Posts Tagged ‘Verhalten’

Essai 198: Über Schlaufaulheit

2. März 2021

Menschen bilden sich ja gern ein, sie wären die Krone der Schöpfung. Ich halte das für Quatsch. Die meisten Menschen verhalten sich dumm: entweder dummfleißig, also verbissen überehrgeizig, oder dummfaul. Damit meine ich, wenn man nur darauf schaut, unmittelbaren Aufwand zu vermeiden, und sich damit langfristig mehr Aufwand aufhalst. Wenn ich jetzt zum Beispiel zu faul bin, meinen Kram nach dem Benutzen wieder an seinen Platz zu räumen, verbasel ich den Kram, und wenn ich das nächste Mal den Kram brauche, muss ich ewig suchen.

Schlaufaul wäre es, mir den minimalen Aufwand zu machen, nach dem Benutzen den Kram wieder zurück an seinen Platz zu stellen und dann weiß ich immer, wo das ist und spare mir nerviges Suchen. Schlaufaulheit bedeutet also, dass man unmittelbar ein kleines bisschen Mehraufwand in Kauf nimmt, und sich damit langfristig kolossal nervigen, völlig unnötigen Mehraufwand spart. Zum Beispiel, wenn ich zu faul bin, meine frisch gewaschene Wäsche nach dem Trocknen zusammenzulegen und zurück in Kommode und Schrank zu räumen, sie stattdessen einfach auf einen Haufen schmeiße, am besten noch zur Schmutzwäsche oder zur getragen-aber-noch-sauber-Wäsche. Dann habe ich da einen Riesenberg Wäsche und weiß gar nicht mehr, was da drin ist und wo und ob das überhaupt sauber ist oder dreckig. Und das ist dann ja total anstrengend, das auszuklamüsern und auseinander zu sortieren. Also lasse ich den Haufen einfach so, er wird immer größer und dann stehe ich eines Tages da und habe nichts Sauberes mehr anzuziehen und muss unter Stress diesen Riesenberg durchwühlen. Hätte ich einfach von vorneherein schlaufaul den kleinen Mehraufwand auf mich genommen, die trockene, saubere Wäsche an ihren Platz zu räumen, hätte ich dieses Problem gar nicht.

Oder auch beim Einkaufen: Ich bin da seit dem Lockdown eher dummfaul unterwegs und gehe lieber seltener einkaufen und ärgere mich dann, dass ich so schwere Taschen schleppen muss und mir die Nacken- und Schulterpartie verspanne. Schlaufaul wäre es, öfter kleinere Einkäufe zu machen. Aber bis zum nächsten Einkauf habe ich die Nackenschmerzen wieder vergessen und bin wieder genauso doof und ärgere mich über die schweren Taschen, die ich in den zweiten Stock hochschleppe.

Übrigens ist Schlaufaulheit auch eine gute Strategie, wenn man – wie ich – eher zu Dummfleiß neigt, sich viel zu viel Arbeit macht, weil man dem irrigen Gedanken anhängt, man müsste alles alleine wuppen. Stattdessen wäre es schlaufaul, um Hilfe zu bitten und Teile seiner Aufgaben zu deligieren.

Im Moment würde uns wohl allen mehr Schlaufaulheit gut tun, ob wir nun eher dummfleißig oder eher dummfaul sind. Denn wenn wir uns jetzt, wo die dritte Corona-Welle erst noch am Anfang steht, den Mehraufwand zusätzlicher Lockdown-Verschärfungen machen würden, dann könnten wir die Verbreitung des Virus und der Mutanten vielleicht noch einigermaßen ausbremsen, bis wir mit den Impfungen endlich mal aus dem Quark gekommen sind. Vielleicht könnte man dann im April oder Mai wieder mehr aufmachen, als wenn wir jetzt schon planlos irgendwas lockern, um kurzfristig Unannehmlichkeiten zu minimieren, und dann fliegt uns der Scheiß hier spätestens zu Ostern wieder um die Ohren, die letzten Monate waren für die Tonne, die Infektionszahlen steigen wieder exponentiell, die Krankenhäuser sind wieder überlastet, keine Kontrolle mehr, bei dem Chaos laufen die Impfungen auch nicht besser als jetzt und wenn wir nicht gestorben sind, dann sitzen wir 2050 noch im Lockdown und müssen uns mit immer bekloppteren Verschwörungstheorien herumplagen.

Und, wie geht es euch zur Zeit? Seid ihr eher dummfleißig oder eher dummfaul? Oder gehört ihr zu den beneidenswerten Zeitgenossen, die die Kunst der Schlaufaulheit meistern?

Essai 197: Über Schuld und Verantwortung

9. September 2020

Wenn ich mich auf Facebook mit beratungsresistenten Idioten herumstreite, die der Meinung sind, es gäbe weder Sexismus noch Rassismus noch sonst irgendeine Form von Diskriminierung, weil sie selbst das Glück hatten, nicht davon betroffen zu sein, fällt mir eine Sache immer wieder auf: Diese Leute verwechseln ständig Verantwortung und Schuld. Und da dachte ich, als eure Klugscheißerin der Herzen ist es meine Pflicht, darüber mal einen meiner küchentischphilosophischen Essais zu schreiben.

Was ist Schuld, was ist Verantwortung und was ist der Unterschied zwischen beidem? Es gibt ja durchaus Überschneidungen zwischen Schuld und Verantwortung und vielleicht lässt es sich nicht immer eindeutig trennen. Allerdings ist Schuld grundsätzlich negativ behaftet und Verantwortung ist ein eher neutraler Begriff. Wer schuldig ist, hat mit voller Absicht und wider besseren Wissens etwas getan, das anderen geschadet, ihnen Schmerzen oder Verletzungen zugefügt hat – obwohl der/die Schuldige auch anders hätte handeln können. Dass also niemand Schuld haben möchte, ist absolut verständlich.

Allerdings kann man sich auch aus Versehen daneben benehmen und andere verletzen, kränken oder ihnen schaden – weil man es nicht besser weiß, weil man in dem Moment ein Trampel ist, weil man es nicht so mit dem Feingefühl hat, weil man von sich auf andere schließt und einem das eigene Verhalten selbst nichts ausmachen würde … Da gibt es ja viele Gründe, weswegen wir alle unsere blinden Flecken haben und uns manchmal wie Arschlöcher benehmen, obwohl wir es nicht bewusst böse meinen. Und da kann man doch nicht mehr wirklich von Schuld sprechen, oder?

In diesem Fall finde ich dann den Begriff „Verantwortung“ sinnvoller. Denn Schuld liegt immer in der Vergangenheit, man kann sie nicht rückgängig machen, was passiert ist, ist passiert, was man getan hat, hat man getan. Man kann für Schuld büßen, sicher, aber lernt man auch wirklich etwas dabei? Oder geht man nach der Buße wieder mit federleichtem Gewissen hinaus in die Welt und trampelt wieder voller Absicht auf seinen Mitmenschen herum, weil sie in irgendeiner Weise anders sind als man selbst und man deswegen findet, man sei etwas Besseres als sie? Schließlich kann man danach ja wieder büßen und gut ist.

Übernimmt man aber Verantwortung für sein Verhalten, dann bezieht sich das auf die Gegenwart und die Zukunft. Dann begreift man, dass das eigene Verhalten Konsequenzen für andere haben kann, und bemüht sich, dass diese Konsequenzen nicht schädlich oder verletzend für die Mitmenschen sind. Während Schuld von der Frage getrieben wird, WER die verwerfliche Tat begangen hat, und das Finden eines Schuldigen, eines Missetäters zum Ziel hat, geht es bei Verantwortung um etwas anderes. Hier steht nicht die Person im Mittelpunkt, sondern das Verhalten. Die Fragen, die mit Verantwortung einhergehen, sind: Was kann ich tun, um diesen Missstand, dieses Fehlverhalten zu verbessern oder wenigstens nicht noch schlimmer zu machen und weiter zu verfestigen? Wie kann ich das Problem lösen? Wie kann ich Betroffenen helfen und sie unterstützen?

Geht es um Schuld, so ist das Thema in der Regel erledigt, wenn man den Schuldigen identifiziert und bestraft hat. Verantwortung fängt dann erst an, wenn man das Problem bestimmt hat. Verantwortung ist außerdem etwas, das wir alle übernehmen können, das muss man nicht alles alleine wuppen. Und eigentlich ist das doch etwas Gutes und sollte Hoffnung machen, oder?

