Archive for August 2013

Essai 108: Über arrogante Intellektuelle

27. August 2013

Meine Tante warf meiner Mutter vor einiger Zeit vor, sie sei eine „arrogante Intellektuelle“. Ich weiß den Zusammenhang und den Grund dieser als Beleidigung gemeinten Feststellung nicht mehr, aber den Ausdruck fand ich hübsch und habe ihn mir gemerkt. Außerdem kann ich doch so eine schöne Bezeichnung nebst passendem Essai meiner werten Leserschaft unmöglich guten Gewissens vorenthalten. Nun, also was sind „arrogante Intellektuelle“ und gehöre ich eventuell sogar dazu? Schließlich fällt der Apfel bekanntlich nicht weit vom Stamm und vermutlich gehören meine Eltern und ich wohl zu einer gesellschaftlichen Schicht, die sich als Bildungsbürgertum etikettieren ließe, wenn man es wollte. Und wo sollten sich arrogante Intellektuelle sonst tummeln, wenn nicht in den Dunstkreisen des Bildungsbürgertums.

Für arrogante Intellektuelle ist „Niveau keine Hautcreme und sieht nur von unten aus wie Arroganz“, was natürlich eine total arrogante Haltung ist und vermutlich bei vielen Menschen reichlich Empörung verursacht. Aber wer ein richtiger arroganter Intellektueller sein will, der darf nicht grundlos arrogant und eingebildet sein, sondern braucht dazu das nötige intellektuelle Fundament. Idealerweise sind die Schlauberger also nicht nur einfach so eingebildet, sondern sind dies aufgrund ihrer höheren Bildung – damit es ganz besonders intellektuell ist, sollte diese am besten geisteswissenschaftlich orientiert sein. Natürlich können auch Wirtschafts- oder Naturwissenschaftler sich ganz schön etwas auf ihr Wissen einbilden, aber sie tun das nicht, weil sie sich für intellektuell – also vergeistigt – halten, sondern weil sie der Ansicht sind, ihr Wissen sei für die wirkliche Welt von enormer Bedeutung und für die praktische Umsetzung bestens geeignet. Das macht sie nicht weniger arrogant – schließlich blicken sie nicht nur auf das weniger gebildete Fußvolk herab, sondern auch auf die Geisteswissenschaftler, die zu dumm sind, was „Vernünftiges“ zu lernen und sich den ganzen Tag nur mit idiotischen Gedankenspielchen beschäftigen, die für die wahre Wirklichkeit keinerlei Relevanz aufweisen. Aber als hochgradig intellektuell lassen sich diese Zeitgenossen nicht bezeichnen.

Arrogante Intellektuelle sind demnach Geisteswissenschaftler, die sich etwas auf ihr theoretisches Wissen einbilden und auf Menschen, die weniger Ahnung von Theater, Medien, Film, Literatur, Philosophie und dergleichen haben, naserümpfend herabblicken und sie für dumme Asis halten, die den ganzen Tag nur „Unterschichten-TV“ gucken, wo andere dumme Asis die Hauptrollen spielen und irgendwelche dummen Asi-Probleme wälzen. Nicht gerade sonderlich liebenswerte Einstellung seinen Mitmenschen gegenüber, die diese arroganten Intellektuellen an den Tag legen.

Bin ich auch so? Oder meine Mutter? Immerhin, wir haben beide Geisteswissenschaften studiert, haben uns Berufe ausgesucht, in denen Geisteswissenschaftler bestens aufgehoben sind – meine Mutter in Richtung Sprachen, ich in Richtung Schrift – und sind seit jeher Bücherwürmer und Leseratten. Wir hinterfragen gern als etabliert geltende Normkonzepte und als selbstverständlich erachtete Standpunkte und Meinungen. Und wir sind – zugegebenermaßen – auch stolz darauf, haben unsere Freude daran und machen das gern. Es kann sein, dass wir gelegentlich mit Unverständnis reagieren, wenn jemand diese Begeisterung für geisteswissenschaftliche Themen, Fragestellungen und Tätigkeiten nicht teilt. Vielleicht wird man da auch mal ungeduldig oder reagiert etwas zu schockiert, wenn andere Wissenslücken offenbaren, die man nicht für möglich gehalten hätte. Das kann mit Sicherheit arrogant wirken. Vielleicht ist es das sogar, wenn auch unbewusst und nicht mit Absicht. Was die Sache für den anderen natürlich nicht besser macht. Möglicherweise wirke ich also tatsächlich gelegentlich wie eine arrogante Intellektuelle. Ich kann mir da manchmal einfach nicht helfen, wenn jemand Maria Callas nicht kennt oder Goethe und Schiller verwechselt (wahre Geschichte: Beim „Tabu“-Spielen habe ich nicht kapiert, dass „Wallenstein“ der gesuchte Begriff war, weil mein Erklärpartner die ganze Zeit darauf bestanden hat, es handle sich dabei um ein Stück von Goethe. Goethe? Wallenstein? *kopfschüttel*). Da bin ich manchmal aufrichtig bestürzt. Sollte ich damit jemandem auf den Schlips treten, so tut mir das leid. Zumindest ein bisschen.


%d Bloggern gefällt das: