Essai 128: Über die Unlogik von Rassismus

Zurzeit habe ich Idioten ziemlich auf dem Kieker. Es ist bloß so: Ich kann das nicht leiden, wenn ich etwas nicht verstehe. Das lässt mir dann keine Ruhe und ich versuche, den Sachverhalt von möglichst vielen Seiten aus zu beleuchten und auseinander zu frickeln und zu analysieren. Aber bei einer Unterart der Idioten, die sich auch häufig unter den Internet-Trollen tummeln, stoße ich mit meiner Fähigkeit zu Verständnis einfach komplett an meine Grenzen: Rassisten. Fremdenhass ist so unlogisch, dass es mir unerklärlich ist, wie man das trotzdem ernsthaft und voller Überzeugung für die Wahrheit halten kann.

Das beginnt zum Beispiel schon beim Begriff „Migrationshintergrund“. Den biegt man sich doch so zurecht, wie es einem gerade in den Kram passt. Die Mehrheit der Schweizer (wenn auch eine sehr knappe Mehrheit) wollen keine Einwanderer, keine Menschen mit „Migrationshintergrund“ in „ihrem“ Land. Aber wenn die Schweizer Fußballmannschaft, wo bestimmt 80 Prozent nichtschweizerische Wurzeln haben, gut spielt und ins Achtelfinale kommt, dann sind das plötzlich alles ganz normale Schweizer. Und das sind ja nicht nur die Schweizer, das ist doch überall genauso. Sobald jemand, der irgendwelche ausländischen Wurzeln hat, egal, wie lange die her sind, Mist baut, ist er ein Ausländer. Macht jemand, der vergleichbare ausländische Wurzeln hat, irgendwas Tolles, dann ist er plötzlich ein Inländer und der Migrationshintergrund ist etwas Positives.

Fällt denn Rassisten wirklich nicht auf, wie superscheinheilig das ist?

Was an Rassismus außerdem völlig unlogisch ist, ist der Aspekt der Völkerwanderung. Deutschland war nicht immer Deutschland und hatte nicht immer die Grenzen, die es jetzt hat. Überhaupt sind Landesgrenzen etwas, das von Menschen erschaffen wurde und nichts, was naturgegeben wäre. Sicher, unterschiedliche Sprachen, Kulturen, Traditionen, Gewohnheiten und Sitten gibt es. Aber das ist doch spannend und interessant, sich darüber auszutauschen, warum sollte man das als Anlass nehmen, sich gegenseitig scheiße zu finden? Wenn man nur ein wenig neugierig ist, anderen Menschen offen begegnet, entsteht Fremdenhass gar nicht erst. Weil man das Fremde dann plötzlich nicht als Bedrohung sieht, sondern als etwas, das man kennen lernen möchte. Überdies sollten sich Rassisten einmal fragen, ob die Urmenschen sich überhaupt auch nur einen feuchten Furz um Landesgrenzen, Religionen und Gedöns gekümmert haben. Damals gab es die heutigen Länder, Nationen, Sprachen und Kulturen gar nicht. Die waren viel zu sehr mit Überleben beschäftigt, um sich Ausländerhass leisten zu können. Also soll mir bitte keiner mit „Herkunftsdeutschen“ ankommen, das ist Mumpitz.

Davon abgesehen ist es ja auch schon alleine völliger Blödsinn, überhaupt von unterschiedlichen menschlichen Rassen zu sprechen. Rassen gibt es bei Haustieren und die werden erst zurechtgezüchtet. Dabei kommt es zu Inzucht und genetischen Mutationen und Rassetiere vererben oft typische Krankheiten oder Gebrechen an ihre Nachfahren. Deutsche Schäferhunde haben oft Hüftprobleme, Möpse oder Perserkatzen Atembeschwerden und bestimmte Katzenrassen sind empfindlich für Herzkrankheiten oder Nierenprobleme. Natürlich müssen Rassetiere nicht krank werden und die Züchtervereine geben große Acht darauf, dass Erbkrankheiten möglichst vermieden werden. Auch versucht man heute, durch Rückzüchtung gesündere Versionen der Rasse hervorzubringen. Nichtsdestotrotz sind Rassen zutiefst künstlich und von Menschen erschaffen. In der Natur gibt es verschiedene Gattungen, Untergattungen und so weiter. Keine Rassen. Warum spricht man bei Menschen unterschiedlicher Hautfarbe von „Rassen“, wenn doch alle Hauskatzen als Hauskatzen gelten, ob sie nun rot gestreift, schwarz-weiß gescheckt, tiefschwarz, mehrfarbig oder schneeweiß sind? Ich warte ja noch darauf, dass mich mal jemand fragt, welche „Rasse“ ich sei. Ich würde entgegnen: „Europäisch Kurzhaar, weiblich, stubenrein.“

Obwohl Rassismus also wie nun ausreichend bewiesen völlig unlogisch und bescheuert ist, ist er überall so präsent wie eh und je. Das hat man ja bei der Europawahl gesehen, wie gut (oder vielmehr: schlecht) die ganzen Nazi-Parteien abgeschnitten haben. Ein wenig ironisch mutet es da an, dass die ganzen Rassisten es bislang (zum Glück) nicht gebacken bekommen haben, sich genug zu einigen, um eine eigene rechtspopulistische Fraktion im Europaparlament zu kriegen. Ich stell mir das vor wie beim Kasperletheater: „Wir sind super, ihr seid scheiße!“ – „Gar nicht wahr! Wir sind die Besten und ihr seid alle Sozialschmarotzer“ – „Voll nicht! Wir sozialschmarotzen mitnichten, wir sind Herrenrasse und nehmen uns nur, was uns naturgemäß zusteht“ – „Oho! Da muss ich widersprechen! WIR sind Herrenrasse und davon gibt’s nur eine, ihr seid Lügner und außerdem doof.“ – „Selber doof!“ – …

Interessant ist auch, dass Rassisten offenbar überhaupt nicht bemerken, dass sie selbst zu Ausländern werden, sobald sie ihre Landesgrenze passiert haben. Dieser eine NPD-Hanswurst hat auf Mallorca eine Kneipe eröffnet und ich frage mich, ob er sich deswegen immer selbst eine aufs Maul haut oder ob er oft vor dem Spiegel steht und sich beleidigt und sich vorwirft, dass er den Einheimischen auf Mallorca die Arbeit wegnimmt. Absurderweise hat ja auch diese Marine Lepen die Entscheidung der Schweizer für eine Begrenzung der Einwanderung gelobt – ohne sich offenkundig darüber Gedanken zu machen, dass auch sie in der Schweiz als Ausländerin gilt.

Es ist doch wirklich zum Haare raufen. Wenn man auch nur zwei Sekunden nachdenkt, bevor man eine irgendwo aufgeschnappte Meinung wiederkäut und als seine eigene ausgibt, dann kann man doch unmöglich Rassist sein. Es gibt einfach überhaupt nichts, was Rassismus in irgendeiner Weise rechtfertigt. Außer man ist ein neidischer, von Minderwertigkeitskomplexen und Großmannkomplexen zerfressener Totalversager, der Schiss vor allem hat, was er nicht kennt. Und das kann man doch nicht ernsthaft sein wollen?

Advertisements

Schlagwörter: , , , , , , , , , , ,

Eine Antwort to “Essai 128: Über die Unlogik von Rassismus”

  1. Essai 145: Über den Unterschied zwischen Heimatliebe und Nationalstolz | Isa09 - Angry young woman Says:

    […] “Heutzutage darf man ja gar nicht mehr stolz auf sein Land sein, ohne gleich als Nazi beschimpft zu werden”, schmollen Internet-Trolle gern mal in Online-Foren. Aber was bedeutet das denn, stolz auf sein Land zu sein? Und kann man stolz auf ein Land sein, in welchem Menschen dagegen protestieren, Hilfsbedürftigen aus anderen Ländern Zuflucht zu gewähren? Aber so gesehen könnte man ja auf gar kein Land stolz sein, denn in jeder Nation gibt es rassistische Arschlöcher, die ihre dumme Meinung bei jeder sich bietenden Gelegenheit herauskrakeelen und Menschen mit Füßen treten, die am Boden liegen. Doch ist Nationalstolz gleichzusetzen mit Rassismus? […]

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: