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Essai 180: Über Sexismus gegen Männer

21. Oktober 2017

Hurra, es ist mal wieder Zeit für eine Sexismus-Debatte! Wie prophezeit, ist der letzte Sexismus-Skandal um Herrn Brüderle recht schnell wieder in der Versenkung verschwunden. Und hat die Menschheit daraus irgendwas gelernt? Nö.

Dieses Mal ist es zugegebenermaßen etwas größer, da Hollywood-Größen zu den Tätern und Opfern gehören – und nicht bloß so ein deutscher Politstoffel und eine deutsche Journalistin. Und weil es dieses Mal auch nicht nur um Sexismus und leichte sexuelle Belästigung geht, sondern um schwere sexuelle Belästigung bis hin zu sexuellem Missbrauch.

Bevor ich über Sexismus gegen Männer schreibe (Ja, den gibt es, passt mal auf), möchte ich noch mal kurz die Begriffe klären. Die werden in der Debatte nämlich gern in einen Topf geworfen und auf der Grundlage kann man nicht vernünftig argumentieren, weil dann ein whataboutism und eine slippery-slope-Behauptung auf die nächste folgt. „Ja, dann darf man am Ende gar nichts mehr sagen!“ oder „Ja, und was ist mit diesen ganzen Feminazis? Die sind auch scheiße!“

Also, hier erstmal ein kleiner Exkurs zur Begriffsklärung:

Sexismus:

Bei Sexismus geht es nicht (!) um Sexualität, sondern um geschlechtsgebundene Diskriminierung. „Alle Frauen sind so-und-so“ oder „Alle Männer sind so-und-so“ – Das ist Sexismus. Das kann auch vermeintlich positiv sein, etwa „Frauen sind das schöne Geschlecht“ und „Männer sind das starke Geschlecht“. Oder „Echte Frauen haben Kurven“ und „Echte Männer weinen nicht“. Jedes pauschalisierende Vorurteil gegenüber Frauen oder Männern, das diese in eine bestimmte Rolle drängt und ihnen gleichzeitig die Möglichkeit abspricht, aus dieser Rolle auszubrechen, ist Sexismus. Alles klar? Gut.

Sexuelle Belästigung:

So, aber was ist denn dann sexuelle Belästigung? Hier verlassen wir den reinen Geschlechtsbezug und es geht um Sexualität. Sobald man jemandem seine sexuellen Wünsche verbal oder nonverbal mitteilt, ohne dass der andere darum gebeten hat, ist das sexuelle Belästigung. Das können anzügliche Blicke, schmierige „Komplimente“ oder ein Klaps auf den Po sein. Die Grenze zum sexuellen Missbrauch ist fließend. Ich denke, sie liegt darin, ob der Belästigte der Situation noch entkommen kann oder nicht. Bei letzterem kommt noch Nötigung hinzu und dann ist meines Erachtens die Grenze zum Missbrauch überschritten.

Das Knifflige an sexueller Belästigung ist, dass sie vom Kontext, vom Belästigenden und vom Belästigten sowie deren Tagesform und Stimmung abhängt. Also von lauter Faktoren, die sich eher mit Feingefühl erspüren, als kategorisch festlegen lassen. Und dieses Feingefühl scheint vielen Menschen zu fehlen. Ich würde als Faustregel zur Orientierung vorschlagen, dass man sich einfach jeden Poklaps, jede zweideutige Bemerkung, jedes Kompliment zum Aussehen des anderen und jeden anzüglichen Blick verkneift, wenn man sich nicht hundertprozentig sicher ist, dass das Gegenüber das charmant oder lustig findet. Man kann unter Freunden zum Beispiel ruhig etwas flapsiger miteinander umgehen, wenn man weiß, dass die Freunde den eigenen Sinn für Humor zu deuten wissen. Unter Kollegen oder Bekannten sollte man lieber etwas zurückhaltender sein. Und bei Fremden auf der Straße sowieso.

