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Essai 199: Über den Scheuer-Effekt

26. März 2021

Ganz Deutschland fragt sich: Warum ist A*** Scheuer eigentlich noch im Amt? Ganz Deutschland? Nein. A*** Scheuer fragt sich das nicht. Der scheint sich nach wie vor großartig zu finden – und das Merkwürdige ist: Viele seiner Parteikolleginnen und -kollegen scheinen seine Selbsteinschätzung zu teilen. Oder warum wurde er nicht schon längst gefeuert? Es ist ja geradezu faszinierend, wie viel Mist eine einzelne Person bauen, wie viel Steuergelder ein einzelner Minister in den Wind pupsen kann, ohne dass irgendwelche Konsequenzen drohen. Und noch faszinierender finde ich, wie man sich dafür nicht ansatzweise schämen kann, wenigstens ein klitzekleines bisschen. Gut, zu seiner Verteidigung, er ist ja nicht der Einzige, der trotz offenkundiger Inkompetenz und eklatanter Fehlbesetzung an seinem Platz klebt und sich kein bisschen peinlich findet.

Das hat doch eine kleine küchentischpsychologische Analyse verdient, bin ich der Meinung. Also: Was hat es mit dem Scheuer-Effekt auf sich? Wie schafft man es, trotz umfassender Unfähigkeit Karriere zu machen, nicht entlassen zu werden, obwohl man ständig Bockmist verzapft – und dann auch noch weiter Verantwortung übertragen zu bekommen?

Eine Sache vorweg: Ich weiß es nicht. Das heißt, ich rate, spekuliere, vermute und behaupte gleich fröhlich ins Blaue hinein. Aber wenn ein Scheuer null Konstruktives abliefern kann und dafür auch noch belohnt wird, dann darf ich das auch. Also, behaupte ich jetzt einfach mal.

Ein paar überzeugende Theorien hat das „browser ballett“ bereits zusammengestellt:

„Warum ist Scheuer noch im Amt?“ vom browser ballett

Ich denke, die „Schwarzes Schaf“-Theorie klingt plausibel. Neben Scheuer sehen einfach alle anderen weniger inkompetent aus – also kompetetenter, als sie sind. Und wäre er nicht mehr da, fiele auf, dass die anderen auch nichts auf die Kette kriegen und völlig überbezahlt sind. Träte Scheuer zurück, müssten die anderen sich an seiner statt die Frage stellen lassen, warum sie denn noch im Amt seien. Das möchte niemand riskieren – verständlicherweise.

Vielleicht spielt auch eine Art kognitive Dissonanz eine Rolle? Irgendjemand muss den Kerl doch überhaupt erst ins Amt des Verkehrsministers gebracht haben? Und der will sich bestimmt auch nicht mit der Frage auseinandersetzen, was ihn denn dabei geritten habe, und deswegen rechtfertigt dieser Mensch seine Entscheidung vor sich selbst damit, dass der Scheuer ja gar nicht sooo unfähig wäre, dass er ja auch schon viel geleistet hätte, hier … zum Beispiel … Dingens, ihr wisst schon. Eine ähnliche kognitive Dissonanz dürfte auch diejenigen umtreiben, die den Kerl immer noch nicht gefeuert haben. Im Ernst jetzt, warum nicht? In jedem beliebigem Unternehmen wäre der doch schon zig-mal achtkantig und fristlos rausgeflogen? Das regt mich ja schon wieder auf! *grummelbrummelschimpfmotzknurrzeter* Atme, Isa, atme, denk an deinen Blutdruck … Pfiuuuuuuhhhh …. OK, geht wieder.

Noch eine Theorie: Scheuer hat zu Beginn alle mit seinem völlig ungerechtfertigtem Selbstvertrauen und seinem selbstsicherem Auftreten darüber hinweg geblendet, dass seine Arroganz auf überhaupt keinem stabilen Fundament basiert. Sein substanzloses Herumgeschwadroniere, sein inhaltsleeres Geschwafel und seine nichtssagenden, rhetorischen Muskelspiele konnten die anderen lange genug täuschen, sodass sie tatsächlich glauben, er könnte irgendwas. Man müsste ihm nur noch mehr Chancen geben und Geduld haben, dann kann er zeigen, was WIRKLICH in ihm steckt. Das würde erklären, warum er jetzt mit Spahn zusammen die Test-Taskforce leitet (nebenbei bemerkt, meine Einschätzung dazu: Wir sind alle verloren.) – er hat zwar bislang stets auf ganzer Linie versagt, aber dieses Mal bekommt er das sicher hin! Man muss nur ganz fest daran glauben!

Was auch sein kann: Scheuer ist eigentlich ein psychologisches Experiment. Verrückte Wissenschaftler, zwischen Genie und Wahnsinn schwankend, wollten ausprobieren, wie weit die dummdreiste Arroganz der Ahnungslosen, besser bekannt als Dunning-Kruger-Effekt, sich in einer einzelnen Person steigern lässt, ohne dass ihr Gehirn implodiert. Die Antwort ist: sehr. Das Ergebnis ist Scheuer.

Nicht auszuschließen ist, dass Scheuer insgeheim doch etwas kann, nämlich Showhypnose. Er hat einfach alle in Trance versetzt und ihnen mantraartig eingeredet: „Scheuer ist der beste Verkehrsminister der Welt!“ Ja, und jetzt glauben das alle und Scheuer weiß nicht, wie er das wieder rückgängig machen kann und nun haben wir alle den Salat.

Möglicherweise schuldet aber irgendwer noch Scheuers Familie einen Gefallen. Und dann war der Gedanke, als Verkehrsminister kann er ja eigentlich nicht so viel falsch machen, unfähiger als sein Vorgänger kann man gar nicht sein, das wird schon. Tja, und jetzt wird man ihn nicht mehr los. Oder es ist eine Wette am Laufen, die CSU hat mit der CDU gewettet, wer den nächsten Bundeskanzler stellt, und die CSU will unbedingt gewinnen, deswegen haben sie ihren besten Mann (Höhö, Scherz) eingesetzt, um die Nerven der CDU so zu zermürben, dass die jemanden wie Laschet als Vorsitzenden wählen und daneben kann sich dann Söder stellen und einfach das Gegenteil von dem machen, was Laschet macht, und wirkt damit super-staatstragend.

Soweit meine Vermutungen. Was meint ihr? Was klingt plausibel, was ist eindeutig Quatsch? Was ist eure Erklärung für die Frage: Warum ist Scheuer noch im Amt?

Schreibt es mir in die Kommentare, ich bin gespannt. 🙂

Essai 194: Über Machtkämpfe in Kommentarspalten

1. Juni 2020

Vor Corona waren Verschwörungsschwurbler, zum Beispiel Impfgegner, vergleichsweise eine Randerscheinung in den sozialen Medien. Jetzt haben sie Oberwasser und rotzen ihren Blödsinn mit immer mehr Selbstvertrauen und Frechheit in die Kommentarspalten – egal, um welches Thema es ursprünglich ging. Diese Arroganz ohne jede Grundlage ist nervtötend, trotzdem ist es meiner Meinung nach wichtig, diesen gequirlten, unzählige Male in Faktenchecks widerlegten Mumpitz nicht einfach so stehen zu lassen. Wir müssen dem widersprechen. Aber wie?

Da gibt es im Wesentlichen zwei Möglichkeiten: sachlich oder unsachlich. Ich bemühe mich immer um sachlichen Widerspruch. Eine einfache, aber effektive Methode, ist das Nachfragen. Wie kommt der Kommentierende auf die Idee, die er da verbreitet? Woher hat er seine Informationen? Was meint er mit Mainstream-Medien? Was ist seiner Meinung nach das Kernproblem, um das es in dem Post geht? Was will er eigentlich, was ist sein Ziel, was bezweckt er mit seinem Geschreibsel?

Dann bekommt man in der Regel noch ein paar zusätzliche Informationen, die einem erlauben, die Logik des Kommentars zu analysieren und auseinanderzunehmen. In der Folge wird man üblicherweise beleidigt oder zumindest wüst beschimpft, weil dann die Kommentierenden merken, dass man an ihrem Weltbild zu kratzen begonnen hat. Und das mag niemand.

Die überzeugten Verschwörungsschwurbler, die auf sachliche und logische Rückfragen und Kritik aggressiv reagieren, wird man nicht überzeugen können und das sollte auch nicht das Ziel sein. Aber es gibt unzählige stille Mitleser, die sich vielleicht noch keine Meinung zu der ganzen Chose gebildet haben, und wenn die sehen, da ist auf der einen Seite ein extrem aufgebrachter Wüterich, der auf höfliches Nachfragen und konstruktive Kritik ausfallend wird oder sogar völlig ausrastet, und auf der anderen Seite ein ruhig, sachlich und höflich argumentierender, vernünftig wirkender Mensch – dann, so meine Hoffnung, stimmt man eher letzterem zu.

Was ich ärgerlich finde, ist, wenn dann eigentlich vernünftige Menschen ankommen, die eigentlich der gleichen Meinung sind wie ich, aber die davon ausgehen, man müsse Feuer mit Feuer bekämpfen und es den aggressiven Schwurblern mit gleicher Münze heimzahlen. Die gefallen sich selbst in einem arrogant-herablassenden Ton, werden ausfallend, beleidigend und respektlos, höhnen im offensichtlich ironischen Tonfall, wie dumm doch der Schwurbler sei und können es einfach nicht lassen, sich auf seine Kosten erhöhen zu wollen.

Und das verstehe ich nicht. Was soll denn das?

Es ist absolut unnötig, persönlich ausfallend oder respektlos zu werden, wenn man sachlich recht hat. Wenn man überhaupt eine Chance haben will, das schwurbelnde Gegenüber noch zu erreichen, es zum Nachdenken zu bringen, Zweifel an den Verschwörungsideologien zu sähen, auf die es hereingefallen ist – dann MUSS man sachlich und respektvoll bleiben. Denn die Menschen, die auf diesen Budenzauber der Verschwörungsideologen hereinfallen, sind ja nicht zwingend Idioten. Vielleicht sind einige von ihnen naiv oder nicht sehr gebildet, ein paar haben vielleicht psychische Probleme oder ihnen fehlt es an einem Sinn in ihrem Leben oder sie sind auf der Suche nach Spiritualität etc. Selbst wenn einige wirklich klinisch dumme Menschen darunter sind – haben sie es dann verdient, dass man sie deswegen verhöhnt? Ich finde nicht.

Und wie gesagt: Selbst wenn die Betroffenen schon zu tief im Verschwörungssumpf versunken sind, gibt es Mitlesende, die vielleicht noch am Rande des Sumpfes stehen, und überlegen, ob sie dort eintauchen sollen oder nicht. Die hält man doch nicht davon ab, indem man andere Menschen herabsetzt. Im Gegenteil: Man riskiert, dass die Mitlesenden sich eher auf die Seite desjenigen stellen, der gerade bepöbelt und niedergemacht wird.

Meine Vermutung ist, dass eigentlich vernünftige Menschen, die Schwurblern oder Personen mit anderer politischer Einstellung als sie, von oben herab im genau gleichen unsachlichen Arschlochtonfall zu erniedrigen suchen, den diese Schwurbler selbst gern Andersdenkenden zuteil werden lassen, gar nicht darauf aus sind, irgendwen zu überzeugen. Die wollen ihr eigenes Ego plüschen. Es geht ihnen dabei nur um sich und darum, sich als was Besseres zu fühlen. Die brauchen das für ihr Selbstwertgefühl, andere herunterzuputzen. Und darin sind sie nicht anders als die Schwurbler, die sie bepöbeln.

Vor allem gehen bei diesen Machtkämpfen zuverlässig immer die vernünftigen, sachlichen und höflichen Kommentare unter. Die Diskussion verschiebt sich daraufhin vollkommen von der Sachebene weg auf die Ego-Ebene. Beide „Seiten“ plüschen ihre Egos um die Wette und wer als erster aus dem Machtkampf aussteigt, hat verloren. Dann hilft es auch nichts mehr, wenn ich noch dazwischengrätsche und versuche, das Ganze auf die Sachebene zurückzuholen, indem ich etwa frage: „Was wollt ihr eigentlich? Was meint ihr, könnt ihr auf einer Hygiene-Demo ohne Mundschutz und Abstand zum Ausdruck bringen, was ihr nicht auch mit Mundschutz und Abstand oder in einem offenen Brief zum Ausdruck bringen könntet?“

Nein, der Hahnenkampf ist im vollen Gange und beide „Seiten“ kämpfen verbissen darum, im Statuswettkampf das letzte Wort – und sei es noch so unsachlich und am Thema vorbei – zu haben. Das ist überhaupt nicht konstruktiv, höchst ermüdend und nervt. Man möchte am liebsten „Mars Attacks!“ zitieren, wenn der von Jack Nicholson verkörperte amerikanische Präsident fragt: „Why can’t we all just get along?“ – „Warum können wir nicht einfach mal alle miteinander klarkommen?“

Mit dieser Frage entlasse ich meine werte Leserschaft dieses Mal in einen hoffentlich entspannten Abend ohne Egogeplüsche und Statuswettkämpfe. Was meint ihr? Warum können wir nicht einfach alle miteinander klarkommen? Warum müssen ständig irgendwelche Leute ein Säbelrasseln und Schwanzvergleich vom Zaun brechen, anstatt die Sache inhaltlich zu diskutieren? Nervt euch das auch so wie mich oder bin ich empfindlich? Schreibt es mir in die Kommentare, ich bin gespannt. 🙂

Essai 187: Über passiv-aggressives Gruppenverhalten

20. Juli 2019

Weicht man ein klitzekleines bisschen von der Norm ab und gerät in eine Gruppe von Menschen, die das nicht tun, dauert es meist nicht lange, und man erlebt folgendes Phänomen:

Diejenigen, die der Norm entsprechen, also dem Durchschnitt, der Mehrheit, rotten sich zusammen. Und dann ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis man als Nicht-Normaler irgendetwas macht, was dem Durchschnittsgrüppchen sauer aufstößt. Man fällt in Ungnade. Und dann geht es los, das passiv-aggressive Gruppenverhalten.

Von einem besonders typischen Fall erzählte mir kürzlich eine Freundin, die mit einer Elternclique an der Schule ihres Sohnes in eine solche Situation geraten ist. Meistens gibt es dann in solchen Gruppen einen Anführer oder eine Anführerin, die die anderen Normalen gegen die Von-der-Norm-Abweichenden aufstachelt.

Dann darf plötzlich keiner mehr mit den in Ungnade Gefallenen reden. Es werden böse Blicke zugeworfen. Die Kinder werden nicht mehr eingeladen und das erfährt man dann von hinten rum durchs Knie ins Auge – und wenn man fragt, ob irgendetwas ist, wird das mit einem eisigen Lächeln und einem „Nee, wieso?“ quittiert. Das sind übrigens alles erwachsene Leute, nur mal so am Rande.

Ich erlebe das auch oft in Facebook-Kommentarspalten, dass man sich nicht gerade mit Beliebtheit bekleckert, wenn man es wagt, einen von der Mehrheit (in der Kommentarspalte) abweichenden Standpunkt einzunehmen. Da stürzen sich die Mehrheitsvertreter wie die Geier auf den Abweichler, um diesen unverschämten Knilch zu zerfleischen. Was fällt dem auch ein, sich seine eigenen Gedanken zu machen? Frechheit!

Sicher, man muss aufpassen, dass man der Mehrheit nicht einfach so um des Widersprechens willen widerspricht. Manchmal hat es ja auch einen triftigen Grund, warum etwas Mehrheitsstandpunkt ist – nämlich weil es einfach stimmt. Aber das meine ich nicht, sondern solche Situationen, wo es einfach nur um Meinungen, Sichtweisen und Geschmäcker geht. Oder wenn irgendein Vertreter der Mehrheit oder ein Mensch mit Macht Scheiße gelabert oder sich übelst in die Nesseln gesetzt hat, und man wagt, das zu kritisieren. Dann muss man nur bis drei zählen und die Geier kommen angeflogen.

Dann ist es vollkommen wumpe, wer Recht hat, wer Unrecht, wie gut man argumentiert oder wie eloquent man sich ausdrückt. Man wird einfach mit Bockmist überrollt, bis man genervt aufgibt. Wobei … in den Kommentarspalten verlassen die Leute relativ schnell die Gefilde des Passiv-Aggressiven und werden einfach nur aggressiv. Pöbeln, beleidigen, verspotten, verhöhnen, für blöd erklären, mit offenkundiger, humorfreier Ironie herunterputzen … da ist kein Mittel zu weit unten in der Schublade, um es nicht dem unverschämten Abweichler um die Ohren zu hauen.

Es ist aber insofern doch wieder passiv-aggressiv, weil ich mir ziemlich sicher bin, dass die Pöbler, die in den Sozialen Medien so großkotzig ihr Schandmaul aufreißen, um andere kleinzumachen, die sich dem Gruppendruck nicht beugen wollten, im wahren Leben, von Angesicht zu Angesicht, eher das Verhalten der Elternclique an den Tag legen würden. Also böse Blicke, hinterm Rücken des Betroffenen lästern, Gerüchte streuen, die Leute und ihre Angehörigen schneiden und ausschließen, bei direktem Kontakt aber aalglatt lächeln und so tun, als wäre alles fein etc.

Ehrlich gesagt, ich verstehe nicht, was das soll. Erstens lassen sich die meisten Konflikte im Keim ersticken, bevor sie entstehen, wenn man einfach mal sagt, was man will oder nicht will. Zweitens haben die Abweichler den „Normalen“ in der Regel überhaupt nichts getan. Drittens ist man doch, wenn man zur Mehrheit gehört, ohnehin in einer Vorteilslage und sowieso in einer Machtposition. Wozu dann noch Leute dissen, die von der Norm abweichen? Was soll denn das bringen?


Und, was sind eure Erlebnisse mit passiv-aggressivem Gruppenverhalten? Schreibt es mir in die Kommentare, ich bin gespannt. 🙂

Essai 184: Über Sachen und Dinge

7. Februar 2019

Wer kennt es nicht: Da will man einen superschlauen Text schreiben, der nach mächtig viel Inhalt klingt, hat aber gar nichts zu sagen. Doof. Aber das muss nicht sein! Wenn man sich nämlich einfach total vage hält, merkt überhaupt niemand, dass man eigentlich nichts Substanzielles zu Irgendwas beizutragen hat. Praktisch.

Angenommen, zum Beispiel, ich bin Politikerin und möchte, dass alles so bleibt wie es ist, aber trotzdem den Eindruck erwecken, ich sei Neuerungen gegenüber offen. Ich will weder meine konservative Wählerschaft verprellen noch den diffus Unzufriedenen auf den Schlips treten. Eine ziemlich knifflige Aufgabe. Doch nicht unmöglich.

Ich überlege dann einfach, wie ich möglichst interpretationsoffene Vokabeln zu einem halbwegs grammatikalisch richtigen Satz zusammenwürfeln kann. Dann bastele ich mir aus Dingen, Sachen und so Zeug irgendein Gedöns zurecht – und überlasse dem Rezipienten, was er da hineindeuten möchte.

„Sachen machen mit Dingen“ wäre zum Beispiel ein hübscher Slogan. Das klingt dann auch noch aktiv, klasse! Mit Sachen und Dingen alleine stößt man allerdings irgendwann an seine Grenzen. „Dinge bringen mit Sachen“ könnte man noch schreiben – aber früher oder später fällt auf, dass das nur heiße Luft und nichts dahinter ist. Und das will man ja vermeiden.

Also ergänzt man die Sachen und Dinge am besten noch mit ein paar Allgemeinplätzen, die sich gewichtig anhören. Sowas wie „Zeit“, „Liebe“, „Welt“, „Leben“, „Land“, „gut“ … wenn ich darüber nachdenke, man kann sich eigentlich ganz bequem aus dem Repertoire deutscher Popmusik bedienen.

„Weil Zeit für Dinge wichtig ist“. Dem wird beispielsweise wohl niemand widersprechen. Und dass es sich dabei um einen Nebensatz ohne vorangegangenen Hauptsatz handelt, deutet an, dass es einen solchen Hauptsatz überhaupt gibt. Dass er aber so selbstverständlich ist, dass man ihn nicht hinzuschreiben braucht. Das suggeriert ein unausgesprochenes Einverständnis. Und man muss sich dafür noch nicht einmal irgendetwas Tiefsinniges aus den Fingern saugen.

„Für ein Land, in dem wir gut und gerne leben“ wäre auch eine Idee … ach so, Moment. Das kommt mir bekannt vor. Seltsam. Na ja, dann vielleicht eher „Damit die Dinge in der Welt gut werden“? Oder ist das schon zu komplex? Da bin ich mir gerade unsicher.

„Zeit für Liebe ist immer“ finde ich auch sehr schön, das kann man sich richtig gut als Meme vorstellen, mit einem quietschorangefarbenem Sonnenuntergang im Hintergrund. Und alle so: Aaaaaaaawwwwww!

„Sachen sind gut, weil Dinge Leben sind“ Wow! Na, wenn das mal nicht weise klingt, das könnte glatt auf diesen Teefähnchen von den Yogi-Teebeutelchen stehen. Oder sowas wie „Mache Sachen und liebe das Leben“, „Mach dein Ding und gut ist“ – das kann jeder risikolos abnicken und sich dabei klug und tiefsinnig fühlen. Niemand wird es wagen, anzumerken, dass das alles hohle Phrasen sind, weil man sich dann ja selbst eingestehen müsste, dass man auf inhaltsleeren Quatsch reingefallen ist. Und das wäre sehr peinlich. Also spielen alle das Spiel mit, klatschen Applaus, wenn Leute Sprüche klopfen, die sich „irgendwie gut“ anhören und tun so, als würde das irgendetwas aussagen.

Und vielleicht ist das auch „irgendwie gut“, wenn sich alle dabei wohlfühlen … aber so auf Dauer fühle ich mich von so viel Inhaltsleere wie, wenn ich mich ein paar Tage lang nur von Fastfood ernährt habe. So hungrig nach Nährstoffen, nur nicht für den Körper, sondern für den Geist.

Und wie geht es euch mit dem ganzen Zeug?

