaupt fragt meine Mama lieber mich, wenn sie etwas Technisches erklärt haben möchte, wie man Skype installiert oder einen E-Mail-Anhang verschickt. Das kriege ich zum Glück hin 🙂

Ich find’s aber irgendwie liebenswert und süß, wie sich Männer so für Technikgedöns begeistern können. Es wäre aber schön, wenn man nicht mit einem ewiglangen Vortrag oder stundenlangem Nur-kurz-was-Gucken rechnen müsste, wenn man ein klitzekleines Miniproblemchen hat. Andererseits, es macht den Jungs solchen Spaß, uns die Technikwelt zu erklären, da kann man sich auch in Geduld üben und sie machen lassen. 😛

Und, wie ist das bei euch? Gibt es Technikfreaks und -trottel bei euch in der Familie oder unter euren nicht blutsverwandten Lieblingsmenschen? Und zu welcher Sorte gehört ihr?

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Essai 147: Über Frauen, die angeblich nichts können

26. Juli 2015

Eine Sache, die an uns Mädels echt nervig ist, ist unser überwiegend miserables Selbstwertgefühl. Irgendwie scheinen sich viele Frauen als schlechter und unfähiger einzuschätzen, als sie tatsächlich sind. Zumindest erlebe ich es immer wieder, dass meine Geschlechtsgenossinnen Dinge sagen wie: „Das kann ich nicht“, „Das ist nicht meine Stärke“, „Das Kleid? Ach, das ist doch schon uralt!“ und so weiter. Warum fällt es uns so schwer, uns einfach mal hinzustellen und zu sagen: Das bin ich. Das kann ich. Und wenn dir das nicht passt, dann ist das dein Problem! Bäm! Towabanga!

Ist uns das obsessive Tiefstapeln angeboren, anerzogen oder durch die Gesellschaft verbockt? Oder sind wir einfach selber Schuld, weil wir uns das irgendwann einmal angewöhnt haben und keine Lust haben, uns die Arbeit zu machen, es uns wieder abzugewöhnen? Vermutlich ist es eine Mischung aus allem. Auf jeden Fall ist das reichlich anstrengend, wenn man einmal angefangen hat, darauf zu achten. Eine Freundin von mir machte mich neulich darauf aufmerksam und erzählte mir eine Geschichte (eine wahre noch dazu): Vor ein paar Jahren traf sie auf dem Weg vom Einkaufen einen Nachbarn und kam mit ihm ins Gespräch. Sie unterhielten sich über alles Mögliche, doch zum Schluss wurde der Nachbar nachdenklich und sagte zu ihr: „Sag mal, ich hab jetzt von dir nur erfahren, was du angeblich alles nicht kannst. Gibt es auch etwas, wo du gut drin bist?“ Meine Freundin war sprachlos. Es war ihr überhaupt nicht bewusst gewesen, dass sie ihr Licht so konsequent unter den Scheffel gestellt hatte. Bis sie mir das erzählt hat, war mir das auch nicht so schlimm erschienen, dass ich immer in den buntesten Details meine vermeintliche allumfassende Unzulänglichkeit darlege und über meine Talente oder Begabungen gar nicht spreche.

Seltsam, mir ist das auch irgendwie total unangenehm, mit meinem Können hausieren zu gehen. Ich denke dann, das ist doch Angeberei, das tut man nicht. Oder vielmehr „frau“ tut das nicht, bei Männern ist das merkwürdigerweise weniger verpönt, wenn die sich in aller Öffentlichkeit großartig finden. Manche übertreiben es dann auch gern einmal und dann schäme ich mich ein bisschen fremd. Aber manchmal kann ich nicht umhin, das zu bewundern und mich darüber zu ärgern, dass ich nicht so locker und entspannt sagen kann, dass ich eigentlich im Großen und Ganzen schon in Ordnung bin so wie ich bin. Und was nicht so toll ist, müsste ich ja eigentlich nicht allen unter die Nase reiben, sondern könnte daran stillschweigend arbeiten. Oder könnte mir bei manchen Untalenten auch sagen, Scheiß drauf, man muss ja nicht alles können.

Stattdessen hat sich in mir die Überzeugung festgebissen, das, was ich kann, interessiere niemanden so wirklich. Das kann ich halt. Sieht ja eigentlich auch jeder, ohne dass ich das extra betonen muss, oder? Während ich bei den Dingen, die ich nicht gut kann, eher Gesprächsbedarf empfinde, weil das dann ja Probleme respektive Herausforderungen sind, die man gern lösen möchte. Oder auch nicht, bei besonders hoffnungslosen Nichtbegabungen will man vielleicht auch einfach nur darüber reden, um zu sagen: Seht her, ich bin nicht perfekt, ich bin ein menschliches Wesen, das niemandem etwas zuleide tut und geliebt werden will! Vielleicht will man als Frau mit dem Tiefstapeln sozusagen die weiße Fahne schwenken und signalisieren, dass man in Frieden kommt und keinen Konkurrenzkampf aka Stutenbissigkeit vom Zaun brechen will. Bei Männern hingegen ist Konkurrenzkampf und Wetteifern eher positiv behaftet. Niemand würde das als Zickenkrieg bezeichnen, wenn zwei Männer sich gegenseitig erzählen, wie unfassbar phänomenal sie sind. Bei Frauen schon. Deswegen versuchen wir uns gegenseitig mit unserem Unvermögen zu unterbieten, damit uns alle lieb haben.

