Posts Tagged ‘Gewohnheit’

Essai 195: Über Privilegien

16. Juli 2020

Privilegien sind eine seltsame Angelegenheit. Man merkt meistens nicht, wenn man welche hat, weil man es nicht anders kennt und man an sie gewöhnt ist – man möchte sie aber auch nicht missen. Werden diese Privilegien in einer öffentlichen Debatte angesprochen, weil plötzlich Menschen, die sie nicht genießen, nach Gleichwertigkeit verlangen (und das völlig zu Recht), lassen sich meistens zwei Typen Gewohnheitsprivilegierter ausmachen: der beratungsresistente und der lernbereite Typ.

Der beratungsresistente Gewohnheitsprivilegierte ist ein unangenehmer Geselle, der einem besonders oft in den Kommentarspalten sozialer Medien begegnet. Lernbereite Privilegiengewöhnte sind eher selten, so mein Eindruck. Ich würde mich gern dazu zählen, aber die Beratungsresistenten sind sich ja auch keiner Verantwortung bewusst und halten sich für vernünftig denkende, mitfühlende Mitmenschen (denke ich mal) und von daher … vielleicht habe ich auch meine blinden Flecken, ohne es zu merken, und bin manchmal ein Arsch, ohne das zu beabsichtigen. Wobei, man kann mir das dann eigentlich auch schon sagen und dann schäme ich mich fürchterlich und versuche, mich zu bessern.

Vermutlich geht es auch den Beratungsresistenten so, dass sie sich ertappt fühlen und sich schämen, wenn man sie auf ihre Privilegien aufmerksam macht und ihnen erklärt, dass andere diese Privilegien nicht haben und deswegen vor Problemen stehen, die Gewohnheitsprivilegierte niemals hatten und nie haben werden. Aber anstatt dann zu sagen: „Oh, das war mir nicht bewusst, du hast Recht, ich versuche, darauf zu achten“ und dann vielleicht weiter bei den Betroffenen nachzufragen, was man tun könne, um zu helfen oder um wenigstens kein Arsch zu sein, fühlen sich beratungsresistente Gewohnheitsprivilegierte durch Kritik Nichtprivilegierter sofort angegriffen. Als sei ihre ureigene Existenz und ihr komplettes Selbstbild dadurch bedroht, ein Problem als solches anzuerkennen, das sie selbst nicht betrifft.

Die Diskussionen, die sich daraus ergeben, dass manche Menschen bestimmte Privilegien genießen – einfach so, durch einen Zufall der Geburt, durch Dinge, die außerhalb des eigenen Einflussbereichs liegen – und andere nicht – ebenfalls ohne tieferen Grund -, sind meistens sehr emotional und drehen sich schnell im Kreis. Dabei sollten wir doch viel mehr darüber sprechen, wie wir die Privilegien ausweiten können? Wie können wir Menschen, die bestimmte Privilegien nicht in die Wiege gelegt bekommen haben, unterstützen, sie fördern und ihnen helfen, damit wir alle möglichst gleiche Startbedingungen im Leben haben? Ganz gleich wird es wohl nie sein – schön wäre es, aber ich kann mir das irgendwie nicht vorstellen. Es wird immer Menschen geben, denen der Start ins Leben leichter fällt als anderen. Aber wir sollten doch alle zum gemeinsamen Ziel haben, dass die Unterschiede nicht mehr so groß sind.

Klar: Wenn andere, bislang nicht privilegierte Menschen durch Förderung, bestimmte Regelungen (z. B. Quoten), Hilfen etc. plötzlich dieselben Privilegien genießen wie die Gewohnheitsprivilegierten, dann sind es keine Privilegien mehr. Manchmal habe ich den Eindruck, dass es das ist, was die Beratungsresistenten im Geheimen wurmt. Vielleicht mögen sie es, besser gestellt zu sein, haben sich möglicherweise unbewusst eingeredet, dass sie dadurch auch etwas Besseres sind, dass sie irgendwie ein Geburtsrecht auf diese Privilegien haben – und zwar nur sie und ihresgleichen. Das würde erklären, warum sie sich so emotional und vehement dagegen zur Wehr setzen, die Privilegien aufzulösen und anderen die gleichen Chancen zu ermöglichen. Dann wären sie ja nichts Besseres, nichts Besonderes mehr – und ich kann mir vorstellen, wenn man jemand ist, für den die Vorstellung, etwas Besseres zu sein als andere, wesentlich fürs Selbstbild und Selbstwertgefühl ist, dann stellt die Chancengleichheit subjektiv eine als existenziell empfundene Bedrohung dar.

Trotzdem finde ich, sollten wir uns von diesen – Pardon und bei allem Respekt – Schreihälsen eigentlich nicht den Diskurs vorschreiben lassen. Ich würde mir wünschen, dass wir sachlich diskutieren und lösungsorientiert überlegen können, wie Menschen mit bestimmten Privilegien anderen ohne diese Privilegien helfen können. Da sind wir doch alle als Gesellschaft gefragt, oder?

Ich kann nichts dafür, dass ich weiß bin und deswegen nie erlebt habe, wie es ist, von Racial Profiling betroffen zu sein. Für mich ist es ganz normal und selbstverständlich, dass die Polizei „mein Freund und Helfer“ ist. Ich kann auch nichts dafür, dass ich mit Akademiker-Eltern, umgeben von Büchern, Theater, Musik und Kultur aufgewachsen bin und es deswegen für mich überhaupt kein Problem war, aufs Gymnasium zu kommen, Abitur zu machen (und das mit einer 1 vor dem Komma in der Abschlussnote), eine Schauspielausbildung zu machen und anschließend noch zu studieren und das bis zum Master. Ich kann ebenfalls nichts dafür, dass ich zweisprachig und mit zwei Kulturen aufgewachsen bin und deswegen bereits von Geburt an einen weiteren Horizont betrachten konnte als einsprachig und monokulturell Aufgewachsene.

Das sind so meine Privilegien, die mir gerade einfallen. Vielleicht gibt es noch mehr, die mir gerade nicht bewusst sind. Es fühlt sich irgendwie wie Angeben an, das so aufzuschreiben, und ist ziemlich seltsam. Aber ich würde nie auf die Idee kommen, jemanden, der mir von seinem Leben erzählt, der mir erklärt, er habe diese Privilegien nicht gehabt, und mir dann von den Schwierigkeiten berichtet, die er durch das Fehlen dieser Möglichkeiten und Chancen hatte, keinen Glauben zu schenken. Ihn vielleicht auch noch zu belehren oder ihm herablassend Einbildung oder Übertreibung zu unterstellen. Wer weiß, vielleicht hat diese Person dann wiederum andere Privilegien, die mir vorenthalten sind. Möglicherweise kann ich auch alleine und selbst nicht viel an der Situation ändern. Aber wenn man einander zuhört und sich gegenseitig unterstützt, kann man eventuell für nachfolgende Generationen etwas mehr Chancengleichheit schaffen. Selbst, wenn das nicht möglich ist, so kann ich mich doch wenigstens bemühen, anderen zuzuhören, nicht im Weg zu stehen und kein Arsch zu sein

Und, was sind eure Privilegien? Oder fehlen euch bestimmte Privilegien, sodass ihr deswegen Schwierigkeiten habt? Schreibt es mir in die Kommentare, ich bin gespannt!

Essai 183: Über Scheiß, für den ich zu alt bin

22. November 2018

Als mir an meinem 18. Geburtstag mal ein wildfremder Typ sagte: „Pass auf, ab jetzt geht alles ganz schnell“, habe ich ihm nicht geglaubt. Aber – lieber wildfremder Typ, falls Sie das hier lesen – Sie hatten vollkommen recht. Dieses Jahr bin ich schon doppelt volljährig geworden und tatsächlich kommt mir die Zeit seit dem Jahr 2000 viel kürzer vor als die Zeit davor.

Nun könnte man deswegen natürlich wehmütig werden. Vergangenen Zeiten hinterhertrauern oder so. Darüber wehklagen, dass immer mehr weiße Haare im braunen Schopf hervorleuchten (so langsam sieht man sie sogar, ohne gezielt danach zu suchen), die Augen von Krähenfüßchen und Lachfältchen umrandet sind. Sich grämen, weil man jetzt fast eine ganze Woche braucht, um sich von einer langen Nacht zu erholen. Und andere ganz normale Alterserscheinungen, die sich mit Mitte 30 halt langsam so einschleichen.

Oder man lässt es bleiben und freut sich stattdessen über all die Dinge, die man früher für total wichtig hielt, die man aber inzwischen als unnötig erkannt hat. Das ist zumindest mein bevorzugter Ansatz – die Alterserscheinungen kommen ja eh, ob ich mich nun darüber ärgere oder nicht.

Meine Damen und Herren: Ich präsentiere hiermit meine Liste an Scheiß, für den ich zum Glück zu alt bin:

1. Alles glauben, was irgendwelche Schnacker im Brustton der Überzeugung behaupten

Zugegeben, an der Sache arbeite ich noch ein wenig. Hin und wieder passiert es mir dann doch, dass ich auf das aufgeblasene Geschwafel von Wichtigtuern hereinfalle und mich beeindrucken lasse, obwohl die Quatsch erzählen. Aber es ist nicht mehr die Regel. Früher ging ich automatisch davon aus, dass alle besser über alles Bescheid wissen als ich. Da musste man nur irgendwas im überzeugten Tonfall behaupten – und ich ging davon aus, dass das stimmt und der Schnacker ganz genau weiß, wovon er da redet.

Inzwischen ist mein Selbstvertrauen nicht mehr ganz so komplett für’n Arsch und ich habe mir in den letzten Jahren ausreichend Wissen und Erfahrung angeeignet, dass ich nicht mehr ganz so leicht Bullshit und Weisheit verwechsle. Und das finde ich super. Allerdings geht da noch was, von daher freue ich mich schon auf die nächsten Jahrzehnte.

2. Schnäppchen kaufen, weil sie billig sind, obwohl sie mir nicht gefallen

Früher habe ich oft Klamotten gekauft, die günstig, aber nicht wirklich praktisch oder mein Stil waren. Sie vegetierten darob in meinem Kleiderschrank dahin, ohne je das Tageslicht zu erblicken. Ich hatte dann zwar nicht viel Geld dafür ausgegeben, aber in Anbetracht der nicht vorhandenen Zweckmäßigkeit der Schnäppchenkäufe, eben doch zu viel Geld verplempert.

