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Essai 174: Über grundlose Unhöflichkeit

2. Juli 2017

Beim besten Willen kann ich nicht nachvollziehen, warum manche Menschen unfreundlich zu Leuten sind, die ihnen gar nichts oder sogar etwas Nettes für sie getan haben. Da bin ich vielleicht auch etwas dogmatisch, ich weiß es nicht. Aber meiner Meinung nach gibt es keinen Grund, unhöflich zu sein, wenn der andere sich nicht wie ein Riesenarschloch aufführt. Und selbst, wenn jemand sich wie ein Riesenarschloch aufführt, sollte man höflich sein, weil man sich ja nicht zwingend auf dieses Arschloch-Niveau herabbegeben muss.

Genaugenommen gehe ich sogar soweit, zu behaupten, dass generell niemand unhöflich sein muss. Es gibt zwar manchmal begriffstutzige Vollpfosten, die völlig wahrnehmungsgestört und ich-bezogen sind, und die nicht kapieren, dass sie sich scheiße benehmen, sofern man sie nicht im Kasernentonfall anschnauzt und zusammenfaltet. Aber die haben dann ja angefangen. Sprich: Wenn die sich nicht unhöflich und achtlos verhalten hätten, gäbe es nichts, weswegen man sie anpflaumen müsste. Und für ihr ursprünglich pampiges Gebahren gibt es meines Erachtens keine Entschuldigung.

Sicher, manchmal hat man einen Pups quer sitzen, ist mit dem falschen Fuß aufgestanden oder PMS-bedingtes Hormongeschwurbel verhagelt einem die Laune (an die Herren: In diesem Fall ist davon abzusehen, eure Herzensdamen zu fragen, ob sie ihre Tage haben, wenn sie gereizt sind). Dann ist es verständlich und menschlich, wenn man etwas mürrisch ist und einem der Tonfall ein wenig harsch gerät. Aber dann kann man sich doch kurz entschuldigen, damit der andere weiß, es liegt nicht an ihm. „Sorry, heute ist echt nicht mein Tag“ oder sowas in der Art, das reicht dann ja schon, wenn man andere versehentlich brüskiert hat.

Was ich auch nicht verstehe – und es macht mich fuchsig, wenn ich was nicht verstehe – wenn Menschen grundsätzlich unhöflich und unfreundlich zu allen anderen sind. Die so eine Grundhaltung an den Tag legen, dass alle anderen immer alles falsch machen und das mit voller Absicht, nur um sie zu ärgern. Die davon ausgehen, dass alle ihnen Böses wollen. Die sich nicht vorstellen können, dass andere vielleicht Besseres zu tun haben, als jede Sekunde ihres Daseins mit Komplotten und perfiden Betrugsplänen zu verplempern, um dieser einen Person zu schaden.

Da kann man noch so aufrichtig freundlich und wohlwollend auf diese Menschen zugehen, sie finden immer irgendeinen subjektiven Vorwand, um einen auf den Schlips zu treten. Gut, es kann sein, dass dieser garstigen Grundhaltung ein langes Leben voller Gefühle der Einsamkeit, Enttäuschung und des Ungeliebtseins vorangegangen ist. Das tut mir ja auch leid. Aber trotzdem kann man sich ja wohl Leuten, die einem nichts getan haben, gegenüber zusammenreißen. Und wenn man das nicht kann, sollte man eine Psychotherapie in Erwägung ziehen. Ist ja nichts dabei, sich professionelle Hilfe bei Problemen zu holen, die man alleine nicht geregelt bekommt. Wenn man einfach weiterhin alle wie Dreck behandelt, nur weil man sich selbst wie Dreck fühlt, wird die eigene Situation nur noch schlimmer.

Früher oder später hat da nämlich keiner mehr Lust zu, sich ständig von jemandem, der den lieben langen Tag nur in seiner eigenen Galle versumpft und die ganze Welt außer sich selbst dafür verantwortlich macht, dass er sich schlecht fühlt, als Frustableiter missbrauchen zu lassen. Und dann ist derjenige wirklich einsam. Und hat dann niemanden, der ihm ab und zu mal den Spiegel vorhält, Grenzen aufzeigt, und sagt: So, jetzt reicht’s aber.

Aber vielleicht stelle ich mir das auch alles viel zu einfach vor. Ich gebe zu, ich kann mir das schwer vorstellen und mich da nicht hineinversetzen, wenn man so chronisch verbittert ist. Mich kostet es zugegebenermaßen überhaupt keine Mühe, freundlich und höflich zu meinen Mitmenschen zu sein. Klar, manchmal bin ich aus Versehen ein achtloser Paddel, und mache irgendwas, was andere verletzt, ohne es in dem Moment zu merken. Dann bin ich von meinem Selbstbild her überzeugt, dass ich voll nett war, aber in Wirklichkeit hat mich der andere als Arsch empfunden. Das habe ich noch nicht ausklamüsert, wie sich so etwas vermeiden lässt. Ich hoffe einfach, dass man mich in solchen Situationen sachlich darauf hinweist, dass ich was Blödes gemacht habe, damit ich mich entschuldigen und versuchen kann, es wieder gut zu machen.

Doch wenn jemand ständig scheiße zu allen ist, das kann ich nicht nachempfinden. Ich kann auch diesen falschen Stolz, der solche Leute daran hindert, sich Hilfe zu holen, um Probleme zu lösen, die sie alleine nicht in den Griff bekommen, nicht nachvollziehen. Gut, es gibt manche psychische Erkrankungen, die für Antriebslosigkeit sorgen, und es für Betroffene unheimlich schwer machen, eine Therapie anzufangen. Das ist dann noch mal was anderes. Aber ansonsten verstehe ich das nicht.

Was ich ebenfalls schwierig finde, ist der richtige Umgang mit solchen chronisch grundlos unhöflichen Zeitgenossen. Einerseits bin ich es allmählich leid, mein Seelenglück von solchen egozentrischen Stinkstiefeln vermiesen zu lassen. Dazu habe ich echt keine Lust mehr, ich bin jetzt Mitte 30 und langsam wirklich zu alt für diesen Scheiß. Die sollen sich entweder verdammt noch mal nicht so anstellen oder sich Hilfe suchen. Außerdem habe ich überhaupt nicht das professionelle psychologische Handwerkszeug, um solchen Leuten zu helfen. Andererseits habe ich aber ein schrecklich schlechtes Gewissen, weil ich ja niemanden im Stich lassen will, nur weil er ständig Scheißlaune hat und allen Menschen mit Misstrauen und Arroganz begegnet. Obwohl die das ja irgendwie nicht besser verdient haben, als dass ihnen die Freunde nach und nach davonlaufen.

Aber wenn sie alle Menschen gleichermaßen mies behandeln, ist es ja nicht persönlich gemeint, wenn sie bei mir keine Ausnahme machen. Und dann muss ich es doch eigentlich auch nicht persönlich nehmen … Allerdings sehe ich nicht ein, warum ich mich für Fieslinge aufreiben sollte, wenn es genug liebe, nette Menschen gibt, die meine Gesellschaft zu schätzen wissen und das ab und zu auch mal zeigen. Das muss ich doch nicht, oder?

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Essai 168: Über Misologie und selbstgewähltes Arschlochtum

17. November 2016

Facebook-Diskussionen sind zum Glück ein nie versiegender Quell der Inspiration; dieses Mal geht es um den Begriff der Misologie, den ich im Zuge einer solchen Debatte entdeckt habe. Dabei handelt es sich laut Duden um eine starke Abneigung bis hin zu Hass gegen den Logos, also vernünftige, sachliche Auseinandersetzungen und Argumente. Ich habe so den Eindruck, damit bin ich auf ein Wort gestoßen, das absolut treffend das beschreibt, was auf dieser Welt schief läuft. Ein zeitgenössischer Trend ist es jedoch nicht, sondern – man rufe sich kurz Hexenverbrennungen oder von mir aus auch Jesus‘ Kreuzigung ins Gedächtnis – es scheint in der menschlichen Natur zu liegen, dem Logos grundsätzlich erst einmal zu misstrauen. Wie heißt es doch so schön? Niemand mag Klugscheißer. Isso.

In der entsprechenden Facebook-Diskussion ging es zunächst um Phobien, dann kam irgendwann die Frage auf, weshalb man denn bei Homophobie oder Xenophobie ebenfalls von einer krankhaften Angst spreche … schließlich hätten die Leute nicht in erster Linie Angst vor Homosexuellen oder Fremden, sondern seien schlichtweg Arschlöcher. Charakteristisch für eine Phobie ist ja, dass man wirklich Angst bis hin zu Panik vor etwas hat, obwohl man rational weiß, dass das unsinnig ist. Homophobe und Xenophobe hingegen haben einen starken Hass gegen Homosexuelle oder Fremde, sind jedoch davon überzeugt, dass das vollkommen rational sinnvoll und logisch begründet ist.

Neugierig wie ich bin, habe ich daraufhin kurz recherchiert, ob es nicht einen passenderen Begriff für solche Menschen gibt, die starrsinnig wider jede Vernunft darauf beharren, ihre Arschlochmeinung sei moralisch völlig legitim. Mir schwebte etwas mit der Vorsilbe „mis-“ oder „miso-“ vor, da ja Frauenfeindlichkeit Misogynie, Männerfeindlichkeit Misandrie, Kinderhass Misopädie und Menschenhass Misanthropie genannt wird. Dabei stieß ich letztendlich auf „Misologie“ und fand, das kam dem zumindest nahe. Schließlich hassen ja sowohl Homophobe als auch Xenophobe das, was sie als anders als sie selbst wahrnehmen.