Auf der anderen Seite finde ich es dann auch wieder ganz nett und witzig, wenn Menschen mit einer von sokratischer Ironie geprägten Haltung durchs Leben flanieren und wissen, dass sie nichts wissen. Es gibt da ja schon auch Nuancen. Wenn man ab und zu mit einem Lächeln zu seinen eigenen Schwächen steht, die man nicht ändern kann, anstatt immer nur zu erzählen, wie fantastisch man ist, macht einen das ja auch menschlich. Aber wenn man ständig jammert, man könne dies nicht und das nicht und nicht eine Sekunde darüber nachdenkt, ob das überhaupt in dem Ausmaß stimmt, dann ist das anstrengend. Man entwickelt sich nämlich auch weiter, und manchmal kommt die Selbstwahrnehmung nicht so schnell hinterher und dann denkt man, man sei immer noch genauso doof wie vor zehn Jahren, obwohl man längst Fortschritte gemacht hat. Da ist das dann ganz gut, wenn man nette Freunde hat, die einem ab und zu mal den Kopf zurecht rücken.

Letztens war ich beim Friseur und hatte ein Foto von meinem Wunschhaarschnitt dabei. Die Friseurin guckt sich das Bild an, völlig entgeistert und klagt: „Ja, aber das ist ja gestylt. Das kann ich so nicht schneiden.“ Ich: „Das ist schon klar, ich meine ja auch die Länge. An den Seiten und am Hinterkopf schön kurz, oben etwas länger, wie auf dem Foto.“ Friseurin: „Hmmmm, aber das ist ja gestylt, ich weiß nicht, das geht nicht, ich kann das so nicht schneiden, ich trau mich nicht, bla.“ (An dieser Stelle war ich kurz davor zu gehen, zu lange Haare hin oder her) Dann kam eine Kollegin dazu und fragte: „Kannst du mit dem Messer schneiden?“ Friseurin: „Nee, das habe ich ja noch nie gemacht.“ (Vielleicht war sie gar nicht Friseurin?) Kollegin (seufzt): „OK, lass, ich mach.“ Zack! So geht das!

Ich finde, wir können ruhig häufiger mal dazu stehen, wenn wir etwas können. Schließlich können Ausbildung und/oder Lebenserfahrung nicht komplett spurlos an uns vorübergegangen sein, oder? Irgendetwas wird schon hängengeblieben sein und wenn nicht: Es ist nie zu spät, sein Leben zu ändern und an dem zu arbeiten, was wir gern anders hätten. Und Komplimente dürfen wir auch ruhig einfach mal ohne Gedöns annehmen und uns darüber freuen. Jemand findet das Kleid schön, das man trägt? Ein Lächeln und ein Danke reichen als Antwort! Kein „Ach, das olle Ding?“ oder „Oh, das gab es im Angebot, so ein NoName-Teil, nichts Besonderes“ oder was auch immer.

Essai 127: Über Internet-Trolle

29. Juni 2014

Idioten in der Offline-Welt sind ja schon schlimm genug. Doch wenn diese Schwachmaten immerhin schlau genug sind, sich ins Internet zu begeben, entsteht eine explosive Mischung. Denn im Internet sind die Menschen durch ein gewisses Maß an Anonymität geschützt – zumindest empfindet man das persönlich so, wahrscheinlich ist das in Zeiten von NSA und Co. eine Illusion – und trauen sich daher, auch den bescheuertsten geistigen Dünnpfiff kund zu tun. Ja, mir scheint sogar, dass es für manche dieser Internet-Trolle eine Vollzeitbeschäftigung ist, durchs Netz zu surfen und überall ihre verqueren Ansichten zu hinterlassen und Unruhe zu stiften.

Zugegeben: Auch ich erliege gelegentlich der Versuchung, herumzutrollen. Wenn beispielsweise auf Facebook wieder irgendwer einen vor nostalgischer Vergangenheitsverklärung, Kitsch oder Klischees triefenden Aphorismus postet, kann ich einfach nicht an mich halten und muss den mit Sarkasmus oder Altklugheit demontieren. Dann mache ich mir einen Jux daraus, Rechtschreib- und Grammatikfehler zu monieren oder hinterfrage die Logik dieser Aussage. Es bereitet mir ein diebisches Vergnügen, diese Sprüche à la „Früher war alles besser“, „Diese Jugend heutzutage“ oder „Liebe ist blabla *irgendein-Schwachsinn* blabla“ auseinander zu nehmen.