Essai 167: Über Männer, die Frauen Technikgedöns erklären

5. November 2016

Bei Paaren, die schon längere Zeit zusammen sind, lässt sich häufig ein amüsantes Schauspiel beobachten, wenn es um den Kauf, die Inbetriebnahme oder den Gebrauch eines technischen Geräts geht. Oft ist es ja so, dass Männer sich vor Begeisterung über dieses Gerät gar nicht mehr einkriegen und ganz fasziniert von den vielen Möglichkeiten sind, die dieses Ding ihnen bietet. Die Frau indes will einfach nur, dass das Ding funktioniert und der Rest ist ihr vollkommen wurscht. Gut, die Rollen mögen auch bei anderen Beziehungen vertauscht sein und es mag auch Paare geben, wo beide ähnlich in Bezug auf Technikgedöns ticken. Aber zumindest bei den Pärchen in meinem Umfeld sowie meinem Freund und meiner Wenigkeit ist das so.

Zum Beispiel bin ich vor rund zwei Monaten endlich eingeknickt, und habe mir so ein neumodisches Smartphone gekauft. Mein olles, 14 Jahre altes Siemenshandy hat zwar noch einigermaßen funktioniert (ich hasse es ohnehin, zu telefonieren, erst recht, wenn ich unterwegs bin – da will ich lieber lesen und zwar ein echtes Buch aus Papier), aber heutzutage kann man halt viele Services nur mit Smartphone nutzen, also konnte ich mich nicht länger davor drücken. Inzwischen habe ich mich darin ganz gut eingefuchst und weiß die Vorzüge durchaus zu schätzen – etwa, dass ich keine Kinokarten auf Papier mehr brauche, ich gebe zu, das ist praktisch.

Jedenfalls war dieser Anschaffung eine kleine Diskussion vorausgegangen, weil ich gern ein Telefon mit Tasten gehabt hätte. Ich mag keine Touchscreens, da fehlt einfach der haptische Vorgang, auf einen Knopf zu drücken, damit was passiert. Stattdessen schmier ich da mit meinen Wurstfingern das schöne Display voll und dann sehe ich die ganze Zeit, wie dreckig das ist, obwohl ich das gar nicht wissen möchte. Eklig.

Mein Freund fand es sehr albern von mir, dass ich unbedingt Tasten wollte und argumentierte: „Tja, wenn du unbedingt eins mit Tasten willst, kann ich dir aber hinterher nicht helfen“, woraufhin sich mein inneres Kleinkind zu Wort meldete und trotzig zickte: „Ja, aber vielleicht komme ich ja auch alleine mit dem Ding klar, wenn es Tasten hat!“ Woraufhin mein Freund nur milde lächelte, ein angedeutetes Augenrollen nicht ganz verbergen konnte und spöttisch meinte: „Tja, wie du willst. Aber nicht, dass du dich hinterher beschwerst.“ Darauf ich: „Mimimi! Werde ich auch nicht!“ Kann sein, dass ich ihm auch die Zunge rausgestreckt habe, das weiß ich nicht mehr so genau. Auf jeden Fall war das Thema damit erstmal erledigt.

Dann kam mein Entschluss, jetzt doch ein Smartphone zu kaufen, und wir gingen in den Handyladen. Ich glaube, es gibt kein langweiligeres Geschäft als einen Handyladen. Überall nur Smartphones, Tablets, Zubehör für den ganzen Schnickschnack und keine Bücher. Bäh. Allein bei dem Gedanken an Handyläden werde ich schon ganz schläfrigggggggggggggg…………

Oh. Hoppla. Entschuldigung. Ich war kurz über der Tastatur eingenickt. Also wir standen in diesem unfassbar öden Geschäft, der Anblick all dieser unterschiedlichen Telefone war erdrückend und trostlos … und bevor ich mitten im Laden im Stehen einschlief, beschloss ich, doch auf meinen Freund (überzeugter Apple-Fan) zu hören und mir so ein blödes Schnösel-iPhone zu holen. Damit ich mir nicht allzusehr wie ein Modeopfer vorkam, habe ich mich dann aber für ein älteres Modell entschieden.

Die Mitarbeiter waren alle sehr freundlich, wobei ich finde diese professionell erlernte Freundlichkeit immer etwas frostig und unauthentisch. Immerhin konnte ich die jungen Leute mit meiner alten Sim-Karte schockieren. Der Mitarbeiter, der sich um die Grundeinrichtung des Telefons kümmert, meinte: „So, jetzt können wir die Sim-Karte hier reinstecken“, woraufhin ich sagte: „Hm. Die Karte ist glaube ich zu groß.“ Mein Freund und der junge Mann dann so: „Ach was, das kann man zuschneiden“ und ich war skeptisch. Dann sahen sie meine Sim-Karte und beide: „Oh! SO alt ist die … Ja, dann muss wohl doch eine neue her!“

Ich hatte gehofft, ich brauche das blöde Ding nur einzuschalten und der Rest erklärt sich von selbst. Ich musste dann aber feststellen, dass es doch nicht ganz so einfach war. Nun ist es aber so, dass ich das Lesen von Bedienungsanleitungen mindestens so langweilig wie den Besuch eines Handyladens finde, und die Funktionen eines Technikdings lieber eigenständig erkunde. Das ging leider nicht, und dann war es doch gut, dass mein Freund mir das ein bisschen weiter einrichten und erklären konnte.

Was mich dann aber nervt, ist dieser Tonfall, mit dem solche Erklärungen oft einhergehen. Als wäre ich ein bisschen doof oder so. „Guck mal und hier kannst du dann das und das machen, und wenn du das und das willst, dann musst du hier klicken“, schön langsam und betont, um unendliche Geduld mit dem begriffstutzigen Gegenüber (nämlich mir) bemüht. Und dann geht auch manchmal ihre Begeisterung mit den Männern durch, und dann erklären die einem auch noch so Zeug, was man in dem Moment gar nicht gebrauchen kann, in einer Ausführlichkeit, die gar nicht nötig ist. Ich sag schon Bescheid, wenn ich was Konkretes wissen will. Und wenn ich wissen will, wie ich ein Spiegelei brate, interessiert es mich nicht, wie aus Dinosauriern Vögel und schließlich Hühner wurden, die Eier legen. Wenn ich wissen will, wie ich eine bestimmte App installiere, muss ich nicht noch erfahren, welche Apps es sonst noch alles gibt, wie die funktionieren und so weiter.

Ganz besonders langweilig wird es, wenn die Männer einem dann auf eine konkrete Anfrage hin, etwa: „Der will, dass ich hier ein Update installiere, muss das sein?“ einem das Gerät aus der Hand nehmen, „nur kurz was gucken“ und dann komplett darin versinken, irgendwas daran herumtüddeln und man sitzt da, und weiß immer noch nicht, ob man dieses dämliche Update jetzt braucht oder nicht. Fragt man dann nach einer halben Stunde nach, was der andere da eigentlich mache, heißt es dann: „Ich schau nur mal eben“ und dann dauert das noch mal so lange.

Bei meinen Eltern ist das übrigens genau dasselbe Spielchen. Meine Mutter hätte zum Beispiel einfach gern einen ganz normalen Fernseher gehabt, den man einschaltet und dann läuft er. Mein Vater aber liebt technische Spielereien über alles und hat da ins Wohnzimmer ein – damals hochmodernes – Multimedia-Surround-Sound-Anlagenmonstrum in die Ecke gepackt. Wenn man fernsehen will, muss man erstmal den Strom einschalten – im Standby-Modus frisst das Monstrum nämlich Unmengen Strom – dann muss man den Verstärker anschalten, den Receiver (oder was auch immer) und den Computer, ach so, und den Bildschirm natürlich auch. Dann hofft man, dass man die Reihenfolge richtig getroffen hat, weil sonst alles durcheinander kommt, und wartet 10 Minuten, bis die Kiste endlich hochgefahren ist. Dann muss man die Fernsehsoftware anklicken und hoffen, dass die nicht ein Update verlangt, das dann wieder den ganzen Rechner lahmlegt. Hat man Glück, funktioniert das Fernsehprogramm und man kann endlich in Ruhe fernsehen.

Wenn ich bei meinen Eltern zu Besuch bin, fragt mich meine Mutter dann, ob ich ihr den Fernseher einschalten kann. Mein Vater neigt nämlich dazu, „nur kurz was gucken“ zu wollen, wenn das Monstrum endlich läuft, und dann klickt und sucht er da fröhlich herum, kein Mensch weiß, was er vorhat, und man kann das mit dem Fernsehgucken erstmal knicken. Zum Glück gibt’s immer reichlich Bücher griffbereit, lesen kann man auch als vollendeter Techniktrottel. Überhaupt fragt meine Mama lieber mich, wenn sie etwas Technisches erklärt haben möchte, wie man Skype installiert oder einen E-Mail-Anhang verschickt. Das kriege ich zum Glück hin 🙂

Ich find’s aber irgendwie liebenswert und süß, wie sich Männer so für Technikgedöns begeistern können. Es wäre aber schön, wenn man nicht mit einem ewiglangen Vortrag oder stundenlangem Nur-kurz-was-Gucken rechnen müsste, wenn man ein klitzekleines Miniproblemchen hat. Andererseits, es macht den Jungs solchen Spaß, uns die Technikwelt zu erklären, da kann man sich auch in Geduld üben und sie machen lassen. 😛

Und, wie ist das bei euch? Gibt es Technikfreaks und -trottel bei euch in der Familie oder unter euren nicht blutsverwandten Lieblingsmenschen? Und zu welcher Sorte gehört ihr?

Essai 147: Über Frauen, die angeblich nichts können

26. Juli 2015

Eine Sache, die an uns Mädels echt nervig ist, ist unser überwiegend miserables Selbstwertgefühl. Irgendwie scheinen sich viele Frauen als schlechter und unfähiger einzuschätzen, als sie tatsächlich sind. Zumindest erlebe ich es immer wieder, dass meine Geschlechtsgenossinnen Dinge sagen wie: „Das kann ich nicht“, „Das ist nicht meine Stärke“, „Das Kleid? Ach, das ist doch schon uralt!“ und so weiter. Warum fällt es uns so schwer, uns einfach mal hinzustellen und zu sagen: Das bin ich. Das kann ich. Und wenn dir das nicht passt, dann ist das dein Problem! Bäm! Towabanga!

Ist uns das obsessive Tiefstapeln angeboren, anerzogen oder durch die Gesellschaft verbockt? Oder sind wir einfach selber Schuld, weil wir uns das irgendwann einmal angewöhnt haben und keine Lust haben, uns die Arbeit zu machen, es uns wieder abzugewöhnen? Vermutlich ist es eine Mischung aus allem. Auf jeden Fall ist das reichlich anstrengend, wenn man einmal angefangen hat, darauf zu achten. Eine Freundin von mir machte mich neulich darauf aufmerksam und erzählte mir eine Geschichte (eine wahre noch dazu): Vor ein paar Jahren traf sie auf dem Weg vom Einkaufen einen Nachbarn und kam mit ihm ins Gespräch. Sie unterhielten sich über alles Mögliche, doch zum Schluss wurde der Nachbar nachdenklich und sagte zu ihr: „Sag mal, ich hab jetzt von dir nur erfahren, was du angeblich alles nicht kannst. Gibt es auch etwas, wo du gut drin bist?“ Meine Freundin war sprachlos. Es war ihr überhaupt nicht bewusst gewesen, dass sie ihr Licht so konsequent unter den Scheffel gestellt hatte. Bis sie mir das erzählt hat, war mir das auch nicht so schlimm erschienen, dass ich immer in den buntesten Details meine vermeintliche allumfassende Unzulänglichkeit darlege und über meine Talente oder Begabungen gar nicht spreche.

Seltsam, mir ist das auch irgendwie total unangenehm, mit meinem Können hausieren zu gehen. Ich denke dann, das ist doch Angeberei, das tut man nicht. Oder vielmehr „frau“ tut das nicht, bei Männern ist das merkwürdigerweise weniger verpönt, wenn die sich in aller Öffentlichkeit großartig finden. Manche übertreiben es dann auch gern einmal und dann schäme ich mich ein bisschen fremd. Aber manchmal kann ich nicht umhin, das zu bewundern und mich darüber zu ärgern, dass ich nicht so locker und entspannt sagen kann, dass ich eigentlich im Großen und Ganzen schon in Ordnung bin so wie ich bin. Und was nicht so toll ist, müsste ich ja eigentlich nicht allen unter die Nase reiben, sondern könnte daran stillschweigend arbeiten. Oder könnte mir bei manchen Untalenten auch sagen, Scheiß drauf, man muss ja nicht alles können.

Stattdessen hat sich in mir die Überzeugung festgebissen, das, was ich kann, interessiere niemanden so wirklich. Das kann ich halt. Sieht ja eigentlich auch jeder, ohne dass ich das extra betonen muss, oder? Während ich bei den Dingen, die ich nicht gut kann, eher Gesprächsbedarf empfinde, weil das dann ja Probleme respektive Herausforderungen sind, die man gern lösen möchte. Oder auch nicht, bei besonders hoffnungslosen Nichtbegabungen will man vielleicht auch einfach nur darüber reden, um zu sagen: Seht her, ich bin nicht perfekt, ich bin ein menschliches Wesen, das niemandem etwas zuleide tut und geliebt werden will! Vielleicht will man als Frau mit dem Tiefstapeln sozusagen die weiße Fahne schwenken und signalisieren, dass man in Frieden kommt und keinen Konkurrenzkampf aka Stutenbissigkeit vom Zaun brechen will. Bei Männern hingegen ist Konkurrenzkampf und Wetteifern eher positiv behaftet. Niemand würde das als Zickenkrieg bezeichnen, wenn zwei Männer sich gegenseitig erzählen, wie unfassbar phänomenal sie sind. Bei Frauen schon. Deswegen versuchen wir uns gegenseitig mit unserem Unvermögen zu unterbieten, damit uns alle lieb haben.

Auf der anderen Seite finde ich es dann auch wieder ganz nett und witzig, wenn Menschen mit einer von sokratischer Ironie geprägten Haltung durchs Leben flanieren und wissen, dass sie nichts wissen. Es gibt da ja schon auch Nuancen. Wenn man ab und zu mit einem Lächeln zu seinen eigenen Schwächen steht, die man nicht ändern kann, anstatt immer nur zu erzählen, wie fantastisch man ist, macht einen das ja auch menschlich. Aber wenn man ständig jammert, man könne dies nicht und das nicht und nicht eine Sekunde darüber nachdenkt, ob das überhaupt in dem Ausmaß stimmt, dann ist das anstrengend. Man entwickelt sich nämlich auch weiter, und manchmal kommt die Selbstwahrnehmung nicht so schnell hinterher und dann denkt man, man sei immer noch genauso doof wie vor zehn Jahren, obwohl man längst Fortschritte gemacht hat. Da ist das dann ganz gut, wenn man nette Freunde hat, die einem ab und zu mal den Kopf zurecht rücken.

