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Essai 72: Über offen gelassene Hintertürchen

27. Januar 2011

Was finden selbsternannte Kreuzritter für Wahrheit und Anstand noch viel, viel schlimmer als die menschliche Eigenart, Dinge auch mal für sich behalten zu wollen? Dinge nicht nur für sich behalten zu wollen, sondern sich daraus auch noch Vorteile zu erhoffen. Kurz: Sich Hintertürchen offen zu lassen.

Mal ganz ehrlich, diese Leute, die sich das Leben nicht schwieriger machen wollen als nötig, die sind doch wohl das Allerletzte. Was fällt denen eigentlich ein? Man kann doch nicht einfach die allseits etablierte und als allgemeine Wahrheit anerkannte Floskel, dass das Leben kein Ponyhof sei, Lügen strafen! Was käme denn dann als nächstes? Am Ende wird noch unser dualistisches Weltbild, das wir uns so schön einfach aus Schwarz-Weiß und Gut-Böse zusammengebastelt haben, in Frage gestellt. Womöglich müssten wir uns an neue Weltbilder und Floskeln gewöhnen. Daran, dass es nicht nur Grautöne in den feinsten Abstufungen zwischen Schwarz und Weiß gibt, nein, sondern auch Farben. Potzblitz!

Vielleicht müssten wir uns sogar daran gewöhnen, dass jede Sache mindestens zwei Seiten hat. Mindestens, das muss man sich mal vorstellen! Obwohl… Ach nee, lieber doch nicht.

Oder, dass es immer auch auf die Umstände und die Perspektive ankommt, wie eine Handlung oder Aussage zu bewerten sei. Ach Gottchen, nicht auszudenken wäre das!

Aber bevor die Panik hier Überhand nimmt, zurück zu unseren dämonischen Hintertürchen.

Ich kann ja durchaus verstehen, dass Hintertürchen hin und wieder furchtbar nerven. Wenn man zum Beispiel eine – wie man selbst findet – eindeutige Frage gestellt hat, die im Grunde nur die Optionen „Ja“ und „Nein“ offen lässt (wie man irrigerweise dachte) und dann kommt so eine Antwort wie „Öhm, ähm, vielleicht, muss ich gucken.“ Das nervt total, oder? Damit kann man seine Mitmenschen hervorragend zur Weißglut treiben, wenn man das konsequent durchzieht. Allerdings sind solche Antworten häufiger ein Schrei nach Entscheidungsabnahme denn eine gezielte Attacke auf unser Nervenkostüm. Das ist relativ leicht zu lösen. Man muss dann solchen entscheidungsunwilligen Zeitgenossen einfach die Entscheidung abnehmen, dann übersteht man das mit nur gering angesägten Nerven. Dann sagt man zum Beispiel: „OK, dann heißt das also Ja?“ und dann kommt mit großer Sicherheit ein Protest und dann weiß man, es war doch „Nein“.

Was aber macht man mit Leuten, die in der Öffentlichkeit stehen, wie zum Beispiel Politiker, die sich Hintertürchen offen lassen? Da geht dann jedes Mal ein empörter Aufschrei durch die Medien und die öffentliche Meinung echauffiert sich, dass das ja wohl unmöglich sei. Ich verstehe allerdings nicht direkt, was daran unmöglich ist. Wenn zum Beispiel einer sagt: „… wenn das mit dem Amt des Bundeskanzlers nicht klappt, nehme ich halt meinen Beruf als Anwalt wieder auf“, oder so was. Ist doch ganz vernünftig, nicht alles nur auf eine Karte zu setzen. Wenn das nämlich wirklich nicht klappt, ist das total dämlich, keinen Plan B in der Tasche zu haben. Außerdem ist es doch ganz nett, wenn sich Politiker zur Abwechslung mal ihrer Sache nicht hundertprozentig sicher sind. Das ist doch auch total unglaubwürdig, dieses Herumgeprotze.

Der Hamburger Noch-Bürgermeister gibt sich beispielsweise zur Zeit noch total selbstsicher, tätschelt hier ein paar Kinderköpfe im Einkaufszentrum, tanzt da sogar auf dem Presseball (nachdem er vorher neckisch meinte, er wolle das lieber denjenigen überlassen, die auch tatsächlich tanzen können.*kicher*). Diese angebiederte Volksnähe ist doch unauthentisch. Wenn er sowas sagen würde wie: „Ich weiß auch noch nicht, ob mich die Leute jetzt, da sie mich wählen können und ich ihnen nicht ungefragt vor die Nase gesetzt werde, auch tatsächlich wählen… Sonst widme ich mich dem Haushalt und meine Frau macht ihr Jodeldiplom zu Ende und dann eröffnen wir im Herbst mit dem Papst in Wuppertal eine Herrenboutique.“ Dann würde er zumindest mal etwas weniger schmierig wirken. Aber damit würde er sich ja ein Hintertürchen offen lassen.

Was genau wirft man den Hintertürchen eigentlich vor? Damit mache man es sich zu einfach? Man zeige menschliche Schwäche? Sei inkonsequent? Unehrlich? Sich selbst untreu? Nicht integer?

Ich halte das da lieber mit Brecht: „Wer A sagt, muss nicht B sagen. Er kann auch erkennen, dass A falsch war.“

Manchmal sind ja unsere vorgefertigten Meinungen, die wir für unsere Wahrheit und unsere Identität halten, ja auch Quatsch. Man verbaut sich doch unzählige Möglichkeiten, wenn man immer nur seinem eigenen, vorgetrampelten Pfad folgt und weder nach links, rechts, oben, unten, vor und zurück schaut. Dafür gibt’s doch auch ein schönes Wort, wie hieß das denn noch gleich… Ah ja, Borniertheit. Solch ein festgefahrenes Beharren auf eigene Vorurteile ist einfach borniert.

Also, auch auf die Gefahr hin, sich bei unseren Kreuzrittern für Wahrheit und Anstand nicht gerade beliebt zu machen, sollten wir uns ruhig hin und wieder Hintertürchen offen lassen. Das behalten wir dann allerdings lieber für uns.

Aber um der Nerven unserer Mitmenschen willen, sollten wir das Offenlassen von Hintertürchen nicht zu unserem neuen Grundsatz erklären.

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