Oder, was ich zuweilen auch ziemlich lustig finde, zumindest, bis irgendein noch größerer Troll als moi rassistisch wird, ist, den politischen, spießig-verstockt-verstaubten Ansichten der Christdemokraten, Christsozialen, Neoliberalen und AfDlern fröhlich zu widersprechen. Aber meistens dauert das nicht lange und diese Unsympathen beweisen, dass sie in Sachen Herumgetrolle weitaus versierter sind als meine Wenigkeit und dann macht’s nicht mehr so wirklich Spaß. Dann verabschiede ich mich mit einem „Ich diskutiere nicht mit Idioten. Sie ziehen dich herunter auf ihr Niveau und schlagen dich mit Erfahrung“ und schmolle ein wenig vor mich hin. Und dann merke ich mir das für einen Essai vor.

Jedenfalls bin ich manchmal fassungslos, was Internet-Trolle so alles von sich geben. Manchmal ist es zwar unfassbar dämlich, aber immerhin harmlos. Zum Beispiel, wenn sich jemand die Mühe gegeben und die Zeit genommen hat, einen Artikel zu lesen und dann kommentiert (und dafür auch noch Zeit und Mühe aufwendet): „Ja, ja. Und in China fällt ein Sack Reis um“ oder „Dieser Artikel ist sowas von überflüssig, reine Zeitverschwendung“ oder „Scheißjournalisten, haben keine Ahnung, müssen mal besser recherchieren. Was für’n Schwachsinn lol“ und andere schon zu Klassikern der Trollkommentare gewordene Perlen. Etwas beunruhigender finde ich dann die ebenfalls sehr beliebten, aber unterschwelligen Nationalismus und Rechtsradikalismus offenbarenden Kommentare, die sich aus Textbausteinen wie „armes Deutschland“, „linksgrüner Sozialismus“, „Sozialschmarotzer“ und so weiter zusammensetzen. Der Postillon hatte das mal sehr hübsch zusammengefasst.

Internet-Trolle rechtfertigen sich gern mit Sprüchen wie „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“, „freie Meinungsäußerung blablubb“, verstecken sich hinter ihren heiligen Ansichten und stellen sich als Opfer hin. Gerade die aus dem rechten Spektrum sind darin echte Virtuosen. Das ist zugleich feige und unglaublich borniert. Die bilden sich nämlich allen Ernstes ein, sie wären mit ihrer ach so tollen Meinung allein und wären die Ersten, die auf die Idee gekommen sind, sich vor „Überfremdung“ der „Herkunftsdeutschen“ durch gemeine „Zukunftsdeutsche“ und sonstigem Quatsch zu fürchten und gegen „linkssoziale Propaganda“ zu wettern oder alle, die nicht ihrer Meinung sind als „Antifa-Terroristen“ zu betrachten. Dabei sind sie selbst rechtspopulistischer Propaganda aufgesessen, ihre Meinung ist aus den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts aufgewärmt und wiedergekäut und insofern alles andere als eigenständig und originell, sowieso ist das ja heutzutage wieder in Mode, Nationalstolz mit Rechtsradikalität und Fremdenhass zu verwechseln. Ich zum Beispiel lebe gern in Deutschland, finde es ein im Großen und Ganzen recht sympathisches Fleckchen Erde und hab trotzdem keine Angst vor anderen kulturellen Einflüssen. Warum auch? Ich selbst bin das Ergebnis unterschiedlicher kultureller Einflüsse und finde es prima.

Kein noch so abwegiger Anlass ist den Internet-Trollen überdies zu schade, um ihre verschwurbelten Ansichten unters Volk zu bringen. So schreibe ich in den Kommentaren bei kino.de immer Kritiken zu den Filmen, die ich gesehen habe. Und das genügt den Internet-Trollen tatsächlich, um rassistisches oder sexistisches Gedankengut herauszupoltern. So geschehen bei Fack ju Göhte (Rassismus) und Transcendence (Sexismus). (Bei Letzterem ist rätselhafterweise der entsprechende Kommentar auf der Seite von kino.de nicht zu sehen, sondern nur auf meiner Facebook-Seite. Der Internet-Troll hatte geschrieben: „Gesellschaftskritisch? Frauen und Technik fällt mir dazu ein. Ein Wunder, dass Du nichts über die Frisuren zu heulen hattest.“)

Dass es auch anders geht, zeigt beispielsweise eine Diskussion, die ich auf meinem Kultur- und Theaterblog Hamburgische Dramaturgie 2.0 mal mit einem Scientologen und einem ehemaligen Scientologen hatte. Ich hatte in einem Artikel die Methoden Lee Strasbergs mit denen Scientologys verglichen, woraufhin ein Scientologe einen vermutlich vorformulierten PR-Text als Kommentar schrieb. Ich hinterfragte den Kommentar ein wenig kritisch, aber offen und freundlich, woraufhin sich ein spannender, interessanter Austausch von Lebensansichten entwickelte. Zumindest, bis sich der Scientologe und der Ex-Scientologe in die Wolle kriegten und Ersterer sich diskriminiert fühlte und aus der Diskussion zurückzog.

