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Essai 145: Über den Unterschied zwischen Heimatliebe und Nationalstolz

12. Juli 2015

„Heutzutage darf man ja gar nicht mehr stolz auf sein Land sein, ohne gleich als Nazi beschimpft zu werden“, schmollen Internet-Trolle gern mal in Online-Foren. Aber was bedeutet das denn, stolz auf sein Land zu sein? Und kann man stolz auf ein Land sein, in welchem Menschen dagegen protestieren, Hilfsbedürftigen aus anderen Ländern Zuflucht zu gewähren? Aber so gesehen könnte man ja auf gar kein Land stolz sein, denn in jeder Nation gibt es rassistische Arschlöcher, die ihre dumme Meinung bei jeder sich bietenden Gelegenheit herauskrakeelen und Menschen mit Füßen treten, die am Boden liegen. Doch ist Nationalstolz gleichzusetzen mit Rassismus?

Na jaaa …

Es kommt drauf an. Ich mit meinen unklaren Ansagen schon wieder, schlimm das. Es ist jedoch meines Erachtens wirklich nicht möglich, darauf eine eindeutige Antwort zu geben. Oft dient Nationalstolz nämlich Rassisten als Tarnung für ihre fremdenfeindlichen Ansichten. Dann kommt so ein Spruch wie der eingangs Zitierte und dann sind die Leute eingeschnappt und tun so, als wären die anderen alle gemein zu ihnen und sie das eigentliche Opfer. Widerlich, aber raffiniert. Denn so können sie an ihrem Selbstbild des rechtschaffenen Bürgers von einwandfreier Moral festhalten, ohne ihre Einstellung kritisch hinterfragen zu müssen. In diesem Fall also ist Nationalstolz ein Synonym und Euphemismus für Rassismus. Auch, wenn es den Rassisten selbst vielleicht nicht bewusst ist.

Es ist allerdings kein Rassismus, wenn man es schafft, stolz auf sein Land zu sein, ohne andere Länder deswegen pauschal scheiße zu finden. Ich habe den Eindruck, dass viele Menschen, die sich selbst als nationalstolz betrachten, schlicht und ergreifend das Bedürfnis haben, besser zu sein als alle anderen Länder. Küchentischpsychologen sprechen bei dem Phänomen, nichts gut finden zu können, wenn nicht alles andere schlecht ist, gern von nicht aufgearbeiteten Minderwertigkeitskomplexen. Jemand, der wirklich stolz auf etwas ist, kann auch damit leben, wenn Vergleichbares ebenfalls gut oder sogar besser ist. Nur, wer Angst hat und zweifelt, muss andere für das Aufpolieren des eigenen Selbstwertgefühls nieder machen.

Weil jedoch in den meisten Fällen, wenn von Nationalstolz die Rede ist, tatsächlich diese „Wir Inländer sind besser als die Ausländer“-Einstellung dahinter steckt, ist der Begriff eher negativ konnotiert. Als positiven Nationalstolz im Sinne von „Ich fühle mich in diesem Land wohl, mag die Kultur, interessiere mich für die Geschichte und schätze die Sprache hier“, ohne dass man etwas gegen Migrationshintergründe hat, würde ich daher den Begriff der Heimatliebe nutzen wollen. Und Heimatliebe kann man auch empfinden, ohne ein Nazi zu sein, um die eingangs zitierte Bemerkung (die ich übrigens nicht erfunden habe) als falsch zu entlarven.

Denn Liebe kann nur dort bestehen, wo es keine Verachtung gibt, wo das Andere mit Respekt behandelt wird. Heimat ist außerdem etwas anderes als das Konzept der Nation. Unabhängig von der Nationalität ist Heimat das Land oder die Gegend, in der man sich heimisch fühlt, das heißt, in der man die Sprache, die Kultur liebt und mit anderen teilen kann. Ohne jedoch seine Neugier gegenüber anderen Sprachen und Kulturen deswegen aufgeben zu müssen. Die Nation hingegen ist das, was im Pass steht, wo man zufällig hineingeboren wurde. Darauf stolz zu sein ist albern, man hat ja dafür nichts geleistet.

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Essai 142: Über Alkohol

6. Juni 2015

Es ist Zeit, mich zu outen: Ich trinke keinen Alkohol. Und das, obwohl ich überhaupt keinen triftigen Grund für diesen freiwilligen Verzicht vorweisen kann. Sofern man überhaupt von einem Verzicht sprechen kann, wenn etwas einfach nicht zu jemandes Leben dazu gehört, darin einfach keine Rolle spielt. Ich sage ja auch nicht, ich verzichte auf eine dritte Brust. Wobei ich mich, hätte ich drei Brüste, vermutlich weniger exotisch fühlen würde als als Nicht-Alkoholtrinkerin und auch seltener den Eindruck hätte, ich müsste mich irgendwie rechtfertigen, erklären, dafür, dass ich es nicht als Genuss empfinde, meine Sinne zu benebeln.

Vielleicht wurde ich als Kind mit einem Alien-Baby vertauscht, vielleicht fehlt mir das entsprechende Lust-am-Rausch-Gen, das offenbar die meisten Menschen besitzen, vielleicht bin ich aber auch einfach nur ein wunderliches kleines Käuzchen. Jedenfalls, Fakt ist, ich habe ohne Alkohol viel mehr Spaß am Leben als mit. Und trotzdem kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, anders zu sein, im Sinne von seltsam, eigenartig und nicht ganz richtig im Kopf.

Es ist sehr schwierig, mit Menschen, die gern Alkohol trinken (und das sind mit Abstand die meisten), eine sachliche Diskussion darüber zu führen. Manchmal packt mich dann ja doch das Sendungsbewusstsein und ich möchte mich verständlich machen und erklären, dass man keinen Alkohol braucht, um einen gemütlichen Abend mit Freunden oder allein, zuhause oder in der Kneipe zu verbringen. Man braucht auch keinen Alkohol, um auf einer Party Spaß zu haben, vorausgesetzt, es ist eine gute Party mit toller Musik, netten Leuten und ausgelassener Stimmung.

Immer, wenn ich versuche, das irgendwem begreiflich zu machen, fühlen die sich angegriffen und glauben, ich würde sie belehren wollen. Dann komme ich mir, weil man mich so eklatant missversteht und ich mich bemüßigt fühle, meinen Standpunkt noch deutlicher zu erklären, tatsächlich wie ein Moralapostel vor. Dabei gibt es doch nicht nur das eine oder andere Extrem. Ich will doch überhaupt nicht sagen, dass man nie Alkohol trinken darf. Ich will nur sagen, dass man nicht immer Alkohol trinken MUSS, um zu genießen, Spaß zu haben und sich wohl zu fühlen.

Der Fairness halber möchte ich auch noch betonen, dass inzwischen die meisten Leute, mit denen ich mich darüber mal unterhalte, recht aufgeschlossen reagieren und das auch gut finden, dass ich keinen Alkohol trinke. Oft bekomme ich auch mit, dass viele gar nicht immer freiwillig auf Partys Alkohol trinken, sondern vor allem deswegen, weil es halt dazu gehört und weil es (fast) alle machen. Aber trotzdem kommt es dann zu Problemen wie „Ach Mist, dann kann ich ja gar nicht mit dem Auto fahren, wie komme ich dann nach Hause?“, „Ach Mist, ich wollte doch am nächsten Tag noch dies und das machen, das kann ich nicht, wenn ich verkatert bin“, etc. Da bin ich dann immer diejenige, die mit Verständnislosigkeit reagiert.

Allerdings, was auch die freundlichsten Mitmenschen bei meiner Nicht-Alkohol-Beichte nur schwer verbergen können, ist ihre Verwunderung. Oft kommen dann Rückfragen, warum ich keinen Alkohol trinke, ob aus Überzeugung oder anderen Gründen. Ehrlich gesagt, ich weiß das gar nicht so genau. Ich hab halt einfach nie damit angefangen, weil ich keinen Grund hatte, damit anzufangen und den hatte ich bis heute nicht. Und mit über 30 noch mit dem Alkohol trinken anzufangen finde ich irgendwie überflüssig. Jetzt habe ich mich da schon dran gewöhnt, mein Ruf als Sondervogel ist etabliert, da muss ich mich doch nicht zu etwas zwingen, was mir überhaupt keinen Mehrwert gibt und meine Gesundheit ankratzen könnte.

Denn, tut mir leid, aber so ist das, gesund ist Alkohol nicht. Es gibt eine bestimmte Dosis, die nicht weiter schädlich ist und mit der die Leber gut fertig wird. Aber einen gesundheitlichen Nutzen hat man dadurch nicht. Einige Studien behaupten zwar, dass Wein gesund ist. Allerdings liegt das nicht am Alkohol, sondern an den besonderen Inhaltsstoffen des Weins, die sich aus den Weintrauben heraus im Gärungsprozess entwickeln.

Wenn Alkohol wenigstens lecker wäre, dann würde ich ab und zu in Maßen sicher etwas mittrinken. Denn, dass ich den Rausch nicht mag, hindert mich ja nicht daran, ein bisschen Alkohol zu genießen. Es ist für mich aber kein Genuss, ich finde den Geschmack ganz scheußlich. Ich glaube auch, dass sich da jeder erst einmal dran gewöhnen muss. Oder fand irgendjemand, der heute gern Alkohol trinkt, seinen ersten Schluck wirklich so köstlich? Das würde mich wirklich mal interessieren, weil ich mich da so schwer hineinversetzen kann. Ein Freund von mir versucht immer, mir weiszumachen, dass Alkohol keinen Eigengeschmack hätte. Er behauptet, es gäbe verschiedene alkoholische Getränke, die jeweils einen Eigengeschmack hätten und der Alkohol selbst schmecke nach nichts. Warum aber mag ich dann mit Wein kochen und finde das Aroma wunderbar, wenn der Alkohol größtenteils verpufft ist? Oder warum schmeckt mir Tiramisú, wo der beißende, aggressive, stechende Alkoholgeschmack im Amaretto vom Mascarpone und Espresso neutralisiert wird und nur das feine Mandelaroma übrig bleibt?

