Archive for Januar 2013

Essai 99: Über den Umgang mit intoleranten Ignoranten

23. Januar 2013

Gestern habe ich mich über die intoleranten Ignoranten ereifert, die anderen Leuten völlig grundlos verbieten wollen, zu heiraten. Ein Kommentar auf meiner Facebook-Seite hat mich nun in eine Art moralisches Dilemma versetzt: „Ich meine, dass die Kunst in der Demokratie darin besteht, unterschiedliche Meinungen stehen zu lassen und Kontroverses kontrovers diskutieren zu können, ohne sich gegenseitig als Ignorant zu bezeichnen. Sonst ist das intolerant“.

Da dachte ich, verdammt, das stimmt. Indem ich religiöse Fanatiker als intolerante Ignoranten und Vollidioten verurteile, zeige ich mich ihnen gegenüber ebenfalls intolerant. Auf der anderen Seite schaffe ich es beim besten Willen nicht, deren Meinung widerspruchslos zu akzeptieren und zu sagen, kein Problem, dann sehen die das halt anders. Ich kann mir nicht helfen, ich finde das einfach hochgradig borniert und unendlich dämlich, wenn man völlig frei von vernünftigen Argumenten anderen Menschen unnötig das Leben schwer macht. Das kann ich doch nicht einfach so tolerieren oder etwa doch? Und macht mich das dann automatisch zu einer antidemokratischen, scheinheiligen Faschotussi wenn es mir nicht gelingt, religiöse und andere Fanatiker weiter ihre Hasstiraden salontauglich unter die Leute bringen zu lassen, ohne mich darüber aufzuregen?

Wie also geht man mit Intoleranz um? Gewalt erzeugt Gegengewalt, das wissen nicht nur die Die Ärzte mit ihrem Schunder-Song. Da Intoleranz auch eine Form von Gewalt ist, möchte ich mal behaupten, ist es also ganz natürlich, dass ich darauf mit Gegenintoleranz reagiere? Dann wäre ich aber nicht so vernünftig denkend, wie ich es mir einbilde, wenn ich einfach instinktiv reagiere. Das kratzt ganz schön an meinem Selbstverständnis, das muss ich mal ganz ehrlich zugeben.

Muss man sich denn  im Namen der Toleranz jeden Scheiß gefallen lassen? Aber wenn man so anfängt und jeder hält irgendetwas anderes für „Scheiß“ dann regiert hier bald die allumfassende Intoleranz und das kann ja nun auch nicht das Ziel sein. Aber alles stillschweigend ertragen und erdulden, alles hinnehmen und nichts sagen, das hat ja nun noch nie irgendwem irgendwas genützt. Im Gegenteil. Solche Mitläufer tragen eine menschenverachtende Dikatur mit und reden sich hinterher damit heraus, dass sie ja von nichts gewusst hätten.

Was soll man dann tun, um bornierte Schwachköpfe zum Nachdenken zu bringen? Wenn vernünftige Argumente, gutes Zureden, friedliches, freundliches Bitten nichts ändern? Allerdings bringt es auch nichts, sich über sie aufzuregen. Was man auch tut, die sind so gefangen in ihrer Gedankenwelt, wo es nur „richtig und falsch“, „Schwarz und Weiß“, „gut und böse“ oder eben „Homo und Hetero“ gibt und wo diese Dichotomien absolut unvereinbar sind, dass man mit allem was man tut, ob pazifistisch oder nicht, auf Granit beißt. Und, es tut mir leid, aber ich schaffe es einfach nicht, da ruhig zu bleiben und zu denken, sollen sie mal machen und ich kümmer mich derweil um meinen Kram und gut ist. Da sträuben sich mir die Nackenhaare, kräuseln sich die Zehennägel, platzen mir Hutschnur und Kragen. Erst recht, weil ich weiß, dass das überhaupt nichts bringt, sich aufzuregen. Auf solche Pattsituationen, die man weder mit gesundem Menschenverstand noch mit sonstwas auflösen kann, komme ich nicht klar.