Es ist doch spannend und interessant, wenn man unterschiedlicher Ansichten ist. Selbst, wenn ich eine Meinung völlig abwegig und bescheuert finde, muss ich ja nicht gleich aggressiv und ausfallend werden. Selbst, wenn mich mal die Troll-Lust packt, versuche ich, mich auf Sachliches und Inhaltliches zu beziehen und nicht die Privatmenschen persönlich zu beleidigen. Aus sach- und inhaltsbezogener Kritik und Polemik kann sich eine Diskussion entwickeln, aus niveauloser, persönlicher Beleidigung hingegen entsteht nur Streit, der einen in der Erweiterung des eigenen Horizonts nicht weiter bringt. Und das ist eine verpasste Chance. Aber ich vermute, dass leidenschaftliche Internet-Trolle das anders sehen und ihren Horizont gar nicht erweitern wollen. Am Ende müssten sie dann ja noch einsehen, dass ihre Meinung gar nicht so unabhängig, selbstständig, frei und originell ist wie sie sich einbilden. Und dann wüssten sie vermutlich nichts mit sich anzufangen, weil sie ihre eigene Persönlichkeit über diese Meinungen definiert haben. Nimmt man ihnen die Grundlage für diese Meinungen, zieht man ihnen ihr Identitätskonstrukt als Boden für ihre Persönlichkeit unter den Füßen weg. Daher: Troll füttern lieber unterlassen und sich seinen Teil denken. Oder freundlich, höflich, sachlich und offen formulieren und gucken, was passiert.

 

Essai 71: Über Konsummüdigkeit infolge von omnipräsentem Überangebot an Nicht-Notwendigem

19. Dezember 2010

Weihnachten steht sozusagen direkt vor der Tür und die weihnachtsfeiernde Menschheit teilt sich – wie jedes Jahr – in zwei Lager. Auf der einen Seite haben wir die „Traditionalisten“, die das ganze Paket mit Liebe, Friede, Heiterkeit, Geschenken und prall geschmücktem Weihnachtsbaum bevorzugen.

Und auf der anderen Seite, die sich für ungemein originell haltenden, pseudo-rebellischen „Anti-Traditionalisten“, die total individuell gegen den weihnachtlichen „Konsum-Terror“ wettern, sich und ihren Lieben gegenseitig das – inzwischen schon zum Klischee verkommene – „Wir schenken uns nichts“ schwören und einen auf puristisch machen.

Eine Haltung, die mir – nebenbei bemerkt – reichlich auf die Nerven geht. In dem Versuch, dem einen Klischee zu entkommen, stürzt man sich voller Leidenschaft ins nächste. Nur dass die „Traditionalisten“ gar nicht erst so tun, als wären sie individuell, originell und was-weiß-ich. Die „Anti-Traditionalisten“ sind das schlimmste Klischee von allen und merken es nicht einmal. Das ist doch peinlich!

Außerdem, ich finde das schön, anderen etwas zu schenken, eine Freude zu machen und Liebe, Friede, Heiterkeit finde ich auch gut. Ja, ja, ich weiß, ich habe mich soeben als „Traditionalist“ geoutet, schon klar.

Bevor ich jetzt aber von den „Anti-Traditionalisten“ in der Luft zerfetzt werde, weil ich mit meiner Haltung den monströsen Konsumapparat des kapitalistischen Terrors personifiziert in der Figur des amerikanistischen Coca-C*la-Weihnachtsmannes unterstütze (Schleichwerbung ist pfui, daher das Sternchen), möchte ich ein großes „ABER“ hinzufügen.

ABER in einem Punkt haben die „Anti-Traditionalisten“ nämlich gar nicht so Unrecht und das ist die Sache mit dem „Konsum-Terror“. Ich würde es nicht unbedingt so martialisch als „Terror“ bezeichnen, aber schon als ein omnipräsentes Überangebot an Nicht-Notwendigem. Da wird man zum Beispiel mit riesengroßen Werbetafeln zugeballert, die die Zielgruppe „verzweifelter, weil unkreativer Mann mit weiblichem, charakterlich schwierigem Anhang“ anspricht und versucht selbiger allen Ernstes zu suggerieren, jede Frau wünschte sich so ein bescheuertes elektronisches Buch. Dann doch lieber einen Gutschein für die  Lieblings-Buchhandlung im Wert eines elektronischen Buchs. Das ist auch unkreativ, aber dann kann frau sich wenigstens aussuchen, was ihr Spaß macht und hat dann nicht so ein blödes Ding im Weg rumliegen, das sie dann auch noch benutzen muss, weil Männe sonst enttäuscht ist. Und womit Männe sowieso lieber herumspielt und sich voller Inbrunst in die Lektüre der Bedienungsanleitung stürzt, um dann hinterher mit treuherziger Penetranz seiner Angebeteten die Funktionsweise des blöden Dings zu erklären. Und sie darf sich dann nicht anmerken lassen, dass sie das überhaupt nicht interessiert und dass sie jetzt viel lieber ihr (echtes) Buch weiterlesen würde, anstatt den technischen Verbal-Ergüssen ihres Göttergatten mit unendlicher Geduld zu lauschen.

