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Essai 143: Über Feminismus

16. Juni 2015

Was ist eigentlich Feminismus? Macht es mich bereits zur Feministin, wenn ich für Gleichberechtigung eintrete, mich über Ungerechtigkeiten zwischen den Geschlechtern ereifere und auf Missstände hinweise? Offenbar ja, glaubt man zumindest einem Herrn, der mich in einem Facebook-Forum entschlossen als „misandristische Emanze“ bezeichnet hatte. Zuvor hatte ich einen meiner Flirtratgeber in dem Forum geteilt. Als ich daraufhin meinte, ich würde doch nur nervige Singlemänner und nicht alle Singlemänner und erst recht nicht alle Männer mit meiner Kritik meinen, knallte er mir noch einen meiner Texte vor die Füße. Bin ich denn automatisch eine männerfeindliche Arschlochfrau, wenn ich gewisse Verhaltensweisen, die mir bei Männern häufiger aufgefallen sind als bei Frauen, kritisiere?

Meine (logischen und stichhaltigen) Gegenargumente ließ der Herr dann mit einem Nazivergleich abprallen. Analog zu dem Klassiker der Sprüche, die Nazis gern sagen („Ich bin kein Nazi, aber …“), unterstellte er mir dann, ich würde ja im Prinzip auch sagen „Ich habe nichts gegen Männer, aber …“. Ja, das war natürlich ganz raffiniert von dem Kerl, schließlich konnte ich danach sagen, was ich wollte, um meinen Standpunkt ins richtige Licht zu rücken, jedes Argument stand danach als Ausrede da. Ärgerlich.

Jedenfalls, Tatsache ist, der Typ lag falsch. Man kann für die Gleichberechtigung von Frauen und Männern sein, kann dafür sein, dass sich alle sämtliche Pflichten und Rechte teilen, ohne gleich in Hass und irrationale Aggressionen auszubrechen. Als Feministin will man vor allem die Rechte der Frauen stärken und ist bereit, auch alle Pflichten zu übernehmen, die damit verbunden sind. Aber deswegen will man doch den Herren der Schöpfung nichts wegnehmen! Wenn man zum Beispiel eine Frauenquote verlangt, dann geht es doch nicht darum, Männerrechte zu beschneiden, sondern darum, Frauenrechte zu stärken. Auf dem Papier sind wir alle gleichberechtigt, aber in der Realität noch lange nicht. Das ist doch ganz ähnlich wie mit der Ehe für alle: Wenn Homosexuelle heiraten dürfen, ändert sich für Heterosexuelle überhaupt gar nichts. Sie dürfen sogar weiterhin ihre rückständigen, unlogischen und unvernünftigen Ansichten behalten, nicht einmal das müssen sie ändern. Aber für Homosexuelle ändert sich, dass sie genauso behandelt werden wie alle anderen.

Und so ist das auch, wenn Frauen wirklich (!) voll und ganz gleichberechtigt sind. Männern wird nichts weggenommen (außer vielleicht, dass es für einen Posten in den oberen Chefetagen keinen Pluspunkt mehr darstellt, zufällig mit Penis ausgestattet zu sein), aber den Frauen wird etwas mehr Gerechtigkeit zuteil.

Dabei geht es darum, wie die Aufgaben innerhalb der Familie verteilt werden, wie viel Gehalt man für eine bestimmte Tätigkeit bekommt, welchen Schwierigkeiten man beim Erklimmen der Karriereleiter begegnet oder auch nicht, wessen Meinung eher gehört und respektiert wird. Gut, dass Frauen die Kinder bekommen, ist eine biologische Tatsache, die sich nicht ändern lässt. Aber muss man es ihnen darüber hinaus so schwer machen? Warum zahlt man Erzieherinnen und Erziehern, Kita-Mitarbeitern, Tagesmüttern, etc. nicht ein besseres, ein wirklich angemessenes Gehalt? Kein Wunder, dass sie streiken! Vollkommen zu Recht! Erstens sind wir auf solche Menschen angewiesen, die sich anständig um den Nachwuchs kümmern, damit wir möglichst schnell wieder ins Berufsleben einsteigen können. Zweitens würden sich auch automatisch mehr Männer für den Beruf interessieren, wenn er hoch genug bezahlt würde.