Bezieht man diese Unterscheidung nun auf alltäglichen, unterschwelligen Sexismus und Rassismus, dann ist es meines Erachtens nicht sinnvoll, über Schuld zu diskutieren. Denn der absichtliche, bösartige Sexismus und Rassismus kommt gar nicht sooo oft vor und die, die sich dessen schuldig machen, sind Arschlöcher, denen man mit Verantwortung gar nicht erst zu kommen braucht. Die sollte man wegen Beleidigung oder Volksverhetzung anzeigen und nicht eine Diskussion auf Augenhöhe versuchen.

Aber was viel häufiger verbreitet und den Menschen oft nicht bewusst ist, ist der unterschwellige Rassismus oder Sexismus, der sich in verunglückten Komplimenten, scheinbar beiläufigen Bemerkungen, Vorurteilen oder anderen Mikroaggressionen äußert. Die Menschen, die diese Mikroaggressionen von sich geben, merken nicht unbedingt, dass sie sich sexistisch oder rassistisch verhalten. Schließlich hat sich noch nie irgendjemand vorher beschwert, sie haben ja selbst ausländische Freunde, soll doch jeder machen was er will, leben und leben lassen, sie sehen jedenfalls keine Farben und grundsätzlich haben sie auch überhaupt nichts dagegen, wenn Frauen und Männer gleichbehandelt werden, man müsse doch aber auch die kulturellen respektive biologischen Unterschiede beachten und so weiter und so fort.

Was passiert, wenn man diese Menschen nun wie Schuldige behandelt? Sie gehen in Abwehrhaltung, denn sie haben ja nichts Böses im Sinn und wollen niemandem absichtlich wehtun – sind also in ihrer eigenen Wahrnehmung unschuldig. Was wäre, wenn es gelänge, diese Menschen von ihrer Verantwortung zu überzeugen? Dann könnten wir alle zusammen an einem Strang ziehen, um die Welt ein bisschen gerechter zu machen. Dann könnte man sich sachlich und auf Augenhöhe mit Betroffenen über ihre Erfahrungen und Wünsche unterhalten, voneinander lernen, die blinden Flecken vielleicht ein wenig sichtbarer machen und ein Bewusstsein dafür entwickeln, wie man anderen Menschen seltener auf die Füße tritt.


Und, wie seht ihr das? Habe ich völligen Quatsch verzapft oder ist da etwas dran? Schreibt es mir in die Kommentare, widersprecht mir, stimmt mir zu, ich bin gespannt 🙂

Essai 192: Über das richtige Maß an Auffälligkeit

28. Dezember 2019

Es soll Menschen geben, die gern im Mittelpunkt stehen. Diese Zeitgenossen genießen es dann tatsächlich, die volle Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, von allen beachtet zu werden. Sie verhalten sich dementsprechend auffällig, damit man sie stets bemerkt. Zu diesen Menschen gehöre ich nicht. Ganz und gar nicht.

Ich empfinde es als hochgradig gruselig, wenn ich ständig im Mittelpunkt stehe. Also, ich als Person – wenn ich einen Vortrag, eine Präsentation oder einen Workshop halte oder als Schauspielerin auf der Bühne stehe und eine Rolle spiele, ist das etwas anderes. Denn dann stehe nicht ich im Fokus, sondern der Inhalt meiner Präsentation oder des Theaterstücks. Und darauf kann ich mich vorbereiten. Aber wenn ich als Person im Zentrum der Aufmerksamkeit stehe, hasse ich das wie die Pest.

Dann denke ich, ich müsste jetzt irgendwas Interessantes, Fantastisches, Großartiges tun, um die mich Anstarrenden nicht zu enttäuschen, merke dann, dass mir überhaupt nichts Krasses einfällt, bin überzeugt davon, alle zu enttäuschen, und fühle mich schrecklich. Deswegen halte ich mich lieber im Hintergrund, checke ersteinmal die Lage, höre mir an, was andere Leute zu sagen haben, mache mir meine Gedanken, überlege, ob diese sachdienlich und zielführend sein könnten, und dann warte ich brav ab, bis ich an der Reihe bin oder eine ausreichend lange Gesprächspause entsteht, bevor ich meinen wohlüberlegten Gedanken höflich äußere.

Das Problem dabei ist, dass ich dann teilweise gar nicht an die Reihe komme und überhaupt gar nicht auffalle. Möglicherweise bekommt der eine oder andere in der Runde auch gar nicht mit, dass ich überhaupt da bin. Und dann kann ich auch meine wohlüberlegten Gedanken nicht äußern beziehungsweise gehen sie einfach unter. Da hat dann auch keiner was von.

Auf der anderen Seite will ich mich da aber auch gar nicht von Grund auf ändern, weil ich Menschen, die ständig überall im Mittelpunkt stehen und sämtliche Aufmerksamkeit auf sich ziehen müssen, sehr anstrengend finde. Ich verstehe die Motivation dahinter einfach nicht. Warum sollte man das wollen, dass alle ihre Aufmerksamkeit auf einen richten, anstatt sich um ihre eigene Verantwortung zu kümmern? Da läuft man doch Gefahr, dass man dann für andere die Verantwortung mit übernehmen muss, dass sich alle darauf verlassen, dass man alles für sie regelt, und weil das nicht funktionieren kann, wird man alle anderen zwangsläufig enttäuschen. Und ich finde das ganz unerträglich, die Erwartungen anderer nicht zu erfüllen. Dann doch lieber gar nicht erst große Erwartungen wecken, indem man gar nicht erst auffällt. Oder?

Gleichzeitig nervt es mich aber auch, dass nie jemand auf mich hört, dass meine guten Ideen kein Gehör finden und niemand mitzubekommen scheint, was ich alles leiste.

Also, was tun? Muss ich mich da jetzt verbiegen und mich zur Rampensau umerziehen? Oder gibt es nicht vielleicht einen Zwischenweg? Ich möchte mich gern bei Bedarf in den Mittelpunkt stellen können, ohne dort stehenbleiben zu müssen. Wenn ich mein Anliegen vorgebracht habe, möchte ich mich aber wieder in den Hintergrund zurückmuckeln, wo ich in Ruhe überlegen kann, bevor ich was sage. Ich habe nur noch nicht herausgefunden, wie das gehen soll.

Irgendwie lasse ich mich immer wieder von lauteren Menschen übertönen und von aggressiveren, offensiveren Zeitgenossen überrumpeln, sodass ich ersteinmal nachdenken möchte, bevor ich entscheide, wie ich mich dazu verhalten will. Ich reagiere da instinktiv mit Rückzug. Und dabei habe ich überhaupt kein Problem damit, vor anderen Menschen über ein Thema zu reden oder eine Geschichte zu erzählen. Ich finde auch Lampenfieber eher spannend als quälend. Aber wenn ich unvorbereitet, spontan in eine Situation geworfen werde, in der ich gern etwas sagen möchte, aber noch nicht zuende gedacht habe, was das sein könnte, bekomme ich den Mund nicht rechtzeitig auf.


Wie geht es euch damit: Steht ihr gern im Mittelpunkt oder fühlt ihr euch da, so wie ich, extrem unwohl? Wenn ihr auch zu denen gehört, die lieber ersteinmal nachdenken, bevor sie sich äußern, wie verschafft ihr euch Gehör und Aufmerksamkeit? Schreibt es mir in die Kommentare, ich bin gespannt. 🙂

Essai 190: Über die Probleme anderer Leute

22. September 2019

In Internet-Diskussionen herrscht das Recht des Stärkeren – wobei mit „Stärke“ nicht Charakterstärke gemeint ist, sondern Lautstärke. Wer am aggressivsten herumpöbelt und am unfairsten kämpft, gewinnt. Das Spannende dabei ist, dass man eine Fülle an Beleidigungen lernt, die man Menschen wie mir angedeihen lassen kann, die sich vom Gepolter der Idioten unbeeindruckt zeigen und einfach weiter stur auf Gerechtigkeit pochen.