So, um aus den Untiefen des Gender-Stereotypen-Sumpfs wieder aufzutauchen, jetzt mal Schluss mit dem „Mann schenkt Frau elektronischen Firlefanz, den sie weder braucht noch will, er aber schon, und das ist auch der Grund warum er das verschenkt“-Gedöns. Ganz allgemein habe ich in letzter Zeit an mir beobachtet, dass ich ab einem bestimmten Punkt an Angeboten und Auswahlmöglichkeiten schlicht und ergreifend jegliche Lust verliere, mir überhaupt irgendwas zu kaufen. Und das ist natürlich in der Weihnachtszeit besonders extrem. Ich war zum Beispiel neulich mal im KadeWe in Berlin. Das war bombastisch, überall glitzerte und funkelte der Weihnachtsschmuck, große Kulleraugen gläserner Rehe strahlten mich an, dann überall Schokolade, Süßigkeiten, Kekse, Kuchen aus aller Welt, von der grandiosen Mode-Abteilung mal ganz zu schweigen. Es war überwältigend. Und ich wollte mir wirklich gerne irgendetwas kaufen, weil ich nicht so oft ins KadeWe komme und weil alles so fantastisch war. Aber ich wusste nicht was. Dieses Überangebot an Dingen, die zwar schön und toll sind, die man aber – rational betrachtet – nicht braucht, hat mich einfach total erschlagen. Und dann bin ich nach Hause gefahren, ohne mir etwas gekauft zu haben.

Was ich dabei festgestellt habe ist, dass das überhaupt nichts gemacht hat. Man muss nicht ständig irgendwas kaufen. Eigentlich braucht man doch viel weniger Zeug, als man glaubt. Also bin ich vielleicht doch eine verkappte „Anti-Traditionalistin“? Konsumverweigerung durch Konsummüdigkeit?

Neeeee… so einfach ist das natürlich nicht. Man kann nämlich auch hier einen Mittelweg finden. Wenn man zum Beispiel sich vorher überlegt, was man in etwa braucht, so eine grobe Richtung zumindest, dann kann man dem Konsumwahn entkommen, ohne gleich in das andere Extrem der Konsumverweigerung zu rutschen. Ich bin zum Beispiel in der Hinsicht ein großer Fan von Listen. Listen sind super. Und das macht so einen Spaß, kleine Häkchen hinter die erledigten Punkte zu setzen. Wenn man spontan etwas Geniales findet, kann man das ja trotzdem kaufen, aber man ist dann nicht so sehr erschlagen von dem omnipräsenten Überangebot, wenn man sich vorher einen groben Plan gemacht hat.

Soweit, so gut, ich wünsche dann noch allen Traditionalisten und Anti-Traditionalisten ein fröhliches, entspanntes Weihnachtsfest und lasst euch nicht vom Konsum-Monster terrorisieren.

Essai 33: Über Imponiergehabe

6. Juli 2008

Ursprünglich wollte ich ja über männliches Imponiergehabe schreiben. Aber da ich keine Lust habe, mir Vorwürfe von wegen mangelnder politischer Korrektheit und Sexismus und männerdiskriminierenden Anwandlungen anzuhören, habe ich das jetzt doch gender-unspezifisch formuliert. Außerdem machen wir Frauen ja auch allerhand Schwachsinn, nur um andere zu beeindrucken.

Was mir zu dem Thema jedenfalls als erstes einfällt, das sind die Haarschnitte, die bei jungen Halbstarken derzeit „in“ sind. Ein unidentifizierbares Gewuschel, das aussieht als wäre etwas auf der Straße überfahren worden, eine Katze vielleicht, oder auch ein Waschbär, und wäre dann wie von Zauberhand – Simsalabim – auf dem zuvor kahl geschorenen Schädel gelandet. Etwas, das wohl mal ein Irokesenschnitt werden soll, wenn es groß ist. Objektiv betrachtet, sieht jeder damit irgendwie bescheuert aus. Warum tragen also so viele junge Männer diesen Haarunfall? Ich kann es mir nur durch das Imponiergehabe erklären. Der Schnitt gemahnt entfernt an einen Hahnenkamm und wahrscheinlich wollen diese, gerade den Kinderschuhen entwachsenden, Jungspunde zeigen, wer hier der Hahn im Korb ist. Der Kamm wird dann finster blickend spazieren getragen, meist im Rudel, so dass man total beeindruckt ist und weiß – Aha – mit denen ist nicht gut Körner picken. Zu unseren jungen Kapaunen gesellen sich auch gerne solche, die auf eine, jeglichen physikalischen Gesetzen trotzenden, Art und Weise ihre Baseball-Kappen auf dem Kopf balancieren. Sie sehen aus, als müssten sie jeden Moment herunterfallen, aber sie tun es nicht – also die Baseball-Kappen. Ein Rätsel. Obzwar diese Schwebekappen ihrem Träger ein absonderliches Aussehen verleihen, kann man doch nicht umhin, zu bemerken, dass man den Blick schwerlich von den Kopfbedeckungen abwenden kann. Die Faszination des Grauens, nehme ich an.

