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Essai 194: Über Machtkämpfe in Kommentarspalten

1. Juni 2020

Vor Corona waren Verschwörungsschwurbler, zum Beispiel Impfgegner, vergleichsweise eine Randerscheinung in den sozialen Medien. Jetzt haben sie Oberwasser und rotzen ihren Blödsinn mit immer mehr Selbstvertrauen und Frechheit in die Kommentarspalten – egal, um welches Thema es ursprünglich ging. Diese Arroganz ohne jede Grundlage ist nervtötend, trotzdem ist es meiner Meinung nach wichtig, diesen gequirlten, unzählige Male in Faktenchecks widerlegten Mumpitz nicht einfach so stehen zu lassen. Wir müssen dem widersprechen. Aber wie?

Da gibt es im Wesentlichen zwei Möglichkeiten: sachlich oder unsachlich. Ich bemühe mich immer um sachlichen Widerspruch. Eine einfache, aber effektive Methode, ist das Nachfragen. Wie kommt der Kommentierende auf die Idee, die er da verbreitet? Woher hat er seine Informationen? Was meint er mit Mainstream-Medien? Was ist seiner Meinung nach das Kernproblem, um das es in dem Post geht? Was will er eigentlich, was ist sein Ziel, was bezweckt er mit seinem Geschreibsel?

Dann bekommt man in der Regel noch ein paar zusätzliche Informationen, die einem erlauben, die Logik des Kommentars zu analysieren und auseinanderzunehmen. In der Folge wird man üblicherweise beleidigt oder zumindest wüst beschimpft, weil dann die Kommentierenden merken, dass man an ihrem Weltbild zu kratzen begonnen hat. Und das mag niemand.

Die überzeugten Verschwörungsschwurbler, die auf sachliche und logische Rückfragen und Kritik aggressiv reagieren, wird man nicht überzeugen können und das sollte auch nicht das Ziel sein. Aber es gibt unzählige stille Mitleser, die sich vielleicht noch keine Meinung zu der ganzen Chose gebildet haben, und wenn die sehen, da ist auf der einen Seite ein extrem aufgebrachter Wüterich, der auf höfliches Nachfragen und konstruktive Kritik ausfallend wird oder sogar völlig ausrastet, und auf der anderen Seite ein ruhig, sachlich und höflich argumentierender, vernünftig wirkender Mensch – dann, so meine Hoffnung, stimmt man eher letzterem zu.

Was ich ärgerlich finde, ist, wenn dann eigentlich vernünftige Menschen ankommen, die eigentlich der gleichen Meinung sind wie ich, aber die davon ausgehen, man müsse Feuer mit Feuer bekämpfen und es den aggressiven Schwurblern mit gleicher Münze heimzahlen. Die gefallen sich selbst in einem arrogant-herablassenden Ton, werden ausfallend, beleidigend und respektlos, höhnen im offensichtlich ironischen Tonfall, wie dumm doch der Schwurbler sei und können es einfach nicht lassen, sich auf seine Kosten erhöhen zu wollen.

Und das verstehe ich nicht. Was soll denn das?

Es ist absolut unnötig, persönlich ausfallend oder respektlos zu werden, wenn man sachlich recht hat. Wenn man überhaupt eine Chance haben will, das schwurbelnde Gegenüber noch zu erreichen, es zum Nachdenken zu bringen, Zweifel an den Verschwörungsideologien zu sähen, auf die es hereingefallen ist – dann MUSS man sachlich und respektvoll bleiben. Denn die Menschen, die auf diesen Budenzauber der Verschwörungsideologen hereinfallen, sind ja nicht zwingend Idioten. Vielleicht sind einige von ihnen naiv oder nicht sehr gebildet, ein paar haben vielleicht psychische Probleme oder ihnen fehlt es an einem Sinn in ihrem Leben oder sie sind auf der Suche nach Spiritualität etc. Selbst wenn einige wirklich klinisch dumme Menschen darunter sind – haben sie es dann verdient, dass man sie deswegen verhöhnt? Ich finde nicht.

Und wie gesagt: Selbst wenn die Betroffenen schon zu tief im Verschwörungssumpf versunken sind, gibt es Mitlesende, die vielleicht noch am Rande des Sumpfes stehen, und überlegen, ob sie dort eintauchen sollen oder nicht. Die hält man doch nicht davon ab, indem man andere Menschen herabsetzt. Im Gegenteil: Man riskiert, dass die Mitlesenden sich eher auf die Seite desjenigen stellen, der gerade bepöbelt und niedergemacht wird.

Meine Vermutung ist, dass eigentlich vernünftige Menschen, die Schwurblern oder Personen mit anderer politischer Einstellung als sie, von oben herab im genau gleichen unsachlichen Arschlochtonfall zu erniedrigen suchen, den diese Schwurbler selbst gern Andersdenkenden zuteil werden lassen, gar nicht darauf aus sind, irgendwen zu überzeugen. Die wollen ihr eigenes Ego plüschen. Es geht ihnen dabei nur um sich und darum, sich als was Besseres zu fühlen. Die brauchen das für ihr Selbstwertgefühl, andere herunterzuputzen. Und darin sind sie nicht anders als die Schwurbler, die sie bepöbeln.

Vor allem gehen bei diesen Machtkämpfen zuverlässig immer die vernünftigen, sachlichen und höflichen Kommentare unter. Die Diskussion verschiebt sich daraufhin vollkommen von der Sachebene weg auf die Ego-Ebene. Beide „Seiten“ plüschen ihre Egos um die Wette und wer als erster aus dem Machtkampf aussteigt, hat verloren. Dann hilft es auch nichts mehr, wenn ich noch dazwischengrätsche und versuche, das Ganze auf die Sachebene zurückzuholen, indem ich etwa frage: „Was wollt ihr eigentlich? Was meint ihr, könnt ihr auf einer Hygiene-Demo ohne Mundschutz und Abstand zum Ausdruck bringen, was ihr nicht auch mit Mundschutz und Abstand oder in einem offenen Brief zum Ausdruck bringen könntet?“

Nein, der Hahnenkampf ist im vollen Gange und beide „Seiten“ kämpfen verbissen darum, im Statuswettkampf das letzte Wort – und sei es noch so unsachlich und am Thema vorbei – zu haben. Das ist überhaupt nicht konstruktiv, höchst ermüdend und nervt. Man möchte am liebsten „Mars Attacks!“ zitieren, wenn der von Jack Nicholson verkörperte amerikanische Präsident fragt: „Why can’t we all just get along?“ – „Warum können wir nicht einfach mal alle miteinander klarkommen?“

Mit dieser Frage entlasse ich meine werte Leserschaft dieses Mal in einen hoffentlich entspannten Abend ohne Egogeplüsche und Statuswettkämpfe. Was meint ihr? Warum können wir nicht einfach alle miteinander klarkommen? Warum müssen ständig irgendwelche Leute ein Säbelrasseln und Schwanzvergleich vom Zaun brechen, anstatt die Sache inhaltlich zu diskutieren? Nervt euch das auch so wie mich oder bin ich empfindlich? Schreibt es mir in die Kommentare, ich bin gespannt. 🙂

Essai 193: Über vorgebliche Gleichgültigkeit als Wichtigtuer-Masche

14. März 2020

Was mich tierisch nervt: vorgespielte Gleichgültigkeit, in dem peinlich offensichtlichen Versuch, sich wichtig zu machen und cool zu wirken. Früher oder später sieht man in jeder Kommentarspalte einen Kasper aufploppen, der unbedingt dem ganzen Internet kundtun muss, wie total egal ihm das Thema ist, um das es in dem kommentierten Post geht.

Schön für dich, Idiot, dann frage ich mich nur, warum nimmst du dir die Zeit, verplemperst Energie, nur um zu schreiben, wie wurscht dir das Thema Frauenrechte, Impfschutz, der letzte Tatort oder sonstwas ist? Warum ignorierst du Posts zu diesem Thema, das dir ach so am Allerwertesten vorbeigeht, nicht einfach und lässt die Leute in Ruhe debattieren, die sich dafür interessieren? Was soll der Quatsch?

Ich habe da natürlich eine Theorie, die möglicherweise ein klitzekleines bisschen küchentischpsychologisch anmutet, aber ich verrate sie euch trotzdem. Leute, die extra Zeit und Energie aufwenden, um alle anderen darüber zu informieren, dass ihnen etwas egal ist, geht es um Selbstdarstellung, Aufplüschung des eigenen Egos und darum, sich wichtiger zu machen, als sie sind.

