Posts Tagged ‘Mitleid’

Essai 171: Über Jammern und Wehklagen

9. Mai 2017

Hin und wieder kommt man im Leben in Situationen, in denen man entscheiden muss: „Soll ich’s wirklich machen oder lass ich’s lieber sein?“ („Jein!“ – Oooohrwurm! 😛 ) Meistens befindet man sich in einem Zwiespalt, weil erwünschtes Ergebnis und unerwünschter Aufwand sich ungefähr die Waage halten, und man gründlich überlegen muss, ob man das Ergebnis wirklich unbedingt erreichen will und deswegen bereit ist, eine Tonne Nervkram zu bewältigen, oder ob man eigentlich auch ganz gut mit den Konsequenzen des Nichthandelns leben könnte, wenn erst einmal alles so bleibt wie es ist. Das sind dann so die Momente, in denen ich mit mir hadere und bevor ich mich da mit meinen Gedanken ewig im Kreis drehe und nicht vorwärts komme, teile ich sie lieber jemandem mit.

Das Problem ist, ich gehe den Leuten damit auf den Keks. Die finden nämlich, ich würde jammern und wehklagen und mich an meinem Selbstmitleid ergötzen, was ich umgekehrt ja auch nicht gerade als unterhaltsam betrachte. Das Ding ist, von meiner Warte aus hat das mit Jammern nichts zu tun, wenn ich meinen inneren Zwiespalt schildere, weil ich ja an einer Lösung interessiert bin. Und da finde ich das oft hilfreich, mein Gedankenchaos laut auszusprechen und es jemandem zu beschreiben, weil ich dabei dann etwas Ordnung in das Durcheinander bringen kann. Außerdem hilft eine Außenperspektive ja häufig dabei, alles ein bisschen realistischer zu betrachten und Dinge zu erkennen, die man vorher nicht gesehen hat, weil man selbst zu nah dran war. Blöd nur, dass ich immer anfange zu heulen, wenn ich versuche, das jemandem zu erklären, wenn ich ohnehin gerade aufgrund eines Dilemmas aufgewühlt bin. Menno!

Es ist jetzt auch nicht so, dass ich wildfremden Leuten in der U-Bahn meine Seelenqualen auf die Nase binde und ihnen als distanzloses Ungeheuer den letzten Nerv raube. Eigentlich bespreche ich meine Schwierigkeiten bei großen Entscheidungen und fiesen Zwiespälten nur mit meinem Freund und meinen engsten Freunden oder schreibe hier auf dem Blog darüber und gehe dem Internet auf den Zeiger. Leider heißt es dann meistens früher oder später, ich solle aufhören zu jammern, oder es kommen so hilfreiche Vorschläge wie: „Ja, dann mach doch das“ und wenn ich die Gegenargumente anführe: „Ja, dann lässt du’s halt.“ – Als ob ich auf diese beiden Optionen nicht auch von alleine gekommen wäre.

Tja, also, was tun? Ich will ja meinen Lieblingsmenschen nicht die Nerven zersägen und ihre Zeit mit meinen Wohlstandswehwehchen verplempern. Aber was, wenn ich alleine einfach nicht zu einer Lösung komme? Das gibt es ja manchmal, dass man lauter lose Teile und Gedankensplitter vor sich liegen hat, aber wie alles zusammenpasst, was das Gesamtbild ist, dazu braucht man ein bisschen Hilfe. Umgekehrt bin ich ja auch bereit, mir die Dilemmata meiner Freunde anzuhören, und auf Nachfrage meine Einschätzung dazu zu formulieren. Wobei zugegebenermaßen irgendwie immer alle genau zu wissen scheinen, was sie wollen und was nicht, nur ich bin dazu zu dusselig.

Ich denke, Jammern und Wehklagen ist es doch eigentlich nur, wenn man Mitleid erheischen und hören will, dass man total toll ist. Fishing for compliments, sozusagen. Insofern habe ich in diesem Essai tatsächlich ziemlich viel gejammert, denn ich würde natürlich schon gern hören: „Aber nein! Du bist nicht dusselig! Du bist kein weinerlicher Jammerlappen, der der ganzen Welt mit seinen Luxusproblemen in den Ohren liegt!“ und ich würde mich selbstverständlich gebauchpinselt fühlen, wenn jetzt jemand schreibt, dass das total gemein ist, mir Jammerei vorzuwerfen, obwohl das überhaupt nicht meine Intention ist. Ebenfalls fände ich es erbauend, wenn es anderen auch manchmal so geht, und ich nicht alleine bin.

Allerdings ist das aber nicht alles. Ich wüsste auch gern, was ich tun kann, wenn ich mit einer großen, wichtigen Entscheidung alleine nicht weiterkomme, wie ich meinen Zwiespalt meinen Freunden schildern kann, ohne dass die das für bloßes Mitleidsgeheische halten. Wie kann ich das so formulieren, dass klar wird, ich bin an Sachkritik und ehrlichen Einschätzungen interessiert, aber seid bitte trotzdem nett zu mir? Also, falls jemand eine Idee hat, bitte gern unten in die Kommentare schreiben. 🙂

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Essai 160: Über Mitleid, den bösen Zwilling von Mitgefühl

2. Juli 2016

Es gibt ja nicht viel, was mich zur Weißglut treibt, aber Mitleid gehört definitiv dazu. Das Schlimme ist: Mir passiert das auch gelegentlich, dass ich glaube, ich würde mit jemandem mitfühlen, obwohl ich ihn in Wahrheit bemitleide. Beste Voraussetzungen also, um zu dem Thema mal einen Essai zu schreiben.