Im Freibad lassen sich auch immer viele unterhaltsame Szenen beobachten, die dazu dienen, insbesondere das andere Geschlecht zu beeindrucken. Männliche Teenager springen irgendwelche Rückwärtssaltos vom Beckenrand (und springen dabei Leuten, die ins Schwimmbad gehen um zu schwimmen gerne auf den Kopf) und weibliche Teenager kreischen sich die Seele aus dem Leib, wenn sie von ihren männlichen Altersgenossen mit feinsinnig-hintergründigem Sinn für Humor zum wasweißichwievielten Male ins kalte Becken geschubst werden. Vermutlich ein Trick von den Mädchen, um den Beschützerinstinkt in den Schubsern zu wecken. Was die Schubser angeht, versuchen sie wahrscheinlich einfach auf plump-liebenswerte Art und Weise, ihre Zuneigung kund zu tun.

Eine Sache, die mir niemals einleuchten wird, ist die Legende von der Wichtigkeit der Penisgröße. Hui, toll, was Sexuelles! Wenn die Männer wüssten, wie völlig schnurzpiepegal die Größe ist, würden sie sich eine Menge Stress ersparen, dessen bin ich überzeugt. Ich habe von Push-up-Slips gehört. Was es nicht so alles gibt. Es soll ja auch welche geben, die sich ausstopfen. Warum? Die Wahrheit kommt ja doch irgendwann ans Licht und außerdem gucken Frauen auch mal woanders hin, als immer nur auf den Schritt. Ja, ist so.

Aber auch Frauen nehmen schier unerträgliche Qualen auf sich, um die Männerwelt von ihrer Existenz in Kenntnis zu setzen. High-Heels, Pfennigabsätze, Riemchensandaletten. Machen die Füße kaputt, tun höllisch weh und laufen kann man darin schon mal gar nicht, was den eigentlichen Sinn und Zweck von Schuhen sabotiert. Aber sie sehen gut aus und die Männer finden es super. Generell ist es sehr tragisch zu beobachten, was sich Frauen alles antun, weil sie glauben, sie könnten die Männer damit beeindrucken. Augenbrauenzupfen, abenteuerliche Kaltwachs-Geschichten – die ich hier nicht weiter ausführen will – bis hin zu sogenannten Schönheitsoperationen. Manchmal frage ich mich auch, ob sie wirklich nur die Männer beeindrucken wollen, oder ob nicht auch so ein kleiner Schneewittchen-Stiefmutter-Spiegel-Komplex eine Rolle spielt. Wer ist die Schönste im ganzen Land? Tjahaaa…

Das ist wohl Teil der menschlichen Natur, dass wir immer besser als „die anderen“ sein wollen. Hat ja auch positive Seiten, wenn es als Antrieb dient. Aber muss es denn immer gleich so lächerliche bis schmerzhafte Auswüchse annehmen?

Essai 31: Über Rebellion

29. Juni 2008

Die Rebellion, von der hier die Rede ist, ist vor allen Dingen die jugendliche Rebellion. Die ist mir nämlich schon seit jeher ein Rätsel.

Der Sinn und Zweck von Rebellion liegt für mich darin, dass man sich unabhängig macht, um eine individuelle Persönlichkeit entwickeln zu können. Dann lehnt man erstmal alles ab, findet alles ätzend und mit der Zeit sortiert man, ob wirklich alles doof ist, oder ob nicht auch ein paar nützliche Sachen dabei sind.

Was mir auffällt, ist, dass Jugendliche zwar gegen die Eltern und die Erwachsenen generell rebellieren, untereinander aber alle das Gleiche tun. Man stellt sich also gegen eine bestimmte Gruppe von Menschen, um seine Individualität herauszuarbeiten, nur um sich dann an die nächste Gruppe anzupassen? Nicht besonders plausibel, wenn man mich fragt.

Denn in dieser Gruppe von rebellierenden Jugendlichen ist nichts mit individuell sein, dann ist man nämlich ganz schnell der uncoole Freak, der Streber oder der Langweiler. Auch wenn ich mir bestimmte Gruppierungen, die alle gegen die Gesellschaft rebellieren, angucke, sehen die untereinander alle gleich aus und machen auch das Gleiche: Bier trinken, die Hygiene vernachlässigen, dummes Zeug skandieren, was weiß ich.

Da wird dann die Rebellion zur Modeerscheinung, zum Kostüm, das man sich an- und wieder ausziehen kann, wie es einem gerade passt oder wie gerade der Trend ist. Auch gegen den Trend zu sein, ist dann hierbei ein Trend. Das Ziel von Rebellion hat man damit gründlich verfehlt, vielleicht auch nie anvisiert und das ist nichts anderes als peinlich und erbärmlich.

Essai 29: Über die Verfloskelung emotionaler Zustände

24. Juni 2008

Es ist allgemein bekannt, wie schwierig es ist, Gefühle in Worte zu fassen. Vermutlich ist es sogar unmöglich.

Statt es aber einfach zu unterlassen, über die eigenen Gefühle zu reden und sie statt dessen einfach zu zeigen, machen wir folgendes: Wir verfloskeln sie.

Wie schnell wird zum Beispiel aus „Ich liebe dich“ eine Floskel, wenn man sie nur noch aus Gewohnheit sagt.