Außerdem brauchen wir generell eine höhere Wertschätzung für die Arbeit im Haushalt. Da sind es nach wie vor überwiegend die Frauen, die den meisten Nervkram zuhause erledigen, ohne ständig herumzujammern und ohne dafür auch nur ein „Danke“ oder einen feuchten Händedruck zu bekommen. Was wäre zum Beispiel, wenn die Arbeit im Haushalt ebenfalls angemessen bezahlt würde? Ich meine jetzt kein absolut lächerliches Betreuungsgeld, sondern ein echtes Gehalt? Dann würden sicher auch mehr Männer häufiger den Wischmopp schwingen. Anerkennung und Respekt sind in unserer Gesellschaft leider vor allem mit Geld verknüpft, nicht mit der Erledigung notwendiger Tätigkeiten.

Das sind alles Fragen und Vorschläge, mit denen sich Feminismus tatsächlich beschäftigen sollte. Stattdessen wird Feminismus immer wieder lächerlich gemacht, indem auf alberne Nebenschauplätze verwiesen wird. Zum Beispiel vor ein paar Monaten, als ein paar BewohnerInnen des Berliner Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg einen Zehn-Punkte-Plan gegen frauendiskriminierende Werbung verfassten. Jan Fleischhauer hatte in seiner Spiegel-Kolumne darüber berichtet. Grundlos glückliche Frauen sollten aus der Werbung verbannt werden, ebenso sinnlos lächelnde oder übertrieben hübsche Frauen. Selbstverständlich ist Werbung auch frauendiskriminierend, weil Werbung mit Klischees arbeitet. Aber in der Werbung werden immerhin alle gleichermaßen diskriminiert und als Stereotypen dargestellt, egal ob Männer, Frauen, Kinder oder Tiere. Zu sagen, nur Frauen sollten einigermaßen realistisch dargestellt werden (wobei ich persönlich ja häufiger mal auch grundlos fröhlich bin, auf diese Weise lässt sich der Mist der Welt einfacher ertragen), ist wiederum diskriminierend für Männer, Kinder und Tiere.

Entweder, man verzichtet generell bei Werbung auf Klischees, wobei ich nicht weiß, wie das gehen soll, schließlich will man ja in kurzer Zeit sein Zeug möglichst effektiv verkaufen, was nun mal eben mit Klischees am besten geht. Oder man akzeptiert, dass Klischees zur Werbung dazugehören und nimmt das nicht so ernst. Es weiß doch jeder, dass Zahnarztfrauen nicht zwingend weißere Zähne haben als andere Leute. Es weiß auch jeder, dass Schokoriegel auch mit Extraportion Milch eine Süßigkeit bleiben und kein gesundes Lebensmittel, das täglich auf den Speiseplan gehört, sonst wird man krank.

Was mich ebenfalls nervt, ist, wenn man Feminismus rein auf optische Aspekte beschränkt. Da regen sich dann Leute auf, weil die Frauen in der Werbung als „zu schön“ dargestellt werden. Dabei wären doch alle Frauen wunderschön, ganz gleich, welche Körperform und wie viel Übergewicht sie haben. Es geht doch bei Feminismus nicht um Schönheit! Es geht um Rechte, um Respekt, um Anerkennung! Es sollte egal sein, wie jemand aussieht. Bei Männern ist das auch egal, auch wenn sie in der Werbung meistens fit und attraktiv aussehen, um Karriere zu machen, können sie auch adipös sein, das macht nichts. Bei Frauen macht es was. Und das ist nicht gerecht.

Essai 94: Über misslungene Werbung

16. Oktober 2012

Als ich letzte Woche mit dem Intercity von Hamburg nach Stuttgart juckelte, hielt ich in jeder größeren Stadt zwischen dem Norden und dem Süden Deutschlands. An jedem Bahnhof kreischten mir diverse Werbeplakate entgegen. Und das mit so miesen, unhöflichen, dummen, grammatisch mindestens fragwürdigen oder unfreiwillig komischen Sprüchen, dass ich mir dachte, das lohnt sich doch mal einen Essai drüber zu schreiben. Wenn ich daran denke, wieviel Geld für Werbung ausgegeben wird und dann ist die auch noch schlecht, dann weiß ich nicht, ob ich lachen oder weinen soll.

