Archive for Oktober 2014

Essai 133: Über künstliche Aufreger

26. Oktober 2014

Nun ist Dieter Nuhr also angezeigt worden. Er sei ein „Hassprediger“, der gegen religiöse Gemeinschaften hetze, Gläubige beleidige und verunglimpfe, lautet der Vorwurf. Mein Verdacht ist, dass die Leute, die Dieter Nuhr gerade juristisch auf die Pelle rücken nur den Zusammenschnitt seiner Auftritte gesehen haben, in denen er den Islam – genauer gesagt den religiös-islamistischen Fanatismus – kritisiert. Denn wenn man sich mehrere seiner Auftritte am Stück ansieht, dann wird klar, dass er nicht etwa nur den islamistischen religiösen Fanatismus kritisch-sarkastisch auseinandernimmt, sondern generell gegen Doofheit wettert. Wobei – und da gehe ich mit ihm d’accord – unter Doofheit jegliche Form von Borniertheit, Verblendung, Ignoranz, Vorverurteilung und Fanatismus fällt. Also auch christliche Fundamentalisten bekommen ihr Fett weg und nicht religiös motivierte Dumpfbacken ebenfalls. Dass er dabei aus dem Koran zitiert und die Zitate aus dem Zusammenhang reißt, mag sein. Aber wenn man ihn anzeigt, indem man ebenfalls seine Aussagen aus dem Zusammenhang reißt und dies als Begründung für seine Empörung nutzt, ist man doch keinen Deut besser. Und selbst wenn: Muss man denn immer gleich die Leute anzeigen, nur weil die was gesagt oder getan haben, was einem nicht gefällt? Man kann doch auch einfach sagen: Gut, der hat da eine Meinung, die finde ich blöd und mit der bin ich nicht einverstanden, aber das ist nu(h)r eine Meinung! Wenn man wirklich was Besseres ist, dann steht man da doch drüber!

Ich kann mich wunderbar künstlich darüber aufregen, wenn sich Leute künstlich über irgendwas aufregen, ohne den Kontext zu berücksichtigen. Das mit der Anzeige gegen Dieter Nuhr ist ja nur ein Beispiel unter vielen. Also, bevor mich jetzt auch noch irgendwer anzeigt, weil ich versuche, die ganze Angelegenheit wieder auf den Teppich zu holen, hier noch weitere Beispiele. Zum Beispiel diese Anwohner in Hamburg an der Alster in einer eher schickeren Gegend, die kein Flüchtlingsheim in ihrem Revier wollen. Schließlich würden die ja nicht gleich Arbeit finden und dann lungern die da die ganze Zeit draußen rum und machen Krach. Und dann haben die ja auch so viele Kinder, pfui, die machen ja auch Krach. Also haben die sich einen Anwalt genommen und klagen gegen das geplante Flüchtlingsheim. Bei sowas kriege ich echt das Kotzen, man verzeihe mir die Ausdrucksweise. Wenn diese reichen Schnösel selber den ganzen Tag arbeiten, kriegen die doch den angeblichen Krach, sofern es ihn denn gäbe, gar nicht mit. Und wenn sie nicht den ganzen Tag arbeiten, sondern ebenfalls die ganze Zeit draußen herumlungern, dann sollen die nicht mit nacktem Finger auf angezogene Leute zeigen und herumhupen.

Und wenn ich schon mal dabei bin, mich künstlich aufzuregen: Diese Mecker-Anwohner, die kein Hospiz und keine Kita und keinen Friedhof und kein gar nichts in ihrer Nachbarschaft haben wollen, weil das ja so viel Lärm verursache, oder Geruchsbelästigung oder ihnen der Anblick nicht fein genug ist – kommt mal klar!

OK, ich kann ja mal wenigstens versuchen, mich in diese Stinkstiefel hineinzuversetzen, damit mir nachher keiner vorwerfen kann, ich würde ebenfalls den Kontext ignorieren. Angenommen, die haben den ganzen Tag nichts Interessantes zu tun und hocken rund um die Uhr in ihrer Wohnung. Da hätte ich auch eine Scheißlaune und wenn ich dann auch noch denke, dass ich nichts dran ändern kann, weil ich zum Beispiel ein grantiges, fieses, verbittertes Arschloch bin, dann würde ich vermutlich auch nach Schuldigen suchen, die ich dafür fertig machen kann. Und wenn ich noch dazu ein Feigling wäre, dann würde ich mir Schuldige suchen, die sich nicht wehren können, also Flüchtlinge, Kinder oder Todkranke. Hmmm, doch das ergibt Sinn.