Besonders in diesem Fall, sollte man diesen Satz so selten wie möglich sagen, damit er kostbar bleibt und nicht zur Lüge wird. Denn wenn man Gefühle erst verfloskelt hat und diese Floskeln nur noch gewohnheitsmäßig dahersagt, ist es bis zur Lüge nicht mehr weit.

Interessanterweise verfloskeln wir überwiegend Gefühle, die von der zarten, verletzlichen Sorte sind, wie eben Liebe oder andere Formen der Zuneigung. Oder sagen wir etwa „Ich bin ja so wütend“, wenn wir wütend sind? Nee, wenn wir wütend sind, wirklich wütend, dann explodieren wir. Oder wenn man wirklich verzweifelt ist, sagt man auch nicht „Ach und Weh, was bin ich doch verzweifelt“ – es sei denn man ist eine Figur aus Klingers „Sturm und Drang“ – nein, man ist eben verzweifelt und tut, was man so tut, wenn man verzweifelt ist. Dazu gehört dann am wenigsten, dass man sich mit Platitüden aufhält.

Warum ist das so? Meine Vermutung ist, dass wir bei den zarten, verletzlichen Gefühlen Angst haben, uns lächerlich zu machen oder verletzt zu werden. Deswegen flüchten wir uns in Floskeln und Sprüche, weil wir es nicht besser wissen und vielleicht auch nicht besser können. Während Wut und Verzweiflung so starke Gefühle sind, dass wir sie nicht für uns behalten können, dass wir sie zeigen müssen. Da bleibt dann keine Zeit mehr, noch nach der passenden Floskel zu suchen.

Essai 27: Über das Älterwerden

8. Juni 2008

Das erste Mal, dass mir meine eigene Vergänglichkeit schmerzlich bewusst wurde, war, als meine acht Jahre jüngere Cousine und mein zehn Jahre jüngerer Cousin mich nur fragend ansahen, als ich Roxette erwähnte.

Ich meine, Roxette, das ist Kult, das kennt man doch! Ich war sozusagen entsetzt! Und ein wenig traurig. Denn da wusste ich: ich werde älter. Ich verfalle. Der Verfall beginnt beim Musikgeschmack.

Oder kennt etwa noch einer von den HipHop-verkorksten Teenies Ace of Base? Haddaway? Nä. Die kennen dann nur Fifty Cent und die anderen „Pimps“, so nennt man das doch? Ich kann zum Beispiel nicht nachvollziehen, dass es Musik sein soll, wenn ein „pimp my Pimp“-„Homie“ mit dicker Goldkette und noch dickerem „pimp my ride“-Auto vor so „pimp my bi-atch“-Tussis mit „pimp my boobs“-Brüsten in knappen Bikinis herumposen, einen auf fat „pimp my pants“ machen und die ganze Zeit erzählen, was sie mit eben genanntem alles Dolles anzustellen wissen.

Nur weil da im Hintergrund ein paar Alibi-Bässe einsam und verlassen vor sich hin wummern ist das doch noch keine Musik? Früher, zu meiner Zeit, da hat HipHop noch was bedeutet. Da war das noch Ausdruck und Rebellion! Jetzt ist es ja nur noch eine Parodie seiner selbst. Und sowas vermittelt unserer Jugend Werte?

In den Neunzigern wurde noch gute Musik gemacht, der Inhalt war zwar nicht immer künstlerisch oder pädagogisch wertvoll („There’s a party“), aber man konnte immerhin noch dazu tanzen, jawohl! Und die Texte hatte man auch schnell drauf, so dass man mitsingen konnte („Ooh Lalala, I love you baby…“). Das hatte noch Stil.

Aber jetzt…

Ach und Weh ein einziges Trümmerfeld von Ansprüchen, Niveau und zerschmetterten Melodien, die zum remixen und reremixen verdammt sind. Und was ist mit dem guten alten Ghettoblaster? Tja, dafür gibt’s ja jetzt diese tollen Handys, mit denen man seinen Mitmenschen in der U-Bahn so schön die Nerven zersägen kann. Aber ein Gutes hat das Ganze: Wenn in zehn Jahren nicht die Spice Girls, die Backstreet Boys und Take That ihr Come-Back versuchen, sondern Bushido und wie sie alle heißen, dann hab ich was zu lachen. Da freu ich mich drauf.

Essai 24: Über Illusionen

30. Mai 2008

Die Illusion ist die erklärte Feindin sämtlicher Hobby-Psychoanalyse-Autodidakten.