Und sowas nervt mich ja: Wenn ich Geld oder Energie verplempere, ohne dass es mir irgendwas nützt oder mir Freude bereitet. Inzwischen miste ich immer mal wieder meinen Kleiderschrank aus und gebe radikal alles weg, was ich ewig nicht mehr getragen habe, was mir nicht mehr gefällt oder mir nicht mehr hundertpro passt. Ausnahmen mache ich nur bei meinen Abend- und Cocktailkleidern, die trägt man halt generell nicht so oft.

3. Auf Partys gehen, auf die ich keine Lust habe

Ich bin eigentlich, tief im Grunde meines Herzens, ein Partymuffel. Früher habe ich mich trotzdem aufgerafft, mit in den Club zu gehen, obwohl ich viel lieber gemütlich auf der Couch gesessen und mit einer heißen Tasse Tee in den Händen mit meinen Freunden gequatscht hätte, als mich mit fremden Leuten auf einer klebrigen Tanzfläche zu quetschen, schlechte Luft zu atmen, mich von Idioten angraben zu lassen, die nicht kapieren, dass, wenn ich die Frage, ob sie mir einen Drink spendieren dürften, mit „Nein, Danke“ beantworte, damit tatsächlich „Nein, Danke“ meine.

Inzwischen traue ich mich, dazu zu stehen, dass ich kleine, muckelige Runden mit lieben Menschen, die ich gut kenne, Massenzwangsbespaßungsmaßnahmen vorziehe. Dann bin ich eben keine Partylöwin oder extrovertierte Stimmungskanone, und dann werde ich eben irgendwann müde und fahr nach Hause, anstatt bis zum Morgengrauen durchzuhalten. Dann fühle ich mich eben reizüberflutet und unwohl, wenn um mich herum die Technobässe wummern, sodass man sein eigenes Wort nicht mehr versteht. Ich bin keine 20 mehr und muss mir das nicht mehr antun.

4. Über meinen Schatten springen, obwohl ich das, was auf der anderen Seite ist, gar nicht will

Ich habe mich früher oft verpflichtet gefühlt, anderen Menschen irgendwas zu beweisen. Ich bin dann oft über meinen Schatten gesprungen, um beispielsweise mit auf Partys oder in die Disco zu gehen, und länger dort zu bleiben, als ich Lust hatte. Auch meine Schauspielausbildung habe ich im Grunde vor allem deswegen gemacht und durchgehalten, weil ich allen zeigen wollte, dass ich nicht so einfach aufgebe, und dass ich Kram, den ich angefangen habe, auch bis zum Ende durchziehe.

Und bevor man mich falsch versteht: Ich bin froh, dass ich das zu der Zeit getan habe. Ich habe zum Beispiel auf der Schauspielschule Freunde fürs Leben gefunden. Und man lernt halt viel über sich, wenn man auch mal Dinge ausprobiert, die einem nicht auf Anhieb zusagen. Und wenn man nicht mal seine Grenzen überschreitet, weiß man nicht, wo diese Grenzen liegen.

Aber mit der Zeit kann man sich immer besser einschätzen und man erkennt nach und nach, was man will und was nicht. Und das Gute ist, dass man dadurch mit zunehmendem Alter immer seltener über seinen Schatten springen muss, um herauszufinden, ob man das, was sich auf der anderen Seite des Schattens befindet, überhaupt erreichen will. Das finde ich sehr angenehm. So kann man sich seine Energie viel besser einteilen.

5. Dinge tun, weil ich denke, dass andere sie von mir erwarten, nicht, weil ich sie tun will

Puh, ganz schön viele Kommata in einem Satz. Aber auch das ist eine Sache, die mir erst so in den letzten Jahren klargeworden ist. Manchmal denkt man, man wollte etwas, aber in Wirklichkeit will man es gar nicht, sondern denkt nur, man müsste es wollen, weil andere das von einem erwarten, und man diese Menschen nicht enttäuschen will. Klingt kompliziert? Ist es auch. Ich bin teilweise auch immer noch dabei, das für mich auseinander zu klamüsern.

Aber es ist tatsächlich auch sehr spannend, herauszufinden, was man selbst will, was man vom Leben noch erwartet, was einen glücklich macht und wo die eigenen Prioritäten liegen. Muss man partout die Karriereleiter in Richtung Führungsposition emporklettern? Oder gibt es nicht noch andere Entwicklungsmöglichkeiten, die einem erlauben, immer wieder Neues dazuzulernen und sein Wissen mit anderen zu teilen? Tut das zwingend Not, eigene Kinder in die Welt zu setzen? Oder kann man nicht auch als Tante/Patentante/Pseudopatentante Spaß haben, die Kinder anderer Leute verwöhnen oder Verstecken spielen oder auf Hüpfburgen herumhopsen? Muss man wirklich immer B sagen, weil man irgendwann mal A gesagt hat? Oder kann man auch einsehen, dass A Quatsch war, und sich stattdessen für C entscheiden?

6. Mich für das Lebensglück erwachsener Menschen verantwortlich fühlen

Zugegeben, ich versuche immer noch, es allen Recht zu machen, und wünsche mir immer noch, dass alle glücklich sind, auch wenn ich weiß, dass das nicht geht beziehungsweise, dass mich das eigentlich nichts angeht. Aber ein bisschen Fortschritte habe ich in der Hinsicht schon gemacht. So mische ich mich zum Beispiel nicht mehr ungefragt ein, wenn ich den Eindruck habe, jemand steht sich selbst und seinem eigenen Glück im Weg. Das fällt mir immer noch schwer, aber ich reiße mich zusammen und denke mir meinen Teil, bis man mich nach meiner Meinung fragt. Und wenn man mich nicht nach meiner Meinung fragt, behalte ich sie für mich.

Es ist ja wirklich so, dass ich nicht für das Lebensglück anderer Leute verantwortlich bin. Und ich bin auch gar nicht das Maß aller Dinge, also, was für mich wichtig ist, muss ja nicht für andere gelten. Und solange keine Lebensgefahr besteht, kann man ja auch andere Leute – aus meiner Sicht – unvernünftige oder nicht zweckmäßige Verhaltensweisen machen lassen, auch wenn ich sie nicht nachvollziehen kann. Es ist ja nicht meine Aufgabe, Leute zu erziehen oder zu ändern. Das einzusehen, ist aber in der Tat eine Sache, an der ich wohl noch weiter arbeiten muss, denn leicht fällt mir das nicht.

7. Bücher zuende lesen, die langatmig geschrieben sind oder mir nicht gefallen

Während des Studiums musste ich mich häufiger auch mal durch Bücher quälen, die sehr verquast oder umständlich oder langatmig geschrieben waren. Es waren auch viele spannende und tolle Bücher dabei, die ich von alleine nicht entdeckt hätte. Aber eben auch so verkopfte Klopper, die darauf ausgelegt sind, nur von anderen Intellektuellen verstanden zu werden, wenn überhaupt. Und ich war zwar im Nachhinein schon stolz auf mich, wenn ich mich da durchgeackert hatte, aber wenn ich ganz ehrlich bin: Spaß ist was anderes.

Und jetzt kann ich endlich nur das lesen, worauf ich Lust habe, und das finde ich wunderbar. Ich habe immer ein Buch in der Tasche und lese in der U-Bahn, in der Mittagspause, wenn ich irgendwo warten muss, … Wenn ich in ein Buch beim besten Willen nicht reinkomme, weil der Schreibstil oder die Erzählweise mir zu zäh ist, dann habe ich inzwischen auch keine Skrupel mehr, ein paar Seiten oder Kapitel zu überspringen oder ein Buch auch mal zur Seite zu legen, und mir ein neues zu schnappen.


Und, wie erlebt ihr das Älterwerden? Kommen euch einige von diesen Dingen bekannt vor? Oder seht ihr noch andere Sachen, die mit den Jahren besser werden? Schreibt es mir in die Kommentare, ich bin gespannt! 🙂

Essai 147: Über Frauen, die angeblich nichts können

26. Juli 2015

Eine Sache, die an uns Mädels echt nervig ist, ist unser überwiegend miserables Selbstwertgefühl. Irgendwie scheinen sich viele Frauen als schlechter und unfähiger einzuschätzen, als sie tatsächlich sind. Zumindest erlebe ich es immer wieder, dass meine Geschlechtsgenossinnen Dinge sagen wie: „Das kann ich nicht“, „Das ist nicht meine Stärke“, „Das Kleid? Ach, das ist doch schon uralt!“ und so weiter. Warum fällt es uns so schwer, uns einfach mal hinzustellen und zu sagen: Das bin ich. Das kann ich. Und wenn dir das nicht passt, dann ist das dein Problem! Bäm! Towabanga!

Ist uns das obsessive Tiefstapeln angeboren, anerzogen oder durch die Gesellschaft verbockt? Oder sind wir einfach selber Schuld, weil wir uns das irgendwann einmal angewöhnt haben und keine Lust haben, uns die Arbeit zu machen, es uns wieder abzugewöhnen? Vermutlich ist es eine Mischung aus allem. Auf jeden Fall ist das reichlich anstrengend, wenn man einmal angefangen hat, darauf zu achten. Eine Freundin von mir machte mich neulich darauf aufmerksam und erzählte mir eine Geschichte (eine wahre noch dazu): Vor ein paar Jahren traf sie auf dem Weg vom Einkaufen einen Nachbarn und kam mit ihm ins Gespräch. Sie unterhielten sich über alles Mögliche, doch zum Schluss wurde der Nachbar nachdenklich und sagte zu ihr: „Sag mal, ich hab jetzt von dir nur erfahren, was du angeblich alles nicht kannst. Gibt es auch etwas, wo du gut drin bist?“ Meine Freundin war sprachlos. Es war ihr überhaupt nicht bewusst gewesen, dass sie ihr Licht so konsequent unter den Scheffel gestellt hatte. Bis sie mir das erzählt hat, war mir das auch nicht so schlimm erschienen, dass ich immer in den buntesten Details meine vermeintliche allumfassende Unzulänglichkeit darlege und über meine Talente oder Begabungen gar nicht spreche.

Seltsam, mir ist das auch irgendwie total unangenehm, mit meinem Können hausieren zu gehen. Ich denke dann, das ist doch Angeberei, das tut man nicht. Oder vielmehr „frau“ tut das nicht, bei Männern ist das merkwürdigerweise weniger verpönt, wenn die sich in aller Öffentlichkeit großartig finden. Manche übertreiben es dann auch gern einmal und dann schäme ich mich ein bisschen fremd. Aber manchmal kann ich nicht umhin, das zu bewundern und mich darüber zu ärgern, dass ich nicht so locker und entspannt sagen kann, dass ich eigentlich im Großen und Ganzen schon in Ordnung bin so wie ich bin. Und was nicht so toll ist, müsste ich ja eigentlich nicht allen unter die Nase reiben, sondern könnte daran stillschweigend arbeiten. Oder könnte mir bei manchen Untalenten auch sagen, Scheiß drauf, man muss ja nicht alles können.