Letztens war ich beim Friseur und hatte ein Foto von meinem Wunschhaarschnitt dabei. Die Friseurin guckt sich das Bild an, völlig entgeistert und klagt: „Ja, aber das ist ja gestylt. Das kann ich so nicht schneiden.“ Ich: „Das ist schon klar, ich meine ja auch die Länge. An den Seiten und am Hinterkopf schön kurz, oben etwas länger, wie auf dem Foto.“ Friseurin: „Hmmmm, aber das ist ja gestylt, ich weiß nicht, das geht nicht, ich kann das so nicht schneiden, ich trau mich nicht, bla.“ (An dieser Stelle war ich kurz davor zu gehen, zu lange Haare hin oder her) Dann kam eine Kollegin dazu und fragte: „Kannst du mit dem Messer schneiden?“ Friseurin: „Nee, das habe ich ja noch nie gemacht.“ (Vielleicht war sie gar nicht Friseurin?) Kollegin (seufzt): „OK, lass, ich mach.“ Zack! So geht das!

Ich finde, wir können ruhig häufiger mal dazu stehen, wenn wir etwas können. Schließlich können Ausbildung und/oder Lebenserfahrung nicht komplett spurlos an uns vorübergegangen sein, oder? Irgendetwas wird schon hängengeblieben sein und wenn nicht: Es ist nie zu spät, sein Leben zu ändern und an dem zu arbeiten, was wir gern anders hätten. Und Komplimente dürfen wir auch ruhig einfach mal ohne Gedöns annehmen und uns darüber freuen. Jemand findet das Kleid schön, das man trägt? Ein Lächeln und ein Danke reichen als Antwort! Kein „Ach, das olle Ding?“ oder „Oh, das gab es im Angebot, so ein NoName-Teil, nichts Besonderes“ oder was auch immer.

Essai 127: Über Internet-Trolle

29. Juni 2014

Idioten in der Offline-Welt sind ja schon schlimm genug. Doch wenn diese Schwachmaten immerhin schlau genug sind, sich ins Internet zu begeben, entsteht eine explosive Mischung. Denn im Internet sind die Menschen durch ein gewisses Maß an Anonymität geschützt – zumindest empfindet man das persönlich so, wahrscheinlich ist das in Zeiten von NSA und Co. eine Illusion – und trauen sich daher, auch den bescheuertsten geistigen Dünnpfiff kund zu tun. Ja, mir scheint sogar, dass es für manche dieser Internet-Trolle eine Vollzeitbeschäftigung ist, durchs Netz zu surfen und überall ihre verqueren Ansichten zu hinterlassen und Unruhe zu stiften.

Zugegeben: Auch ich erliege gelegentlich der Versuchung, herumzutrollen. Wenn beispielsweise auf Facebook wieder irgendwer einen vor nostalgischer Vergangenheitsverklärung, Kitsch oder Klischees triefenden Aphorismus postet, kann ich einfach nicht an mich halten und muss den mit Sarkasmus oder Altklugheit demontieren. Dann mache ich mir einen Jux daraus, Rechtschreib- und Grammatikfehler zu monieren oder hinterfrage die Logik dieser Aussage. Es bereitet mir ein diebisches Vergnügen, diese Sprüche à la „Früher war alles besser“, „Diese Jugend heutzutage“ oder „Liebe ist blabla *irgendein-Schwachsinn* blabla“ auseinander zu nehmen.

Oder, was ich zuweilen auch ziemlich lustig finde, zumindest, bis irgendein noch größerer Troll als moi rassistisch wird, ist, den politischen, spießig-verstockt-verstaubten Ansichten der Christdemokraten, Christsozialen, Neoliberalen und AfDlern fröhlich zu widersprechen. Aber meistens dauert das nicht lange und diese Unsympathen beweisen, dass sie in Sachen Herumgetrolle weitaus versierter sind als meine Wenigkeit und dann macht’s nicht mehr so wirklich Spaß. Dann verabschiede ich mich mit einem „Ich diskutiere nicht mit Idioten. Sie ziehen dich herunter auf ihr Niveau und schlagen dich mit Erfahrung“ und schmolle ein wenig vor mich hin. Und dann merke ich mir das für einen Essai vor.

Jedenfalls bin ich manchmal fassungslos, was Internet-Trolle so alles von sich geben. Manchmal ist es zwar unfassbar dämlich, aber immerhin harmlos. Zum Beispiel, wenn sich jemand die Mühe gegeben und die Zeit genommen hat, einen Artikel zu lesen und dann kommentiert (und dafür auch noch Zeit und Mühe aufwendet): „Ja, ja. Und in China fällt ein Sack Reis um“ oder „Dieser Artikel ist sowas von überflüssig, reine Zeitverschwendung“ oder „Scheißjournalisten, haben keine Ahnung, müssen mal besser recherchieren. Was für’n Schwachsinn lol“ und andere schon zu Klassikern der Trollkommentare gewordene Perlen. Etwas beunruhigender finde ich dann die ebenfalls sehr beliebten, aber unterschwelligen Nationalismus und Rechtsradikalismus offenbarenden Kommentare, die sich aus Textbausteinen wie „armes Deutschland“, „linksgrüner Sozialismus“, „Sozialschmarotzer“ und so weiter zusammensetzen. Der Postillon hatte das mal sehr hübsch zusammengefasst.

Internet-Trolle rechtfertigen sich gern mit Sprüchen wie „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“, „freie Meinungsäußerung blablubb“, verstecken sich hinter ihren heiligen Ansichten und stellen sich als Opfer hin. Gerade die aus dem rechten Spektrum sind darin echte Virtuosen. Das ist zugleich feige und unglaublich borniert. Die bilden sich nämlich allen Ernstes ein, sie wären mit ihrer ach so tollen Meinung allein und wären die Ersten, die auf die Idee gekommen sind, sich vor „Überfremdung“ der „Herkunftsdeutschen“ durch gemeine „Zukunftsdeutsche“ und sonstigem Quatsch zu fürchten und gegen „linkssoziale Propaganda“ zu wettern oder alle, die nicht ihrer Meinung sind als „Antifa-Terroristen“ zu betrachten. Dabei sind sie selbst rechtspopulistischer Propaganda aufgesessen, ihre Meinung ist aus den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts aufgewärmt und wiedergekäut und insofern alles andere als eigenständig und originell, sowieso ist das ja heutzutage wieder in Mode, Nationalstolz mit Rechtsradikalität und Fremdenhass zu verwechseln. Ich zum Beispiel lebe gern in Deutschland, finde es ein im Großen und Ganzen recht sympathisches Fleckchen Erde und hab trotzdem keine Angst vor anderen kulturellen Einflüssen. Warum auch? Ich selbst bin das Ergebnis unterschiedlicher kultureller Einflüsse und finde es prima.

Kein noch so abwegiger Anlass ist den Internet-Trollen überdies zu schade, um ihre verschwurbelten Ansichten unters Volk zu bringen. So schreibe ich in den Kommentaren bei kino.de immer Kritiken zu den Filmen, die ich gesehen habe. Und das genügt den Internet-Trollen tatsächlich, um rassistisches oder sexistisches Gedankengut herauszupoltern. So geschehen bei Fack ju Göhte (Rassismus) und Transcendence (Sexismus). (Bei Letzterem ist rätselhafterweise der entsprechende Kommentar auf der Seite von kino.de nicht zu sehen, sondern nur auf meiner Facebook-Seite. Der Internet-Troll hatte geschrieben: „Gesellschaftskritisch? Frauen und Technik fällt mir dazu ein. Ein Wunder, dass Du nichts über die Frisuren zu heulen hattest.“)

Dass es auch anders geht, zeigt beispielsweise eine Diskussion, die ich auf meinem Kultur- und Theaterblog Hamburgische Dramaturgie 2.0 mal mit einem Scientologen und einem ehemaligen Scientologen hatte. Ich hatte in einem Artikel die Methoden Lee Strasbergs mit denen Scientologys verglichen, woraufhin ein Scientologe einen vermutlich vorformulierten PR-Text als Kommentar schrieb. Ich hinterfragte den Kommentar ein wenig kritisch, aber offen und freundlich, woraufhin sich ein spannender, interessanter Austausch von Lebensansichten entwickelte. Zumindest, bis sich der Scientologe und der Ex-Scientologe in die Wolle kriegten und Ersterer sich diskriminiert fühlte und aus der Diskussion zurückzog.