Sexueller Missbrauch:

Sexueller Missbrauch beinhaltet jede sexuelle Handlung, die nicht auf gegenseitigem Einvernehmen beruht. Dabei gilt sowohl „Nein heißt Nein!“ als auch „Alles, was nicht ‚Ja‘ heißt, heißt Nein“. Das sage ich deshalb, weil gerade in der Weinstein-Affäre oft ein Machtgefälle zugunsten des Missbrauchenden besteht. Da ist man als Missbrauchter in einer Situation, in der man völlig perplex und unter Schock ist, und dann vielleicht nicht so geistesgegenwärtig ist, eindeutig „Nein“ zu sagen. Und auch, wenn man „Ja“ sagt, aber dabei einen eindeutig ironischen Unterton durchscheinen lässt, ist das eigentlich ein „Nein, natürlich nicht, was denkst du denn?“ Beispiel: Louis CK, der allen Ernstes zwei Kolleginnen fragt, ob er ihnen seinen Penis zeigen darf. Und es auf ihr „Hahahaha, Ja, klar“ hin tatsächlich tut. Wobei, da könnte man noch drüber streiten, ob das sexuelle Belästigung oder schon Missbrauch ist …


Da das nun geklärt ist: Was ist denn nun Sexismus gegen Männer? Ein paar Beispiele wie „das starke Geschlecht“ oder „Echte Männer weinen nicht“ habe ich ja schon genannt. Es gibt aber noch mehr sexistische Vorurteile gegen Männer. Das Problem hierbei: sie wurden zum Teil schon so sehr verinnerlicht – von Männern sowie von Frauen -, dass wir gar nicht mehr merken, dass es Vorurteile und keine Wahrheiten sind.

Das Blöde ist aber, der Sexismus gegen Männer und der gegen Frauen hängen miteinander zusammen. Es kann kein „starkes Geschlecht“ geben, wenn es kein „schwaches Geschlecht“ gibt, kein „schönes Geschlecht“, wenn es nicht auch ein „hässliches Geschlecht“ gibt. Solange wir also erwarten, dass Männer die Führung übernehmen, die Entscheidungen treffen, sich um Wirtschaft und Finanzen kümmern, die Familie wirtschaftlich versorgen und diesen ganzen „starkes Geschlecht“-Scheiß bewerkstelligen, können wir nicht erwarten, dass Frauen ebenfalls diese Aufgaben übernehmen. Schließlich muss ja noch jemand den ganzen ruhmlosen, aber notwendigen Kram erledigen, wie Kochen, Waschen, Putzen und Einkaufen gehen. Und Männern können wir das ja wohl schlecht zumuten, wenn sie schon die Welt retten oder zumindest eine erfolgreiche Karriere machen (sprich: Einen Haufen Geld verdienen) sollen.

Aber ironische Überspitzung beiseite, sexistische Vorurteile ziehen sich tatsächlich durch die ganze Gesellschaft und beeinflussen auch unser Selbstbild und unsere Entscheidungen, die wir treffen. Bei Frauen bemüht man sich, das durch Aktionen wie den Girls‘ Day abzumildern, indem man versucht, die Mädchen für MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik) zu begeistern. Ich denke schon, dass das ein bisschen was bringt, dass die Mädchen ermutigt werden, ihren beruflichen Werdegang nicht von Vorurteilen bestimmen zu lassen.

Es gibt zwar parallel dazu einen Boys‘ Day, der Jungs dazu ermutigen soll, soziale Berufe zu ergreifen. Der wird aber längst nicht so sehr gehypt. Außerdem bringt das nichts, wenn Jungs Lust bekommen, als Krankenpfleger oder Erzieher zu arbeiten, wenn diese Berufe gleichzeitig völlig unterbezahlt und nicht angemessen wertgeschätzt werden, sodass sich die Männer der „Vernunft“ halber doch für einen Beruf entscheiden, der sie dazu befähigt, im Fall der Fälle eine Familie wirtschaftlich versorgen zu können.

Warum aber werden soziale Berufe so schlecht bezahlt und so wenig gewertschätzt? Weil das ja meistens Frauen machen, und denen ist (Achtung! sexistisches Vorurteil) Geld ja nicht so wichtig, die machen das ja, weil sie von Natur aus empathisch und altruistisch veranlagt sind. Außerdem können sie ja immer noch den Arzt heiraten, dann müssen sie ja auch nicht mehr arbeiten, wenn sie nicht wollen. Aber Männer? Die können ja wohl schlecht eine Frau heiraten, die wirtschaftlich erfolgreicher sind als sie. Wie stehen sie denn dann da vor den anderen Kerlen? Hoppla, da war ich wohl schon wieder sarkastisch.