Gut, man muss ja jetzt nicht zwingend ein Arschloch sein, um Leute anzuzeigen, die – im Kontext betrachtet – nichts wirklich Schlimmes getan haben. Es reicht, wenn man einfach zu wenig Sinnvolles zu tun hat. Da kommt man halt auf Gedanken. Und wenn man sich dann künstlich darüber aufregt und Leute findet, die auch zu wenig Sinnvolles zu tun haben und Lust bekommen, sich die Zeit mit künstlichem Aufregen zu vertreiben, dann schaukelt sich das eben ratzfatz hoch. Besonders in Zeiten des Internets findet man ja schwuppdiwupp Gleichgesinnte, die nur darauf warten, dass ihnen irgendwer eine Idee gibt, worüber sie sich künstlich aufregen könnten.

So. Und jetzt mache ich mir eine schöne Tasse Tee.

Essai 132: Über was die Nachbarn denken sollen

3. Oktober 2014

Vor langer Zeit war ich mal mit jemandem befreundet, der mich ziemlich oft ganz schön verwirrt hat. Unter anderem mit einer für mich gänzlich unnachvollziehbaren Angst davor, was bloß die Nachbarn denken sollen. Meine Familie und ich galten in unserer Nachbarschaft zumindest bei denen, die uns nicht übermäßig leiden konnten, als „die Franzosen“ (was ja zumindest halbrichtig ist) und somit als amoralisches, unzivilisiertes Pack. Und ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert. Ich bin daher in einem Umfeld aufgewachsen, in welchem man einfach nett und freundlich zu allen ist und dann können sie von einem denken, wozu sie Lust haben, das ist dann nicht mehr mein Problem. So lange ich mich so verhalte, dass ich es vor mir und den Menschen, die mir am Herzen liegen, aufrichtig vertreten kann, ist alles andere unwichtig.

Das zumindest ist meine Meinung.

Ich hab jedenfalls damals, als mein Kumpel das erste Mal ängstlich aus dem Fenster sah und flüsterte: „Vorsicht, die Nachbarn!“, gedacht, der macht Witze. Und fand das ziemlich lustig. Erst allmählich wurde mir später klar, dass das ernst gemeint war und verstehe bis heute nicht, warum. Ich denke, wenn man alle Menschen freundlich grüßt, ihnen nicht zu sehr auf die Pelle rückt, sie respektiert und ihre Sachen nicht kaputt macht oder sie irgendwie belästigt oder stört, dann ist doch alles in Ordnung. Dann braucht man doch keine Angst davor zu haben, sie könnten dies oder das von einem denken. Das weiß ich doch ohnehin nicht, was die denken und was in ihren Köpfen vorgeht und wenn die Vorurteile gegen mich haben, ist das auch nicht meine Schuld (vorausgesetzt natürlich, ich benehme mich einigermaßen anständig). Da wird man doch völlig bekloppt, wenn man sich über sowas den Kopf zerbricht. Außerdem: Was für eine unerquickliche Zeitverschwendung.

Nichtsdestotrotz habe ich es vor ein paar Monaten doch mal geschafft, den Unmut einer Nachbarin zu erregen. Ich bin letztes Jahr in eine Wohnung gezogen und wir hatten noch keine Vorhänge. Die ältere Dame sah uns daraufhin immer beim Umziehen im Schlafzimmer zu und war der Ansicht, das sei Erregung öffentlichen Ärgernisses, was uns denn einfiele, wir seien hier nicht beim FKK und sie würde uns anzeigen und das würde richtig teuer für uns werden, Jawoll!

Also offenbar kann man auch den Ärger von seinen Nachbarn provozieren, wenn man es gar nicht beabsichtigt. Darüber könnte ich mir jetzt natürlich Gedanken machen und mir das Leben ein wenig schwieriger und witzloser gestalten. Mein Freund und ich haben es jedoch vorgezogen, Gardinen aufzuhängen. Seitdem ist Ruhe und die Anzeige ist bislang auch ausgeblieben.

 


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