Es ist doch spannend und interessant, wenn man unterschiedlicher Ansichten ist. Selbst, wenn ich eine Meinung völlig abwegig und bescheuert finde, muss ich ja nicht gleich aggressiv und ausfallend werden. Selbst, wenn mich mal die Troll-Lust packt, versuche ich, mich auf Sachliches und Inhaltliches zu beziehen und nicht die Privatmenschen persönlich zu beleidigen. Aus sach- und inhaltsbezogener Kritik und Polemik kann sich eine Diskussion entwickeln, aus niveauloser, persönlicher Beleidigung hingegen entsteht nur Streit, der einen in der Erweiterung des eigenen Horizonts nicht weiter bringt. Und das ist eine verpasste Chance. Aber ich vermute, dass leidenschaftliche Internet-Trolle das anders sehen und ihren Horizont gar nicht erweitern wollen. Am Ende müssten sie dann ja noch einsehen, dass ihre Meinung gar nicht so unabhängig, selbstständig, frei und originell ist wie sie sich einbilden. Und dann wüssten sie vermutlich nichts mit sich anzufangen, weil sie ihre eigene Persönlichkeit über diese Meinungen definiert haben. Nimmt man ihnen die Grundlage für diese Meinungen, zieht man ihnen ihr Identitätskonstrukt als Boden für ihre Persönlichkeit unter den Füßen weg. Daher: Troll füttern lieber unterlassen und sich seinen Teil denken. Oder freundlich, höflich, sachlich und offen formulieren und gucken, was passiert.

 

Essai 71: Über Konsummüdigkeit infolge von omnipräsentem Überangebot an Nicht-Notwendigem

19. Dezember 2010

Weihnachten steht sozusagen direkt vor der Tür und die weihnachtsfeiernde Menschheit teilt sich – wie jedes Jahr – in zwei Lager. Auf der einen Seite haben wir die „Traditionalisten“, die das ganze Paket mit Liebe, Friede, Heiterkeit, Geschenken und prall geschmücktem Weihnachtsbaum bevorzugen.

Und auf der anderen Seite, die sich für ungemein originell haltenden, pseudo-rebellischen „Anti-Traditionalisten“, die total individuell gegen den weihnachtlichen „Konsum-Terror“ wettern, sich und ihren Lieben gegenseitig das – inzwischen schon zum Klischee verkommene – „Wir schenken uns nichts“ schwören und einen auf puristisch machen.

Eine Haltung, die mir – nebenbei bemerkt – reichlich auf die Nerven geht. In dem Versuch, dem einen Klischee zu entkommen, stürzt man sich voller Leidenschaft ins nächste. Nur dass die „Traditionalisten“ gar nicht erst so tun, als wären sie individuell, originell und was-weiß-ich. Die „Anti-Traditionalisten“ sind das schlimmste Klischee von allen und merken es nicht einmal. Das ist doch peinlich!

Außerdem, ich finde das schön, anderen etwas zu schenken, eine Freude zu machen und Liebe, Friede, Heiterkeit finde ich auch gut. Ja, ja, ich weiß, ich habe mich soeben als „Traditionalist“ geoutet, schon klar.

Bevor ich jetzt aber von den „Anti-Traditionalisten“ in der Luft zerfetzt werde, weil ich mit meiner Haltung den monströsen Konsumapparat des kapitalistischen Terrors personifiziert in der Figur des amerikanistischen Coca-C*la-Weihnachtsmannes unterstütze (Schleichwerbung ist pfui, daher das Sternchen), möchte ich ein großes „ABER“ hinzufügen.

ABER in einem Punkt haben die „Anti-Traditionalisten“ nämlich gar nicht so Unrecht und das ist die Sache mit dem „Konsum-Terror“. Ich würde es nicht unbedingt so martialisch als „Terror“ bezeichnen, aber schon als ein omnipräsentes Überangebot an Nicht-Notwendigem. Da wird man zum Beispiel mit riesengroßen Werbetafeln zugeballert, die die Zielgruppe „verzweifelter, weil unkreativer Mann mit weiblichem, charakterlich schwierigem Anhang“ anspricht und versucht selbiger allen Ernstes zu suggerieren, jede Frau wünschte sich so ein bescheuertes elektronisches Buch. Dann doch lieber einen Gutschein für die  Lieblings-Buchhandlung im Wert eines elektronischen Buchs. Das ist auch unkreativ, aber dann kann frau sich wenigstens aussuchen, was ihr Spaß macht und hat dann nicht so ein blödes Ding im Weg rumliegen, das sie dann auch noch benutzen muss, weil Männe sonst enttäuscht ist. Und womit Männe sowieso lieber herumspielt und sich voller Inbrunst in die Lektüre der Bedienungsanleitung stürzt, um dann hinterher mit treuherziger Penetranz seiner Angebeteten die Funktionsweise des blöden Dings zu erklären. Und sie darf sich dann nicht anmerken lassen, dass sie das überhaupt nicht interessiert und dass sie jetzt viel lieber ihr (echtes) Buch weiterlesen würde, anstatt den technischen Verbal-Ergüssen ihres Göttergatten mit unendlicher Geduld zu lauschen.

So, um aus den Untiefen des Gender-Stereotypen-Sumpfs wieder aufzutauchen, jetzt mal Schluss mit dem „Mann schenkt Frau elektronischen Firlefanz, den sie weder braucht noch will, er aber schon, und das ist auch der Grund warum er das verschenkt“-Gedöns. Ganz allgemein habe ich in letzter Zeit an mir beobachtet, dass ich ab einem bestimmten Punkt an Angeboten und Auswahlmöglichkeiten schlicht und ergreifend jegliche Lust verliere, mir überhaupt irgendwas zu kaufen. Und das ist natürlich in der Weihnachtszeit besonders extrem. Ich war zum Beispiel neulich mal im KadeWe in Berlin. Das war bombastisch, überall glitzerte und funkelte der Weihnachtsschmuck, große Kulleraugen gläserner Rehe strahlten mich an, dann überall Schokolade, Süßigkeiten, Kekse, Kuchen aus aller Welt, von der grandiosen Mode-Abteilung mal ganz zu schweigen. Es war überwältigend. Und ich wollte mir wirklich gerne irgendetwas kaufen, weil ich nicht so oft ins KadeWe komme und weil alles so fantastisch war. Aber ich wusste nicht was. Dieses Überangebot an Dingen, die zwar schön und toll sind, die man aber – rational betrachtet – nicht braucht, hat mich einfach total erschlagen. Und dann bin ich nach Hause gefahren, ohne mir etwas gekauft zu haben.

Was ich dabei festgestellt habe ist, dass das überhaupt nichts gemacht hat. Man muss nicht ständig irgendwas kaufen. Eigentlich braucht man doch viel weniger Zeug, als man glaubt. Also bin ich vielleicht doch eine verkappte „Anti-Traditionalistin“? Konsumverweigerung durch Konsummüdigkeit?

Neeeee… so einfach ist das natürlich nicht. Man kann nämlich auch hier einen Mittelweg finden. Wenn man zum Beispiel sich vorher überlegt, was man in etwa braucht, so eine grobe Richtung zumindest, dann kann man dem Konsumwahn entkommen, ohne gleich in das andere Extrem der Konsumverweigerung zu rutschen. Ich bin zum Beispiel in der Hinsicht ein großer Fan von Listen. Listen sind super. Und das macht so einen Spaß, kleine Häkchen hinter die erledigten Punkte zu setzen. Wenn man spontan etwas Geniales findet, kann man das ja trotzdem kaufen, aber man ist dann nicht so sehr erschlagen von dem omnipräsenten Überangebot, wenn man sich vorher einen groben Plan gemacht hat.

Soweit, so gut, ich wünsche dann noch allen Traditionalisten und Anti-Traditionalisten ein fröhliches, entspanntes Weihnachtsfest und lasst euch nicht vom Konsum-Monster terrorisieren.

Essai 33: Über Imponiergehabe

6. Juli 2008

Ursprünglich wollte ich ja über männliches Imponiergehabe schreiben. Aber da ich keine Lust habe, mir Vorwürfe von wegen mangelnder politischer Korrektheit und Sexismus und männerdiskriminierenden Anwandlungen anzuhören, habe ich das jetzt doch gender-unspezifisch formuliert. Außerdem machen wir Frauen ja auch allerhand Schwachsinn, nur um andere zu beeindrucken.

Was mir zu dem Thema jedenfalls als erstes einfällt, das sind die Haarschnitte, die bei jungen Halbstarken derzeit „in“ sind. Ein unidentifizierbares Gewuschel, das aussieht als wäre etwas auf der Straße überfahren worden, eine Katze vielleicht, oder auch ein Waschbär, und wäre dann wie von Zauberhand – Simsalabim – auf dem zuvor kahl geschorenen Schädel gelandet. Etwas, das wohl mal ein Irokesenschnitt werden soll, wenn es groß ist. Objektiv betrachtet, sieht jeder damit irgendwie bescheuert aus. Warum tragen also so viele junge Männer diesen Haarunfall? Ich kann es mir nur durch das Imponiergehabe erklären. Der Schnitt gemahnt entfernt an einen Hahnenkamm und wahrscheinlich wollen diese, gerade den Kinderschuhen entwachsenden, Jungspunde zeigen, wer hier der Hahn im Korb ist. Der Kamm wird dann finster blickend spazieren getragen, meist im Rudel, so dass man total beeindruckt ist und weiß – Aha – mit denen ist nicht gut Körner picken. Zu unseren jungen Kapaunen gesellen sich auch gerne solche, die auf eine, jeglichen physikalischen Gesetzen trotzenden, Art und Weise ihre Baseball-Kappen auf dem Kopf balancieren. Sie sehen aus, als müssten sie jeden Moment herunterfallen, aber sie tun es nicht – also die Baseball-Kappen. Ein Rätsel. Obzwar diese Schwebekappen ihrem Träger ein absonderliches Aussehen verleihen, kann man doch nicht umhin, zu bemerken, dass man den Blick schwerlich von den Kopfbedeckungen abwenden kann. Die Faszination des Grauens, nehme ich an.

Im Freibad lassen sich auch immer viele unterhaltsame Szenen beobachten, die dazu dienen, insbesondere das andere Geschlecht zu beeindrucken. Männliche Teenager springen irgendwelche Rückwärtssaltos vom Beckenrand (und springen dabei Leuten, die ins Schwimmbad gehen um zu schwimmen gerne auf den Kopf) und weibliche Teenager kreischen sich die Seele aus dem Leib, wenn sie von ihren männlichen Altersgenossen mit feinsinnig-hintergründigem Sinn für Humor zum wasweißichwievielten Male ins kalte Becken geschubst werden. Vermutlich ein Trick von den Mädchen, um den Beschützerinstinkt in den Schubsern zu wecken. Was die Schubser angeht, versuchen sie wahrscheinlich einfach auf plump-liebenswerte Art und Weise, ihre Zuneigung kund zu tun.

Eine Sache, die mir niemals einleuchten wird, ist die Legende von der Wichtigkeit der Penisgröße. Hui, toll, was Sexuelles! Wenn die Männer wüssten, wie völlig schnurzpiepegal die Größe ist, würden sie sich eine Menge Stress ersparen, dessen bin ich überzeugt. Ich habe von Push-up-Slips gehört. Was es nicht so alles gibt. Es soll ja auch welche geben, die sich ausstopfen. Warum? Die Wahrheit kommt ja doch irgendwann ans Licht und außerdem gucken Frauen auch mal woanders hin, als immer nur auf den Schritt. Ja, ist so.

Aber auch Frauen nehmen schier unerträgliche Qualen auf sich, um die Männerwelt von ihrer Existenz in Kenntnis zu setzen. High-Heels, Pfennigabsätze, Riemchensandaletten. Machen die Füße kaputt, tun höllisch weh und laufen kann man darin schon mal gar nicht, was den eigentlichen Sinn und Zweck von Schuhen sabotiert. Aber sie sehen gut aus und die Männer finden es super. Generell ist es sehr tragisch zu beobachten, was sich Frauen alles antun, weil sie glauben, sie könnten die Männer damit beeindrucken. Augenbrauenzupfen, abenteuerliche Kaltwachs-Geschichten – die ich hier nicht weiter ausführen will – bis hin zu sogenannten Schönheitsoperationen. Manchmal frage ich mich auch, ob sie wirklich nur die Männer beeindrucken wollen, oder ob nicht auch so ein kleiner Schneewittchen-Stiefmutter-Spiegel-Komplex eine Rolle spielt. Wer ist die Schönste im ganzen Land? Tjahaaa…

Das ist wohl Teil der menschlichen Natur, dass wir immer besser als „die anderen“ sein wollen. Hat ja auch positive Seiten, wenn es als Antrieb dient. Aber muss es denn immer gleich so lächerliche bis schmerzhafte Auswüchse annehmen?

Essai 31: Über Rebellion

29. Juni 2008

Die Rebellion, von der hier die Rede ist, ist vor allen Dingen die jugendliche Rebellion. Die ist mir nämlich schon seit jeher ein Rätsel.

Der Sinn und Zweck von Rebellion liegt für mich darin, dass man sich unabhängig macht, um eine individuelle Persönlichkeit entwickeln zu können. Dann lehnt man erstmal alles ab, findet alles ätzend und mit der Zeit sortiert man, ob wirklich alles doof ist, oder ob nicht auch ein paar nützliche Sachen dabei sind.

Was mir auffällt, ist, dass Jugendliche zwar gegen die Eltern und die Erwachsenen generell rebellieren, untereinander aber alle das Gleiche tun. Man stellt sich also gegen eine bestimmte Gruppe von Menschen, um seine Individualität herauszuarbeiten, nur um sich dann an die nächste Gruppe anzupassen? Nicht besonders plausibel, wenn man mich fragt.

Denn in dieser Gruppe von rebellierenden Jugendlichen ist nichts mit individuell sein, dann ist man nämlich ganz schnell der uncoole Freak, der Streber oder der Langweiler. Auch wenn ich mir bestimmte Gruppierungen, die alle gegen die Gesellschaft rebellieren, angucke, sehen die untereinander alle gleich aus und machen auch das Gleiche: Bier trinken, die Hygiene vernachlässigen, dummes Zeug skandieren, was weiß ich.

Da wird dann die Rebellion zur Modeerscheinung, zum Kostüm, das man sich an- und wieder ausziehen kann, wie es einem gerade passt oder wie gerade der Trend ist. Auch gegen den Trend zu sein, ist dann hierbei ein Trend. Das Ziel von Rebellion hat man damit gründlich verfehlt, vielleicht auch nie anvisiert und das ist nichts anderes als peinlich und erbärmlich.


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