Interessant ist, dass Sexismus gegen Männer nicht nur von Frauen ausgeht, sondern vor allem auch von anderen Männern. Meine Vermutung ist, dass der Gruppenzwang unter Männern noch viel stärker ist als bei Frauen. Unter Frauen akzeptieren wir unterschiedliche Neigungen eher, ist so meine Erfahrung. Aber wehe, man entspricht als Vertreterin des „schönen Geschlechts“ nicht den allgemein als akzeptabel anerkannten ästhetischen Idealen. Dann wird gedisst, was das Zeug hält (Ironie). Aber ob die Freundin Mathe studiert oder Chemie oder Germanistik oder eine Ausbildung zur Bürokauffrau gemacht hat, das macht für uns keinen Unterschied, wir mögen unsere Freundin so oder so.

Männer dissen sich untereinander zwar weniger wegen Klamotten oder Gewichtszunahme (wobei letzteres durchaus vorkommt, aber das nehmen die sich gegenseitig meistens nicht so krumm, scheint mir), dafür sind aber Statusfragen viel wichtiger. Und das liegt daran, dass ihnen von allen Seiten – Familie, Freunde, Schule, Beruf, Gesellschaft, Politik, Werbung – eingeredet wird, dass für Männer der soziale Status das Wichtigste ist. Wer einen wirtschaftlich erfolgreichen Beruf in einer Führungsposition ausführt, kann sich vor schönen, jungen Frauen, die ihm zu Füßen liegen, gar nicht mehr retten. Dann kann man seiner evolutionären Bestimmung folgen, und seinen kostbaren Samen überall verspritzen, um seine unverzichtbaren Gene möglichst weit zu verbreiten. Und das ist ja schließlich die Aufgabe des Mannes. Verflixt, schon wieder Sarkasmus.

Nun gibt es tatsächlich auch ein paar biologische Unterschiede zwischen Männern und Frauen. So haben Männer beispielsweise mehr Muskelmasse als Frauen. Sie sind also von Natur aus tatsächlich im Durchschnitt körperlich stärker als Frauen. Und die unterschiedliche hormonelle Zusammensetzung macht sicher auch etwas aus. Das Testosteron soll – soweit ich weiß – risikofreudiger, aber auch aggressiver machen. Östrogen soll meines Wissens sensibler machen und bei Frauen kommt es zyklusbedingt oft zu Stimmungsschwankungen. Die sexistischen Vorurteile sind also nicht völlig aus der Luft gegriffen.

Das Problem liegt in ihrer Verallgemeinerung und in ihrer Ausschließlichkeit. Nur, weil Männer durchschnittlich stärker sind als Frauen, heißt das ja nicht, dass ich als Frau automatisch völlig unsportlich bin. Ich werde nie so stark wie ein Mann sein, das ist klar. Aber ich kann trotzdem Kraftsport machen und an meiner Ausdauer arbeiten und für meine Verhältnisse (!) fit sein. Und das muss ich nicht machen, um irgendeinem Vorurteil zu entsprechen, sondern, weil ich mich selbst dann besser fühle. Im Sportunterricht an der Schule wurde mir eingeredet, ich hätte sportlich nichts drauf. Das hat gedauert, sich von diesem sexistischen Vorurteil zu befreien.

Männern und Jungs wird eingebläut, mehr oder weniger unterschwellig, dass sie keine Gefühle, keine Schwäche zeigen dürfen. Das sei Frauensache. Und vielleicht fällt es uns Frauen tatsächlich leichter, uns empathisch zu verhalten und unsere Eigeninteressen zum Wohle anderer hinten anzustellen. Weiß ich nicht. Aber nur, weil es uns leichter fällt, heißt es nicht, dass Männer das gar nicht können. Und es heißt auch nicht, dass das schlecht ist, weil Männer das nicht so gut können.

