Posts Tagged ‘Flüchtlinge’

Essai 149: Über Diskriminierung

6. September 2015

Dies ist eine Tirade gegen alle Flitzpiepen, die meinen, sich wie Arschlöcher aufführen zu müssen, ohne dass man sie dafür kritisieren dürfte und wenn man es doch tut, krakeelen sie: „Das ist Diskriminierung! Pfui!“ Ihr ahnt es schon, ich habe wieder Facebook-Kommentare gelesen. Ich weiß, meinem Seelenfrieden zuliebe sollte ich das unterlassen, aber manchmal bleibe ich dann doch hängen. Dieses Mal ging es um ein Foto von einem Lokal, das nach neuen Mitarbeitern suchte. Auf einem Aushang an der Eingangstür stand: „Wir suchen dringend: Köchin/Koch, Kellnerin/Kellner, Religion: egal, Refugees: welcome!, Pegida/Legida-Anhang: So dringend ist es dann doch nicht!!“ Es dauerte nicht lange, dann maulten schon die ersten, das sei ja wohl Diskriminierung und auch nicht besser als gegen Flüchtlinge zu wettern. Das Gemaule ging ja noch, die Kommentatoren waren immerhin friedlich. Aber die Hardcore-Rassisten witterten natürlich eine prima Gelegenheit, um Mitstreiter für ihr Gepöbel zu finden. Und dabei dreschen sie die immergleichen Parolen, von wegen, das sei ihre Meinung und sie seien Realisten und diese ganzen „Gutmenschen“ würden schon noch sehen, was sie davon hätten, wenn es dann in Deutschland zum großen Knall käme, dann säßen sie in der ersten Reihe und würden das Zugrundegehen der ganzen „Gutmenschen“ abfeiern, bla-bla-bla …

So. Dass diese rassistischen Klappspaten in Geschichte mal so gar nicht aufgepasst haben, steht wohl außer Frage. Außerdem deucht es mich ein wenig kurzsichtig, dass sie beim von ihnen offenbar herbeigesehntem Tag des jüngsten Gerichts oder was-auch-immer für ihr Hassgepredige belohnt würden. Warum sollte das passieren? Sie leisten überhaupt nichts Konstruktives mit ihrem Gelaber, im Gegenteil, sie zerstören jede Chance auf Dialog und vernünftige Lösungssuche. Aber sich dann auch noch hinzustellen und beleidigt tun und sich diskriminiert fühlen und sich als Opfer stilisieren, das ist einfach die Höhe!

Gut, es stimmt, dass niemand wegen seiner politischen Einstellung benachteiligt werden darf. Das gilt auch für rassistische Arschgeigen. Allerdings ist das kein Freifahrtsschein dafür, sich komplett daneben zu benehmen. Die wenigsten Menschen kommen als Arschloch auf die Welt, jeder besitzt einen freien Willen und kann entscheiden, ob er die Geschehnisse und Tatsachen in der Welt sowie andere Menschen mit Neid und Missgunst, Hass und Misstrauen betrachten will oder mit Wohlwollen, Vertrauen, Menschlichkeit, Herzenswärme und Nächstenliebe. Wer sich also für den Weg des Hasses entscheidet und sich dafür entscheidet, daran festzuhalten, der benimmt sich wie ein Arschloch und ist selbst Schuld daran. Wenn dann jemand sagt, wir wollen hier aber keine Arschlöcher als Kollegen, dann kann man seine Einstellung ändern oder sich einen anderen Job suchen, wo es nichts macht, dass man sich an einer Scheißhaltung festbeißt. Das Problem mit hasszerfressenen Dünnbrettbohrern ist nämlich, dass sie Unfrieden stiften und das (Arbeits)klima vergiften. Man kann also sicherlich auch als Pegida/Legida-Mitläufer in besagtem Lokal arbeiten, wenn man kein rassistisches Arschloch ist und diese Einstellung ständig kundtut. Das wäre dann ja für Pegida/Legida-Mitläufer, die eigentlich total nett sind, eine prima Gelegenheit, zu beweisen, dass es keinen Grund für einen solchen Vermerk auf einem Aushang gibt. Indem man „Diskriminierung“ brüllt, macht man sich aber lächerlich und wirkt wie eine beleidigte Leberwurst.

