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Essai 197: Über Schuld und Verantwortung

9. September 2020

Wenn ich mich auf Facebook mit beratungsresistenten Idioten herumstreite, die der Meinung sind, es gäbe weder Sexismus noch Rassismus noch sonst irgendeine Form von Diskriminierung, weil sie selbst das Glück hatten, nicht davon betroffen zu sein, fällt mir eine Sache immer wieder auf: Diese Leute verwechseln ständig Verantwortung und Schuld. Und da dachte ich, als eure Klugscheißerin der Herzen ist es meine Pflicht, darüber mal einen meiner küchentischphilosophischen Essais zu schreiben.

Was ist Schuld, was ist Verantwortung und was ist der Unterschied zwischen beidem? Es gibt ja durchaus Überschneidungen zwischen Schuld und Verantwortung und vielleicht lässt es sich nicht immer eindeutig trennen. Allerdings ist Schuld grundsätzlich negativ behaftet und Verantwortung ist ein eher neutraler Begriff. Wer schuldig ist, hat mit voller Absicht und wider besseren Wissens etwas getan, das anderen geschadet, ihnen Schmerzen oder Verletzungen zugefügt hat – obwohl der/die Schuldige auch anders hätte handeln können. Dass also niemand Schuld haben möchte, ist absolut verständlich.

Allerdings kann man sich auch aus Versehen daneben benehmen und andere verletzen, kränken oder ihnen schaden – weil man es nicht besser weiß, weil man in dem Moment ein Trampel ist, weil man es nicht so mit dem Feingefühl hat, weil man von sich auf andere schließt und einem das eigene Verhalten selbst nichts ausmachen würde … Da gibt es ja viele Gründe, weswegen wir alle unsere blinden Flecken haben und uns manchmal wie Arschlöcher benehmen, obwohl wir es nicht bewusst böse meinen. Und da kann man doch nicht mehr wirklich von Schuld sprechen, oder?

In diesem Fall finde ich dann den Begriff „Verantwortung“ sinnvoller. Denn Schuld liegt immer in der Vergangenheit, man kann sie nicht rückgängig machen, was passiert ist, ist passiert, was man getan hat, hat man getan. Man kann für Schuld büßen, sicher, aber lernt man auch wirklich etwas dabei? Oder geht man nach der Buße wieder mit federleichtem Gewissen hinaus in die Welt und trampelt wieder voller Absicht auf seinen Mitmenschen herum, weil sie in irgendeiner Weise anders sind als man selbst und man deswegen findet, man sei etwas Besseres als sie? Schließlich kann man danach ja wieder büßen und gut ist.

Übernimmt man aber Verantwortung für sein Verhalten, dann bezieht sich das auf die Gegenwart und die Zukunft. Dann begreift man, dass das eigene Verhalten Konsequenzen für andere haben kann, und bemüht sich, dass diese Konsequenzen nicht schädlich oder verletzend für die Mitmenschen sind. Während Schuld von der Frage getrieben wird, WER die verwerfliche Tat begangen hat, und das Finden eines Schuldigen, eines Missetäters zum Ziel hat, geht es bei Verantwortung um etwas anderes. Hier steht nicht die Person im Mittelpunkt, sondern das Verhalten. Die Fragen, die mit Verantwortung einhergehen, sind: Was kann ich tun, um diesen Missstand, dieses Fehlverhalten zu verbessern oder wenigstens nicht noch schlimmer zu machen und weiter zu verfestigen? Wie kann ich das Problem lösen? Wie kann ich Betroffenen helfen und sie unterstützen?

Geht es um Schuld, so ist das Thema in der Regel erledigt, wenn man den Schuldigen identifiziert und bestraft hat. Verantwortung fängt dann erst an, wenn man das Problem bestimmt hat. Verantwortung ist außerdem etwas, das wir alle übernehmen können, das muss man nicht alles alleine wuppen. Und eigentlich ist das doch etwas Gutes und sollte Hoffnung machen, oder?

Bezieht man diese Unterscheidung nun auf alltäglichen, unterschwelligen Sexismus und Rassismus, dann ist es meines Erachtens nicht sinnvoll, über Schuld zu diskutieren. Denn der absichtliche, bösartige Sexismus und Rassismus kommt gar nicht sooo oft vor und die, die sich dessen schuldig machen, sind Arschlöcher, denen man mit Verantwortung gar nicht erst zu kommen braucht. Die sollte man wegen Beleidigung oder Volksverhetzung anzeigen und nicht eine Diskussion auf Augenhöhe versuchen.

Aber was viel häufiger verbreitet und den Menschen oft nicht bewusst ist, ist der unterschwellige Rassismus oder Sexismus, der sich in verunglückten Komplimenten, scheinbar beiläufigen Bemerkungen, Vorurteilen oder anderen Mikroaggressionen äußert. Die Menschen, die diese Mikroaggressionen von sich geben, merken nicht unbedingt, dass sie sich sexistisch oder rassistisch verhalten. Schließlich hat sich noch nie irgendjemand vorher beschwert, sie haben ja selbst ausländische Freunde, soll doch jeder machen was er will, leben und leben lassen, sie sehen jedenfalls keine Farben und grundsätzlich haben sie auch überhaupt nichts dagegen, wenn Frauen und Männer gleichbehandelt werden, man müsse doch aber auch die kulturellen respektive biologischen Unterschiede beachten und so weiter und so fort.

Was passiert, wenn man diese Menschen nun wie Schuldige behandelt? Sie gehen in Abwehrhaltung, denn sie haben ja nichts Böses im Sinn und wollen niemandem absichtlich wehtun – sind also in ihrer eigenen Wahrnehmung unschuldig. Was wäre, wenn es gelänge, diese Menschen von ihrer Verantwortung zu überzeugen? Dann könnten wir alle zusammen an einem Strang ziehen, um die Welt ein bisschen gerechter zu machen. Dann könnte man sich sachlich und auf Augenhöhe mit Betroffenen über ihre Erfahrungen und Wünsche unterhalten, voneinander lernen, die blinden Flecken vielleicht ein wenig sichtbarer machen und ein Bewusstsein dafür entwickeln, wie man anderen Menschen seltener auf die Füße tritt.


Und, wie seht ihr das? Habe ich völligen Quatsch verzapft oder ist da etwas dran? Schreibt es mir in die Kommentare, widersprecht mir, stimmt mir zu, ich bin gespannt 🙂


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