Das Ergebnis ist, dass Männer glauben, ihre Gefühle für sich behalten, Probleme selbst und alleine lösen zu müssen, keine Schwäche zeigen zu dürfen. Das ist sehr, sehr anstrengend. Weil das dann zu solchen Situationen führt, dass die Herren der Schöpfung die Zähne nicht auseinander kriegen, wenn ihnen irgendwo der Schuh drückt. Und wenn sie nichts sagen, kann man ihnen auch nicht helfen. Oft fällt es Männern auch schwer, zuzugeben, wenn sie überfordert sind, etwas nicht alleine geregelt kriegen. Das könnte man in den meisten Fällen leicht lösen, indem man andere um Hilfe bittet. Kann ja nicht jeder ein Organisationsgenie sein. Oder auch einfach so mal von seinem Tag erzählen und ein wenig plaudern, das gilt dann auch gleich als unmännlich. Und als Frau redet man sich dann den Mund fusselig. (Selbstverständlich kann man auch das nicht verallgemeinern, ich schildere lediglich eine Tendenz)

Eine Welt ohne sexistische Vorurteile, also das Ideal, wäre ein „Alles kann, nichts muss“. Männer könnten dann auch mal weinen, wenn sie traurig sind, sich Unterstützung holen, wenn sie alleine nicht weiterkommen. Sie könnten einfach offen sagen, wenn sie sich mit etwas unwohl fühlen oder sich irgendwas wünschen, ohne dass man Rätselraten müsste. Sie könnten ihren Beruf ganz frei nach Neigung aussuchen, nicht nach Gehalt. Sie könnten ihren Freunden auch mal sagen, wenn die derben Frotzeleien zu weit gehen und sie verletzen. Ohne gleich befürchten zu müssen, symbolisch kastriert zu werden. Sie müssten es aber auch nicht, wenn sie nicht wollen oder keine Notwendigkeit darin sehen.

Nun wird es sicher Männer geben, die denken, ich will aber gar keine Gefühle zeigen. Da stellt sich die Frage: Wollen sie es wirklich nicht? Oder kommt es ihnen nur komisch vor, weil sie meinen, das wäre unmännlich? In dem Fall hätten sie das sexistische Vorurteil schon so sehr verinnerlicht, dass es zu einem Teil von ihnen geworden ist.

Zugegeben, es erfordert ganz schön viel Mumm, Mut und Stärke, auch mal Schwäche zu zeigen und Gefühle zuzulassen. Schließlich macht einen das verletzlich und angreifbar. Aber es gibt auch etwas zu gewinnen. Und zwar mehr Gemeinschaft, gegenseitige Unterstützung, Ehrlichkeit und eine viel unkompliziertere zwischenmenschliche Kommunikation. Man müsste sich auch nicht mehr quälen, wenn man krank ist, und könnte sich einfach von einem Arzt helfen lassen. Das gilt übrigens auch und vor allem für psychische Krankheiten.

Und wenn dann auch noch die Frauen mitmachen, und sich bemühen, sexistische Vorurteile abzubauen, dann wäre das Flirten und Daten auch nicht mehr so kompliziert. Dann könnte jeder den ersten Schritt machen und den anderen ansprechen. Dann könnte man sich abwechseln mit dem Rechnung bezahlen oder es zahlt halt der, der mehr verdient.

Und, was ist eure Meinung dazu?

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Essai 100: Über Sexismus, Dirndl und sexuelle Belästigung

3. Februar 2013

Bevor die Sexismus-Debatte, die der Stern-Artikel „Herrenwitz“ von Laura Himmelreich über Rainer Brüderle ausgelöst hat, wieder in der Versenkung verschwindet, will ich zu diesem Thema jetzt auch mal meinen Senf beitragen.

Zum einen ist mir aufgefallen, dass die Sexismus-Debatte nicht nur bedingt in besagtem Artikel thematisiert wird, sondern sich inzwischen auch ganz davon gelöst hat. Allerdings ist sie – fürchte ich – gerade wieder am Verpuffen. Dabei halte ich es für unumgänglich, dass wir im 21. Jahrhundert mal darüber nachdenken, wie wir uns im intergeschlechtlichen Umgang miteinander verhalten. Es geht ja nicht nur darum, dass ein nicht mehr ganz nüchterner älterer Herr einer jungen Frau in den Ausschnitt guckt und plumpe „Komplimente“ macht, sondern Sexismus ist ein tiefsitzendes gesellschaftliches Problem, das uns alle etwas angeht.

Im Übrigen halte ich es für Quatsch, dass Brüderle sich entschuldigt, denn eine Entschuldigung ist nur sinnvoll, wenn Einsicht in eigenes Fehlverhalten vorliegt. Das ist bei Brüderle nicht der Fall, der war meiner Meinung nach einfach so, wie er immer ist, wenn er in den Feierabendmodus geschaltet hat. Frau Himmelreich war noch im Arbeitsmodus und so konnte das Gespräch nicht funktionieren. Das ist klar, dass beide völlig aneinander vorbeireden, wenn sich keiner auf den unterschiedlichen Modus des anderen einstellt. Es wäre vielleicht am klügsten gewesen, hätte sich die Nüchternere (Frau Himmelreich) an dem Abend zurückgezogen und Herrn Brüderle am nächsten Tag noch mal angesprochen. Nichtsdestotrotz kann man sich natürlich fragen, ob das nicht auch schon Sexismus ist, dass Männer machen dürfen was sie wollen und sich fröhlich wie die Höhlenmenschen aufführen können und von den Frauen wird erwartet, dass sie damit umgehen. Jungs sind eben Jungs. Das ist doch Mist!

Ich meine damit nicht, dass die Frauen sich dann dem männlichen Verhalten in solchen Situationen anpassen und sich ihrerseits wie Troglodyten aufführen, sondern ich bin der Meinung, dass Männer sich sehr wohl auch mal zusammenreißen können. Sie mussten es bloß nie und haben es deswegen nicht gelernt. Aber irgendwann sollten sie doch mal damit anfangen.

In unserer Gesellschaft herrscht unterschwellig immer noch die Normvorstellung vor, dass Männer den Frauen naturgemäß überlegen wären. Männer haben mehr Führungspotential, Männer sind das „starke Geschlecht“, Männer können besser mit Geld umgehen, besser rechnen, besser wirtschaften und überhaupt, wer hat denn die ganzen großen Erfindungen und Entdeckungen der Weltgeschichte gemacht? Eben. Dass Galileo, Goethe, Einstein und Konsorten ganz bestimmt eine Frau irgendwo hatten, die den feinen Herrn die Wäsche gewaschen, das Essen gekocht und eventuell vorhandene Kinder umsorgt haben, wird dabei gern verschwiegen. Die Frauen waren einfach viel zu beschäftigt und außerdem auch viel zu unterdrückt als dass sie die Zeit zum Forschen, Dichten und Denken gehabt hätten. Mit Natur und genetischer Veranlagung hat das nichts zu tun. Machen wir aber einen kleinen Zeitsprung ins 21. Jahrhundert, so hat sich doch Einiges geändert. Frauen haben jetzt prinzipiell die gleichen Rechte wie Männer. Aber was im Gesetz verankert ist, ist noch nicht in allen Köpfen angekommen.

Noch immer werden Frauen aus Prinzip schlechter bezahlt als Männer. Noch immer muss man über eine Frauenquote diskutieren, damit mehr Frauen an höhere Positionen kommen. Noch immer denkt man ernsthaft über so etwas Beklopptes wie das Betreuungsgeld nach, damit Frauen dafür belohnt werden, überholte Rollenmuster wieder zu beleben. Noch immer muss sich eine Bundeskanzlerin Angela Merkel gefallen lassen, dass man darüber diskutiert, wenn sie mal ein Kleid mit Ausschnitt trägt. Dass Guido Westerwelle neulich mal Rollkragenpulli statt Schlips und Hemd trug, interessiert keinen Menschen. Nein, Klamotten sind immer noch Frauengedöns. Schminkt man sich als Frau, wird das so gewertet, dass sie den Männern gefallen wolle. Schminkt sie sich nicht, gilt das gleich als ungepflegt. Zieht sie sich figurbetont an, muss sie mit blöden Blicken oder dummen Sprüchen rechnen. Trägt sie nur Kartoffelsack und Gummistiefel hält man sie für eine leicht verrückte Baumliebhaberinnen-Öko-Tussi. Kurz: Wie man es als Frau auch macht, man macht es falsch. Aber beklagen wir uns darüber? Nein. Auch nicht, wenn die Männer zum wiederholten Male herumnölen, die weibliche Emanzipation habe sie metaphorisch entmannt, die Frauen hätten sie zu Konsumtrotteln gemacht, es fehlten ohnehin auch die männlichen Vorbilder und man dürfe ja auch heute gar nicht mehr männlich sein, das allein wäre ja schon ein Verbrechen, blasülz. So ein Schwachsinn. Natürlich dürfen alle noch ihre Penisse und Vaginas behalten, aber der Besitz davon ist doch wohl kein Freifahrtsschein für respektloses Verhalten. Und da gibt es noch reichlich Diskussionsbedarf.