Stattdessen hat sich in mir die Überzeugung festgebissen, das, was ich kann, interessiere niemanden so wirklich. Das kann ich halt. Sieht ja eigentlich auch jeder, ohne dass ich das extra betonen muss, oder? Während ich bei den Dingen, die ich nicht gut kann, eher Gesprächsbedarf empfinde, weil das dann ja Probleme respektive Herausforderungen sind, die man gern lösen möchte. Oder auch nicht, bei besonders hoffnungslosen Nichtbegabungen will man vielleicht auch einfach nur darüber reden, um zu sagen: Seht her, ich bin nicht perfekt, ich bin ein menschliches Wesen, das niemandem etwas zuleide tut und geliebt werden will! Vielleicht will man als Frau mit dem Tiefstapeln sozusagen die weiße Fahne schwenken und signalisieren, dass man in Frieden kommt und keinen Konkurrenzkampf aka Stutenbissigkeit vom Zaun brechen will. Bei Männern hingegen ist Konkurrenzkampf und Wetteifern eher positiv behaftet. Niemand würde das als Zickenkrieg bezeichnen, wenn zwei Männer sich gegenseitig erzählen, wie unfassbar phänomenal sie sind. Bei Frauen schon. Deswegen versuchen wir uns gegenseitig mit unserem Unvermögen zu unterbieten, damit uns alle lieb haben.

Auf der anderen Seite finde ich es dann auch wieder ganz nett und witzig, wenn Menschen mit einer von sokratischer Ironie geprägten Haltung durchs Leben flanieren und wissen, dass sie nichts wissen. Es gibt da ja schon auch Nuancen. Wenn man ab und zu mit einem Lächeln zu seinen eigenen Schwächen steht, die man nicht ändern kann, anstatt immer nur zu erzählen, wie fantastisch man ist, macht einen das ja auch menschlich. Aber wenn man ständig jammert, man könne dies nicht und das nicht und nicht eine Sekunde darüber nachdenkt, ob das überhaupt in dem Ausmaß stimmt, dann ist das anstrengend. Man entwickelt sich nämlich auch weiter, und manchmal kommt die Selbstwahrnehmung nicht so schnell hinterher und dann denkt man, man sei immer noch genauso doof wie vor zehn Jahren, obwohl man längst Fortschritte gemacht hat. Da ist das dann ganz gut, wenn man nette Freunde hat, die einem ab und zu mal den Kopf zurecht rücken.

Letztens war ich beim Friseur und hatte ein Foto von meinem Wunschhaarschnitt dabei. Die Friseurin guckt sich das Bild an, völlig entgeistert und klagt: „Ja, aber das ist ja gestylt. Das kann ich so nicht schneiden.“ Ich: „Das ist schon klar, ich meine ja auch die Länge. An den Seiten und am Hinterkopf schön kurz, oben etwas länger, wie auf dem Foto.“ Friseurin: „Hmmmm, aber das ist ja gestylt, ich weiß nicht, das geht nicht, ich kann das so nicht schneiden, ich trau mich nicht, bla.“ (An dieser Stelle war ich kurz davor zu gehen, zu lange Haare hin oder her) Dann kam eine Kollegin dazu und fragte: „Kannst du mit dem Messer schneiden?“ Friseurin: „Nee, das habe ich ja noch nie gemacht.“ (Vielleicht war sie gar nicht Friseurin?) Kollegin (seufzt): „OK, lass, ich mach.“ Zack! So geht das!

Ich finde, wir können ruhig häufiger mal dazu stehen, wenn wir etwas können. Schließlich können Ausbildung und/oder Lebenserfahrung nicht komplett spurlos an uns vorübergegangen sein, oder? Irgendetwas wird schon hängengeblieben sein und wenn nicht: Es ist nie zu spät, sein Leben zu ändern und an dem zu arbeiten, was wir gern anders hätten. Und Komplimente dürfen wir auch ruhig einfach mal ohne Gedöns annehmen und uns darüber freuen. Jemand findet das Kleid schön, das man trägt? Ein Lächeln und ein Danke reichen als Antwort! Kein „Ach, das olle Ding?“ oder „Oh, das gab es im Angebot, so ein NoName-Teil, nichts Besonderes“ oder was auch immer.

Essai 125: Über Selbstsabotage

22. Juni 2014

Es gibt manchmal so Momente, da steht man sich selbst komplett im Weg. Weil man zum Beispiel bestimmte Glaubenssätze als Wahrheit verinnerlicht hat, die gar nicht unbedingt den Tatsachen entsprechen müssen. Oder weil man nicht gemerkt hat, dass man selbst oder die Umstände sich geändert haben. Wenn man zum Beispiel von sich selbst denkt, man wäre ein Totalversager, dann ist das egal, ob das auch tatsächlich stimmt. Alles, was man dann anpackt und anfängt – wenn man überhaupt irgendetwas trotz seiner Versagensängste versucht – wird mit großer Wahrscheinlichkeit scheitern oder man wird es als Scheitern interpretieren. „Nie gelingt mir irgendwas“, „Immer habe ich Pech“ oder „Ständig läuft alles schief“ werden dann als Wahrheit bestätigt. Solche verinnerlichten, vermeintlichen Wahrheiten über das eigene Selbstbild funktionieren wie selbsterfüllende Prophezeiungen.

Man kann zwar diese negativen Selbstbilder durchbrechen, aber das ist gar nicht so einfach. Denn ein Unglück das man kennt und an das man sich gewöhnt hat, ist weniger beunruhigend und unheimlich als das große Unbekannte. Was ist, wenn das, was man sein Leben lang für wahr hielt, gar nicht stimmt? Eine gruselige Vorstellung. Da finden sich die meisten Menschen lieber damit ab, dass sie dies oder das nicht können. Solange man damit glücklich wird, ist das ja auch völlig in Ordnung. Man muss ja auch nicht alles können und niemand ist perfekt.

Bloß, wenn man gern etwas hätte, meint ohne etwas Bestimmtes nicht glücklich sein zu können – und sich dann von dem eigenen Selbstbild bremsen lässt, ist der Frust schon vorprogrammiert. Da beginnt die Selbstsabotage: Man unterlässt dann alles, was nötig wäre, um den Sachverhalt, der einen wurmt, zu ändern – aus Angst, die eigene Wahrheit als Irrglauben zu entlarven und das eigene Weltbild durcheinander zu bringen. Das führt dann zum Beispiel dazu, dass jemand, der seit Ewigkeiten Single ist und sich einbildet, der/die Richtige existiere überhaupt nicht, sich lieber verkriecht und in Selbstmitleid suhlt. Anstatt einfach mal rauszugehen, neugierig, offen und interessiert auf andere Menschen zuzugehen und am Ende womöglich doch mal einen erträglichen Mitmenschen für eine potentielle Beziehung kennen zu lernen. Oder wenn man dann doch jemanden kennen lernt, sich selbst aber für nicht liebenswert hält, benimmt man sich möglichst daneben, damit diese negative Überzeugung von sich selbst bestätigt wird.
Selbstsabotage funktioniert natürlich nicht nur auf der privaten Ebene. Sondern auch im Berufsleben kann man so manche Karriere umgehen, indem man sich selbst einredet, man sei zu unfähig oder zu was-auch-immer, um beruflich voran zu kommen. Ein erster Schritt, um sich aus dem Teufelskreis der Selbstsabotage herauszuboxen, ist wie so oft die Einsicht. Wenn man sich selbst durchschaut und merkt, dass man selbst derjenige ist, der sich im Weg steht, kann man langsam, Schrittchen für Schrittchen daran arbeiten, die hinderlichen Selbstüberzeugungen durch nützliche zu ersetzen.

Essai 120: Über das Bereuen vergangener Dinge

27. April 2014

Eines meiner Lieblingslieder ist „Non, je ne regrette rien“ von Édith Piaf. Darin singt sie davon, dass sie zwar viel erlebt hat, sowohl Gutes als auch Schlechtes, aber nichts davon bereut. Gut, die Pointe bei dem Lied ist, dass sie deswegen nichts bereut, weil sie eine neue Liebe gefunden hat, mit der sie noch mal ganz von vorn anzufangen gedenkt, doch trotzdem gefällt mir dieser Grundgedanke, dass man nichts bereuen sollte, was man im Leben durchgemacht hat, weil es halt dazu gehört. Schließlich haben all die kleinen und großen Erlebnisse der Vergangenheit einen zu dem Menschen gemacht, der man heute ist. Und wer sich ständig grämt und Dinge bereut, die sich nicht mehr ändern lassen, verlernt, sich selbst gut leiden zu können und dann kann man sein Lebensglück in die Tonne treten und sich schon mal darauf vorbereiten, als Grummel Griesgram, Grinch oder Ebenezer Scrooge zu enden.

Verbitterung ist meiner Meinung nach verkappter Selbsthass und dieser wiederum kommt davon, dass man sein ganzes gegenwärtiges Leben damit verplempert, Dinge zu bereuen, die längst vergangen sind. Dass man mit seinem Verhalten eine Beziehung ruiniert hat zum Beispiel. Oder dass man sich nicht getraut hat, einem Arschloch Paroli zu bieten. Dass man bei der Berufswahl nicht seinem Herzen, sondern dem Verstand oder dem Willen, viel Geld zu verdienen, gefolgt ist. Und, und, und. Wenn man genug in der eigenen Vergangenheit herumwühlt, findet man garantiert ganz viele Dinge, die sich bereuen lassen. Und während man so vor sich hin bereut, braucht man sich auch nicht damit zu beschäftigen, ob sich nicht in der Gegenwart oder in der Zukunft das eine oder andere nicht doch noch umsetzen lässt.

Wenn man zum Beispiel bereut, dass man vor Ewigkeiten seine große Liebe vergrault hat, weil man sich wie ein Idiot benommen hat, dann hält einen (außer man selbst) keiner davon ab, es bei der nächsten Beziehung besser zu machen. Das ist das, worüber Édith Piaf letztendlich singt: Ja, ich hab in der Vergangenheit auch viel Mist gebaut und bin weiß Gott auf die Fresse gefallen, aber heute, hier und jetzt, fange ich noch einmal, zusammen mit dir, von vorne an. Gut, ganz von vorne sollte man nicht anfangen, dann wiederholt sich das gleiche Szenario noch einmal und man verliert die Lust, es noch einmal zu versuchen. Aber ein neuer Versuch mit dem Vorwissen, das man aus der Vergangenheit durch seine Fehler gewonnen hat, kann durchaus gelingen. Und wenn nicht, ist man wieder ein wenig schlauer und macht es halt das Mal darauf besser. Schließlich gehört das Lernen zum Leben dazu, wäre ja auch langweilig sonst.