Also, halten wir fest: Man kann nichts gegen Idioten, die dumme Parolen durch die Gegend krakeelen, tun. Sie denken so oder so nicht nach, ob man sich nun ereifert, oder sie einfach machen lässt. Vermutlich wäre man also besser dran – vorausgesetzt, man möchte seine Ruhe haben – sie schlichtweg zu ignorieren und sich nicht über sie aufzuregen und sie einfach weiter lauthals Quatsch verzapfen zu lassen. Damit lässt man den Schreihälsen aber viel mehr Raum, als für das friedliche Miteinander gut ist. Das will man ja nun auch nicht. Und das ist die Stelle, wo sich die Katze in den Schwanz beißt und ich nicht weiterkomme. Sobald man die fanatischen Querulanten nämlich in ihre Schranken weist und ihnen nicht den Raum gibt, den sie für sich beanspruchen, verhält man sich nicht mehr hundertprozentig demokratisch und tolerant und das will man sich doch auch nicht zuschulden kommen lassen. Aber wie kann man denn Intoleranz mit Toleranz begegnen und wie kann man antidemokratische Meinungen mit demokratischen Mitteln im Zaum halten? Ich weiß es nicht. Denn wenn man das Gegenteil tut, ist man schwuppdiwupp in einer Gewaltspirale drin, die noch mehr Schaden anrichtet, als die Idioten allein. Keine Ahnung, wie man aus diesem Dilemma wieder herauskommt.

Essai 98: Über intolerante Ignoranten und die sogenannte Homo-Ehe

22. Januar 2013

Eins muss ich mal in aller Deutlichkeit sagen: Religiöse Fanatiker nerven! Haben von Tuten und Blasen keine Ahnung, aber müssen allen Leuten vorschreiben, was sie zu tun und zu lassen haben. Ganz besonders lästig sind, auf der westlichen Hälfte der Erdkugel, die christlichen Extremisten. Machen einen auf tolerant und verplempern dann ihre Zeit damit, anderen Menschen ein bisschen Glück zu verbieten, das niemandem weh täte, wenn es ihnen erlaubt würde.

Man ahnt es bereits, ich bin beim Thema „Homo-Ehe“. Die Tüddelchen sind Absicht, ebenso das „sogenannte“ im Titel. Mir persönlich gefällt die Formulierung nämlich nicht sonderlich. Das wirkt so, als wäre die „Homo-Ehe“ etwas anderes als die „Hetero-Ehe“ und als wäre Ersteres nicht selbstverständlich, Zweiteres hingegen ja. Besser gefällt mir die französische Bezeichnung „Mariage pour tous“ – „Ehe für alle“. Es fällt mir nämlich wirklich nicht ein einziger Grund ein, warum nicht alle heiraten und warum nicht alle Kinder adoptieren dürfen sollten. Es ist doch völlig egal, aus wie vielen Leuten welchen Geschlechts auch immer eine Beziehung besteht. Wenn man sich liebt und das rechtlich verankern und mit seiner ganzen Familie und seinen Freunden feiern will, dann soll man doch ruhig heiraten. Das ist doch schön. Und einem Kind ist das doch völlig wumpe, ob es nun zwei Papas, zwei Mamas, einen Papa und eine Mama oder nur einen davon oder sonstwas hat, Hauptsache, da ist überhaupt jemand, der sich liebevoll kümmert und sich für das Kind interessiert. So einfach ist das.

Leider denken nicht alle so, wenn ich mir diese ganzen intoleranten Ignoranten ansehe, die in Frankreich auf die Straße stürmen und wutentbrannt dagegen protestieren, dass Menschen, die sie nicht einmal kennen, die niemandem irgendwas getan haben, wie „normale“ Menschen behandelt werden wollen. Und in Deutschland ist das ja keinen Deut besser. Auch hier sitzen die Idioten im selbstauferlegten Auftrag des Herrn in den Talkshows und verbreiten geistigen Dünnpfiff, den sie sich nicht einmal selbst ausgedacht haben. Da wiederkäuen sie immer wieder den gleichen Salat, von wegen, eine Familie bestehe nun mal eben aus Vater, Mutter, Kind. Und was beim Wiederkäuen herauskommt, weiß man auch mit rudimentären Kenntnissen der Landwirtschaft, das ist nämlich Mist.

Es ist genau die gleiche alte Leier wie auch schon beim Thema Betreuungsgeld oder auch beim Thema Frauenquote. Vornehmlich die feinen Herrn und Damen von der „Christlich Sozialen Union“ (Christlich? Sozial? Union? – am Arsch!) werden offensichtlich nicht müde, gebetsmühlenartig zu wiederholen, dass sie sich in dem Punkt nun mal eben so und so entschieden haben und das bleibt jetzt bis in alle Ewigkeiten so und damit Ende der Diskussion. Unfassbar, dass es tatsächlich noch Leute gibt, die diese fanatischen Dummköpfe überhaupt beachten. Am besten wäre es, Ignoranten zu ignorieren, dann können die herumblubbern so viel sie wollen, sie richten dann immerhin keinen Schaden am allgemeinen gesellschaftlichen Wohlbefinden an. Aber nein, stattdessen lädt man sie hierzulande in Talkshows ein. Warum? Man weiß doch vorher, was sie sagen werden und man weiß auch schon vorher, dass sie ihre Meinung niemals ändern werden. Wieso bietet man denen so eine große Plattform? Die können ja am Stammtisch von mir aus gerne ihre kernigen Phrasen dreschen, aber im Fernsehen hätte ich gerne meine Ruhe vor diesen Pappnasen. Zum Glück kann man ja umschalten. Aber leider gibt es ja auch immer wieder Leichtbeeinflussbare, die eben nicht wegschalten und sich von dem überzeugten Auftreten religiöser Eiferer blenden lassen.

