Archive for Dezember 2010

Essai 71: Über Konsummüdigkeit infolge von omnipräsentem Überangebot an Nicht-Notwendigem

19. Dezember 2010

Weihnachten steht sozusagen direkt vor der Tür und die weihnachtsfeiernde Menschheit teilt sich – wie jedes Jahr – in zwei Lager. Auf der einen Seite haben wir die „Traditionalisten“, die das ganze Paket mit Liebe, Friede, Heiterkeit, Geschenken und prall geschmücktem Weihnachtsbaum bevorzugen.

Und auf der anderen Seite, die sich für ungemein originell haltenden, pseudo-rebellischen „Anti-Traditionalisten“, die total individuell gegen den weihnachtlichen „Konsum-Terror“ wettern, sich und ihren Lieben gegenseitig das – inzwischen schon zum Klischee verkommene – „Wir schenken uns nichts“ schwören und einen auf puristisch machen.

Eine Haltung, die mir – nebenbei bemerkt – reichlich auf die Nerven geht. In dem Versuch, dem einen Klischee zu entkommen, stürzt man sich voller Leidenschaft ins nächste. Nur dass die „Traditionalisten“ gar nicht erst so tun, als wären sie individuell, originell und was-weiß-ich. Die „Anti-Traditionalisten“ sind das schlimmste Klischee von allen und merken es nicht einmal. Das ist doch peinlich!

Außerdem, ich finde das schön, anderen etwas zu schenken, eine Freude zu machen und Liebe, Friede, Heiterkeit finde ich auch gut. Ja, ja, ich weiß, ich habe mich soeben als „Traditionalist“ geoutet, schon klar.

Bevor ich jetzt aber von den „Anti-Traditionalisten“ in der Luft zerfetzt werde, weil ich mit meiner Haltung den monströsen Konsumapparat des kapitalistischen Terrors personifiziert in der Figur des amerikanistischen Coca-C*la-Weihnachtsmannes unterstütze (Schleichwerbung ist pfui, daher das Sternchen), möchte ich ein großes „ABER“ hinzufügen.

ABER in einem Punkt haben die „Anti-Traditionalisten“ nämlich gar nicht so Unrecht und das ist die Sache mit dem „Konsum-Terror“. Ich würde es nicht unbedingt so martialisch als „Terror“ bezeichnen, aber schon als ein omnipräsentes Überangebot an Nicht-Notwendigem. Da wird man zum Beispiel mit riesengroßen Werbetafeln zugeballert, die die Zielgruppe „verzweifelter, weil unkreativer Mann mit weiblichem, charakterlich schwierigem Anhang“ anspricht und versucht selbiger allen Ernstes zu suggerieren, jede Frau wünschte sich so ein bescheuertes elektronisches Buch. Dann doch lieber einen Gutschein für die  Lieblings-Buchhandlung im Wert eines elektronischen Buchs. Das ist auch unkreativ, aber dann kann frau sich wenigstens aussuchen, was ihr Spaß macht und hat dann nicht so ein blödes Ding im Weg rumliegen, das sie dann auch noch benutzen muss, weil Männe sonst enttäuscht ist. Und womit Männe sowieso lieber herumspielt und sich voller Inbrunst in die Lektüre der Bedienungsanleitung stürzt, um dann hinterher mit treuherziger Penetranz seiner Angebeteten die Funktionsweise des blöden Dings zu erklären. Und sie darf sich dann nicht anmerken lassen, dass sie das überhaupt nicht interessiert und dass sie jetzt viel lieber ihr (echtes) Buch weiterlesen würde, anstatt den technischen Verbal-Ergüssen ihres Göttergatten mit unendlicher Geduld zu lauschen.

So, um aus den Untiefen des Gender-Stereotypen-Sumpfs wieder aufzutauchen, jetzt mal Schluss mit dem „Mann schenkt Frau elektronischen Firlefanz, den sie weder braucht noch will, er aber schon, und das ist auch der Grund warum er das verschenkt“-Gedöns. Ganz allgemein habe ich in letzter Zeit an mir beobachtet, dass ich ab einem bestimmten Punkt an Angeboten und Auswahlmöglichkeiten schlicht und ergreifend jegliche Lust verliere, mir überhaupt irgendwas zu kaufen. Und das ist natürlich in der Weihnachtszeit besonders extrem. Ich war zum Beispiel neulich mal im KadeWe in Berlin. Das war bombastisch, überall glitzerte und funkelte der Weihnachtsschmuck, große Kulleraugen gläserner Rehe strahlten mich an, dann überall Schokolade, Süßigkeiten, Kekse, Kuchen aus aller Welt, von der grandiosen Mode-Abteilung mal ganz zu schweigen. Es war überwältigend. Und ich wollte mir wirklich gerne irgendetwas kaufen, weil ich nicht so oft ins KadeWe komme und weil alles so fantastisch war. Aber ich wusste nicht was. Dieses Überangebot an Dingen, die zwar schön und toll sind, die man aber – rational betrachtet – nicht braucht, hat mich einfach total erschlagen. Und dann bin ich nach Hause gefahren, ohne mir etwas gekauft zu haben.

Was ich dabei festgestellt habe ist, dass das überhaupt nichts gemacht hat. Man muss nicht ständig irgendwas kaufen. Eigentlich braucht man doch viel weniger Zeug, als man glaubt. Also bin ich vielleicht doch eine verkappte „Anti-Traditionalistin“? Konsumverweigerung durch Konsummüdigkeit?

Neeeee… so einfach ist das natürlich nicht. Man kann nämlich auch hier einen Mittelweg finden. Wenn man zum Beispiel sich vorher überlegt, was man in etwa braucht, so eine grobe Richtung zumindest, dann kann man dem Konsumwahn entkommen, ohne gleich in das andere Extrem der Konsumverweigerung zu rutschen. Ich bin zum Beispiel in der Hinsicht ein großer Fan von Listen. Listen sind super. Und das macht so einen Spaß, kleine Häkchen hinter die erledigten Punkte zu setzen. Wenn man spontan etwas Geniales findet, kann man das ja trotzdem kaufen, aber man ist dann nicht so sehr erschlagen von dem omnipräsenten Überangebot, wenn man sich vorher einen groben Plan gemacht hat.

Soweit, so gut, ich wünsche dann noch allen Traditionalisten und Anti-Traditionalisten ein fröhliches, entspanntes Weihnachtsfest und lasst euch nicht vom Konsum-Monster terrorisieren.

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Essai 70: Über das Böse in Daniel Kehlmanns „Töten“

11. Dezember 2010

Dies hier ist ein Essai, den ich im Mai 2010 auf meinem Kulturjournalismus-Workshop in Saarbrücken in der Festivalzeitung des deutsch-französischen Bühnenkunst-Festivals „Perspectives“ veröffentlicht habe. Ich denke, da das ein spannendes Thema ist, über das sich gut diskutieren lässt, veröffentliche ich ihn zusätzlich hier. Kommentare, Fragen, Feedback sind natürlich wie immer willkommen.

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Unbegreiflich

„Wir nennen es ‚böse’, aber das ist irreführend. […]Weil sein Wesen eben der Mangel ist, und die Abwesenheit. Darum ist es ohne Kraft wie ohne Wirklichkeit …“, wird Augustinus zitiert in Daniel Kehlmanns Kurzgeschichte „Töten“ aus dem Erzählband „Unter der Sonne“.

Tatsächlich werden in „Töten“ zwei Konzepte des Bösen einander gegenübergestellt:

Zum einen ist da der Schäferhund des Nachbarn „mit spitz aufstehenden Ohren und länglichen roten Augen“, in denen nichts weiter als „stumpfe Bosheit“ zu sehen ist. Assoziationen aus der griechischen Mythologie drängen sich auf: Zerberus, der Höllenhund und Hüter der Unterwelt.

Zum anderen ist da der Junge, der laut Verlagstext in „zielloser Gewalt“ den „einzigen Ausweg aus der Langeweile der Sommerferien“ findet. Ein Artikel der FAZ über Kehlmanns Erzählband spricht davon, dass dem Jungen „die Sicherungen durchbrennen“ und von „Killerinstinkte[n]“, die in ihm geweckt würden. Ganz so einfach, wie diese Texte den Sachverhalt zusammenfassen, ist es allerdings nicht. Der Junge lässt einen Ziegelstein von einer Brücke auf ein fahrendes Auto fallen und provoziert einen Unfall (ob mit oder ohne tödlichen Ausgang, erfährt man nicht). Dann vergiftet er den Hund. Beide Handlungen sind durchaus gezielt. Er lässt bei vollem Bewusstsein und in absoluter Klarheit über die Konsequenzen den Stein fallen und wählt mit voller Absicht den Hund aus, um ihn mit Rattengift zu füttern. Der Junge geht ruhig und überlegt vor. Er wählt keine rohe Brutalität, um zu töten. Kehlmann hätte den Jungen ja auch jemanden abstechen und den Hund erschlagen lassen können. Aber der Junge tötet auf indirekte, distanzierte Weise. Er sieht nicht, wer im Auto sitzt, auf das er den Stein fallen lässt. Er bleibt nicht dabei, als der Hund stirbt. Er hört ihn verrecken, als er wieder im Haus ist.

Sicherungen brennen bei einem Amoklauf durch, nicht aber bei einer klaren, gezielten Handlung, deren Konsequenzen einem bewusst sind. Und Killerinstinkte implizieren, dass das Töten-Wollen in der Natur des Jungen liege, dass er eine Art wildes Tier sei, das einfach nicht anders könne, als zu morden. Der Junge aber hat die Möglichkeit, sich anders zu entscheiden. Da er bewusst, bei klarem Verstand handelt, könnte er ebenso gut den Stein in der Hand behalten und den Hund in Ruhe lassen.

Das Böse sei ein Mangel, eine Abwesenheit, sagt der Fernsehphilosoph in der Erzählung. Und genau darin liegt die Perfidie des Bösen in „Töten“. Es gibt keine Erklärung für das Böse, keine Motive, keine Gründe, keinen Anlass. Der Junge tötet nicht aus Spaß, nicht aus Neugier, nicht aus Langeweile, nicht aus Sadismus, nicht um sich selbst einen Vorteil zu verschaffen. Und doch ist da eine Sehnsucht nach Erklärungen. Der Junge sei gewalttätig, habe Killerinstinkte, ihm brennten die Sicherungen durch. Als sei der Junge nicht normal, als stimme mit ihm etwas nicht. Aber selbst das kann man über den Jungen nicht sagen.

Der Hund ist einfach böse, es liegt in seiner Natur. Als das personifizierte Böse stellt er einen Erklärungsversuch der Menschen für das Unbegreifliche dar. Die Erklärungsversuche sind verständlich. Das Unbegreifliche macht Angst, und die hat keiner gern. Doch genau das ist das Böse bei Kehlmann: Unbegreiflich.

(Isabelle Dupuis)


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