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Essai 159: Über den Verlust der Religion

19. Juni 2016

Eigenartig, wie ein bestimmtes Lied, ein Geruch oder eine Atmosphäre manchmal schlagartig Erinnerungen wachrufen kann … So wie neulich, als auf einem Straßenfest neben unserer Wohnung eine Band „Losing my religion“ von REM spielte und ich mich plötzlich wieder daran erinnerte, wie es sich angefühlt hat, als ich meine Religion verlor: wie eine Befreiung. Kleine Warnung vorweg, dieser Essai kann eventuell für Strenggläubige und Strengreligiöse blasphemisch wirken.

Ich war nicht immer Atheistin. Meine beste Freundin zu Grundschul- und Unterstufenzeiten war Tochter eines Pastors und so ging ich regelmäßig mit ihr in seine Kirche zur sogenannten Mädelschar und später zum Bibelunterricht. Mir ist klar, dass „Mädelschar“ ein bisschen nach, na ja, Hitlerjugend klingt, aber tatsächlich war es eine Art Pfadfindertruppe ohne Uniformen. Und es hat Spaß gemacht, man hat zusammen gesungen, gebastelt, Ausflüge gemacht, die Leute waren nett und ich mochte das Gemeinschaftsgefühl dort. Als Kind war ich allerdings noch leichtgläubiger als heute, inzwischen habe ich dann ja doch ein bisschen dazugelernt und verrate nicht mehr irgendwelchen Klemmbrettträgern in der Einkaufsstraße meine Kontodaten, weil sie behaupten, das „kostenlose“ Zeitschriftenabo helfe armen Leuten. Also habe ich alles geglaubt, was man mir da so erzählt hat, unter anderem, welche Popstars alle ihre Seele an den Teufel verkauft haben, um des Erfolgs Willen (Michael Jackson, sämtliche Beatles und haben die Rolling Stones nicht sogar ein Lied namens „Sympathy for the devil“ gesungen?).

Zwar verstand ich nicht so ganz, wie die darauf kamen, was das bedeutete und woher die das wissen wollten, aber ich dachte, die sind älter als ich und wissen Bescheid. Da ich schon als Kind mit lebhafter Fantasie verflucht war, hatte ich fortan grauenhafte Angst, der Teufel würde sich mir meine Seele holen, wenn ich nachts schlafe, weil ich versehentlich dieser frevelhaften Satansmusik gelauscht hatte. Später im Bibelunterricht legte sich diese Angst ein wenig, aber gleichzeitig fing ich auch an, zu hinterfragen. Vor allem fiel es mir immer schwerer, die Klassenbesten im Bibelunterricht, diese bibeltreuen Streber, die immer auf alles eine auswendig gelernte Antwort wussten und sich deswegen als was Besseres vorkamen, ernst zu nehmen. Ich hatte irgendwie keine Lust mehr, Angst zu haben, mir kam es seltsam vor, dass ein Buch mit uralten Geschichten und Legenden die Antworten auf alle Fragen liefern sollte. Und so fing mein religiöser Glaube allmählich an zu bröckeln.

Die letzten Reste sind dann regelrecht zusammengekracht, als ich Goethes „Faust I“ in der Schule las, als Faust sich auf die Gretchenfrage „Wie hast du’s mit der Religion?“ wortreich herausredet, und schließlich erklärt: „Nenn’s Glück! Herz! Liebe! Gott! Ich habe keinen Namen dafür! Gefühl ist alles; Name ist Schall und Rauch, umnebelnd Himmelsglut.“ Darin fand ich meine Zweifel, mein zunehmendes Unbehagen angesichts des kritiklosen Wiederkäuens von Bibelinhalten, in Worte gefasst und dachte: Stimmt, genauso ist es. Ich brauche keine Religion, um meine Mitmenschen möglichst gut, fair, mitfühlend zu behandeln, mich für sie und das, was in der Welt geschieht zu interessieren, das kann ich auch einfach nur deswegen tun, weil ich es will. Das fand ich befreiend, die Vorstellung, dass ich für mich selbst und meine Taten verantwortlich bin, selbst entscheiden, mein Leben selbst gestalten kann und wenn ich tot bin, dann bin ich tot und gut ist. Das Leben ist eine absurde Aneinanderreihung von Zufällen und jeder versucht, das Beste draus zu machen. Vielen fällt das leichter, wenn sie eine Art Leitfaden in Form von Religion dazu haben, andere suchen sich Pseudo- und Ersatzreligionen wie Ernährungsweisheiten, Verschwörungstheorien, politische Ideologien und so weiter. Aber ich finde das spannend, auszuprobieren, es ohne diese Leitfäden zu versuchen, Sinnlosigkeit auch mal auszuhalten, Nichtwissen zu akzeptieren und trotzdem neugierig und zuversichtlich zu bleiben.

Auf jeden Fall habe ich festgestellt, dass es mir schwerfällt, die Tragik nachzuempfinden, die Menschen in Filmen und Liedern empfinden, wenn sie ihre Religion verlieren. Im Film „Spotlight“ zum Beispiel nimmt dieser Verlust von Religion als Thema genauso viel Raum ein, wie der eigentliche Skandal, nämlich der Missbrauch von Schutzbefohlenen durch Vertrauenspersonen. Die Journalisten in der Geschichte fallen durch die Ereignisse von ihrem Glauben ab und das scheint sie fast noch mehr zu treffen, als der Kindesmissbrauch an sich. Aus diesem Grund hat der Film bei mir einen bitteren Nachgeschmack hinterlassen. Vermutlich aber war das nicht die Absicht und ich vermute, die meisten Leute aus der angepeilten Zielgruppe können sich durch diesen persönlichen Religionsaspekt besser mit den Figuren identifizieren.

Essai 138: Über Glaube, Leben und Tod

10. März 2015

In letzter Zeit will mir das Thema Religion keine wirkliche Ruhe lassen. Inspiriert von einem Comic der wunderbaren „Erzählmirnix“ möchte ich mich heute mit dem Verhältnis von Religion und Glaube, Atheismus und dem Sinn von Leben und Tod auseinander setzen. Keine leichte Kost, dafür, dass ich Urlaub habe, aber was soll man machen. Dass ich Religion wie jeder anderen Ideologie eher skeptisch gegenüberstehe, ist nichts Neues. Da wird einfach zu schnell Fanatismus draus und dann dauert es nicht mehr lange und es gibt Tote oder zumindest Verletzte, wie zuletzt das Attentat auf die Charlie-Hebdo-Redaktion in Paris gezeigt hat. Außerdem gelingt das Wir-Gefühl, das das eigentlich Reizvolle an Ideologien/Religionen darstellt, nur, wenn es ein gegnerisches „ihr“ gibt, von dem man sich abheben und als was Besseres fühlen kann.

Das muss natürlich nicht soweit kommen, viele pflegen ihre Traditionen, Gewohnheiten und ihren Glauben auch ganz friedlich, privat und unaufdringlich. Aber die Möglichkeit, dass aus einem bestimmten Regelwerk – und nichts anderes ist Religion – Fanatismus wird, ist meines Erachtens größer als die Wahrscheinlichkeit, dass aus eigenständigem, von einer Grundskepsis gegenüber vorgefertigten „Wahrheiten“ gefärbtem Denken eine alles andere und Fremde verurteilende Ideologie wird.

In dem „Erzählmirnix“-Comic wird eine Studie erwähnt, derzufolge auch Atheisten nervös werden, wenn sie Gott dazu herausfordern sollen, die eigenen Eltern an Krebs sterben zu lassen. Die Wissenschaftler hätten demnach daraus geschlussfolgert, dass auch Atheisten einen unbewussten Glauben an Gott hätten, sonst könnten sie das ja einfach so sagen, ohne nervös zu werden. Klingt zunächst logisch. Ich hab das mit der Studie zugegebenermaßen nicht überprüft, doch wenn ich mir das vorstelle, verspüre ich auch ein gewisses Unbehagen, obwohl ich nicht an einen personalen Gott glaube, der wie ein Puppenspieler alle Schicksalsfäden in der Hand hält und nur auf einen Knopf zu drücken braucht und schon passiert irgendwas.

Woher kommt das? Die Wissenschaftler haben lediglich festgestellt, DASS die Leute nervös wurden, nicht WARUM sie nervös wurden. Mir ist nicht bekannt, ob sie vergleichsweise gemessen haben, ob die Menschen – gleich welcher Religion/Nichtreligion – auch nervös wurden, wenn sie anstelle von Gott den Weihnachtsmann, Osterhasen, Aliens, den Sonnengott, Zeus, Wotan oder ihr Haustier dazu aufforderten, ihre Eltern an Krebs sterben zu lassen. Ich bin mir ziemlich sicher, das Ergebnis wäre mehr oder weniger dasselbe. Denn es geht bei dieser Aussage nicht darum, ob man an Gott glaubt oder nicht, sondern darum, sich mit dem Gedanken auseinander zu setzen, dass Menschen, die man lieb hat, krank werden und sterben können. Dass man dann traurig und nervös wird, entlarvt einen höchstens als normalen, mitfühlenden Menschen und nicht als eigentlich gläubigen Möchtegernatheisten.

Nichtsdestotrotz setze ich mich jetzt mit meinem vermeintlichen Nichtglauben auseinander und fühle mich irgendwie bemüßigt, mich zu erklären oder meine Ansichten zu rechtfertigen. Vermutlich kann man auch als unreligiöser Mensch, der es meidet, einem Club beizutreten, der einen als Mitglied aufnehmen würde, einen gewissen Glauben oder Aberglauben nicht ganz vermeiden. Selbst ein Nihilist, der behauptet, an nichts zu glauben, glaubt ja, dass er an nichts glaubt. Hurra, ein Paradoxon!

Ich denke, auch die abgeklärtesten Realisten sind zu einem kindlichen magischen Denken fähig, das man als eine Form von Aberglauben ansehen kann. Vielleicht ist es ihnen nicht immer bewusst, vielleicht erlauben sie es sich nicht, weil sie’s für Quatsch halten, aber so ein winzigkleiner Funken Aberglaube steckt wohl in jedem von uns. Ich zum Beispiel ziehe zu Bewerbungsgesprächen fast immer ein rotes Oberteil an, weil ich damit bisher immer Erfolg hatte. Das liegt natürlich nicht am roten Oberteil, das ist mir schon klar.

Eigentlich.

Obwohl …

Vielleicht doch?

Schließlich verleiht der Glaube daran, dass eine bestimmte Farbe oder ein bestimmtes Kleidungsstück einem Erfolg verschafft, das nötige Selbstvertrauen, um sich erfolgreich zu präsentieren. So gesehen beeinflusst dieser kleine, alberne Aberglauben meine innere Einstellung zum Positiven, was sich wiederum auf meine Ausstrahlung auswirkt, die schließlich zu meinem Erfolg beiträgt.

Genauso kann der Glaube an einen Gott, der mich immer begleitet und stets an meiner Seite ist und mich unterstützt, mir Zuversicht und Kraft geben. Doch eigentlich ist es dabei wurscht, ob man nun an Gott glaubt oder daran, dass die heimische Topfpflanze einen gedanklich begleitet. Für diesen Satz komme ich jetzt aber sowas von in die Hölle, sofern es eine gibt. Aber da lande ich als ketzerische Heidin ja ohnehin. Wobei sich die Teufel der verschiedenen Religionen dann erstmal einigen müssen, in welche Hölle ich komme, wahrscheinlich will mich da keiner haben. Wenn ich nämlich anfange, mit den Höllenfürsten zu diskutieren und ihre Existenz infrage zu stellen und das Ganze mit logischen Argumenten zu untermauern, schmeißen die mich ratzfatz wieder raus – niemand mag Klugscheißer.

Also, ich bin gern bereit, zu akzeptieren, dass Glaube nützlich ist, solange kein Fanatismus draus wird. Das funktioniert nach dem Prinzip der selbsterfüllenden Prophezeiung. Aber ein Leben nach dem Tod oder irgendetwas nach dem Tod kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Ich weiß auch gar nicht, warum sich Menschen sowas überhaupt ausgedacht haben, das ist doch überhaupt nichts Tolles. Man stelle sich vor, nach dem Tod kommt noch was. Dann verliert doch der Tod völlig an Bedeutung. Und wenn der Tod seine Bedeutung verliert, dann auch das Leben.

Gut, dieser logische Denkfehler wird in Religionen für gewöhnlich dadurch gelöst, dass entweder die Paradies-Hölle-Dichotomie eingeführt wird oder dass man dann halt als irgendetwas wiedergeboren wird. Wenn man sich daneben benommen hat, dann als etwas, was der Mensch arrogant als niedere Lebensform betrachtet; Küchenschabe, Regenwurm oder so. Wobei ich die Küchenschabe für weitaus besser an ihre Umgebung angepasst halte als der Mensch. So eine Küchenschabe bekommt nie in ihrem Leben einen Burnout. Aber die Entfremdung des Menschen von sich selbst und seiner Natur durch übertriebenes Leistungsstreben ist ein anderes Thema. Regenwurm ist schon nicht so prickelnd, da wird man gleich von der nächstbesten Amsel verspachtelt. Auf der anderen Seite hat man in der kurzen Zeit nicht so viel Gelegenheit Mist zu bauen und dann wird man als Amsel wiedergeboren.

Wie dem auch sei, ich glaube an diesen Käse  Gedankengang nicht, dass nach dem Tod noch was ist. Ich verstehe nicht, was daran so schlimm sein soll. Das ist doch in Ordnung. So muss ich mir halt in diesem einen Leben, das ich habe, Mühe geben, es möglichst sinnvoll und anständig zu füllen. Wenn ich das nur mache, um nicht in die Hölle zu kommen oder um ins Paradies zu kommen, finde ich das persönlich etwas … na ja … scheinheilig. Andererseits bin ich kein Anhänger der Moralvorstellung von „Der Zweck heiligt die Mittel“, sondern vertrete eher den gegenteiligen Standpunkt „Die Handlungen heiligen die Absicht“. Sprich: Wenn ich Gutes tue, also möglichst vielen Lebewesen und Menschen helfe und nutze sowie dabei möglichst wenig Schaden anrichte, dann ist es meiner Meinung nach zweitrangig, ob ich das mache, weil ich gerade nichts Besseres zu tun habe, weil ich glaube, nach dem Tod dafür belohnt zu werden, weil ich glaube, dass sich mein Karmakonto dadurch erhöht oder aus Versehen.

Also von mir aus soll jeder glauben, was ihm hilft, mit dem Chaos, das sich Leben nennt, einigermaßen klar zu kommen. Und da muss sich auch niemand von Klugschwätzern wie mir seine Vorstellungen madig machen lassen. Nur weil ich das mit Himmel-Hölle oder Wiedergeburt für Unfug halte, muss das ja noch lange nicht stimmen. Vielleicht liege ich ja auch falsch. Der Punkt ist: Das ist erstens egal und zweitens kann das eh keiner wissen. Daher ist es auch müßig, sich darüber den Kopf zu zerbrechen.

Um so unverständlicher ist es mir, warum immer noch Kriege geführt und Attentate begangen werden im Namen irgendeiner Ideologie oder Religion. Was soll der Schwachsinn? Das ist doch alles Jacke wie Hose und das Gleiche in grün. So. Und jetzt bin ich schon mal auf mein Dasein als Küchenschabe gespannt, da gibt’s bestimmt viel zu entdecken. Klugschwätzen kann ich dann zwar nicht mehr, aber nerven schon. Gnihihi.


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