Zwar ist es faktisch und von der Definition her nicht gänzlich verkehrt, dass es Diskriminierung ist, Menschen, die einer bestimmten politischen Bewegung angehören, auszuschließen. Doch wo will man denn dann die Grenze ziehen? Darf ich dann in einer Stellenanzeige auch nicht schreiben, dass ich Leute mit einem bestimmten Abschluss, einer bestimmten Ausbildung oder Berufserfahrung suche, weil sich dann alle diskriminiert fühlen, die diesen Qualifikationen nicht entsprechen? Muss ich es einfach so hinnehmen, wenn irgendsoein Arschloch geistigen Dünnpfiff durch die Gegend schmeißt, weil er sich diskriminiert fühlen könnte, wenn ich ihn darauf hinweise, dass seine Einstellung scheiße ist? Was ist, wenn dieses Arschloch andere Menschen mit seinem geistigen Dünnpfiff diskriminiert. Muss man das so stehen lassen, weil es sich ja sonst in seiner Freiheit, andere in ihrer Freiheit zu beschneiden, beschnitten fühlen könnte?

Ich würde daher vorschlagen, Diskriminierung nur als solche zu werten, wenn es um Dinge geht, für die man nichts kann und die sich nicht (ohne Weiteres) ändern lassen. Dazu gehören zum Beispiel das Geschlecht, die Hautfarbe, Körpergröße, eventuelle Behinderungen, Herkunft. Auch kann man nichts dafür, wenn man Flüchtling ist, denn ich gehe davon aus, dass man nur aus seiner Heimat flüchtet, wenn man existenziell bedroht wird und/oder um sein Leben fürchten muss. Ansonsten ist man ein Auswanderer. Man kann auch nur bedingt etwas für seine Religion, sofern man dort hineingeboren wurde und damit aufgewachsen ist. Man kann aber was dafür, ob man sich wie ein asoziales, egoistisches, hasserfülltes Arschloch aufführt oder nicht. Wenn man deswegen nicht benachteiligt werden will, soll man anfangen, sich wie ein Mensch zu benehmen.

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Essai 148: Über Idealismus und Naivität

10. August 2015

Ich konnte es mal wieder nicht lassen und habe mich in den Kommentaren zu einem Blogbeitrag zum Thema Flüchtlinge mit Leuten gestritten, die ich für Flüchtlingsgegner hielt. (Den Beitrag von Erzählmirnix gibt’s hier) Im Wesentlichen hatte ich die Aussage „Warum soll man nichts gegen Kriminelle haben dürfen?“ eines Kommentators im Zusammenhang von Flüchtlingen so gedeutet, dass er allen Flüchtlingen pauschal unterstellt, kriminell zu sein. Da ist mir der Kragen geplatzt und ich wurde verhältnismäßig zickig, was mir jetzt im Nachhinein peinlich ist, weil ich normalerweise etwas überlegter handle. Der Kriminalitätsgegner durchschaute mich dann auch prompt und klatschte mir als Gegenargument vor die Füße, dass ich offenbar sehr emotional reagiere und äußerte die Vermutung, mir würden meine Gefühle einen Streich spielen. „Verdammt, erwischt!“, dachte ich und antwortete daraufhin entsprechend patzig und leider viel zu offensichtlich beleidigt. Ein solches trotziges Verhalten ist vollkommen kontraproduktiv, wenn man Leute von seinem Standpunkt überzeugen will. Da kann man auch gleich antworten: „Mimimi, selber doof!“ und die Zunge herausstrecken. Es verwundert also wenig, dass sich kurz darauf ein zweiter Kommentator einmischte, und mein Verhalten als „blöde“ abkanzelte.

Das Problem war, dass ich in der Tat für meinen Standpunkt „Flüchtlinge sind Menschen in Not und Menschen in Not brauchen Hilfe!“ keinerlei rationale Argumente vorzubringen wusste, sondern nur verzweifelt wiederholte, dass das doch wohl aus menschlich-ethischer Sicht selbstverständlich sei. Während also die beiden Herren mit (scheinbar) rationalen Gründen ihre Sichtweise untermauerten, stand ich da mit meinem moralischen Kompass, der wie verrückt ausschlug, und konnte nur emotionale Gründe vorbringen. Ich meinte, es gehe doch bei der ganzen Debatte auch um Nächstenliebe und um die Unschuldsvermutung, und das sei doch auch wichtig, oder? Nein, meinte derjenige, der mein Verhalten „blöde“ fand. Aber in dem Punkt bleibe ich dann doch anderer Meinung.