Vielleicht haben sie das Thema nicht verstanden, weil sie ein wenig doof sind. Vielleicht sind sie auch einfach nicht betroffen und ertragen es nicht, wenn es mal nicht um sie geht. Oder sie bilden sich ein, es ließe sie cool und abgebrüht wirken, wenn sie etwas nicht an sich herankommen lassen. Oder sie sind dem Trugschluss auferlegen, es machte sie in irgendeiner Weise interessant, besonders oder geheimnisvoll, wenn sie sich gleichgültig geben.

So oder so: Es geht dabei immer um sie und ihr eigenes Selbstbild – nicht ums Thema an sich. Und das geht mir auf den Keks, weil das eine sachliche Auseinandersetzung mit dem Thema und einen spannenden Austausch von Argumenten verhindert. Das macht doch überhaupt keinen Spaß und ist langweilig! Wer sich angeblich für nichts interessiert, ist nicht interessant – sondern fürchterlich öde. Das ist auch kein Zeichen von Stärke oder Coolness, wenn man von vorneherein sagt, dass einem ein Thema egal ist. Es ist feige, eitel und faul.

Ich meine damit übrigens nicht, wenn man sich aus einer Debatte heraushält oder keine Stellung zu einem Thema bezieht, weil einem die nötigen Kenntnisse dafür fehlen, für die eine oder andere Position Argumente aufzubringen. Das ist etwas völlig anderes. Denn dann hält man sich einfach raus oder antwortet auf Nachfragen: „Tut mir leid, dazu möchte ich aktuell nichts sagen, da fehlen mir zu viele Informationen über die Hintergründe“ oder etwas in der Art. Das ist ehrlich, sachlich und mutig – denn zuzugeben, dass man über ein Thema nicht gut genug Bescheid weiß, um seinen Senf dazugeben zu können, erfordert Rückgrat.

Aber dieses großkotzige, dummdreist-arrogante „Mir doch egal, es gibt Wichtigeres“ unter Themen, die anderen Menschen wichtig sind, finde ich richtig scheiße. Übrigens mache ich mir ab und zu mal den Spaß, und frage diese Wichtigtuer in den Kommentarspalten einfach direkt, warum sie das denn extra hinschreiben, wie total wumpe ihnen das Thema ist, wenn es ihnen so total wumpe ist? Warum scrollen sie nicht einfach weiter, zucken mit den Achseln, denken sich ihren Teil, und freuen sich ihres Lebens?

Meistens kommt dann im nicht minder dummdreist-arroganten Habitus der Hinweis, das sei eben ihre Meinung und sie dürften ja wohl noch ihre Meinung sagen!!1!!111!!!! Woraufhin ich dann freundlich darauf aufmerksam mache, dass „ist mir egal“ keine Meinung sei, sondern genau das Gegenteil, nämlich das Vermeiden einer Meinung/Stellungnahme/Haltung. Ab da dreht sich die Diskussion in der Regel im Kreis.

Manchmal mischen sich noch andere Leute ein und maßregeln mich, es sei ja wohl völlig in Ordnung, dass Typ XY seine Meinung sage und ob ich damit ein Problem hätte? Nein. Habe ich nicht. Jeder darf seine Meinung schreiben und sagen. Aber er muss dann eben auch damit rechnen, dass Leute darauf antworten. Wenn man keine Antwort haben will, dann behält man seine „Meinung“ für sich oder posaunt die nur im Kreise seiner Filterblasenbuddies heraus, die ohnehin bei jedem Gehirnfurz, den man aus seinem Mund pupsen lässt, lauthals zustimmen und Beifall klatschen.

In der realen Welt oder auch in der virtuellen Welt auf Social Media treffen aber nun mal eben verschiedene Ansichten aufeinander. Und das kann sehr spannend, interessant und bereichernd sein, wenn man sich sachlich miteinander austauscht. Man kann sich auch mal darauf einigen, dass man sich nicht einig ist. Das ist OK. Verschiedene Perspektiven, Lebensumstände, Persönlichkeiten und Hintergründe sorgen nun mal eben dafür, dass verschiedene Dinge uns wichtig sind.

Wenn dann so ein Spielverderber dazwischengrätscht, um großspurig zu verkünden: „Ihr seid alle Vollidioten, dass ihr euch mit dem und dem Thema überhaupt befasst – sehet mich an!!! Mir ist das egal!!! Denn ich!!! bin!!! oberaffensupercool!!! Und ihr! seid! Loser!!!“ – dann nervt das einfach nur.

Von daher, meine Meinung (!) zu Menschen, denen etwas egal ist: Haltet einfach die Fresse! (Mache ich im Übrigen auch, wenn’s zum Beispiel um Autos geht. Dazu sage ich dann einfach nichts.)


Und, wie seht ihr das? Nerven euch solche pseudo-gleichgültigen Großmäuler auch so wie mich? Oder ist euch das egal? 😉 Schreibt es mir in die Kommentare, ich bin gespannt 🙂

Essai 190: Über die Probleme anderer Leute

22. September 2019

In Internet-Diskussionen herrscht das Recht des Stärkeren – wobei mit „Stärke“ nicht Charakterstärke gemeint ist, sondern Lautstärke. Wer am aggressivsten herumpöbelt und am unfairsten kämpft, gewinnt. Das Spannende dabei ist, dass man eine Fülle an Beleidigungen lernt, die man Menschen wie mir angedeihen lassen kann, die sich vom Gepolter der Idioten unbeeindruckt zeigen und einfach weiter stur auf Gerechtigkeit pochen.

„Gutmensch“ ist dabei ja schon ein Klassiker. OK, ich hab den Begriff hier auf meinem Blog im „Essai 63: Über unhöfliche Weltverbesserer und Gutmenschen ohne Manieren“ auch schon abfällig benutzt, obwohl es ja eigentlich etwas Löbliches ist, wenn man ein guter Mensch ist. Ich meinte das allerdings in dem Sinne, dass jemand nur behauptet, er sei ein guter Mensch, sein Verhalten jedoch nicht sonderlich nett oder anständig ist. Also ein Heuchler. Die Pöbler im Internet meinen es wohl auch so, gehen aber anscheinend von vorneherein davon aus, dass alle Menschen, die sich bemühen, keine Arschlöcher zu sein, sich der Heuchlerei schuldig machen.

Ebenfalls sehr beliebt ist die Abkürzung „SJW“, die für „Social Justice Warrior“ steht und auch Menschen zugedacht wird, die Arschlochverhalten anderen gegenüber nicht unwidersprochen dulden wollen. Pöbler finden nämlich, dass es ein Zeichen von Schwäche sei, sich nicht wie ein egoistisches Arschloch zu benehmen respektive ein solches Gebahren zu kritisieren. Und um zu beweisen, dass sie selbst keine Schwächlinge sind, machen sie den als „SJW“ abgestempelten Zeitgenossen dann zusammen fertig. Zumindest versuchen sie es.

So, und nachdem ich so weit ausgeholt habe, komme ich nun auch zum eigentlichen Thema meines Essais: den Problemen anderer Leute. Es ist so, dass vor allem diejenigen als „SJW“ oder Gutmensch bepöbelt werden, die auch dann Mitgefühl mit anderen Menschen zeigen, wenn diese ein Problem haben, das sie selbst nicht von sich kennen. Arschlöcher hingegen brummen einfach „Wenn’s nicht mein Problem ist, ist es kein Problem“ in sich hinein und belehren als Nichtbetroffene dann Betroffene darüber, dass sie gar nicht betroffen sein können und dürfen, weil es schließlich kein Problem gebe.

Besonders häufig fällt mir das in Diskussionen zum Thema Rassismus, Sexismus und anderen Formen der Diskriminierung auf. Ich bin der Meinung, ich kann auch als weiße einsehen, dass es scheiße ist, aus reiner Rechthaberei darauf zu beharren „N****kuss“ statt „Schokokuss“ zu sagen. Zack, schon bin ich ein „SJW“. Ich denke auch, dass ich AKKs Karnevalsfrotzeleien über Menschen, die sich nicht eindeutig dem weiblichen oder männlichen Geschlecht zuordnen können, total daneben finden kann, auch wenn ich selbst eine Cis-Frau bin. Boooaaaaah, was bin ich doch für ein Gutmensch! Ich kann auch den berüchtigten „Danke, dass du nicht Papa bist“-Edeka-Werbespot sexistisch und elterndiskriminierend und überhaupt nicht lustig finden, selbst wenn ich keine Kinder habe. Mannomann, ich habe ja wirklich ü-ber-haupt keinen Sinn für Humor und gehöre wahrscheinlich einfach mal wieder so richtig durch-ge-bumst, damit ich wieder etwas lockerer werde, nicht wahr?

Ganz ehrlich? DAS KOTZT MICH AN!!!!!

Ich bin es leid, dass so viele Menschen offenbar kein Mitgefühl mehr mit ihren Mitmenschen empfinden, wenn diese ein bisschen von der Norm abweichen. Das ist echt nicht einfach, wenn man nicht dem Durchschnitt entspricht, in welchem Bereich auch immer. Man muss sich viel häufiger für das rechtfertigen oder erklären, was man ist, man wird oft miss- oder gar nicht verstanden, man wird immer wieder von Arschlöchern gepiesackt und die erwarten auch noch Dankbarkeit dafür … das ist ätzend. Gut, wenn es einem gelingt, damit zurecht zu kommen und sich dagegen zu wehren, dann macht es einen innerlich stärker und man lernt sich im Laufe des Lebens immer besser kennen. Aber das kostet SO VIEL KRAFT und manchmal möchte man doch auch einfach nur dazugehören.

Ich kann einfach nicht verstehen, warum es so vielen Menschen anscheinend schwerfällt, das zu begreifen und einfach mal nett zu Leuten zu sein, ob sie einem selbst nun ähneln oder ein bisschen anders sind. Das hat man sich ja schließlich nicht ausgesucht, von der Norm abzuweichen. Ich hab mir zum Beispiel ganz bestimmt nicht ausgesucht, sensibler und klüger als der Durchschnitt zu sein. Ja, klingt arrogant, weiß ich auch … aber ist halt so.

Soll ich mich jetzt jedem Arschloch gegenüber dümmer und plumper geben, als ich bin, damit sein fragiles Selbstwertgefühl, das nur darauf beruht, Probleme anderer Leute als nichtexistent abzuwatschen und sich mit anderen Arschlöchern zusammenzurotten, keine Kratzer im Lack bekommt? Das sehe ich nun überhaupt nicht ein. Trotzdem ist mir klar, dass es sich bestimmt leichter lebt, wenn man weniger Mitgefühl mit anderen hat und einem die Dummdreistigkeit von Arschlöchern nicht weiter auffällt, weil man zu ihnen dazugehört. Aber so bin ich nun mal nicht.

Ich will nicht sagen, dass jeder normale Durchschnittsmensch ein Arschloch ist. Bitte versteht mich da nicht falsch. Aber normale Durchschnittsmenschen, die die Probleme nichtdurchschnittlicher Menschen als nichtexistent verurteilen, obwohl sie gar nicht wissen, wie das ist, in deren Haut zu stecken … das sind Arschlöcher. Und die werden von mir auch in Zukunft mit meiner geballten Klugscheißer-Power aufs Höflichste darauf aufmerksam gemacht, dass sie sich schlecht benehmen. Es kommt nämlich niemand als Arschloch auf die Welt, sondern das ist eine Frage des Verhaltens – und das kann man ändern.


Und, mischt ihr euch manchmal in Diskussionen um Probleme ein, die euch streng genommen nicht selbst betreffen, weil euch das unfaire Verhalten der Pöbelarschlöcher auf den Zeiger geht? Wurdet ihr deswegen schon mal als „SJW“ oder „Gutmensch“ verhöhnt? Schreibt es mir in die Kommentare, ich bin gespannt 🙂

Essai 189: Über Stimmungsvergifter und Scheißlaune-Junkies

24. August 2019

Manche Menschen sind nur glücklich, wenn sie unglücklich sind. Sie inszenieren ihr eingebildetes Leid wie eine griechische Tragödie und geben keine Ruhe, bis sie alle mit ihrer miserablen Laune angesteckt haben. Es scheint ganz so, als bereite ihnen nichts auf der Welt größeres Vergnügen, als anderen die Freude und den Spaß zu verderben, die Stimmung zu vergiften und schöne Dinge zu ruinieren.

Was das soll, verstehe ich ehrlich gesagt nicht so ganz. Aber müsste ich jetzt küchentischpsychologisch ins Blaue hineinspekulieren, würde ich raten, dass es den notorischen Stimmungsvergiftern um Macht und Dominanz geht, und dass es irgendwie ihr Belohnungszentrum im Gehirn aktiviert, fröhlichen Menschen das Lächeln aus dem Gesicht zu schmettern. Ich nehme an, dass vermehrt Dopamin oder Adrenalin ausgeschüttet wird, wenn es ihnen gelingt, die Atmosphäre nach ihrem Gutdünken zu beeinflussen.

Zumindest habe ich so eine ähnliche Erklärung einmal in Bezug auf mobbende Hunde gelesen. Das ist nämlich hochinteressant, es gibt auch unter Tieren Mobbing. Hunde, die gern ihre Artgenossen mobben, verspüren einen unwiderstehlichen Belohnungseffekt, wenn sie andere unterbuttern. Und das macht quasi süchtig. Es ist möglich, ihnen das wieder abzuerziehen, aber einfach ist es nicht.

Der Unterschied zu Menschen, die gern andere ärgern, ist, dass man Hunde auch als Erwachsene noch erziehen kann. Aber habt ihr mal versucht, einen ausgewachsenen Menschen noch umzuerziehen? Kannste knicken. Klar, man kann immer noch was lernen, aber dafür muss man auch was lernen wollen. Und warum sollte so ein Arschloch lernen wollen, nett zu anderen zu sein und nicht dauernd den Spielverderber zu geben, wenn es sich für es so gut anfühlt, allen anderen seine beschissene Laune aufzuzwingen?

Außerdem ist es anstrengend, sich ein im Verlauf seines ganzen Lebens angeeignetes, für einen selbst bewährtes Verhaltensmuster abzugewöhnen und ein neues Verhalten zu lernen, von dem man gar nicht weiß, ob es sich genauso gut anfühlt. Diese Mühe wird sich wohl kaum jemand geben wollen, dem die Gefühle anderer grundsätzlich so scheißegal sind, dass er aus reinem Spaß an der Freude, die Stimmung zu verderben, dauernd auf den Gefühlen anderer herumtrampelt und wie ein Gockel auf den Ruinen der guten Laune auf- und abspaziert und sich dabei richtig geil findet.

Mich persönlich machen solche Leute stinksauer. Ich finde, sie sind faul und feige und machen es sich auf Kosten aller anderen verdammt leicht. Anstatt selbst etwas Schönes, Nettes zu erschaffen, machen sie das Schöne, Nette kaputt, das andere erschaffen haben. Das ist widerlich. Und dann schaffen sie es aber trotzdem, sich als Sieger zu fühlen und sich einzubilden, sie wären stark. Dabei sind sie schwach und kleingeistig und ein erbärmliches Nichts, sobald sie alleine sind. Sie brauchen es wie eine Droge, andere unterzubuttern. Wie armselig ist das?

So. Das musste mal raus.

Nun ist aber die Frage, wie geht man mit diesen Stimmungsvergiftern und Scheißlaune-Junkies um? Ändern kann man sie nicht wirklich. Zu ertragen sind sie eigentlich auch nicht, zumindest nicht für längere Zeit. Sie machen einen kaputt und genießen das.

Meiner Erfahrung nach, hilft nichts besser als Abstand und eine gewisse innerliche, unerschütterliche Heiterkeit, wenn man ihnen doch mal begegnet. Und man sollte sich mit den anderen Opfern des Scheißlaune-Junkies zusammenschließen – dann gelingt es ihm nicht so leicht, die Stimmung zu vermiesen. Ändern wird er sich dadurch wahrscheinlich nicht, aber immerhin kann man ihn so ein wenig ärgern.

Ein paar wohldosierte, mild-spöttische Bemerkungen sind ebenfalls eine gute Strategie, um dem Stimmungsvergifter ein wenig Wind aus den Segeln zu nehmen. Da ist aber Fingerspitzengefühl gefragt und man sollte sich sicher sein, dass die anderen Opfer hinter einem stehen. Sonst reagiert der Scheißlaune-Junkie aggressiv und wird zum Wüterich. Und dann wird’s unschön.

Ich sag dann zum Beispiel als Antwort auf irgendein Gemotze des Stimmungsvergifters, an die Zielscheibe des Gemotzes gewendet: „Tja, wie man’s macht, man macht’s verkehrt, ne?“ und ignoriere den Scheißlaune-Junkie gut gelaunt.

Oder, wenn mir ein solcher Zeitgenosse von seinen Luxusproblemen vorjammert und beleidigt reagiert, wenn ich darauf eingehe und zu einem Lösungsvorschlag ansetze, breche ich meinen konstruktiven Gesprächsbeitrag ab und sage: „OK, mach wie du denkst.“ Ganz wichtig: Freundlich bleiben, lächeln, nicht (offensichtlich) herablassend werden. Und dann elegant das Thema wechseln oder sich mit anderen Leuten unterhalten, die Interessantes zu erzählen haben.