Mein Eindruck ist, dass in Sachen Alkohol ganz viel über gesellschaftlichen Gruppenzwang läuft. Es ist Teil der Kultur, Teil der Geschichte, gehört untrennbar zu unserem sozialen Zusammenleben, zu den Regeln der Geselligkeit, ein „Gläschen zu trinken“. Wer da nein sagt, wirkt schnell unhöflich und wird als Spaßbremse betrachtet.

Früher, als ich mich noch in Schauspieler- und Theaterkreisen tummelte, war die Verwunderung über meinen Alkohol“verzicht“ noch größer. Schauspieler tun ja ganz gern mal psychologisch und da wurde ich dann immer gleich analysiert: „Du hast Angst. Warum? Brauchst du doch gar nicht!?“ Oh, wie ich das gehasst habe! Vielleicht reagiere ich auch deshalb heute noch mit einer gewissen skeptischen Abwehrhaltung, wenn jemand sich freundlich nach den Gründen erkundigt. Das tut mir dann immer leid, aber ich denke dann immer sofort, na super, jetzt halten die mich wieder alle für merkwürdig.

Vielleicht habe ich Angst. Davor, dass ich irgendwas Dummes im Rausch sage oder tue, das andere verletzt oder womit ich mich ganz fürchterlich selbst bloßstelle. Aber ist das so schlimm, davor Angst zu haben und etwas deswegen nicht zu tun? Wenn man aus Angst etwas vermeidet, was einem in irgendeiner Weise nützen könnte, dann ist das natürlich doof. Aber Alkohol zu trinken würde mir doch überhaupt nichts nützen. Ich verstehe also wirklich nicht, warum ich damit heute noch anfangen sollte?

Seltsamerweise scheinen viele, die Alkohol trinken, den umgekehrten Gedankengang zu verfolgen. „Warum sollte ich keinen Alkohol trinken?“ ist eine häufige Reaktion, wenn ich versuche, meinen Standpunkt zu erläutern. „Weil es nichts bringt und weil es nicht schmeckt“, ist dann nicht wirklich ein überzeugendes Argument, denn diesen Menschen bringt es ja Freude und Genuss und es schmeckt ihnen. Was ich ja auch überhaupt nicht verurteile, ich wünsche mir nur manchmal ein bisschen mehr Verständnis dafür, dass nur, weil man einen Standpunkt vertritt, mit dem 99 % der Menschen des eigenen Kulturkreises d’accord gehen, das nicht heißt, dass die restlichen 1 % falsch liegen und einen Knall haben.

Das kriegt man wahrscheinlich gar nicht so mit, wenn man selbst betrunken ist, aber betrunkene Menschen sind immer unangenehm. Sie sind laut, manche rücken einem viel zu nah auf die Pelle, sie stinken, einige sind aggressiv, andere weinerlich, wieder andere werden großkotzig und halten sich für unbesiegbar. Ganz selten werden einige bei leichtem Betrunkensein auch netter und gesprächiger. Aber da denke ich immer, die sind halt im nüchternen Zustand schüchtern oder glauben, immer Stärke beweisen zu müssen, und trauen sich nicht, nett und unterhaltsam zu sein. Da wäre es doch möglich, auch ohne Alkohol seine Hemmungen, der sympathische Mitmensch zu sein, der man im Kern ist, zu überwinden. Das ist schwieriger, sicher, aber unmöglich ist es nicht.

Einmal habe ich den Fehler begangen und meinen Geburtstag ohne Alkohol feiern wollen. Das hatte ich allerdings vorher nicht angekündigt, weil ich damit für mich gegen das unausgesprochene Diktat protestieren wollte, Partys wären nur mit Alkohol möglich. Mit meiner pädagogisch gemeinten Motivation habe ich natürlich die Rebellionslust einiger Gäste angestachelt und prompt schmuggelte jemand eine Flasche Wodka ins Haus. Irgendwann wunderte ich mich, dass die Stimmung irgendwie kippte. Einige wurden erst pubertär kicherig, dann aggressiv und plötzlich entbrach zwischen zwei Personen ein völlig idiotischer Streit und ich stand dazwischen als Gastgeberin und verstand die Welt nicht mehr. Bis ich dann am nächsten Tag die leere Flasche entdeckte und mich fürchterlich schämte, so naiv gewesen zu sein, dass andere meine Einstellung verstehen, vielleicht sogar teilen könnten. Und ich war sauer, weil man mich nicht einfach gefragt hatte, ob das OK sei. Da hätte ich vielleicht ein wenig mit den Zähnen geknirscht, aber mich einverstanden erklärt. Mir dabei aber auch gedacht, also, wenn man einen Abend mit netten Leuten in gemütlicher Atmosphäre nicht ohne Alkohol genießen kann, dann sollte man sich doch mal Gedanken machen … Na ja, inzwischen kündige ich halt immer an, dass jeder, der Alkohol trinken möchte, diesen mitbringen kann und gut ist.

Sicher kommt einem eine grauenhaft langweilige Party mit Alkohol weniger furchtbar vor, das mag sein. Aber wenn ich auf einer grauenhaft langweiligen Party bin, dann will ich da doch nicht länger bleiben als nötig. Dann suche ich mir nette Gesprächspartner, laufe ab und zu zum Buffet und wenn ich glaubhaft verkaufen kann, dass ich los muss, weil die letzte Bahn fährt oder ich morgen früh raus muss, verkrümel ich mich. Also auch kein Grund, Alkohol zu trinken. Sonst würde ich am Ende tatsächlich die letzte Bahn verpassen.

Dass mich keiner zu verstehen scheint (außer die wenigen Menschen in meinem Bekanntenkreis, die ebenfalls Alkohol nichts abzugewinnen vermögen), wurmt mich. Es scheint keine sachliche Diskussion über das Thema möglich zu sein. Aber was mich wirklich richtig wütend macht, das ist diese ekelhafte Doppelmoral in Bezug auf Alkohol und Sucht!

Solange man fröhlich und gesellig mittrinkt, ist man ein Genussmensch und allseits beliebt. Aber auch Genussmenschen können (müssen nicht) irgendwann nicht mehr vom Alkohol loskommen. Meine Oma zum Beispiel, die war ein sehr geselliger Mensch und hatte einen großen Freundeskreis. Die haben sich oft getroffen, gemeinsam getrunken („Dummheit frisst, Intelligenz säuft“, war ein Motto meiner Großmutter) und über Hochkultur debattiert. Dann starb mein Opa und meine Oma rutschte in die Sucht ab. Ihre sogenannten Freunde ließen sie nach und nach alle fallen, keiner wollte mehr mit ihr zu tun haben, alle waren ihr gegenüber peinlich berührt. Sie wurde einsam. Und sie telefonterrorisierte ihre Kinder und Enkel mit volltrunkenen, weinerlichen Anrufen, viele Male am Tag. Wir haben versucht, zu ihr zu stehen, aber leicht hat sie es einem nicht gemacht. Sie war gemein, garstig, verletzend und ungerecht. Misstrauisch und paranoid. Dann wieder hilflos und verloren.

Als Teenager habe ich das alles miterlebt und es war für mich sicher nicht der Hauptgrund, auf Alkohol zu verzichten, aber es hat meine Entscheidung zumindest gestärkt. Meine Oma tat mir sehr leid, ich hatte sie lieb, trotz allem und ich hätte ihr gern geholfen. Besser wurde es erst später, als sie dement war und ihre Sucht seltsamerweise zu vergessen schien. Sie vergaß auch ihre paranoiden Wahntheorien, vergaß, dass ihre Freunde sie im Stich gelassen hatten, vergaß ihre Verbitterung. Sie wurde friedlich. Und so werde ich sie auch in Erinnerung behalten.

Was ich mit dieser Geschichte eigentlich sagen will: Solange man seinen Alkoholkonsum soweit unter Kontrolle hat, dass man im Alltag nicht negativ auffällt, gehört man dazu. Verzichtet man hingegen komplett auf Alkohol, gehört man nicht wirklich dazu. Verliert man eines Tages die Kontrolle über seinen Alkoholkonsum (und ich bin überzeugt davon, dass davor niemand gefeit ist), dann ist man plötzlich der letzte Dreck und niemand will mehr mit einem zu tun haben. Dieselben Leute, die einen vorher zum Trinken animiert und selber mitgetrunken haben, rümpfen plötzlich die Nase und wenden sich ab. Das ist doch zum Kotzen!

Und so habe ich vielleicht doch den einen oder anderen Grund, keinen Alkohol zu trinken.

Essai 108: Über arrogante Intellektuelle

27. August 2013

Meine Tante warf meiner Mutter vor einiger Zeit vor, sie sei eine „arrogante Intellektuelle“. Ich weiß den Zusammenhang und den Grund dieser als Beleidigung gemeinten Feststellung nicht mehr, aber den Ausdruck fand ich hübsch und habe ihn mir gemerkt. Außerdem kann ich doch so eine schöne Bezeichnung nebst passendem Essai meiner werten Leserschaft unmöglich guten Gewissens vorenthalten. Nun, also was sind „arrogante Intellektuelle“ und gehöre ich eventuell sogar dazu? Schließlich fällt der Apfel bekanntlich nicht weit vom Stamm und vermutlich gehören meine Eltern und ich wohl zu einer gesellschaftlichen Schicht, die sich als Bildungsbürgertum etikettieren ließe, wenn man es wollte. Und wo sollten sich arrogante Intellektuelle sonst tummeln, wenn nicht in den Dunstkreisen des Bildungsbürgertums.

Für arrogante Intellektuelle ist „Niveau keine Hautcreme und sieht nur von unten aus wie Arroganz“, was natürlich eine total arrogante Haltung ist und vermutlich bei vielen Menschen reichlich Empörung verursacht. Aber wer ein richtiger arroganter Intellektueller sein will, der darf nicht grundlos arrogant und eingebildet sein, sondern braucht dazu das nötige intellektuelle Fundament. Idealerweise sind die Schlauberger also nicht nur einfach so eingebildet, sondern sind dies aufgrund ihrer höheren Bildung – damit es ganz besonders intellektuell ist, sollte diese am besten geisteswissenschaftlich orientiert sein. Natürlich können auch Wirtschafts- oder Naturwissenschaftler sich ganz schön etwas auf ihr Wissen einbilden, aber sie tun das nicht, weil sie sich für intellektuell – also vergeistigt – halten, sondern weil sie der Ansicht sind, ihr Wissen sei für die wirkliche Welt von enormer Bedeutung und für die praktische Umsetzung bestens geeignet. Das macht sie nicht weniger arrogant – schließlich blicken sie nicht nur auf das weniger gebildete Fußvolk herab, sondern auch auf die Geisteswissenschaftler, die zu dumm sind, was „Vernünftiges“ zu lernen und sich den ganzen Tag nur mit idiotischen Gedankenspielchen beschäftigen, die für die wahre Wirklichkeit keinerlei Relevanz aufweisen. Aber als hochgradig intellektuell lassen sich diese Zeitgenossen nicht bezeichnen.

Arrogante Intellektuelle sind demnach Geisteswissenschaftler, die sich etwas auf ihr theoretisches Wissen einbilden und auf Menschen, die weniger Ahnung von Theater, Medien, Film, Literatur, Philosophie und dergleichen haben, naserümpfend herabblicken und sie für dumme Asis halten, die den ganzen Tag nur „Unterschichten-TV“ gucken, wo andere dumme Asis die Hauptrollen spielen und irgendwelche dummen Asi-Probleme wälzen. Nicht gerade sonderlich liebenswerte Einstellung seinen Mitmenschen gegenüber, die diese arroganten Intellektuellen an den Tag legen.

Bin ich auch so? Oder meine Mutter? Immerhin, wir haben beide Geisteswissenschaften studiert, haben uns Berufe ausgesucht, in denen Geisteswissenschaftler bestens aufgehoben sind – meine Mutter in Richtung Sprachen, ich in Richtung Schrift – und sind seit jeher Bücherwürmer und Leseratten. Wir hinterfragen gern als etabliert geltende Normkonzepte und als selbstverständlich erachtete Standpunkte und Meinungen. Und wir sind – zugegebenermaßen – auch stolz darauf, haben unsere Freude daran und machen das gern. Es kann sein, dass wir gelegentlich mit Unverständnis reagieren, wenn jemand diese Begeisterung für geisteswissenschaftliche Themen, Fragestellungen und Tätigkeiten nicht teilt. Vielleicht wird man da auch mal ungeduldig oder reagiert etwas zu schockiert, wenn andere Wissenslücken offenbaren, die man nicht für möglich gehalten hätte. Das kann mit Sicherheit arrogant wirken. Vielleicht ist es das sogar, wenn auch unbewusst und nicht mit Absicht. Was die Sache für den anderen natürlich nicht besser macht. Möglicherweise wirke ich also tatsächlich gelegentlich wie eine arrogante Intellektuelle. Ich kann mir da manchmal einfach nicht helfen, wenn jemand Maria Callas nicht kennt oder Goethe und Schiller verwechselt (wahre Geschichte: Beim „Tabu“-Spielen habe ich nicht kapiert, dass „Wallenstein“ der gesuchte Begriff war, weil mein Erklärpartner die ganze Zeit darauf bestanden hat, es handle sich dabei um ein Stück von Goethe. Goethe? Wallenstein? *kopfschüttel*). Da bin ich manchmal aufrichtig bestürzt. Sollte ich damit jemandem auf den Schlips treten, so tut mir das leid. Zumindest ein bisschen.

Essai 101: Über Nazi-Witze

17. März 2013

Heute habe ich mal wieder ein ganz besonders kontroverses Thema für meine werte Leserschaft hervorgekramt: Nazi-Witze. Darf man das, über Nazis Witze zu machen? Und darf man das überhaupt, darüber zu schreiben, ob man über Nazis Witze machen darf? Ich bin der Meinung, man darf das natürlich, aber es müssen ein paar Bedingungen erfüllt sein, damit daraus keine Respektlosigkeit gegenüber den Opfern des Nationalsozialismus wird. Aber aufzeigen und entlarven, mit dem Mittel des Humors und der Satire, wie Nazis ticken, wie Mitläufer ticken und wie es möglich sein konnte (und nach wie vor möglich ist!), dass ein paranoider Fanatiker so viele Anhänger finden konnte, halte ich nicht nur für erlaubt, sondern auch für dringend notwendig. Das reicht ja nicht, dass etwas verboten ist. Wenn man gar nicht weiß, warum etwas verboten ist und es auch nicht versteht, scheint es in der menschlichen Natur zu liegen, dieses Etwas erst recht zu tun oder gut zu finden. Da sind Menschen wie kleine Kinder.

Allerdings birgt die Satire auch immer die Gefahr, nicht verstanden zu werden. So geschehen mit Timur Vermes Roman „Er ist wieder da“. Das hat beim NPD-Obermotz großen Anklang gefunden, weil der nicht kapiert hat, dass das Satire war. Und offenbar auch überlesen hat, dass gerade die NPD ihr Fett weg kriegt in dem Roman. Aber nur, weil ein paar Leute zu doof sind, sollte man meiner Meinung nach nicht einfach alles unter den Teppich kehren oder mit dem Vermerk „verboten“ abheften, denn dann nimmt man den Menschen die Möglichkeit, zu verstehen. Wer nicht versteht, kann es auch nicht besser machen. Oder anders gesagt: „Wer die Vergangenheit nicht versteht, ist gezwungen, sie zu wiederholen.“ (Leider habe ich vergessen, von wem das Zitat ist, aber ich finde es sehr zutreffend). Und gibt es ein besseres Mittel, um zu verstehen, als Humor? Der erhobene moralische Zeigefinger jedenfalls nicht und das Verbergen und zum Tabu erklären auch nicht.

Was ich schon eher problematisch finde, ist, wenn man wie im Film „Der Untergang“ mit vollem Ernst und bar jeden Humors Hitler als kranken Menschen präsentiert, ohne dabei jedoch seine Denke, seine Strategie, seine Motivation und so weiter zu entlarven. Stattdessen wird durch Pathos und Katastrophenkitsch verhindert, dass man begreift, was da eigentlich geschehen ist zu der Zeit. Das Mittel der Überwältigung und Faszination haben ja auch die Nazis für ihr Propagandakino genutzt, wenn sie nicht gerade durch Ablenkung und Heiterkeit in Filmen wie „Die Feuerzangenbowle“ so getan haben, als sei alles paletti. Bei beiden Methoden geht es jedenfalls darum, dem Publikum zu suggerieren, „wir“ seien toll, moralisch überlegen und voll die Helden, aber „die Anderen“ seien böse, moralisch unterlegen und „unsere“ Feinde. Was ich von diesem dualistischen Weltbild und diesem Schwarz-Weiß-Denken halte, habe ich ja schon das eine oder andere Mal erwähnt. Nämlich nichts. Man beraubt sich durch diese bornierte Haltung der Möglichkeit, selbständig zu denken und das ist die Grundvoraussetzung dafür, dass der gesunde Menschenverstand entscheidet und nicht irgendein fanatischer selbsternannter „Führer“. Aber diesen Mechanismus muss man erst mal verstehen. Das tut man nicht, wenn man alles vorgekaut bekommt. Aber auch nicht, wenn man vom eigentlichen Thema abgelenkt wird.

Leider haben nicht nur Satiren über Nazis das Problem, missverstanden zu werden, sondern Satiren im Allgemeinen. „Fight Club“ von David Fincher zum Beispiel, ist meiner Meinung nach eine der genialsten Satiren auf den modernen Konsumzwang überhaupt. Trotzdem gibt es Idioten, die denken: „Geil, auf die Fresse, cool!“ und das dann nachmachen und sich toll vorkommen. Und dabei nicht kapieren, dass genau diese Haltung im Film verarscht und dabei entlarvt wird. Oder die Fernsehserie „Dexter“, da gibt’s natürlich reaktionäre Vollpfosten, die denken: „Selbstjustiz, geil, auf die Fresse, böse Buben plattmachen, cool!“ und in der Tat kann man die Serie so verstehen. Man kann sie aber auch kritisch als Satire lesen, die genau dieses Selbstjustizthema hinterfragt. Kürzlich habe ich Paul Thomas Andersons „The Master“ im Kino gesehen und auch da ist mir aufgefallen, dass man es entweder als Satire und Kritik an Fanatikern, fehlgeleiteten Idealisten und Sekten sehen kann, aber auch als Befürwortung dessen missverstehen könnte. Vielleicht hat deswegen Scientology noch nicht lauthals zum Boykott dieses Films aufgerufen. Es ist halt immer die Gefahr, wenn Kunstwerke – gleich ob literarisch, theatral, filmisch, musikalisch oder anderes – ihren Rezipienten nicht zweifelsfrei vorschreiben, wie sie das dargestellte Geschehen zu bewerten haben, dass nicht voraus zu sehen ist, wie es interpretiert wird. Deswegen darauf umzuschwenken, die moralische Botschaft eines Werkes widerspruchsfrei und ohne jede Ambivalenz den Leuten vor den Latz zu knallen, halte ich für keine gute Idee. Denn das ist dann wieder Propaganda, die eigenes freies Denken und somit echtes Verstehen verhindert. Und dann macht man die gleichen Fehler immer und immer wieder.

Essai 94: Über misslungene Werbung

16. Oktober 2012

Als ich letzte Woche mit dem Intercity von Hamburg nach Stuttgart juckelte, hielt ich in jeder größeren Stadt zwischen dem Norden und dem Süden Deutschlands. An jedem Bahnhof kreischten mir diverse Werbeplakate entgegen. Und das mit so miesen, unhöflichen, dummen, grammatisch mindestens fragwürdigen oder unfreiwillig komischen Sprüchen, dass ich mir dachte, das lohnt sich doch mal einen Essai drüber zu schreiben. Wenn ich daran denke, wieviel Geld für Werbung ausgegeben wird und dann ist die auch noch schlecht, dann weiß ich nicht, ob ich lachen oder weinen soll.

Aber so ist das heutzutage, da wird versucht, die Fassade auf Hochglanz zu polieren und ob es dahinter fault und gammelt, interessiert keine Sau. Schlimm. Das Ding ist, mit der Werbung ist das ja wie mit Krieg, Waffen und Gewalt. Tut es einer, muss es jeder machen. Wenn einer Krieg führen will und jemand anderen angreift, muss der sich ja irgendwie verteidigen. Wenn nur einer eine Waffe trägt, müssen andere auch eine Waffe tragen, um sich zur Not vor dem Kerl mit der Waffe verteidigen zu können. Hätte niemand eine Waffe, bräuchte niemand eine. Würde niemand einen Krieg anzetteln – sei es aus Angst, selbst angegriffen zu werden – gäbe es keine Kriege. Und so ist das allgemein mit Gewalt. Würde niemand damit anfangen, andere Leute mit Gewalttätigkeit zu belästigen, provozierte er damit auch keine Gegengewalt oder präventive Gewalt oder was auch immer. Und genau so müsste niemand allen anderen mit dämlicher Werbung auf den Wecker fallen, wenn es niemand täte. Dann müsste man nämlich nicht darüber nachdenken, wie man seine eigene Fassade noch heller und strahlender glänzen lässt als die der Konkurrenz und alle könnten in Ruhe ihre Arbeit machen, anstatt sich über oberflächlichen Image-Scheiß den Kopf zu zerbrechen. Ja, ja, ich weiß, ich bin naiv. Aber ist doch wahr!

Wenn Werbung interessant, witzig, klug und informativ ist und bestenfalls nicht allzu verlogen, habe ich absolut nichts dagegen, dass Leute auf sich und das, was sie tun und womit sie Geld zu verdienen gedenken, aufmerksam machen und in aller Höflichkeit hinweisen. Aber – ich weiß nicht, woran das liegt – die meiste Werbung ist unhöflicher, witzloser, dummer, penetranter Nervkram. Dabei wäre weniger mehr. Wenn ich zum Beispiel an diese wahnsinnig schlechte Zigaretten- oder Tabakwerbung denke, die mit dem umständlichen Spruch wirbt: „Rauchen, was andere denken, dass Sie rauchen“, dann bekomme ich Lust, aus Trotz mit dem Rauchen anzufangen, nur um es gleich wieder aufgeben zu können. Überdies ist der Spruch auch noch grammatikalisch falsch. Wer den Fehler findet, kriegt von mir einen virtuellen Keks (die sind lecker und machen nicht dick). Ich kapier auch nicht, inwiefern dieser Spruch nun selbst den stärksten Kettenraucher dazu animieren soll, ausgerechnet diese Zigarettenmarke zu kaufen. Das Einzige, womit man Leute heutzutage noch zum Rauchen bewegen kann, ist doch dieses Cowboy-Freiheits-Individualitäts-Gedöns. Wobei ich nicht weiß, was Nikotinsucht mit Freiheit zu tun hat, aber das ist ein anderes Thema. Und nun kommen die mit so einem dummen Spruch, der nicht nur kein richtiges Deutsch ist und nicht nur holprig formuliert, sondern noch dazu die Botschaft vermittelt: „Sei berechenbar. Vermeide Überraschungen. Rauche einfach unseren Tabak, weil alle denken, dass du genau das tust“. Wer denkt sich so was aus?

Eine andere Unart, die sich vor allem auf Produkte bezieht, die eine jugendliche Zielgruppe anzusprechen versuchen, ist das ungefragte Duzen der potentiellen Kunden. Nun zähle ich mit meinen dreißig Lenzen vielleicht nicht mehr unbedingt zu den Jugendlichen, aber nichtsdestotrotz benutze auch ich gelegentlich Shampoo, um mein Haar seidig glänzend zu machen. Und dann will ich bitteschön nicht von meiner Shampooflasche geduzt werden. Und Befehle nehme ich auf die Art sowieso nicht gern entgegen. „Genieße das absolute Dufterlebnis“ oder „Erlebe jetzt die prickelnde Apfelfrische“. Manche Werbefuzzis gehen dann so weit, dass sie die Kunden auch noch grafisch anbrüllen mit ihrer ohnehin schon nicht subtilen Message. So gesehen auf einem Werbeplakat für irgendein superdupertolles Einkaufszentrum: „GENIEßE JETZT DAS TOTALE EINKAUFSERLEBNIS!“ So ein Käse, als ob jetzt dieses Einkaufszentrum anders wäre als jedes andere Einkaufzentrum zwischen Hamburg und Stuttgart. Die sind doch alle gleich. Der einzige Grund, warum man ein bestimmtes Einkaufszentrum öfter frequentiert als ein anderes, ist die räumliche Nähe. Man braucht irgendwas und das Einkaufszentrum XY liegt zufällig auf dem Weg, dann geht man da hin. Aber man wird nicht extra kilometerweit woanders hingurken, nur weil ein riesiges Werbeplakat mich anbrüllt, ich solle jetzt gefälligst umgehend das totale Einkaufserlebnis genießen. Was auch immer mit „totales Einkaufserlebnis“ gemeint ist. Total deprimierendes Neonlicht? Total nervige laute Musik in den Geschäften? Total schlechte Klimaanlagenluft im Gebäude? Total viel zu viele Menschen auf total viel zu wenig Raum, die einen dauernd anrempeln oder total im Weg herumstehen? Total die immergleichen Geschäfte? Oder totaler Quatsch? Außerdem, vielleicht bin ich da etwas empfindlich, aber auf Kommando irgendwas genießen, erleben, fühlen oder spontan empfinden gehört nicht unbedingt zu meinen Kernkompetenzen.

Als ob es nicht schon schlimm genug wäre, dass Werbung die Menschen mit ungefragtem Geduze, penetrantem Anbrüllen und plumpen Befehlen malträtiert, werden auch noch die dümmsten Klischees darin verwurstet. Ist das sonst schon mal jemandem aufgefallen, dass in Werbespots immer die Mütter zu Hause bleiben und die Kinder verwöhnen? Die Kinder in der Werbung sind übrigens ausnahmslos altkluge Nervensägen, schlechte Rapper oder kreischende Hohlbratzen. Mit Verlaub. Meistens sind auf wundersame Weise auch alle immer unglaublich blond. Es sei denn, es geht um Werbung für Medikamente gegen Verstopfung, Blähungen, Inkontinenz oder Fußpilz. Derlei gesundheitliche Unannehmlichkeiten ereilen in der Werbewelt überwiegend brünette Frauen. Sachen für Mädchen sind grundsätzlich schreiend rosa und für Jungs natürlich blau. Für echte Männer sind die Produkte dann in Schwarz oder Dunkelblau und immer ungemein männlich. Das heißt, Autos sind schnell (kann man prima vor seinen Kumpels mit angeben), Rasierer unheimlich scharf (*knurrrrr*) und wenn mal ein Mann den Abwasch macht oder kocht, dann ist der immer unglaublich lustig drauf. Bei letzterem wird allerdings dann immer relativ undezent darauf hingewiesen, dass der Mann jetzt aber auch nur aus Spaß oder reiner Großzügigkeit Haushaltstätigkeiten vornimmt. Immer als Ausnahme und aus einer freien Entscheidung heraus, nicht weil Mutti ihn dazu gezwungen hat oder er von alleine eingesehen hat, dass das einfach ab und zu mal gemacht werden muss. Wo kämen wir denn dann hin. Und so werden Vorurteile schön weiter geschürt, damit auch ja keiner auf die Idee kommt, zu glauben, Männer und Frauen wären gleichberechtigt. Pfff. Sonst noch was?

Manche Werbefuzzis sind da noch raffinierter und schreiben einfach irgendeine Selbstverständlichkeit vorne drauf und verkaufen es als große Sensation. Dann steht zum Beispiel auf der Gummibärchenpackung: „Ohne Fett“. Ach nee. Wozu sollte man in einem Produkt, das fast nur aus Zucker besteht, Fett brauchen? Da kann man auch gleich draufschreiben: „Ohne Zyankali“. Aber dann merken die Kunden, dass sie verarscht werden. Demnächst klebt in der Gemüseabteilung wahrscheinlich an so nem Brokkoli auch noch ein Etikett dran, wo draufsteht: „Ohne Zuckerzusatz.“ – Nein, das war kein Vorschlag, das war Sarkasmus. Und „Light“-Produkte sind übrigens auch Verarsche, das nur so am Rande. Die machen dann einfach die Salamischeiben dünner. Und wenn man dann statt einer dicken Scheibe fünf dünne aufs Brot packt, macht das genau so fett. Traurig, aber wahr.

Ich habe ja nichts dagegen, dass man sein Unternehmen und sein Produkt präsentiert, aber bitte, liebe Werbeleute, hört doch endlich auf, die Leute wie Idioten zu behandeln. Das ist voll das totale Nerverlebnis! Macht doch einfach mal gute Werbung. Dann müsst ihr auch nicht so viel Werbung machen und dann ist mehr Geld für wirklich relevante Dinge da und dann müsste man den Laden nicht durch Praktikanten, Studenten und Freiberufler am laufen halten, weil für Festangestellte angeblich kein Budget vorhanden ist.

Essai 87: Über Migrationshintergründe

11. Mai 2012

Fürwahr, ein heikles Thema, das ich mir für diesen Essai ausgesucht habe. Man setzt sich da doch recht schnell in die Nesseln, wenn man was über Ausländer öhm tja nun Mitbürger mit migrationshintergründigen Wurzeln und Wurzelinnen erzählt. Aber da ich ja per Definition auch zu diesem Menschenschlag gehöre, weil meine Mutter nicht aus Deutschland kommt, denke ich reicht das an Qualifikation, um mich mal über diesen Begriff des „Migrationshintergrunds“ zu wundern und mich zu fragen, ob überhaupt irgendeiner eine Ahnung hat, was er meint, wenn er von „Integration“ spricht.

Recht schnell rutscht man bei den Begriffen „Migrationshintergrund“ und „Integration“ in die Klischee-Kiste ab und hüpft entweder zum einen Extrem, in dem man herumzetert, „die“ (Mitbürger mit Migrationshintergrund) würden sich ja gar nicht „integrieren“ wollen, würden außerdem „uns“ (Deutschen ohne Migrationshintergrund) die Arbeitsplätze wegnehmen und überdies seien „die“ ja auch alle faul und hätten keine Moral und was weiß ich. Oder man gleitet ins andere Extrem und gibt einem B*shid* (ich zensier den Namen mal bis zur Unkenntlichkeit, damit der mich nicht verklagt) den Bambi für seine tolle Integrationsarbeit. Der Kerl ist auch nicht ausländischer als ich, ein Elternteil kommt aus Woanders-als-Deutschland und der andere aus Deutschland. Zudem ist er in Deutschland aufgewachsen, wie ich auch. Wo bleibt also mein Bambi? Ich mag Rehe, ich würde mir das Ding sogar ins Regal stellen und mich freuen, versprochen! Meine vage Vermutung ist, dass besagter junger Mann deswegen mit dieser heuchlerischen ‚Ausländer-Scheißfreundlichkeit‘  behandelt wird, weil er eine Person des öffentlichen Lebens ist, den ‚Jugendlichen‘ als ‚Vorbild‘ dient und daher für die selbstbeweihräuchernde Prominenz bei der Bambi-Verleihung ungemein wichtig ist. Mich kennt ja kein Aas, also kann ich zwar schreiben, was ich will, aber ein goldenes Rehlein bekomme ich dafür nicht. Man muss halt Prioritäten setzen. Vielleicht bastel ich mir eins aus Alufolie und Klopapier. Aber das ist irgendwie nicht dasselbe…

Oh, ich schweife schon wieder ab, Verzeihung. Ich will mal versuchen, diesen Begriff des „Migrationshintergrunds“ ein wenig zu analysieren, vielleicht verstehe ich ja dann, was das eigentlich heißt. Dass das nicht ein fadenscheiniger Ersatz für den Begriff des „Ausländers“ ist, um politisch korrekt wirken zu können, selbst wenn man es nicht ist, ist denke ich klar. Wäre ja irgendwie auch ziemlich scheinheilig, einfach einen objektiv wirkenden Euphemismus für einen zur Beleidigung verkommenen, aber konkreten Ausdruck zu nehmen, damit keiner merkt, dass man Vorurteile hat. Dass man aber diese Vorurteile trotzdem noch hat, selbst wenn der Begriff sich geändert hat und durch seine neue Schwammigkeit auch gleich viel netter klingt, merkt man dann an Aussagen wie: „Sie sprechen aber gut Deutsch!“ – Ist wirklich wahr, das hat mal so ein Akquise-Fuzzi von einer Finanzberatung zu mir gesagt (keine Ahnung, aus welchem zwielichtigen Datenhandel-Deal der meine Nummer hatte), nachdem er festgestellt hatte, dass „Isabelle Dupuis“ doch ein französischer Name sei. Der Einfachheit halber habe ich gesagt „Ja“ und dann kam auch schon das vermeintliche Kompliment, mein Deutsch sei aber gut. Daraufhin habe ich mir den Spaß gemacht und in meinem schönsten Missingsch geantwortet: „Jo. Ich bin auch hiä geboor’n, nech“ und habe sogleich darauf verzichtet, diesem Stoffel meine spärlichen Ersparnisse anzuvertrauen. Ich kenne aber auch das andere Extrem, mir hat zwar bisher noch keiner vorgeworfen, ich hätte eine zweifelhafte Moral und würde hart arbeitenden Deutschen den Arbeitsplatz wegnehmen (wobei ich ja auch nur zur Hälfte „Ausländerin“ bin, sprich, ich bin dann nicht moralisch völlig verdorben, sondern nur halbseiden und wenn, dann nehme ich den hartarbeitenden Deutsch-Deutschen auch nur eine Teilzeitstelle weg), aber trotzdem scheinen manche Leute zu denken, sie könnten mich beleidigen, indem sie irgendwelche Sprüche über den Verzehr von Froschschenkeln und den angeblich mangelnden Wohlgeruch von Franzosen klopfen. Ich bin dann höchstens über den Mangel an Einfallsreichtum und psychologischer Subtilität enttäuscht. Einmal habe ich auch gekontert, wenn dem so ist, dass Franzosen das mit der Hygiene nicht so genau nähmen, dann stänke ich ja nur auf der einen Hälfte. Das kann man natürlich auch positiv sehen, auf der anderen Hälfte dufte ich nach Rosenblüten und so.

Was ich mit diesen kleinen Anekdoten zu demonstrieren gedenke, ist die totale Absurdität des „Migrationshintergrund“-Begriffs. Hinzu kommt, dass es offenbar bestimmte „Migrationshintergründe“ gibt, die migrationshintergründiger sind, als andere „Migrationshintergründe“. Wenn ich zum Beispiel jemanden, der gerade über „Ausländer“ herzieht, freundlich darauf hinweise, dass auch meine Mutter per Definition zu dieser Spezies gehört, bekomme ich zu hören: „Ja, du! Das ist ja wohl was anderes“. Wieso ist das was anderes? Entweder man ist Deutscher oder nicht und wenn nicht, dann ist man doch in Deutschland ein Ausländer. Ich bin Deutsche und Französin und Deutsch-Französin. Ich bin gleichzeitig Deutsche, Ausländerin, Halb-Deutsche und Halb-Ausländerin, zieht euch das mal rein. Da stößt dann doch dieses ganze Konzept an seine Grenzen und dann ist es vielleicht einfach mal an der Zeit, diese Dichotomie von „Inländer“ und „Ausländer“ fallen zu lassen. Außerdem, wie kann denn das angehen, dass ein Franzose weniger ausländisch ist, als beispielsweise ein Türke oder ein Türke mit deutscher Staatsbürgerschaft oder ein Deutscher mit türkischem Migrationshintergrund? Das ist doch Blödsinn! Wo fängt überhaupt ein „Migrationshintergrund“ an und wo hört er auf? Gibt es dabei auch eine Verjährungsfrist, so wie bei Verbrechen? Mein Vater hat zum Beispiel hugenottische Wurzeln, sprich, irgendwann vor einigen Jahrhunderten, lebten meine Vorfahren väterlicherseits in Frankreich und frönten ihrem protestantischen Glauben. Frankreich war damals in der Hand von Katholiken und aus unerfindlichen Gründen haben diese etwas gegen Protestanten gehabt und ihnen nach dem Leben getrachtet, woraufhin diese geflüchtet sind, im Falle meiner Familie nach Deutschland. Übrigens hat wenige Generationen später irgendein Urahn dann doch zum Katholizismus konvertiert, um im katholisch geprägten Süddeutschland Bürgermeister werden zu können. Ich verstehe das nicht, das ist ja nicht nur der gleiche Gott wie in allen monotheistischen Religionen, es ist auch noch derselbe, ist doch alles Christentum, wo liegt also das Problem? Manche Leute WOLLEN aber auch einfach nicht ihr Hirn benutzen. Außerdem sieht man doch daran, wie unterschiedlich sich die Texte in der Bibel deuten lassen, wie will man denn da mit Sicherheit sagen, wer denn nun eigentlich Recht hat und wer falsch liegt? Aber ich komme schon wieder vom Ästchen aufs Stöckchen, schlimm das. Wo war ich stehen geblieben? Ach ja, Verjährungsfrist für „Migrationshintergründe“. Genau. Also, hat mein Vater jetzt mit seinem hugenottischen Nachnamen und den dazugehörigen Wurzeln einen Migrationshintergrund oder nicht? Was ist mit meiner Oma, die im Elsass geboren wurde, was ja zwischendurch auch mal zu Deutschland gehörte. Das heißt, irgendwann waren ihre Vorfahren zwischenzeitlich Deutsche und dann wieder Franzosen und dann wieder Deutsche. Migrationshintergrund oder nicht? Hat überhaupt auch schon mal irgendwer den Umstand bedacht, dass Deutschland und überhaupt alle anderen Länder auch, nicht seit Anbeginn der Erde ihre heutige Beschaffenheit hatten? Was ist mit den großen Völkerwanderungen? Gilt das nicht auch schon als „Migrationshintergrund“? Was ist mit den Amerikanern, wieso spricht man da von „Afro-Amerikanern“, aber nicht von „Euro-Amerikanern“, „Australo-Amerikanern“, „Asia-Amerikanern“? Und wieso nennt man die eigentlichen Amerikaner nicht „Amerikaner“ sondern „amerikanische Ureinwohner“ („Indianer“ darf man ja nicht mehr sagen)? Wobei, ich meine gelesen zu haben, dass besagte „Ureinwohner“ auch nicht immer in Amerika gelebt haben… Da wird man ja ganz wirr im Kopf. Aber ernsthaft, entweder, man unterscheidet überhaupt nicht („Diskriminierung“ heißt übrigens nichts anderes als „Unterscheidung“/“Trennung“) oder man unterscheidet alles. Wobei letzteres, wie man an meinen kleinen Beispielen sieht, ziemlich unübersichtlich und verwirrend werden kann. Sowieso, wird dieser ganze Quark mit dem „Migrationshintergrund“ meiner Erfahrung nach komplett hinfällig, sobald man jemanden als individuellen Menschen kennenlernt. Klingt zugegebenermaßen jetzt etwas kitschig und gutmenschelnd, aber es stimmt. Deswegen sagen ja meine Freunde auch, wenn ich ihnen sage, ich hätte sozusagen auch einen „Migrationshintergrund“, so was wie „Ja, DU!“ und finden, dass das bei mir nicht als „Migrationshintergrund“ gelten könne. Weil sie mich halt persönlich kennen. Wenn ich jemanden persönlich kennen lerne, ist er dann nicht mehr „Der Pole“, „Der Türke“, „Der Iraner“, „Der Österreicher“, sondern dann hat er einen Namen und dann ist das spannend, davon zu erfahren, wenn er eine andere Kultur und andere Traditionen hat, als ich, aber dann schiebe ich den nicht mehr in irgendeine Schublade, klebe ein Etikett drauf und fertig. Dabei ist es ja auch egal, ob auf dem Etikett etwas Erfreuliches draufsteht, wie „ist integriert“ oder etwas Unschönes, wie „will sich ja gar nicht integrieren, die Sau“, Vorurteile sind Vorurteile und die kann man nur ablegen, wenn man sich von bescheuerten, absurden Begriffen wie „Migrationshintergrund“ verabschiedet und offen und neugierig auf andere Menschen zugeht und sich ein bisschen Mühe gibt, denjenigen näher kennen zu lernen.