„Gutmensch“ ist dabei ja schon ein Klassiker. OK, ich hab den Begriff hier auf meinem Blog im „Essai 63: Über unhöfliche Weltverbesserer und Gutmenschen ohne Manieren“ auch schon abfällig benutzt, obwohl es ja eigentlich etwas Löbliches ist, wenn man ein guter Mensch ist. Ich meinte das allerdings in dem Sinne, dass jemand nur behauptet, er sei ein guter Mensch, sein Verhalten jedoch nicht sonderlich nett oder anständig ist. Also ein Heuchler. Die Pöbler im Internet meinen es wohl auch so, gehen aber anscheinend von vorneherein davon aus, dass alle Menschen, die sich bemühen, keine Arschlöcher zu sein, sich der Heuchlerei schuldig machen.

Ebenfalls sehr beliebt ist die Abkürzung „SJW“, die für „Social Justice Warrior“ steht und auch Menschen zugedacht wird, die Arschlochverhalten anderen gegenüber nicht unwidersprochen dulden wollen. Pöbler finden nämlich, dass es ein Zeichen von Schwäche sei, sich nicht wie ein egoistisches Arschloch zu benehmen respektive ein solches Gebahren zu kritisieren. Und um zu beweisen, dass sie selbst keine Schwächlinge sind, machen sie den als „SJW“ abgestempelten Zeitgenossen dann zusammen fertig. Zumindest versuchen sie es.

So, und nachdem ich so weit ausgeholt habe, komme ich nun auch zum eigentlichen Thema meines Essais: den Problemen anderer Leute. Es ist so, dass vor allem diejenigen als „SJW“ oder Gutmensch bepöbelt werden, die auch dann Mitgefühl mit anderen Menschen zeigen, wenn diese ein Problem haben, das sie selbst nicht von sich kennen. Arschlöcher hingegen brummen einfach „Wenn’s nicht mein Problem ist, ist es kein Problem“ in sich hinein und belehren als Nichtbetroffene dann Betroffene darüber, dass sie gar nicht betroffen sein können und dürfen, weil es schließlich kein Problem gebe.

Besonders häufig fällt mir das in Diskussionen zum Thema Rassismus, Sexismus und anderen Formen der Diskriminierung auf. Ich bin der Meinung, ich kann auch als weiße einsehen, dass es scheiße ist, aus reiner Rechthaberei darauf zu beharren „N****kuss“ statt „Schokokuss“ zu sagen. Zack, schon bin ich ein „SJW“. Ich denke auch, dass ich AKKs Karnevalsfrotzeleien über Menschen, die sich nicht eindeutig dem weiblichen oder männlichen Geschlecht zuordnen können, total daneben finden kann, auch wenn ich selbst eine Cis-Frau bin. Boooaaaaah, was bin ich doch für ein Gutmensch! Ich kann auch den berüchtigten „Danke, dass du nicht Papa bist“-Edeka-Werbespot sexistisch und elterndiskriminierend und überhaupt nicht lustig finden, selbst wenn ich keine Kinder habe. Mannomann, ich habe ja wirklich ü-ber-haupt keinen Sinn für Humor und gehöre wahrscheinlich einfach mal wieder so richtig durch-ge-bumst, damit ich wieder etwas lockerer werde, nicht wahr?

Ganz ehrlich? DAS KOTZT MICH AN!!!!!

Ich bin es leid, dass so viele Menschen offenbar kein Mitgefühl mehr mit ihren Mitmenschen empfinden, wenn diese ein bisschen von der Norm abweichen. Das ist echt nicht einfach, wenn man nicht dem Durchschnitt entspricht, in welchem Bereich auch immer. Man muss sich viel häufiger für das rechtfertigen oder erklären, was man ist, man wird oft miss- oder gar nicht verstanden, man wird immer wieder von Arschlöchern gepiesackt und die erwarten auch noch Dankbarkeit dafür … das ist ätzend. Gut, wenn es einem gelingt, damit zurecht zu kommen und sich dagegen zu wehren, dann macht es einen innerlich stärker und man lernt sich im Laufe des Lebens immer besser kennen. Aber das kostet SO VIEL KRAFT und manchmal möchte man doch auch einfach nur dazugehören.

Ich kann einfach nicht verstehen, warum es so vielen Menschen anscheinend schwerfällt, das zu begreifen und einfach mal nett zu Leuten zu sein, ob sie einem selbst nun ähneln oder ein bisschen anders sind. Das hat man sich ja schließlich nicht ausgesucht, von der Norm abzuweichen. Ich hab mir zum Beispiel ganz bestimmt nicht ausgesucht, sensibler und klüger als der Durchschnitt zu sein. Ja, klingt arrogant, weiß ich auch … aber ist halt so.

Soll ich mich jetzt jedem Arschloch gegenüber dümmer und plumper geben, als ich bin, damit sein fragiles Selbstwertgefühl, das nur darauf beruht, Probleme anderer Leute als nichtexistent abzuwatschen und sich mit anderen Arschlöchern zusammenzurotten, keine Kratzer im Lack bekommt? Das sehe ich nun überhaupt nicht ein. Trotzdem ist mir klar, dass es sich bestimmt leichter lebt, wenn man weniger Mitgefühl mit anderen hat und einem die Dummdreistigkeit von Arschlöchern nicht weiter auffällt, weil man zu ihnen dazugehört. Aber so bin ich nun mal nicht.

Ich will nicht sagen, dass jeder normale Durchschnittsmensch ein Arschloch ist. Bitte versteht mich da nicht falsch. Aber normale Durchschnittsmenschen, die die Probleme nichtdurchschnittlicher Menschen als nichtexistent verurteilen, obwohl sie gar nicht wissen, wie das ist, in deren Haut zu stecken … das sind Arschlöcher. Und die werden von mir auch in Zukunft mit meiner geballten Klugscheißer-Power aufs Höflichste darauf aufmerksam gemacht, dass sie sich schlecht benehmen. Es kommt nämlich niemand als Arschloch auf die Welt, sondern das ist eine Frage des Verhaltens – und das kann man ändern.


Und, mischt ihr euch manchmal in Diskussionen um Probleme ein, die euch streng genommen nicht selbst betreffen, weil euch das unfaire Verhalten der Pöbelarschlöcher auf den Zeiger geht? Wurdet ihr deswegen schon mal als „SJW“ oder „Gutmensch“ verhöhnt? Schreibt es mir in die Kommentare, ich bin gespannt 🙂

Essai 187: Über passiv-aggressives Gruppenverhalten

20. Juli 2019

Weicht man ein klitzekleines bisschen von der Norm ab und gerät in eine Gruppe von Menschen, die das nicht tun, dauert es meist nicht lange, und man erlebt folgendes Phänomen:

Diejenigen, die der Norm entsprechen, also dem Durchschnitt, der Mehrheit, rotten sich zusammen. Und dann ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis man als Nicht-Normaler irgendetwas macht, was dem Durchschnittsgrüppchen sauer aufstößt. Man fällt in Ungnade. Und dann geht es los, das passiv-aggressive Gruppenverhalten.

Von einem besonders typischen Fall erzählte mir kürzlich eine Freundin, die mit einer Elternclique an der Schule ihres Sohnes in eine solche Situation geraten ist. Meistens gibt es dann in solchen Gruppen einen Anführer oder eine Anführerin, die die anderen Normalen gegen die Von-der-Norm-Abweichenden aufstachelt.

Dann darf plötzlich keiner mehr mit den in Ungnade Gefallenen reden. Es werden böse Blicke zugeworfen. Die Kinder werden nicht mehr eingeladen und das erfährt man dann von hinten rum durchs Knie ins Auge – und wenn man fragt, ob irgendetwas ist, wird das mit einem eisigen Lächeln und einem „Nee, wieso?“ quittiert. Das sind übrigens alles erwachsene Leute, nur mal so am Rande.

Ich erlebe das auch oft in Facebook-Kommentarspalten, dass man sich nicht gerade mit Beliebtheit bekleckert, wenn man es wagt, einen von der Mehrheit (in der Kommentarspalte) abweichenden Standpunkt einzunehmen. Da stürzen sich die Mehrheitsvertreter wie die Geier auf den Abweichler, um diesen unverschämten Knilch zu zerfleischen. Was fällt dem auch ein, sich seine eigenen Gedanken zu machen? Frechheit!