Hat man sich nicht getraut, jemandem die Stirn zu bieten, der einen wie Dreck behandelt hat, kann man eben beim nächsten Pantoffeltyrannen aufmucken. Keine Sorge, von dieser Spezies gibt es reichlich Vertreter auf dem Planeten Erde, die für Übungszwecke genutzt werden können. Etwas kniffliger ist da schon etwas so Lebensbestimmendes wie die Berufswahl. Da ist man irgendwann zu alt, um sich noch groß umzuentscheiden. Da würde ich jedem raten, in jungen Jahren lieber dem Herzen zu folgen. Wenn man jung ist, braucht man noch nicht so viel Geld, weil man sich noch keinen Lebensstandard auf einem bestimmten Niveau angewöhnt hat, die Eltern einen eventuell noch unterstützen können, bis man auf eigenen Füßen stehen kann und weil man dann noch die Möglichkeit hat, sich umzuentscheiden, wenn man merkt, dass das doch nichts für einen ist. Deswegen habe ich auch erst die Schauspielausbildung gemacht und das ausprobiert, um nicht hinterher mit 40 oder 50 da zu sitzen mit einer Midlifecrisis und zu bereuen, es nie versucht zu haben. Und jetzt weiß ich ganz sicher, dass das nicht mein Ding ist, bereue aber auch nicht, diesen Weg eingeschlagen zu haben. Ich habe Freunde dort gefunden und – das klingt jetzt ziemlich doof nach Selbstfindungskitsch par excellence – mich selbst besser kennen gelernt. Und später den Mut gefunden, mich umzuentscheiden und einen anderen Weg einzuschlagen.

Ist es bereits zu spät, um sich beruflich noch einmal woanders hin zu entwickeln, bringt das Bereuen jedoch auch nichts. Gut, dann ist das eben so. Es bringt nichts, sich selbst mit Vorwürfen zu zerfleischen und sich mit hätte, wenn und aber zu quälen. So schlimm wird die Arbeit schon nicht sein und es lassen sich bestimmt viele positive Kleinigkeiten entdecken. Und dann hält niemand einen davon ab, in der Freizeit seinem Herzen zu folgen und sich ein spaßiges Hobby zu suchen. Dann ist man eben nicht Schauspieler geworden, aber man kann einer Laienspielgruppe beitreten. Dann ist man eben nicht Sänger geworden, aber man kann im Chor mitmachen oder mit Kumpels eine Band gründen. Dann ist man eben nicht Bestsellerautor geworden, aber man kann bloggen oder nach Feierabend Kurzgeschichten schreiben. Dann ist man eben nicht Spitzensportler geworden, aber man kann sich einen Verein oder einen Kurs suchen, bei dem man mitmacht.

Es findet sich also immer eine Lösung, die besser ist als sich hinzusetzen, zu bereuen und sich von Schuldgefühlen zerfressen zu lassen. Es sei denn natürlich, man will überhaupt nicht, dass es einem besser geht. Für manche ist das Bereuen und das Verbittern schon längst Lebenszweck, Lebensinhalt und zum Identitätsersatz geworden. Die klammern sich dann an die Fehler ihrer Vergangenheit, weil sie sonst nichts mehr mit sich anzufangen wissen. Diesen traurigen Gesellen zu helfen, ist ein nahezu unmöglich zu erfüllendes Unterfangen. Da sollte man lieber etwas Distanz wahren, bevor man das hinterher noch bereut.

Essai 117: Über Leute mit eingebildeter schlimmer Kindheit

23. März 2014

Es gibt Menschen, die hatten tatsächlich eine schwere Kindheit – und es gibt Leute, deren Eltern haben ein paar Dinge getan, die nicht total in Ordnung waren und die diesen Umstand zum Anlass nehmen, sich Jahre später als Erwachsene wie die Vollidioten aufzuführen. Über Letztere möchte ich mich heute mal ein bisschen aufregen. Ich bin der Meinung, es ist Menschen, die wirklich Furchtbares in ihrer Kindheit erlebt haben, gegenüber nicht fair, wenn irgendwelche unreifen Egomanen mit unstillbarem Geltungsdrang sich mit ihren eingebildeten Problemchen wichtig machen.

Denn, seien wir doch einfach mal ehrlich, alle Eltern machen irgendwann irgendwas, was nicht hundertprozentig supertoll ist. Man darf nicht vergessen, dass Eltern auch nur Menschen sind, dass die auch manchmal müde, genervt, gestresst, schlecht gelaunt, überfordert – kurz: nicht in Höchstform – sind und dass sie infolgedessen halt auch nicht immer alles richtig machen können. Und da kann man natürlich als erwachsenes Kind Jahrzehnte später noch darauf herumreiten, dass die Eltern mal ungerecht waren, laut geworden sind oder sonst irgendwie doof reagiert haben, oder man macht irgendwann seinen Frieden damit und gut ist.

Es scheint mir, dass manche Leute sich jedoch davor scheuen, Verantwortung für ihre eigene Unperfektion zu übernehmen und dann alles darauf schieben, dass die Eltern angeblich das Geschwisterkind bevorzugt behandelt haben, dass ihnen einmal die Hand ausgerutscht ist (nicht regelmäßig und nicht mit Absicht) oder sonst irgendwas. Wenn man irgendeine Ausrede dafür braucht, sich wie ein egozentrisches Arschloch aufzuführen, dann findet man ganz bestimmt irgendwas in der Kindheit, was man zu einem Drama hochstilisieren und sich daran festbeißen kann. Dann heißt es plötzlich, das männliche Vorbild hätte gefehlt, weil der Vater die ganze Zeit arbeiten war oder die Mutter allein erziehend. Oder der Mutter wird vorgeworfen, dass sie arbeiten gegangen ist. Oder der Mutter wird vorgeworfen, dass sie nicht arbeiten gegangen ist. Oder dem Vater wird vorgeworfen, dass er zu viel zuhause war. Irgendwas ist immer. War die Anwesenheit der Eltern so weit in Ordnung, dass sich daraus nicht glaubwürdig eine unzumutbare Katastrophe basteln lässt, dann findet man eben etwas anderes. Als Einzelkind kann man herummoppern, dass man ja zum Egoisten werden musste, weil die Eltern einem ja kein Geschwister zur Seite gestellt haben und man somit nie lernen konnte, zu teilen. Wenn man Geschwister hat, findet man garantiert unumstößliche Beweise dafür, dass eines davon bevorzugt wurde. Deswegen hat man dann auch noch als Erwachsener Schiss, zu kurz zu kommen und ist dann besonders argusäugig darauf erpicht, sich alles unter den Nagel zu reißen, bevor es einem jemand wegnimmt.

Bei mehreren Kindern ist immer ein Kind dabei, das in manchen Bereichen mehr Unterstützung braucht als in anderen Bereichen. Das ist ganz normal. Auch wenn Eltern sich ganz fest vornehmen, alle Kinder gleich zu erziehen, gleich zu behandeln und gleich lieb zu haben, ist immer ein Kind dabei, bei der die löblichen Vorsätze nicht so zum gewünschten Erfolg führen. Nicht alle Kinder sind gleichermaßen verantwortungsvoll, pflichtbewusst und lernwillig. Die, die eher rebellisch sind, die lauter ihren Willen kund tun, die vielleicht in der Schule nicht so gut mitkommen, die irgendwie mehr Hilfe zu brauchen scheinen, bekommen naturgemäß mehr Unterstützung von den Eltern als die Kinder, die scheinbar problemlos auch auf sich selbst aufpassen können und von alleine ihre Hausaufgaben machen, für Klassenarbeiten lernen, ihr Gemüse essen und so weiter. Oft werden die jüngeren Geschwister daher scheinbar bevorzugt, weil sie einfach die Jüngeren und Kleineren sind und im Vergleich zum älteren Kind hilfloser wirken. Aber es kann auch vorkommen, dass das ältere Kind nicht so richtig klar kommt, warum auch immer, und dann braucht das mehr Unterstützung.

Da ist das doch nicht fair, wenn man deswegen Jahrzehnte später, wenn man schon längst ausgezogen ist, vielleicht sogar schon selbst eine Familie hat und Kinder, die man auf seine Weise verkorkst, den Eltern Vorwürfe macht und sich selbst küchentischpsychoanalysiert und sich hinstellt und sagt: „Ich darf mich hier so dämlich und ungerecht aufführen, weil ich eine schlimme Kindheit hatte.“

Ich denke, entweder war die Kindheit wirklich traumatisierend, dann soll man eine Therapie machen, anstatt den Eltern Vorwürfe und sich selbst dem Schicksal zu ergeben und im Selbstmitleid zu suhlen. Oder die Kindheit war ganz normal schlimm wie bei jedem anderen auch, dann soll man sich – pardon – nicht so anstellen.

Ansonsten sind nämlich die ewigen Familienstreitereien schon vorprogrammiert und dann darf das Enkelkind die Großeltern nicht sehen oder die Tante macht jedes Mal schlechte Stimmung, wenn sie zu Besuch kommt oder es kommt zum Zerwürfnis unter Geschwistern sobald die Eltern pflegebedürftig werden oder es um Erbgeschichten geht. Dabei wäre es doch so einfach, die Vergangenheit als vergangen zu akzeptieren, anzunehmen, dass Eltern auch nicht immer alles richtig machen können und sein Leben selbst in die Hand zu nehmen.

Aber manche Leute haben sich schon so an ihre Bitterkeit, ihr nachtragendes Gedankenkarussel und ihre eingebildete schlimme Kindheit gewöhnt, dass sie gar nicht mehr anders können als überall Verrat zu wittern und sich ständig übergangen zu fühlen. Und ihren Mitmenschen mit giftigem Misstrauen zu begegnen, in der Überzeugung, dass diese einen auch mit voller Absicht enttäuschen und betrügen werden. Was dann ja auch früher oder später nach dem Prinzip der selbsterfüllenden Prophezeiung tatsächlich passiert, weil das ja niemand auf Dauer aushält, sich ständig die ewig gleichen Schimpftiraden auf die ach so bösen Eltern (die in Wirklichkeit ganz normal schlimm waren) und das weinerliche Gegreine über die angebliche Bevorzugung von Geschwistern oder das Fehlen von Vorbildern anzuhören. Da zieht man sich dann irgendwann zurück und rettet das letzte Bisschen Seelenfrieden, das man noch hat.

Essai 100: Über Sexismus, Dirndl und sexuelle Belästigung

3. Februar 2013

Bevor die Sexismus-Debatte, die der Stern-Artikel „Herrenwitz“ von Laura Himmelreich über Rainer Brüderle ausgelöst hat, wieder in der Versenkung verschwindet, will ich zu diesem Thema jetzt auch mal meinen Senf beitragen.

Zum einen ist mir aufgefallen, dass die Sexismus-Debatte nicht nur bedingt in besagtem Artikel thematisiert wird, sondern sich inzwischen auch ganz davon gelöst hat. Allerdings ist sie – fürchte ich – gerade wieder am Verpuffen. Dabei halte ich es für unumgänglich, dass wir im 21. Jahrhundert mal darüber nachdenken, wie wir uns im intergeschlechtlichen Umgang miteinander verhalten. Es geht ja nicht nur darum, dass ein nicht mehr ganz nüchterner älterer Herr einer jungen Frau in den Ausschnitt guckt und plumpe „Komplimente“ macht, sondern Sexismus ist ein tiefsitzendes gesellschaftliches Problem, das uns alle etwas angeht.

Im Übrigen halte ich es für Quatsch, dass Brüderle sich entschuldigt, denn eine Entschuldigung ist nur sinnvoll, wenn Einsicht in eigenes Fehlverhalten vorliegt. Das ist bei Brüderle nicht der Fall, der war meiner Meinung nach einfach so, wie er immer ist, wenn er in den Feierabendmodus geschaltet hat. Frau Himmelreich war noch im Arbeitsmodus und so konnte das Gespräch nicht funktionieren. Das ist klar, dass beide völlig aneinander vorbeireden, wenn sich keiner auf den unterschiedlichen Modus des anderen einstellt. Es wäre vielleicht am klügsten gewesen, hätte sich die Nüchternere (Frau Himmelreich) an dem Abend zurückgezogen und Herrn Brüderle am nächsten Tag noch mal angesprochen. Nichtsdestotrotz kann man sich natürlich fragen, ob das nicht auch schon Sexismus ist, dass Männer machen dürfen was sie wollen und sich fröhlich wie die Höhlenmenschen aufführen können und von den Frauen wird erwartet, dass sie damit umgehen. Jungs sind eben Jungs. Das ist doch Mist!

Ich meine damit nicht, dass die Frauen sich dann dem männlichen Verhalten in solchen Situationen anpassen und sich ihrerseits wie Troglodyten aufführen, sondern ich bin der Meinung, dass Männer sich sehr wohl auch mal zusammenreißen können. Sie mussten es bloß nie und haben es deswegen nicht gelernt. Aber irgendwann sollten sie doch mal damit anfangen.

In unserer Gesellschaft herrscht unterschwellig immer noch die Normvorstellung vor, dass Männer den Frauen naturgemäß überlegen wären. Männer haben mehr Führungspotential, Männer sind das „starke Geschlecht“, Männer können besser mit Geld umgehen, besser rechnen, besser wirtschaften und überhaupt, wer hat denn die ganzen großen Erfindungen und Entdeckungen der Weltgeschichte gemacht? Eben. Dass Galileo, Goethe, Einstein und Konsorten ganz bestimmt eine Frau irgendwo hatten, die den feinen Herrn die Wäsche gewaschen, das Essen gekocht und eventuell vorhandene Kinder umsorgt haben, wird dabei gern verschwiegen. Die Frauen waren einfach viel zu beschäftigt und außerdem auch viel zu unterdrückt als dass sie die Zeit zum Forschen, Dichten und Denken gehabt hätten. Mit Natur und genetischer Veranlagung hat das nichts zu tun. Machen wir aber einen kleinen Zeitsprung ins 21. Jahrhundert, so hat sich doch Einiges geändert. Frauen haben jetzt prinzipiell die gleichen Rechte wie Männer. Aber was im Gesetz verankert ist, ist noch nicht in allen Köpfen angekommen.

Noch immer werden Frauen aus Prinzip schlechter bezahlt als Männer. Noch immer muss man über eine Frauenquote diskutieren, damit mehr Frauen an höhere Positionen kommen. Noch immer denkt man ernsthaft über so etwas Beklopptes wie das Betreuungsgeld nach, damit Frauen dafür belohnt werden, überholte Rollenmuster wieder zu beleben. Noch immer muss sich eine Bundeskanzlerin Angela Merkel gefallen lassen, dass man darüber diskutiert, wenn sie mal ein Kleid mit Ausschnitt trägt. Dass Guido Westerwelle neulich mal Rollkragenpulli statt Schlips und Hemd trug, interessiert keinen Menschen. Nein, Klamotten sind immer noch Frauengedöns. Schminkt man sich als Frau, wird das so gewertet, dass sie den Männern gefallen wolle. Schminkt sie sich nicht, gilt das gleich als ungepflegt. Zieht sie sich figurbetont an, muss sie mit blöden Blicken oder dummen Sprüchen rechnen. Trägt sie nur Kartoffelsack und Gummistiefel hält man sie für eine leicht verrückte Baumliebhaberinnen-Öko-Tussi. Kurz: Wie man es als Frau auch macht, man macht es falsch. Aber beklagen wir uns darüber? Nein. Auch nicht, wenn die Männer zum wiederholten Male herumnölen, die weibliche Emanzipation habe sie metaphorisch entmannt, die Frauen hätten sie zu Konsumtrotteln gemacht, es fehlten ohnehin auch die männlichen Vorbilder und man dürfe ja auch heute gar nicht mehr männlich sein, das allein wäre ja schon ein Verbrechen, blasülz. So ein Schwachsinn. Natürlich dürfen alle noch ihre Penisse und Vaginas behalten, aber der Besitz davon ist doch wohl kein Freifahrtsschein für respektloses Verhalten. Und da gibt es noch reichlich Diskussionsbedarf.

Die immernoch männlich-weiß-heterosexuell geprägten Machtstrukturen werden sich nicht von heute auf morgen auflösen lassen. Aber irgendwo muss man mal damit anfangen, anstatt immer zu leugnen, dass diese Machtstrukturen existieren. Wenn ein flapsiger, dummer und plumper Spruch eines Politikers dazu führt, dass man immerhin mal ins Grübeln kommt, dann fände ich das prima. Ich fürchte aber, diese Strukturen sitzen so fest, das wird im Sand versickern, ohne dass sich etwas ändert. Es sind ja auch nicht einfach nur die Männer schuld. Sondern es ist ein gemeingesellschaftliches Problem, wo auch Frauen mit beteiligt sind. Vielleicht haben wir Mädels uns auch einfach schon viel zu lange viel zu viel gefallen lassen. Vielleicht haben wir nicht genug zusammen gehalten. Vielleicht haben wir nicht laut genug mit dem Fuß aufgestampft und gesagt „es reicht!“ Vielleicht haben wir zu oft über plumpe Scherze gekichert, uns für misslungene Komplimente artig bedankt oder dumme Anmachen höflich ignoriert. Ich weiß es nicht. Jedenfalls ist das noch ein langer Weg zur tatsächlichen Gleichberechtigung von Mann und Frau. Und bevor hier gleich wieder das Gezeter losgeht. Ich bin nicht dafür, dass die Machtstrukturen ins andere Extrem umkippen. Wir sind hier ja nicht bei Penthesilea und ihren Amazonen. Nein, ich bin dafür, dass alle – egal welchen Geschlechts – mit Respekt behandelt werden.

Dann gibt es noch ein Thema, das oft mit Sexismus in einen Topf geworfen wird, das ist sexuelle Belästigung. Die Grenze ist fließend und außerdem immer vom Kontext und den Persönlichkeiten und Hintergründen der beteiligten Personen abhängig. Deswegen ist es sehr schwer, vielleicht sogar unmöglich, da eine allgemeingültige Definition zu finden. Natürlich kann man sagen: „Belästigung ist, wenn sich jemand belästigt fühlt“. Aber das ist gar nicht so einfach. Manchmal fühlt man sich ja auch erst im Nachhinein belästigt und ist im ersten Moment vor allem baff und schockiert. Ist eine unerwünschte Anmache zum Beispiel schon Belästigung? Wenn mich jemand fragt, ob ich mit ihm was essen gehe, obwohl ich überhaupt nichts gemacht habe, das Flirtbereitschaft signalisiert hätte (jedenfalls nicht absichtlich), ist das dann einfach Pech oder schon Belästigung? Schließlich ist das ja auch ganz schön knifflig für Männer, Frauen anzusprechen. Da viele Frauen nach wie vor der Ansicht sind, es läge beim Mann, den ersten Schritt zu wagen und sie anzusprechen, denken immer noch viele Männer, das wäre ihre Pflicht. Nun sind aber die meisten Männer recht ungeschickt im Flirten und benehmen sich wie Trottel, wenn eine Frau ihnen gefällt. Dann machen sie erstmal ewig Feldforschung und fallen dann mit der Tür ins Haus, so dass die Frau völlig überrumpelt ist und gar nicht weiß, was sie davon halten soll. Ihres Wissens hat sie nämlich nichts gemacht. Ich denke, das lässt sich vermeiden, indem man sich erstmal beiläufig kennen lernt und dann kann man sich ja auch anfreunden, wenn es mit einer Beziehung nicht klappt. Na ja. Aber ist dieses Tollpatschig-Plumpe schon Belästigung? Denn, ich fühle mich dann dadurch belästigt, wenn ein Typ mir Avancen macht, bevor man sich überhaupt nett unterhalten hat. Wobei ich auch der Meinung bin, wenn mir einer gefällt, dann sage ich dem Bescheid und solange ich dem nicht sage, dass ich mit ihm eine Beziehung versuchen will, will ich das auch nicht. Alles, was nicht „Ja“ ist, ist „Nein“. Aber ich bin ja nicht Maßstab aller Dinge, also kann ich nicht davon ausgehen, dass Männer das wissen. Erst recht nicht, wenn diese Paddel mit der Tür ins Haus fallen, ohne mich vorher zu kennen.

