Posts Tagged ‘Politik’

Essai 178: Über Berufsbeleidigte Leberwürste

9. September 2017

Manche Menschen haben das Beleidigtsein zu einer Kunstform erhoben und beherrschen diese auf virtuose Weise. Das ist wirklich faszinierend. Und raffiniert, denn mit professionellem Beleidigtsein kann man andere Menschen hervorragend manipulieren.

Die Politiker von der AfD zum Beispiel haben das Prinzip begriffen: Wenn jemand mit kritischen Fragen oder guten Argumenten kommt, einfach schmollen und pikiert tun. Die Leute, die die AfD sowieso scheiße finden, denken dann: „Ach, die schon wieder, Mimimi, Idioten“ und ziehen gar nicht in Betracht, dass diese Partei eine ernsthafte Bedrohung für irgendwas darstellen könnte. Und wer die AfD gut findet, denkt: „Richtig so! Wir lassen uns von dieser Lügenpresse nicht den Mund verbieten! Das wurde auch Zeit, dass sich mal wieder jemand für unser Deutschland stark macht und da konsequent bleibt!“

Derweil kann die AfD dann fröhlich an ihrer menschenfeindlichen Ideologie weiterfeilen, ohne dass sie irgendjemand dabei stört. Das professionell beleidigte Leberwursttum hat bei denen schon System. Erst tun sie empört, weil man sie angeblich nie in Talkshows einlädt. Dann lädt man sie in Talkshows ein. Sie wettern über illegale Einwanderung, als ob das das einzige oder zumindest größte Problem wäre, weshalb in Deutschland keine soziale Gerechtigkeit herrscht, zählen bis drei … und wenn dann ein Talkshowgast erwartungsgemäß das Stichwort „rechtsextrem“ in den Raum wirft, verlassen sie selbigen. Dabei murmeln sie noch hochempört weiter was von „Einwanderung“ und „muss-ich-mir-nicht-bieten-lassen“ und freuen sich schon darauf, ihre vorbereitete Pressemeldung auf Facebook zu posten.

Zackbumm, Ziel erreicht: Die AfD-Gegner amüsieren sich darüber, wie doof die doch sind, dass die immer gleich beleidigt tun. Die AfD-Sympathisanten fühlen sich in ihrer Rolle als Opfer der bösen Medien und naiven Bahnhofsklatscher/linksrotgrünversifften Gutmenschen/Merkel bestätigt.

Das funktioniert aber nicht nur in der Politik, mit berufsbeleidigtem Lebergewurste die Menschen in seinem Umfeld so zu manipulieren, dass sie nach der eigenen Pfeife tanzen. Auch privat ist das eine sehr effektive Strategie, um sich selbst für nichts anstrengen zu müssen, und trotzdem alles zu bekommen, was man will.

Klar, es gibt immer ein paar Leute, die gegen diese meisterhafte emotionale Erpressungstaktik immun sind, die Profi-Mimosen einfach vor sich hin schmollen lassen, und sich weiter ihrem Kram widmen. Aber es gibt auch immer Leute wie mich, die möchten, dass alle glücklich sind, die es nicht ertragen, wenn jemand traurig oder verletzt erscheint, und die sich nach Kräften bemühen, für Harmonie zu sorgen.

Und berufsbeleidigte Leberwürste spüren intuitiv, mit wem sie ihre Spielchen erfolgreich betreiben können, und mit wem nicht. Die beinharten Knochen, an denen sie sich die Zähne ausbeißen würden, ignorieren sie einfach. Dafür konzentrieren sie ihre geballte Energie auf die Harmoniebedürftigen, um gezielt ihre Drama-Queen-Auftritte zu inszenieren.

Das Pfiffige an diesem systematischen Dauerbeleidigtsein ist, dass man sich damit als Märtyrer stilisieren kann, dem immer von allen übel mitgespielt wird. Das gibt einem natürlich das Recht, anderen Leuten Vorwürfe zu machen (ist ja egal, ob die auch stimmen). Und das Tolle ist: Wenn man selbst anderen Vorwürfe macht, ist es ja vollkommen ausgeschlossen, dass man selbst das Vorgeworfene ebenfalls tut. Die AfD ist auch darin ein Meister. Sie werfen allen anderen Lügen vor, da kommt keiner (von ihren Anhängern) auf die Idee, dass sie selber Scheiß erzählen.

Anstrengend ist das. Wenn irgendwer einen guten Tipp hat, wie man sich vor diesen Manipulationen schützen kann, immer her damit!

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Essai 175: Über Komplimente, die keine sind

16. Juli 2017

Da hat sich also US-Präsident Trump in Frankreich mal wieder in die Nesseln gesetzt und das Netz rastet aus. Anlass ist Trumps Bemerkung „You are in such a good shape!“ („Sie sind so gut in Form!“) gegenüber Brigitte Macron, Frankreichs frischgebackener First Lady. Hier das Video dazu:

Die einen sagen: „Das war eindeutig ein Kompliment, jetzt hört doch mal auf, dauernd auf Trump herumzuhacken.“ Die anderen fanden das total unverschämt, was fällt dem eigentlich ein, so eine deplatzierte Bemerkung gegenüber einer Frau zu machen, war ja klar, typisch Trump, der ist halt ein Sexist. Ich finde, beide Seiten haben recht. Und ich finde, das ist ein prima Thema für einen Essai.

Ich habe den Vorfall mit meiner Mutter gründlich analysiert und wir waren uns beide einig, dass es vom Potus definitiv als Kompliment gemeint war. Wir waren ebenfalls beide der Meinung, dass es – objektiv betrachtet – kein wirkliches Kompliment war. Das ist so, wie wenn man zu meiner Mutter, die die deutsche Grammatik und Rechtschreibung trotz französischem Migrationshintergrund besser beherrscht als jeder „Biodeutsche“ und sicher auch ein breiter gefächtertes Vokabular hat, sagt: „Sie sprechen aber gut Deutsch.“ Oder wie, wenn man zu mir sagt: „Macht doch nichts, dass du klein bist. Die Männer stehen auf kleine Frauen.“

Tja, aber ist es nicht die Absicht, die bei einem Kompliment zählt? Und wie es ankommt oder objektiv von außen wirkt, ist egal? Immerhin kann man doch froh sein, wenn jemand versucht, nett zu einem zu sein, oder?

So einfach ist das meiner Ansicht nach nicht. Es gibt ja auch Komplimente, über die man sich wirklich freut. Und über Komplimente à la „Sind Sie aber gut in Form!“ oder „Sie sprechen aber gut Deutsch“ freut man sich nicht so recht, weil sie irgendwie herablassend wirken. Aber was macht den Unterschied? Und warum wirken die Komplimente der zweiten Kategorie so unterschwellig respektlos? Mal sehen, ob ich das aufgedröselt bekomme …

An der Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit kann es nicht liegen. Denn auch jemand, der die Deutschkenntnisse von jemandem lobt, der hervorragend Deutsch spricht, meint es ja nur gut. Jemand, der die Figur von jemandem lobt, der vermutlich mit regelmäßigem Sport und bewusster, gesunder Ernährung auf eine schlanke Linie achtet, ist tatsächlich vom Anblick angetan.