Sicher, man muss aufpassen, dass man der Mehrheit nicht einfach so um des Widersprechens willen widerspricht. Manchmal hat es ja auch einen triftigen Grund, warum etwas Mehrheitsstandpunkt ist – nämlich weil es einfach stimmt. Aber das meine ich nicht, sondern solche Situationen, wo es einfach nur um Meinungen, Sichtweisen und Geschmäcker geht. Oder wenn irgendein Vertreter der Mehrheit oder ein Mensch mit Macht Scheiße gelabert oder sich übelst in die Nesseln gesetzt hat, und man wagt, das zu kritisieren. Dann muss man nur bis drei zählen und die Geier kommen angeflogen.

Dann ist es vollkommen wumpe, wer Recht hat, wer Unrecht, wie gut man argumentiert oder wie eloquent man sich ausdrückt. Man wird einfach mit Bockmist überrollt, bis man genervt aufgibt. Wobei … in den Kommentarspalten verlassen die Leute relativ schnell die Gefilde des Passiv-Aggressiven und werden einfach nur aggressiv. Pöbeln, beleidigen, verspotten, verhöhnen, für blöd erklären, mit offenkundiger, humorfreier Ironie herunterputzen … da ist kein Mittel zu weit unten in der Schublade, um es nicht dem unverschämten Abweichler um die Ohren zu hauen.

Es ist aber insofern doch wieder passiv-aggressiv, weil ich mir ziemlich sicher bin, dass die Pöbler, die in den Sozialen Medien so großkotzig ihr Schandmaul aufreißen, um andere kleinzumachen, die sich dem Gruppendruck nicht beugen wollten, im wahren Leben, von Angesicht zu Angesicht, eher das Verhalten der Elternclique an den Tag legen würden. Also böse Blicke, hinterm Rücken des Betroffenen lästern, Gerüchte streuen, die Leute und ihre Angehörigen schneiden und ausschließen, bei direktem Kontakt aber aalglatt lächeln und so tun, als wäre alles fein etc.

Ehrlich gesagt, ich verstehe nicht, was das soll. Erstens lassen sich die meisten Konflikte im Keim ersticken, bevor sie entstehen, wenn man einfach mal sagt, was man will oder nicht will. Zweitens haben die Abweichler den „Normalen“ in der Regel überhaupt nichts getan. Drittens ist man doch, wenn man zur Mehrheit gehört, ohnehin in einer Vorteilslage und sowieso in einer Machtposition. Wozu dann noch Leute dissen, die von der Norm abweichen? Was soll denn das bringen?


Und, was sind eure Erlebnisse mit passiv-aggressivem Gruppenverhalten? Schreibt es mir in die Kommentare, ich bin gespannt. 🙂

Essai 185: Über die Frage nach der Herkunft

17. März 2019

Ich habe es schon wieder getan: mich auf Facebook mit Leuten gestritten. Dieses Mal ging es darum, ob es rassistisch ist, Leute nach ihrer Herkunft zu fragen.

Und es ist wahnsinnig schwierig, sachlich mit Menschen darüber zu diskutieren, weil immer alle gleich beleidigt sind. Lustigerweise vor allem die, die anderen Menschen mehr oder weniger rassistisch auf den Schlips treten. Die, auf deren Schlips getreten wird, sind vor allem eines: genervt.

Die Journalistin Ferad Ataman hat dem Phänomen der Herkunftsfrage einen Hashtag gewidmet, #vonhier.

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Viele, viele Menschen sprangen daraufhin auf den Zug auf und schilderten ihre Erlebnisse mit der Frage, woher sie kommen, also WIRKLICH kommen, also ihre Wurzeln haben und woher ihre Eltern, Großeltern und Urahnen kommen. Wiederum viele, viele Menschen reagierten erbost, beleidigt, empört darüber, dass ihnen pauschal Rassismus unterstellt würde.

Puh.

Nun, da ich es gern friedlich habe und es mich extrem nervt, wenn Leute sich zoffen, obwohl man den Konflikt mit etwas Einfühlungsvermögen und gegenseitigem Verständnis lösen könnte, versuche ich hier mal ein paar Dinge zu erklären.

Ist es rassistisch, wenn ich jemanden frage, woher er kommt?

Nein, zumindest nicht grundsätzlich. Es ist durchaus möglich, einfach aus Interesse und Neugier andere Menschen zu fragen, woher sie kommen. Als Smalltalk-Thema. Ob es echtes Interesse ist, lässt sich in der Regel daran erkennen, wie der Fragesteller auf die Antwort des Befragten reagiert.

Geht er auf die Antwort ein, war es ehrliche Neugier, und dann entwickelt sich in den meisten Fällen eine nette Plauderei.

Reagiert er so, als hätte sein Gegenüber die Frage falsch verstanden, bohrt nach oder macht deutlich, dass er eine ganz bestimmte Antwort hören will, die von der tatsächlichen Antwort abweicht – dann offenbart er damit, dass er eigentlich gar keine ehrliche Antwort auf seine Frage haben wollte. Sondern, dann ging es darum, dass der Fragesteller sich bereits vor der Antwort ein Bild von dem anderen gemacht, sich ein Vorurteil gebildet hat, und dieses bestätigt sehen möchte. Und wenn der andere die Erwartungen nicht erfüllt, ist der Fragesteller enttäuscht und frustriert.

Und das zeigt dann, dass der Fragesteller offenbar Vorurteile hat und wenn sich diese darauf beziehen, dass er automatisch davon ausgeht, jemand mit „nicht deutschem“ Namen oder Aussehen könne unmöglich aus Deutschland sein, die deutsche Staatsbürgerschaft besitzen und schon ewig oder seit immer hier leben. Dann tut es mir leid, das sagen zu müssen, aber das ist bereits rassistisch.

Aber Rassismus ist doch immer abwertend gemeint!

Ein häufiger Einwand ist, dass Rassismus doch stets abwertend gemeint sei, ebenso wie Diskriminierung. Das muss allerdings nicht zwingend der Fall sein. Vermeintlich positiver Rassismus existiert, auch bekannt als „Scheißausländerfreundlichkeit“. Man lässt sein Gegenüber dann spüren, dass es anders ist, eben nicht „von hier“, und deswegen nicht so richtig, wirklich, ganz dazugehört. Und nichts weiter heißt „Diskriminierung“: Unterscheidung, Trennung.

Das kann zum Beispiel sein, dass man Menschen, die „ausländisch“ aussehen, automatisch auf Englisch anspricht:

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Als ich mit meinen Eltern in Berlin im Museum war, hat meine Mutter Karten geholt. Sie hat einen französischen Akzent, spricht aber perfektes Deutsch und kennt sich mit deutscher Grammatik, Syntax und Rechtschreibung besser aus als die meisten „Bio-Deutschen“. Außerdem lebt sie länger hier als in Frankreich und hat die deutsche Staatsbürgerschaft. Trotzdem hat die Dame an der Kasse ihr sofort auf Englisch geantwortet. Meine Mutter war stinksauer und gekränkt.

Menschen, die sowas noch nie am eigenen Leib erlebt haben und vermutlich auch nie werden, verstehen oft nicht, warum das als Kränkung empfunden wird, wenn man sofort auf Englisch angesprochen wird, obwohl man perfekt Deutsch spricht. Sie sagen dann: War doch nicht so gemeint, ist doch keine böse Absicht, was stellen die sich alle so an, lasst doch mal die Kirche im Dorf, …

Das ist dann noch mal eins auf die Zwölf obendrauf. Nicht nur wurden die Menschen gerade – wenn auch ohne böse Absicht – diskriminierend behandelt. Sie werden dann auch noch als Mimosen beleidigt, die sich bloß anstellen.

Es kann auch sein, dass man Menschen auf ihren „exotischen Teint“ anspricht, ihnen dauernd in die Haare fasst, weil man die „tollen Afro-Locken“ so faszinierend findet, oder auch andere Dinge. Das ist alles „nicht böse“ gemeint, aber man lässt den anderen spüren, dass er kein vollwertiges Clubmitglied ist. Und je nachdem, was für ein dickes Fell man hat oder eben nicht, reagiert man irgendwann, wenn man sowas immer wieder erlebt, nicht mehr wirklich geduldig darauf.

