Essai 188: Über die dummdreiste Arroganz der Ahnungslosen

Ich habe eine ganz schreckliche Vermutung: Möglicherweise bin ich intelligenter und gebildeter als der Durchschnitt. Wie ich auf diese anmaßend und eingebildet klingende Theorie komme?

Nun jaaa … ich bin, wie ihr wisst, viel in den Kommentarspalten sozialer Medien unterwegs. Und da begegnet einem ziemlich oft furchtbar dummes Zeug. Und ich kann und will unqualifizierten Quatsch nicht immer einfach so unwidersprochen stehen lassen. Am Ende glaubt das noch jemand, zum Beispiel, dass Impfungen mehr schaden als nutzen, dass es den Klimawandel gar nicht gibt, sondern dass die linksrotgrünversiffte Verbotspartei uns das nur einredet, um uns den Spaß zu verderben!!!1!111!!dankemerkel!!!1!12!“ Oder dass diese Ausländer an allem Schuld seien.

Und dann nehme ich es eben auf mich, und erkundige mich, wie die Kommentatoren auf diese Idee kommen. Manchmal, wenn ich müde und genervt bin von diesem haarsträubenden Ausmaß menschlicher Inkompetenz, schreibe ich auch sowas wie: „Was Sie da behaupten, stimmt nicht“, „Sie haben die Statistik falsch interpretiert“ oder „Sie haben sich offenbar nur auf Seiten informiert, die Ihre Sichtweise – die übrigens nicht den Tatsachen entspricht – bestätigen“.

So oder so: Es ist dann immer ein großes Hallo und die Leute, die den Quatsch verzapft haben sowie ihre ebenfalls geistig überforderten Zeitgenossen schießen sich auf mich ein, schreiben, ich wäre dumm und naiv und hoffentlich würde ich selbst mal von diesen „Rapefugees“ vergewaltigt/erleide selbst mal einen Impfschaden, dann würde ich ja wohl einsehen, wer Recht hat.

Seufz.

Was ich dabei immer wieder faszinierend finde, ist, dass meine Gesprächspartner offenkundig überhaupt keine Ahnung haben, was sie da reden, und das mit einer bestechend dummdreisten Arroganz einfach ignorieren. Bekannt ist dieses Phänomen auch als Dunning-Kruger-Effekt: Je inkompetenter jemand ist, desto eher überschätzt er seine eigenen und unterschätzt die Fähigkeiten seines (kompetenteren) Gegenübers.

Das begegnet mir gelegentlich auch im richtigen Leben, dass Leute in einem Brustton der Überzeugung irgendwelchen Scheiß behaupten, von dem ich entweder sofort weiß, dass es Blödsinn ist oder es durch eine kurze Recherche im Nachhinein als solchen entlarve.

So ein unerschütterliches Selbstvertrauen, selbst wenn man keine Ahnung von dem hat, was man da herausposaunt, hätte ich irgendwie auch ganz gern. Zumindest würde mir dann niemand mehr fiese Sachen an den Hals wünschen oder mich beleidigen, sondern dann würde man mir einfach alles abkaufen, was ich so an Unfug herauströte.

Dann würde ich vielleicht nicht ständig an mir zweifeln, Dinge hinterfragen oder so kreuzunglücklich darüber sein, dass niemand mehr heutzutage auf echte Experten hört und lieber Unfrieden stiftet, andere Leute mit Masern ansteckt oder weiterhin dazu beiträgt, die Erde zu zerstören, anstatt einmal kurz inne zu halten, zu reflektieren, ob der eigene Standpunkt überhaupt logisch ist, und dann wenigstens ein bisschen Demut zu zeigen.

Stattdessen hören dummdreist-arrogante Ahnungslose lieber auf Spinner, die unqualifizierten geistigen Dünnpfiff auf YouTube verzapfen, Hass säen oder beides gleichzeitig. Bestimmt fühlt es sich gut an, sich seiner selbst und seines (einfachen und nicht den Tatsachen entsprechenden) Weltbilds zu 100 Prozent sicher zu sein, zu einer Gemeinschaft anderer hasserfüllter Idioten zu gehören, die genau den gleichen Schwachsinn behaupten wie man selbst … da fühlt man sich bestimmt nicht so allein und so, als würde man gegen Windmühlen kämpfen, obwohl es völlig hoffnungslos ist.

