Essai 27: Über das Älterwerden

Das erste Mal, dass mir meine eigene Vergänglichkeit schmerzlich bewusst wurde, war, als meine acht Jahre jüngere Cousine und mein zehn Jahre jüngerer Cousin mich nur fragend ansahen, als ich Roxette erwähnte.

Ich meine, Roxette, das ist Kult, das kennt man doch! Ich war sozusagen entsetzt! Und ein wenig traurig. Denn da wusste ich: ich werde älter. Ich verfalle. Der Verfall beginnt beim Musikgeschmack.

Oder kennt etwa noch einer von den HipHop-verkorksten Teenies Ace of Base? Haddaway? Nä. Die kennen dann nur Fifty Cent und die anderen „Pimps“, so nennt man das doch? Ich kann zum Beispiel nicht nachvollziehen, dass es Musik sein soll, wenn ein „pimp my Pimp“-„Homie“ mit dicker Goldkette und noch dickerem „pimp my ride“-Auto vor so „pimp my bi-atch“-Tussis mit „pimp my boobs“-Brüsten in knappen Bikinis herumposen, einen auf fat „pimp my pants“ machen und die ganze Zeit erzählen, was sie mit eben genanntem alles Dolles anzustellen wissen.

Nur weil da im Hintergrund ein paar Alibi-Bässe einsam und verlassen vor sich hin wummern ist das doch noch keine Musik? Früher, zu meiner Zeit, da hat HipHop noch was bedeutet. Da war das noch Ausdruck und Rebellion! Jetzt ist es ja nur noch eine Parodie seiner selbst. Und sowas vermittelt unserer Jugend Werte?

In den Neunzigern wurde noch gute Musik gemacht, der Inhalt war zwar nicht immer künstlerisch oder pädagogisch wertvoll („There’s a party“), aber man konnte immerhin noch dazu tanzen, jawohl! Und die Texte hatte man auch schnell drauf, so dass man mitsingen konnte („Ooh Lalala, I love you baby…“). Das hatte noch Stil.

Aber jetzt…

Ach und Weh ein einziges Trümmerfeld von Ansprüchen, Niveau und zerschmetterten Melodien, die zum remixen und reremixen verdammt sind. Und was ist mit dem guten alten Ghettoblaster? Tja, dafür gibt’s ja jetzt diese tollen Handys, mit denen man seinen Mitmenschen in der U-Bahn so schön die Nerven zersägen kann. Aber ein Gutes hat das Ganze: Wenn in zehn Jahren nicht die Spice Girls, die Backstreet Boys und Take That ihr Come-Back versuchen, sondern Bushido und wie sie alle heißen, dann hab ich was zu lachen. Da freu ich mich drauf.

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2 Antworten to “Essai 27: Über das Älterwerden”

  1. isa09 Says:

    Übrigens las ich neulich nicht nur von einem geplanten Comeback von Roxette, sondern auch, dass das Genre Hip-Hop seinem Ende entgegengeht. Rapper wie Sido machen ja jetzt auch einen auf pädagogisch wertvoll und geläutert, indem sie – ohne alberne Maske – in der Jury von „Popstars“ sitzen und sich darüber aufregen, dass den jungen Leuten heutzutage ja so furchtbar falsche Ideale vorgegaukelt werden (unter anderem von eben der Sendung, in deren Jury man sitzt). Ob das nun ein Zeichen von eklatanter Scheinheiligkeit oder einfach nur ein Beweis dafür ist, dass auch Rapper älter werden, bleibt fraglich.

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    • isa09 Says:

      Und nicht nur das: Jetzt macht Bushido auch einen auf „geläuterter Sünder“ und hat jetzt ganz medienwirksam seine Läuterung verfilmt. Ich würde ihm ja jetzt unterstellen, dass das alles nur der Kohle wegen geschieht, aber damit tue ich ihm sicherlich unrecht. Nein, nein, das ist bestimmt so, dass er für die Jugend ein gutes Vorbild sein will und so. Und das ist doch fein. Und überhaupt nicht irgendwie geheuchelt.

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