Essai 198: Über Schlaufaulheit

Menschen bilden sich ja gern ein, sie wären die Krone der Schöpfung. Ich halte das für Quatsch. Die meisten Menschen verhalten sich dumm: entweder dummfleißig, also verbissen überehrgeizig, oder dummfaul. Damit meine ich, wenn man nur darauf schaut, unmittelbaren Aufwand zu vermeiden, und sich damit langfristig mehr Aufwand aufhalst. Wenn ich jetzt zum Beispiel zu faul bin, meinen Kram nach dem Benutzen wieder an seinen Platz zu räumen, verbasel ich den Kram, und wenn ich das nächste Mal den Kram brauche, muss ich ewig suchen.

Schlaufaul wäre es, mir den minimalen Aufwand zu machen, nach dem Benutzen den Kram wieder zurück an seinen Platz zu stellen und dann weiß ich immer, wo das ist und spare mir nerviges Suchen. Schlaufaulheit bedeutet also, dass man unmittelbar ein kleines bisschen Mehraufwand in Kauf nimmt, und sich damit langfristig kolossal nervigen, völlig unnötigen Mehraufwand spart. Zum Beispiel, wenn ich zu faul bin, meine frisch gewaschene Wäsche nach dem Trocknen zusammenzulegen und zurück in Kommode und Schrank zu räumen, sie stattdessen einfach auf einen Haufen schmeiße, am besten noch zur Schmutzwäsche oder zur getragen-aber-noch-sauber-Wäsche. Dann habe ich da einen Riesenberg Wäsche und weiß gar nicht mehr, was da drin ist und wo und ob das überhaupt sauber ist oder dreckig. Und das ist dann ja total anstrengend, das auszuklamüsern und auseinander zu sortieren. Also lasse ich den Haufen einfach so, er wird immer größer und dann stehe ich eines Tages da und habe nichts Sauberes mehr anzuziehen und muss unter Stress diesen Riesenberg durchwühlen. Hätte ich einfach von vorneherein schlaufaul den kleinen Mehraufwand auf mich genommen, die trockene, saubere Wäsche an ihren Platz zu räumen, hätte ich dieses Problem gar nicht.

Oder auch beim Einkaufen: Ich bin da seit dem Lockdown eher dummfaul unterwegs und gehe lieber seltener einkaufen und ärgere mich dann, dass ich so schwere Taschen schleppen muss und mir die Nacken- und Schulterpartie verspanne. Schlaufaul wäre es, öfter kleinere Einkäufe zu machen. Aber bis zum nächsten Einkauf habe ich die Nackenschmerzen wieder vergessen und bin wieder genauso doof und ärgere mich über die schweren Taschen, die ich in den zweiten Stock hochschleppe.

Übrigens ist Schlaufaulheit auch eine gute Strategie, wenn man – wie ich – eher zu Dummfleiß neigt, sich viel zu viel Arbeit macht, weil man dem irrigen Gedanken anhängt, man müsste alles alleine wuppen. Stattdessen wäre es schlaufaul, um Hilfe zu bitten und Teile seiner Aufgaben zu deligieren.

Im Moment würde uns wohl allen mehr Schlaufaulheit gut tun, ob wir nun eher dummfleißig oder eher dummfaul sind. Denn wenn wir uns jetzt, wo die dritte Corona-Welle erst noch am Anfang steht, den Mehraufwand zusätzlicher Lockdown-Verschärfungen machen würden, dann könnten wir die Verbreitung des Virus und der Mutanten vielleicht noch einigermaßen ausbremsen, bis wir mit den Impfungen endlich mal aus dem Quark gekommen sind. Vielleicht könnte man dann im April oder Mai wieder mehr aufmachen, als wenn wir jetzt schon planlos irgendwas lockern, um kurzfristig Unannehmlichkeiten zu minimieren, und dann fliegt uns der Scheiß hier spätestens zu Ostern wieder um die Ohren, die letzten Monate waren für die Tonne, die Infektionszahlen steigen wieder exponentiell, die Krankenhäuser sind wieder überlastet, keine Kontrolle mehr, bei dem Chaos laufen die Impfungen auch nicht besser als jetzt und wenn wir nicht gestorben sind, dann sitzen wir 2050 noch im Lockdown und müssen uns mit immer bekloppteren Verschwörungstheorien herumplagen.

Und, wie geht es euch zur Zeit? Seid ihr eher dummfleißig oder eher dummfaul? Oder gehört ihr zu den beneidenswerten Zeitgenossen, die die Kunst der Schlaufaulheit meistern?

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