Boah, jetzt macht mal halblang! Ist doch kein Problem

Interessanterweise fühlen sich vor allem die Menschen dazu bemüßigt, ein Problem als solches zu definieren, die entsprechendes Problem gar nicht haben. „Also, ich habe kein Problem damit, wenn man mich nach meiner Herkunft fragt!“ oder „Also, ich meine das immer als ehrliches Interesse, wenn ich nach der Herkunft frage!“

Menschen sind verschieden. Das macht es ja gerade spannend, aber manchmal eben auch kompliziert. Nur, weil man selbst noch nie ein Herkunftsverhör über sich ergehen lassen musste, heißt es nicht, dass es so etwas nicht gibt, und Leute, die darüber berichten, sich nur anstellen.

Und nur, weil man selber aus Neugier fragt, woher jemand kommt, heißt es nicht, dass es nicht auch manche Leute gibt, die es nicht lassen können, nach einer unerwarteten Antwort noch weiter nachzubohren, weil sie dem anderen nicht glauben wollen.

Deswegen ist es wirklich die beste Lösung, seinen Mitmenschen mit Empathie und Respekt, auf Augenhöhe zu begegnen, und wenn man ein nettes Gespräch führen möchte, dann geht man auf die Antworten seines Gegenübers ein. Und dann wird das Gegenüber mit großer Wahrscheinlichkeit auch nicht das Gefühl haben, ausgegrenzt oder rassistisch typisiert zu werden.


Und, was sind eure Geschichten zu dem Thema? Werdet ihr oft nach eurer Herkunft gefragt? Und nervt euch das oder findet ihr das OK? Ich bin gespannt auf eure Antworten 🙂

Essai 183: Über Scheiß, für den ich zu alt bin

22. November 2018

Als mir an meinem 18. Geburtstag mal ein wildfremder Typ sagte: „Pass auf, ab jetzt geht alles ganz schnell“, habe ich ihm nicht geglaubt. Aber – lieber wildfremder Typ, falls Sie das hier lesen – Sie hatten vollkommen recht. Dieses Jahr bin ich schon doppelt volljährig geworden und tatsächlich kommt mir die Zeit seit dem Jahr 2000 viel kürzer vor als die Zeit davor.

Nun könnte man deswegen natürlich wehmütig werden. Vergangenen Zeiten hinterhertrauern oder so. Darüber wehklagen, dass immer mehr weiße Haare im braunen Schopf hervorleuchten (so langsam sieht man sie sogar, ohne gezielt danach zu suchen), die Augen von Krähenfüßchen und Lachfältchen umrandet sind. Sich grämen, weil man jetzt fast eine ganze Woche braucht, um sich von einer langen Nacht zu erholen. Und andere ganz normale Alterserscheinungen, die sich mit Mitte 30 halt langsam so einschleichen.

Oder man lässt es bleiben und freut sich stattdessen über all die Dinge, die man früher für total wichtig hielt, die man aber inzwischen als unnötig erkannt hat. Das ist zumindest mein bevorzugter Ansatz – die Alterserscheinungen kommen ja eh, ob ich mich nun darüber ärgere oder nicht.

Meine Damen und Herren: Ich präsentiere hiermit meine Liste an Scheiß, für den ich zum Glück zu alt bin:

1. Alles glauben, was irgendwelche Schnacker im Brustton der Überzeugung behaupten

Zugegeben, an der Sache arbeite ich noch ein wenig. Hin und wieder passiert es mir dann doch, dass ich auf das aufgeblasene Geschwafel von Wichtigtuern hereinfalle und mich beeindrucken lasse, obwohl die Quatsch erzählen. Aber es ist nicht mehr die Regel. Früher ging ich automatisch davon aus, dass alle besser über alles Bescheid wissen als ich. Da musste man nur irgendwas im überzeugten Tonfall behaupten – und ich ging davon aus, dass das stimmt und der Schnacker ganz genau weiß, wovon er da redet.

Inzwischen ist mein Selbstvertrauen nicht mehr ganz so komplett für’n Arsch und ich habe mir in den letzten Jahren ausreichend Wissen und Erfahrung angeeignet, dass ich nicht mehr ganz so leicht Bullshit und Weisheit verwechsle. Und das finde ich super. Allerdings geht da noch was, von daher freue ich mich schon auf die nächsten Jahrzehnte.

2. Schnäppchen kaufen, weil sie billig sind, obwohl sie mir nicht gefallen

Früher habe ich oft Klamotten gekauft, die günstig, aber nicht wirklich praktisch oder mein Stil waren. Sie vegetierten darob in meinem Kleiderschrank dahin, ohne je das Tageslicht zu erblicken. Ich hatte dann zwar nicht viel Geld dafür ausgegeben, aber in Anbetracht der nicht vorhandenen Zweckmäßigkeit der Schnäppchenkäufe, eben doch zu viel Geld verplempert.

Und sowas nervt mich ja: Wenn ich Geld oder Energie verplempere, ohne dass es mir irgendwas nützt oder mir Freude bereitet. Inzwischen miste ich immer mal wieder meinen Kleiderschrank aus und gebe radikal alles weg, was ich ewig nicht mehr getragen habe, was mir nicht mehr gefällt oder mir nicht mehr hundertpro passt. Ausnahmen mache ich nur bei meinen Abend- und Cocktailkleidern, die trägt man halt generell nicht so oft.

3. Auf Partys gehen, auf die ich keine Lust habe

Ich bin eigentlich, tief im Grunde meines Herzens, ein Partymuffel. Früher habe ich mich trotzdem aufgerafft, mit in den Club zu gehen, obwohl ich viel lieber gemütlich auf der Couch gesessen und mit einer heißen Tasse Tee in den Händen mit meinen Freunden gequatscht hätte, als mich mit fremden Leuten auf einer klebrigen Tanzfläche zu quetschen, schlechte Luft zu atmen, mich von Idioten angraben zu lassen, die nicht kapieren, dass, wenn ich die Frage, ob sie mir einen Drink spendieren dürften, mit „Nein, Danke“ beantworte, damit tatsächlich „Nein, Danke“ meine.

Inzwischen traue ich mich, dazu zu stehen, dass ich kleine, muckelige Runden mit lieben Menschen, die ich gut kenne, Massenzwangsbespaßungsmaßnahmen vorziehe. Dann bin ich eben keine Partylöwin oder extrovertierte Stimmungskanone, und dann werde ich eben irgendwann müde und fahr nach Hause, anstatt bis zum Morgengrauen durchzuhalten. Dann fühle ich mich eben reizüberflutet und unwohl, wenn um mich herum die Technobässe wummern, sodass man sein eigenes Wort nicht mehr versteht. Ich bin keine 20 mehr und muss mir das nicht mehr antun.

4. Über meinen Schatten springen, obwohl ich das, was auf der anderen Seite ist, gar nicht will

Ich habe mich früher oft verpflichtet gefühlt, anderen Menschen irgendwas zu beweisen. Ich bin dann oft über meinen Schatten gesprungen, um beispielsweise mit auf Partys oder in die Disco zu gehen, und länger dort zu bleiben, als ich Lust hatte. Auch meine Schauspielausbildung habe ich im Grunde vor allem deswegen gemacht und durchgehalten, weil ich allen zeigen wollte, dass ich nicht so einfach aufgebe, und dass ich Kram, den ich angefangen habe, auch bis zum Ende durchziehe.

Und bevor man mich falsch versteht: Ich bin froh, dass ich das zu der Zeit getan habe. Ich habe zum Beispiel auf der Schauspielschule Freunde fürs Leben gefunden. Und man lernt halt viel über sich, wenn man auch mal Dinge ausprobiert, die einem nicht auf Anhieb zusagen. Und wenn man nicht mal seine Grenzen überschreitet, weiß man nicht, wo diese Grenzen liegen.

Aber mit der Zeit kann man sich immer besser einschätzen und man erkennt nach und nach, was man will und was nicht. Und das Gute ist, dass man dadurch mit zunehmendem Alter immer seltener über seinen Schatten springen muss, um herauszufinden, ob man das, was sich auf der anderen Seite des Schattens befindet, überhaupt erreichen will. Das finde ich sehr angenehm. So kann man sich seine Energie viel besser einteilen.