So, und nun gehe ich mein Klopapier-Alufolien-Bambi für den Weltfrieden anbeten.

Essai 86: Über Gerichte mit Geschichte

4. April 2012

Im französischen Radio lief vorhin eine Sendung über das Essen und dabei habe ich einen interessanten Gedanken aufgeschnappt, den ich meiner werten Leserschaft nicht vorenthalten wollte. Jedes Gericht hat seine eigene Geschichte, hieß es. Als Studentin der Literaturwissenschaft und Narratologie (Erzähltheorie) möchte ich dem nicht ganz vorbehaltlos zustimmen, so schön ich diesen Gedanken auch finde. Wobei, wenn man zum Beispiel auch sagen kann, dass ein Bild eine Geschichte erzählt oder ein instrumentales Musikstück, warum dann nicht auch eine Ansammlung von Gerüchen und Geschmäckern, wie man sie in Gerichten findet? Schließlich können diese eine ganze Flut von Erinnerungen und Assoziationen hervorrufen, die zusammengenommen eine Art Geschichte bilden. Aber dann ist diese Geschichte ja bei jedem Menschen eine andere, während bei einem (nicht-abstrakten) Bild oder einem Musikstück die Geschichten, die der Betrachter oder Zuhörer damit verbindet sich doch eher ähneln.

Vielleicht war damit aber auch so etwas wie eine Tradition gemeint, die hinter bestimmten Gerichten steckt. Da gibt es ja tatsächlich Rezepte, die schon sehr alt sind und wirklich eine Geschichte haben, die ursprünglich für irgendwelche Könige gedacht waren oder Ähnliches. Es kann aber auch eine ganz persönliche Familiengeschichte dahinterstecken. Der Apfelkuchen, den meine Mutter immer macht und den ich auch in mein Repertoire übernommen habe, ist zum Beispiel ein Rezept, das schon meine Urgroßmutter immer benutzt hat. Oder die leckeren Käseplätzchen, die mein Opa immer gebacken hat. Meine Schwester und ich haben sein Rezept übernommen und wenn wir heute Käseplätzchen essen, ist das auch immer eine Erinnerung an unseren Opa und Teil unserer Familiengeschichte. Das hat doch auch etwas Tröstliches, oder?

Ich find’s bloß schade, dass es in Deutschland so ein merkwürdiges Verhältnis zur Nahrungsaufnahme gibt. In Frankreich oder auch in Wien, wo ich neulich für eine Woche war, habe ich den Eindruck, man geht viel natürlicher, freudiger und sinnlicher mit dem Essen um. Natürlich ist auch da nicht immer alles supertoll und Friede, Freude, Eierkuchen, aber zumindest die Esskultur wird mit einer gewissen Zuneigung gepflegt. In Deutschland macht man da entweder so eine Wissenschaft draus und sich das Leben viel zu kompliziert (Eier in den Mürbeteig? Backpulver für Crèpes? Zucker in die Salatsoße?) oder man isst, um satt zu werden und hauptsache, die Größe der Portion ist möglichst umfangreich. Kein Wunder, dass der Anteil der Übergewichtigen hier so hoch ist. Essen sollte doch auch Spaß machen, man sollte das doch auch genießen können. Wie will man denn etwas genießen, was so völlig ohne Vergnügen zubereitet wurde? Dann schaufelt man eben in Windeseile Nahrung in sich hinein, damit man nicht merkt, wie leidenschaftslos das Essen schmeckt. Das ist doch öde. Und da merkt man natürlich auch nichts von der Geschichte eines Gerichts.

Mich nerven ja immer die Leute, die mit stolzgeschwellter Brust verkünden, sie könnten nicht kochen. Das ist Unsinn. Jeder kann kochen, da halte ich es wie der Koch im Film Ratatouille, der der kleinen Ratte Rémi als Vorbild dient. À propos, diese kocht ja auch nicht sklavisch nach Rezept, sondern intuitiv, sinnlich, mit Spaß am Vergnügen. Und das kann wirklich jeder. Einfach mal in die Schränke gucken, eine Packung Nudeln hat man ja immer irgendwo und die kann man mit allem essen. Sogar mit Apfelkompott. Und dann improvisiert man mit dem, was man sonst so findet, eine Soße. Dafür braucht man kein kulinarisches Talent, nur ein wenig Experimentierfreude und Fantasie. Oder wenigstens Salz und Pfeffer. Dann kann man sich nämlich auch diesen widerlichen Dosenfraß sparen, bei dem sogar das am wenigsten eklige immer noch schlimmer ist, als das misslungenste Selbstgekochte. Außerdem weiß ja auch kein Mensch, was in diesen Dosenravioli und dergleichen Verbrechen gegen die Geschmacksnerven eigentlich drin ist. Das ist ja wie bei Katzenfutter, dann steht drauf „mit Rind“ und in der Zutatenliste, ganz klein gedruckt, ja mir ist manchmal langweilig im Supermarkt, dann lese ich mir das durch, „0,3% Rinderknochenasche“.

Aber so lange es Leute gibt, die diesen – Pardon – Scheiß in sich hineinschaufeln, weil sie stolz auf ihr eingebildetes Koch-Untalent sind, wird dieser Mist auch immer weiter produziert. Natürlich gibt’s diesen Ekelkram auch in Frankreich oder Österreich, aber da steht dem wenigstens eine traditionelle Esskultur gegenüber, mit Gerichten, die etwas zu erzählen haben. Es wäre schön, wenn sich in Deutschland auch mal so eine Wertschätzung von gutem, leckeren Essen etablieren könnte.

Essai 69: Über unterschwellige Ideologievermittlung in angeblichen Kinderfilmen

16. November 2010

Die Kategorisierung medialer Erzeugnisse stößt bei mir immer wieder auf höchste Verwunderung. Vor allem die Kriterien der Kategorie „Kinder-irgendwas“ sind mir völlig schleierhaft. Da wird etwas als Kinderbuch bezeichnet und darin geht es um Mord, Totschlag, selbsternannte „Herrenrassen“ und vielerlei weiterer Grausamkeiten.

Ich bin ja der Meinung, ein gutes Buch, ein guter Film, überhaupt eine gute Geschichte, funktioniert immer auf mehreren Ebenen. In „Harry Potter“ zum Beispiel gibt es Elemente, die für Kinder tatsächlich zu brutal sind (wie bereits erwähnter Mord, Totschlag und „Herrenrassen“-Fascho-Gedöns), aber es gibt auch Elemente, die Kinder toll finden (Tiere, Magie, Freundschaft). Das ist aber längst nicht alles, es gibt auch Elemente, die eher Jugendliche ansprechen (Liebe und Streit, Generationskonflikte und nicht zuletzt bewährte Suspense-Elemente) und wenn man will, findet man sogar als Literaturwissenschaftler jede Menge Material, welches man analysieren kann (alles was bisher erwähnt wurde und bestimmt kann man das auch psychoanalytisch irgendwie deuten. Das geht nämlich immer).

Vor ein paar Wochen startete ein vermeintlicher „Kinderfilm“ in den Kinos, „Die Legende der Wächter“, nach einem vermeintlichen „Kinderbuch“. Ich kann jetzt nur von dem Film sprechen, das Buch kenne ich nicht. Jedenfalls ist es mir auch hier Schleier(eulen)haft, wieso man einen solchen ideologie-gespickten Streifen als „Kinderfilm“ verkauft. Gut, die Figuren sind Tiere (Eulen) und es ist ein Animationsfilm (übrigens atemberaubend animiert), da sind ja gerade meine Landsleute immer schnell dabei, solchergleichen als „Kinder-irgendwas“ zu deklassieren. Über dieses Thema hatte ich ja bereits im Essai 61 geschrieben. Man scheint hier nämlich so zu denken, wie der eine Einbrecher in „Kevin – allein zu Haus“: „Er ist ein Kind und Kinder sind doof.“ Folglich ist auch alles, was „für Kinder“ ist, für Idioten. Also unseriös und minderwertig. Und alles was mit Tieren ist und dann auch noch gezeichnet/animiert, ist natürlich nur was für Kinder, also Volltrottel, Nullpeiler, Schwachköpfe. Wer was auf sich hält, belächelt solche Machwerke von möglichst weit oben herab, damit alle merken, wie ungemein seriös, klug und erwachsen man ist.

Würde man allerdings sich weniger wichtig nehmen und stattdessen mal genauer hinsehen, würde man auch in Animations-Tierfilmen vieles entdecken können, das man kritisch betrachten, hinterfragen und analysieren kann. Was – man korrigiere mich gerne, sollte ich mich irren – doch wohl durchaus eine hirnbedingte Tätigkeit ist. Und da das Hirn wie ein Muskel funktioniert – hält man es in Bewegung, freut es sich und belohnt seinen Besitzer mit erhöhter Leistungsbereitschaft – ist das sogar das Gegenteil von bescheuert, dämlich und unseriös.

Aber ich schweife ab…

In der „Legende der Wächter“ also geht es um zwei verfeindete Lager, die Figuren sind Eulen, könnten aber genauso gut Menschen sein. Aber dann könnte man es nicht mehr als Kinderfilm verkaufen und die Kinder schon im frühesten Alter mit fragwürdigem Schwarz-Weiß-Denken und dualistischen Weltbildern indoktrinieren. Das Ganze funktioniert also als eine Art Perversion des Fabelprinzips. In der Fabel treten ja wie man weiß auch Tiere anstatt Menschen auf, die aber allesamt menschliche Züge tragen. In exemplarischer Weise werden moralische Fragestellungen verhandelt und zum Schluss in einem Epimythion die moralisch erwünschte Verhaltensweise auf den Punkt gebracht („Und die Moral von der Geschicht:…“). Dieses Prinzip finden wir im Grunde auch in der „Legende der Wächter“ mit dem nicht unerheblichen Unterschied, dass in der Fabel die erwünschte Lesart und moralische Interpretation explizit am Ende zusammengefasst, in diesem Film aber unterschwellig, implizit, dem Zuschauer untergeschummelt wird.

Wir haben in dem Film also auf der einen Seite „die Bösen“, die sich in dieser Variante des „Kampf Gut gegen Böse“-Plots „die Reinsten“ nennen. Auch sie jonglieren mit faschistoidem „Herrenrassen“-Gedankengut und wollen so eine Art Elite-Eulenrasse zurecht züchten, damit… äh… weil… öhm… nun ja… weil sie halt böse sind. Und deswegen wollen sie auch alle, die aufmucken oder sonstwie nicht in ihr kleines „Herrenrassen“-Hirnchen passen, abmurksen. Aber zum Glück gibt es ja noch „die Guten“, die in diesem Fall „die Wächter“ heißen. Die setzen sich zusammen aus lauter Auserwählten, wo jeder seinen vorherbestimmten Platz hat, seine „Bestimmung“. Und sie wollen „die Reinsten“ vernichten, weil… äh… nun ja… öhm… weil sie halt gut sind und die anderen halt böse. Und deswegen wollen sie auch alle, die aufmucken oder sonstwie nicht in ihr vermeintlich überdimensionales „Weltretter“-Hirn passen, abmurksen.

Wer jetzt aufgepasst hat, merkt, das ist ja beides das Gleiche in Grün. Genau. Und das ist der Punkt. Dem Zuschauer wird nämlich unterschwellig vorgegaukelt, es gäbe so etwas wie angeborene Bosheit und angeborene Gutheit. Und dass es die Aufgabe der „Guten“ ist, die „Bösen“ – O-Ton Film – „auszurotten“ (Das Zitat lautet allen Ernstes: „Wir werden nicht ruhen […] bis alles Unrecht ausgerottet ist“). Sicher, das ist ein beliebtes Motiv von Fantasy-Filmen und ähnlichem Machwerk. Dass man eine Bestimmung hat, der man folgen muss, dass alles Schicksal ist, dass man tun muss, wofür man geboren wurde, laber Rhabarber sülz und schwafel. Aber es macht doch einen Riesenunterschied, ob das Menschen sind, die solch fatalistisches Gedöns verzapfen, oder süße, putzig-flauschige Tierchen. Dadurch wird der Metadiskurs des dualistischen Weltbildes (Gut – Böse, Gott – Teufel, Wir – Sie) nämlich eklatant verharmlost und eingeniedlicht. Kindern wird dieser Quatsch als Normalität vorgegaukelt und somit erschwert, dass sie zu selbständig denkenden, kritisch hinterfragenden und differenzierenden Erwachsenen werden. Und das betrachte ich persönlich als kritisch…

Essai 61: Über das zwiespältige Verhältnis der Deutschen zu Comics, Trickfilmen etc.

13. Mai 2010

Manchmal sind meine Landsleute – tut mir leid das sagen zu müssen – ignorante Banausen. Und nicht nur das, sie ignorieren sogar ihr ignorantes Banausentum. Schlimm, schlimm, schlimm möchte man da sagen.

Wie oft erlebe ich hierzulande, dass sich jemand für furchtbar intellektuell und über alle Maßen gebildet wähnt und dann noch nie auch nur eine Folge von den „Simpsons“ gesehen hat. Geschweige denn in ein Album von Tim und Struppi, Johann und Pfiffikus oder Asterix und Obelix geschaut.

Warum nicht? Weil es „was für Kinder“ sei. Warum das? Weil es gezeichnet ist.

Das ist der einzige Grund.

Denn – wie ja allgemein bekannt ist – Kinder sind dumm (wie einst schon die überaus intelligenten Einbrecher in Kevin allein zu Haus feststellten und die müssen es ja wissen). Daher kann das, was „für Kinder“ ist, auch nur was für Idioten sein und da ist sich unsere erwachsene intellektuelle Elite zu schade für.

Es ist hier in unserer Kultur wirklich ein großer Irrtum zu beobachten. Allein schon, dass man alles, was gezeichnet ist, in einen Pott schmeißt, ist eine Riesenidiotie. Man kann doch nicht die Simpsons mit zum Beispiel dieser Barbie-Trickfilm-Serie auf SuperRTL vergleichen oder Asterix und Obelix mit Hulk. Wobei… Warum eigentlich nicht? Ich bin mir sicher, dass man mit etwas Interesse, Neugierde und wissenschaftlicher Offenheit auch bei Barbie und Hulk etwas finden kann, über das es sich kritisch nachzudenken lohnt. Das Frauenbild bei Barbie im Vergleich zur Simpsons-Folge Lisa contra Malibu Stacy oder die Rolle der Gewalt in Asterix und Obelix im Vergleich zu Hulk. Wäre bestimmt interessant.

Comics und Trickfilme ermöglichen doch gerade dadurch, dass sie gezeichnet sind, Sozial- und Gesellschaftskritik, politische Anspielungen, literarische Zitate und historische Zusammenhänge ironisch und nur scheinbar harmlos zu verpacken.

Und wenn man sich dann einfach hinstellt und hoch erhobenen Hauptes deklariert, man halte von „so etwas“ nichts, dann finde ich das borniert und dämlich. Wenn man nämlich einfach mal genauer hinschaute, würde man entdecken, dass sich die Macher zumeist einiges dabei gedacht haben und dass Trickfilme und Comics häufig – wenn sie gut gemacht sind – auf mehreren Ebenen funktionieren. Eine Ebene ist sicher oft, dass es auch für Kinder gemacht ist. Aber es gibt immer auch Ebenen, die den Intellekt ansprechen, auch den eines Erwachsenen (sofern vorhanden), wenn man bereit ist, neugierig hinter die Oberfläche zu gucken.

Das aber würde bedeuten, dass das doch ganz gut funktionierende Weltbild und die Definition der eigenen Persönlichkeit als intellektueller Kunstkenner ins Wanken geriete. Und das darf natürlich nicht passieren. Wo kämen wir denn da hin.

Ich hab zum Beispiel als Kind literarische Meisterwerke wie Krieg und Frieden, Die Leiden des jungen Werther oder Der geteilte Viscomte durch die Lustigen Taschenbücher kennengelernt und bin dadurch überhaupt erst dazu angeregt worden, das Original zu lesen. Durch Asterix und Obelix habe ich meine Lateinkenntnisse erlangt (ich spreche zwar nicht fließend, aber immerhin). Durch Johann und Pfiffikus verfeinerte ich meine Sprachkenntnisse (im Original ist es in einem hervorragenden Französisch geschrieben und auch übersetzt ist die Sprache einwandfrei) und lernte, wie die mittelalterliche Gesellschaft aufgebaut war. Und die Simpsons bringen mich auch dann noch mit ihrer Gesellschaftskritik zum Lachen und Staunen, wenn ich die Folge schon fünf Mal gesehen habe.

Und dann soll noch einer sagen, alles was gezeichnet ist, ist für Vollidioten (Kinder)?

Es ist wohl eher umgekehrt. Wer es nötig hat, herablassend über Dinge zu urteilen, über die er nichts weiß, ist ein Idiot.