Puh, das war jetzt ganz schön misanthropisch. Ich sollte solche polternden Vollidioten wahrscheinlich meinem eigenen Seelenheil zuliebe besser ignorieren. Aber das schaffe ich leider nicht. Ich denke, wenn man zu den Leuten gehört, die ein klitzekleines bisschen weniger dämlich sind als der Durchschnitt, hat man doch auch eine gewisse Verantwortung. Es gibt ja immer auch die stillen Mitleser oder die stillen Zuhörer, die sich nicht ganz sicher sind, ob der pöbelnde Dummdödel nicht vielleicht doch ein wenig Recht hat. Und da braucht es doch Menschen, die dagegenhalten, oder?

Komischerweise bin meistens ich diejenige, die dann als arrogante, eingebildete Intellektuelle dasteht, wenn ich Leute, die dummes Zeug behaupten, korrigiere. Anscheinend mögen es arrogante, eingebildete Dumpftröten nicht besonders, wenn man sie auf ihre Irrtümer aufmerksam macht. Dabei bin ich total höflich, ich sieze die Leute, ich bleibe sachlich, ich schreibe nie: „Halt die Fresse, du Honk“, sondern beziehe mich immer nur auf das Inhaltliche und kritisiere höchstens das Verhalten der Leute, werde also nicht persönlich ausfallend. Das scheint sie aber umso mehr zu reizen … verstehe ich gar nicht.


Und, wie sind eure Erlebnisse mit dummdreist-arroganten Ahnungslosen? Widersprecht ihr den Leuten? Oder habt ihr schon resigniert (ich selbst bin manchmal kurz davor …)?

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5 Antworten to “Essai 188: Über die dummdreiste Arroganz der Ahnungslosen”

  1. Essai 190: Über die Probleme anderer Leute | Isa09 - Angry young woman Says:

    […] dass es sich bestimmt leichter lebt, wenn man weniger Mitgefühl mit anderen hat und einem die Dummdreistigkeit von Arschlöchern nicht weiter auffällt, weil man zu ihnen dazugehört. Aber so bin ich nun mal […]

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  2. Der Onkel hat's gesagt Says:

    Es gibt noch ein anderes interessantes Phänomen, das ich gern in der wissenschaftlichen Literatur als Nerd-Deppertheits-Syndrom etabliert sehen möchte. Nerds, die über etwas sehr spezielles sehr gut Bescheid wissen, haben (meinen oft schmerzhaften teilnehmenden Beobachtungen zum Thema zufolge) die Tendenz, über alles zu dozieren, was ihnen gerade in den Weg kommt.

    Zum Beispiel so ein Computertyp/Chirurg, der glaubt, weil er wirklich gut programmieren/operieren kann, er auch in allem anderen Dingen ein ausgewiesener Experte ist. Das geht so weit, dass er (es ist immer ein er!) Leuten, die in New York/Rio/Tokio leben, erklärt, wie es ist, in New York/Rio/Tokio zu leben, ohne jemals aus Pottenhausen herausgekommen zu sein.

    Der Onkel macht da nur eins: Ohren zu und in regelmäßigen Intervallen „aham“ sagen und sich dann gaaaanz laaaangsam entfernen. So langsam, dass wenn der Nerd merkt, huch, der ist ja gar nicht mehr da, der Onkel schon zuhause schnarcht.
    Und Social Media schonmal gar nicht. Diese Leute wohnen da nämlich.

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  3. Essai 193: Über vorgebliche Gleichgültigkeit als Wichtigtuer-Masche | Isa09 - Angry young woman Says:

    […] dieses großkotzige, dummdreist-arrogante „Mir doch egal, es gibt Wichtigeres“ unter Themen, die anderen Menschen wichtig sind, […]

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  4. Essai 194: Über Machtkämpfe in Kommentarspalten | Isa09 - Angry young woman Says:

    […] und Frechheit in die Kommentarspalten – egal, um welches Thema es ursprünglich ging. Diese Arroganz ohne jede Grundlage ist nervtötend, trotzdem ist es meiner Meinung nach wichtig, diesen gequirlten, unzählige Male in […]

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