5. Dinge tun, weil ich denke, dass andere sie von mir erwarten, nicht, weil ich sie tun will

Puh, ganz schön viele Kommata in einem Satz. Aber auch das ist eine Sache, die mir erst so in den letzten Jahren klargeworden ist. Manchmal denkt man, man wollte etwas, aber in Wirklichkeit will man es gar nicht, sondern denkt nur, man müsste es wollen, weil andere das von einem erwarten, und man diese Menschen nicht enttäuschen will. Klingt kompliziert? Ist es auch. Ich bin teilweise auch immer noch dabei, das für mich auseinander zu klamüsern.

Aber es ist tatsächlich auch sehr spannend, herauszufinden, was man selbst will, was man vom Leben noch erwartet, was einen glücklich macht und wo die eigenen Prioritäten liegen. Muss man partout die Karriereleiter in Richtung Führungsposition emporklettern? Oder gibt es nicht noch andere Entwicklungsmöglichkeiten, die einem erlauben, immer wieder Neues dazuzulernen und sein Wissen mit anderen zu teilen? Tut das zwingend Not, eigene Kinder in die Welt zu setzen? Oder kann man nicht auch als Tante/Patentante/Pseudopatentante Spaß haben, die Kinder anderer Leute verwöhnen oder Verstecken spielen oder auf Hüpfburgen herumhopsen? Muss man wirklich immer B sagen, weil man irgendwann mal A gesagt hat? Oder kann man auch einsehen, dass A Quatsch war, und sich stattdessen für C entscheiden?

6. Mich für das Lebensglück erwachsener Menschen verantwortlich fühlen

Zugegeben, ich versuche immer noch, es allen Recht zu machen, und wünsche mir immer noch, dass alle glücklich sind, auch wenn ich weiß, dass das nicht geht beziehungsweise, dass mich das eigentlich nichts angeht. Aber ein bisschen Fortschritte habe ich in der Hinsicht schon gemacht. So mische ich mich zum Beispiel nicht mehr ungefragt ein, wenn ich den Eindruck habe, jemand steht sich selbst und seinem eigenen Glück im Weg. Das fällt mir immer noch schwer, aber ich reiße mich zusammen und denke mir meinen Teil, bis man mich nach meiner Meinung fragt. Und wenn man mich nicht nach meiner Meinung fragt, behalte ich sie für mich.

Es ist ja wirklich so, dass ich nicht für das Lebensglück anderer Leute verantwortlich bin. Und ich bin auch gar nicht das Maß aller Dinge, also, was für mich wichtig ist, muss ja nicht für andere gelten. Und solange keine Lebensgefahr besteht, kann man ja auch andere Leute – aus meiner Sicht – unvernünftige oder nicht zweckmäßige Verhaltensweisen machen lassen, auch wenn ich sie nicht nachvollziehen kann. Es ist ja nicht meine Aufgabe, Leute zu erziehen oder zu ändern. Das einzusehen, ist aber in der Tat eine Sache, an der ich wohl noch weiter arbeiten muss, denn leicht fällt mir das nicht.

7. Bücher zuende lesen, die langatmig geschrieben sind oder mir nicht gefallen

Während des Studiums musste ich mich häufiger auch mal durch Bücher quälen, die sehr verquast oder umständlich oder langatmig geschrieben waren. Es waren auch viele spannende und tolle Bücher dabei, die ich von alleine nicht entdeckt hätte. Aber eben auch so verkopfte Klopper, die darauf ausgelegt sind, nur von anderen Intellektuellen verstanden zu werden, wenn überhaupt. Und ich war zwar im Nachhinein schon stolz auf mich, wenn ich mich da durchgeackert hatte, aber wenn ich ganz ehrlich bin: Spaß ist was anderes.

Und jetzt kann ich endlich nur das lesen, worauf ich Lust habe, und das finde ich wunderbar. Ich habe immer ein Buch in der Tasche und lese in der U-Bahn, in der Mittagspause, wenn ich irgendwo warten muss, … Wenn ich in ein Buch beim besten Willen nicht reinkomme, weil der Schreibstil oder die Erzählweise mir zu zäh ist, dann habe ich inzwischen auch keine Skrupel mehr, ein paar Seiten oder Kapitel zu überspringen oder ein Buch auch mal zur Seite zu legen, und mir ein neues zu schnappen.


Und, wie erlebt ihr das Älterwerden? Kommen euch einige von diesen Dingen bekannt vor? Oder seht ihr noch andere Sachen, die mit den Jahren besser werden? Schreibt es mir in die Kommentare, ich bin gespannt! 🙂

Essai 182: Über die Schreckensherrschaft der Wüteriche

1. Juli 2018

Wenn man jemand ist, der gern Ärger vermeidet, kann man sich schon mal auf ein Leben voller Kompromisse einstellen, die zu den eigenen Ungunsten ausfallen. Ich weiß das, weil ich selbst zu diesen konfliktscheuen Harmoniejunkies gehöre. Und nein, ich bin nicht stolz darauf.

Das Problem ist, dass es manche Menschen gibt, die kein Problem damit haben, immer ein Theater zu machen, wenn etwas nicht nach ihrem Willen läuft. Und hat man sich ersteinmal einen Ruf als Wüterich erarbeitet, dann machen die meisten Menschen das, was man will, ohne dass man erst einen cholerischen Anfall simulieren muss.

Das lässt sich zum Beispiel in Familien gut beobachten. Oft gibt es ein bestimmtes Familienmitglied, das es sich zur Gewohnheit gemacht hat, stets einen Tobsuchtanfall zu bekommen, wenn irgendwer nicht nach seiner Pfeife tanzt. Aber generell gibt es in jeder größeren Gruppe einen solchen Kandidaten.

Und dann machen alle anderen lauter Sachen, auf die sie eigentlich nicht die geringste Lust haben, nur um nicht schon wieder angeschrien zu werden. Der Wüterich hingegen gewöhnt sich daran, dass er so viel Macht über die anderen ausübt.

Wie aber kann man diese Dynamik durchbrechen? Denn eigentlich fühlt sich ja niemand so wirklich wohl dabei, nehme ich an. Jedenfalls nicht die ganzen aufgescheuchten Hühner, die ihr Bestes geben, im vorauseilenden Gehorsam die Wünsche und Bedürfnisse des Cholerikers zu erfüllen, in der Hoffnung, dass er einigermaßen friedlich bleibt. Wie sich der Choleriker bei dem ganzen Theater fühlt, kann ich nicht beurteilen – auf dieser Seite der Macht stand ich einfach noch nie. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass einen das auf Dauer glücklich macht, wenn man zwar die Ehrfurcht seiner „Untergebenen“ genießt, aber gar nicht weiß, wie das geht, mal selbst einen Kompromiss einzugehen, gleichberechtigt zusammenzuarbeiten und es einfach zu genießen, dass nicht ständig Gewitterwolken über den Köpfen hängen.

Bloß denke ich, dass der Brüllaffe gar nicht weiß, wie Nachgeben funktioniert, weil das immer nur die anderen machen. Man wird also wohl als eingeschüchterter Konfliktvermeider hin und wieder aufmucken müssen. Ab und zu freundlich, aber bestimmt, eine Forderung des Wüterichs ablehnen (am besten dann, wenn man diese wirklich nicht erfüllen kann und will, dann fällt es leichter, überzeugt zu wirken) – dann merkt er, dass man sich nicht so einfach herumscheuchen lässt. Und vielleicht, wenn man das oft genug gemacht hat und andere mitziehen, lässt sich der Choleriker bändigen.

Ob’s funktioniert, weiß ich nicht. Ich nehme mir das zumindest vor 🙂 Das Komische ist, immer, wenn ich mir vornehme, mir ein bestimmtes Verhalten nicht mehr gefallen zu lassen, und dann entschlossen darauf warte, dass sich eine entsprechende Situation ergibt, um meinen Vorsatz in die Tat umzusetzen – dauert es ewig, bis wieder eine solche Situation eintritt. Und bis dahin ist diese „Mir reicht’s jetzt, nächstes Mal gibt’s aber richtig Stress!“-Stimmung auch schon wieder verpufft. Aber, wie heißt es doch so schön: Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Und, wie sind eure Erfahrungen mit Menschen, die jeden Ärger vermeiden wollen, und solchen, die ständig Ärger provozieren, um ihren Willen durchzusetzen? Gehört ihr mehr zu den Wüterichen? Oder mehr zu den Harmoniejunkies? Ich bin gespannt!

Essai 179: Über Schweigen und Nichtreagieren in Konfliktsituationen

21. Oktober 2017

Normalerweise bin ich nicht sooo nachtragend. Finde ich. Es ist meines Erachtens relativ schwierig, mich richtig wütend zu machen, und relativ einfach, sich hinterher wieder mit mir zu vertragen. Es gibt im Grunde nur eine Sache, die man tun muss, um garantiert alles schlimmer zu machen, und das ist: nichts. Mich macht es kirre, wenn ich mir alle Mühe gebe, eine Meinungsverschiedenheit oder sonstigen Konflikt zu klären, und mein Gegenüber schweigt und ignoriert mich komplett. Wie soll man denn zu einem Kompromiss oder einer Einigung kommen, wenn ich nur meine Sicht der Dinge kenne, von der anderen Perspektive aber einen Scheiß erfahre?

Leider ist es ziemlich schwierig, das Menschen klar zu machen, die eine andere Konfliktlösungsstrategie als ich verfolgen. Wenn ich mich mit jemandem streite, will ich das so schnell wie möglich lösen, damit wir uns wieder versöhnen und den Streit zu den Akten legen können. Generell ticke ich eher so, Unangenehmes schnell hinter mich zu bringen, es abzuhaken, und mich dann wieder den schönen Dingen des Lebens zu widmen. Ansonsten kann ich nicht richtig abschalten, weil mir das Unangenehme die ganze Zeit wie ein Damoklesschwert über dem Kopf schwebt.

Dann gibt es aber noch die – sagen wir – Vogel-Strauß-Konfliktlöser. Sie stecken einfach den Kopf in den Sand und hoffen, dass das Unangenehme sich von selbst löst, bevor sie wieder auftauchen. Oft neigen sie generell zum Prokrastinieren (Aufschieben) und erledigen Unangenehmes – wenn überhaupt – auf den letzten Drücker, lassen Unordnung sich erst anhäufen, bevor sie aufräumen und sitzen Konflikte und Streitsituationen einfach aus. Und da frage ich mich, ob das wirklich jemals funktioniert hat? Muss es ja eigentlich, sonst würden sie es ja anders machen …

Na jedenfalls, ich versuche wirklich, Verständnis dafür aufzubringen, wenn jemand anders mit Konflikten umgeht als ich. Aber diese Vogel-Strauß-Strategie ist so total unlogisch und ineffizient, überhaupt nicht vorausschauend gedacht. Dabei ist es doch viel einfacher, man klärt ein Missverständnis gleich auf, bevor es überhaupt erst zu einem Streit mutiert. Man spart sich auch jede Menge Nervkram und Arbeit, wenn man Unordnung gar nicht erst entstehen lässt, und Sachen, die man benutzt, im Anschluss wieder an ihren Platz stellt. Das ist doch mit Rechnungen zum Beispiel genauso. Wenn man sie gleich bezahlt, ist alles fein. Wenn nicht, kommen mit der Zeit noch Mahnungen und Zinsen dazu und man muss mehr bezahlen als ursprünglich.

Das ist doch nun wirklich keine sonderlich zweckdienliche Vorgehensweise. Gut, manchmal geht’s nicht anders, aber was ich halt nicht verstehe, ist, wenn man prinzipiell und grundsätzlich diese Wenn-ich-das-Problem-nur-lange-genug-ignoriere-löst-es-sich-bestimmt-von-alleine-in-Wohlgefallen-auf-ohne-dass-ich-mich-dafür-anstrengen-muss-Strategie anwendet. Das regt mich echt auf. Und ja, schon klar, ich höre mich gerade wie der übelste Streber-Klugscheißer-Korinthenkacker an, aber ich hab ja wohl einfach recht, da kann ich doch nichts für.

Es ist nun mal eben langfristig betrachtet viel angenehmer und einfacher, Nervkram so schnell wie möglich zu erledigen, anstatt ihn sich anhäufen zu lassen. Sonst steht man da vor diesem Riesenberg an unangenehmem Zeug, und denkt sich: „Puh. Wo soll ich da jetzt anfangen?“ oder „Auweia, wie konnte es denn soweit kommen?“ – Da ist doch die Hürde plötzlich viel größer, vielleicht sogar zu groß, um sie zu überwinden. Und das ist nun wirklich nicht schwierig, diese Konsequenz des Nichthandelns vorauszusehen. Weil. Das. Verdammt. Noch. Mal. LOGISCH!!! Ist.

Das gilt nicht nur für Rechnungen, doofe Haushaltstätigkeiten, Hausaufgaben oder Arbeitskram, sondern auch für Meinungsverschiedenheiten und Missverständnisse in Beziehungen. Wenn man sich größere Streitereien und lästige Grundsatzdiskussionen und peinliche Beziehungsgespräche ersparen will (und wer will das nicht?), ist es besser, man redet kontinuierlich miteinander. Das heißt nicht, dass man ständig plaudern und plappern muss, das ist ja auch nicht jedermanns Sache. Aber wenn was ist, sollte man das einfach gleich sagen, bevor es einen so sehr stört, dass man es nicht mehr ertragen kann.

Zum Beispiel hatte ich neulich eine zunächst kleine Differenz mit meinem Freund. Normalerweise verstehen wir uns prima und können auch mal nicht reden und es ist trotzdem alles gut. Wir löchern uns jetzt nicht dauernd gegenseitig und bereden auch nicht jeden Pups. Nun war er aber für fast zwei Wochen weg und wir konnten nur übers Handy kommunizieren. Ich hasse telefonieren, weil ich nie weiß, ob mein Anruf nicht gerade nervt, also schreibe ich lieber.

Ich hatte ihm ein Foto meiner neuen Kameratasche für meine neue Kamera geschickt und mich darüber gefreut, dass sie so gut passt. Daraufhin meinte er sinngemäß, klasse, dann kann ich sie ja auf die nächste Reise mitnehmen. Ich dachte erst, das wäre ein Scherz, wies aber vorsichtshalber darauf hin, dass ich meine neue Kamera in dem Zeitraum gern selbst ausprobieren möchte. Darauf er, das muss ich erst klären, eventuell muss ich meine eigene Kamera hierlassen. Und dann war ich sauer. Weil ich dachte, was soll denn das, wieso klärt er das nicht erst mit mir, ob er meine Sachen ausleihen kann, und überlegt dann, ob er seine eigene Kamera verleiht?

Dummerweise bin ich nicht sehr geübt darin, wütend zu sein, wie gesagt, das passiert mir nicht so oft. Also habe ich ihm mitten in der Nacht eine ellenlange Schimpftirade geschickt, die inhaltlich aussagen sollte, klär das bitte erst mit mir, wenn du meine Sachen brauchen könntest. Aber das war zugegebenermaßen in ziemlich viele und sehr wütende Worte verpackt. Daraufhin wurde er erst einsilbig. Und dann, als ich mich wieder etwas beruhigt hatte, und zu dem Schluss kam, vielleicht ein kleines bisschen überreagiert zu haben, habe ich mich entschuldigt. Und dann kam das große Schweigen.

So, mittlerweile haben wir uns „ausgesprochen“ (dieser Ausdruck weckt in mir einen Widerwillen, das klingt so nach Beziehungskrisengespräch, Bäh!) und es hat sich herausgestellt, dass ich ihn offenbar missverstanden habe. Warum hat er das denn dann nicht gleich gesagt? Er hätte doch einfach nur zu schreiben brauchen, nach meiner Schimpftirade, Hoppla, da ist wohl etwas in den falschen Hals geraten, gemeint war das-und-das. Zack. Sache geklärt, Konflikt gelöst, alle sind zufrieden.

Angenommen, ich habe ihn mit meinem Wortschwall so überrollt, dass er quasi unter Schock stand und deswegen so einsilbig reagiert hat. Spätestens nach meiner Entschuldigung hätte er doch einfach nur zu sagen brauchen, ja, da haben wir uns wohl missverstanden, mir tut’s auch leid, hab dich lieb – und schon wäre wieder Friede, Freude, Eierkuchen. Aber stattdessen schweigt er und reagiert gar nicht. Und überlässt mir die Interpretation, was eine Scheißidee ist, weil meine hyperaktive Fantasie sonstwas in das Schweigen hineininterpretiert. Zum Beispiel, dass er beleidigt ist und mich bestrafen will, dass das irgendsoein blödes Machtspiel ist, um mich in meine Schranken zu weisen, dass er mich nicht mehr mag und sich längst eine Neue gesucht hat, dass er heimlich als Agent oder Auftragskiller arbeitet und gerade in Schwierigkeiten steckt, …

Schweigen ist finde ich einfach das Fieseste, was man machen kann in einer Konfliktsituation. Ich kann halt auch dieses „Ja, ich wusste nicht, was ich dazu sagen soll“ nicht nachvollziehen. Irgendwas wird man doch wohl von dem halten, was ich geschrieben oder gesagt habe. Und das kann man dann doch einfach ohne Vorwürfe sagen, dann kann ich wiederum schauen, was ich davon halte. Und entweder es stellt sich heraus, dass einer von beiden recht hatte, dann sehe ich kein Problem darin, das auch so zu sagen. Oder beide Standpunkte haben ihre Daseinsberechtigung und ihre sinnigen Argumente, dann trifft man sich halt in der Mitte.

Ist doch eigentlich gar nicht so schwer, oder? Was meint ihr dazu?

Essai 174: Über grundlose Unhöflichkeit

2. Juli 2017

Beim besten Willen kann ich nicht nachvollziehen, warum manche Menschen unfreundlich zu Leuten sind, die ihnen gar nichts oder sogar etwas Nettes für sie getan haben. Da bin ich vielleicht auch etwas dogmatisch, ich weiß es nicht. Aber meiner Meinung nach gibt es keinen Grund, unhöflich zu sein, wenn der andere sich nicht wie ein Riesenarschloch aufführt. Und selbst, wenn jemand sich wie ein Riesenarschloch aufführt, sollte man höflich sein, weil man sich ja nicht zwingend auf dieses Arschloch-Niveau herabbegeben muss.

Genaugenommen gehe ich sogar soweit, zu behaupten, dass generell niemand unhöflich sein muss. Es gibt zwar manchmal begriffstutzige Vollpfosten, die völlig wahrnehmungsgestört und ich-bezogen sind, und die nicht kapieren, dass sie sich scheiße benehmen, sofern man sie nicht im Kasernentonfall anschnauzt und zusammenfaltet. Aber die haben dann ja angefangen. Sprich: Wenn die sich nicht unhöflich und achtlos verhalten hätten, gäbe es nichts, weswegen man sie anpflaumen müsste. Und für ihr ursprünglich pampiges Gebahren gibt es meines Erachtens keine Entschuldigung.

Sicher, manchmal hat man einen Pups quer sitzen, ist mit dem falschen Fuß aufgestanden oder PMS-bedingtes Hormongeschwurbel verhagelt einem die Laune (an die Herren: In diesem Fall ist davon abzusehen, eure Herzensdamen zu fragen, ob sie ihre Tage haben, wenn sie gereizt sind). Dann ist es verständlich und menschlich, wenn man etwas mürrisch ist und einem der Tonfall ein wenig harsch gerät. Aber dann kann man sich doch kurz entschuldigen, damit der andere weiß, es liegt nicht an ihm. „Sorry, heute ist echt nicht mein Tag“ oder sowas in der Art, das reicht dann ja schon, wenn man andere versehentlich brüskiert hat.

Was ich auch nicht verstehe – und es macht mich fuchsig, wenn ich was nicht verstehe – wenn Menschen grundsätzlich unhöflich und unfreundlich zu allen anderen sind. Die so eine Grundhaltung an den Tag legen, dass alle anderen immer alles falsch machen und das mit voller Absicht, nur um sie zu ärgern. Die davon ausgehen, dass alle ihnen Böses wollen. Die sich nicht vorstellen können, dass andere vielleicht Besseres zu tun haben, als jede Sekunde ihres Daseins mit Komplotten und perfiden Betrugsplänen zu verplempern, um dieser einen Person zu schaden.

Da kann man noch so aufrichtig freundlich und wohlwollend auf diese Menschen zugehen, sie finden immer irgendeinen subjektiven Vorwand, um einen auf den Schlips zu treten. Gut, es kann sein, dass dieser garstigen Grundhaltung ein langes Leben voller Gefühle der Einsamkeit, Enttäuschung und des Ungeliebtseins vorangegangen ist. Das tut mir ja auch leid. Aber trotzdem kann man sich ja wohl Leuten, die einem nichts getan haben, gegenüber zusammenreißen. Und wenn man das nicht kann, sollte man eine Psychotherapie in Erwägung ziehen. Ist ja nichts dabei, sich professionelle Hilfe bei Problemen zu holen, die man alleine nicht geregelt bekommt. Wenn man einfach weiterhin alle wie Dreck behandelt, nur weil man sich selbst wie Dreck fühlt, wird die eigene Situation nur noch schlimmer.

Früher oder später hat da nämlich keiner mehr Lust zu, sich ständig von jemandem, der den lieben langen Tag nur in seiner eigenen Galle versumpft und die ganze Welt außer sich selbst dafür verantwortlich macht, dass er sich schlecht fühlt, als Frustableiter missbrauchen zu lassen. Und dann ist derjenige wirklich einsam. Und hat dann niemanden, der ihm ab und zu mal den Spiegel vorhält, Grenzen aufzeigt, und sagt: So, jetzt reicht’s aber.

Aber vielleicht stelle ich mir das auch alles viel zu einfach vor. Ich gebe zu, ich kann mir das schwer vorstellen und mich da nicht hineinversetzen, wenn man so chronisch verbittert ist. Mich kostet es zugegebenermaßen überhaupt keine Mühe, freundlich und höflich zu meinen Mitmenschen zu sein. Klar, manchmal bin ich aus Versehen ein achtloser Paddel, und mache irgendwas, was andere verletzt, ohne es in dem Moment zu merken. Dann bin ich von meinem Selbstbild her überzeugt, dass ich voll nett war, aber in Wirklichkeit hat mich der andere als Arsch empfunden. Das habe ich noch nicht ausklamüsert, wie sich so etwas vermeiden lässt. Ich hoffe einfach, dass man mich in solchen Situationen sachlich darauf hinweist, dass ich was Blödes gemacht habe, damit ich mich entschuldigen und versuchen kann, es wieder gut zu machen.

Doch wenn jemand ständig scheiße zu allen ist, das kann ich nicht nachempfinden. Ich kann auch diesen falschen Stolz, der solche Leute daran hindert, sich Hilfe zu holen, um Probleme zu lösen, die sie alleine nicht in den Griff bekommen, nicht nachvollziehen. Gut, es gibt manche psychische Erkrankungen, die für Antriebslosigkeit sorgen, und es für Betroffene unheimlich schwer machen, eine Therapie anzufangen. Das ist dann noch mal was anderes. Aber ansonsten verstehe ich das nicht.

Was ich ebenfalls schwierig finde, ist der richtige Umgang mit solchen chronisch grundlos unhöflichen Zeitgenossen. Einerseits bin ich es allmählich leid, mein Seelenglück von solchen egozentrischen Stinkstiefeln vermiesen zu lassen. Dazu habe ich echt keine Lust mehr, ich bin jetzt Mitte 30 und langsam wirklich zu alt für diesen Scheiß. Die sollen sich entweder verdammt noch mal nicht so anstellen oder sich Hilfe suchen. Außerdem habe ich überhaupt nicht das professionelle psychologische Handwerkszeug, um solchen Leuten zu helfen. Andererseits habe ich aber ein schrecklich schlechtes Gewissen, weil ich ja niemanden im Stich lassen will, nur weil er ständig Scheißlaune hat und allen Menschen mit Misstrauen und Arroganz begegnet. Obwohl die das ja irgendwie nicht besser verdient haben, als dass ihnen die Freunde nach und nach davonlaufen.

Aber wenn sie alle Menschen gleichermaßen mies behandeln, ist es ja nicht persönlich gemeint, wenn sie bei mir keine Ausnahme machen. Und dann muss ich es doch eigentlich auch nicht persönlich nehmen … Allerdings sehe ich nicht ein, warum ich mich für Fieslinge aufreiben sollte, wenn es genug liebe, nette Menschen gibt, die meine Gesellschaft zu schätzen wissen und das ab und zu auch mal zeigen. Das muss ich doch nicht, oder?


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