Man könnte vielleicht sagen, dass es grundsätzlich daneben ist, die Figur einer First Lady überhaupt zu kommentieren. Das kann man so sehen, erklärt aber nicht, warum „Sie sprechen aber gut Deutsch“ ein ähnliches Unbehagen und Peinlichberührtsein hervorruft wie „Sie sind aber gut in Form“. Denn jemandes Sprachkenntnisse zu loben, hat nichts Anzügliches an sich.

Ich glaube, was mich an solchen Komplimenten, die keine sind, stört, ist dieser pseudofürsorgliche, möchtegerntröstende Unterton, diese ehrliche Überraschung des Komplimentierenden darüber, dass der andere irgendwas gut kann. Als hätte er ihm das vorher nicht zugetraut und sei auch jetzt noch aufrichtig perplex darüber, dass jemand, den er als weniger wertvollen Menschen betrachtet als sich selbst, überhaupt irgendetwas kann.

Hinzu kommt auch noch die über jeden Zweifel erhabene Überzeugung derer, die Anti-Komplimente machen, dass ihre Meinung über ihr Gegenüber besonders wichtig wäre. Dass der andere das Lob und die Aufmunterung des Komplimentierenden braucht, um Selbstwert zu empfinden. Und dann diese selbstgerechte Grundhaltung, dass sie sich dann total toll fühlen, weil sie einer bedauernswerten armen Seele so etwas Nettes gesagt haben, ganz uneigennützig, nur um zu helfen, weil sie Mitleid mit diesem minderbemittelten Tropf hatten.

Als jemand, der solche Anti-Komplimente empfängt, ist man in einer blöden Situation. Denn einerseits hat der andere gerade unbewusst offenbart, dass er normalerweise nicht viel von einem hält. Bewusst hat er aber von seiner Warte aus etwas Nettes gesagt und es ist nicht einfach zu erklären, was an dem Kompliment komisch und fremdbeschämend war. Also muss man das Kompliment wohl oder übel dankbar annehmen und Freude darüber heucheln. Man ist ja höflich und gut erzogen. Aber so ein leichtes Geschmäckle bleibt dann doch übrig.

Anders bei echten Komplimenten, die nicht in Wahrheit der Selbstdarstellung und Selbstbestätigung des Komplimentierenden dienen, sondern wirklich und wahrhaftig selbstlos sind und von Herzen kommen. Ich denke, wenn man so ein Kompliment bekommt, dann spürt man den Unterschied zu Anti-Komplimenten intuitiv.

Was meint ihr dazu?

Essai 168: Über Misologie und selbstgewähltes Arschlochtum

17. November 2016

Facebook-Diskussionen sind zum Glück ein nie versiegender Quell der Inspiration; dieses Mal geht es um den Begriff der Misologie, den ich im Zuge einer solchen Debatte entdeckt habe. Dabei handelt es sich laut Duden um eine starke Abneigung bis hin zu Hass gegen den Logos, also vernünftige, sachliche Auseinandersetzungen und Argumente. Ich habe so den Eindruck, damit bin ich auf ein Wort gestoßen, das absolut treffend das beschreibt, was auf dieser Welt schief läuft. Ein zeitgenössischer Trend ist es jedoch nicht, sondern – man rufe sich kurz Hexenverbrennungen oder von mir aus auch Jesus‘ Kreuzigung ins Gedächtnis – es scheint in der menschlichen Natur zu liegen, dem Logos grundsätzlich erst einmal zu misstrauen. Wie heißt es doch so schön? Niemand mag Klugscheißer. Isso.

In der entsprechenden Facebook-Diskussion ging es zunächst um Phobien, dann kam irgendwann die Frage auf, weshalb man denn bei Homophobie oder Xenophobie ebenfalls von einer krankhaften Angst spreche … schließlich hätten die Leute nicht in erster Linie Angst vor Homosexuellen oder Fremden, sondern seien schlichtweg Arschlöcher. Charakteristisch für eine Phobie ist ja, dass man wirklich Angst bis hin zu Panik vor etwas hat, obwohl man rational weiß, dass das unsinnig ist. Homophobe und Xenophobe hingegen haben einen starken Hass gegen Homosexuelle oder Fremde, sind jedoch davon überzeugt, dass das vollkommen rational sinnvoll und logisch begründet ist.

Neugierig wie ich bin, habe ich daraufhin kurz recherchiert, ob es nicht einen passenderen Begriff für solche Menschen gibt, die starrsinnig wider jede Vernunft darauf beharren, ihre Arschlochmeinung sei moralisch völlig legitim. Mir schwebte etwas mit der Vorsilbe „mis-“ oder „miso-“ vor, da ja Frauenfeindlichkeit Misogynie, Männerfeindlichkeit Misandrie, Kinderhass Misopädie und Menschenhass Misanthropie genannt wird. Dabei stieß ich letztendlich auf „Misologie“ und fand, das kam dem zumindest nahe. Schließlich hassen ja sowohl Homophobe als auch Xenophobe das, was sie als anders als sie selbst wahrnehmen.

Allerdings spielt Angst bei Hass schon eine Rolle. Bei einer Phobie weiß man jedoch, dass man Angst hat und weiß auch, dass es dafür eigentlich keinen Grund gibt. Bei Hass leugnet man vor sich selbst, dass man Angst hat, weil man sich nicht schwach und verletzlich fühlen will (wer will das schon?), und vor dieser Schwäche wiederum so viel Angst hat, dass man alles tut, um sie zu verdrängen und sich nichts anmerken zu lassen. Und dieses „alles“ bezieht dann auch die Angriff-ist-die-beste-Verteidigung-Taktik mit ein, wobei sich Betroffene dann so weit in ihre Paranoia hineinsteigern, dass sie überall Grund zur Verteidigung wittern – erst recht bei Dingen oder Menschen, die sie nicht sofort einschätzen können, weil sie anders sind.

Solche Misologen sind dann auch besonders anfällig für postfaktische Parolen pöbelnder Populisten (ich weiß, Alliterationen sind schlechter Stil, aber das bietet sich an dieser Stelle einfach an 😛 ). Das ist ja auch logisch (!), wer eine Abneigung gegen sachliche, vernünftige Argumente hat, bevorzugt das Gegenteil davon: Sündenböcke, am besten solche, die sich nicht wehren können als Schuldige, die dann an den Pranger gestellt werden – wahlweise und je nach Epoche und Kultur auch auf den Scheiterhaufen, aufs Schafott, unter die Guillotine, an den Galgen, auf den elektrischen Stuhl und was sich Menschen sonst noch so Feines ausgedacht haben, um sich wie Gott höchstselbst aufzuspielen und das Leben anderer Menschen zu beenden. Neben dem Sündenbock werden dann noch Katastrophenszenarien konstruiert, möglichst pompös und in einfachen Worten – die Zielgruppe will ja nicht erst über das Gesagte nachdenken müssen und auch die Populisten wollen tunlichst vermeiden, dass ihre Adressaten den hasserfüllten Scheißdreck hinterfragen, den sie ihnen so mühevoll vorgekaut haben.

Dabei wird absichtlich auch Angst geschürt, praktischerweise aber auch gleich ein einfaches Allheilmittel gegen die Furcht mitgeliefert, nämlich besagter Hass. Was mich wütend macht, ist, dass so viele Menschen dieses – wie ich finde – einfache Rezept so bereitwillig schlucken. Man müsste eigentlich nur kurz innehalten und den Populisten aufmerksam zuhören, ihre Parolen logisch auseinandernehmen und es bliebe nichts weiter übrig als heiße Luft, ausgefurzt von machtgeilen, gierigen Oberriesenarschlöchern, die diese ganzen „besorgten Bürger“, die frustrierten Abgehängten, als Wahlvieh missbrauchen, und sich darüber hinaus eine elende Mistkacke für sie interessieren. Man verzeihe mir meine Fäkalsprache, weil … ach … nur so.

Echt mal, glaubt zum Beispiel irgendeiner von den Dumpftröten, die Trump gewählt haben, dass der jetzt hingeht, dem Establishment in den verwöhnten Snobbyhintern tritt, Wohlstand, Jobs, Wohneigentum, Krankenversorgung, Bildungschancen und so weiter sozial gerecht unter allen Menschen aufteilt und dann mit seinem Schlitten und den Rentieren frohlockend und mit Glockengeläut zurück in den Himmel aufsteigt? Am Arsch! Gut, das hätte Hillary Clinton genausowenig gemacht, da muss man sich auch nichts vormachen. Und was die kriegstreiberische Außenpolitik angeht, wäre sie wohl auch nicht gerade zimperlich gewesen.

Aber das sind doch die eigentlichen Probleme: dass die Kluft zwischen Arm und Reich immer größer wird. Dass die Armen immer weniger haben, die Reichen immer mehr. Dass die soziale Gerechtigkeit, so es sie denn überhaupt jemals gab, immer weiter kaputtgespart wird. Dass Bildung und Krankenversorgung kaputtgespart werden. Dass Kultur keine Sau interessiert. Dass sich Lobbyisten und Politiker gegenseitig beschenken, Nepotismus in den oberen Schichten alles schön in den eigenen Reihen belässt. Dass Banken mit Geld spekulieren, das sie sich ausgedacht haben. Dieser ganze neoliberale Irrsinn, der völlig außer Kontrolle geraten ist, und dass die Menschen aus der letzten Finanzkrise nichts gelernt haben. Dass Menschen auch aus den Weltkriegen nichts gelernt haben. Gier und Machtstreben, das ist das, was schiefläuft.

Aber nein, es ist ja so viel einfacher, gefühlte Wahrheiten und nachgeplappertes Hassgepredige von irgendwelchen Demagogen als Grundlage für seine heilige „Meinung“ zu nehmen, sich gegen jede Art von sachlichem Dialog und logischen Argumenten zu verschließen. In seinem eigenen Hass zu schwelgen und sich dabei stark zu fühlen, weil man mit seinem Hass und seiner Misologie nicht alleine ist. Dabei ist es möglich, dem zu widerstehen. Und ich bin der Ansicht, es ist sogar notwendig, dem zu widerstehen, nicht zum Arschloch zu werden, nur, weil man es kann und weil es im ersten Moment kurzfristig einfacher erscheint. Ansonsten werden keine Probleme gelöst, im Gegenteil, alles wird nur noch schlimmer. Und Gewinner gibt es am Ende keine.

Essai 150: Über Selbstverständlichkeiten, die keine sind

12. Dezember 2015

Das Dumme ist, dass ich immer von mir auf andere schließe. Und so erwarte ich dann, dass allen Menschen daran gelegen ist, mit anderen gut auszukommen und ansonsten ihre Ruhe zu haben. Für mich ist das selbstverständlich, freundlich und höflich zu allen zu sein, mich an Absprachen zu halten und mich möglichst so zu verhalten, dass ich die Dinge nicht schlimmer mache als sie sowieso schon sind – sofern ich das beeinflussen kann.

Dass das ganz und gar nicht selbstverständlich ist, zeigt der Syrien-Einsatz der Bundeswehr. Was soll das denn bitte Konstruktives zur Konfliktlösung beitragen und inwiefern soll das bitte den Terrorismus bekämpfen, wenn wir da jetzt unsere schrottigen Jets hinfliegen lassen? Damit liefern wir doch dem IS eine Rechtfertigung für seinen Terror und vielleicht schließen sich dann noch mehr Leute, die bisher unentschlossen sind, diesem Verein an. Die anderen Menschen, die wie ich einfach nur mit anderen gut auskommen und ihre Ruhe haben wollen, werden in den Krieg mit hineingezogen, obwohl sie niemandem etwas getan haben. Wenn sie es schaffen zu flüchten, will sie in Europa schon wieder keiner aufnehmen. Es ist also das Verheerendste und Dämlichste, was man machen kann, Kampfjets und anderen Kriegskram gegen den IS zu schicken. Davon einmal abgesehen, dass es für diese absolut hirnrissige Entscheidung noch nicht einmal eine rechtliche Grundlage wie zum Beispiel ein Mandat gibt.

Oder Nächstenliebe, die halte ich ebenfalls für selbstverständlich, und das muss ich gar nicht, denn ich bin Atheistin. Im Mittelalter wäre ich – selbstverständlich – auf dem Scheiterhaufen gelandet, ich ketzerische Heidin, ich. Trotzdem bin ich der Meinung, dass man Menschen helfen sollte, wenn man sieht, dass sie in Not sind. Oder dass man zumindest denen, die helfen, das Leben nicht noch schwerer macht als nötig, indem man zum Beispiel Flüchtlingsheime abfackelt. Warum machen Menschen sowas? Ich verstehe es einfach nicht. Warum jubeln Menschen Leuten zu, die menschenverachtende Kackscheiße vom Stapel lassen? Warum wählen einige Menschen solche Leute? Warum hat der Front National in meinem Mutterland Frankreich so viel Erfolg? Warum gibt es Menschen, die die AfD immer noch gut finden?

Aber auch alltägliche Selbstverständlichkeiten, die gar keine sind, treiben mich regelmäßig an den Rand der Verzweiflung. Das ist eigentlich völlig lächerlich und spießig, aber ich lege wirklich großen Wert auf Höflichkeit und Zuverlässigkeit. Und wenn dann jemand sich nicht an eine Abmachung hält, nicht einmal von sich aus absagt, sondern ich das auf den letzten Drücker durch Zufall oder zwischen Tür und Angel erfahre, dass die Absprache platzt, dann macht mich das sauer. Weil es doch eigentlich selbstverständlich ist, dass man von sich aus absagt und wenigstens ein bisschen zerknirscht ist, wenn man eine Verabredung nicht einhalten kann. Das kann doch nicht so schwer sein?