Und, kennt ihr auch solche Leute, die ständig allen anderen die Stimmung vermiesen müssen? Wie geht ihr damit um? Schreibt es mir in die Kommentare 🙂

Essai 181: Über Weihnachten und wie man es für alle ruiniert

26. Dezember 2017

Weihnachten – das Fest der Liebe, des Friedens und der Freude. Zumindest für die meisten von uns und auch für mich. Normalerweise verlaufen unsere Weihnachtsfeste sehr harmonisch und wir verstehen uns in der Familie gut, jeder gibt sich Mühe, es sich miteinander möglichst schön und gemütlich zu machen.

Sagte ich „jeder“? Nun, das stimmt nicht ganz. Eine bestimmte Person in der Verwandtschaft kann irgendwie nicht anders, als Weihnachten für alle zu ruinieren. Für all diejenigen dort draußen, die es ihr gleichmachen wollen, gibt es hier jetzt ein paar Tipps.

1. Lade dich ungefragt bei Leuten ein, die du eigentlich nicht ausstehen kannst

Besagte Person kann Menschen im Allgemeinen und ihre große Schwester (meine Mutter) sowie ihre Nichten (meine Schwester und mich) im Besonderen eigentlich gar nicht leiden. Mein Vater betüddelt und tröstet sie immer, wenn sie mal wieder irgendeinen Pups quer sitzen hat, und meine Mutter geht bis an die Grenzen ihrer Kräfte, um Madame glücklich zu machen. Vielleicht kommt sie deswegen dann doch gern zu uns, um sich Bestätigung abzuholen oder keine Ahnung was.

Jedenfalls, sonst lädt sie sich nur für ein paar Tage über Silvester ein. Dann muss man sie nicht so lange ertragen und für die kurze Zeit kann man sich dann mit ein paar Mal tief durchatmen und sich mantraartig in Gedanken vorsagen „heute ist ein wunderbarer Tag“ soweit beruhigen, dass man keinen Wutanfall bekommt und sich um seinen Blutdruck sorgen muss. Und vor allem versaut sie einem dann nicht Weihnachten.

Dieses Jahr hat sie sich aus unerfindlichen Gründen dazu entschlossen, uns 10 (!) Tage mit ihrer Anwesenheit zu beglücken, also einen Tag vor Heiligabend bis einen Tag nach Neujahr. Wir hatten alle gedacht, dass sie vielleicht gerade eine Hochphase hat und mit ihrem Leben gerade nicht komplett unzufrieden ist, sodass ihr langer Aufenthalt nicht allzu schlimm wird. Na ja, aber wenn das ihre Hochphase ist, … Auweia.

2. Vergifte die Atmosphäre mit deiner Scheißlaune

Mein Freund und ich waren nur Heiligabend und den ersten Weihnachtstag vormittags da. Ich dachte, die kurze Zeit würde es schon gehen. Und schließlich hätte sie sich ja nicht für 10 Tage bei meinen Eltern eingeladen, wenn sie unerträglich gelaunt wäre, oder? Mein Optimismus verpuffte dann jedoch, sobald wir das Wohnzimmer betraten. Da saß sie dann zusammengesunken, mit hängenden Schultern und Mundwinkeln und strahlte ihren ganzen Missmut, ihre Bitterkeit und Menschenhass in die Gegend aus.

Gut, ich versuche dann immer, mich davon nicht zu sehr herunterziehen zu lassen, wenn andere eine Scheißlaune haben. Aber das schaffe ich nur mit Mühe und es zehrt an meinen Nerven. Ich probiere dann, mir zu sagen, dass das nicht persönlich gegen einen von uns gerichtet ist, sondern dass sie alle gleichermaßen wie Dreck behandelt.

Das ist so eine Art umgeleitete, passive Aggression. Sie ist unglücklich, gleichzeitig aber auch unfähig, ihren eigenen Anteil daran zu sehen, sondern sie ist überzeugt, dass alle anderen daran Schuld sind – und dafür büßen müssen. Für direkte Aggression ist sie aber zu faul und zu feige, deswegen wählt sie die passive Variante: Sticheln, Schmollen, emotionale Erpressung, andere zur Weißglut treiben, die ganze Palette.

Es funktioniert im Übrigen ganz hervorragend. Man hat tatsächlich ein quälend schlechtes Gewissen, dass man dieses arme Geschöpf, dem das Leben so übel mitgespielt hat, das überhaupt gar nichts dafür kann, dass es allein ist, dann auch noch so fies behandelt. Und dann macht man natürlich alles, was sie von einem verlangt oder unausgesprochen erwartet, in der (vergeblichen) Hoffnung, ihr doch ein kleines bisschen Glücksgefühl zu verschaffen. Spoiler: Das wiederum funktioniert nicht.

3. Gehe Leuten auf die Nerven, die gerade etwas spielen

Zum Glück begab sie sich dann in den Mittagsschlaf, nachdem sie übellaunig unsere freundliche Begrüßung über sich hatte ergehen lassen. Und – doppeltes Glück – der Mittagsschlaf dauerte fast 3 Stunden. Genug Zeit also, um sich mal in Ruhe mit den anderen Familienmitgliedern zu unterhalten, ohne dass sie beleidigt dazwischenquakt, weil es mal kurz nicht um sie geht. Und dann blieb sogar noch Zeit, „Siedler von Catan“ zu spielen.

Mitten in der zweiten Runde, es war gerade ziemlich spannend, weil meine Schwester soeben meinem Freund die Bonuspunkte für die längste Handelsstraße abgeluchst hatte, kam sie dann wieder herunter. Erst hegte ich die zarte Hoffnung, ihre Laune habe sich durch den Mittagsschlaf verbessert. Vergebens. Wobei – ein kleines bisschen weniger wehleidig war sie dann doch, dafür aber nicht minder garstig.

Jedenfalls sah sie uns alle da sitzen und friedlich miteinander spielen, da tigerte sie um den Tisch herum und gab unausgesprochen, aber unmissverständlich, zum Ausdruck, dass sie sich langweilte. Dann lief sie auch hinter uns auf und ab und atmete uns ihre Missbilligung darüber in den Nacken, dass wir es wagten, ohne sie Spaß zu haben. Weil uns das aber noch nicht vom Spielen abhielt, plärrte sie dann dazwischen: „Wann essen wir?“ oder „Was ist das denn für ein Spiel?“ oder „Braucht ihr noch lange?“

Aber auch das ertrugen wir alle mit der Geduld eines Zen-Meisters.

4. Ignoriere beim Essen sämtliche Tischmanieren

Schließlich gaben wir nach (wie immer) und unterbrachen unsere Partie, um zu essen. Meine Mutter hatte für meine Schwester und mich extra ein bisschen Soße ohne Pilze beiseite gepackt, weil wir die nicht so gern mögen. Meine Tante ignorierte den Hinweis „So, hier ist die Soße für euch beide“ und goss sich einfach mal die Hälfte davon auf ihren ansonsten leeren Teller. Unnötig hinzuzufügen, dass noch längst nicht alle am Tisch saßen.

Dann wollte ich mir gerade Kartoffeln nehmen, da verlangte sie selbige. Ich als artige Nichte, die keinen Streit will, gab ihr die Kartoffeln, wovon sie sich dann auch großzügig in ihre Soßenpfütze schaufelte. Als die Kartoffelschüssel einmal um den Tisch herum war, habe ich dann doch noch welche abbekommen, also alles gut, aber trotzdem. Man kann doch echt mal ein wenig höflich sein und fünf Minuten warten, bis man dran ist, anstatt gleich alles an sich zu reißen.

Als ihr Teller voll war, schlang sie alles laut schmatzend in sich hinein und kümmerte sich auch überhaupt nicht darum, sich fürs Kochen bei meiner Mama zu bedanken oder zu warten, bis alle was hatten oder sonst irgendwas, was sich an Tischmanieren eigentlich so gehört. Aber das reichte ihr anscheinend noch nicht.

5. Stelle indiskrete Fragen ohne jeden Grund

Also funkelte sie mich abschätzend an und fragte aus heiterem Himmel, ob mein Freund und ich schon ein Baby hätten. Dies verneinte ich, leicht irritiert über die Dämlichkeit dieser Frage, schließlich hätten wir ein vorhandenes Baby ja wohl mitgebracht. Sie ließ aber nicht locker. Nach meinem lapidaren „Nö“ musterte sie uns beide und fragte, wie alt wir denn seien. Ich: „35.“ Daraufhin sagte sie dann im gespielt vertraulichen Ton: „Ja, dann müsst ihr langsam mal ein Baby machen!“ – Fürs Protokoll: Sie hat keins.