Aber wenn ich es recht bedenke, das nervt schon ganz schön. Trotzdem – weil die böse Absicht dabei fehlt – würde ich das nicht als sexuelle Belästigung ansehen, die man bei der Polizei anzeigen müsste. Dass die Anmache doof rüberkommt liegt ja nicht daran, dass die Jungs in der Absicht, mir ihren Willen aufzudrücken oder mich wie ein Stück Fleisch respektlos zu behandeln, auf mich zugekommen sind, sondern in der Absicht, mich kennen zu lernen. Also, die Motivation spielt dabei auch eine Rolle, nicht bloß das Gefühl einer Person. Schließlich gehören zur Belästigung ja zwei Personen, nicht nur die Person, die sich belästigt fühlt, sondern auch die, die belästigt. Wenn also der Typ, der mich ungeschickt angegraben hat, nach einer nicht-eindeutig-zustimmenden Reaktion meinerseits nicht locker lässt und versucht mich zu überreden, dann kann man davon ausgehen, dass er mir seinen Willen aufdrücken will und dann ist das Belästigung. Muss man das anzeigen? Nein. Trotzdem finde ich es sehr störend, wenn man versucht, mich zu überreden, wenn ich schon ablehnend reagiert habe. Und jetzt komme mir bitte niemand mit „Ja, wieso, da muss dann die Frau auch einfach mal klipp und klar sagen, dass sie das nicht möchte.“ Der Mann könnte genauso gut auf Körpersprache und Zwischentöne achten, die genau das genauso klipp und klar zum Ausdruck bringen. Ob jetzt eine Frau Himmelreich zu einem Herrn Brüderle sagt „Ich möchte das hier gern professionell halten.“ oder ob sie ihm sagt „Lassen Sie mich in Ruhe, ich möchte nicht, dass sie mich anbaggern“ ist ja wohl genau das Gleiche. Bloß ist das erste höflich und professionell und das zweite unfreundlich und zickig. Wenn ich zu einem Typen sage, der mich angegraben hat: „Ich möchte jetzt lieber mein Buch lesen“ ist das eine höfliche Abfuhr, wenn ich sage: „Verpiss dich, du Idiot, ich will nichts von dir“, bedeutet das genau das Gleiche, aber ich beleidige den anderen damit.

Wie ist das mit anzüglichen Blicken? Belästigung oder nicht? Normalerweise würde ich sagen: Gucken, von mir aus, aber anfassen ist nicht! Aber wenn ich es mir recht überlege, ist das auch schon belästigend, wenn mir einer ununterbrochen auf die Brüste guckt und sich noch nicht einmal die Mühe gibt, weg zu gucken. Jedoch ist auch das etwas, was man als Frau nicht anzeigen würde. Wir denken dann nämlich, wir dürfen uns nicht so anstellen, der macht doch nichts, der guckt doch nur. Miteinander reden? Als ob ein verkappter Lustmolch, der Frauen mit Blicken auszieht ein Einsehen darin hätte, wie sehr sein Verhalten stört. Was ist mit den Männern in der U-Bahn, die sich extra nah an die junge Frau neben ihnen hinsetzen? Was ist mit den Wanderpfoten im Schwimmbad, die wie zufällig an Frauenkörper greifen? Was ist mit den besoffenen Schmierlappen in der Disko, die nicht kapieren, dass „Nein“ auch „Nein“ heißt? Da kann man zwar Anzeige gegen Unbekannt erstatten, aber erstens bringt das doch nichts und zweitens finde ich, das kann man ja wohl nicht nur den Frauen anlasten. Von wegen, selber Schuld, was geht die auch im Schwimmanzug oder Bikini ins Schwimmbad, was setzt die sich in der U-Bahn auch hin und was zieht die sich auch so feminin an, wenn sie tanzen geht. Da finde ich, könnten die werten Herren der Schöpfung doch auch mal ihr Oberstübchen bemühen, ihre kritische Selbstreflexion aktivieren und nicht immer gleich automatisch davon ausgehen, sie wären unwiderstehlich. Von Frauen verlangt man schon seit immer, dass sie sich zusammenreißen. Da kann man doch das gleiche auch mal von den Männern erwarten. Oder etwa nicht?

Essai 91: Über selbsterfüllende Prophezeiungen

13. Juli 2012

Wie es der Zufall so will, ist heute mal wieder Freitag, der 13. und in den sozialen Netzwerken kursiert die Frage: Was tun? Dran glauben und sich verkrümeln oder drauf gepfiffen? Die meisten antworten todesmutig, das sei doch alles Quatsch. Ich aber glaube, das ist mit Freitag, dem 13. genau so, wie mit allen Glaubensfragen, ob es sich nun um Religion oder Aberglauben handelt, ist ja eh das gleiche Prinzip. Bevor mich nun alle hauen, weil ich sämtlichen Glaubens-Kladderadatsch in einen Pott geschmissen habe, möchte ich kurz erklären, warum ich keinen Unterschied zwischen Glauben und Aberglauben mache:

Heute geht es mir um die Macht der Autosuggestion oder anders gesagt, der selbsterfüllenden Prophezeiungen. Machen wir mal eine kleine Zeitreise, in eine Zeit, als es noch keine drei großen Weltreligionen gab, die unterschiedliche Bezeichnungen für vergleichbare Phänomene zum Anlass nehmen, sich dauernd zu streiten und sich gegenseitig die Köpfe einzuhauen. Es gab da einmal einen Mann, der hieß Ödipus. Sein Vater war König von Theben im antiken Griechenland und die glaubten damals an die Weissagungen eines Orakels. Dieses Orakel sagte also zum König: „Pass auf, König, deine Frau wird dir einen Sohn gebähren, der wird dich aber umbringen und seine Mutter heiraten.“ Der König dachte sich: „Oha. Das ist aber blöd, ich bin gern am Leben und Inzest ist ja auch irgendwie von wegen genetischer Vielfalt etwas fragwürdig. Bring ich den mal um, meinen Erstgeborenen“. Gesagt, getan. Na ja. Nicht ganz getan. Weil der König sich selbst nämlich nicht die Hände schmutzig machen wollte und er ja ohnehin auch Leute hat für so unangenehme Aufgaben, hat er einen Diener damit beauftragt, den kleinen Ödipus abzumurksen. Dann hat aber der kleine Ödipus den Diener so süß angeschaut, dass der das nicht übers Herz brachte und ihn dann lieber einer anderen Familie anvertraute. Als Ödipus größer war und nichts von seiner wahren Herkunft wusste, bekam er auch eines Tages vom Orakel eine Weissagung: „Pass mal auf, Ödipus. Du wirst deinen Vater umbringen und deine Mutter heiraten.“ Darauf dachte sich Ödipus ganz pfiffig: „Oha, das ist ja blöd, dann haue ich mal schnell ab, bevor ich meine Eltern ins Verderben stürze.“ Gesagt, getan. Unterwegs auf seiner Flucht vor dem Schicksal trifft er auf einen Verkehrsrowdy, der ihn in seinem Pferdewagen anrempelt. Als richtiger Mann kann man derlei Schmach natürlich nicht auf sich sitzen lassen und im Streit bringt Ödipus den Kerl um, nicht ahnend, dass das in Wirklichkeit sein Vater war. Er kommt nach Theben, das von der Sphinx besetzt gehalten wird und die erst gedenkt, zu verschwinden, wenn man ihr Rätsel löst. Wer aber ihr Rätsel löst, soll zur Belohnung die Königin zur Frau erhalten. Wir ahnen was passiert, die Sphinx sagt: „Was hat am Morgen vier Beine, am Mittag zwei und am Abend drei?“ Ödipus sagt: „Der Mensch, als Baby krabbelt er auf vier, als Erwachsener läuft er auf zwei und als alter Mensch stützt er sich auf seinen Krückstock, läuft also auf drei Beinen“ und zack – bekommt er die Königin zur Frau. Dass das seine leibliche Mutter ist, erfährt er erst etwa 20 Jahre und vier Kinder später, woraufhin er sich die Augen aussticht, mit der Nadel, mit der sich zuvor die Königin umgebracht hat.

Hätte Ödipus‘ Vater seinen Sohn einfach am Leben gelassen und auf die Weissagung des Orakels nichts gegeben, wäre gar nichts passiert. Hätte Ödipus gleichermaßen die Weissagung des Orakels ignoriert, wäre auch nichts passiert. Man kann sich natürlich fragen, warum sie überhaupt das Orakel befragt haben, wenn das immer so furchtbare Weissagungen vom Stapel lässt, aber sonst gäbe es ja keine Geschichte. Sigmund Freud hat nun diese Geschichte zum Anlass genommen, sein psychoanalytisches Konzept des Ödipus-Komplexes und der Kastrationsangst auszuklamüsern. Mich interessiert aber ein anderer Aspekt: Der, dass Ödipus und sein Vater so sehr versucht haben, etwas zu vermeiden, dass es dadurch überhaupt erst eingetreten ist.

Somit kehren wir zurück in die Gegenwart und zum Freitag, den 13. Wenn ich jetzt den ganzen Tag über herumlaufe und denke: „Hoffentlich passiert nichts Schlimmes, hoffentlich passiert nichts Schlimmes!“ dann passiert garantiert irgendwas Schlimmes. Während ich dann versuche, der einen Katastrophe auszuweichen, laufe ich direkt in die nächste. Habe ich es gerade so eben geschafft, mich vor der schwarzen Katze, die von rechts nach links über die Straße juckelt, in Sicherheit zu bringen, bin ich vielleicht mit einem beherzten Sprung in den Brenesseln gelandet.

Diese selbsterfüllenden Prophezeiungen sind aber nicht nur am Freitag, dem 13. wirksam, sondern ganz allgemein. Wenn ich zum Beispiel mit der inneren Überzeugung durch die Gegend trotte, keiner habe mich lieb, immer hätte ich Pech und sowieso sei alles scheiße und die Welt schlecht und alle gemein zu mir, dann kann mich kein noch so freundlicher Mitmensch davon überzeugen, dass dem nicht so ist. Die innere Einstellung färbt nämlich meine Sichtweise und bewertet alles so, dass es zu ihr passt. Die Autosuggestion ist ziemlich hartnäckig und fühlt sich pudelwohl in unseren Wirklichkeits- und Identitätskonstrukten. Wir halten das dann für die Wahrheit, was die selbsterfüllende Prophezeiung uns einredet und stellen es nicht in Frage, weil das sonst unser Weltbild wie ein Kartenhaus zusammenplumpsem ließe und dann müssen wir alles neu wieder aufbauen und das nervt. Dann lieber Nervkram, den man schon kennt. Wie sehr man aber seine Mitmenschen damit nervt und quält, wenn man ihnen ständig mit Misstrauen begegnet, weil man sich durch Autosuggestion davon überzeugt hat, dass grundsätzlich alle einem Böses wollen und einem nach dem Glück trachten und alle neidisch sind auf einen, wegen was-auch-immer, das macht man sich nicht klar. Und irgendwann hat dann keiner mehr Lust, sich auch nur ansatzweise zu bemühen, den eingebildeten Pechvogel zu überzeugen, dass er es NICHT böse mit dem selbsternannten Unglückswurm meint, dass er alles versucht, um ihn glücklich zu machen und wenigstens einmal lächeln zu sehen, dass er sich allergrößte Mühe gibt, Verständnis und Empathie für das kleine Häufchen Selbstmitleidselend aufzubringen. Und wenn es dann soweit ist, dass selbst der geduldigste, netteste Mensch der Welt keine Lust mehr hat, alles Mögliche zu versuchen, um den Quälgeist aus seinem Sumpf zu holen, da derjenige sich auch offensichtlich darin wohl fühlt und gar nichts ändern will, dann hört der eben irgendwann mal auf damit, es zu versuchen. Und dann hat sich die Prophezeiung, dass alle einen eines Tages enttäuschen werden und alle gemein sind und man sich auf nichts und niemanden verlassen kann, von selbst erfüllt.

Das geht natürlich auch in die andere Richtung. Wenn ich zuversichtlich durch die Gegend hopse und mir sage, das wird schon alles irgendwie hinhauen, wenn ich mir etwas Mühe gebe und meinen Mitmenschen so lange wohlwollend begegne, bis sie mir konkret irgendwas getan haben (zum Beispiel mir ein beschissenes Zeitschriften-Abo unterjubeln), dann werde ich merken, dass die meisten Menschen einem ebenfalls freundlich begegnen und nicht aus purer Bösartigkeit oder weil sie grad nichts Besseres zu tun haben, sich irgendwelche Intrigen gegen meine Person ausdenken, irgendwelche Ränke schmieden und Verleumdungskampagnen anleiern. Natürlich gibt’s hin und wieder solche Psychopathen, die aus Spaß an der Freude böse zu allen sind. Aber die sind extrem selten. Meistens sind es doch irgendwelche verkappten eingebildeten Unglücksraben, die meinen, sie würden sich an der Welt rächen, bevor sich die Welt an ihnen rächt (warum auch immer die Welt mit so einem Mumpitz ihre kostbare Zeit verplempern sollte). Soweit kann die selbsterfüllende Prophezeiung nämlich auch gehen, dass man proaktiv einfach mal alle scheiße behandelt, weil die nämlich sonst eh vorgehabt hätten, einen scheiße zu behandeln, also kommt der Durchschnittsparanoiker allen potentiellen Feinden (also allen) einfach mal ganz ausgebufft zuvor: „Aber nicht mit mir, ich bin ein schlaues Kerlchen, jawoll, ich seh das nämlich an ihren Augen, Hahahaaa, dass die mir alle Böses wollen, die wollen an meinen Schaaaatz, und mich bestehlen und mich betrügen, aber denen werde ich zuvor kommen, wäre doch gelacht, Gnihihihi!“

Dabei ist es doch so viel entspannter, nicht ständig auf der Lauer sein zu müssen und nicht ständig neidisch und missgünstig auf andere Leute zu schielen und sich nicht immer den Kopf darüber zu zermartern, was andere haben und ich nicht, was ich aber gerne hätte und bla bla bla. Da wird man doch bescheuert bei. Es ist viel lustiger, einfach zu gucken, was man hat und daraus dann das Beste zu machen, anstatt immer nur herumzunölen, weil man dies oder das NICHT hat. Außerdem muss man ja wohl auch ein bisschen was dafür tun, wenn man was haben will. Sich einfach hinstellen und sagen, so, ich will das jetzt aber haben und zwar sofort! und dann aber überhaupt nichts dafür zu tun, ist nichts weiter als kontraproduktiv. Wenn mir jemand einen Haufen Mist vor die Füße knallt, habe ich etwa drei Möglichkeiten:

1.) Ich heule rum und versinke in Selbstmitleid und frage mich, wieso eigentlich immer mir der ganze Mist vor die Füße geklatscht wird und alle sind so gemein zu mir und keiner hat mich lieb und sowieso und überhaupt.

2.) Ich mache einen Riesenterz, verlange den Vorgesetzten des Mistlieferanten zu sprechen, schließlich könne das ja nicht angehen, die sollen sich um ihre Scheiße alleine kümmern und was das eigentlich solle, keiner außer mir arbeitet hier, um alles muss ich mich selber kümmern, die Welt hat sich gegen mich verschworen, und das ja keiner glaubt, ich hätte das nicht gemerkt, dass alle hinter meinem Rücken über mich tuscheln und die sägen alle an meinem Stuhl, weil ich denen zu gut bin und das weiß bloß keiner zu schätzen und… Zack: Burnout, Magengeschwür, Herzinfarkt.

3.) Ich schau mir den Misthaufen genauer an, überlege kurz, was man draus machen könnte und verkaufe den Dreck als Bio-Dünger. Schon habe ich aus Scheiße Gold gemacht.

Nun kann sich ja jeder aussuchen, welche Einstellung er als am zweckdienlichsten erachtet. Genau so, wie negative selbsterfüllende Prophezeiungen einen erst Recht ins Unglück stürzen, können positive selbsterfüllende Prophezeiungen einem helfen, die Dinge, die einen im Leben stören, anzupacken und zu ändern.

So, und jetzt reicht’s mir für heute mit der Küchentischpsychologie.

Essai 89: Über das Betreuungsgeld

20. Juni 2012

Bislang hatte ich noch mit mir gehadert, ob das wirklich Not tut, etwas zu dieser bescheuerten Idee mit dem Betreuungsgeld zu sagen… Jetzt habe ich mich aber doch dazu entschieden, zumindest ein paar konstruktive Vorschläge zu formulieren, wie man’s denn besser machen könnte. (Vielleicht sollte ich meinen Blog doch noch mal umbenennen in „Isa09 – Profi-Klugscheißerin“? Ach neeeee, „Angry young woman“ ist entschieden cooler.)

Zunächst einmal, warum finde ich die Idee mit dem Betreuungsgeld, wie es aktuell der Plan ist, überhaupt bescheuert? Ich hätte übrigens gedacht, das findet jeder bescheuert, ich hab da diese dumme Angewohnheit, immer von mir auf andere zu schließen, obwohl ich mich damit schon oft genug geirrt habe, ich kann’s einfach nicht lassen. Schlimm, das. Wie dem auch sei, es gibt also tatsächlich auch Leute, die finden die Idee super und sind zutiefst beleidigt, wenn man sagt, die Idee ist aber blöd. Die Idee an sich ist ja auch nicht unbedingt blöd, nur wie sie ausgeführt werden soll. Geplant ist nämlich, den Müttern, die zu Hause bleiben, zunächst 100 Euro im Monat zu zahlen, bzw. später 150. Ich glaube, das hing auch irgendwie vom Alter der Kinder ab, weiß ich grad aber nicht so genau. Ausgeschlossen von dieser großzügigen Belohnung vorsintflutlichen Geschlechterrollengebahrens sind Hartz IV-Empfänger, damit die sich davon nicht Zigaretten holen oder in die Kneipe gehen, wie Hartz IV-Empfänger das in der Regel mit Geld so machen, und ihre Kinder vernachlässigen, so dass die am Ende alle Junkies und Sozialschmarotzer werden (Sarkasmus!). Und was kann man mit 100-150 Euro monatlich nicht so alles anfangen, zum Beispiel… öhm… tja… nun ja… äh… also, Essen für ein-zwei Wochen für eine vierköpfige Familie ist da wohl schon drin, vielleicht auch mal ein neues Paar Schuhe, wenn man dann halt mal eine Woche lang nichts isst. Allerdings muss man auch bedenken, dass die Frau dann ja nicht arbeiten geht, wenn sie auf das Kind aufpasst, so dass ihr Gehalt wegfällt. Heutzutage von nur einem Gehalt auszukommen, ist gar nicht so einfach, da muss man schon irgendwo Vorstandschef sein und seinen Bonus selbst bestimmen dürfen. Na gut, Arzt sein reicht vielleicht auch, auf die ist man nämlich angewiesen, da interessiert das auch wen, wenn die streiken. Aaaaber ich schweife schon wieder ab. Fakt ist, dass nur diejenigen es sich leisten können, zu Hause zu bleiben und die Kinderbetreuung in die eigenen Hände zu nehmen, die es sich ohne das Betreuungsgeld auch schon leisten können. Für die, die auf zwei Gehälter angewiesen sind, ist das keine ernsthafte Alternative. Es wäre eine ernsthafte Alternative, wenn das Betreuungsgeld tatsächlich ein richtiges Gehalt wäre. Wenn das Betreuen und Erziehen der eigenen Kinder als Beruf anerkannt würde. Dann hätte es auch nicht dieses antiemanzipatorische Geschmäckle. Denn, natürlich sagt das keiner, offiziell sind wir ja alle für Gleichberechtigung und da darf man auch als Frau sein Jodeldiplom machen, aber Kindererziehung ist nach wie vor Frauensache. Jaaaa, Männer sind halt Männer. Das ist nicht so ihr Ding, verstehste. Und Frauen können das doch viiiiiel besser, das ist bei denen auch angeboren und so. Männer sind halt Jäger und Frauen sammeln und hüten das Feuer und das ganze Gedöns. Das macht denen ja auch Spaß und liegt in ihrer Natur, also warum sollte man sie dafür auch noch respektieren? Pfff, da hört sich doch alles auf, da könnte ja nun jeder kommen. Als nächstes soll man(n) auch noch Hühner dafür respektieren, dass sie Eier legen oder Schafe wegen ihrer Wolle oder Kühe wegen ihrer Milch. Das ist doch lächerlich. Was aber WIRKLICH lächerlich ist, ist dieser alberne Kleckerbetrag von 100-150 Euro. Schon klar, mehr ist nicht drin. Aber warum dann die Leute verarschen und verhöhnen und das ganze auch noch euphemistisch „Betreuungsgeld“ schimpfen? Da gibt’s doch nun wirklich Besseres mit dem Geld für das Wohl unserer Kinder anzufangen, als dieser Betreuungsgeld-Unfug. Im Folgenden nun ein paar Vorschläge meiner Wenigkeit:

1.) Da es wohl kaum finanziell möglich ist, das Betreuungsgeld zu einem richtigen Gehalt aufzustocken, könnte man doch das Geld nehmen, um mehr qualifizierte Betreuer auszubilden und die Anzahl der Kitas zu erhöhen. Dann wüssten die Eltern ihre Kinder gut aufgehoben und könnten guten Gewissens arbeiten gehen.