Sie traktieren ihre Mitmenschen dann mit Allzweckargumenten, wie „Du darfst vor deinen Problemen nicht davonrennen“ oder „Du versteckst dein wahres Ich“ oder „Du verdrängst dein inneres Verlangen.“

Jeder, der einmal in die Fänge eines Hobby-Freuds geraten ist, weiß dann auch, dass man da am Besten gar nicht gegen protestiert, sondern lieber gleich sagt: „Du hast Recht, ich sollte mich meinen Ängsten stellen, nicht mehr vor meinen Problemen flüchten und den Tatsachen todesmutig ins Auge blicken.“

Damit sind die Probleme natürlich nicht gelöst, aber der Hobby-Freud ist fürs Erste beruhigt und lässt sein Opfer zumindest so lange in Ruhe, bis er merkt, das dieses das nur so gesagt hat. Deswegen ist das auch von enormer Wichtigkeit, das so überzeugend wie nur irgend möglich zu behaupten, sonst geht die küchentischpsychologische Analyse nämlich erst richtig los: „Nee, nicht bloß sagen, was du meinst das ich hören will. Hör auf, ständig die Erwartungen anderer Leute erfüllen zu wollen. Du musst an dich selbst glauben, dir mehr vertrauen. Sei du selbst.“ und was sich der Möchtegern-Therapeut sonst noch so aus Disneyfilmen und „Fantasy-Elfen-Drachen-Helden-Quatsch“ an originellen Weisheiten zusammengeklaut hat.

Nun aber zurück zu den Illusionen. Sind sie wirklich so schlecht, wie diese pseudolebensweisen Alles-Checker uns weis machen wollen? Oder ist es nicht vielmehr absolut lebensnotwendig, sich auch mal was vorzumachen? Objektiv betrachtet: Was macht das Leben schon für einen Sinn?

Das ist nicht neu, Albert Camus hat diese Frage schon vor 66 Jahren in seinem berühmten Sisyphos-Mythos behandelt, aber meiner Meinung nach trifft es den Nagel auf den Kopf.

Wenn man also die Absurdität des menschlichen Daseins als gegeben annimmt, so ist jeder Sinn, den wir unserem Leben geben, rein subjektiv und eine Illusion. Denn wenn man sich über den Sinn des Lebens keine Illusionen macht, wäre das Leben für einen sinnlos. Und wie deprimierend ist denn das?

Ich plädiere also für eine Rehabilitation des Begriffs der Illusion. Schlimm wird es doch auch nur, wenn man nicht weiß, dass die Illusionen, die man hat, Illusionen sind, sondern sie für die Wahrheit, für Tatsachen hält. Und wenn man dann irgendwann merkt, dass man sich was vorgemacht hat, gibt es einen Fehler in der Matrix und das ist dann nicht mehr so lustig. Aber gegen bewusste Illusionen ist doch nun wirklich nichts einzuwenden. Oder?

Essai 22: Über die Diktatur der ständigen Erreichbarkeit

25. Mai 2008

Gestern war ich todesmutig: Ich habe mein Handy einfach zu Hause gelassen. Ganz genau, einfach zu Hause gelassen. Und es war überhaupt nicht schlimm.

Meiner Meinung nach ist es sogar ganz gesund, wenn man sich dieser Diktatur der ständigen Erreichbarkeit einfach mal entzieht. Man denke doch einfach mal an die Zeiten zurück, es ist noch gar nicht lange her, in denen Handys Luxusgegenstände waren, die sich nur wohlhabende Geschäftsleute und deren protzaffinen Sprösslinge leisten konnten.

Das war schön entspannt in der U-Bahn, ohne diesen penetranten Klingelton-Terror, qualitativ unterirdischen Hip-Hop-„Beats“ aus schrottigen Handylautsprechern und dem permanenten telefonischen Seelenstriptease der Fahrgäste.

Denn, nein, es interessiert mich nicht, warum Biggi sich von Jonas getrennt hat und ich will auch überhaupt nicht wissen, dass Sandra heute einen schlechten Tag hat, weil ihre „best friend“ Cosma jetzt öfter mit Chrissie abhängt und und und.

Ein Handy ist nämlich ein – Achtung, jetzt kommt’s – Gebrauchsgegenstand. Man braucht es um zu telefonieren und eventuell SMS zu schreiben und um Termine zu speichern.

Das ist alles schön und auch sehr praktisch und drauf verzichten will ich auch nicht, da es doch sehr dazu beiträgt, zwischenmenschliche Beziehungen dadurch zu fördern, dass man Bescheid sagen kann, wenn man spät dran ist oder man Hilfe holen kann, wenn man in eine Notsituation gerät. Aber seine privaten Klatsch- und Tratschgeschichten und seine kleinen Wehwehchen und persönlichen Befindlichkeiten muss man doch nicht in aller Öffentlichkeit breittreten. Ich habe doch ein Recht auf Distanz, die ist schließlich für die eigene Privatsphäre unerlässlich.

Doch heutzutage verkommt das Handy immer mehr zum Missbrauchsgegenstand, mithilfe welchem die Privatsphäre und die gesunde Distanz, die man normalerweise unter wildfremden Menschen einhalten sollte, mit unerträglich lustigen und krampfhaft originellen Klingeltönen zu Tode geläutet wird, und dann hat auch noch die Werbung für sowas die Musikvideos aus dem Musikfernsehen verdrängt (zusammen mit dümmlichen Realitysoaps).

Vor zehn oder fünfzehn Jahren haben wir es doch auch geschafft uns zu verständigen, ohne ständig erreichbar zu sein. Ich für meinen Teil plane jedenfalls, mein Handy des Öfteren zu Hause zu lassen.

Oder?

Was wenn gerade dann jemand anruft?…


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