Ebenfalls selbstverständlich ist für mich, Eigenverantwortung zu übernehmen. Das heißt, wenn mich jemand kritisiert, dann überlege ich, ob was dran ist. Wenn ja, versuche ich, dran zu arbeiten. Wenn nicht, dann nicht, dann hefte ich die Kritik unter „unberechtigt“ ab und gut ist. Wobei, na ja, das ist sozusagen der Idealfall. Wenn die unberechtigte Kritik von Menschen kommt, die ich selbst sehr schätze und gern habe, dann wurmt mich das, weil ich denke, wie kommen die denn auf die Idee, mir so etwas aus meiner Sicht Abwegiges zu unterstellen? Das ist doch selbstverständlich, dass ich niemanden kränken oder verletzen will, den ich schätze und gern habe. Oder nicht? Kommt die unberechtigte Kritik allerdings von irgendwelchen Leuten, die mir wumpe sind, dann lasse ich sie blubbern und denke mir meinen Teil.

Also insgesamt ist das doch gar nicht so selbstverständlich mit den Selbstverständlichkeiten. Da benehmen sich Leute wie die letzten Arschlöcher, obwohl das überhaupt nichts Konstruktives zum Gemeinwohl beiträgt. Da machen Menschen dumme Sachen und bringen damit sich und/oder andere in Gefahr, obwohl sie ganz genau wissen (können), wie dumm und unnötig diese Sache ist. Da zetteln Politiker Kriege an, die sie unmöglich gewinnen können und die am Ende nur Verlierer übrig lassen … Und ich verstehe die Welt nicht mehr.

Essai 149: Über Diskriminierung

6. September 2015

Dies ist eine Tirade gegen alle Flitzpiepen, die meinen, sich wie Arschlöcher aufführen zu müssen, ohne dass man sie dafür kritisieren dürfte und wenn man es doch tut, krakeelen sie: „Das ist Diskriminierung! Pfui!“ Ihr ahnt es schon, ich habe wieder Facebook-Kommentare gelesen. Ich weiß, meinem Seelenfrieden zuliebe sollte ich das unterlassen, aber manchmal bleibe ich dann doch hängen. Dieses Mal ging es um ein Foto von einem Lokal, das nach neuen Mitarbeitern suchte. Auf einem Aushang an der Eingangstür stand: „Wir suchen dringend: Köchin/Koch, Kellnerin/Kellner, Religion: egal, Refugees: welcome!, Pegida/Legida-Anhang: So dringend ist es dann doch nicht!!“ Es dauerte nicht lange, dann maulten schon die ersten, das sei ja wohl Diskriminierung und auch nicht besser als gegen Flüchtlinge zu wettern. Das Gemaule ging ja noch, die Kommentatoren waren immerhin friedlich. Aber die Hardcore-Rassisten witterten natürlich eine prima Gelegenheit, um Mitstreiter für ihr Gepöbel zu finden. Und dabei dreschen sie die immergleichen Parolen, von wegen, das sei ihre Meinung und sie seien Realisten und diese ganzen „Gutmenschen“ würden schon noch sehen, was sie davon hätten, wenn es dann in Deutschland zum großen Knall käme, dann säßen sie in der ersten Reihe und würden das Zugrundegehen der ganzen „Gutmenschen“ abfeiern, bla-bla-bla …

So. Dass diese rassistischen Klappspaten in Geschichte mal so gar nicht aufgepasst haben, steht wohl außer Frage. Außerdem deucht es mich ein wenig kurzsichtig, dass sie beim von ihnen offenbar herbeigesehntem Tag des jüngsten Gerichts oder was-auch-immer für ihr Hassgepredige belohnt würden. Warum sollte das passieren? Sie leisten überhaupt nichts Konstruktives mit ihrem Gelaber, im Gegenteil, sie zerstören jede Chance auf Dialog und vernünftige Lösungssuche. Aber sich dann auch noch hinzustellen und beleidigt tun und sich diskriminiert fühlen und sich als Opfer stilisieren, das ist einfach die Höhe!

Gut, es stimmt, dass niemand wegen seiner politischen Einstellung benachteiligt werden darf. Das gilt auch für rassistische Arschgeigen. Allerdings ist das kein Freifahrtsschein dafür, sich komplett daneben zu benehmen. Die wenigsten Menschen kommen als Arschloch auf die Welt, jeder besitzt einen freien Willen und kann entscheiden, ob er die Geschehnisse und Tatsachen in der Welt sowie andere Menschen mit Neid und Missgunst, Hass und Misstrauen betrachten will oder mit Wohlwollen, Vertrauen, Menschlichkeit, Herzenswärme und Nächstenliebe. Wer sich also für den Weg des Hasses entscheidet und sich dafür entscheidet, daran festzuhalten, der benimmt sich wie ein Arschloch und ist selbst Schuld daran. Wenn dann jemand sagt, wir wollen hier aber keine Arschlöcher als Kollegen, dann kann man seine Einstellung ändern oder sich einen anderen Job suchen, wo es nichts macht, dass man sich an einer Scheißhaltung festbeißt. Das Problem mit hasszerfressenen Dünnbrettbohrern ist nämlich, dass sie Unfrieden stiften und das (Arbeits)klima vergiften. Man kann also sicherlich auch als Pegida/Legida-Mitläufer in besagtem Lokal arbeiten, wenn man kein rassistisches Arschloch ist und diese Einstellung ständig kundtut. Das wäre dann ja für Pegida/Legida-Mitläufer, die eigentlich total nett sind, eine prima Gelegenheit, zu beweisen, dass es keinen Grund für einen solchen Vermerk auf einem Aushang gibt. Indem man „Diskriminierung“ brüllt, macht man sich aber lächerlich und wirkt wie eine beleidigte Leberwurst.

Zwar ist es faktisch und von der Definition her nicht gänzlich verkehrt, dass es Diskriminierung ist, Menschen, die einer bestimmten politischen Bewegung angehören, auszuschließen. Doch wo will man denn dann die Grenze ziehen? Darf ich dann in einer Stellenanzeige auch nicht schreiben, dass ich Leute mit einem bestimmten Abschluss, einer bestimmten Ausbildung oder Berufserfahrung suche, weil sich dann alle diskriminiert fühlen, die diesen Qualifikationen nicht entsprechen? Muss ich es einfach so hinnehmen, wenn irgendsoein Arschloch geistigen Dünnpfiff durch die Gegend schmeißt, weil er sich diskriminiert fühlen könnte, wenn ich ihn darauf hinweise, dass seine Einstellung scheiße ist? Was ist, wenn dieses Arschloch andere Menschen mit seinem geistigen Dünnpfiff diskriminiert. Muss man das so stehen lassen, weil es sich ja sonst in seiner Freiheit, andere in ihrer Freiheit zu beschneiden, beschnitten fühlen könnte?