Die immernoch männlich-weiß-heterosexuell geprägten Machtstrukturen werden sich nicht von heute auf morgen auflösen lassen. Aber irgendwo muss man mal damit anfangen, anstatt immer zu leugnen, dass diese Machtstrukturen existieren. Wenn ein flapsiger, dummer und plumper Spruch eines Politikers dazu führt, dass man immerhin mal ins Grübeln kommt, dann fände ich das prima. Ich fürchte aber, diese Strukturen sitzen so fest, das wird im Sand versickern, ohne dass sich etwas ändert. Es sind ja auch nicht einfach nur die Männer schuld. Sondern es ist ein gemeingesellschaftliches Problem, wo auch Frauen mit beteiligt sind. Vielleicht haben wir Mädels uns auch einfach schon viel zu lange viel zu viel gefallen lassen. Vielleicht haben wir nicht genug zusammen gehalten. Vielleicht haben wir nicht laut genug mit dem Fuß aufgestampft und gesagt „es reicht!“ Vielleicht haben wir zu oft über plumpe Scherze gekichert, uns für misslungene Komplimente artig bedankt oder dumme Anmachen höflich ignoriert. Ich weiß es nicht. Jedenfalls ist das noch ein langer Weg zur tatsächlichen Gleichberechtigung von Mann und Frau. Und bevor hier gleich wieder das Gezeter losgeht. Ich bin nicht dafür, dass die Machtstrukturen ins andere Extrem umkippen. Wir sind hier ja nicht bei Penthesilea und ihren Amazonen. Nein, ich bin dafür, dass alle – egal welchen Geschlechts – mit Respekt behandelt werden.

Dann gibt es noch ein Thema, das oft mit Sexismus in einen Topf geworfen wird, das ist sexuelle Belästigung. Die Grenze ist fließend und außerdem immer vom Kontext und den Persönlichkeiten und Hintergründen der beteiligten Personen abhängig. Deswegen ist es sehr schwer, vielleicht sogar unmöglich, da eine allgemeingültige Definition zu finden. Natürlich kann man sagen: „Belästigung ist, wenn sich jemand belästigt fühlt“. Aber das ist gar nicht so einfach. Manchmal fühlt man sich ja auch erst im Nachhinein belästigt und ist im ersten Moment vor allem baff und schockiert. Ist eine unerwünschte Anmache zum Beispiel schon Belästigung? Wenn mich jemand fragt, ob ich mit ihm was essen gehe, obwohl ich überhaupt nichts gemacht habe, das Flirtbereitschaft signalisiert hätte (jedenfalls nicht absichtlich), ist das dann einfach Pech oder schon Belästigung? Schließlich ist das ja auch ganz schön knifflig für Männer, Frauen anzusprechen. Da viele Frauen nach wie vor der Ansicht sind, es läge beim Mann, den ersten Schritt zu wagen und sie anzusprechen, denken immer noch viele Männer, das wäre ihre Pflicht. Nun sind aber die meisten Männer recht ungeschickt im Flirten und benehmen sich wie Trottel, wenn eine Frau ihnen gefällt. Dann machen sie erstmal ewig Feldforschung und fallen dann mit der Tür ins Haus, so dass die Frau völlig überrumpelt ist und gar nicht weiß, was sie davon halten soll. Ihres Wissens hat sie nämlich nichts gemacht. Ich denke, das lässt sich vermeiden, indem man sich erstmal beiläufig kennen lernt und dann kann man sich ja auch anfreunden, wenn es mit einer Beziehung nicht klappt. Na ja. Aber ist dieses Tollpatschig-Plumpe schon Belästigung? Denn, ich fühle mich dann dadurch belästigt, wenn ein Typ mir Avancen macht, bevor man sich überhaupt nett unterhalten hat. Wobei ich auch der Meinung bin, wenn mir einer gefällt, dann sage ich dem Bescheid und solange ich dem nicht sage, dass ich mit ihm eine Beziehung versuchen will, will ich das auch nicht. Alles, was nicht „Ja“ ist, ist „Nein“. Aber ich bin ja nicht Maßstab aller Dinge, also kann ich nicht davon ausgehen, dass Männer das wissen. Erst recht nicht, wenn diese Paddel mit der Tür ins Haus fallen, ohne mich vorher zu kennen.