Wovor haben die Gegner der „Ehe für alle“ eigentlich Angst? Das verstehe ich wirklich nicht. Was soll denn Schlimmes passieren, wenn Schwule und Lesben heiraten und Kinder adoptieren dürfen? Außer, dass die sich dann freuen. Oder geht das hier nur um Rechthaberei? Das Gefühl habe ich nämlich, dass es den bedenkentragenden Miesmachern nur darum geht, recht zu haben und anderen Leuten das Leben schwer zu machen. Nicht mehr, nicht weniger. Geht es ihnen dadurch besser? Nein. Wird die Welt dadurch friedlicher? Nö. Hat das überhaupt irgendeinen tieferen Sinn? Pustekuchen. Ich könnte jetzt natürlich eine unflätige Vermutung äußern, in der möglicherweise die Begriffe „chronisch“ und „Untervögelung“ fallen würden, aber nachher fühlen sich wieder irgendwelche Leute beleidigt und sind dann erst Recht nicht gewillt, mal ein bisschen ihr Oberstübchen zu bemühen.

Essai 97: Über die „Lauter Geisterfahrer“-Mentalität

13. Januar 2013

Ich habe mich ja schon des Öfteren in diesem Blog über Leute aufgeregt, die ihres Erachtens nie Schuld sind und für gar nichts irgendwas können. Heute möchte ich einmal die Grundhaltung dieser anstrengenden Zeitgenossen analysieren. Die ist vergleichbar mit der Attitüde des Typs, der verkehrt herum auf die Autobahn fährt und sich über die ganzen Geisterfahrer aufregt, die ihm entgegen kommen. Dass er derjenige ist, der einen Fehler gemacht haben könnte, ist eine Idee, auf die er niemals kommen würde. Weil es in seiner Welt, seiner Wirklichkeit schlicht nicht vorkommt, dass er sich irrt. Und sollte irgend ein Todesmutiger es wagen, ihn auf die Möglichkeit aufmerksam zu machen, dass er gegebenenfalls eventuell vielleicht nicht ganz so richtig liegt, dann ist aber Schluss mit lustig. Ist doch wahr. Was erlaubt der sich.

Übrigens ist diese „Lauter Geisterfahrer“-Mentalität meiner Beobachtung zufolge ein recht weit verbreitetes Phänomen. Nun ist es aber natürlich eine der kniffligen Seiten der „Alle machen alles falsch nur ich nicht“-Attitüde, dass man selbst gar nicht merkt, dass man diesem Irrglauben aufgesessen ist. Im Grunde genommen gehe ich ja auch wie selbstverständlich davon aus, dass ich was Besseres bin als die Wirklichkeitsverdreher, die ich hier kritisiere. Vielleicht ist ja meine Sicht der Dinge auch totaler Quatsch und ich merke das gar nicht. Bis zu einem gewissen Grad muss man wohl auch davon ausgehen, dass man selbst richtig liegt, sonst wird man ja bekloppt und kommt gar nicht mehr von der Stelle. Widmen wir uns also wieder dem übertriebenen Phänomen des Sich-selbst-für-unfehlbar-haltens. Mit solchen Leuten kann man ja auch überhaupt nicht reden, weil sie sowieso alles besser wissen. Ich frag mich nur: Wenn sie alles TATSÄCHLICH besser wissen, dann ist doch alles gut. Warum sind sie dann gleich beleidigt und pampig, unwirsch, unsachlich und gemein, wenn man den Wahrheitsgehalt ihrer Aussagen dreisterweise anzweifelt? Wenn ich dermaßen die Weisheit mit Löffeln gefressen hätte, dass ich die Antworten auf alle Fragen wüsste (außer „42“, versteht sich), dann würde ich mich doch freuen und mein Allwissen mit meinen Mitmenschen teilen, damit jeder was davon hat. Anstatt dann so mürrisch und übellaunig darauf zu warten, dass irgendein Wicht mein allumfassendes Tausendsassatum anzuzweifeln sich erfrecht, um diesen dann aus meiner Sicht verdientermaßen in der Luft zu zerfetzen.

Ohnehin kann man mit Menschen, die alle anderen als ihre Feinde betrachten, die absichtlich alles falsch machen, nur um sie zu ärgern, nicht viel mehr machen, als ihnen bestmöglich aus dem Weg zu gehen. Man kann ihnen sowieso nichts recht machen. Fragt man sie, was man für sie tun kann, hätten sie eigentlich erwartet, dass man von alleine drauf kommt. Fragt man sie nicht und macht einfach, was man selbst für richtig hält, tut man garantiert das Gegenteil von dem, was sie gewollt hätten. Und dann regnet es zuverlässigerweise Vorwürfe, die die Sich-permanent-angegriffen-fühlenden sich aus irgendwelchen küchentischpsychologischen Astro-Esoterik-Ratgebern zusammengeklaut haben oder wahlweise aus qualitativ fragwürdigen Fantasyfilmen. Dann geht das los mit: „Du musst lernen loszulassen, nie nimmst du Rücksicht, werde endlich erwachsen, du darfst vor deinen Problemen nicht davonrennen, ich bin dir doch völlig egal, meine Gefüüüüüüüüühle sind dir doch gar nicht wichtig, aber hör auf, dich einzumischen und überhaupt, nie fragst du mal nach, wie es mir geht, du fragst zwar, aber nicht mit dem richtigen Tonfall, ich merk das doch, du meinst das nicht ehrlich, jammerschluchzheul…“ – Anstrengend.

Mit solchen Leuten auszukommen ist auf Dauer ein Ding der Unmöglichkeit. Ich sag das ja nur ungern, sonst bin ich ja meines Zeichens unverbesserliche Optimistin, aber an den „Lauter Geisterfahrer“-Überzeugungstätern beiße ich mir die Zähne aus. Beratungsresistenz, Lernimmunität, Unbelehrbarkeit, Uneinsichtigkeit, Kritikunfähigkeit und – das Schlimmste – nichtvorhandene Sensibilität bei gleichzeitigem Überempfindlichsein gegen alles und jeden, machen diese Menschen zu asozialen Arschlöchern, die einem das Leben zur Hölle machen. Und das ist noch nett ausgedrückt. Aber sie können ja nichts dafür, denn ihre Mutter hat ihnen im zarten Alter von vier Jahren mal Spinat zu essen gegeben, obwohl sie Würstchen wollten oder sie wurden von ihrem Hamster gemobbt, als sie zehn Jahre alt waren oder in der Schule fand mal einer den Pulli doof, den sie anhatten oder sie waren das Jüngste von mehreren Geschwistern oder oder oder. Und das nimmt man dann als Vorwand und Begründung, warum man sich wie ein Riesenarschloch benimmt. In Ermangelung konkreter Vorkommnisse, die den eigenen miesen Charakter verschleiern sollen, kann man sich auch einfach einbilden, das wahlweise die Mutter, der Vater oder beide einen nie wirklich geliebt haben. Davon ausgehend findet man dann bei ausgiebiger Suche auch bestimmt genug Hinweise, die das untermauern und schon hat man allen Grund, andere Menschen wie Dreck zu behandeln. Super.

Wer nun glaubt, ist doch alles prima, die armen Tropfe sehnen sich nur nach ein bisschen Liebe, Frieden und Herzenswärme, der irrt. Nein, mittlerweile glaube ich, es geht wirklich hauptsächlich darum, dass sie sich scheiße fühlen und überhaupt nicht einsehen, dass es irgendwem in ihrer Nähe nicht genauso scheiße geht und deswegen unternehmen sie alles, um dem entgegen zu wirken. Wäre ja auch noch schöner. Am Ende würden sie sich von der guten Laune ja noch anstecken lassen und dann wüssten sie nichts mehr mit sich anzufangen. Die „Alle sind gegen mich“-Haltung ist dann schon zur zweiten Haut geworden, wo man sich ja irgendwie dann auch ganz heimelig und vertraut fühlt. Lieber ein Unglück, das man kennt, als ein eventuelles Glück, das im Ungewissen verborgen ist. Übrigens wäre es ein unverzeihlicher Faux-pas, solchen Zeitgenossen gegenüber Mitleid oder Mitgefühl zu zeigen. Dann kriegt man nämlich die geballte Ladung Kratzbürstigkeit ab, was einem denn einfiele, man komme sehr wohl allein zurecht und man brauche keine anderen Menschen und Mitleid oder Mitgefühl sowieso schon mal gar nicht. Wer nun denkt: Moooment, weiter oben hat sich doch der fiktive exemplarische Störenfried doch noch darüber beklagt, dass niemand auf seine Gefühle Rücksicht nehme und nun beschwert sich derjenige über Mitgefühl? Ja, was denn nun? Was will er denn dann? Das weiß wohl keiner. Am Allerwenigsten noch der Störenfried selbst.


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