Ich würde daher vorschlagen, Diskriminierung nur als solche zu werten, wenn es um Dinge geht, für die man nichts kann und die sich nicht (ohne Weiteres) ändern lassen. Dazu gehören zum Beispiel das Geschlecht, die Hautfarbe, Körpergröße, eventuelle Behinderungen, Herkunft. Auch kann man nichts dafür, wenn man Flüchtling ist, denn ich gehe davon aus, dass man nur aus seiner Heimat flüchtet, wenn man existenziell bedroht wird und/oder um sein Leben fürchten muss. Ansonsten ist man ein Auswanderer. Man kann auch nur bedingt etwas für seine Religion, sofern man dort hineingeboren wurde und damit aufgewachsen ist. Man kann aber was dafür, ob man sich wie ein asoziales, egoistisches, hasserfülltes Arschloch aufführt oder nicht. Wenn man deswegen nicht benachteiligt werden will, soll man anfangen, sich wie ein Mensch zu benehmen.

Essai 135: Über die Suche nach einem Sündenbock

28. Dezember 2014

Eigentlich wollte ich mich ja nicht mehr so sehr über Leute ärgern, die eine meiner Meinung nach bescheuerte Meinung vertreten. Das hatte ich mir zumindest im Essai über den Umgang mit intoleranten Ignoranten vorgenommen. Aber das war, bevor diese Leute von Pegida und Hogesa und wie sie alle heißen sich bedrohlich wachsender Beliebtheit erfreuten. Im letzten Essai über religiöse Gefühle war ich ja kurz auf diese bornierten Zeitgenossen eingegangen. Nun hat der Hype um diese selbsternannten patriotischen Europäer aber nicht nachgelassen und so fand ich, das verdient einen eigenen Essai.

Ich muss zugeben, ich bin bei Fremden- und Ausländerhass immer sehr dünnhäutig und reagiere da zuweilen etwas zickig, rechthaberisch und humorlos, wenn ich irgendwas in der Richtung zu wittern meine. Da kann ich mich manchmal nicht zurückhalten, ich finde eine solche Einstellung einfach scheiße. Vor allem, weil sie sich ja durch ein bisschen Nachdenken und Neugier auf das Andere sofort in Luft auflösen würde und das ist doch eigentlich nicht schwer. Na ja, das ist zumindest meine Sicht der Dinge, die besitzt ja keine Allgemeingültigkeit, wie ich mir gelegentlich ins Gedächtnis rufen muss. Schon gut, arrogante Intellektuelle und so weiter.

Also, heute möchte ich mal versuchen, zu verstehen, warum die Leute bei Pegida und Co. mitmachen. Ich habe mir mal die Videos der Panorama-Sendung angeschaut, die ARD auf seiner Homepage veröffentlicht hat.

http://www.ardmediathek.de/tv/Panorama/Pegida-Die-Interviews-in-voller-L%C3%A4nge-/Das-Erste/Video?documentId=25442126&bcastId=310918

Achtung, die graubemützte Pappnase, die die ausländerfeindlichen Parolen am Anfang hervorblubbert, ist der inzwischen enttarnte Möchtegern-Wallraff von RTL, der sich bei seinen Kollegen mehr als unbeliebt gemacht hat. Hier gibt’s den Kommentar von der Panorama-Redaktion zu der Angelegenheit.

Es gibt noch ein zweites Video mit Interviews:

http://www.ardmediathek.de/tv/Panorama/Pegida-Die-Interviews-in-voller-L%C3%A4nge-/Das-Erste/Video?documentId=25442102&bcastId=310918

Es fällt auf, dass die meisten Menschen, die dort befragt werden, die im Namen Pegida („Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“) enthaltene vermeintliche Islamisierung gar nicht fürchten, teilweise sogar selbst für Quatsch halten. Weiterhin scheinen auch nicht alle plumpe Ausländerhasser, Nazis, Rechtsradikale und Idioten zu sein. Mein Eindruck nach diesen Interviews ist eher, dass es sich um Durchschnittsbürger und Spießer handelt, die sich mit ganz anderen Sorgen als irgendeine Islamisierung plagen. Was natürlich keine Verteidigung sein soll, wie gesagt, ich versuche das lediglich nachzuvollziehen.

Meines Erachtens schimmert vor allem eine Grundstimmung durch: Politikverdrossenheit. Viele der Interviewten kamen relativ schnell ins Straucheln, wenn die Reporter sie auf die Islamisierung ansprachen. Da wussten sie dann auch nicht so genau, was das sein soll und wovor sie da konkret Angst haben und was sie da nun aktuell bedroht sehen. Stattdessen kamen Probleme zum Vorschein, die mit Religion oder Ausländern nicht wirklich viel zu tun haben. Einige beklagen, dass nicht genug unternommen wird, um die Bevölkerung vor Kriminalität zu schützen (wobei es schon arg ausländerfeindlich ist, in diesem Zusammenhang alle Bulgaren und Rumänen über einen Kamm zu scheren). Ältere Menschen sorgen sich, dass ihre Rente nicht ausreicht, andere kritisieren, dass der Lohn für ehrliche Arbeit nicht zum Leben genügt oder dass Mütter nicht ausreichend unterstützt werden. Im Kern schien es hauptsächlich darum zu gehen, dass „die Politiker“ sich für die Schwierigkeiten der Bevölkerung nicht interessierten, sich mit Ersatzproblemen beschäftigten, anstatt im „eigenen Land“ anzupacken, das Geld für die falschen Dinge verschwendeten und sich überhaupt rücksichtslos egoistisch aufführten.

So betrachtet erscheint diese vermeintliche Islamisierung des Abendlandes nicht als reelle Gefahr, sondern als Sündenbock. Relativ normale Menschen mit mehr oder weniger nachvollziehbaren Ängsten und Alltagsproblemen wissen nicht, wohin sie ihren Frust lenken sollen. Gegen die genannten Schwierigkeiten ist man ja als Einzelner tatsächlich machtlos und das kann einen schon sehr belasten, nehme ich an.

Trotzdem, auch wenn man das mit etwas Wohlwollen immerhin verstehen kann, warum ein Sündenbock gesucht wird, halte ich diese schwelende Atmosphäre der allgemeinen Frustration für gefährlich. Das kann ganz schnell eskalieren, vor allem, wenn sich auch noch gewaltbereite Rechtsradikale und mitlaufende Vollidioten unter die Durchschnittsbürger mischen. Und ich habe keine Lust, dass die Nazis wieder Oberwasser gewinnen. Das bereitet mir persönlich größere Sorgen als irgendeine eingebildete Islamisierung.

Vielleicht lassen sich nicht alle diese Probleme lösen, aber ich bin der Ansicht, wenn man die Energie, die man in die Suche und Aufrechterhaltung eines Sündenbocks investiert, aufspart, dann kann man zumindest im Kleinen ein bisschen bewegen. Die Energie lässt sich dann zum Beispiel darauf verwenden, den ausländischen Nachbarn besser kennen zu lernen. Sobald man jemanden persönlich kennt, spielen Vorurteile gegen größere Gruppen keine Rolle mehr.

Essai 133: Über künstliche Aufreger

26. Oktober 2014

Nun ist Dieter Nuhr also angezeigt worden. Er sei ein „Hassprediger“, der gegen religiöse Gemeinschaften hetze, Gläubige beleidige und verunglimpfe, lautet der Vorwurf. Mein Verdacht ist, dass die Leute, die Dieter Nuhr gerade juristisch auf die Pelle rücken nur den Zusammenschnitt seiner Auftritte gesehen haben, in denen er den Islam – genauer gesagt den religiös-islamistischen Fanatismus – kritisiert. Denn wenn man sich mehrere seiner Auftritte am Stück ansieht, dann wird klar, dass er nicht etwa nur den islamistischen religiösen Fanatismus kritisch-sarkastisch auseinandernimmt, sondern generell gegen Doofheit wettert. Wobei – und da gehe ich mit ihm d’accord – unter Doofheit jegliche Form von Borniertheit, Verblendung, Ignoranz, Vorverurteilung und Fanatismus fällt. Also auch christliche Fundamentalisten bekommen ihr Fett weg und nicht religiös motivierte Dumpfbacken ebenfalls. Dass er dabei aus dem Koran zitiert und die Zitate aus dem Zusammenhang reißt, mag sein. Aber wenn man ihn anzeigt, indem man ebenfalls seine Aussagen aus dem Zusammenhang reißt und dies als Begründung für seine Empörung nutzt, ist man doch keinen Deut besser. Und selbst wenn: Muss man denn immer gleich die Leute anzeigen, nur weil die was gesagt oder getan haben, was einem nicht gefällt? Man kann doch auch einfach sagen: Gut, der hat da eine Meinung, die finde ich blöd und mit der bin ich nicht einverstanden, aber das ist nu(h)r eine Meinung! Wenn man wirklich was Besseres ist, dann steht man da doch drüber!

Ich kann mich wunderbar künstlich darüber aufregen, wenn sich Leute künstlich über irgendwas aufregen, ohne den Kontext zu berücksichtigen. Das mit der Anzeige gegen Dieter Nuhr ist ja nur ein Beispiel unter vielen. Also, bevor mich jetzt auch noch irgendwer anzeigt, weil ich versuche, die ganze Angelegenheit wieder auf den Teppich zu holen, hier noch weitere Beispiele. Zum Beispiel diese Anwohner in Hamburg an der Alster in einer eher schickeren Gegend, die kein Flüchtlingsheim in ihrem Revier wollen. Schließlich würden die ja nicht gleich Arbeit finden und dann lungern die da die ganze Zeit draußen rum und machen Krach. Und dann haben die ja auch so viele Kinder, pfui, die machen ja auch Krach. Also haben die sich einen Anwalt genommen und klagen gegen das geplante Flüchtlingsheim. Bei sowas kriege ich echt das Kotzen, man verzeihe mir die Ausdrucksweise. Wenn diese reichen Schnösel selber den ganzen Tag arbeiten, kriegen die doch den angeblichen Krach, sofern es ihn denn gäbe, gar nicht mit. Und wenn sie nicht den ganzen Tag arbeiten, sondern ebenfalls die ganze Zeit draußen herumlungern, dann sollen die nicht mit nacktem Finger auf angezogene Leute zeigen und herumhupen.

Und wenn ich schon mal dabei bin, mich künstlich aufzuregen: Diese Mecker-Anwohner, die kein Hospiz und keine Kita und keinen Friedhof und kein gar nichts in ihrer Nachbarschaft haben wollen, weil das ja so viel Lärm verursache, oder Geruchsbelästigung oder ihnen der Anblick nicht fein genug ist – kommt mal klar!

OK, ich kann ja mal wenigstens versuchen, mich in diese Stinkstiefel hineinzuversetzen, damit mir nachher keiner vorwerfen kann, ich würde ebenfalls den Kontext ignorieren. Angenommen, die haben den ganzen Tag nichts Interessantes zu tun und hocken rund um die Uhr in ihrer Wohnung. Da hätte ich auch eine Scheißlaune und wenn ich dann auch noch denke, dass ich nichts dran ändern kann, weil ich zum Beispiel ein grantiges, fieses, verbittertes Arschloch bin, dann würde ich vermutlich auch nach Schuldigen suchen, die ich dafür fertig machen kann. Und wenn ich noch dazu ein Feigling wäre, dann würde ich mir Schuldige suchen, die sich nicht wehren können, also Flüchtlinge, Kinder oder Todkranke. Hmmm, doch das ergibt Sinn.

Gut, man muss ja jetzt nicht zwingend ein Arschloch sein, um Leute anzuzeigen, die – im Kontext betrachtet – nichts wirklich Schlimmes getan haben. Es reicht, wenn man einfach zu wenig Sinnvolles zu tun hat. Da kommt man halt auf Gedanken. Und wenn man sich dann künstlich darüber aufregt und Leute findet, die auch zu wenig Sinnvolles zu tun haben und Lust bekommen, sich die Zeit mit künstlichem Aufregen zu vertreiben, dann schaukelt sich das eben ratzfatz hoch. Besonders in Zeiten des Internets findet man ja schwuppdiwupp Gleichgesinnte, die nur darauf warten, dass ihnen irgendwer eine Idee gibt, worüber sie sich künstlich aufregen könnten.

So. Und jetzt mache ich mir eine schöne Tasse Tee.

Essai 124: Über subtile Propaganda

21. Juni 2014

Manchmal frage ich mich, ob das für meinen Blutdruck so gut ist, morgens die Zeitung zu lesen. Diese geballte, dummdreiste Arroganz, die einem da zuweilen entgegen schlägt, regt mich jedes Mal auf. Manchmal sind es inhaltliche Dinge, die mich aufregen: Wulff schreibt ein vor Selbstmitleid und Realitätsverleugnung triefendes Buch, irgendwelche Spießer klagen gegen einen Kindergarten/ein Altersheim/ein Hospiz, weil sie sich in ihrer Ruhe gestört fühlen oder verkappte Salonrassisten wettern gegen irgendeine Moschee. Ab und zu ist es jedoch nicht der Inhalt, der mich wütend macht, sondern die Art und Weise der Berichterstattung. Insbesondere, wenn mit Manipulation und subtiler Propaganda gearbeitet wird.

Zum Beispiel berichtete das Hamburger Abendblatt vor ein paar Tagen über eine Gruppe von Menschen, die sich für die Lampedusa-Flüchtlinge einsetzen. Es ging um eine Petition, die auch einige bekanntere Persönlichkeiten unterschrieben hatten. Unter anderem auch einer, der in seiner Jugend mal bei der RAF war. Die Story wurde so aufgezogen: „(ehemaliger) TERRORIST unterschreibt Petition für Lampedusa-Flüchtlinge“. Hallo? Was hat denn das eine mit dem anderen zu tun? Nichts. Außer, wenn Stimmung gegen die Lampedusa-Flüchtlinge und ihre Unterstützer gemacht werden soll, ist die Vergangenheit von einem der Unterzeichner überhaupt nicht relevant. Womit ich selbstredend die terroristischen Taten der RAF nicht verharmlosen oder schönreden oder verteidigen oder sonstwas will. Was mich ärgert ist, dass dadurch von dem eigentlichen Problem abgelenkt wird. Durch die Diskussion über aus dem Zusammenhang gerissenen und für den gegenwärtigen Sachverhalt nicht entscheidenden Dingen wird das, worum es ursprünglich ging, vergessen und in den Hintergrund verschoben. Das ist sozusagen ein kalkuliertes, bewusst provoziertes Ersatzproblem.

Auch in der Auswahl dessen, worüber berichtet und dessen, was weggelassen wird, lässt sich subtil Propaganda ausüben. So wird derzeit ständig über die Fußball-WM geschrieben. Das ist ja im Prinzip auch in Ordnung, nur muss das ständig auf die Titelseite? Themen wie NSA-Affäre, Kriege, Unruhen, Unterdrückung, Massenmord und Elend überall auf der Welt rücken dann aus dem Fokus und die Menschen werden mit leichter Unterhaltung eingelullt und sind mehr oder weniger zufrieden.

Was ich außerdem etwas schräg finde, sind die Berichte von Nachrichtenagenturen, die vorgefertigt an diverse Presseorgane verkauft werden. Erstens nimmt man Redakteuren und Journalisten dadurch interessante Themen und einen Teil ihrer Arbeit weg. Zweitens steht dann überall das Gleiche und man bekommt als Leser nicht die Möglichkeit, verschiedene Sichtweisen auf einen Sachverhalt kennen zu lernen und miteinander zu vergleichen. Drittens sind diese vorformulierten Texte fürchterlich langweilig geschrieben und taugen nicht einmal zu Unterhaltungszwecken.

Sicher, man könnte jetzt anmerken, dass ein intelligenter Mensch diese Strategien ja wohl durchschaue und dass es für einen dummen Menschen eh nicht ratsam sei, sein beschränktes Gehirn überzustrapazieren. Doch ich denke, egal wie schlau man ist und selbst wenn man einen Teil der Manipulation durchschaut, kann man nicht verhindern, dass die subtile Propaganda Spuren hinterlässt. Man wird in eine bestimmte Richtung gelenkt, allein schon durch die Auswahl an vermittelten und verschwiegenen Informationen. Sich dagegen zu wehren und eine von sämtlichen Beeinflussungen unabhängige Meinung zu bilden, ist da meiner Ansicht nach gar nicht so einfach. Selbst, wenn man überzeugt ist, dass die eigene Meinung frei und selbstständig ist – den Einflüssen seines Umfelds (wozu die Medien auch gehören) vollkommen zu entgehen, ist meines Erachtens fast unmöglich.

Essai 122: Über die Doppelwahl des Giovanni di Lorenzo

28. Mai 2014

Mir ist bewusst, dass mich keiner kennt und dass meine Meinung daher irrelevant ist. Das macht aber nichts. Ich sag sie einfach trotzdem. Meines bescheidenen Erachtens ist es nämlich ein absolutes Unding, wie zurzeit die versehentliche doppelte Stimmabgabe bei der Europawahl von Giovanni di Lorenzo von allen Seiten genüsslich ausgeschlachtet wird. Er habe bei Jauch „zugegeben“, zweimal gewählt zu haben, heißt es, und würde nun „behaupten“ von nichts gewusst zu haben.

Als ob so ein kluger Kopf wie di Lorenzo sich bei dem Jauch hinsetzt und ganz gelassen erzählt, er hätte die Europawahl auf perfide, hinterhältige Art mit vollster Absicht manipuliert. Der ist doch nicht bescheuert. In dem Video wirkt er zwar selbstsicher, vielleicht ein wenig arrogant, aber er macht auch den Eindruck von der Richtigkeit seines Handelns ehrlich überzeugt zu sein:

Klar, man kann jetzt natürlich mit dem moralisch erhobenen Zeigefinger herumscharwenzeln und klugscheißen, dass der feine Herr mit seinen zwei Pässen sich wohl für was Besseres halte und daher der Meinung ist, dass seine Stimme zu Recht doppelt zu zählen hat. Man kann auch triumphieren und schadenfroh sein und sagen, Ätsch, der Schlaumeier hat einen Fehler gemacht. Man kann auch, wie diese ungemein sympathische Partei AfD es gemacht hat, Giovanni di Lorenzo wegen Wahlbetrugs den Staatsanwalt auf den Hals hetzen. Oder man kann sich einfach mal mit Leuten unterhalten, die eine doppelte europäische Staatsbürgerschaft haben und gucken, was dahinter steckt und wie es so leicht zu einer doppelten Stimmabgabe kommen kann.

Genau das Gleiche hätte mir nämlich auch passieren können. Mich hat nur meine Faulheit davor bewahrt, auch noch mal für Frankreich bei der Europawahl abzustimmen. Ich hatte im Vorfeld sämtliche benötigten Zugangsdaten und Passwörter per Post und per Handy vom französischen Konsulat zugesandt bekommen, um im Internet für Frankreich bei der Europawahl meine Stimme abzugeben. Nirgendwo stand ein deutlicher, eindeutiger Warnhinweis, dass ich das nicht tun darf, wenn ich bereits für ein anderes europäisches Land meine Stimme abgegeben habe. Dabei kann das ja wohl nicht so schwer sein, das einfach dick und fett am Anfang des Briefs, der die Wahlbenachrichtigung enthält, hinzuschreiben.

Dass ich nicht doppelt abgestimmt habe, war eigentlich Zufall: Ich hatte mir vorgenommen, mir die ganzen Zugangsdaten und das Online-Abstimmverfahren in Ruhe anzugucken, sobald ich Zeit habe. Hatte ich aber nie. Als es dann Wahltag war, habe ich mir flugs meinen deutschen Personalausweis geschnappt und hab für Deutschland abgestimmt. Mir hinterher wieder alle Passwörter für die französische Wahl herauszusuchen, hatte ich dann keine Lust mehr. Ein schlechtes Gewissen hatte ich dann aber doch, weil ich für Deutschland und Frankreich eine Wahlberechtigung hatte und nur eine genutzt habe. Und dann haben in Frankreich die Nazis vom Front National so derbe abgeräumt. Offenbar waren die Gewissensbisse umsonst.

Sicher kann man sich im Vorfeld umfassend informieren und sich durch dieses doch recht komplizierte EU-Wahlrecht durchboxen. Doch das ginge wie gesagt ohne jeden Aufwand auch schneller, einfacher und eindeutiger. Und anscheinend muss es auch eindeutiger und einfacher kommuniziert werden, denn wenn nicht einmal jemand wie di Lorenzo von allein drauf kommt, dass er seine beiden Wahlbenachrichtigungen und Wahlberechtigungen nicht auch nutzen darf, dann ist das offenbar nicht selbstverständlich. Wenn das zu viel Aufwand ist – ich wüsste nicht, wieso, aber man weiß ja nie – im Brief des entsprechenden Konsulats einen Warnhinweis zu schreiben, könnte durch die Mitarbeiter oder auf der Internetseite des Konsulats kurz die Frage gestellt werden, ob man schon für Deutschland abgestimmt hätte beziehungsweise das noch vorhabe. Und dann freundlich darauf hinweisen, dass man das nicht darf. Damit das auch alle wissen, die den Skandal um den „Wahlbetrug“ nicht mitbekommen haben sollten.

So. Und wenn danach immer noch jemand in einer Talkshow vor allen Leuten einen „Wahlbetrug“ „zugibt“, dann ist derjenige wirklich bescheuert oder unfassbar dummdreist. Bis dahin sollen gefälligst mal alle die Füße still halten, ihren moralisch erhobenen Zeigefinger wieder einklappen und sich lieber mit wichtigeren Fragen auseinander setzen. Zum Beispiel mit der Frage, warum Rechtspopulismus überall in Europa immer beliebter wird.

Essai 112: Über den Mindestlohn

15. Dezember 2013

Uschi Glas setzte sich bei der Markus Lanz-Talkshow am 21. November 2013 ganz schön in die Nesseln, als sie ihre Meinung zum Mindestlohn kund tat. Sie sagte dort nämlich: „Ich denke, er [der Mindestlohn] kann nicht kommen, da wir das Problem haben, dass wir vor allem in den neuen Bundesländern wirklich ähm (Schulterzucken) nicht gut qualifizierte Menschen haben, und da wird man sich dann halt so entscheiden, okay, dann gehen die halt wieder in die Arbeitslosigkeit und ich denke einfach, du kannst das ähm äh nicht händeln und wenn wir jetzt die ganzen Berichte lesen von Wirtschaft, von Mittelständlern, und und und, ich war neulich in einer Diskussion vom deutschen Mittelstand und die einfach sagen, das können wir dann nicht leisten.“

Ich muss sagen, dass das in mehrfacher Hinsicht eine unmögliche Äußerung ist. Erstens beleidigt sie damit sämtliche Ostdeutschen. Zweitens stellt sie überhaupt nicht die Frage, warum es überhaupt „nicht gut qualifizierte Menschen“ gibt. Drittens frage ich mich, wie man insbesondere als Schauspielerin, das heißt als kulturschaffende Künstlerin, sich so unsolidarisch mit den Kollegen zeigen kann, die schon froh sind, wenn sie sich ein Dach über dem Kopf und täglich eine warme Mahlzeit trotz Ausbildung und Talent und allem Pipapo leisten können.

Nun hat sich Uschi Glas zwar entschuldigt, aber wirklich etwas zur Lösung des eigentlichen Problems hat sie mit ihrer Rechtfertigung meiner bescheidenen Ansicht nach nicht beigetragen. Sie bleibt weiter bei ihrer Argumentation, dass es für – überspitzt und polemisch formuliert – dumme, faule Leute, die nichts können und nichts wollen, noch weniger Jobs gibt als sowieso schon, wenn man ihnen keine menschenunwürdige Dumpinglöhne mehr zahlen darf. Weil dann nämlich die Unternehmen sagen, nä, ich bezahl doch nicht so einem Vollidioten mit null Fähigkeiten 8,50 Euro die Stunde, damit der mir hier zur Last fällt und nichts nützt. Das wird natürlich von den notorischen Mindestlohn-Gegnern in blumigere Worte verpackt, damit niemand merkt, wie arrogant dieser Wohlstandsbürgerbonzenstandpunkt eigentlich ist. Und wie borniert. Und dumm. Und zum *grummelbrummelwüstesgefluche* Aus-der-Haut-fahren.

Es geht doch überhaupt nicht darum, dass mit dem Mindestlohn Leuten Almosen dargeboten werden soll, die es – aus Sicht ultrakonservativer Kapitalisten – ’nicht verdient‘ haben. Es geht darum, sämtlichen Menschen die Möglichkeit zu geben, von ihrer Arbeit leben zu können. Und da sind 8,50 Euro die Stunde wirklich nicht zu viel verlangt. Mag sein, dass dann viele Unternehmen sagen, Pfft, stelle ich einfach weniger Leute ein, die müssen dann halt mehr und schneller arbeiten, das klappt schon. Und dass dann tatsächlich mehr Leute ohne Job bleiben und dass es dann eher die trifft, die keine oder keine ausreichende Ausbildung vorzuweisen haben.

Aber diese Einstellung sollte man nicht auch noch dadurch fördern, dass man diesen Leuten ihren Willen erfüllt und den Mindestlohn nicht einführt. Denn diese Einstellung ist schlicht und ergreifend hochgradig menschenverachtend. Menschen werden zu Arbeitsmaterial degradiert, zu Maschinen, Robotern, die am Fließband produzieren sollen, ohne Seele, ohne Sinn, ohne Verstand, ohne Herzblut. Und das ist zum Kotzen und muss geändert werden. Außerdem kann es nicht angehen, dass Menschen, die Schwierigkeiten in der Schule und in ihrer Ausbildung haben, einfach fallengelassen werden wie heiße Kartoffeln, nach dem Motto, ja, die sind halt dumm. Diese Menschen müssen stärker gefördert und unterstützt werden, man muss sich um sie kümmern, damit sie einen passablen Schulabschluss und eine Berufsausbildung erhalten können.

Das heißt, die Lösung ist nicht, dass man diese Leute irgendwie beschäftigt, damit sie aus der Arbeitslosenstatistik raus sind und dann zahlt man ihnen einen lächerlich kleinen Stundenlohn, der einfach nur reiner Hohn ist, mit dem Argument, ja, die haben ja nichts gelernt, da können die auch nicht mehr erwarten. Warum haben die denn nichts gelernt? Weil sich keiner für sie interessiert und sie jeder gleich in eine Schublade mit dem Etikett „unfähig“ geschoben und dann einfach ignoriert und ihrem Schicksal überlassen hat. Da müssen einfach auch die Lehrer an den Schulen auf solche Fälle besser vorbereitet und psychologisch geschult werden. Ebenso die Mitarbeiter im Arbeitsamt. Außerdem müssten die Arbeitsämter mit mehr Personal ausgestattet werden (schafft Arbeitsplätze!), die sich dann intensiver der Betreuung der Arbeitslosen widmen und sich wirklich bemühen könnten, die Menschen in die Arbeitswelt zu bringen, wo sie dann auch den Mindestlohn verdient haben. Und manchen Leuten muss man da vielleicht auch in den Hintern treten, aber dafür müssen die Arbeitsamtmitarbeiter die Zeit haben, die sie nicht haben, wenn auch dort am Personal gespart wird.

So. Das ist meine Meinung zum Mindestlohn. Wer mag, darf meine Argumente nun nach Herzenslust auseinander nehmen. Ich bin gespannt. Und bitte, nicht so ein langweiliges, vorhersehbares Argument wie „Und wer soll das ganze idealistische Gutmenschentumgeschwafel finanzieren?“ – Es gibt genug Leute, die unverdient, unverschämt viel Kohle scheffeln, die könnten freundlicherweise auch mal etwas davon abgeben und dem Wohle der Allgemeinheit zur Verfügung stellen. Aber das Stichwort Millionärssteuer bietet wohl genug Stoff für einen eigenen Essai.


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