Aber so ist das heutzutage, da wird versucht, die Fassade auf Hochglanz zu polieren und ob es dahinter fault und gammelt, interessiert keine Sau. Schlimm. Das Ding ist, mit der Werbung ist das ja wie mit Krieg, Waffen und Gewalt. Tut es einer, muss es jeder machen. Wenn einer Krieg führen will und jemand anderen angreift, muss der sich ja irgendwie verteidigen. Wenn nur einer eine Waffe trägt, müssen andere auch eine Waffe tragen, um sich zur Not vor dem Kerl mit der Waffe verteidigen zu können. Hätte niemand eine Waffe, bräuchte niemand eine. Würde niemand einen Krieg anzetteln – sei es aus Angst, selbst angegriffen zu werden – gäbe es keine Kriege. Und so ist das allgemein mit Gewalt. Würde niemand damit anfangen, andere Leute mit Gewalttätigkeit zu belästigen, provozierte er damit auch keine Gegengewalt oder präventive Gewalt oder was auch immer. Und genau so müsste niemand allen anderen mit dämlicher Werbung auf den Wecker fallen, wenn es niemand täte. Dann müsste man nämlich nicht darüber nachdenken, wie man seine eigene Fassade noch heller und strahlender glänzen lässt als die der Konkurrenz und alle könnten in Ruhe ihre Arbeit machen, anstatt sich über oberflächlichen Image-Scheiß den Kopf zu zerbrechen. Ja, ja, ich weiß, ich bin naiv. Aber ist doch wahr!

Wenn Werbung interessant, witzig, klug und informativ ist und bestenfalls nicht allzu verlogen, habe ich absolut nichts dagegen, dass Leute auf sich und das, was sie tun und womit sie Geld zu verdienen gedenken, aufmerksam machen und in aller Höflichkeit hinweisen. Aber – ich weiß nicht, woran das liegt – die meiste Werbung ist unhöflicher, witzloser, dummer, penetranter Nervkram. Dabei wäre weniger mehr. Wenn ich zum Beispiel an diese wahnsinnig schlechte Zigaretten- oder Tabakwerbung denke, die mit dem umständlichen Spruch wirbt: „Rauchen, was andere denken, dass Sie rauchen“, dann bekomme ich Lust, aus Trotz mit dem Rauchen anzufangen, nur um es gleich wieder aufgeben zu können. Überdies ist der Spruch auch noch grammatikalisch falsch. Wer den Fehler findet, kriegt von mir einen virtuellen Keks (die sind lecker und machen nicht dick). Ich kapier auch nicht, inwiefern dieser Spruch nun selbst den stärksten Kettenraucher dazu animieren soll, ausgerechnet diese Zigarettenmarke zu kaufen. Das Einzige, womit man Leute heutzutage noch zum Rauchen bewegen kann, ist doch dieses Cowboy-Freiheits-Individualitäts-Gedöns. Wobei ich nicht weiß, was Nikotinsucht mit Freiheit zu tun hat, aber das ist ein anderes Thema. Und nun kommen die mit so einem dummen Spruch, der nicht nur kein richtiges Deutsch ist und nicht nur holprig formuliert, sondern noch dazu die Botschaft vermittelt: „Sei berechenbar. Vermeide Überraschungen. Rauche einfach unseren Tabak, weil alle denken, dass du genau das tust“. Wer denkt sich so was aus?

Eine andere Unart, die sich vor allem auf Produkte bezieht, die eine jugendliche Zielgruppe anzusprechen versuchen, ist das ungefragte Duzen der potentiellen Kunden. Nun zähle ich mit meinen dreißig Lenzen vielleicht nicht mehr unbedingt zu den Jugendlichen, aber nichtsdestotrotz benutze auch ich gelegentlich Shampoo, um mein Haar seidig glänzend zu machen. Und dann will ich bitteschön nicht von meiner Shampooflasche geduzt werden. Und Befehle nehme ich auf die Art sowieso nicht gern entgegen. „Genieße das absolute Dufterlebnis“ oder „Erlebe jetzt die prickelnde Apfelfrische“. Manche Werbefuzzis gehen dann so weit, dass sie die Kunden auch noch grafisch anbrüllen mit ihrer ohnehin schon nicht subtilen Message. So gesehen auf einem Werbeplakat für irgendein superdupertolles Einkaufszentrum: „GENIEßE JETZT DAS TOTALE EINKAUFSERLEBNIS!“ So ein Käse, als ob jetzt dieses Einkaufszentrum anders wäre als jedes andere Einkaufzentrum zwischen Hamburg und Stuttgart. Die sind doch alle gleich. Der einzige Grund, warum man ein bestimmtes Einkaufszentrum öfter frequentiert als ein anderes, ist die räumliche Nähe. Man braucht irgendwas und das Einkaufszentrum XY liegt zufällig auf dem Weg, dann geht man da hin. Aber man wird nicht extra kilometerweit woanders hingurken, nur weil ein riesiges Werbeplakat mich anbrüllt, ich solle jetzt gefälligst umgehend das totale Einkaufserlebnis genießen. Was auch immer mit „totales Einkaufserlebnis“ gemeint ist. Total deprimierendes Neonlicht? Total nervige laute Musik in den Geschäften? Total schlechte Klimaanlagenluft im Gebäude? Total viel zu viele Menschen auf total viel zu wenig Raum, die einen dauernd anrempeln oder total im Weg herumstehen? Total die immergleichen Geschäfte? Oder totaler Quatsch? Außerdem, vielleicht bin ich da etwas empfindlich, aber auf Kommando irgendwas genießen, erleben, fühlen oder spontan empfinden gehört nicht unbedingt zu meinen Kernkompetenzen.

Als ob es nicht schon schlimm genug wäre, dass Werbung die Menschen mit ungefragtem Geduze, penetrantem Anbrüllen und plumpen Befehlen malträtiert, werden auch noch die dümmsten Klischees darin verwurstet. Ist das sonst schon mal jemandem aufgefallen, dass in Werbespots immer die Mütter zu Hause bleiben und die Kinder verwöhnen? Die Kinder in der Werbung sind übrigens ausnahmslos altkluge Nervensägen, schlechte Rapper oder kreischende Hohlbratzen. Mit Verlaub. Meistens sind auf wundersame Weise auch alle immer unglaublich blond. Es sei denn, es geht um Werbung für Medikamente gegen Verstopfung, Blähungen, Inkontinenz oder Fußpilz. Derlei gesundheitliche Unannehmlichkeiten ereilen in der Werbewelt überwiegend brünette Frauen. Sachen für Mädchen sind grundsätzlich schreiend rosa und für Jungs natürlich blau. Für echte Männer sind die Produkte dann in Schwarz oder Dunkelblau und immer ungemein männlich. Das heißt, Autos sind schnell (kann man prima vor seinen Kumpels mit angeben), Rasierer unheimlich scharf (*knurrrrr*) und wenn mal ein Mann den Abwasch macht oder kocht, dann ist der immer unglaublich lustig drauf. Bei letzterem wird allerdings dann immer relativ undezent darauf hingewiesen, dass der Mann jetzt aber auch nur aus Spaß oder reiner Großzügigkeit Haushaltstätigkeiten vornimmt. Immer als Ausnahme und aus einer freien Entscheidung heraus, nicht weil Mutti ihn dazu gezwungen hat oder er von alleine eingesehen hat, dass das einfach ab und zu mal gemacht werden muss. Wo kämen wir denn dann hin. Und so werden Vorurteile schön weiter geschürt, damit auch ja keiner auf die Idee kommt, zu glauben, Männer und Frauen wären gleichberechtigt. Pfff. Sonst noch was?

Manche Werbefuzzis sind da noch raffinierter und schreiben einfach irgendeine Selbstverständlichkeit vorne drauf und verkaufen es als große Sensation. Dann steht zum Beispiel auf der Gummibärchenpackung: „Ohne Fett“. Ach nee. Wozu sollte man in einem Produkt, das fast nur aus Zucker besteht, Fett brauchen? Da kann man auch gleich draufschreiben: „Ohne Zyankali“. Aber dann merken die Kunden, dass sie verarscht werden. Demnächst klebt in der Gemüseabteilung wahrscheinlich an so nem Brokkoli auch noch ein Etikett dran, wo draufsteht: „Ohne Zuckerzusatz.“ – Nein, das war kein Vorschlag, das war Sarkasmus. Und „Light“-Produkte sind übrigens auch Verarsche, das nur so am Rande. Die machen dann einfach die Salamischeiben dünner. Und wenn man dann statt einer dicken Scheibe fünf dünne aufs Brot packt, macht das genau so fett. Traurig, aber wahr.

Ich habe ja nichts dagegen, dass man sein Unternehmen und sein Produkt präsentiert, aber bitte, liebe Werbeleute, hört doch endlich auf, die Leute wie Idioten zu behandeln. Das ist voll das totale Nerverlebnis! Macht doch einfach mal gute Werbung. Dann müsst ihr auch nicht so viel Werbung machen und dann ist mehr Geld für wirklich relevante Dinge da und dann müsste man den Laden nicht durch Praktikanten, Studenten und Freiberufler am laufen halten, weil für Festangestellte angeblich kein Budget vorhanden ist.


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