Immer wieder trifft man auf Leute, die andere Ziele im Leben, andere Wertvorstellungen und Maßstäbe haben, andere Prioritäten setzen und einen anderen Geschmack haben. Da kommt es oft vor, dass man ihre Handlungsweisen und Motivationen nicht nachvollziehen kann, weil einem das so fremd ist und es so sehr von den eigenen Vorstellungen abweicht. Und dann hat man manchmal den Eindruck, dass diese Menschen nicht klarkommen – weil sie die Ziele, Werte, Maßstäbe und Prioritäten, die man selbst hat, nicht erfüllen. Da hat man dann drei Möglichkeiten:

  1. Man pfeift drauf, lässt den anderen in Ruhe und geht seiner Wege
  2. Man hat Mitleid und denkt: „Ach der Arme, der ist so ein Versager“
  3. Man versucht, Mitgefühl mit dem anderen zu empfinden und ihn respektvoll zu behandeln

Möglichkeit 1 ist meiner Meinung nach für lockere Bekannte in Ordnung und die beste Lösung, damit jeder seinen Seelenfrieden hat. Bei Freunden und anderen Menschen, die einem am Herzen liegen, ist es etwas anderes. Es gibt ja einen Unterschied zwischen Respektieren und Ignorieren; Verhalten, das einem komisch vorkommt, zu ignorieren, wenn es sich um jemanden handelt, der einem etwas bedeutet, finde ich irgendwie … herzlos. Hat man Mitleid mit der betreffenden Person, ist das allerdings auch kein Zeichen von Respekt – und das ist der wesentliche Unterschied zu Mitgefühl.

Bei Mitleid schließt man von sich auf andere und interpretiert den anderen, ohne ihn zu fragen. Man formuliert innerlich ein Urteil, eine Diagnose, wo das Problem liegt, und kommt sich dabei unfassbar schlau und sensibel vor. Dann teilt man sein küchentischpsychologisches Gutachten stolz allen mit, dem Betroffenen natürlich auch, und bietet am besten auch gleich seine Hilfe bei der Lösung des Problems an und ignoriert Proteste und Widersprüche des armen Tropfs, der das Mitleid erregt hat. Übrigens bin ich da nicht anders, ich bin auch manchmal ein ziemliches Arschloch, ohne es in dem Moment zu merken. Das Ding ist nämlich: Mitleid ist nie böse gemeint, es ist immer lieb und nett und gut gemeint – das ist das Diabolische daran.

Ist man selbst das Opfer einer Mitleidsattacke, kann man sich im Grunde nicht wirklich dagegen wehren, man ist in einer emotionalen Zwickmühle eingeklemmt, aus der man nicht mehr heil heraus kommt. Sagt man dem anderen, er solle sich sein Mitleid dahin schieben, wo keine Sonne scheint (was in Hamburg so ziemlich überall ist 😛 ), stößt man ihn vor den Kopf, tritt ihm auf den Schlips und steht als undankbares Miststück da. Versucht man es mit Sachlichkeit, bedankt sich für das vermeintliche Mitgefühl, erklärt aber, dass soweit alles in Ordnung ist und man schon klar kommt, wird einem nicht geglaubt oder gar nicht erst zugehört, weil man nicht laut und ausfallend genug geworden ist, um klar zu machen, dass man nicht bemitleidet werden will. Und geht man auf das Mitleid ein, gibt man dem anderen damit recht, und steht wie ein unfähiger Vollidiot da, der nichts alleine auf die Kette kriegt, und kann sich schon mal darauf freuen, das Mitleid nie wieder loszuwerden.

Und dann ist da noch das Mitgefühl. Der Unterschied zwischen Mitleid und Einfühlungsvermögen ist, dass es bei letzterem wirklich um den anderen geht, nicht um einen selbst. Mitleid ist Selbstbestätigung und Selbstdarstellung, Mitgefühl ist ehrliches, aufrichtiges Interesse an der anderen Person. Man versucht dann, sich in den anderen hineinzuversetzen, nachzuvollziehen, wie seine Sicht der Dinge, seine Wertvorstellungen, Prioritäten, etc. gewichtet sind – und betrachtet seine Handlungen in seinem Kontext und nicht im eigenen. Dann stellt man entweder fest, dass der andere zufrieden und glücklich ist, so wie es ist. Oder es gibt doch ein paar Sachen, die ihn wurmen. Wenn man ehrliches Mitgefühl empfindet, wird der andere merken, dass er sich öffnen kann, ohne dass er bewertet, verurteilt, analysiert, belehrt oder sonstwie herablassend behandelt wird. Ist ersteinmal so ein Vertrauen entstanden, dass der andere alles erzählen kann, aber nichts erzählen muss, handelt es sich um wirkliches Mitgefühl.

Ich denke, grundsätzlich kann man Mitgefühl im Rahmen seiner Möglichkeiten schon lernen. Zumindest möchte ich versuchen, wenn ich merke, dass sich Mitleid in mir regt, innezuhalten und zu schauen, ob der andere nur meiner Meinung nach ein Problem hat, oder auch aus seiner oder aus objektiver Sicht. Und dann nicht zu urteilen, sondern zu fragen, nicht mit Weisheiten zuzutexten, sondern zuzuhören. Mal gucken, ob mir das gelingt …


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