Keine Ahnung, warum sie dieses Thema plötzlich anschnitt, das hat sie vorher nie gemacht. Vermutlich wollte sie gucken, wie sie mir eins reinwürgen kann, und meine biologische Uhr schien ihr ein geeignetes Thema. Da hat sie aber von sich auf andere geschlossen, denn ihr mag das Älterwerden was ausmachen, ich finde das eher spannend.

6. Sabotiere liebgewonnene Weihnachtstraditionen

Schließlich ging es an die Bescherung. Wir machen das in unserer Familie traditionell immer so, dass die jüngere Generation (also meine Schwester und ich inklusive Anhang) abwechselnd aufsteht, ein Geschenk auswählt und in die Runde fragt, für wen das ist. Dann lässt man den Beschenkten in Ruhe auspacken, unterhält sich danach noch kurz über das Geschenk, dann erst wird das nächste geholt.

Meiner Tante ging das nicht schnell genug. Ohne ein Wort zu sagen, wühlte sie sich durch den Geschenkeberg und knallte jedes Geschenk der entsprechenden Person – ohne diese eines Blickes zu würdigen – auf den Schoß. Dabei murmelte sie „Anonym“ vor sich hin, wenn ein Geschenk ohne Namen (den sie erkennen konnte) auftauchte. Das waren dann meine Geschenke, die ich nur dezent mit Namen versehen hatte, bzw. gar nicht, weil ich ja wusste, für wen die sind.

So entstand eine Unruhe, Hektik und Stress. Man konnte sich überhaupt nicht richtig anschauen, was man selbst und was die anderen bekommen hatten, weil man gleich schon das nächste Päckchen vor den Latz gepfeffert bekam. Man konnte sich auch überhaupt nicht über die Geschenke austauschen, sich darüber freuen und sich bedanken. Das ist meiner Meinung nach nicht Sinn der Sache.

7. Öffne anderer Leute Geschenke ohne zu fragen

Zu diesem Zeitpunkt schnaufte ich innerlich bereits wie ein Walross vor Zorn und musste mich mit aller Kraft zusammenreißen, um sie nicht an die Wand zu klatschen. Aber im Gegensatz zu anderen Leuten sind meine Frustrationstoleranz und Impulskontrolle recht gut ausgeprägt. Außerdem wollte ich es meiner Mutter nicht noch schwerer machen, als es ohnehin schon war, indem ich ihre Schwester vor versammelter Mannschaft zusammenfalte.

Dann fing sie aber an, ein „anonymes“ Geschenk nach dem anderen aufzureißen und mir („Da nimm“) in die Hand zu drücken – und dann reichte es mir.

8. Jemand reagiert verärgert auf dein Arschlochverhalten? Fang an zu flennen

Ich schoss vom Sofa empor, stürmte nach vorne und nahm ihr die „anonymen“ Geschenke aus der Hand. Sie guckte mich tief verletzt ob meiner Grobheit an wie ein getretener Hund und maulte: „Muss man halt mal die Namen draufschreiben“. Ich schnauzte: „Ich HABE die Namen draufgeschrieben. So. Das ist noch für Mama, das ist für Papa und jetzt ist gut.“ (Allerdings muss ich hinzufügen, dass mein „Schnauztonfall“ immer noch ziemlich freundlich klingt. Man erkennt nur, dass ich innerlich bis zum Anschlag gereizt bin, wenn man mich genau kennt und mein Verhalten im sonstigen Kontext betrachtet. Ansonsten klingt es einfach nur resolut.)

Dann packten wir – die Stimmung war hoffnungslos im Keller, aber dennoch versuchten wir, das Beste draus zu machen – die letzten Geschenke aus, unterhielten uns noch ein wenig – da fing sie plötzlich an zu schluchzen. Heulte sich die Seele aus dem Leib, sagte aber nicht, was denn verdammt noch mal jetzt schon wieder falsch war meine Fresse. Stand dann wortlos auf und ging in ihr Zimmer. Stampfte dort noch ein wenig hin und her. Knallte die Badezimmertür zu. Stampfte zurück in ihr Zimmer und legte sich dann (endlich!) schlafen.


So, wenn man sich an diese Vorgehensweise hält, kann man sicher sein, dass man allen anderen die Stimmung vermiest und es der Familie an Weihnachten zumindest vorübergehend genauso scheiße geht, wie man sich selber fühlt. Und das Beste ist: Man selbst ist nicht Schuld. Man kann überhaupt nichts dafür. Schließlich sind es ja die anderen, die einen dazu genötigt haben, sich wie ein asoziales Riesenarschloch zu benehmen, weil … darum. Die anderen sind halt immer gemein und so. Und dann pflaumen sie einen auch noch an, obwohl man gar nichts gemacht hat. Und bemitleiden einen noch nicht einmal, wenn man strategisch losflennt.

Grummel. Ich weiß auch ehrlich gesagt nicht, wie man solche Szenarien künftig verhindern könnte. Man müsste halt selbst zu unlauteren Mitteln greifen und meine Tante anlügen, dass Weihnachten bei uns keiner zu Hause ist. Problem: Wir sind in unserer Familie alle miserable Lügner. Oder man faltet sie mal so richtig zusammen (nicht so ein Mini-Wutausbrüchlein wie bei mir) und haut ihr einfach ihr ganzes Scheißbenehmen ehrlich um die Ohren. Dann ist sie vielleicht so nachhaltig beleidigt, dass sie sich im Folgejahr nicht wieder selbst einlädt.

Und, was sind so eure Katastrophengeschichten von Weihnachten?

Essai 178: Über Berufsbeleidigte Leberwürste

9. September 2017

Manche Menschen haben das Beleidigtsein zu einer Kunstform erhoben und beherrschen diese auf virtuose Weise. Das ist wirklich faszinierend. Und raffiniert, denn mit professionellem Beleidigtsein kann man andere Menschen hervorragend manipulieren.

Die Politiker von der AfD zum Beispiel haben das Prinzip begriffen: Wenn jemand mit kritischen Fragen oder guten Argumenten kommt, einfach schmollen und pikiert tun. Die Leute, die die AfD sowieso scheiße finden, denken dann: „Ach, die schon wieder, Mimimi, Idioten“ und ziehen gar nicht in Betracht, dass diese Partei eine ernsthafte Bedrohung für irgendwas darstellen könnte. Und wer die AfD gut findet, denkt: „Richtig so! Wir lassen uns von dieser Lügenpresse nicht den Mund verbieten! Das wurde auch Zeit, dass sich mal wieder jemand für unser Deutschland stark macht und da konsequent bleibt!“

Derweil kann die AfD dann fröhlich an ihrer menschenfeindlichen Ideologie weiterfeilen, ohne dass sie irgendjemand dabei stört. Das professionell beleidigte Leberwursttum hat bei denen schon System. Erst tun sie empört, weil man sie angeblich nie in Talkshows einlädt. Dann lädt man sie in Talkshows ein. Sie wettern über illegale Einwanderung, als ob das das einzige oder zumindest größte Problem wäre, weshalb in Deutschland keine soziale Gerechtigkeit herrscht, zählen bis drei … und wenn dann ein Talkshowgast erwartungsgemäß das Stichwort „rechtsextrem“ in den Raum wirft, verlassen sie selbigen. Dabei murmeln sie noch hochempört weiter was von „Einwanderung“ und „muss-ich-mir-nicht-bieten-lassen“ und freuen sich schon darauf, ihre vorbereitete Pressemeldung auf Facebook zu posten.

Zackbumm, Ziel erreicht: Die AfD-Gegner amüsieren sich darüber, wie doof die doch sind, dass die immer gleich beleidigt tun. Die AfD-Sympathisanten fühlen sich in ihrer Rolle als Opfer der bösen Medien und naiven Bahnhofsklatscher/linksrotgrünversifften Gutmenschen/Merkel bestätigt.

Das funktioniert aber nicht nur in der Politik, mit berufsbeleidigtem Lebergewurste die Menschen in seinem Umfeld so zu manipulieren, dass sie nach der eigenen Pfeife tanzen. Auch privat ist das eine sehr effektive Strategie, um sich selbst für nichts anstrengen zu müssen, und trotzdem alles zu bekommen, was man will.

Klar, es gibt immer ein paar Leute, die gegen diese meisterhafte emotionale Erpressungstaktik immun sind, die Profi-Mimosen einfach vor sich hin schmollen lassen, und sich weiter ihrem Kram widmen. Aber es gibt auch immer Leute wie mich, die möchten, dass alle glücklich sind, die es nicht ertragen, wenn jemand traurig oder verletzt erscheint, und die sich nach Kräften bemühen, für Harmonie zu sorgen.

Und berufsbeleidigte Leberwürste spüren intuitiv, mit wem sie ihre Spielchen erfolgreich betreiben können, und mit wem nicht. Die beinharten Knochen, an denen sie sich die Zähne ausbeißen würden, ignorieren sie einfach. Dafür konzentrieren sie ihre geballte Energie auf die Harmoniebedürftigen, um gezielt ihre Drama-Queen-Auftritte zu inszenieren.

Das Pfiffige an diesem systematischen Dauerbeleidigtsein ist, dass man sich damit als Märtyrer stilisieren kann, dem immer von allen übel mitgespielt wird. Das gibt einem natürlich das Recht, anderen Leuten Vorwürfe zu machen (ist ja egal, ob die auch stimmen). Und das Tolle ist: Wenn man selbst anderen Vorwürfe macht, ist es ja vollkommen ausgeschlossen, dass man selbst das Vorgeworfene ebenfalls tut. Die AfD ist auch darin ein Meister. Sie werfen allen anderen Lügen vor, da kommt keiner (von ihren Anhängern) auf die Idee, dass sie selber Scheiß erzählen.

Anstrengend ist das. Wenn irgendwer einen guten Tipp hat, wie man sich vor diesen Manipulationen schützen kann, immer her damit!

Essai 177: Über die angemessene Reaktion auf nicht lustige Witze

12. August 2017

Alles in allem betrachtet, bin ich leider völlig humorlos. Das ist überhaupt nicht lustig, weil es echt Nerven kostet, die vielen schlechten Witze und lästigen Verarschungsversuche meiner Mitmenschen zu ertragen, wenn mir dafür einfach komplett das Humorverständnis fehlt.

Wenn ich zum Beispiel in einem Gruppenchat eine klare Frage stelle, auf die ich eine klare Antwort mit einer bestimmten Information erhalten möchte, dann stellt es meine Geduld wirklich auf eine extrem harte Probe, wenn irgendwelche Scherzbolde dazwischenhupen. Dann geht meine – völlig unmissverständlich formulierte, einfach zu beantwortende – Frage unter den Frotzeleien unter.

Das führt dazu, dass ich meine Frage noch mal wiederholen muss, und ich hasse es, wenn ich mich wiederholen muss, obwohl es an meiner ursprünglichen Frage oder Aussage nicht viel misszuverstehen gab. Es sei denn natürlich, man greift sich ein Mini-Detail heraus und spitzfindet und haarspaltet was das Zeug hält, um witzig zu sein und den ganzen Laden aufzuhalten.

Nun will ich aber trotzdem nicht gemein sein, wenn jemand mich mit seinem Herumgewitzel nervt, und das stellt mich vor ein echtes moralisches Dilemma. Was ist denn bloß die sozial angemessene Reaktion auf Witze, die man überhaupt nicht lustig findet? Es ist ja nicht so, dass ich die Absicht witzig zu sein nicht bemerke. Das schon. Wenn jemand ironisch, sarkastisch oder spöttisch ist, aus Spaß irgendwas Dummes oder Selbstverständliches sagt, dann bin ich intellektuell durchaus in der Lage, es als „Witz“ zu identifizieren.

Aber genausowenig wie „gut gemeint“ das Gleiche wie „gut“ ist, ist „witzig gemeint“ immer das Gleiche wie „witzig“. Und manchen Leuten scheint das Feingefühl zu fehlen, um intuitiv zu spüren, wann ein Witz gerade angebracht ist, und wann er einfach nur allen anderen auf den Wecker fällt. Andere spüren das schon, sind aber von der Sorte „Lieber einen Freund verlieren, als eine Pointe zu verpassen und apropos, meinen Humor kann man bequem unter der Tür durchschieben. Höhöhö.“ und die sind nicht in der Lage, einfach mal die Fresse zu halten, wenn sich eine Gelegenheit bietet, sich mit einem blöden Spruch wichtig zu machen und vor allen aufzuplustern. Anstrengend.

Echt mal, das Leben an sich und zwischenmenschliche Kommunikation sind doch so schon kompliziert genug. Da muss man doch nicht noch mit unnützen Scherzen die Aufmerksamkeit auf sich ziehen, obwohl man zur Klärung des Sachverhalts überhaupt nichts Konstruktives beizutragen hat. Kann man nicht einfach nach dem Motto handeln: „Wenn du nichts Interessantes oder Sinnvolles zu sagen hast, dann sei still.“ Ist das wirklich so schwer? Man kann dann doch seine Energie und Spucke dafür aufbewahren, einen guten, lustigen Witz zu reißen, wenn es vom Kontext her passt.

Das Problem ist: Ich habe nicht nur keinerlei Sinn für Humor, ich lege auch noch großen Wert auf Höflichkeit, freundlichen Umgang miteinander und Harmonie. Ich will ja gern Toleranz für Anderswitzige aufbringen. Aber das kostet mich wirklich einiges an Selbstbeherrschung. Und das zehrt mit der Zeit an meinen inneren Energie- und Geduldreserven, die mir dann an anderer Stelle fehlen.

Allerdings muss man wohl damit leben, dass es immer wieder irgendeinen Kasper gibt, der allen unter die Nase reiben muss, was für einen riesengroßen Clown er gefrühstückt hat. Irgendeine sozial angemessene Reaktionsstrategie bräuchte ich also doch, die möglichst wenig nervlichen Aufwand kostet.

Ist es zum Beispiel OK, wenn ich die Frotzeleien einfach ignoriere und stur meine Frage wiederhole? Oder ist es sehr unhöflich, wenn ich den Scherzcharakter der lustig gemeinten Sprüche nicht mit Aufmerksamkeit würdige?

Oder darf ich mit Ehrlichkeit reagieren und die Witzbolde mit einem „Alter, wenn du nichts zu sagen hast, dann halt die Klappe und lass die Erwachsenen ihren Kram in Ruhe regeln!“ in ihre Schranken weisen? Das kann man doch eigentlich nicht machen, oder? Schließlich war das ja nicht böse gemeint und die wollen bloß spielen. Außerdem will ich halt auch nicht wie ein Arschloch dastehen.

Ich tendiere daher zu der Strategie, das Herumgewitzel zu ignorieren. Was ist eure Meinung dazu?

Essai 176: Über Eitelkeit

23. Juli 2017

Ich habe da so eine Theorie, und die lautet: Jeder ist eitel. Ich zum Beispiel bilde mir unheimlich viel auf meine vermeintliche Uneitelkeit ein. Aber wenn ich ehrlich bin, ist das Quatsch. Zwar bin ich nicht so eitel, was mein Aussehen angeht, insofern ich mich nicht schminke, hohe Absätze meide und am liebsten in Jeans und bequemem Oberteil herumlaufe. Ich habe auch keine Lust, mir den Umstand zu machen, Kontaktlinsen zu tragen. Und dass die weißen Haare auf meinem Kopf allmählich immer mehr werden, stört mich auch nicht. Das finde ich eher spannend. In zehn Jahren sind die Haare vielleicht ganz grau und dann sehe ich endlich mal seriös aus.

Da sind wir dann auch schon bei meiner Eitelkeit angelangt. Ich denke nämlich, dass Eitelkeit sich nicht nur aufs Aussehen beschränkt, sondern generell aufs eigene Selbstbild. Und da hat jeder seine Empfindlichkeiten, wunden Punkte. Eigenschaften, die man gern hätte, wo man sich vielleicht auch halbwegs einreden kann, dass man sie besitzt, aber tief in seinem Inneren weiß man, dass das vielleicht so nicht stimmt. Bei mir ist das – manchmal – dass ich gern ernst genommen werden würde. Ich bin also zugegebenermaßen ziemlich eitel, was meine geistigen Fähigkeiten angeht.

Nennt mich jemand hässlich und unattraktiv und gibt zu bedenken, dass er nicht gewillt wäre, mit mir zu schlafen, selbst wenn sich die Gelegenheit dazu böte, lässt mich das kalt. Das ist nicht die innere Baustelle, auf der meine Komplexe herumliegen. Ich finde, ich sehe ganz OK aus. Solange niemand vor meinem Anblick angewidert und schreiend davonläuft, bin ich zufrieden. Und bisher ist das noch nicht vorgekommen, also sind meine optischen Attribute wohl einigermaßen erträglich.

Aber behandelt mich jemand herablassend, tut so, als hätte ich keine Ahnung von gar nichts, wäre saudumm und hätte nichts auf dem Kasten, merke ich, wie das an meiner Eitelkeit rührt. Ernsthaft, das kann ich nicht ab! Und damit meine ich jetzt nicht so Standard-Beleidigungen wie „Dumme Kuh“ oder „Blöde Gans“, sondern eher so eine Art oder Grundhaltung, die ganz selbstverständlich davon ausgeht, dass ich nichts alleine auf die Kette kriege.

