Posts Tagged ‘Beleidigung’

Essai 194: Über Machtkämpfe in Kommentarspalten

1. Juni 2020

Vor Corona waren Verschwörungsschwurbler, zum Beispiel Impfgegner, vergleichsweise eine Randerscheinung in den sozialen Medien. Jetzt haben sie Oberwasser und rotzen ihren Blödsinn mit immer mehr Selbstvertrauen und Frechheit in die Kommentarspalten – egal, um welches Thema es ursprünglich ging. Diese Arroganz ohne jede Grundlage ist nervtötend, trotzdem ist es meiner Meinung nach wichtig, diesen gequirlten, unzählige Male in Faktenchecks widerlegten Mumpitz nicht einfach so stehen zu lassen. Wir müssen dem widersprechen. Aber wie?

Da gibt es im Wesentlichen zwei Möglichkeiten: sachlich oder unsachlich. Ich bemühe mich immer um sachlichen Widerspruch. Eine einfache, aber effektive Methode, ist das Nachfragen. Wie kommt der Kommentierende auf die Idee, die er da verbreitet? Woher hat er seine Informationen? Was meint er mit Mainstream-Medien? Was ist seiner Meinung nach das Kernproblem, um das es in dem Post geht? Was will er eigentlich, was ist sein Ziel, was bezweckt er mit seinem Geschreibsel?

Dann bekommt man in der Regel noch ein paar zusätzliche Informationen, die einem erlauben, die Logik des Kommentars zu analysieren und auseinanderzunehmen. In der Folge wird man üblicherweise beleidigt oder zumindest wüst beschimpft, weil dann die Kommentierenden merken, dass man an ihrem Weltbild zu kratzen begonnen hat. Und das mag niemand.

Die überzeugten Verschwörungsschwurbler, die auf sachliche und logische Rückfragen und Kritik aggressiv reagieren, wird man nicht überzeugen können und das sollte auch nicht das Ziel sein. Aber es gibt unzählige stille Mitleser, die sich vielleicht noch keine Meinung zu der ganzen Chose gebildet haben, und wenn die sehen, da ist auf der einen Seite ein extrem aufgebrachter Wüterich, der auf höfliches Nachfragen und konstruktive Kritik ausfallend wird oder sogar völlig ausrastet, und auf der anderen Seite ein ruhig, sachlich und höflich argumentierender, vernünftig wirkender Mensch – dann, so meine Hoffnung, stimmt man eher letzterem zu.

Was ich ärgerlich finde, ist, wenn dann eigentlich vernünftige Menschen ankommen, die eigentlich der gleichen Meinung sind wie ich, aber die davon ausgehen, man müsse Feuer mit Feuer bekämpfen und es den aggressiven Schwurblern mit gleicher Münze heimzahlen. Die gefallen sich selbst in einem arrogant-herablassenden Ton, werden ausfallend, beleidigend und respektlos, höhnen im offensichtlich ironischen Tonfall, wie dumm doch der Schwurbler sei und können es einfach nicht lassen, sich auf seine Kosten erhöhen zu wollen.

Und das verstehe ich nicht. Was soll denn das?

Es ist absolut unnötig, persönlich ausfallend oder respektlos zu werden, wenn man sachlich recht hat. Wenn man überhaupt eine Chance haben will, das schwurbelnde Gegenüber noch zu erreichen, es zum Nachdenken zu bringen, Zweifel an den Verschwörungsideologien zu sähen, auf die es hereingefallen ist – dann MUSS man sachlich und respektvoll bleiben. Denn die Menschen, die auf diesen Budenzauber der Verschwörungsideologen hereinfallen, sind ja nicht zwingend Idioten. Vielleicht sind einige von ihnen naiv oder nicht sehr gebildet, ein paar haben vielleicht psychische Probleme oder ihnen fehlt es an einem Sinn in ihrem Leben oder sie sind auf der Suche nach Spiritualität etc. Selbst wenn einige wirklich klinisch dumme Menschen darunter sind – haben sie es dann verdient, dass man sie deswegen verhöhnt? Ich finde nicht.

Und wie gesagt: Selbst wenn die Betroffenen schon zu tief im Verschwörungssumpf versunken sind, gibt es Mitlesende, die vielleicht noch am Rande des Sumpfes stehen, und überlegen, ob sie dort eintauchen sollen oder nicht. Die hält man doch nicht davon ab, indem man andere Menschen herabsetzt. Im Gegenteil: Man riskiert, dass die Mitlesenden sich eher auf die Seite desjenigen stellen, der gerade bepöbelt und niedergemacht wird.

Meine Vermutung ist, dass eigentlich vernünftige Menschen, die Schwurblern oder Personen mit anderer politischer Einstellung als sie, von oben herab im genau gleichen unsachlichen Arschlochtonfall zu erniedrigen suchen, den diese Schwurbler selbst gern Andersdenkenden zuteil werden lassen, gar nicht darauf aus sind, irgendwen zu überzeugen. Die wollen ihr eigenes Ego plüschen. Es geht ihnen dabei nur um sich und darum, sich als was Besseres zu fühlen. Die brauchen das für ihr Selbstwertgefühl, andere herunterzuputzen. Und darin sind sie nicht anders als die Schwurbler, die sie bepöbeln.

Vor allem gehen bei diesen Machtkämpfen zuverlässig immer die vernünftigen, sachlichen und höflichen Kommentare unter. Die Diskussion verschiebt sich daraufhin vollkommen von der Sachebene weg auf die Ego-Ebene. Beide „Seiten“ plüschen ihre Egos um die Wette und wer als erster aus dem Machtkampf aussteigt, hat verloren. Dann hilft es auch nichts mehr, wenn ich noch dazwischengrätsche und versuche, das Ganze auf die Sachebene zurückzuholen, indem ich etwa frage: „Was wollt ihr eigentlich? Was meint ihr, könnt ihr auf einer Hygiene-Demo ohne Mundschutz und Abstand zum Ausdruck bringen, was ihr nicht auch mit Mundschutz und Abstand oder in einem offenen Brief zum Ausdruck bringen könntet?“

Nein, der Hahnenkampf ist im vollen Gange und beide „Seiten“ kämpfen verbissen darum, im Statuswettkampf das letzte Wort – und sei es noch so unsachlich und am Thema vorbei – zu haben. Das ist überhaupt nicht konstruktiv, höchst ermüdend und nervt. Man möchte am liebsten „Mars Attacks!“ zitieren, wenn der von Jack Nicholson verkörperte amerikanische Präsident fragt: „Why can’t we all just get along?“ – „Warum können wir nicht einfach mal alle miteinander klarkommen?“

Mit dieser Frage entlasse ich meine werte Leserschaft dieses Mal in einen hoffentlich entspannten Abend ohne Egogeplüsche und Statuswettkämpfe. Was meint ihr? Warum können wir nicht einfach alle miteinander klarkommen? Warum müssen ständig irgendwelche Leute ein Säbelrasseln und Schwanzvergleich vom Zaun brechen, anstatt die Sache inhaltlich zu diskutieren? Nervt euch das auch so wie mich oder bin ich empfindlich? Schreibt es mir in die Kommentare, ich bin gespannt. 🙂

Essai 190: Über die Probleme anderer Leute

22. September 2019

In Internet-Diskussionen herrscht das Recht des Stärkeren – wobei mit „Stärke“ nicht Charakterstärke gemeint ist, sondern Lautstärke. Wer am aggressivsten herumpöbelt und am unfairsten kämpft, gewinnt. Das Spannende dabei ist, dass man eine Fülle an Beleidigungen lernt, die man Menschen wie mir angedeihen lassen kann, die sich vom Gepolter der Idioten unbeeindruckt zeigen und einfach weiter stur auf Gerechtigkeit pochen.

„Gutmensch“ ist dabei ja schon ein Klassiker. OK, ich hab den Begriff hier auf meinem Blog im „Essai 63: Über unhöfliche Weltverbesserer und Gutmenschen ohne Manieren“ auch schon abfällig benutzt, obwohl es ja eigentlich etwas Löbliches ist, wenn man ein guter Mensch ist. Ich meinte das allerdings in dem Sinne, dass jemand nur behauptet, er sei ein guter Mensch, sein Verhalten jedoch nicht sonderlich nett oder anständig ist. Also ein Heuchler. Die Pöbler im Internet meinen es wohl auch so, gehen aber anscheinend von vorneherein davon aus, dass alle Menschen, die sich bemühen, keine Arschlöcher zu sein, sich der Heuchlerei schuldig machen.

Ebenfalls sehr beliebt ist die Abkürzung „SJW“, die für „Social Justice Warrior“ steht und auch Menschen zugedacht wird, die Arschlochverhalten anderen gegenüber nicht unwidersprochen dulden wollen. Pöbler finden nämlich, dass es ein Zeichen von Schwäche sei, sich nicht wie ein egoistisches Arschloch zu benehmen respektive ein solches Gebahren zu kritisieren. Und um zu beweisen, dass sie selbst keine Schwächlinge sind, machen sie den als „SJW“ abgestempelten Zeitgenossen dann zusammen fertig. Zumindest versuchen sie es.

So, und nachdem ich so weit ausgeholt habe, komme ich nun auch zum eigentlichen Thema meines Essais: den Problemen anderer Leute. Es ist so, dass vor allem diejenigen als „SJW“ oder Gutmensch bepöbelt werden, die auch dann Mitgefühl mit anderen Menschen zeigen, wenn diese ein Problem haben, das sie selbst nicht von sich kennen. Arschlöcher hingegen brummen einfach „Wenn’s nicht mein Problem ist, ist es kein Problem“ in sich hinein und belehren als Nichtbetroffene dann Betroffene darüber, dass sie gar nicht betroffen sein können und dürfen, weil es schließlich kein Problem gebe.

Besonders häufig fällt mir das in Diskussionen zum Thema Rassismus, Sexismus und anderen Formen der Diskriminierung auf. Ich bin der Meinung, ich kann auch als weiße einsehen, dass es scheiße ist, aus reiner Rechthaberei darauf zu beharren „N****kuss“ statt „Schokokuss“ zu sagen. Zack, schon bin ich ein „SJW“. Ich denke auch, dass ich AKKs Karnevalsfrotzeleien über Menschen, die sich nicht eindeutig dem weiblichen oder männlichen Geschlecht zuordnen können, total daneben finden kann, auch wenn ich selbst eine Cis-Frau bin. Boooaaaaah, was bin ich doch für ein Gutmensch! Ich kann auch den berüchtigten „Danke, dass du nicht Papa bist“-Edeka-Werbespot sexistisch und elterndiskriminierend und überhaupt nicht lustig finden, selbst wenn ich keine Kinder habe. Mannomann, ich habe ja wirklich ü-ber-haupt keinen Sinn für Humor und gehöre wahrscheinlich einfach mal wieder so richtig durch-ge-bumst, damit ich wieder etwas lockerer werde, nicht wahr?

Ganz ehrlich? DAS KOTZT MICH AN!!!!!

Ich bin es leid, dass so viele Menschen offenbar kein Mitgefühl mehr mit ihren Mitmenschen empfinden, wenn diese ein bisschen von der Norm abweichen. Das ist echt nicht einfach, wenn man nicht dem Durchschnitt entspricht, in welchem Bereich auch immer. Man muss sich viel häufiger für das rechtfertigen oder erklären, was man ist, man wird oft miss- oder gar nicht verstanden, man wird immer wieder von Arschlöchern gepiesackt und die erwarten auch noch Dankbarkeit dafür … das ist ätzend. Gut, wenn es einem gelingt, damit zurecht zu kommen und sich dagegen zu wehren, dann macht es einen innerlich stärker und man lernt sich im Laufe des Lebens immer besser kennen. Aber das kostet SO VIEL KRAFT und manchmal möchte man doch auch einfach nur dazugehören.

Ich kann einfach nicht verstehen, warum es so vielen Menschen anscheinend schwerfällt, das zu begreifen und einfach mal nett zu Leuten zu sein, ob sie einem selbst nun ähneln oder ein bisschen anders sind. Das hat man sich ja schließlich nicht ausgesucht, von der Norm abzuweichen. Ich hab mir zum Beispiel ganz bestimmt nicht ausgesucht, sensibler und klüger als der Durchschnitt zu sein. Ja, klingt arrogant, weiß ich auch … aber ist halt so.

Soll ich mich jetzt jedem Arschloch gegenüber dümmer und plumper geben, als ich bin, damit sein fragiles Selbstwertgefühl, das nur darauf beruht, Probleme anderer Leute als nichtexistent abzuwatschen und sich mit anderen Arschlöchern zusammenzurotten, keine Kratzer im Lack bekommt? Das sehe ich nun überhaupt nicht ein. Trotzdem ist mir klar, dass es sich bestimmt leichter lebt, wenn man weniger Mitgefühl mit anderen hat und einem die Dummdreistigkeit von Arschlöchern nicht weiter auffällt, weil man zu ihnen dazugehört. Aber so bin ich nun mal nicht.

Ich will nicht sagen, dass jeder normale Durchschnittsmensch ein Arschloch ist. Bitte versteht mich da nicht falsch. Aber normale Durchschnittsmenschen, die die Probleme nichtdurchschnittlicher Menschen als nichtexistent verurteilen, obwohl sie gar nicht wissen, wie das ist, in deren Haut zu stecken … das sind Arschlöcher. Und die werden von mir auch in Zukunft mit meiner geballten Klugscheißer-Power aufs Höflichste darauf aufmerksam gemacht, dass sie sich schlecht benehmen. Es kommt nämlich niemand als Arschloch auf die Welt, sondern das ist eine Frage des Verhaltens – und das kann man ändern.


Und, mischt ihr euch manchmal in Diskussionen um Probleme ein, die euch streng genommen nicht selbst betreffen, weil euch das unfaire Verhalten der Pöbelarschlöcher auf den Zeiger geht? Wurdet ihr deswegen schon mal als „SJW“ oder „Gutmensch“ verhöhnt? Schreibt es mir in die Kommentare, ich bin gespannt 🙂

Essai 185: Über die Frage nach der Herkunft

17. März 2019

Ich habe es schon wieder getan: mich auf Facebook mit Leuten gestritten. Dieses Mal ging es darum, ob es rassistisch ist, Leute nach ihrer Herkunft zu fragen.

Und es ist wahnsinnig schwierig, sachlich mit Menschen darüber zu diskutieren, weil immer alle gleich beleidigt sind. Lustigerweise vor allem die, die anderen Menschen mehr oder weniger rassistisch auf den Schlips treten. Die, auf deren Schlips getreten wird, sind vor allem eines: genervt.

Die Journalistin Ferad Ataman hat dem Phänomen der Herkunftsfrage einen Hashtag gewidmet, #vonhier.

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Viele, viele Menschen sprangen daraufhin auf den Zug auf und schilderten ihre Erlebnisse mit der Frage, woher sie kommen, also WIRKLICH kommen, also ihre Wurzeln haben und woher ihre Eltern, Großeltern und Urahnen kommen. Wiederum viele, viele Menschen reagierten erbost, beleidigt, empört darüber, dass ihnen pauschal Rassismus unterstellt würde.

Puh.

Nun, da ich es gern friedlich habe und es mich extrem nervt, wenn Leute sich zoffen, obwohl man den Konflikt mit etwas Einfühlungsvermögen und gegenseitigem Verständnis lösen könnte, versuche ich hier mal ein paar Dinge zu erklären.

Ist es rassistisch, wenn ich jemanden frage, woher er kommt?

Nein, zumindest nicht grundsätzlich. Es ist durchaus möglich, einfach aus Interesse und Neugier andere Menschen zu fragen, woher sie kommen. Als Smalltalk-Thema. Ob es echtes Interesse ist, lässt sich in der Regel daran erkennen, wie der Fragesteller auf die Antwort des Befragten reagiert.

Geht er auf die Antwort ein, war es ehrliche Neugier, und dann entwickelt sich in den meisten Fällen eine nette Plauderei.

Reagiert er so, als hätte sein Gegenüber die Frage falsch verstanden, bohrt nach oder macht deutlich, dass er eine ganz bestimmte Antwort hören will, die von der tatsächlichen Antwort abweicht – dann offenbart er damit, dass er eigentlich gar keine ehrliche Antwort auf seine Frage haben wollte. Sondern, dann ging es darum, dass der Fragesteller sich bereits vor der Antwort ein Bild von dem anderen gemacht, sich ein Vorurteil gebildet hat, und dieses bestätigt sehen möchte. Und wenn der andere die Erwartungen nicht erfüllt, ist der Fragesteller enttäuscht und frustriert.

Und das zeigt dann, dass der Fragesteller offenbar Vorurteile hat und wenn sich diese darauf beziehen, dass er automatisch davon ausgeht, jemand mit „nicht deutschem“ Namen oder Aussehen könne unmöglich aus Deutschland sein, die deutsche Staatsbürgerschaft besitzen und schon ewig oder seit immer hier leben. Dann tut es mir leid, das sagen zu müssen, aber das ist bereits rassistisch.

Aber Rassismus ist doch immer abwertend gemeint!

Ein häufiger Einwand ist, dass Rassismus doch stets abwertend gemeint sei, ebenso wie Diskriminierung. Das muss allerdings nicht zwingend der Fall sein. Vermeintlich positiver Rassismus existiert, auch bekannt als „Scheißausländerfreundlichkeit“. Man lässt sein Gegenüber dann spüren, dass es anders ist, eben nicht „von hier“, und deswegen nicht so richtig, wirklich, ganz dazugehört. Und nichts weiter heißt „Diskriminierung“: Unterscheidung, Trennung.

Das kann zum Beispiel sein, dass man Menschen, die „ausländisch“ aussehen, automatisch auf Englisch anspricht:

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Als ich mit meinen Eltern in Berlin im Museum war, hat meine Mutter Karten geholt. Sie hat einen französischen Akzent, spricht aber perfektes Deutsch und kennt sich mit deutscher Grammatik, Syntax und Rechtschreibung besser aus als die meisten „Bio-Deutschen“. Außerdem lebt sie länger hier als in Frankreich und hat die deutsche Staatsbürgerschaft. Trotzdem hat die Dame an der Kasse ihr sofort auf Englisch geantwortet. Meine Mutter war stinksauer und gekränkt.

Menschen, die sowas noch nie am eigenen Leib erlebt haben und vermutlich auch nie werden, verstehen oft nicht, warum das als Kränkung empfunden wird, wenn man sofort auf Englisch angesprochen wird, obwohl man perfekt Deutsch spricht. Sie sagen dann: War doch nicht so gemeint, ist doch keine böse Absicht, was stellen die sich alle so an, lasst doch mal die Kirche im Dorf, …

Das ist dann noch mal eins auf die Zwölf obendrauf. Nicht nur wurden die Menschen gerade – wenn auch ohne böse Absicht – diskriminierend behandelt. Sie werden dann auch noch als Mimosen beleidigt, die sich bloß anstellen.

Es kann auch sein, dass man Menschen auf ihren „exotischen Teint“ anspricht, ihnen dauernd in die Haare fasst, weil man die „tollen Afro-Locken“ so faszinierend findet, oder auch andere Dinge. Das ist alles „nicht böse“ gemeint, aber man lässt den anderen spüren, dass er kein vollwertiges Clubmitglied ist. Und je nachdem, was für ein dickes Fell man hat oder eben nicht, reagiert man irgendwann, wenn man sowas immer wieder erlebt, nicht mehr wirklich geduldig darauf.

Boah, jetzt macht mal halblang! Ist doch kein Problem

Interessanterweise fühlen sich vor allem die Menschen dazu bemüßigt, ein Problem als solches zu definieren, die entsprechendes Problem gar nicht haben. „Also, ich habe kein Problem damit, wenn man mich nach meiner Herkunft fragt!“ oder „Also, ich meine das immer als ehrliches Interesse, wenn ich nach der Herkunft frage!“

Menschen sind verschieden. Das macht es ja gerade spannend, aber manchmal eben auch kompliziert. Nur, weil man selbst noch nie ein Herkunftsverhör über sich ergehen lassen musste, heißt es nicht, dass es so etwas nicht gibt, und Leute, die darüber berichten, sich nur anstellen.

Und nur, weil man selber aus Neugier fragt, woher jemand kommt, heißt es nicht, dass es nicht auch manche Leute gibt, die es nicht lassen können, nach einer unerwarteten Antwort noch weiter nachzubohren, weil sie dem anderen nicht glauben wollen.

Deswegen ist es wirklich die beste Lösung, seinen Mitmenschen mit Empathie und Respekt, auf Augenhöhe zu begegnen, und wenn man ein nettes Gespräch führen möchte, dann geht man auf die Antworten seines Gegenübers ein. Und dann wird das Gegenüber mit großer Wahrscheinlichkeit auch nicht das Gefühl haben, ausgegrenzt oder rassistisch typisiert zu werden.


Und, was sind eure Geschichten zu dem Thema? Werdet ihr oft nach eurer Herkunft gefragt? Und nervt euch das oder findet ihr das OK? Ich bin gespannt auf eure Antworten 🙂

Essai 176: Über Eitelkeit

23. Juli 2017

Ich habe da so eine Theorie, und die lautet: Jeder ist eitel. Ich zum Beispiel bilde mir unheimlich viel auf meine vermeintliche Uneitelkeit ein. Aber wenn ich ehrlich bin, ist das Quatsch. Zwar bin ich nicht so eitel, was mein Aussehen angeht, insofern ich mich nicht schminke, hohe Absätze meide und am liebsten in Jeans und bequemem Oberteil herumlaufe. Ich habe auch keine Lust, mir den Umstand zu machen, Kontaktlinsen zu tragen. Und dass die weißen Haare auf meinem Kopf allmählich immer mehr werden, stört mich auch nicht. Das finde ich eher spannend. In zehn Jahren sind die Haare vielleicht ganz grau und dann sehe ich endlich mal seriös aus.

Da sind wir dann auch schon bei meiner Eitelkeit angelangt. Ich denke nämlich, dass Eitelkeit sich nicht nur aufs Aussehen beschränkt, sondern generell aufs eigene Selbstbild. Und da hat jeder seine Empfindlichkeiten, wunden Punkte. Eigenschaften, die man gern hätte, wo man sich vielleicht auch halbwegs einreden kann, dass man sie besitzt, aber tief in seinem Inneren weiß man, dass das vielleicht so nicht stimmt. Bei mir ist das – manchmal – dass ich gern ernst genommen werden würde. Ich bin also zugegebenermaßen ziemlich eitel, was meine geistigen Fähigkeiten angeht.

Nennt mich jemand hässlich und unattraktiv und gibt zu bedenken, dass er nicht gewillt wäre, mit mir zu schlafen, selbst wenn sich die Gelegenheit dazu böte, lässt mich das kalt. Das ist nicht die innere Baustelle, auf der meine Komplexe herumliegen. Ich finde, ich sehe ganz OK aus. Solange niemand vor meinem Anblick angewidert und schreiend davonläuft, bin ich zufrieden. Und bisher ist das noch nicht vorgekommen, also sind meine optischen Attribute wohl einigermaßen erträglich.

Aber behandelt mich jemand herablassend, tut so, als hätte ich keine Ahnung von gar nichts, wäre saudumm und hätte nichts auf dem Kasten, merke ich, wie das an meiner Eitelkeit rührt. Ernsthaft, das kann ich nicht ab! Und damit meine ich jetzt nicht so Standard-Beleidigungen wie „Dumme Kuh“ oder „Blöde Gans“, sondern eher so eine Art oder Grundhaltung, die ganz selbstverständlich davon ausgeht, dass ich nichts alleine auf die Kette kriege.

Das ist nicht unbedingt Absicht von den Leuten, es kann auch sein, dass sie mir gut gemeinte Anti-Komplimente machen („Du bist doch sooo hübsch, du kannst sooo stolz auf dich sein!“) oder mir ungefragt helfen wollen, bevor ich die Zeit hatte, selbst das Problem zu analysieren und gegebenenfalls selbst eine Lösung zu finden – und wenn nicht, um Hilfe zu bitten. Da bin ich superempfindlich. Vor allem macht mich dann sauer, dass die das ja gut mit mir meinen und ich dankbar sein muss, und sie nicht einfach anfauchen kann, dass ich mein Aussehen betreffend gar keine Komplexe habe, dass ich durchaus stolz auf mich bin, wenn es dazu einen Grund gibt, und dass ich verdammtnochmal schon Bescheid sage, wenn ich Hilfe brauche!

Allerdings ist es jetzt auch nicht so, dass ich wie ein schlecht erzogener Terrier gleich auf 180 bin, sobald jemand mich wie einen Trottel behandelt. Das wäre auch nicht gut für meinen Blutdruck, da hätte ich schon längst einen Herzinfarkt bekommen. Es sind halt jedes Mal kleine Piekser, und die meisten kann ich mit Humor und Selbstironie wegstecken. Nur manchmal wird es mir halt zu viel.

Apropos Humor: Das ist auch so eine Eitelkeit von mir. Ich finde mich meistens ziemlich witzig, aber wenn auf einen Scherz meiner Wenigkeit nur Schweigen und Verständnislosigkeit folgen, zerschmettert das mein Selbstvertrauen in Millionen Scherben. Ebenso, wenn man mir zu verstehen gibt, dass meine Geschichten und mein Geplauder nicht ansatzweise interessant sind. „Jahaaa, das hast du schon tausendmal erzählt!“ – Krawumms, nimm das, Selbstwertgefühl! Hallo, Minderwertigkeitskomplexe und Selbsthass!