Allerdings spielt Angst bei Hass schon eine Rolle. Bei einer Phobie weiß man jedoch, dass man Angst hat und weiß auch, dass es dafür eigentlich keinen Grund gibt. Bei Hass leugnet man vor sich selbst, dass man Angst hat, weil man sich nicht schwach und verletzlich fühlen will (wer will das schon?), und vor dieser Schwäche wiederum so viel Angst hat, dass man alles tut, um sie zu verdrängen und sich nichts anmerken zu lassen. Und dieses „alles“ bezieht dann auch die Angriff-ist-die-beste-Verteidigung-Taktik mit ein, wobei sich Betroffene dann so weit in ihre Paranoia hineinsteigern, dass sie überall Grund zur Verteidigung wittern – erst recht bei Dingen oder Menschen, die sie nicht sofort einschätzen können, weil sie anders sind.

Solche Misologen sind dann auch besonders anfällig für postfaktische Parolen pöbelnder Populisten (ich weiß, Alliterationen sind schlechter Stil, aber das bietet sich an dieser Stelle einfach an 😛 ). Das ist ja auch logisch (!), wer eine Abneigung gegen sachliche, vernünftige Argumente hat, bevorzugt das Gegenteil davon: Sündenböcke, am besten solche, die sich nicht wehren können als Schuldige, die dann an den Pranger gestellt werden – wahlweise und je nach Epoche und Kultur auch auf den Scheiterhaufen, aufs Schafott, unter die Guillotine, an den Galgen, auf den elektrischen Stuhl und was sich Menschen sonst noch so Feines ausgedacht haben, um sich wie Gott höchstselbst aufzuspielen und das Leben anderer Menschen zu beenden. Neben dem Sündenbock werden dann noch Katastrophenszenarien konstruiert, möglichst pompös und in einfachen Worten – die Zielgruppe will ja nicht erst über das Gesagte nachdenken müssen und auch die Populisten wollen tunlichst vermeiden, dass ihre Adressaten den hasserfüllten Scheißdreck hinterfragen, den sie ihnen so mühevoll vorgekaut haben.

Dabei wird absichtlich auch Angst geschürt, praktischerweise aber auch gleich ein einfaches Allheilmittel gegen die Furcht mitgeliefert, nämlich besagter Hass. Was mich wütend macht, ist, dass so viele Menschen dieses – wie ich finde – einfache Rezept so bereitwillig schlucken. Man müsste eigentlich nur kurz innehalten und den Populisten aufmerksam zuhören, ihre Parolen logisch auseinandernehmen und es bliebe nichts weiter übrig als heiße Luft, ausgefurzt von machtgeilen, gierigen Oberriesenarschlöchern, die diese ganzen „besorgten Bürger“, die frustrierten Abgehängten, als Wahlvieh missbrauchen, und sich darüber hinaus eine elende Mistkacke für sie interessieren. Man verzeihe mir meine Fäkalsprache, weil … ach … nur so.

Echt mal, glaubt zum Beispiel irgendeiner von den Dumpftröten, die Trump gewählt haben, dass der jetzt hingeht, dem Establishment in den verwöhnten Snobbyhintern tritt, Wohlstand, Jobs, Wohneigentum, Krankenversorgung, Bildungschancen und so weiter sozial gerecht unter allen Menschen aufteilt und dann mit seinem Schlitten und den Rentieren frohlockend und mit Glockengeläut zurück in den Himmel aufsteigt? Am Arsch! Gut, das hätte Hillary Clinton genausowenig gemacht, da muss man sich auch nichts vormachen. Und was die kriegstreiberische Außenpolitik angeht, wäre sie wohl auch nicht gerade zimperlich gewesen.

Aber das sind doch die eigentlichen Probleme: dass die Kluft zwischen Arm und Reich immer größer wird. Dass die Armen immer weniger haben, die Reichen immer mehr. Dass die soziale Gerechtigkeit, so es sie denn überhaupt jemals gab, immer weiter kaputtgespart wird. Dass Bildung und Krankenversorgung kaputtgespart werden. Dass Kultur keine Sau interessiert. Dass sich Lobbyisten und Politiker gegenseitig beschenken, Nepotismus in den oberen Schichten alles schön in den eigenen Reihen belässt. Dass Banken mit Geld spekulieren, das sie sich ausgedacht haben. Dieser ganze neoliberale Irrsinn, der völlig außer Kontrolle geraten ist, und dass die Menschen aus der letzten Finanzkrise nichts gelernt haben. Dass Menschen auch aus den Weltkriegen nichts gelernt haben. Gier und Machtstreben, das ist das, was schiefläuft.

Aber nein, es ist ja so viel einfacher, gefühlte Wahrheiten und nachgeplappertes Hassgepredige von irgendwelchen Demagogen als Grundlage für seine heilige „Meinung“ zu nehmen, sich gegen jede Art von sachlichem Dialog und logischen Argumenten zu verschließen. In seinem eigenen Hass zu schwelgen und sich dabei stark zu fühlen, weil man mit seinem Hass und seiner Misologie nicht alleine ist. Dabei ist es möglich, dem zu widerstehen. Und ich bin der Ansicht, es ist sogar notwendig, dem zu widerstehen, nicht zum Arschloch zu werden, nur, weil man es kann und weil es im ersten Moment kurzfristig einfacher erscheint. Ansonsten werden keine Probleme gelöst, im Gegenteil, alles wird nur noch schlimmer. Und Gewinner gibt es am Ende keine.

Essai 141: Über innere Werte und ihre Außenwirkung

23. Mai 2015

„Was zählt, sind die inneren Werte!“ – Diesen Spruch habe ich eine lange Zeit für eine indiskutable Wahrheit gehalten. Bis ich dann immer wieder feststellte, dass ich ziemlich oft missverstanden oder falsch eingeschätzt werde, was gelegentlich reichlich nervig ist. Die inneren Werte, also der Charakter, die Persönlichkeit, das Wesen, was auch immer, sind natürlich wichtig, das stimmt schon. Aber woher sollen denn Außenstehende wissen, welche inneren Werte man hat, wenn man Selbige nicht in irgendeiner Weise zum Ausdruck bringt? Eben.

Als ich noch dachte, Schauspielerin zu werden wäre für mich eine super Idee, habe ich ganz oft Situationen erlebt, in der ich ganz viel „gefühlt“ habe und hinterher fragte mich mein Dozent: „Was war denn mit dir los, bist du eingeschlafen?“ Umgekehrt habe ich auch etliche Diskussionen von Schauspielschülern mit angehört, weil sie der Meinung waren, sie waren „total drin“, aber man hat das von außen überhaupt nicht gemerkt. Das ist dann ein ganz sensibles Thema, weil das so schwierig zu erklären ist, dass es als Schauspieler vollkommen nebensächlich ist, ob man „total drin“ war und „ganz viel gefühlt“ hat, was zählt, ist, wie es beim Zuschauer ankommt. Und kommt beim Zuschauer gar nichts an, dann hat der Schauspieler seinen Job nicht gemacht.

Im wirklichen Leben ist das noch mal etwas anderes als auf der Bühne oder vor der Kamera, das ist klar. Da will man ja nicht unbedingt allen anderen eine Geschichte erzählen, sondern ich denke, die meisten wollen für das gemocht, geliebt, anerkannt und respektiert werden, was sie „sind“. Und die wenigsten wollen auf ihr Aussehen oder irgendeine bestimmte Eigenschaft reduziert werden, weil es dem, was sie „sind“ nicht gerecht wird. Das ist verständlich und ich bin da nicht anders.

Doch man sollte sich stets in Erinnerung rufen, dass niemand Gedanken lesen und in einen hineinschauen kann. Was bleibt einem denn als Außenstehender anderes übrig, als seine Mitmenschen nach den Kriterien einzuschätzen, die diese ihm mitteilen oder die offensichtlich sind?

Ich kann gar nicht wissen, ob die alte Frau, die mich im Supermarkt angeraunzt hat, weil ich in einem Moment geistiger Umnachtung nicht meine Einkaufstasche rechtzeitig aus dem Weg genommen habe, in Wirklichkeit ein total sanftmütiger, liebevoller Mensch ist. Weil sie mir das nicht gezeigt hat, sie hat mir nur gezeigt, dass sie ein ungeduldiger, grummeliger, unhöflicher Meckerpott ist. Und als solchen schätze ich sie dann auch ein. Das ist in diesem Moment nicht gemein von mir, sondern eine logische Reaktion darauf, unfreundlich behandelt worden zu sein.

Umgekehrt darf ich es der alten Dame aber auch nicht verübeln, dass sie in mir ein unhöfliches junges Ding gesehen hat, das keinen Respekt vor dem Alter hat. Schließlich weiß sie ja nicht, dass ich eigentlich ganz nett und höflich bin, nur manchmal etwas in Gedanken versinke und in solchen Momenten nicht sofort schalte, wenn jemand was von mir will. Was ich in dem Moment zum Ausdruck gebracht habe war, dass ich nicht aufpasse, wohin ich meine Einkaufstasche halte und ob ich damit nicht anderen Leuten den Durchgang versperre. Grob ungezogen sowas!

In unserer Gesellschaft gilt Oberflächlichkeit als fürchterlich verpönt, gleichzeitig sind wir aber nun einmal alle oberflächlich, weil es nicht anders geht. Die Kunst besteht dann darin, dass man sich trotzdem gelegentlich die Mühe macht, hinter die Oberfläche zu schauen. Dafür müssen wir jedoch allen unseren Mitmenschen entgegen kommen und ein wenig von unseren eigenen inneren Werten offenbaren. Das geht am besten, indem wir unser Verhalten und unser Handeln daran anpassen. Ab und zu muss man auch den Mund aufmachen, falls subtile Hinweise nicht ausreichend waren.

Allerdings muss man da auch immer abwägen, was man eigentlich will. Wenn ich zum Beispiel stinksauer bin, weil ich mich in einem Moment ungerecht behandelt fühle, ist das manchmal ganz ratsam, das für mich zu behalten, ein paar Mal tief durchzuatmen, meine Gedanken und Argumente neu zu sammeln und zu sortieren und mich dann in aller Seelenruhe, nachdem ich ein oder mehrere Nächte darüber geschlafen habe, damit auseinander zu setzen. So kann ich den Konflikt dann viel klüger lösen als wenn ich gleich an die Decke gegangen wäre.

Bringt man seinen Ärger jedoch nicht zum Ausdruck, gehen Außenstehende zwangsläufig davon aus, dass man einverstanden mit ihrem Verhalten und mit der Gesamtsituation vollkommen zufrieden ist. Seine Forderungen kann man auf diese Weise nicht durchsetzen, weil kein Mensch merkt, dass man welche hat.

Wer sich wie ich nicht so leicht aufregt, eher sanftmütig und friedliebend ist, noch dazu die natürliche Autorität eines verwaisten Eichhörnchenbabys, das von einer flauschigen Katzenmama und ihrem gemütlichen Labradorkumpel großgezogen wird, aufweist und in allen sofort Muttergefühle oder den Beschützerinstinkt weckt, der wird halt schnell mal für etwas bescheuert gehalten. Was kein Problem wäre, wenn ich tatsächlich einfältig und unfähig wäre. Bloß, wenn so ein knopfäugiges, pausbäckiges Grübchengesicht, das zudem keine 1,60 Meter groß ist, anfängt, sich auf die Hinterfüßchen zu stellen, seinen ganzen Mut zusammennimmt und dann zaghaft sein Anliegen hervorzirpt, das nimmt doch keiner ernst! In dem Moment nützen mir meine inneren Werte gar nichts, weil meine Außenwirkung eine ganz andere Geschichte erzählt.

Aber darf man das denn, so aus moralischen Gesichtspunkten, dass man dann ein wenig schauspielt, sich anders zeigt, als man eigentlich privat ist? Soll man sich dann wirklich künstlich aufregen, nur, damit ein Anliegen deutlich wahrgenommen wird? Ich bin da ja nicht so ganz überzeugt … Vielleicht gibt’s ja auch einen Mittelweg. Möglicherweise kann man sich ja mit langem Atem, Geduld, Hartnäckigkeit und Beharrlichkeit seine Ziele erkämpfen, ohne sich verstellen zu müssen. Was ist eure Meinung dazu?

Essai 138: Über Glaube, Leben und Tod

10. März 2015

In letzter Zeit will mir das Thema Religion keine wirkliche Ruhe lassen. Inspiriert von einem Comic der wunderbaren „Erzählmirnix“ möchte ich mich heute mit dem Verhältnis von Religion und Glaube, Atheismus und dem Sinn von Leben und Tod auseinander setzen. Keine leichte Kost, dafür, dass ich Urlaub habe, aber was soll man machen. Dass ich Religion wie jeder anderen Ideologie eher skeptisch gegenüberstehe, ist nichts Neues. Da wird einfach zu schnell Fanatismus draus und dann dauert es nicht mehr lange und es gibt Tote oder zumindest Verletzte, wie zuletzt das Attentat auf die Charlie-Hebdo-Redaktion in Paris gezeigt hat. Außerdem gelingt das Wir-Gefühl, das das eigentlich Reizvolle an Ideologien/Religionen darstellt, nur, wenn es ein gegnerisches „ihr“ gibt, von dem man sich abheben und als was Besseres fühlen kann.

Das muss natürlich nicht soweit kommen, viele pflegen ihre Traditionen, Gewohnheiten und ihren Glauben auch ganz friedlich, privat und unaufdringlich. Aber die Möglichkeit, dass aus einem bestimmten Regelwerk – und nichts anderes ist Religion – Fanatismus wird, ist meines Erachtens größer als die Wahrscheinlichkeit, dass aus eigenständigem, von einer Grundskepsis gegenüber vorgefertigten „Wahrheiten“ gefärbtem Denken eine alles andere und Fremde verurteilende Ideologie wird.

In dem „Erzählmirnix“-Comic wird eine Studie erwähnt, derzufolge auch Atheisten nervös werden, wenn sie Gott dazu herausfordern sollen, die eigenen Eltern an Krebs sterben zu lassen. Die Wissenschaftler hätten demnach daraus geschlussfolgert, dass auch Atheisten einen unbewussten Glauben an Gott hätten, sonst könnten sie das ja einfach so sagen, ohne nervös zu werden. Klingt zunächst logisch. Ich hab das mit der Studie zugegebenermaßen nicht überprüft, doch wenn ich mir das vorstelle, verspüre ich auch ein gewisses Unbehagen, obwohl ich nicht an einen personalen Gott glaube, der wie ein Puppenspieler alle Schicksalsfäden in der Hand hält und nur auf einen Knopf zu drücken braucht und schon passiert irgendwas.

Woher kommt das? Die Wissenschaftler haben lediglich festgestellt, DASS die Leute nervös wurden, nicht WARUM sie nervös wurden. Mir ist nicht bekannt, ob sie vergleichsweise gemessen haben, ob die Menschen – gleich welcher Religion/Nichtreligion – auch nervös wurden, wenn sie anstelle von Gott den Weihnachtsmann, Osterhasen, Aliens, den Sonnengott, Zeus, Wotan oder ihr Haustier dazu aufforderten, ihre Eltern an Krebs sterben zu lassen. Ich bin mir ziemlich sicher, das Ergebnis wäre mehr oder weniger dasselbe. Denn es geht bei dieser Aussage nicht darum, ob man an Gott glaubt oder nicht, sondern darum, sich mit dem Gedanken auseinander zu setzen, dass Menschen, die man lieb hat, krank werden und sterben können. Dass man dann traurig und nervös wird, entlarvt einen höchstens als normalen, mitfühlenden Menschen und nicht als eigentlich gläubigen Möchtegernatheisten.

Nichtsdestotrotz setze ich mich jetzt mit meinem vermeintlichen Nichtglauben auseinander und fühle mich irgendwie bemüßigt, mich zu erklären oder meine Ansichten zu rechtfertigen. Vermutlich kann man auch als unreligiöser Mensch, der es meidet, einem Club beizutreten, der einen als Mitglied aufnehmen würde, einen gewissen Glauben oder Aberglauben nicht ganz vermeiden. Selbst ein Nihilist, der behauptet, an nichts zu glauben, glaubt ja, dass er an nichts glaubt. Hurra, ein Paradoxon!

Ich denke, auch die abgeklärtesten Realisten sind zu einem kindlichen magischen Denken fähig, das man als eine Form von Aberglauben ansehen kann. Vielleicht ist es ihnen nicht immer bewusst, vielleicht erlauben sie es sich nicht, weil sie’s für Quatsch halten, aber so ein winzigkleiner Funken Aberglaube steckt wohl in jedem von uns. Ich zum Beispiel ziehe zu Bewerbungsgesprächen fast immer ein rotes Oberteil an, weil ich damit bisher immer Erfolg hatte. Das liegt natürlich nicht am roten Oberteil, das ist mir schon klar.

Eigentlich.

Obwohl …

Vielleicht doch?

Schließlich verleiht der Glaube daran, dass eine bestimmte Farbe oder ein bestimmtes Kleidungsstück einem Erfolg verschafft, das nötige Selbstvertrauen, um sich erfolgreich zu präsentieren. So gesehen beeinflusst dieser kleine, alberne Aberglauben meine innere Einstellung zum Positiven, was sich wiederum auf meine Ausstrahlung auswirkt, die schließlich zu meinem Erfolg beiträgt.

Genauso kann der Glaube an einen Gott, der mich immer begleitet und stets an meiner Seite ist und mich unterstützt, mir Zuversicht und Kraft geben. Doch eigentlich ist es dabei wurscht, ob man nun an Gott glaubt oder daran, dass die heimische Topfpflanze einen gedanklich begleitet. Für diesen Satz komme ich jetzt aber sowas von in die Hölle, sofern es eine gibt. Aber da lande ich als ketzerische Heidin ja ohnehin. Wobei sich die Teufel der verschiedenen Religionen dann erstmal einigen müssen, in welche Hölle ich komme, wahrscheinlich will mich da keiner haben. Wenn ich nämlich anfange, mit den Höllenfürsten zu diskutieren und ihre Existenz infrage zu stellen und das Ganze mit logischen Argumenten zu untermauern, schmeißen die mich ratzfatz wieder raus – niemand mag Klugscheißer.

Also, ich bin gern bereit, zu akzeptieren, dass Glaube nützlich ist, solange kein Fanatismus draus wird. Das funktioniert nach dem Prinzip der selbsterfüllenden Prophezeiung. Aber ein Leben nach dem Tod oder irgendetwas nach dem Tod kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Ich weiß auch gar nicht, warum sich Menschen sowas überhaupt ausgedacht haben, das ist doch überhaupt nichts Tolles. Man stelle sich vor, nach dem Tod kommt noch was. Dann verliert doch der Tod völlig an Bedeutung. Und wenn der Tod seine Bedeutung verliert, dann auch das Leben.

Gut, dieser logische Denkfehler wird in Religionen für gewöhnlich dadurch gelöst, dass entweder die Paradies-Hölle-Dichotomie eingeführt wird oder dass man dann halt als irgendetwas wiedergeboren wird. Wenn man sich daneben benommen hat, dann als etwas, was der Mensch arrogant als niedere Lebensform betrachtet; Küchenschabe, Regenwurm oder so. Wobei ich die Küchenschabe für weitaus besser an ihre Umgebung angepasst halte als der Mensch. So eine Küchenschabe bekommt nie in ihrem Leben einen Burnout. Aber die Entfremdung des Menschen von sich selbst und seiner Natur durch übertriebenes Leistungsstreben ist ein anderes Thema. Regenwurm ist schon nicht so prickelnd, da wird man gleich von der nächstbesten Amsel verspachtelt. Auf der anderen Seite hat man in der kurzen Zeit nicht so viel Gelegenheit Mist zu bauen und dann wird man als Amsel wiedergeboren.

Wie dem auch sei, ich glaube an diesen Käse  Gedankengang nicht, dass nach dem Tod noch was ist. Ich verstehe nicht, was daran so schlimm sein soll. Das ist doch in Ordnung. So muss ich mir halt in diesem einen Leben, das ich habe, Mühe geben, es möglichst sinnvoll und anständig zu füllen. Wenn ich das nur mache, um nicht in die Hölle zu kommen oder um ins Paradies zu kommen, finde ich das persönlich etwas … na ja … scheinheilig. Andererseits bin ich kein Anhänger der Moralvorstellung von „Der Zweck heiligt die Mittel“, sondern vertrete eher den gegenteiligen Standpunkt „Die Handlungen heiligen die Absicht“. Sprich: Wenn ich Gutes tue, also möglichst vielen Lebewesen und Menschen helfe und nutze sowie dabei möglichst wenig Schaden anrichte, dann ist es meiner Meinung nach zweitrangig, ob ich das mache, weil ich gerade nichts Besseres zu tun habe, weil ich glaube, nach dem Tod dafür belohnt zu werden, weil ich glaube, dass sich mein Karmakonto dadurch erhöht oder aus Versehen.

Also von mir aus soll jeder glauben, was ihm hilft, mit dem Chaos, das sich Leben nennt, einigermaßen klar zu kommen. Und da muss sich auch niemand von Klugschwätzern wie mir seine Vorstellungen madig machen lassen. Nur weil ich das mit Himmel-Hölle oder Wiedergeburt für Unfug halte, muss das ja noch lange nicht stimmen. Vielleicht liege ich ja auch falsch. Der Punkt ist: Das ist erstens egal und zweitens kann das eh keiner wissen. Daher ist es auch müßig, sich darüber den Kopf zu zerbrechen.

Um so unverständlicher ist es mir, warum immer noch Kriege geführt und Attentate begangen werden im Namen irgendeiner Ideologie oder Religion. Was soll der Schwachsinn? Das ist doch alles Jacke wie Hose und das Gleiche in grün. So. Und jetzt bin ich schon mal auf mein Dasein als Küchenschabe gespannt, da gibt’s bestimmt viel zu entdecken. Klugschwätzen kann ich dann zwar nicht mehr, aber nerven schon. Gnihihi.

Essai 137: Über die Bewahrung der Integrität in Krisenzeiten

11. Januar 2015

Zwölf Menschen starben am 7. Januar 2015. Als Redakteurin und (Halb)-Französin waren Cabu, Charb und Co. meine Kollegen, meine Landsleute, Vertreter meiner Kultur. Ich stehe noch immer unter Schock und kann es nicht verstehen. Ähnlich ging es mir nach dem 11. September 2001, als die Flugzeuge ins World Trade Center flogen, aber dieses Mal ist es trotzdem anders. Kleiner zwar, aber persönlicher.

Ich verstehe nicht, was das soll und ertappe mich bei dem Gedanken: „Wenn es diesen religiösen Fanatikern in Frankreich, in einem demokratischen, freien Land, nicht gefallen hat, warum sind sie dann nicht in ein unfreies, undemokratisches Land gegangen?“ und schäme mich sofort, weil das doch Gedankengut ist, mit dem man in einer Pegida-Demo gar nicht weiter auffallen würde. Es ist gar nicht so einfach, in solchen Zeiten der Krise, in denen ein paar fundamentalistische Riesenarschlöcher Gott spielen und Menschenleben grundlos vernichten müssen, nicht an den eigenen, menschenfreundlichen Überzeugungen zu zweifeln.

Denn eigentlich glaube ich an das Gute im Menschen. Da bin ich normalerweise hoffnungslos idealistisch und immer bereit, die positiven Seiten eines Sachverhalts bevorzugt zu betrachten. Aber was gibt es Positives daran, wenn Jungs im Alter von meiner Schwester und mir sämtliche Vernunft, Logik, Humor, Mitgefühl und was sonst noch zur Menschlichkeit dazu gehört, willentlich über Bord werfen, um anderen Menschen, die niemandem etwas getan haben, die einfach nur unterhalten und auf witzige Weise auf aktuelle, gesellschaftliche und politische Ereignisse reagieren wollten, mit Kalaschnikows und Raketenwerfern hinrichten? Und wozu das alles? Weil sie beleidigt waren?

Wie bei jeder fanatischen Ideologie ist auch der Islamismus (nicht der Islam) von vorne bis hinten unlogisch. Wenn Gott allmächtig ist, braucht er keine selbsternannten Gotteskrieger, um ihn zu verteidigen. Außerdem steht er oder sie oder es da doch drüber, wenn er eh alles kann und weiß, wenn sich da irgendwer einen Spaß auf seine Kosten erlaubt. Und nicht zuletzt: Woher wissen die Fanatiker, dass da ihr Gott oder einer seiner Stellvertreter abgebildet wurde, wenn sie sich kein Bild von ihm machen dürfen und von daher auch nicht wissen können, wie er aussieht? Und wegen sowas müssen Menschen sterben?

Trotzdem und gerade deswegen ist es wichtig, sich seine Integrität zu bewahren. Wenn man sich von der Verzweiflung übermannen lässt, sich von dem Hass, der Gewalt, den Rachegelüsten dieser Terroristen anstecken lässt, dann ist man am Ende auch nicht besser als sie, hält sich aber dafür. Und dann teilt man plötzlich die Welt in Seiten ein, in Schwarz und Weiß, Gut und Böse, Westen und Osten. Und dann hat der Krieg schon begonnen und man ist mittendrin und lässt sich instrumentalisieren, damit irgendwelche verblendeten, größenwahnsinnigen Arschlöcher ihren Willen durchsetzen und anderen ihre verquere, von Hass zerfressene Weltsicht aufzwingen können.

Dann stimmt man Marine Le Pen zu, die die Todesstrafe zurückfordert (auch noch per Guillotine, geht’s noch?) oder findet plötzlich, dass die AfD, Pegida und Konsorten gar nicht so unrecht haben (wie da einige jetzt ein triumphierendes „Siehste“ unausgesprochen, aber überdeutlich vor sich hertragen ist einfach nur zum Kotzen!) oder wird seinerseits zum Fanatiker, nur dass man für seinen Hass nicht den Islam zum Deckmäntelchen wählt, sondern irgendeine andere Religion oder Ideologie. Das Ergebnis wäre eine gespaltene Gesellschaft, in der jeder das vereinfachte Weltbild für die absolute, unumstößliche, allgemeingültige Wahrheit hielte, welches ihm von religiösen oder ideologischen Anführern vorgekaut würde. Diese Anführer würden ihre Marionetten als Kanonenfutter aufeinander prallen lassen und sich die Hände reiben (nicht selbst schmutzig machen) und ihrem Machthunger frönen.

Ich will das nicht.

Ich will nicht, dass irgendjemand für mich denkt, dass mir irgendwer vorschreibt, was ich für richtig und was für falsch zu halten habe. Ich will, dass mein moralischer Kompass intakt bleibt. Ich will weiter jedem Menschen, den ich treffe, offen begegnen, neugierig sein, ihn mit all seinen Facetten kennen lernen.

Als Atheistin glaube ich nicht daran, dass uns irgendwer die Schuld, die wir auf uns laden, abnimmt. Niemand nimmt einem die Verantwortung ab, die der freie Wille mit sich bringt. Schicksal? Gibt’s nicht. Und das ist eigentlich auch gut so, denn das bedeutet, das jeder die Chance hat, das Beste aus dem zu machen, was ihm bei der Geburt und durch die Herkunft mitgegeben wird. Da ist keiner, der einem das abnimmt. Wir entscheiden selbst, ob wir etwas tun, was anderen schadet oder ob wir etwas tun, was anderen hilft.

Manchmal sind die Situationen komplexer, dann muss man abwägen. Zum Beispiel als die beiden Attentäter sich in der Druckerei verschanzt hatten und erschossen wurden. Hätte es eine andere/bessere Möglichkeit gegeben, sie zu stoppen? Vermutlich nicht. Im Gefängnis hätten die ihr Netzwerk weiter steuern können, ihren Ausbruch organisieren oder weitere Anschläge planen können. Frei herumlaufen lassen ging erst recht nicht. Und trotzdem bleibt da jetzt ein bitterer Nachgeschmack, weil diese Fundamentalisten genau das bekommen haben, was sie wollten: den Märtyrertod. Und weil da jetzt unschuldige Menschen anderen ihr Leben nehmen mussten.

Wie also soll man sich angesichts solcher Schrecken verhalten?

Ich denke, man sollte sich mit ganzer Kraft dagegen wehren, Vorurteile aufkommen zu lassen. Denn dann hätten Fanatiker jeder Couleur gewonnen, die Gesellschaft würde sich spalten. Stattdessen ist Zusammenhalt, Solidarität wichtiger denn je. Die Geschwindigkeit, mit der Journalisten, Satiriker und Karikaturisten überall auf der Welt ihr Mitgefühl zum Ausdruck brachten, gibt Hoffnung. Wenn ihre Stimme lauter nachklingt als der Hass, haben die Terroristen im Nachhinein doch noch verloren.

Spannende Kommentar zu dem Thema kamen zum Beispiel von Christoph Sieber und Oliver Kalkofe:

Und von Flix gab es einen treffenden Comic-Strip.

Essai 106: Über die Du darfst-Mentalität

26. Mai 2013

Früher gab es mal eine ganz besonders nervige Werbung für angeblich kalorienreduzierte, figurenfreundliche Nahrungsmittel. Darin versuchten die Produzenten ihre Zielgruppe zum Kauf des Zeugs zu überreden, indem eine fröhliche Frauenstimme in einer munteren Melodie „Ich will so bleiben wie ich bin“ flötete und dann total sexy hinterherhauchte „Du darfst“. Weiß nicht, vielleicht gibt’s den Quatsch immer noch, aber ich hab den Spot länger nicht mehr gesehen. Über die Unsinnigkeit von vermeintlichen „Light“-Produkten will ich mich hier gar nicht weiter auslassen. Denn ich gehe davon aus, dass inzwischen hinlänglich bekannt ist, dass, wenn man viel Fett durch viel Zucker oder viel Zucker durch viel Süßstoff ersetzt oder einfach die Wurstscheiben dünner macht, das noch lange nicht automatisch zur idealen Bikinifigur führt. Worüber ich mich heute aufregen möchte, ist diese unsympathische Mentalität, die sich in dem Werbejingle äußert.

Mir ist schon klar, dass das nett gemeint ist, wenn man gesagt bekommt, man solle so bleiben wie man sei. Und als solches nehme ich das dann meistens auch auf. Aber wenn man mal so darüber nachdenkt, dann ist das doch ziemlich witzlos, wenn man sich sein Leben lang kein bisschen entwickelt. Niemand ist perfekt, das ist denke ich eine der wenigen Feststellungen, denen ich ohne einen Essai darüber zu schreiben, zustimmen kann. Infolgedessen gibt es immer etwas, das man an sich verbessern und woran man arbeiten kann. Wenn man eine bestimmte Schwäche hat, ist das völlig OK. So lange man versucht, das Beste daraus zu machen. Das ist ein aktiver, lebendiger Prozess und das kann ja auch Spaß machen. Wenn man einfach nur auf seinen vier Buchstaben hockt, dünne Wurstscheiben mit Süßstoff futtert und allen anderen die Verantwortung für das eigene Leben überlässt, ist das doch stinklangweilig. Und mit der Bikinifigur wird das auf diese Weise auch nichts. Natürlich hat man manchmal Pech, fiese Gene, schlechte Erziehung erhalten oder was es sonst noch so an gängigen Ausreden dafür gibt, dass irgendwas, das man gern hätte, nicht klappt. Doch muss das einen daran hindern, trotzdem – oder erst recht – ein Problem zu erkennen, zu überlegen, was man dagegen tun kann und es dann auch in die Tat umzusetzen? Beziehungsweise sich Hilfe holt, wenn man es allein nicht hinkriegt? Muss das sein, dass man sich dann schmollend hinstellt und patzig sagt: „Ich bin nun mal eben so“, anstatt mit kritischer Selbstreflexion auf Lösungssuche zu gehen?

Mir geht diese „Du darfst“-Mentalität nämlich unglaublich auf den Senkel, fast noch mehr, als dieser debile Werbespot. Da wird dann gejammert und lamentiert und immer sind die ominösen „Anderen“ an „allem“ Schuld und man selbst ist das arme kleine Opfer, das doch Ach so perfekt ist, aber keiner hat es lieb, weil die Welt ja so gemein ist. Das ist ja völlig OK, wenn das mal eine kurze Phase oder eine momentane Stimmung ist und man sich nur mal kurz ein bisschen ausheulen muss und dann ist auch wieder gut. Was nervt, ist, wenn das zur lebensbestimmenden Grundeinstellung wird. Wenn jemand dann mit so einem imaginären Selbstvertrauen durch die Gegend stolziert und innerlich summt „Ich will so bleiben wie ich bin“ und dann erwartet, dass ihm alle wohlwollend entgegenhauchen „Du darfst“. Na gut, dürfen tut man natürlich schon. Zumindest in dem Sinne, dass es legal ist, wenn man sich dusselig anstellen und dafür auch noch betüddelt werden möchte. Man darf sich rechtlich gesehen auch hinterher darüber wundern, wenn man nicht ständig mit Lob dafür überschüttet wird, dass man überhaupt nicht an sich arbeitet und sich gehen lässt. Nur, sollte man das deswegen auch, weil man es darf? Denn weder hat man selbst etwas davon, wenn man sich stur weigert, sich zu entwickeln und zu verändern, noch irgendjemand anders. Außerdem kann man sich da auch einfach mal ganz zynisch fragen, was das Leben überhaupt für einen Sinn machen soll, wenn nicht fließende Entwicklung statt Stillstand. Die Welt um einen herum bleibt ja auch nicht so wie sie ist. Und das ist auch gut so. Da sollte man sich dran anpassen, wenn man nicht als alter Mensch mit Reue auf sein Leben zurückblicken und feststellen will, dass man alle seine Möglichkeiten tatenlos hat verstreichen lassen.

Essai 100: Über Sexismus, Dirndl und sexuelle Belästigung

3. Februar 2013

Bevor die Sexismus-Debatte, die der Stern-Artikel „Herrenwitz“ von Laura Himmelreich über Rainer Brüderle ausgelöst hat, wieder in der Versenkung verschwindet, will ich zu diesem Thema jetzt auch mal meinen Senf beitragen.

Zum einen ist mir aufgefallen, dass die Sexismus-Debatte nicht nur bedingt in besagtem Artikel thematisiert wird, sondern sich inzwischen auch ganz davon gelöst hat. Allerdings ist sie – fürchte ich – gerade wieder am Verpuffen. Dabei halte ich es für unumgänglich, dass wir im 21. Jahrhundert mal darüber nachdenken, wie wir uns im intergeschlechtlichen Umgang miteinander verhalten. Es geht ja nicht nur darum, dass ein nicht mehr ganz nüchterner älterer Herr einer jungen Frau in den Ausschnitt guckt und plumpe „Komplimente“ macht, sondern Sexismus ist ein tiefsitzendes gesellschaftliches Problem, das uns alle etwas angeht.

Im Übrigen halte ich es für Quatsch, dass Brüderle sich entschuldigt, denn eine Entschuldigung ist nur sinnvoll, wenn Einsicht in eigenes Fehlverhalten vorliegt. Das ist bei Brüderle nicht der Fall, der war meiner Meinung nach einfach so, wie er immer ist, wenn er in den Feierabendmodus geschaltet hat. Frau Himmelreich war noch im Arbeitsmodus und so konnte das Gespräch nicht funktionieren. Das ist klar, dass beide völlig aneinander vorbeireden, wenn sich keiner auf den unterschiedlichen Modus des anderen einstellt. Es wäre vielleicht am klügsten gewesen, hätte sich die Nüchternere (Frau Himmelreich) an dem Abend zurückgezogen und Herrn Brüderle am nächsten Tag noch mal angesprochen. Nichtsdestotrotz kann man sich natürlich fragen, ob das nicht auch schon Sexismus ist, dass Männer machen dürfen was sie wollen und sich fröhlich wie die Höhlenmenschen aufführen können und von den Frauen wird erwartet, dass sie damit umgehen. Jungs sind eben Jungs. Das ist doch Mist!

Ich meine damit nicht, dass die Frauen sich dann dem männlichen Verhalten in solchen Situationen anpassen und sich ihrerseits wie Troglodyten aufführen, sondern ich bin der Meinung, dass Männer sich sehr wohl auch mal zusammenreißen können. Sie mussten es bloß nie und haben es deswegen nicht gelernt. Aber irgendwann sollten sie doch mal damit anfangen.

In unserer Gesellschaft herrscht unterschwellig immer noch die Normvorstellung vor, dass Männer den Frauen naturgemäß überlegen wären. Männer haben mehr Führungspotential, Männer sind das „starke Geschlecht“, Männer können besser mit Geld umgehen, besser rechnen, besser wirtschaften und überhaupt, wer hat denn die ganzen großen Erfindungen und Entdeckungen der Weltgeschichte gemacht? Eben. Dass Galileo, Goethe, Einstein und Konsorten ganz bestimmt eine Frau irgendwo hatten, die den feinen Herrn die Wäsche gewaschen, das Essen gekocht und eventuell vorhandene Kinder umsorgt haben, wird dabei gern verschwiegen. Die Frauen waren einfach viel zu beschäftigt und außerdem auch viel zu unterdrückt als dass sie die Zeit zum Forschen, Dichten und Denken gehabt hätten. Mit Natur und genetischer Veranlagung hat das nichts zu tun. Machen wir aber einen kleinen Zeitsprung ins 21. Jahrhundert, so hat sich doch Einiges geändert. Frauen haben jetzt prinzipiell die gleichen Rechte wie Männer. Aber was im Gesetz verankert ist, ist noch nicht in allen Köpfen angekommen.

Noch immer werden Frauen aus Prinzip schlechter bezahlt als Männer. Noch immer muss man über eine Frauenquote diskutieren, damit mehr Frauen an höhere Positionen kommen. Noch immer denkt man ernsthaft über so etwas Beklopptes wie das Betreuungsgeld nach, damit Frauen dafür belohnt werden, überholte Rollenmuster wieder zu beleben. Noch immer muss sich eine Bundeskanzlerin Angela Merkel gefallen lassen, dass man darüber diskutiert, wenn sie mal ein Kleid mit Ausschnitt trägt. Dass Guido Westerwelle neulich mal Rollkragenpulli statt Schlips und Hemd trug, interessiert keinen Menschen. Nein, Klamotten sind immer noch Frauengedöns. Schminkt man sich als Frau, wird das so gewertet, dass sie den Männern gefallen wolle. Schminkt sie sich nicht, gilt das gleich als ungepflegt. Zieht sie sich figurbetont an, muss sie mit blöden Blicken oder dummen Sprüchen rechnen. Trägt sie nur Kartoffelsack und Gummistiefel hält man sie für eine leicht verrückte Baumliebhaberinnen-Öko-Tussi. Kurz: Wie man es als Frau auch macht, man macht es falsch. Aber beklagen wir uns darüber? Nein. Auch nicht, wenn die Männer zum wiederholten Male herumnölen, die weibliche Emanzipation habe sie metaphorisch entmannt, die Frauen hätten sie zu Konsumtrotteln gemacht, es fehlten ohnehin auch die männlichen Vorbilder und man dürfe ja auch heute gar nicht mehr männlich sein, das allein wäre ja schon ein Verbrechen, blasülz. So ein Schwachsinn. Natürlich dürfen alle noch ihre Penisse und Vaginas behalten, aber der Besitz davon ist doch wohl kein Freifahrtsschein für respektloses Verhalten. Und da gibt es noch reichlich Diskussionsbedarf.

Die immernoch männlich-weiß-heterosexuell geprägten Machtstrukturen werden sich nicht von heute auf morgen auflösen lassen. Aber irgendwo muss man mal damit anfangen, anstatt immer zu leugnen, dass diese Machtstrukturen existieren. Wenn ein flapsiger, dummer und plumper Spruch eines Politikers dazu führt, dass man immerhin mal ins Grübeln kommt, dann fände ich das prima. Ich fürchte aber, diese Strukturen sitzen so fest, das wird im Sand versickern, ohne dass sich etwas ändert. Es sind ja auch nicht einfach nur die Männer schuld. Sondern es ist ein gemeingesellschaftliches Problem, wo auch Frauen mit beteiligt sind. Vielleicht haben wir Mädels uns auch einfach schon viel zu lange viel zu viel gefallen lassen. Vielleicht haben wir nicht genug zusammen gehalten. Vielleicht haben wir nicht laut genug mit dem Fuß aufgestampft und gesagt „es reicht!“ Vielleicht haben wir zu oft über plumpe Scherze gekichert, uns für misslungene Komplimente artig bedankt oder dumme Anmachen höflich ignoriert. Ich weiß es nicht. Jedenfalls ist das noch ein langer Weg zur tatsächlichen Gleichberechtigung von Mann und Frau. Und bevor hier gleich wieder das Gezeter losgeht. Ich bin nicht dafür, dass die Machtstrukturen ins andere Extrem umkippen. Wir sind hier ja nicht bei Penthesilea und ihren Amazonen. Nein, ich bin dafür, dass alle – egal welchen Geschlechts – mit Respekt behandelt werden.

Dann gibt es noch ein Thema, das oft mit Sexismus in einen Topf geworfen wird, das ist sexuelle Belästigung. Die Grenze ist fließend und außerdem immer vom Kontext und den Persönlichkeiten und Hintergründen der beteiligten Personen abhängig. Deswegen ist es sehr schwer, vielleicht sogar unmöglich, da eine allgemeingültige Definition zu finden. Natürlich kann man sagen: „Belästigung ist, wenn sich jemand belästigt fühlt“. Aber das ist gar nicht so einfach. Manchmal fühlt man sich ja auch erst im Nachhinein belästigt und ist im ersten Moment vor allem baff und schockiert. Ist eine unerwünschte Anmache zum Beispiel schon Belästigung? Wenn mich jemand fragt, ob ich mit ihm was essen gehe, obwohl ich überhaupt nichts gemacht habe, das Flirtbereitschaft signalisiert hätte (jedenfalls nicht absichtlich), ist das dann einfach Pech oder schon Belästigung? Schließlich ist das ja auch ganz schön knifflig für Männer, Frauen anzusprechen. Da viele Frauen nach wie vor der Ansicht sind, es läge beim Mann, den ersten Schritt zu wagen und sie anzusprechen, denken immer noch viele Männer, das wäre ihre Pflicht. Nun sind aber die meisten Männer recht ungeschickt im Flirten und benehmen sich wie Trottel, wenn eine Frau ihnen gefällt. Dann machen sie erstmal ewig Feldforschung und fallen dann mit der Tür ins Haus, so dass die Frau völlig überrumpelt ist und gar nicht weiß, was sie davon halten soll. Ihres Wissens hat sie nämlich nichts gemacht. Ich denke, das lässt sich vermeiden, indem man sich erstmal beiläufig kennen lernt und dann kann man sich ja auch anfreunden, wenn es mit einer Beziehung nicht klappt. Na ja. Aber ist dieses Tollpatschig-Plumpe schon Belästigung? Denn, ich fühle mich dann dadurch belästigt, wenn ein Typ mir Avancen macht, bevor man sich überhaupt nett unterhalten hat. Wobei ich auch der Meinung bin, wenn mir einer gefällt, dann sage ich dem Bescheid und solange ich dem nicht sage, dass ich mit ihm eine Beziehung versuchen will, will ich das auch nicht. Alles, was nicht „Ja“ ist, ist „Nein“. Aber ich bin ja nicht Maßstab aller Dinge, also kann ich nicht davon ausgehen, dass Männer das wissen. Erst recht nicht, wenn diese Paddel mit der Tür ins Haus fallen, ohne mich vorher zu kennen.

Aber wenn ich es recht bedenke, das nervt schon ganz schön. Trotzdem – weil die böse Absicht dabei fehlt – würde ich das nicht als sexuelle Belästigung ansehen, die man bei der Polizei anzeigen müsste. Dass die Anmache doof rüberkommt liegt ja nicht daran, dass die Jungs in der Absicht, mir ihren Willen aufzudrücken oder mich wie ein Stück Fleisch respektlos zu behandeln, auf mich zugekommen sind, sondern in der Absicht, mich kennen zu lernen. Also, die Motivation spielt dabei auch eine Rolle, nicht bloß das Gefühl einer Person. Schließlich gehören zur Belästigung ja zwei Personen, nicht nur die Person, die sich belästigt fühlt, sondern auch die, die belästigt. Wenn also der Typ, der mich ungeschickt angegraben hat, nach einer nicht-eindeutig-zustimmenden Reaktion meinerseits nicht locker lässt und versucht mich zu überreden, dann kann man davon ausgehen, dass er mir seinen Willen aufdrücken will und dann ist das Belästigung. Muss man das anzeigen? Nein. Trotzdem finde ich es sehr störend, wenn man versucht, mich zu überreden, wenn ich schon ablehnend reagiert habe. Und jetzt komme mir bitte niemand mit „Ja, wieso, da muss dann die Frau auch einfach mal klipp und klar sagen, dass sie das nicht möchte.“ Der Mann könnte genauso gut auf Körpersprache und Zwischentöne achten, die genau das genauso klipp und klar zum Ausdruck bringen. Ob jetzt eine Frau Himmelreich zu einem Herrn Brüderle sagt „Ich möchte das hier gern professionell halten.“ oder ob sie ihm sagt „Lassen Sie mich in Ruhe, ich möchte nicht, dass sie mich anbaggern“ ist ja wohl genau das Gleiche. Bloß ist das erste höflich und professionell und das zweite unfreundlich und zickig. Wenn ich zu einem Typen sage, der mich angegraben hat: „Ich möchte jetzt lieber mein Buch lesen“ ist das eine höfliche Abfuhr, wenn ich sage: „Verpiss dich, du Idiot, ich will nichts von dir“, bedeutet das genau das Gleiche, aber ich beleidige den anderen damit.

Wie ist das mit anzüglichen Blicken? Belästigung oder nicht? Normalerweise würde ich sagen: Gucken, von mir aus, aber anfassen ist nicht! Aber wenn ich es mir recht überlege, ist das auch schon belästigend, wenn mir einer ununterbrochen auf die Brüste guckt und sich noch nicht einmal die Mühe gibt, weg zu gucken. Jedoch ist auch das etwas, was man als Frau nicht anzeigen würde. Wir denken dann nämlich, wir dürfen uns nicht so anstellen, der macht doch nichts, der guckt doch nur. Miteinander reden? Als ob ein verkappter Lustmolch, der Frauen mit Blicken auszieht ein Einsehen darin hätte, wie sehr sein Verhalten stört. Was ist mit den Männern in der U-Bahn, die sich extra nah an die junge Frau neben ihnen hinsetzen? Was ist mit den Wanderpfoten im Schwimmbad, die wie zufällig an Frauenkörper greifen? Was ist mit den besoffenen Schmierlappen in der Disko, die nicht kapieren, dass „Nein“ auch „Nein“ heißt? Da kann man zwar Anzeige gegen Unbekannt erstatten, aber erstens bringt das doch nichts und zweitens finde ich, das kann man ja wohl nicht nur den Frauen anlasten. Von wegen, selber Schuld, was geht die auch im Schwimmanzug oder Bikini ins Schwimmbad, was setzt die sich in der U-Bahn auch hin und was zieht die sich auch so feminin an, wenn sie tanzen geht. Da finde ich, könnten die werten Herren der Schöpfung doch auch mal ihr Oberstübchen bemühen, ihre kritische Selbstreflexion aktivieren und nicht immer gleich automatisch davon ausgehen, sie wären unwiderstehlich. Von Frauen verlangt man schon seit immer, dass sie sich zusammenreißen. Da kann man doch das gleiche auch mal von den Männern erwarten. Oder etwa nicht?

Essai 99: Über den Umgang mit intoleranten Ignoranten

23. Januar 2013

Gestern habe ich mich über die intoleranten Ignoranten ereifert, die anderen Leuten völlig grundlos verbieten wollen, zu heiraten. Ein Kommentar auf meiner Facebook-Seite hat mich nun in eine Art moralisches Dilemma versetzt: „Ich meine, dass die Kunst in der Demokratie darin besteht, unterschiedliche Meinungen stehen zu lassen und Kontroverses kontrovers diskutieren zu können, ohne sich gegenseitig als Ignorant zu bezeichnen. Sonst ist das intolerant“.

Da dachte ich, verdammt, das stimmt. Indem ich religiöse Fanatiker als intolerante Ignoranten und Vollidioten verurteile, zeige ich mich ihnen gegenüber ebenfalls intolerant. Auf der anderen Seite schaffe ich es beim besten Willen nicht, deren Meinung widerspruchslos zu akzeptieren und zu sagen, kein Problem, dann sehen die das halt anders. Ich kann mir nicht helfen, ich finde das einfach hochgradig borniert und unendlich dämlich, wenn man völlig frei von vernünftigen Argumenten anderen Menschen unnötig das Leben schwer macht. Das kann ich doch nicht einfach so tolerieren oder etwa doch? Und macht mich das dann automatisch zu einer antidemokratischen, scheinheiligen Faschotussi wenn es mir nicht gelingt, religiöse und andere Fanatiker weiter ihre Hasstiraden salontauglich unter die Leute bringen zu lassen, ohne mich darüber aufzuregen?

Wie also geht man mit Intoleranz um? Gewalt erzeugt Gegengewalt, das wissen nicht nur die Die Ärzte mit ihrem Schunder-Song. Da Intoleranz auch eine Form von Gewalt ist, möchte ich mal behaupten, ist es also ganz natürlich, dass ich darauf mit Gegenintoleranz reagiere? Dann wäre ich aber nicht so vernünftig denkend, wie ich es mir einbilde, wenn ich einfach instinktiv reagiere. Das kratzt ganz schön an meinem Selbstverständnis, das muss ich mal ganz ehrlich zugeben.

Muss man sich denn  im Namen der Toleranz jeden Scheiß gefallen lassen? Aber wenn man so anfängt und jeder hält irgendetwas anderes für „Scheiß“ dann regiert hier bald die allumfassende Intoleranz und das kann ja nun auch nicht das Ziel sein. Aber alles stillschweigend ertragen und erdulden, alles hinnehmen und nichts sagen, das hat ja nun noch nie irgendwem irgendwas genützt. Im Gegenteil. Solche Mitläufer tragen eine menschenverachtende Dikatur mit und reden sich hinterher damit heraus, dass sie ja von nichts gewusst hätten.

Was soll man dann tun, um bornierte Schwachköpfe zum Nachdenken zu bringen? Wenn vernünftige Argumente, gutes Zureden, friedliches, freundliches Bitten nichts ändern? Allerdings bringt es auch nichts, sich über sie aufzuregen. Was man auch tut, die sind so gefangen in ihrer Gedankenwelt, wo es nur „richtig und falsch“, „Schwarz und Weiß“, „gut und böse“ oder eben „Homo und Hetero“ gibt und wo diese Dichotomien absolut unvereinbar sind, dass man mit allem was man tut, ob pazifistisch oder nicht, auf Granit beißt. Und, es tut mir leid, aber ich schaffe es einfach nicht, da ruhig zu bleiben und zu denken, sollen sie mal machen und ich kümmer mich derweil um meinen Kram und gut ist. Da sträuben sich mir die Nackenhaare, kräuseln sich die Zehennägel, platzen mir Hutschnur und Kragen. Erst recht, weil ich weiß, dass das überhaupt nichts bringt, sich aufzuregen. Auf solche Pattsituationen, die man weder mit gesundem Menschenverstand noch mit sonstwas auflösen kann, komme ich nicht klar.

Also, halten wir fest: Man kann nichts gegen Idioten, die dumme Parolen durch die Gegend krakeelen, tun. Sie denken so oder so nicht nach, ob man sich nun ereifert, oder sie einfach machen lässt. Vermutlich wäre man also besser dran – vorausgesetzt, man möchte seine Ruhe haben – sie schlichtweg zu ignorieren und sich nicht über sie aufzuregen und sie einfach weiter lauthals Quatsch verzapfen zu lassen. Damit lässt man den Schreihälsen aber viel mehr Raum, als für das friedliche Miteinander gut ist. Das will man ja nun auch nicht. Und das ist die Stelle, wo sich die Katze in den Schwanz beißt und ich nicht weiterkomme. Sobald man die fanatischen Querulanten nämlich in ihre Schranken weist und ihnen nicht den Raum gibt, den sie für sich beanspruchen, verhält man sich nicht mehr hundertprozentig demokratisch und tolerant und das will man sich doch auch nicht zuschulden kommen lassen. Aber wie kann man denn Intoleranz mit Toleranz begegnen und wie kann man antidemokratische Meinungen mit demokratischen Mitteln im Zaum halten? Ich weiß es nicht. Denn wenn man das Gegenteil tut, ist man schwuppdiwupp in einer Gewaltspirale drin, die noch mehr Schaden anrichtet, als die Idioten allein. Keine Ahnung, wie man aus diesem Dilemma wieder herauskommt.

Essai 98: Über intolerante Ignoranten und die sogenannte Homo-Ehe

22. Januar 2013

Eins muss ich mal in aller Deutlichkeit sagen: Religiöse Fanatiker nerven! Haben von Tuten und Blasen keine Ahnung, aber müssen allen Leuten vorschreiben, was sie zu tun und zu lassen haben. Ganz besonders lästig sind, auf der westlichen Hälfte der Erdkugel, die christlichen Extremisten. Machen einen auf tolerant und verplempern dann ihre Zeit damit, anderen Menschen ein bisschen Glück zu verbieten, das niemandem weh täte, wenn es ihnen erlaubt würde.

Man ahnt es bereits, ich bin beim Thema „Homo-Ehe“. Die Tüddelchen sind Absicht, ebenso das „sogenannte“ im Titel. Mir persönlich gefällt die Formulierung nämlich nicht sonderlich. Das wirkt so, als wäre die „Homo-Ehe“ etwas anderes als die „Hetero-Ehe“ und als wäre Ersteres nicht selbstverständlich, Zweiteres hingegen ja. Besser gefällt mir die französische Bezeichnung „Mariage pour tous“ – „Ehe für alle“. Es fällt mir nämlich wirklich nicht ein einziger Grund ein, warum nicht alle heiraten und warum nicht alle Kinder adoptieren dürfen sollten. Es ist doch völlig egal, aus wie vielen Leuten welchen Geschlechts auch immer eine Beziehung besteht. Wenn man sich liebt und das rechtlich verankern und mit seiner ganzen Familie und seinen Freunden feiern will, dann soll man doch ruhig heiraten. Das ist doch schön. Und einem Kind ist das doch völlig wumpe, ob es nun zwei Papas, zwei Mamas, einen Papa und eine Mama oder nur einen davon oder sonstwas hat, Hauptsache, da ist überhaupt jemand, der sich liebevoll kümmert und sich für das Kind interessiert. So einfach ist das.

Leider denken nicht alle so, wenn ich mir diese ganzen intoleranten Ignoranten ansehe, die in Frankreich auf die Straße stürmen und wutentbrannt dagegen protestieren, dass Menschen, die sie nicht einmal kennen, die niemandem irgendwas getan haben, wie „normale“ Menschen behandelt werden wollen. Und in Deutschland ist das ja keinen Deut besser. Auch hier sitzen die Idioten im selbstauferlegten Auftrag des Herrn in den Talkshows und verbreiten geistigen Dünnpfiff, den sie sich nicht einmal selbst ausgedacht haben. Da wiederkäuen sie immer wieder den gleichen Salat, von wegen, eine Familie bestehe nun mal eben aus Vater, Mutter, Kind. Und was beim Wiederkäuen herauskommt, weiß man auch mit rudimentären Kenntnissen der Landwirtschaft, das ist nämlich Mist.

Es ist genau die gleiche alte Leier wie auch schon beim Thema Betreuungsgeld oder auch beim Thema Frauenquote. Vornehmlich die feinen Herrn und Damen von der „Christlich Sozialen Union“ (Christlich? Sozial? Union? – am Arsch!) werden offensichtlich nicht müde, gebetsmühlenartig zu wiederholen, dass sie sich in dem Punkt nun mal eben so und so entschieden haben und das bleibt jetzt bis in alle Ewigkeiten so und damit Ende der Diskussion. Unfassbar, dass es tatsächlich noch Leute gibt, die diese fanatischen Dummköpfe überhaupt beachten. Am besten wäre es, Ignoranten zu ignorieren, dann können die herumblubbern so viel sie wollen, sie richten dann immerhin keinen Schaden am allgemeinen gesellschaftlichen Wohlbefinden an. Aber nein, stattdessen lädt man sie hierzulande in Talkshows ein. Warum? Man weiß doch vorher, was sie sagen werden und man weiß auch schon vorher, dass sie ihre Meinung niemals ändern werden. Wieso bietet man denen so eine große Plattform? Die können ja am Stammtisch von mir aus gerne ihre kernigen Phrasen dreschen, aber im Fernsehen hätte ich gerne meine Ruhe vor diesen Pappnasen. Zum Glück kann man ja umschalten. Aber leider gibt es ja auch immer wieder Leichtbeeinflussbare, die eben nicht wegschalten und sich von dem überzeugten Auftreten religiöser Eiferer blenden lassen.

Wovor haben die Gegner der „Ehe für alle“ eigentlich Angst? Das verstehe ich wirklich nicht. Was soll denn Schlimmes passieren, wenn Schwule und Lesben heiraten und Kinder adoptieren dürfen? Außer, dass die sich dann freuen. Oder geht das hier nur um Rechthaberei? Das Gefühl habe ich nämlich, dass es den bedenkentragenden Miesmachern nur darum geht, recht zu haben und anderen Leuten das Leben schwer zu machen. Nicht mehr, nicht weniger. Geht es ihnen dadurch besser? Nein. Wird die Welt dadurch friedlicher? Nö. Hat das überhaupt irgendeinen tieferen Sinn? Pustekuchen. Ich könnte jetzt natürlich eine unflätige Vermutung äußern, in der möglicherweise die Begriffe „chronisch“ und „Untervögelung“ fallen würden, aber nachher fühlen sich wieder irgendwelche Leute beleidigt und sind dann erst Recht nicht gewillt, mal ein bisschen ihr Oberstübchen zu bemühen.

Essai 90: Über Ersatz-Probleme und Stellvertreter-Ärgernisse

1. Juli 2012

Am vergangenen Donnerstag ging die Welt unter. Tja, die Mayas lagen falsch und waren ein halbes Jahr zu spät dran mit ihrer Schätzung. Aber die Mayas kannten ja auch noch keine Fußball-Europameisterschaften. Hier in Deutschland aber ist Fußball offenbar die Welt und eine ‚Niederlage‘ Untergang derselben. Schlimm. Zugegebenermaßen war ich dieses Mal doppelt geknickt. Ich drücke ja immer zwei Mannschaften die Daumen, den Franzosen und den Deutschen. Die Franzosen haben diesmal die Vorrunde heil überstanden und wurden dann von den Spaniern platt gemacht und die Deutschen nun von den Italienern im Halbfinale. Also wenn hier einer Grund zum Jammern hat, dann bin ich das (und meine deutschfranzösischen Artgenossen). Ehrlich gesagt, ist mir meine Zeit dafür aber ein bisschen zu schade und deswegen schaue ich mir lieber heute Abend das Finale an und freue mich über jedes Tor das fällt.

Diese lockere Haltung ist aber jedermanns Sache nicht, statt dessen nimmt man solche – Pardon – Kleinigkeiten lieber als Anlass, sich ordentlich über Sachen aufzuregen, die eigentlich egal sind, nur um sich nicht um Sachen kümmern zu müssen, die wirklich im Argen liegen. Kommt die Kanzlerin trotzdem zum Finale?, fragen wir uns. Wann gibt’s eigentlich endlich mal einen angemessenen Mindestlohn?, fragen wir uns nicht. Uns interessiert es auch brennend, wenn ein gewisser Dieter B. eine neue, noch jüngere Freundin hat, die aber genau so aussieht, wie die davor, nur halt jünger. Gleiches gilt für all die anderen prominenten, geltungssüchtigen, triebgesteuerten Lustgreise, die nicht müde werden ihr Privatleben in der Öffentlichkeit zu zelebrieren. Ja, das ist wirklich hochinteressant. Oder ob sich der gewisse Dieter B. und ein Thomas G., formerly known as größter Entertainer den es jemals gab sich in der Jury einer nicht weiter erwähnenswerten Unterhaltungssendung ordentlich kabbeln werden oder nicht, ob genannter Herr G. nun nach seinem Talkshow-Quotendebakel vollends unter sein früheres ‚Niveau‘ gesunken ist und es einfach nicht ertragen kann, einfach auch mal nicht im Mittelpunkt zu stehen, ob dies, ob das, egal, da kümmern wir uns drum, da bleiben wir mit unserer Aufmerksamkeit hängen. Dafür machen wir uns dann halt keine Gedanken über Hungersnöte, Kriege, Armut, Seuchen, und den ganzen unangenehmen Krempel.

Wer wie wann wo mit wem was-auch-immer laufen hatte, ist ein hochinteressantes Thema für jeden Bürotratsch. Dass Berufsanfänger und Absolventen kaum noch eine unbefristete Festanstellung bekommen und sich mit Praktika, Volontariaten, freier Mitarbeit und ähnlichem durchschlagen müssen, dass sie chronisch unterbezahlt sind, dass es einen durch nichts und wieder nichts gerechtfertigten Unterschied zwischen Männer- und Frauengehältern gibt, dass es Frauen immer noch nicht leichter gemacht wird, Arbeit und Familie unter einen Hut zu bekommen, darüber macht man sich keine Gedanken. Nicht nur beim Bürotratsch, auch nicht im Bundestag. Der kümmert sich lieber um Ersatz-Probleme wie diesen völlig beknackten Betreuungsgeld-Schwachsinn, um es den Frauen einfach mal noch leichter zu machen, da zu bleiben, wo sie hingehören, nämlich zu Hause an den Herd.

Es geht natürlich noch abstruser, wenn man sich zum Beispiel mal die Altersfreigaben von Kinofilmen anguckt. Da läuft irgendwann irgendeiner nackig durchs Bild, irgendwo purzelt eine weibliche Brust aus der Bluse – zack, frei ab 18. Da werden haufenweise Menschen erschossen, das Blut fließt in Strömen, Eingeweide fliegen durch die Luft, zermatschte Gehirne gammeln in der Gegend rum, abgehackte Gliedmaßen werden hin und her geworfen – zack, frei ab 12. Verzeihung, aber ist das nicht ein klitzekleines Bisschen unverhältnismäßig?

Aber so ist er, der Mensch. Er ärgert sich lieber über Kleinigkeiten, weil ihm die wirklichen, großen Probleme Angst machen, weil er die nicht überschauen, nicht greifen kann. In jedem von uns steckt so ein kleiner Kontrollfreak, der die Dinge gerne im Griff hat. Und kleine, unwichtige Dinge im Griff zu haben oder in selbigen zu bekommen, ist dann doch etwas einfacher, als das große Ganze im Alleingang umzuwälzen. Das ist durchaus verständlich, auch wenn es die Sache nicht unbedingt besser macht. Und sich um Ersatz-Probleme zu kümmern, die eigentlich wurscht sind, oder die Lösung ist selbstverständlich, lenkt einen von der eigenen Ohnmacht ab, die man gegenüber allumfassender Ungerechtigkeit empfindet. Wenn wir nur mal aufhören würden, zu jammern und stattdessen eben bei diesen Kleinigkeiten einfach mal anfangen würden, etwas gegen kleine Probleme und kleine Ungerechtigkeiten zu unternehmen, dann würden wir es vielleicht auch mit der Zeit schaffen, gemeinsam die größeren, richtigen, wichtigen Probleme zu lösen. Dafür müssten wir aber auch aufhören, immer nur um uns selbst zu kreisen und uns auch mal für unsere Mitmenschen interessieren. Aber bis es soweit ist, gucke ich heute abend Fußball und freue mich über jedes gefallene Tor.


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