Aber was weiß denn ich schon. Ich mag Comics und Trickfilme. „So jemandem“ kann man doch nicht trauen…

Essai 57: Über Menschenbilder und Sozialcharaktere

20. Februar 2010

Ich hab in der Zeitung mal wieder was entdeckt. Zur Abwechslung mal nichts Ärgerliches, sondern etwas, das ich interessant fand. Es ging um den heute vorherrschenden „Sozialcharakter“, das heißt um das Menschenbild, das zur Zeit „in Mode“ ist. Sei es zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch der „autoritäre Charakter“ gewesen, so ist es im 21. Jahrhundert nun der „histrionische Charakter“ der en vogue ist. „Histrionisch“ heißt soviel wie hysterisch oder theatralisch. Und das fand ich interessant, das ist mir nämlich auch schon aufgefallen, ich hätte nur keinen so griffigen Namen wie „histrionischer Sozialcharakter“ für dieses Phänomen gehabt, sondern eher sowas Umständliches wie: „Lauter nervige, penetrante, geltungssüchtige, künstliche, unauthentische, kreischige, strunzdumme Schaufensterpuppen, die völlig hysterisch und aufgesetzt im Fernsehen völlig ungefragt allen ihr nicht im Geringsten interessantes Privatleben unter die Nase reiben.“

Auch wenn ich gestehen muss, der Unterhaltung wegen ganz gerne mal DSDS zu gucken, ist es doch auffällig, dass die jungen Leute sich da alle auf ein und dieselbe Weise gebahren. Sie verziehen das Gesicht zu Grimassen, werfen die Arme in die Luft und kreischen „OhmeinGott-OhmeinGott-OhmeinGott“, fangen schlimmstenfalls auch noch an zu flennen, weil sie gerade „Hero“ von Mariah Carey jaulend ihrer toten Katze gewidmet haben und überhaupt ist das alles wahnsinnig (und ich meine: wahnsinnig) „emotional“ und so.

Ja.

Ich hab ja nichts gegen Gefühle. Wäre auch Quatsch. Gefühle sind da, ob sie einem passen oder nicht, und da muss man halt mit umgehen. Sie doof zu finden wäre da nicht sehr konstruktiv. Aber was ist denn das, dass alle so völlig hysterisch ihre „Emotionalität“ so zur Schau stellen müssen? Überhaupt, dass das heutige Menschenbild von uns erwartet – oder genauer gesagt, dass unser Verhalten dieses Menschenbild konstituiert – , dass man sich selbst so inszenieren muss. Und wenn hier von „man selbst“ die Rede ist, meint man damit das Gefühlsleben. Irgendwie ist es beinahe „verboten“ sich vernünftig von seinem gesunden Menschenverstand leiten zu lassen. Dann ist man nämlich gleich ein Spießer. Oder ein Streber. Oder beides. Und der Streber-Spießer ist das absolute Feindbild unserer Generation. Und das obwohl meine Generation wieder sich nach Spießigkeit sehnt (siehe meinen Essai über die neospießigen Anwandlungen meiner Generation).

Klar, jeder hat Gefühle und hin und wieder auch mal Gefühle zu zeigen ist sicher nicht schädlich. Aber meiner Meinung nach verfälscht man die echten Gefühle, wenn man sie dermaßen theatralisch aufbauscht. Echte Gefühle muss man nicht extra betonen, die zeigt man eher unbewusst, sogar gegen den eigenen Willen (Passiert mir ständig, ist ziemlich nervig). Wenn man aber seine eigene Persönlichkeit so inszeniert und seine eigene Identität über so kitschig-pathetische Dinge wie „Drama“, „Emotionalität“, „Tragödie“ und „Schicksal“ definiert und seine Gefühle stereotypisiert herausposaunt, wo bleibt dann „man selbst“? Was ist denn daran überhaupt noch echt?

Die Verfloskelung von Gefühlen erreicht bei solchen Leuten ihren Höhepunkt. Ständig hört man von den Kandidaten von Castingshows und Konsorten denselben Quark. Die ausscheidenden Kandidaten werfen sich beispielsweise auf die Knie – wie in einer ganz ganz schlimmen Schmierentragödie – und fangen an zu heulen: „Nein, bitte nicht, das ist mein Leben, das ist mein Leben!!!“ oder – auch sehr beliebt – „Nein, das ist doch mein größter Traum!!“. Die Kandidaten, die weiterkommen fangen meistens erstmal an, Mund und Augen gleichermaßen weit aufzureißen, die Hände ans Gesicht zu nehmen (als Zeichen des Erstaunens nehme ich an, weil sie ja gaaaar nicht damit gerechnet haben, dass sie weiterkommen), mit den Knien Schwung zu holen um dann laut kreischend und „Wuhuu!!!!“ krakeelend allen – inklusive Jury – um den Hals zu fallen.

Wenn man die Kandidaten interviewt, fragt man sie vermutlich auch, was sie in der heutigen Sendung gedenken zu tun. Da hört man dann auch immer denselben alten Mist: „Ja, ich will natürlich heute richtig kämpfen und abliefern und mehr Gefühl zeigen und richtig Gas geben.“

Aha. Wie auch immer.

Meiner Meinung nach ist das Überwältigungskino hollywoodscher Prägung nicht ganz unschuldig daran, dass sich das moderne Menschenbild in Richtung des selbstinszenierten, theatralischen, hysterischen, künstlich-emotionalen Hampelmann entwickelt. Und nicht nur das Kino, sondern die amerikanische Mentalität an sich, wie sie in diversen televisionären US-Importen in unsere heimischen Gefilde Eingang gefunden hat. Ich hab nichts gegen „die“ Amerikaner, aber ich mag diese überemotionale Selbstinszenierung nicht, die typisch amerikanische Machwerke in Metadiskursen verdeckt propagieren. So wird nämlich das Hysterische als normaler Gefühlsausdruck dargestellt und von den Hiesigen unbewusst als Normalität übernommen.

Es gibt viele richtig gute amerikanische Fernsehserien, davon auch viele meiner Lieblingsserien. Das ist leider das Problem mit den deutschen Fernsehserien, die sind entweder peinlichst schlecht (Telenovelas, Seifenopern und Konsorten) oder werden nach wenigen Staffeln abgesetzt, weil sie bei den Leuten, die so ein ominöses Quotenkästchen zu Hause haben nicht gut ankommen (sämtliche Ralf Husmann-Serien wie „Dr. Psycho“, „Der kleine Mann“ oder auch „Stromberg“) oder weil sie ohnehin zu nachtschlafender Zeit laufen. Also versuchen die Quotenjäger es dem Publikum recht zu machen, indem sie entweder gleich amerikanische Serien zeigen, oder indem sie auf ganz peinliche Art und Weise versuchen, amerikanischen Krams mit deutschen Schauspielern zu fabrizieren. Dass da nur Murks bei rumkommt brauche ich wohl nicht zu präzisieren. Wenn amerikanische Schauspieler einen emotionalen Ausbruch nach dem anderen simulieren dann kennt man das schon und man hat sich dran gewöhnt und übersieht das schon fast, dann kann man sich auch aller Ruhe der Handlung widmen. Aber wenn deutsche Schauspieler einen auf emotional machen ist das nur noch ein Anlass zur Fremdscham mehr. Es passt einfach nicht. Das gehört nicht zu unseren herausragenden Eigenschaften übertrieben emotional zu sein, jedenfalls in der Regel. Und das ist auch gut so. Die besten deutschen Komiker (Loriot, Dieter Nuhr) arbeiten genau mit dieser emotionalen Untertreibung und mit sprachlicher Präzision, die Pointen kommen nebenbei, ohne Lärm auf Samtpfoten durch das Hintertürchen und eh man realisiert hat, dass das gerade irre komisch war, ist die Pointe auch schon wieder verschwunden.

Das ist doch gerade spannend, dass es kulturelle Unterschiede im Umgang mit Gefühlen gibt und auf die kulturellen Unterschiede sollte man sich auch besinnen, einfach, damit es nicht langweilig wird. Zudem befürchte ich, dass dieser hyperemotionale Einheitsbrei dazu führt, dass man abstumpft.

Vielleicht muss ich das näher erklären: Dadurch, dass man es von den Medien gewohnt ist, dass einem übertriebene, pathetisierte, verkitschte, verfloskelte Gefühle vorgespielt werden, nimmt man nur noch diese übertriebenen, inszenierten Gefühle als Normalität, also als Wahrheit an. Das heißt im Umkehrschluss, dass man alles, was nicht so übertrieben ist, entweder gar nicht erst wahrnimmt, oder als nicht normal, also nicht echt, empfindet. Das führt insofern schließlich zu einer emotionalen Abstumpfung, weil man nur noch gekünstelte, aufgesetzte Emotionsausbrüche als echt empfindet, obwohl gerade diese nicht echt sind. Das Gespielte wird zur Realität und die frühere Realität wird als Lüge empfunden. Jemand, der nichts zu seinen echten, wahren, stillen Gefühlen hinzusetzt, wirkt plötzlich verschlossen, als hätte er etwas zu verbergen.

Irgendwie ist das doch verkehrte Welt, oder nicht? Die Lüge wirkt wie die Wahrheit und die Wahrheit wird als Lüge empfunden.

Da muss wohl jeder wählen, was ihm lieber ist.

Was aber meiner Meinung nach ganz wichtig ist, ist, dass man überhaupt wählt. Denn das ist dann eine bewusste Entscheidung, die man getroffen hat. Dann ist es nicht so, dass man unbewusst manipuliert wurde, dass man sich hat verscheißern lassen und völlig unkritisch das als Normalität empfindet, was einem als Normalität verkauft wird. Ich kann es nur immer wieder betonen: Man muss häufiger mal als gegeben erachtete Dinge hinterfragen. Oft sind sie nämlich nicht gegeben, natürlich oder normal, sondern inszeniert und konstruiert und unthematisiert.


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