OK, das war jetzt etwas überdramatisch. Trotzdem bin ich ziemlich geknickt, wenn man mich entweder wie einen Dummdödel oder einen nervigen Langweiler behandelt.

Aber genug von mir, man könnte sonst noch denken, ich wäre eitel, Höhöhö.

Bei manchen Leuten habe ich den Eindruck, sie übertreiben es mit der Eitelkeit. Ich denke, mein Ausmaß an Eitelkeit bewegt sich noch im normalen Rahmen. Zumindest bin ich nicht sooo empfindlich, dass ich quasi dauerbeleidigt bin und nur auf vermeintliche Demütigungen warte, um der ganzen Welt Schuld daran zu geben, dass mein Selbstwertgefühl nicht unerschütterlich ist. Sobald man jede Gelegenheit, die sich bietet oder auch nicht, dazu nutzt, eingeschnappt zu sein, und dafür zu sorgen, dass sich alles nur noch um einen selbst dreht, ist es zu viel der Eitelkeit.

Ich denke, diese Menschen definieren ihr Selbstbild ausschließlich über äußere Umstände wie Statussymbole, Meinungen anderer oder Ideologien. Und wenn jemand daran kratzt – sich nichts aus Statussymbolen macht, eine wenig schmeichelhafte Meinung äußert oder die eigene Ideologie bescheuert findet – fühlen sie sich in ihrem ganzen Selbstverständnis angegriffen. Und reagieren entsprechend aggressiv und tödlich beleidigt.

Ein Kumpel von mir hatte sich zum Beispiel eine schwarze Kunstleder-Couch gekauft, als er damals in seine erste eigene Wohnung zog. Er wusste, dass meine Anforderungen an eine Couch Folgende sind: fläzbar, kuschelig und gemütlich. Trotzdem fragte er mich, wie ich sein stylishes, aber unfassbar unbequemes Sofa finde. Da dachte ich, er wollte meine ehrliche Meinung hören, also sagte ich: „Sieht schick aus, aber ist mir persönlich zu ungemütlich“.

Uiuiui, war der beleidigt! Ich glaube, das hat er mir heute noch nicht verziehen. Seitdem behalte ich meine Ansichten auch lieber für mich, wenn er mal wieder mit seinen Statussymbolen angibt. Posaunt er etwa vollmundig herum, dass ihm Geld ja gaaar nicht so wichtig sei, sage ich „Mhm“ und denke mir meinen Teil.

Ein ehemaliger Freund von mir war da aber noch schlimmer. Der hatte anscheinend überhaupt kein stabiles Selbstbild, nicht einmal im Kern, und war vollkommen abhängig vom Urteil anderer Leute. Auf der Schauspielschule hat er von den Lehrern immer sehr viel Lob bekommen und hob dann völlig ab, hielt sich für absolut supertoll und duldete keinen Widerspruch. Nachdem wir uns zerstritten hatten, sah ich aber nicht mehr ein, weshalb ich sein fragiles (respektive nicht vorhandenes) Selbstwertgefühl weiter schonen sollte.

Und dann habe ich ab und zu auch mal eine kleine spöttische Bemerkung gemacht (zum Beispiel „Aufmerksamkeit!“ geflötet, wenn er mal wieder einen Geltungssuchtanfall hatte) oder zum Ausdruck gebracht, dass er mit seiner Egomanie allen auf die Nerven geht (etwa, indem ich laut aufgeseufzt habe, als er mit seiner „Aber die anderen sind alle gemein zu mir“-Jammertirade den ohnehin knapp bemessenen Gruppenunterricht bereits seit einer Stunde aufhielt). Der hätte mich jedesmal fast erwürgt. Wenn ich es recht bedenke, hatte er ganz schön Ähnlichkeit mit Trump … Aber das nur so am Rande.

Und, wie ist das bei euch? Wo liegen eure Eitelkeiten?

Essai 175: Über Komplimente, die keine sind

16. Juli 2017

Da hat sich also US-Präsident Trump in Frankreich mal wieder in die Nesseln gesetzt und das Netz rastet aus. Anlass ist Trumps Bemerkung „You are in such a good shape!“ („Sie sind so gut in Form!“) gegenüber Brigitte Macron, Frankreichs frischgebackener First Lady. Hier das Video dazu:

Die einen sagen: „Das war eindeutig ein Kompliment, jetzt hört doch mal auf, dauernd auf Trump herumzuhacken.“ Die anderen fanden das total unverschämt, was fällt dem eigentlich ein, so eine deplatzierte Bemerkung gegenüber einer Frau zu machen, war ja klar, typisch Trump, der ist halt ein Sexist. Ich finde, beide Seiten haben recht. Und ich finde, das ist ein prima Thema für einen Essai.

Ich habe den Vorfall mit meiner Mutter gründlich analysiert und wir waren uns beide einig, dass es vom Potus definitiv als Kompliment gemeint war. Wir waren ebenfalls beide der Meinung, dass es – objektiv betrachtet – kein wirkliches Kompliment war. Das ist so, wie wenn man zu meiner Mutter, die die deutsche Grammatik und Rechtschreibung trotz französischem Migrationshintergrund besser beherrscht als jeder „Biodeutsche“ und sicher auch ein breiter gefächtertes Vokabular hat, sagt: „Sie sprechen aber gut Deutsch.“ Oder wie, wenn man zu mir sagt: „Macht doch nichts, dass du klein bist. Die Männer stehen auf kleine Frauen.“

Tja, aber ist es nicht die Absicht, die bei einem Kompliment zählt? Und wie es ankommt oder objektiv von außen wirkt, ist egal? Immerhin kann man doch froh sein, wenn jemand versucht, nett zu einem zu sein, oder?

So einfach ist das meiner Ansicht nach nicht. Es gibt ja auch Komplimente, über die man sich wirklich freut. Und über Komplimente à la „Sind Sie aber gut in Form!“ oder „Sie sprechen aber gut Deutsch“ freut man sich nicht so recht, weil sie irgendwie herablassend wirken. Aber was macht den Unterschied? Und warum wirken die Komplimente der zweiten Kategorie so unterschwellig respektlos? Mal sehen, ob ich das aufgedröselt bekomme …

An der Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit kann es nicht liegen. Denn auch jemand, der die Deutschkenntnisse von jemandem lobt, der hervorragend Deutsch spricht, meint es ja nur gut. Jemand, der die Figur von jemandem lobt, der vermutlich mit regelmäßigem Sport und bewusster, gesunder Ernährung auf eine schlanke Linie achtet, ist tatsächlich vom Anblick angetan.

Man könnte vielleicht sagen, dass es grundsätzlich daneben ist, die Figur einer First Lady überhaupt zu kommentieren. Das kann man so sehen, erklärt aber nicht, warum „Sie sprechen aber gut Deutsch“ ein ähnliches Unbehagen und Peinlichberührtsein hervorruft wie „Sie sind aber gut in Form“. Denn jemandes Sprachkenntnisse zu loben, hat nichts Anzügliches an sich.

Ich glaube, was mich an solchen Komplimenten, die keine sind, stört, ist dieser pseudofürsorgliche, möchtegerntröstende Unterton, diese ehrliche Überraschung des Komplimentierenden darüber, dass der andere irgendwas gut kann. Als hätte er ihm das vorher nicht zugetraut und sei auch jetzt noch aufrichtig perplex darüber, dass jemand, den er als weniger wertvollen Menschen betrachtet als sich selbst, überhaupt irgendetwas kann.

Hinzu kommt auch noch die über jeden Zweifel erhabene Überzeugung derer, die Anti-Komplimente machen, dass ihre Meinung über ihr Gegenüber besonders wichtig wäre. Dass der andere das Lob und die Aufmunterung des Komplimentierenden braucht, um Selbstwert zu empfinden. Und dann diese selbstgerechte Grundhaltung, dass sie sich dann total toll fühlen, weil sie einer bedauernswerten armen Seele so etwas Nettes gesagt haben, ganz uneigennützig, nur um zu helfen, weil sie Mitleid mit diesem minderbemittelten Tropf hatten.

Als jemand, der solche Anti-Komplimente empfängt, ist man in einer blöden Situation. Denn einerseits hat der andere gerade unbewusst offenbart, dass er normalerweise nicht viel von einem hält. Bewusst hat er aber von seiner Warte aus etwas Nettes gesagt und es ist nicht einfach zu erklären, was an dem Kompliment komisch und fremdbeschämend war. Also muss man das Kompliment wohl oder übel dankbar annehmen und Freude darüber heucheln. Man ist ja höflich und gut erzogen. Aber so ein leichtes Geschmäckle bleibt dann doch übrig.

Anders bei echten Komplimenten, die nicht in Wahrheit der Selbstdarstellung und Selbstbestätigung des Komplimentierenden dienen, sondern wirklich und wahrhaftig selbstlos sind und von Herzen kommen. Ich denke, wenn man so ein Kompliment bekommt, dann spürt man den Unterschied zu Anti-Komplimenten intuitiv.

Was meint ihr dazu?

Essai 172: Über Frauen, die scheiße sind

21. Mai 2017

Meine geneigte Leserschaft scheint sich sehr für das Thema „Frauen sind scheiße“ zu interessieren. Zumindest trudelt diese Suchanfrage ständig auf meinem Blog ein (WordPress verrät mir ja hin und wieder, mit welchen Suchanfragen Leute auf meinem Blog landen). Ich vermute, dass die Suchenden mit dieser Anfrage auf meinen Text über nervige Single-Männer landen, was ich ziemlich lustig finde, da sie in diesem Essai eher das Gegenteil dessen zu lesen bekommen, was sie vermutlich hören wollen. Aber da das offenbar viele Menschen umtreibt, wie gemein wir Frauen doch alle sind, dachte ich, ich kann dem ja mal einen Essai widmen und der User Intention besser gerecht werden. Oder auch nicht. Mal sehen.

Was könnte wohl einen Menschen dazu bewegen „Frauen sind scheiße“ zu googlen? Ich vermute, es handelt sich dabei überwiegend um Männer, die keinen Erfolg bei Frauen haben. Ein kleiner Teil mag auch Frauen betreffen, die von sich selbst behaupten, sie hätten nur männliche Freunde, weil unter Frauen ja immer gleich automatisch Zickenkrieg ausbricht, sobald sie aufeinander treffen. Wer kennt das nicht.

Diese beiden misogynen Menschenschläge haben dabei vor allem eines gemeinsam: Sie sind nicht schuld. Die anderen sind es.

Denn natürlich kann es nicht an ihrem eigenen Verhalten, ihrer eigenen Einstellung, ihrer eigenen Ausstrahlung liegen, dass sie von Frauen mutmaßlich schlecht behandelt werden. Nein, das liegt daran, dass alle Frauen grundsätzlich scheiße sind. Wir kommen schon scheiße auf die Welt, das liegt an den Hormonen und ist auf den X-Chromosomen so einprogrammiert (deswegen können Männer zum Beispiel auch nur höchstens halbscheiße sein). Und dann werden wir obendrein auch noch zum Scheißesein erzogen, mit diesem ganzen Pink und Lila und Glitzer und Einhörnern, Prinzessinnen und Flauschekatzenbabys. Da muss man ja einen Schaden davontragen. Den meisten von uns wird auch immernoch beigebracht, nett zu sein, zu lächeln, Hilfsbereitschaft zu zeigen und möglichst harmlos und hübsch zu sein, weil wir sonst keinen Mann abbekommen, und das wäre ja schrecklich. Was sollen wir Frauen denn so alleine auf uns gestellt bloß tun? Arbeiten? Hobbys? In Ruhe ein Buch lesen? OMG!!!11!1! Sonst noch was?

Mir wurde als Teenager von einer Seite der Verwandtschaft angemahnt: „Sei nicht immer so ironisch und sarkastisch, sonst kriegst du nie einen Mann.“ Und von anderer Seite hieß es: „Männer mögen kleine Frauen lieber“ (ich bin mit 1,58 m eher klein). Wie es aussieht, hat meine Kleinheit wohl meinen miesen Charakter wieder wettgemacht. Puh. Oder es liegt daran, dass mein Freund und ich humormäßig auf einer Wellenlinie schwimmen. Höhö.

Aber – Ach, weh – nicht jede Frau hat so viel Glück, dass ein Mann des Weges kommt, der über die ihr innewohnende Scheißheit hinwegzublicken vermag. Da sind dann alle Männer zu Tode beleidigt, wenn sich herausstellt, dass manche Frauen gelegentlich ihren eigenen Willen haben, der nicht mit ihrem Willen übereinstimmt. Potzblitz, was fällt ihnen ein? Und ich vermute, erleben Männer häufiger solche Situationen – insbesondere beim Balzverhalten -, und sind sie nicht gerade mit dem Talent zur kritischen Selbstreflexion gesegnet, dann schlussfolgern sie, dass Frauen scheiße sind.

Ähnliches gilt für Frauen, die sich vermeintlich ständig Zickenkriege mit Geschlechtsgenossinnen liefern. Sie haben in Wirklichkeit wahrscheinlich gar nicht so oft mit Stutenbissigkeit zu kämpfen gehabt, aber die entsprechenden Situationen haben sie offenbar geprägt. Sicher kommt es unter Frauen gelegentlich zu Statusstreitereien und ich meine irgendwo gelesen zu haben, dass die Hierarchie in reinen Frauengruppen keiner so klaren Hackordnung folgt, wie die Hierarchie in reinen Männergruppen. Das kann also Kabbeleien darüber geben, wer das letzte Wort hat und wessen Wort gilt.

Aber das ist doch kein Naturgesetz! Ich finde das zum Beispiel sehr angenehm, wenn die Hackordnung nicht so streng ist, weil ich mich dann nicht künstlich aufzuplustern und Dominanztheater zu spielen brauche, um einen Vorschlag zu machen oder meine Einschätzung kundzutun. Es reicht Fachwissen, Freundlichkeit, Sachlichkeit und sinnvolle Argumentation.

Mein Vorschlag für Frauen, die mit anderen Frauen nicht klarkommen, wäre der Folgende: Überdenkt noch mal euer eigenes Verhalten. Seid ihr wirklich ruhig, sachlich und freundlich geblieben? Habt ihr wirklich gute Argumente vorgebracht? Oder weiß die andere es womöglich tatsächlich besser? Es mag natürlich sein, dass man alles richtig gemacht hat und wird trotzdem angezickt, das ist mir auch schon ein paar Mal passiert. Allerdings sowohl von Frauen als auch von Männern. Aber das liegt in diesem Fall nicht an mir, sondern dann hat die/der andere irgendwelche Probleme mit sich selbst, die mich nichts angehen und für die ich nichts kann. Meistens lassen sich aber auch solche Leute zähmen, wenn man konsequent freundlich, sachlich und respektvoll bleibt, ihre Zickereien nicht persönlich nimmt, und mit Fachwissen überzeugt.

Was die Männer angeht, die dauernd Abfuhren kassieren: Auch das liegt nicht daran, dass Frauen per Definition scheiße sind. Das tut mir leid, euch da enttäuschen zu müssen. Die Wahrheit ist, wenn Frauen jemanden abblitzen lassen, dann, weil sie auf diesen Jemand nicht stehen. Badumm-Tss! So einfach ist das.

Ich hab mal wieder auf Facebook mit Leuten über das Thema diskutiert, und leider sind da viele total uneinsichtig. Einer meinte, er sei so erzogen worden, dass Frauen unerwünschtes Ansprechen als Vergewaltigung betrachten, deswegen spreche er keine Frauen an. Das sind dann so Leute, die sich irgendwann mal eine bestimmte Meinung gebildet haben, und sich dann für total integer, willensstark und großartig halten, wenn sie wider alle Logik auf dieser bescheuerten Meinung beharren.

Was ich nicht verstehe: Wenn Frauen tatsächlich so scheiße sind, warum sind die Männer dann so sauer, wenn Frauen sie abblitzen lassen? Die können doch froh sein, dass ihnen so ein scheißiges Wesen erspart blieb. Logischerweise dürften sie die Frauen auch gar nicht erst angraben, wenn sie sie so kacke finden. Und wenn ihnen jemand sagt, dass womöglich ihre Balzstrategie verbesserungswürdig ist, sind sie so tief gekränkt und rechtschaffen empört, als hätte man ihre Männlichkeit als solche angezweifelt.

Sie scheinen nicht zu begreifen, dass es einen Unterschied macht, wie ich mich einer fremden Person nähere. Ich kann zu jemandem hingehen, freundlich und unaufdringlich „Hallo“ sagen, höflich fragen, ob ich mich setzen kann, und schauen, was passiert. Stimmt die Chemie einigermaßen, entsteht zumindest ein nettes Gespräch.

Rücke ich aber einer fremden Person – eventuell sogar im angetrunkenen Zustand – nah auf die Pelle, raune ihr einen Standardspruch à la „Hat es wehgetan, als du vom Himmel gefallen bist/Du hast so schöne Augen/Darf ich dir einen Drink spendieren“ ungebeten ins Ohr, und versuche auf Tuchfühlung zu gehen oder mich ungefragt neben sie zu setzen, dann stößt das nun mal eben bei den Wenigsten auf Gegenliebe. Und dann ist eine Abfuhr sehr wahrscheinlich. Wenn diese Abfuhr ein „Nein, Danke“ ist, dann hat man sogar noch Glück gehabt. Dann hat man den Korb nicht gekriegt, weil alle Frauen scheiße sind, sondern, weil man sich selbst wie der allerletzte Arsch aufgeführt hat.

Also: Bevor man pauschal eine bestimmte Menschengruppe als scheiße abstempelt, weil man ein paar unangenehme Erlebnisse mit Vertretern dieser Gruppe hatte, sollte man sein eigenes Verhalten überdenken – und eventuell ändern. Das gilt nicht nur für Leute, die behaupten, Frauen wären scheiße, sondern auch für alle, die Männer prinzipiell scheiße finden, oder Ausländer, oder sonstwas. Außer Nazis. Die sind wirklich scheiße. Aber die sind ja auch nicht von Geburt an so, sondern haben sich dazu entschieden, hasserfüllte Riesenarschlöcher zu sein, und können sich wieder umentscheiden.

Essai 155: Über stilvolles Beleidigen

13. April 2016

Wer sich auf Onlineforen oder in den Kommentarspalten sozialer Medien tummelt, hat oft Gelegenheit, die Kunst des stilvollen Beleidigens zu trainieren. Es ist wirklich faszinierend, wie viel Unsinn sich Menschen ausdenken und auch noch für alle lesbar niederschreiben können. Darüber kann man verzweifeln, muss man aber nicht. Allerdings ist es auch wenig erquicklich, auf einen strunzdämlichen Kommentar zu antworten, dass der Kommentar strunzdämlich ist. Das Problem mit Idioten ist nämlich, dass die einen auf ihr Niveau herunterziehen und mit Erfahrung schlagen, wenn man sich auf eine Diskussion mit ihnen einzulassen versucht. In der Folge wirft man sich gegenseitig stillose Beleidigungen an den Kopf und hinterher hat man schlechte Laune, weil der Idiot einen längeren Atem als man selbst in Bezug darauf hat, seinen geistigen Dünnpfiff wiederzukäuen.

Was also kann man tun? Ignorieren? Ist eigentlich für den Seelenfrieden am besten, aber ab und zu juckt es einen dann ja doch in den Fingern. Oder es besteht Hoffnung, dass der Idiot vielleicht nicht ganz so dämlich ist und sich von sachlichen Argumenten möglicherweise doch zum Nachdenken anregen lässt. Und wenn schon nicht er selbst, dann vielleicht Menschen, die den Wortwechsel mitlesen. Stilvolles Beleidigen ist da eine ganz pfiffige Strategie, und die geht so:

1. Stilvolles Beleidigen ohne Beleidigungen

Hö? Stilvolles Beleidigen muss ohne Beleidigungen auskommen? Wie geht das denn? Tja, das ist paradox, aber tatsächlich ist es das Beste, wenn man den anderen nicht offensichtlich und offensiv beleidigt. Sonst ist er nämlich in der vorteilhaften Position, sich als Opfer ungerechtfertigter Angriffe stilisieren zu können und braucht überhaupt keine Argumente mehr, um als Derjenige, der recht hat, dazustehen. Blöd. Also bleibt man ganz höflich, sachlich und freundlich, zeigt Respekt und Achtung vor seinem Gegenüber und hinterfragt lediglich den Inhalt des Kommentars, wird also nicht persönlich.

Weiterer Vorteil: Der andere kennt diese Art der Kommunikation wahrscheinlich nicht, ist verwirrt und irritiert – und gerät womöglich ins Straucheln. Wenn man Glück hat, wird er selbst ausfallend und beleidigend, sodass man selbst wiederum in der vorteilhaften Position ist, sich als Opfer ungerechtfertigter Angriffe hinstellen zu können. Ausgebufft, oder? Also, anstatt zu schreiben: „Du dumme Sau hast doch überhaupt keine Ahnung und laberst hier nur Scheiße!“ sollte man lieber schreiben: „Ich verstehe Ihren Ärger, doch Ihre Argumentation erschließt sich mir noch nicht ganz.“ Dass man den Ärger des anderen versteht, ist natürlich gelogen, aber trotzdem kann der andere nichts dagegen sagen. Ätsch 😛

2. Gegenfragen stellen

Gegenfragen sind eine einfache, aber oft wirksame Strategie, damit der andere sich selbst als Idiot entlarvt. Dann muss man nämlich nicht mehr beleidigend werden und konkret aussprechen, dass der andere strunzdummes Zeug labert und nicht alle Tassen im Schrank hat, weil das dann auch so von alleine klar wird. Hübsche Gegenfragen sind zum Beispiel: „Mögen Sie mir Argument XY noch einmal genauer erläutern?“ oder „Haben Sie dafür sachliche Argumente oder wollen Sie es bei der bloßen Behauptung belassen?“ oder „Das ist ja interessant, was Sie da behaupten, aber haben Sie dafür auch stichhaltige Quellen, die Ihren Standpunkt objektiv beweisen?“

Es kann natürlich sein, dass daraufhin wirklich stichhaltige Argumente aufkommen. Sollte dieser Fall eintreten, kann sich daraus eine fruchtbare, spannende Diskussion entwickeln und dann kann man sich freuen, dass man nicht ausfallend geworden und höflich geblieben ist. Kommen daraufhin schwachsinnige Pseudoargumente à la „Ist halt so“ oder „da muss man halt über eine gewisse Intelligenz verfügen, um das so zu sehen (wie ich, weil ich bin so kluk!)“, kann man weiter nachfragen. „Tut mir leid, aber ich habe das immer noch nicht verstanden. Wie kommen Sie darauf, dass XY tatsächlich so passiert?“

3. Quellen prüfen

Fragt man nach Quellen, muss man damit rechnen, dass wirklich welche genannt werden. In diesem Fall lohnt es sich, reinzulesen und zu schauen, woher sie kommen, wer sie geschrieben hat und einen Blick ins Impressum zu werfen. Manchmal untermauern Leute ihre Behauptungen nämlich gern mit Links, die zu irgendwelchen Blogs oder Seiten von Leuten führen, die Dasselbe behaupten und ebenfalls weder objektiv nachvollziehbare Argumente noch seriöse Quellen nennen. Das kann man gut am Tonfall erkennen: Ist er polemisch, spöttisch, höhnisch oder verächtlich? Dann ist er mit großer Wahrscheinlichkeit zur objektiven Beweisführung ungeeignet.

Stutzig werden sollte man außerdem, wenn es weder ein Impressum noch ein Autorenporträt gibt. Ein Impressum habe ich auch nicht, aber immerhin könnt ihr unter „Über die Autorin“ erfahren, wer eigentlich diese Isabelle Dupuis ist, die hier so herumklugscheißert und immer alles besser weiß. So könnt ihr entscheiden, ob ihr findet, dass meine Expertise ausreicht, um hier etwas zum Thema stilvolles Beleidigen überzeugend darbringen zu können, oder ob ihr findet, ich habe zu dem Thema ja wohl gar nichts zu melden und soll mich hier gefälligst nicht so aufplustern und meine blöde Klappe halten. Gibt es keine Informationen darüber, was für Erfahrungen ein Autor hat, ist es nicht möglich, den Glaubwürdigkeitsfaktor eines Texts einzuschätzen. Es gibt Quellen, etablierte Zeitungen und Zeitschriften, öffentlich-rechtliche Medien, die bereits genug Glaubwürdigkeit mitbringen, weil man weiß, da arbeiten seriöse Journalisten. Die haben dann aber in der Regel ein Impressum und man merkt am Tonfall, ob der Autor sich um Objektivität bemüht oder seine subjektive Meinung über ein Thema äußert.

4. Rechtschreib- und Grammatikfehler korrigieren

Jetzt wird es doch ein bisschen unsachlich. Gibt es für die ersten drei Methoden zum stilvollen Beleidigen keine Ansatzpunkte, kann man, wenn man unbedingt etwas zu einem Meckerpöbeldummdödelkommentar sagen möchte, einfach seine Grammatik- und Rechtschreibfehler korrigieren. Keine Sorge, davon gibt es in Meckerpöbeldummdödelkommentaren immer welche zu entdecken. Trotzdem sollte man aber höflich und respektvoll bleiben. Beispiel für einen Dummdödelpöbelkommentar: „Dass ist so ein SCHWACHSINN was soll dass seit Ihr Dumm oder was!!!1111!!!??!?!??“ Da gibt es mannigfaltige Möglichkeiten, Grammatik, Rechtschreibung und Stil nach Manier eines Literaturkritikers zu zerpflücken. Trägt nichts zur Klärung des Sachverhalts bei, macht aber Spaß.

5. Nicken, lächeln, „Arschloch“ denken

Was bei Idioten im wirklichen Leben funktioniert, klappt auch bei unverbesserlichen Kommentar- und Forenpöblern. Sollten alle anderen Versuche gescheitert sein, zieht man sich am besten aus der Diskussion mit formvollendeten Manieren zurück. Also schreibt man so etwas wie „Ach so, na dann, wenn du meinst“, macht einen niedlichen Grinsesmiley dahinter, zum Beispiel 🙂 oder 😀 und denkt sich seinen Teil.

Essai 151: Über das nervige Wörtchen „Hm“

27. Dezember 2015

Im Großen und Ganzen habe ich meinen Freund ziemlich lieb. Er ist ein recht erträglicher Zeitgenosse und in der Regel geht er mir nicht zu sehr auf die Nerven. Aber: Manchmal könnte ich ihn an die Wand klatschen. Schuld daran ist das harmlos erscheinende Wörtchen „Hm“, gelegentlich auch mal in seiner geschwätzigen Variante „Mhm“. Es erfordert für den Sprechenden nicht mehr Aufwand als „Ja“ oder „Nein“, sorgt jedoch beim Hörer für größtmögliche Verwirrung.

Es liegt vielleicht auch daran, dass ich mal wieder von mir auf andere schließe. Wenn ich nämlich eine Frage oder eine Aussage meines Gegenübers mit „Hm“ quittiere, meine ich damit meistens „Ich bin ganz und gar nicht deiner Meinung, aber mach wie du denkst“, was im Prinzip bedeutet „Du kannst mich mal“. „Mhm“ ist nicht ganz so schlimm, damit antworte ich meistens auf Bitten und Aufforderungen, auf die ich keine Lust habe, die ich aber trotzdem aus Pflichtgefühl mache. Zum Beispiel „Schatz, bringst du nachher den Müll mit runter?“ „Mhm.“ Ziehe ich das erste „M“ jedoch lang, wie in „Mmmmmmm-hm“, dann bedeutet es wieder „Leck mich am Arsch“ oder „Ich hab dir gerade nicht zugehört, aber es wird schon nicht sonderlich interessant gewesen sein. Damit du merkst, dass ich noch lebe, gebe ich mal ein unverbindliches Geräusch von mir, in der Hoffnung, dass du mich dann mit deinem Geschwafel in Frieden lässt.“

Mein Freund antwortet jedoch andauernd mit „Hm“, „Mhm“ oder „Mmmmm-hm“, und wenn er das meint, was ich meine, wenn ich das sage, dann finde ich das alles andere als schmeichelhaft. Dann wäre es mir lieber, er sagt mir direkt „Jetzt hör doch mal auf zu sabbeln, Weib! Mir wachsen schon die Frikadellen aus den Ohren!“ Das ist wenigstens eindeutig, und dann kann ich mit Fug und Recht beleidigt sein, und komme mir nicht so dusselig dabei vor. Außerdem ist es ja auch wenig zielführend, wenn man möchte, dass das nervige Quasselweib endlich den Rand hält, mit so kryptischen, polyvalenten Nicht-Antworten zu kommen, die zwangsläufig mehrerer Rückfragen bedürfen, um Klarheit zu erlangen. Überdies: Wie war das noch gleich mit klare Ansagen machen? Männer brüsten sich doch immer so gern damit, wie toll sie Klartext reden, und dann kommt so ein Scheiß wie „Hm“!? Ja, ich weiß, nicht alle Männer, bla. Und ja, es gibt auch Frauen, die bla. Ist mir jetzt aber gerade wurscht, es geht ums Prinzip, und ich schreibe mich hier gerade so schön in Rage, das muss auch alles mal raus. Jeder Küchentischpsychologe, der was auf sich hält, weiß, dass er Ärgernisse nicht in sich hineinfressen darf, davon kriegt man Pickel. Und Magengeschwüre.

Jedenfalls, ich frage jetzt einfach immer nach, ob es ein „Ja-Hm“, ein „Nein-Hm“ oder ein „Leck-mich-am-Arsch-Hm“ war, wenn mein Freund wieder so antwortet. Aber anstatt dass er dann eine der drei Möglichkeiten auswählt, muss er lachen und findet das ungemein witzig. Ich steh dann immer noch da wie der letzte Trottel, der die Pointe nicht verstanden hat, und weiß nicht, was ich mit diesem vermaledeiten „Hm“ anfangen soll. Das macht mich wahn-sin-nig! Warum nur? Warum kann man nicht einfach entweder zugeben, dass man nicht zugehört hat, oder dass man zu dem Thema keine Meinung hat, weil es einem egal ist? Und wenn es weder das eine noch das andere ist, warum kann man dann nicht „Ja“ oder „Nein“ sagen? Was ist daran so schwer? Ich verstehe es beim besten Willen nicht, und wenn ich etwas nicht ausstehen kann, dann ist das, wenn ich etwas beim besten Willen nicht verstehe!

Natürlich passiert mir das auch manchmal, dass ich mit „Hm“ antworte, obwohl ich nicht respektlos sein will, sondern weil ich das gerade vermeiden will. Weil ich fürchte, dass meine klare, eindeutige Meinung noch respektloser wirken könnte als „Hm“. Oder weil ich denke, dass meine Meinung zu einer sinnlosen Diskussion führen könnte, die ich für nicht konstruktiv halte, weil dann am Ende trotzdem noch alle ihre vorherige Meinung haben, aber dafür sauer aufeinander und zerstritten sind. Das ist dann aber auch die einzige Situation, in der ein „Hm“ in Ordnung ist, um Schlimmeres zu vermeiden. Dann heißt es: „Ich sehe das anders, aber ich weiß, dass ich dich nicht überzeugen kann, also lasse ich deine Meinung – die ich für falsch halte – unkommentiert stehen und denke mir meinen Teil.“

Aber man muss doch nun wirklich nicht mit „Hm“ oder „Mhm“ antworten, wenn ich frage, ob man an dem und dem Tag Zeit hat, um XY zu machen. Oder wenn ich an einem Gedankenspiel herumphilosophiere und den anderen in meine Spinnereien involvieren möchte, einfach, weil das Spaß macht. Wenn dann so ein fantasieloses, nichtssagendes „Hm“ kommt, finde ich das irgendwie grob. Vielleicht bin ich da allerdings schon wieder zu dünnhäutig und erwarte zu viel von meinen Mitmenschen. Ich find’s bloß schade, wenn man so wenig Lust daran hat, ein wenig seine Vorstellungskraft zu bemühen. Da ist wohl jeder anders und das muss man akzeptieren, nehme ich an.

Essai 134: Über religiöse Gefühle

14. Dezember 2014

Dann will ich hier mal fröhlich auf dünnes Glatteis schliddern. Mein Eindruck ist, irgendwie ist ständig irgendwer beleidigt, weil er seine religiösen Gefühle verletzt sieht. Ich kann ja verstehen, dass man sauer ist, wenn man diskriminiert wird, weil man an dies oder das glaubt. Also, wenn man wirklich benachteiligt wird wegen seines Glaubens oder um sein Leben fürchten muss. So lange aber weder das eine noch das andere der Fall ist, sind Religion und Glaube Privatsache.

Natürlich gibt es sehr viele gemäßigt religiöse Menschen, die friedlich vor sich hin glauben und andere damit in Ruhe lassen. Leider fallen die nicht weiter auf, sondern nur diejenigen, die mit ihrer Religion hausieren gehen oder jedesmal eingeschnappt sind, wenn wieder ein Satiriker einen Witz gemacht oder religiösen Fanatismus kritisiert hat. So geschehen kürzlich mit Dieter Nuhr. Aber auch Carolin Kebekus hat schon Ärger gekriegt (und zwar nicht mit Moslems, sondern mit Christen). Und das Hamburger Thalia-Theater hatte vor rund drei Jahren auch mal ziemlichen Stress mit christlichen Fanatikern.