Aber wenn ich es recht bedenke, das nervt schon ganz schön. Trotzdem – weil die böse Absicht dabei fehlt – würde ich das nicht als sexuelle Belästigung ansehen, die man bei der Polizei anzeigen müsste. Dass die Anmache doof rüberkommt liegt ja nicht daran, dass die Jungs in der Absicht, mir ihren Willen aufzudrücken oder mich wie ein Stück Fleisch respektlos zu behandeln, auf mich zugekommen sind, sondern in der Absicht, mich kennen zu lernen. Also, die Motivation spielt dabei auch eine Rolle, nicht bloß das Gefühl einer Person. Schließlich gehören zur Belästigung ja zwei Personen, nicht nur die Person, die sich belästigt fühlt, sondern auch die, die belästigt. Wenn also der Typ, der mich ungeschickt angegraben hat, nach einer nicht-eindeutig-zustimmenden Reaktion meinerseits nicht locker lässt und versucht mich zu überreden, dann kann man davon ausgehen, dass er mir seinen Willen aufdrücken will und dann ist das Belästigung. Muss man das anzeigen? Nein. Trotzdem finde ich es sehr störend, wenn man versucht, mich zu überreden, wenn ich schon ablehnend reagiert habe. Und jetzt komme mir bitte niemand mit „Ja, wieso, da muss dann die Frau auch einfach mal klipp und klar sagen, dass sie das nicht möchte.“ Der Mann könnte genauso gut auf Körpersprache und Zwischentöne achten, die genau das genauso klipp und klar zum Ausdruck bringen. Ob jetzt eine Frau Himmelreich zu einem Herrn Brüderle sagt „Ich möchte das hier gern professionell halten.“ oder ob sie ihm sagt „Lassen Sie mich in Ruhe, ich möchte nicht, dass sie mich anbaggern“ ist ja wohl genau das Gleiche. Bloß ist das erste höflich und professionell und das zweite unfreundlich und zickig. Wenn ich zu einem Typen sage, der mich angegraben hat: „Ich möchte jetzt lieber mein Buch lesen“ ist das eine höfliche Abfuhr, wenn ich sage: „Verpiss dich, du Idiot, ich will nichts von dir“, bedeutet das genau das Gleiche, aber ich beleidige den anderen damit.

Wie ist das mit anzüglichen Blicken? Belästigung oder nicht? Normalerweise würde ich sagen: Gucken, von mir aus, aber anfassen ist nicht! Aber wenn ich es mir recht überlege, ist das auch schon belästigend, wenn mir einer ununterbrochen auf die Brüste guckt und sich noch nicht einmal die Mühe gibt, weg zu gucken. Jedoch ist auch das etwas, was man als Frau nicht anzeigen würde. Wir denken dann nämlich, wir dürfen uns nicht so anstellen, der macht doch nichts, der guckt doch nur. Miteinander reden? Als ob ein verkappter Lustmolch, der Frauen mit Blicken auszieht ein Einsehen darin hätte, wie sehr sein Verhalten stört. Was ist mit den Männern in der U-Bahn, die sich extra nah an die junge Frau neben ihnen hinsetzen? Was ist mit den Wanderpfoten im Schwimmbad, die wie zufällig an Frauenkörper greifen? Was ist mit den besoffenen Schmierlappen in der Disko, die nicht kapieren, dass „Nein“ auch „Nein“ heißt? Da kann man zwar Anzeige gegen Unbekannt erstatten, aber erstens bringt das doch nichts und zweitens finde ich, das kann man ja wohl nicht nur den Frauen anlasten. Von wegen, selber Schuld, was geht die auch im Schwimmanzug oder Bikini ins Schwimmbad, was setzt die sich in der U-Bahn auch hin und was zieht die sich auch so feminin an, wenn sie tanzen geht. Da finde ich, könnten die werten Herren der Schöpfung doch auch mal ihr Oberstübchen bemühen, ihre kritische Selbstreflexion aktivieren und nicht immer gleich automatisch davon ausgehen, sie wären unwiderstehlich. Von Frauen verlangt man schon seit immer, dass sie sich zusammenreißen. Da kann man doch das gleiche auch mal von den Männern erwarten. Oder etwa nicht?


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