Das ist nicht unbedingt Absicht von den Leuten, es kann auch sein, dass sie mir gut gemeinte Anti-Komplimente machen („Du bist doch sooo hübsch, du kannst sooo stolz auf dich sein!“) oder mir ungefragt helfen wollen, bevor ich die Zeit hatte, selbst das Problem zu analysieren und gegebenenfalls selbst eine Lösung zu finden – und wenn nicht, um Hilfe zu bitten. Da bin ich superempfindlich. Vor allem macht mich dann sauer, dass die das ja gut mit mir meinen und ich dankbar sein muss, und sie nicht einfach anfauchen kann, dass ich mein Aussehen betreffend gar keine Komplexe habe, dass ich durchaus stolz auf mich bin, wenn es dazu einen Grund gibt, und dass ich verdammtnochmal schon Bescheid sage, wenn ich Hilfe brauche!

Allerdings ist es jetzt auch nicht so, dass ich wie ein schlecht erzogener Terrier gleich auf 180 bin, sobald jemand mich wie einen Trottel behandelt. Das wäre auch nicht gut für meinen Blutdruck, da hätte ich schon längst einen Herzinfarkt bekommen. Es sind halt jedes Mal kleine Piekser, und die meisten kann ich mit Humor und Selbstironie wegstecken. Nur manchmal wird es mir halt zu viel.

Apropos Humor: Das ist auch so eine Eitelkeit von mir. Ich finde mich meistens ziemlich witzig, aber wenn auf einen Scherz meiner Wenigkeit nur Schweigen und Verständnislosigkeit folgen, zerschmettert das mein Selbstvertrauen in Millionen Scherben. Ebenso, wenn man mir zu verstehen gibt, dass meine Geschichten und mein Geplauder nicht ansatzweise interessant sind. „Jahaaa, das hast du schon tausendmal erzählt!“ – Krawumms, nimm das, Selbstwertgefühl! Hallo, Minderwertigkeitskomplexe und Selbsthass!

OK, das war jetzt etwas überdramatisch. Trotzdem bin ich ziemlich geknickt, wenn man mich entweder wie einen Dummdödel oder einen nervigen Langweiler behandelt.

Aber genug von mir, man könnte sonst noch denken, ich wäre eitel, Höhöhö.

Bei manchen Leuten habe ich den Eindruck, sie übertreiben es mit der Eitelkeit. Ich denke, mein Ausmaß an Eitelkeit bewegt sich noch im normalen Rahmen. Zumindest bin ich nicht sooo empfindlich, dass ich quasi dauerbeleidigt bin und nur auf vermeintliche Demütigungen warte, um der ganzen Welt Schuld daran zu geben, dass mein Selbstwertgefühl nicht unerschütterlich ist. Sobald man jede Gelegenheit, die sich bietet oder auch nicht, dazu nutzt, eingeschnappt zu sein, und dafür zu sorgen, dass sich alles nur noch um einen selbst dreht, ist es zu viel der Eitelkeit.

Ich denke, diese Menschen definieren ihr Selbstbild ausschließlich über äußere Umstände wie Statussymbole, Meinungen anderer oder Ideologien. Und wenn jemand daran kratzt – sich nichts aus Statussymbolen macht, eine wenig schmeichelhafte Meinung äußert oder die eigene Ideologie bescheuert findet – fühlen sie sich in ihrem ganzen Selbstverständnis angegriffen. Und reagieren entsprechend aggressiv und tödlich beleidigt.

Ein Kumpel von mir hatte sich zum Beispiel eine schwarze Kunstleder-Couch gekauft, als er damals in seine erste eigene Wohnung zog. Er wusste, dass meine Anforderungen an eine Couch Folgende sind: fläzbar, kuschelig und gemütlich. Trotzdem fragte er mich, wie ich sein stylishes, aber unfassbar unbequemes Sofa finde. Da dachte ich, er wollte meine ehrliche Meinung hören, also sagte ich: „Sieht schick aus, aber ist mir persönlich zu ungemütlich“.

Uiuiui, war der beleidigt! Ich glaube, das hat er mir heute noch nicht verziehen. Seitdem behalte ich meine Ansichten auch lieber für mich, wenn er mal wieder mit seinen Statussymbolen angibt. Posaunt er etwa vollmundig herum, dass ihm Geld ja gaaar nicht so wichtig sei, sage ich „Mhm“ und denke mir meinen Teil.

Ein ehemaliger Freund von mir war da aber noch schlimmer. Der hatte anscheinend überhaupt kein stabiles Selbstbild, nicht einmal im Kern, und war vollkommen abhängig vom Urteil anderer Leute. Auf der Schauspielschule hat er von den Lehrern immer sehr viel Lob bekommen und hob dann völlig ab, hielt sich für absolut supertoll und duldete keinen Widerspruch. Nachdem wir uns zerstritten hatten, sah ich aber nicht mehr ein, weshalb ich sein fragiles (respektive nicht vorhandenes) Selbstwertgefühl weiter schonen sollte.

Und dann habe ich ab und zu auch mal eine kleine spöttische Bemerkung gemacht (zum Beispiel „Aufmerksamkeit!“ geflötet, wenn er mal wieder einen Geltungssuchtanfall hatte) oder zum Ausdruck gebracht, dass er mit seiner Egomanie allen auf die Nerven geht (etwa, indem ich laut aufgeseufzt habe, als er mit seiner „Aber die anderen sind alle gemein zu mir“-Jammertirade den ohnehin knapp bemessenen Gruppenunterricht bereits seit einer Stunde aufhielt). Der hätte mich jedesmal fast erwürgt. Wenn ich es recht bedenke, hatte er ganz schön Ähnlichkeit mit Trump … Aber das nur so am Rande.

Und, wie ist das bei euch? Wo liegen eure Eitelkeiten?

Essai 173: Über Nettigkeit und Schmierigkeit

4. Juni 2017

Anscheinend ist es gar nicht so einfach Nettigkeit und Schmierigkeit auseinander zu halten. Dieser Eindruck entsteht zumindest, wenn man sich in Facebook-Diskussionen zum Thema Flirten einmischt. Da kann man sich wirklich die Finger fusselig tippen und immer wieder betonen, dass derjenige, der den ersten Schritt macht, einfach nur nett sein muss, das glaubt einem keiner. Es dauert in der Regel nicht lange, und irgendwer macht das Fass auf, von wegen: „Frauen stehen eh nur auf Arschlöcher. Wenn man als Mann nett ist, ist man doch gleich unten durch. Nett ist gleichbedeutend mit langweilig.“

Das gibt es zwar auch in der umgekehrten Variante, dass Frauen herumjammern, die guten Männer wären immer alle mit solchen Oberzicken zusammen, allerdings begegnet mir persönlich diese Version nicht so oft. Aber dass Männer, die sich selbst für total nett halten, den einen oder anderen Korb kassieren, und das darauf schieben, dass sie halt zu nett sind, das höre oder lese ich relativ häufig.

Und ich wundere mich darüber. Denn mir ist das noch nie passiert, dass ich eine Abfuhr bekommen hätte, weil ich zu nett war. Ein Arschloch bin ich aber auch nicht. Wenn ich eine Abfuhr bekommen habe, dann, weil der andere einfach nicht wollte. Punkt. Mehr steckt nicht dahinter. In allen anderen Fällen – das bezieht sich übrigens nicht alleine aufs Flirten, sondern grundsätzlich auf zwischenmenschliche Kommunikation – war es stets hilfreich, freundlich, höflich und nett zu bleiben. Sicher, manchmal kriegt man trotzdem ziemlich unfreundliche, arrogante oder aggressive Vorwürfe und Tiraden um die Ohren gehauen. Aber das liegt dann nicht an der Nettigkeit, sondern daran, dass der andere ein ernsthaftes Problem mit seinem Selbstwertgefühl und seiner Impulskontrolle hat.

Woran aber scheitern Flirtversuche, die der Anflirtende als nett empfindet, dann? Ich vermute, dass der Anflirtende in dem Moment nicht nett ist, weil er nett ist. Sondern, dass er nett ist, weil er was von dem anderen will, in der Regel Sex oder wenigstens ein sexy Herumgeplänkel mit späterer Aussicht auf Sex. Und das Objekt des Angeflirtetwerdens merkt, dass die Nettigkeit nicht aufrichtig ist, sondern Mittel zum Zweck. Und das, meine lieben Leserinnen und Leser, ist schmierig. Wer nett tut, weil er damit seine Bedürfnisse dem anderen aufoktroyieren möchte, weil er Nettigkeit als eine Währung begreift, und glaubt, er könnte sich damit die sofortige Erfüllung aller seiner Wünsche kaufen, ist ein Schmierlappen.

Da die Wenigsten Lust haben, mit einem Schmierlappen ins Bett zu gehen, klappen diese Flirtversuche in der Regel nicht. Das liegt nicht daran, dass man nett war, sondern daran, dass die Nettigkeit falsch, aufgesetzt, unehrlich, unauthentisch und berechnend war.

Wer wirklich nett ist, ist immer nett, auch, wenn er nichts von seinen Mitmenschen will. Die Nettigkeit ist dann eine Grundeinstellung, die immer mitschwingt, selbst, wenn man verärgert ist. Trotzdem bemüht man sich dann, in seinem Zorn nicht total unfair zu werden, bei sich zu bleiben und Eigenverantwortung zu übernehmen. Und wenn man sich als aufrichtig netter Mensch dann doch mal im Ton vergreift oder in seiner Wut gemein zu anderen wird, hat man kein Problem damit, sich hinterher – ebenfalls ehrlich und aufrichtig – zu entschuldigen.

Kann man das nicht, ist man nicht wirklich nett. Das ist ja nicht schlimm, es muss ja nicht jeder ein netter Mensch sein. Wobei, ich fände es persönlich sehr viel schöner, wenn es mehr wirklich nette Menschen gäbe, aber das nur so am Rande. Was mich aber nervt, ist, wenn man sich dann so eitel aufplustert, sämtliche Eigenverantwortung über Bord wirft, und sich aufs moralisch hohe Ross schwingt, indem man von sich behauptet, man wäre zu nett, und bekäme deswegen seinen Willen nicht anderen Menschen aufgezwungen.

Das finde ich einfach total widerlich, wenn man sich selbst als feiner Mensch, der nur das Wohl aller anderen im Sinn hat, aufbauscht, obwohl es einem in Wahrheit nur darum geht, immer und überall von jedem jeden Wunsch von den Lippen abgelesen und umgehend erfüllt zu bekommen. Entschuldigung! Wo leben wir denn hier? Im Leben hat man es nun mal eben mit anderen Menschen zu tun, die unterschiedliche Ziele, Wünsche, Bedürfnisse und Persönlichkeiten haben. Da kann ich nicht erwarten, dass sich alle nach mir, meinen Zielen, Wünschen und Bedürfnissen richten. Warum sollten sie das tun, wenn ich nicht dazu bereit bin, das für sie zu tun? Wie Ich-bezogen kann man eigentlich sein?

So. Und wer so dermaßen egomanisch unterwegs ist, mit überzogenen Ansprüchen an seine Umwelt und völlig unrealistischen Erwartungen an seine Mitmenschen, wer sich so dermaßen weigert, für sich Verantwortung zu übernehmen, der. Ist. NICHT. NETT!!! Der ist ein Arschloch. Und nur, weil ein Arschloch sich für unfassbar nett und charmant hält, ändert es nichts an seinem Arschlochtum. Es bekommt eben nur diesen schmierigen, klebrigen Schleim der Unaufrichtigkeit übergezogen.

Ich denke, wenn Frauen auf Arschlöcher stehen beziehungsweise Männer auf Oberzicken, dann liegt das daran, dass sich diese Leute nicht verstellen. Die sind so, wie sie sind, und das kann man mögen oder auch nicht, aber man weiß dann, woran man ist. Genauso weiß man intuitiv bei wirklich netten Menschen, dass sie es ehrlich meinen. Und das funktioniert meines Erachtens auch wunderbar. Es kommt halt nur seltener vor, dass man auf einen wirklich netten Menschen trifft.

Was meint ihr dazu?

Essai 171: Über Jammern und Wehklagen

9. Mai 2017

Hin und wieder kommt man im Leben in Situationen, in denen man entscheiden muss: „Soll ich’s wirklich machen oder lass ich’s lieber sein?“ („Jein!“ – Oooohrwurm! 😛 ) Meistens befindet man sich in einem Zwiespalt, weil erwünschtes Ergebnis und unerwünschter Aufwand sich ungefähr die Waage halten, und man gründlich überlegen muss, ob man das Ergebnis wirklich unbedingt erreichen will und deswegen bereit ist, eine Tonne Nervkram zu bewältigen, oder ob man eigentlich auch ganz gut mit den Konsequenzen des Nichthandelns leben könnte, wenn erst einmal alles so bleibt wie es ist. Das sind dann so die Momente, in denen ich mit mir hadere und bevor ich mich da mit meinen Gedanken ewig im Kreis drehe und nicht vorwärts komme, teile ich sie lieber jemandem mit.

Das Problem ist, ich gehe den Leuten damit auf den Keks. Die finden nämlich, ich würde jammern und wehklagen und mich an meinem Selbstmitleid ergötzen, was ich umgekehrt ja auch nicht gerade als unterhaltsam betrachte. Das Ding ist, von meiner Warte aus hat das mit Jammern nichts zu tun, wenn ich meinen inneren Zwiespalt schildere, weil ich ja an einer Lösung interessiert bin. Und da finde ich das oft hilfreich, mein Gedankenchaos laut auszusprechen und es jemandem zu beschreiben, weil ich dabei dann etwas Ordnung in das Durcheinander bringen kann. Außerdem hilft eine Außenperspektive ja häufig dabei, alles ein bisschen realistischer zu betrachten und Dinge zu erkennen, die man vorher nicht gesehen hat, weil man selbst zu nah dran war. Blöd nur, dass ich immer anfange zu heulen, wenn ich versuche, das jemandem zu erklären, wenn ich ohnehin gerade aufgrund eines Dilemmas aufgewühlt bin. Menno!

Es ist jetzt auch nicht so, dass ich wildfremden Leuten in der U-Bahn meine Seelenqualen auf die Nase binde und ihnen als distanzloses Ungeheuer den letzten Nerv raube. Eigentlich bespreche ich meine Schwierigkeiten bei großen Entscheidungen und fiesen Zwiespälten nur mit meinem Freund und meinen engsten Freunden oder schreibe hier auf dem Blog darüber und gehe dem Internet auf den Zeiger. Leider heißt es dann meistens früher oder später, ich solle aufhören zu jammern, oder es kommen so hilfreiche Vorschläge wie: „Ja, dann mach doch das“ und wenn ich die Gegenargumente anführe: „Ja, dann lässt du’s halt.“ – Als ob ich auf diese beiden Optionen nicht auch von alleine gekommen wäre.

Tja, also, was tun? Ich will ja meinen Lieblingsmenschen nicht die Nerven zersägen und ihre Zeit mit meinen Wohlstandswehwehchen verplempern. Aber was, wenn ich alleine einfach nicht zu einer Lösung komme? Das gibt es ja manchmal, dass man lauter lose Teile und Gedankensplitter vor sich liegen hat, aber wie alles zusammenpasst, was das Gesamtbild ist, dazu braucht man ein bisschen Hilfe. Umgekehrt bin ich ja auch bereit, mir die Dilemmata meiner Freunde anzuhören, und auf Nachfrage meine Einschätzung dazu zu formulieren. Wobei zugegebenermaßen irgendwie immer alle genau zu wissen scheinen, was sie wollen und was nicht, nur ich bin dazu zu dusselig.

Ich denke, Jammern und Wehklagen ist es doch eigentlich nur, wenn man Mitleid erheischen und hören will, dass man total toll ist. Fishing for compliments, sozusagen. Insofern habe ich in diesem Essai tatsächlich ziemlich viel gejammert, denn ich würde natürlich schon gern hören: „Aber nein! Du bist nicht dusselig! Du bist kein weinerlicher Jammerlappen, der der ganzen Welt mit seinen Luxusproblemen in den Ohren liegt!“ und ich würde mich selbstverständlich gebauchpinselt fühlen, wenn jetzt jemand schreibt, dass das total gemein ist, mir Jammerei vorzuwerfen, obwohl das überhaupt nicht meine Intention ist. Ebenfalls fände ich es erbauend, wenn es anderen auch manchmal so geht, und ich nicht alleine bin.

Allerdings ist das aber nicht alles. Ich wüsste auch gern, was ich tun kann, wenn ich mit einer großen, wichtigen Entscheidung alleine nicht weiterkomme, wie ich meinen Zwiespalt meinen Freunden schildern kann, ohne dass die das für bloßes Mitleidsgeheische halten. Wie kann ich das so formulieren, dass klar wird, ich bin an Sachkritik und ehrlichen Einschätzungen interessiert, aber seid bitte trotzdem nett zu mir? Also, falls jemand eine Idee hat, bitte gern unten in die Kommentare schreiben. 🙂


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