Und was nicht alles an Kriegen geführt wird wegen angeblicher religiöser Gefühle. In Gottes Namen werden Menschen umgebracht und das nur, weil ihre unsichtbare Macht, die für alles Unerklärbare verantwortlich gemacht wird, anders heißt als die der Angreifer. Was soll denn das? Können wir uns nicht einfach mal alle vertragen und akzeptieren, dass kulturelle Unterschiede nicht unsere eigene Kultur bedrohen, sondern sie bereichern? Nur weil das Fremde anders ist, müssen wir es doch nicht zum Feind erklären und zerstören.

Aber genau das passiert in letzter Zeit zunehmend. Pegida, Hogesa und diese ganzen Schwachköpfe, die Angst und Minderwertigkeitskomplexe haben und nichts zu tun. Allerdings macht man es sich zu einfach, wenn man das mit einem lapidaren „Sind halt Idioten“ abtut oder sich arrogant über sie lustig macht. Überall in Europa sind die Rechten wieder en vogue und was sich da zusammenrottet, das sind Menschen, die unzufrieden mit ihrem Leben sind und nach Schuldigen suchen. Das sind dann meistens Einwanderer und Flüchtlinge, weil die sich nicht so gut wehren können. Es brauchen dann nur irgendwelche Rechtspopulisten herumzutröten, dass die an allem schuld wären und die Leute nehmen das dankbar auf. So viel verschwendete Energie, die man dazu hätte nutzen können, sein eigenes Leben zu ändern … Auf jeden Fall nutzen Rechtspopulisten in diesen Fällen gnadenlos verletzte religiöse Gefühle aus. Wobei hier dann eine bestimmte Vorstellung von Patriotismus als Ersatzreligion fungiert.

Glaube an sich ist ja eigentlich eine ganz friedliche, private Angelegenheit. Wer sich unter dem Deckmantel von einer Religion aufplustert und empört tut, sobald jemand anderer Meinung ist, sollte sich lieber mal wieder auf seinen Glauben besinnen. Und damit meine ich nicht irgendwelche längst überholten Dogmen oder willkürlich interpretierten, uralten Aussagen aus uralten Büchern. Sondern einfach, dass man mit seinem Glauben Ruhe und Sicherheit über den Sachverhalt gewinnt, dass man eben nicht alles wissen und erklären kann. Dazu braucht man den Glauben nicht unbedingt, aber es ist ein Hilfsmittel, gegen das sich nichts einwenden lässt. Solange es nicht in religiöse Gefühle ausartet, die dauernd beleidigt werden.

Denkt eigentlich bei alldem auch mal jemand an die atheistischen Gefühle anderer Leute? Die werden nämlich jedesmal beleidigt, wenn wieder irgendjemand Religion als Vorwand nimmt, um sich über irgendetwas künstlich aufzuregen, was eigentlich den ganzen Ärger nicht wert ist.

In diesem Sinne möchte ich mich einfach mal Jan Böhmermann und seinem Coming Out anschließen:

Bald ist Weihnachten und ganz gleich, welchen religiösen Hintergrund man hat, es sollte ein Fest der Liebe sein. Also noch einmal meine Frage: Können wir uns nicht einfach alle mal vertragen und miteinander auskommen?

Essai 133: Über künstliche Aufreger

26. Oktober 2014

Nun ist Dieter Nuhr also angezeigt worden. Er sei ein „Hassprediger“, der gegen religiöse Gemeinschaften hetze, Gläubige beleidige und verunglimpfe, lautet der Vorwurf. Mein Verdacht ist, dass die Leute, die Dieter Nuhr gerade juristisch auf die Pelle rücken nur den Zusammenschnitt seiner Auftritte gesehen haben, in denen er den Islam – genauer gesagt den religiös-islamistischen Fanatismus – kritisiert. Denn wenn man sich mehrere seiner Auftritte am Stück ansieht, dann wird klar, dass er nicht etwa nur den islamistischen religiösen Fanatismus kritisch-sarkastisch auseinandernimmt, sondern generell gegen Doofheit wettert. Wobei – und da gehe ich mit ihm d’accord – unter Doofheit jegliche Form von Borniertheit, Verblendung, Ignoranz, Vorverurteilung und Fanatismus fällt. Also auch christliche Fundamentalisten bekommen ihr Fett weg und nicht religiös motivierte Dumpfbacken ebenfalls. Dass er dabei aus dem Koran zitiert und die Zitate aus dem Zusammenhang reißt, mag sein. Aber wenn man ihn anzeigt, indem man ebenfalls seine Aussagen aus dem Zusammenhang reißt und dies als Begründung für seine Empörung nutzt, ist man doch keinen Deut besser. Und selbst wenn: Muss man denn immer gleich die Leute anzeigen, nur weil die was gesagt oder getan haben, was einem nicht gefällt? Man kann doch auch einfach sagen: Gut, der hat da eine Meinung, die finde ich blöd und mit der bin ich nicht einverstanden, aber das ist nu(h)r eine Meinung! Wenn man wirklich was Besseres ist, dann steht man da doch drüber!

Ich kann mich wunderbar künstlich darüber aufregen, wenn sich Leute künstlich über irgendwas aufregen, ohne den Kontext zu berücksichtigen. Das mit der Anzeige gegen Dieter Nuhr ist ja nur ein Beispiel unter vielen. Also, bevor mich jetzt auch noch irgendwer anzeigt, weil ich versuche, die ganze Angelegenheit wieder auf den Teppich zu holen, hier noch weitere Beispiele. Zum Beispiel diese Anwohner in Hamburg an der Alster in einer eher schickeren Gegend, die kein Flüchtlingsheim in ihrem Revier wollen. Schließlich würden die ja nicht gleich Arbeit finden und dann lungern die da die ganze Zeit draußen rum und machen Krach. Und dann haben die ja auch so viele Kinder, pfui, die machen ja auch Krach. Also haben die sich einen Anwalt genommen und klagen gegen das geplante Flüchtlingsheim. Bei sowas kriege ich echt das Kotzen, man verzeihe mir die Ausdrucksweise. Wenn diese reichen Schnösel selber den ganzen Tag arbeiten, kriegen die doch den angeblichen Krach, sofern es ihn denn gäbe, gar nicht mit. Und wenn sie nicht den ganzen Tag arbeiten, sondern ebenfalls die ganze Zeit draußen herumlungern, dann sollen die nicht mit nacktem Finger auf angezogene Leute zeigen und herumhupen.

Und wenn ich schon mal dabei bin, mich künstlich aufzuregen: Diese Mecker-Anwohner, die kein Hospiz und keine Kita und keinen Friedhof und kein gar nichts in ihrer Nachbarschaft haben wollen, weil das ja so viel Lärm verursache, oder Geruchsbelästigung oder ihnen der Anblick nicht fein genug ist – kommt mal klar!

OK, ich kann ja mal wenigstens versuchen, mich in diese Stinkstiefel hineinzuversetzen, damit mir nachher keiner vorwerfen kann, ich würde ebenfalls den Kontext ignorieren. Angenommen, die haben den ganzen Tag nichts Interessantes zu tun und hocken rund um die Uhr in ihrer Wohnung. Da hätte ich auch eine Scheißlaune und wenn ich dann auch noch denke, dass ich nichts dran ändern kann, weil ich zum Beispiel ein grantiges, fieses, verbittertes Arschloch bin, dann würde ich vermutlich auch nach Schuldigen suchen, die ich dafür fertig machen kann. Und wenn ich noch dazu ein Feigling wäre, dann würde ich mir Schuldige suchen, die sich nicht wehren können, also Flüchtlinge, Kinder oder Todkranke. Hmmm, doch das ergibt Sinn.

Gut, man muss ja jetzt nicht zwingend ein Arschloch sein, um Leute anzuzeigen, die – im Kontext betrachtet – nichts wirklich Schlimmes getan haben. Es reicht, wenn man einfach zu wenig Sinnvolles zu tun hat. Da kommt man halt auf Gedanken. Und wenn man sich dann künstlich darüber aufregt und Leute findet, die auch zu wenig Sinnvolles zu tun haben und Lust bekommen, sich die Zeit mit künstlichem Aufregen zu vertreiben, dann schaukelt sich das eben ratzfatz hoch. Besonders in Zeiten des Internets findet man ja schwuppdiwupp Gleichgesinnte, die nur darauf warten, dass ihnen irgendwer eine Idee gibt, worüber sie sich künstlich aufregen könnten.

So. Und jetzt mache ich mir eine schöne Tasse Tee.


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