Lange Vorgeschichte, nun komme ich zum eigentlichen Thema dieses Essais, nämlich Naivität und Idealismus. Meine Ansicht ist und bleibt, dass Menschen in Not Hilfe brauchen, dass man sie nicht pauschal als zukünftige mögliche Kriminelle betrachten, sondern sie nach Kräften darin unterstützen sollte, sich möglichst schnell zu berappeln, zur Ruhe zu kommen und möglicherweise eine neue Heimat zu finden, dort arbeiten zu gehen und sich zu integrieren. Das wird anscheinend von manchen Leuten als emotionaler Unfug, als naives Geschwätz und dämlicher Idealismus abgetan. Sie wiederum halten sich für Realisten, weil sie überall nur das Schlechte in anderen Menschen sehen. Was ich im Gegenzug für defätistisch und nicht zielführend halte.

Was hat denn irgendjemand davon, wenn man alles negativ sieht, jedem Menschen erst einmal tiefes Misstrauen entgegenbringt und von vorneherein davon ausgeht, dass alle anderen nur Schlechtes im Sinn haben? Ab und zu hat man damit vielleicht zufällig ein bisschen recht. Die Aspekte, in denen man sich irrt und die die eigene Sichtweise eventuell infrage stellen könnten, weil sie zeigen, dass der pessimistische Standpunkt zu schwarzweiß gedacht ist und dass die Realität viel komplexer und facettenreicher ist, kann man ja ganz rational und unnaiv ignorieren. Dann passt es aus eigener Sicht wieder und die selbsterfüllende Prophezeiung wird subjektiv betrachtet wahr. Ansonsten nützt es gar nichts. Warum sollte man schließlich versuchen, die Welt ein wenig besser zu machen, wenn man davon ausgeht, dass das sowieso nichts bringt? In diesem Zusammenhang begegnet einem unter Flüchtlingsgegnern dann ja auch des Öfteren das (scheinbar rationale) Argument, wir (Deutschen) könnten ja nicht jeden (Flüchtling) aufnehmen. Nee, jeden nicht. Müssen wir ja auch gar nicht. Aber mit meiner naiven, idealistischen Einstellung, dass man sein Bestes geben sollte, um Menschen in Not zu helfen, nimmt man so viele auf, wie man kann. Nur weil man nicht allen helfen kann, soll man niemandem helfen? Das mag ja manchen „Realisten“ als logisch erscheinen, ich find’s unmenschlich, unethisch und arschig. Sorry, da bin ich wieder emotional geworden. Und das war jetzt pampiger Sarkasmus. Ach je, ich lern’s auch einfach nicht, ich Naivchen.

Ich verstehe nicht, warum Naivität immer mit Dummheit, Pessimismus und Defätismus mit Intelligenz synonym verstanden wird. Wenn es um Menschen geht, um Existenzen, um Leben, dann kann man da doch nicht damit umgehen wie mit Schuhkartons! „So, jetzt ist die Lagerhalle voll, jetzt passen keine Schuhkartons mehr hinein. Der Karton ist angeditscht, der kommt weg“, das ist bei Ware, bei Objekten, eine logische, sinnvolle Vorgehensweise. Aber wenn Menschen andere Menschen so betrachten, dann müsste eigentlich jeder moralisch anständige Mensch emotional werden und aufschreien! Das ist doch nicht dumm! Es ist gutgläubig, sicher, davon auszugehen, dass wenn die Mehrheit der Menschen sich gegen Ungerechtigkeiten ausspricht, sich möglicherweise nach und nach etwas an den Ungerechtigkeiten ändert. Ich weiß, ich bin eine hoffnungslose Idealistin, aber deswegen ist mein Standpunkt doch nicht bescheuert!

Man könnte jetzt natürlich einwenden, dass aus Idealismus Fanatismus werden kann. Die Gefahr besteht tatsächlich, wenn man aufhört, selbstkritisch zu sein und seine eigene Sichtweise zu reflektieren. Ab und zu leisen Zweifeln zu lauschen, ist ein gutes Gegengewicht zu übertriebenem Idealismus. Aber das ist ein anderes Thema.


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