2.) Wenn man das doof findet, könnte man auch das Geld nehmen und als Prämien an Firmen verteilen, die sich um die Kinderbetreuung ihrer Angestellten besonders verdient machen, indem sie z.B. eine firmeninterne Kinderbetreuung einrichten oder mehr Teilzeit oder flexible Arbeitszeiten oder Home office ermöglichen, so dass es für Eltern leichter ist, Arbeit und Familie unter einen Hut zu bringen.

3.) Man pfeift auf das Betreuungsgeld und erhöht einfach das Kindergeld.

4.) Man investiert das Budget fürs Betreuungsgeld in den Ausbau von Ganztagsschulen. Ist zwar für die Lehrer doof, weil sie dann auch länger arbeiten müssen. Auf der anderen Seite haben die wenigsten Leute vor 17h00 Feierabend und in anderen Ländern funktioniert das auch und da beschwert sich auch keiner. Und die Kinder wären den ganzen Tag lang gut aufgehoben, man könnte sogar noch überlegen, ob sie hinterher gemeinsam Hausaufgaben machen, die Lehrer könnten sich mit der Aufsicht abwechseln oder man engagiert dafür Studenten, dann können sie sich auch gegenseitig helfen, was wiederum gut für den Mannschaftsgeist ist. Aber ich komme schon wieder ins träumerische Weltverbessern.

5.) Man investiert das Budget für andere Formen der Nachmittagsbetreuung und -beschäftigung von Kindern und Jugendlichen. Treffpunkte und ähnliches.

Kurz gesagt, es gibt jede Menge besserer Ideen, wie man das Budget, das fürs Betreuungsgeld vorgesehen ist, sinnvoller für den Aufbau einer faireren, gleichberechtigteren, toleranteren Gesellschaft nutzen könnte. Und alles, was an Argumenten für das Betreuungsgeld kommt ist: „Ja, hier keine Diskussionen mehr, das Betreuungsgeld kommt.“
Ich bleibe dabei: Das Betreuungsgeld, wie es in der jetzigen Form angedacht ist, ist schlicht und ergreifend bescheuert. Selbstverständlich lasse ich mich gerne eines Besseren belehren, wenn ich nur endlich mal wenigstens den Versuch eines vernünftigen Dafür-Arguments wahrnehmen würde. Also, liebe Betreuungsgeld-Befürworter, lasst mal hören!

Essai 88: Über scheiternde Freiwilligkeit und den Zwang zum Glück

29. Mai 2012

Der Hamburger Senat hat nun beschlossen, bezüglich der Einführung einer Frauenquote mit gutem Beispiel voran zu gehen und selbige etappenweise in den nächsten Jahren den Unternehmen aufzuoktroieren. Bin schon auf die Reaktionen gespannt. Vermutlich werden erst mal alle herumnölen, was das denn solle, ihre persönliche Freiheit werde aufs Übelste angegriffen, wenn man sie zwinge *schauder* Frauen auf wichtige Posten zu setzen und dann gewöhnen sich alle dran und finden’s nachher doch ganz gut und schlussendlich wird sich nachher kein Mensch mehr daran erinnern, dass er anfangs zu seinem Glück gezwungen werden musste. Und wenn es soweit ist, kommt wieder irgendein Sturkopf und Querulant aus seinem Loch gekrochen, faselt irgendwas von wegen „Benachteiligung… gegen die Verfassung… Blablabla“ und dann wird alles wieder über den Haufen geworfen und in mühevollster Kleinarbeit ein neues Gesetz ausklamüsert, das dann überhaupt niemand mehr versteht. So wie mit dem Nichtraucherschutz. Ich weiß, ich neige gelegentlich ein wenig zur Redundanz, aber ist doch wahr. Wir haben uns alle dran gewöhnt, dass wir entweder essen oder rauchen dürfen, da kommt irgendwer und meckert rum, der Verfassungsschutz mischt sich ein (der hat wohl nichts Besseres zu tun?) und – bumms – muss noch mal alles wieder neu ausdiskutiert werden. Jetzt ist es wohl so, dass ab so und so viel Quadratmeter ein Raucherraum eingerichtet werden darf, aber der muss vollkommen abgetrennt sein, ein eigenes Lüftungssystem besitzen, es darf kein Rauch da rausdringen, es darf kein Durchgangszimmer sein, was weiß ich. Das nenne ich doch mal ‚persönliche Freiheit‘, anstatt einfach draußen gemütlich eine zu rauchen und mit Leidensgenossen zu klönen, werden die Raucher einfach in eine Art Luftschutzkäfig gesperrt, damit sie aber auch wirklich nur sich selbst gegenseitig zuqualmen. Das Restaurantpersonal muss dann wahrscheinlich mit Gasmasken da rein. Und die kleineren Lokale dürfen dann entscheiden, ob sie Raucher- oder Nichtraucherlokal sein wollen. Super. Diskrimieren wir doch einfach mal alle, damit auch ja keiner vergisst, dass man schon als Raucher oder Nichtraucher auf die Welt kommt und absolut nichts dagegen tun kann und damit auch jeder weiß, dass ‚die Anderen‘ der Feind sind. Und bloß nicht miteinander reden und aufeinander Rücksicht nehmen. Da würde ich als Raucher – oder Rauchender – freiwillig aus Protest gegen dieses Kasperletheater mit dem Rauchen aufhören. Das macht doch überhaupt keinen Spaß mehr, wenn sich alle gegenseitig das Leben schwer machen und auf stur schalten, nur weil sie sich aufgrund der verworrenen Gesetzeslage im Recht sehen. Und vermutlich kann das niemand wirklich widerlegen, weil keiner da auch nur ansatzweise einen Durchblick hat. Und da gibt es sowohl bei den Rauchenden als auch bei den Nichtrauchenden renitente Arschlöcher, die partout allen beweisen müssen, dass sie Bescheid wissen, wie es ‚richtig‘ ist, anstatt einfach mal ihren gesunden Menschenverstand einzuschalten und jedem Tierchen sein Pläsierchen zu gönnen, sofern sie niemandem damit schaden. Dann würden die Leute auch von alleine zum Rauchen rausgehen, weil sie einsähen, dass im Innenraum andere Menschen den Qualm mit einatmen, die das gar nicht wollen.

Worauf will ich damit hinaus? Letzteres, das mit dem gesunden Menschenverstand einschalten und jedem sein Vergnügen gönnen, solange es keinem schadet, das Nutzen von natürlichem Einfühlungsvermögen, der Einsatz kritischer Selbstreflexion und die daraus resultierende Rücksichtnahme und Toleranz gegenüber seinen Mitmenschen, wären das, was wir brauchen, damit jeder in Frieden und Freiheit glücklich leben kann. Nur leider scheint das nicht in der Natur des Menschen zu liegen, der sich lieber wie ein renitenter, rechthaberischer Schwachkopf aufführt, seine miese Laune an allen Anderen auslässt, anstatt mal Ursachenforschung mit anschließender -behebung zu betreiben und zu dem Schluss zu kommen, dass er auch einfach mal nett sein könnte. Sprich: Wenn ich auf die Freiwilligkeit solcher Vollidioten setze, die ja obige Einstellung erfordert, um erfolgreich zu sein, habe ich schon verloren. Da spielt wohl auch irgendein mittelalterlicher, bornierter Ehrenkomplex eine Rolle, der noch in den Köpfen drin steckt und besagt, man dürfe niemals seine einmal gefasste Meinung kritisch hinterfragen, überdenken oder gar *schauder* ändern, weil das einer metaphorischen Kastration gleich komme. Da könne man sich ja auch gleich einen Zacken aus der Krone brechen. Dass diese heilige Meinung gar nicht die ‚eigene‘ Meinung ist, sondern eine durch eine komplexe Mischung von Vorurteilen, unbewussten Indoktrinationen durch Familie, Freunde, Umfeld und Medien, ‚Meinungen‘ anderer und anderen überlieferten Mythen zustande gekommene Illusion von ‚Wahrheit‘ ist, wird dabei nicht bedacht. Dass man ‚Meinungen‘ hat, ist ja in Ordnung, auch dass man Vorurteile hat, da können wir uns ja gar nicht dagegen wehren. Was wir aber tun könnten, wäre, uns bewusst zu machen, dass das, was wir für die ultimative ‚Wahrheit‘ halten, nichts weiter als eine Illusion ist und insofern nicht allgemeingültige Tatsache, die uns erlaubt, wenn nicht sogar dazu verpflichtet, allen, die das anders sehen, auf den Wecker zu fallen. Ein bisschen mehr Toleranz, Gelassenheit, Humor und freundliche Rücksichtnahme gegenüber ‚den Anderen‘, meine sehr verehrten Damen und Herren. Das wäre doch mal eine interessante Abwechslung zum ewigen „Wer hat Recht?“

Von alleine kommt aber anscheinend niemand auf die Idee, sich anständig zu benehmen, damit sowohl er als auch die Menschen in seiner Umgebung glücklich und in Frieden leben können. Offensichtlich ist das zu viel verlangt. Das heißt, wenn man auf Freiwilligkeit setzt, macht einfach jeder so weiter, wie er es gewohnt ist und fängt gar nicht erst an, irgendwas zu ändern, das ist ja auch anstrengend und wer weiß, was da alles auf einen zu kommt. Man muss die Leute eben hin und wieder zu ihrem Glück zwingen, anstatt ernsthaft zu erwarten, sie würden Eigenverantwortung übernehmen und von alleine irgendwas verbessern. Die Welt ist leider ein großer Kindergarten. Wobei ich wage, zu behaupten, dass sich selbst Kindergartenkinder oft besser zu benehmen wissen, als so mancher großkotzige selbstverliebte rechthaberische Sturkopf von einem Erwachsenen. Damit will ich nicht sagen, dass man Kinder an die Macht bringen sollte, ich bin ja nicht Grönemeyer. Außerdem gibt es auch unter Kindern bereits renitente Querulanten, die anderen das Leben schwer machen, nur weil sie gerade ihren Willen nicht gekriegt und infolgedessen miese Laune haben. Dennoch, ein bisschen kindliche Unvoreingenommenheit und Neugier bei meinen erwachsenen Mitmenschen würde erheblich dazu beitragen, dass alle friedlicher miteinander auskommen. Das ist meine Meinung.


%d Bloggern gefällt das: