Posts Tagged ‘Nervensägen’

Essai 178: Über Berufsbeleidigte Leberwürste

9. September 2017

Manche Menschen haben das Beleidigtsein zu einer Kunstform erhoben und beherrschen diese auf virtuose Weise. Das ist wirklich faszinierend. Und raffiniert, denn mit professionellem Beleidigtsein kann man andere Menschen hervorragend manipulieren.

Die Politiker von der AfD zum Beispiel haben das Prinzip begriffen: Wenn jemand mit kritischen Fragen oder guten Argumenten kommt, einfach schmollen und pikiert tun. Die Leute, die die AfD sowieso scheiße finden, denken dann: „Ach, die schon wieder, Mimimi, Idioten“ und ziehen gar nicht in Betracht, dass diese Partei eine ernsthafte Bedrohung für irgendwas darstellen könnte. Und wer die AfD gut findet, denkt: „Richtig so! Wir lassen uns von dieser Lügenpresse nicht den Mund verbieten! Das wurde auch Zeit, dass sich mal wieder jemand für unser Deutschland stark macht und da konsequent bleibt!“

Derweil kann die AfD dann fröhlich an ihrer menschenfeindlichen Ideologie weiterfeilen, ohne dass sie irgendjemand dabei stört. Das professionell beleidigte Leberwursttum hat bei denen schon System. Erst tun sie empört, weil man sie angeblich nie in Talkshows einlädt. Dann lädt man sie in Talkshows ein. Sie wettern über illegale Einwanderung, als ob das das einzige oder zumindest größte Problem wäre, weshalb in Deutschland keine soziale Gerechtigkeit herrscht, zählen bis drei … und wenn dann ein Talkshowgast erwartungsgemäß das Stichwort „rechtsextrem“ in den Raum wirft, verlassen sie selbigen. Dabei murmeln sie noch hochempört weiter was von „Einwanderung“ und „muss-ich-mir-nicht-bieten-lassen“ und freuen sich schon darauf, ihre vorbereitete Pressemeldung auf Facebook zu posten.

Zackbumm, Ziel erreicht: Die AfD-Gegner amüsieren sich darüber, wie doof die doch sind, dass die immer gleich beleidigt tun. Die AfD-Sympathisanten fühlen sich in ihrer Rolle als Opfer der bösen Medien und naiven Bahnhofsklatscher/linksrotgrünversifften Gutmenschen/Merkel bestätigt.

Das funktioniert aber nicht nur in der Politik, mit berufsbeleidigtem Lebergewurste die Menschen in seinem Umfeld so zu manipulieren, dass sie nach der eigenen Pfeife tanzen. Auch privat ist das eine sehr effektive Strategie, um sich selbst für nichts anstrengen zu müssen, und trotzdem alles zu bekommen, was man will.

Klar, es gibt immer ein paar Leute, die gegen diese meisterhafte emotionale Erpressungstaktik immun sind, die Profi-Mimosen einfach vor sich hin schmollen lassen, und sich weiter ihrem Kram widmen. Aber es gibt auch immer Leute wie mich, die möchten, dass alle glücklich sind, die es nicht ertragen, wenn jemand traurig oder verletzt erscheint, und die sich nach Kräften bemühen, für Harmonie zu sorgen.

Und berufsbeleidigte Leberwürste spüren intuitiv, mit wem sie ihre Spielchen erfolgreich betreiben können, und mit wem nicht. Die beinharten Knochen, an denen sie sich die Zähne ausbeißen würden, ignorieren sie einfach. Dafür konzentrieren sie ihre geballte Energie auf die Harmoniebedürftigen, um gezielt ihre Drama-Queen-Auftritte zu inszenieren.

Das Pfiffige an diesem systematischen Dauerbeleidigtsein ist, dass man sich damit als Märtyrer stilisieren kann, dem immer von allen übel mitgespielt wird. Das gibt einem natürlich das Recht, anderen Leuten Vorwürfe zu machen (ist ja egal, ob die auch stimmen). Und das Tolle ist: Wenn man selbst anderen Vorwürfe macht, ist es ja vollkommen ausgeschlossen, dass man selbst das Vorgeworfene ebenfalls tut. Die AfD ist auch darin ein Meister. Sie werfen allen anderen Lügen vor, da kommt keiner (von ihren Anhängern) auf die Idee, dass sie selber Scheiß erzählen.

Anstrengend ist das. Wenn irgendwer einen guten Tipp hat, wie man sich vor diesen Manipulationen schützen kann, immer her damit!

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Essai 177: Über die angemessene Reaktion auf nicht lustige Witze

12. August 2017

Alles in allem betrachtet, bin ich leider völlig humorlos. Das ist überhaupt nicht lustig, weil es echt Nerven kostet, die vielen schlechten Witze und lästigen Verarschungsversuche meiner Mitmenschen zu ertragen, wenn mir dafür einfach komplett das Humorverständnis fehlt.

Wenn ich zum Beispiel in einem Gruppenchat eine klare Frage stelle, auf die ich eine klare Antwort mit einer bestimmten Information erhalten möchte, dann stellt es meine Geduld wirklich auf eine extrem harte Probe, wenn irgendwelche Scherzbolde dazwischenhupen. Dann geht meine – völlig unmissverständlich formulierte, einfach zu beantwortende – Frage unter den Frotzeleien unter.

Das führt dazu, dass ich meine Frage noch mal wiederholen muss, und ich hasse es, wenn ich mich wiederholen muss, obwohl es an meiner ursprünglichen Frage oder Aussage nicht viel misszuverstehen gab. Es sei denn natürlich, man greift sich ein Mini-Detail heraus und spitzfindet und haarspaltet was das Zeug hält, um witzig zu sein und den ganzen Laden aufzuhalten.

Nun will ich aber trotzdem nicht gemein sein, wenn jemand mich mit seinem Herumgewitzel nervt, und das stellt mich vor ein echtes moralisches Dilemma. Was ist denn bloß die sozial angemessene Reaktion auf Witze, die man überhaupt nicht lustig findet? Es ist ja nicht so, dass ich die Absicht witzig zu sein nicht bemerke. Das schon. Wenn jemand ironisch, sarkastisch oder spöttisch ist, aus Spaß irgendwas Dummes oder Selbstverständliches sagt, dann bin ich intellektuell durchaus in der Lage, es als „Witz“ zu identifizieren.

Aber genausowenig wie „gut gemeint“ das Gleiche wie „gut“ ist, ist „witzig gemeint“ immer das Gleiche wie „witzig“. Und manchen Leuten scheint das Feingefühl zu fehlen, um intuitiv zu spüren, wann ein Witz gerade angebracht ist, und wann er einfach nur allen anderen auf den Wecker fällt. Andere spüren das schon, sind aber von der Sorte „Lieber einen Freund verlieren, als eine Pointe zu verpassen und apropos, meinen Humor kann man bequem unter der Tür durchschieben. Höhöhö.“ und die sind nicht in der Lage, einfach mal die Fresse zu halten, wenn sich eine Gelegenheit bietet, sich mit einem blöden Spruch wichtig zu machen und vor allen aufzuplustern. Anstrengend.

Echt mal, das Leben an sich und zwischenmenschliche Kommunikation sind doch so schon kompliziert genug. Da muss man doch nicht noch mit unnützen Scherzen die Aufmerksamkeit auf sich ziehen, obwohl man zur Klärung des Sachverhalts überhaupt nichts Konstruktives beizutragen hat. Kann man nicht einfach nach dem Motto handeln: „Wenn du nichts Interessantes oder Sinnvolles zu sagen hast, dann sei still.“ Ist das wirklich so schwer? Man kann dann doch seine Energie und Spucke dafür aufbewahren, einen guten, lustigen Witz zu reißen, wenn es vom Kontext her passt.

Das Problem ist: Ich habe nicht nur keinerlei Sinn für Humor, ich lege auch noch großen Wert auf Höflichkeit, freundlichen Umgang miteinander und Harmonie. Ich will ja gern Toleranz für Anderswitzige aufbringen. Aber das kostet mich wirklich einiges an Selbstbeherrschung. Und das zehrt mit der Zeit an meinen inneren Energie- und Geduldreserven, die mir dann an anderer Stelle fehlen.

Allerdings muss man wohl damit leben, dass es immer wieder irgendeinen Kasper gibt, der allen unter die Nase reiben muss, was für einen riesengroßen Clown er gefrühstückt hat. Irgendeine sozial angemessene Reaktionsstrategie bräuchte ich also doch, die möglichst wenig nervlichen Aufwand kostet.

Ist es zum Beispiel OK, wenn ich die Frotzeleien einfach ignoriere und stur meine Frage wiederhole? Oder ist es sehr unhöflich, wenn ich den Scherzcharakter der lustig gemeinten Sprüche nicht mit Aufmerksamkeit würdige?

Oder darf ich mit Ehrlichkeit reagieren und die Witzbolde mit einem „Alter, wenn du nichts zu sagen hast, dann halt die Klappe und lass die Erwachsenen ihren Kram in Ruhe regeln!“ in ihre Schranken weisen? Das kann man doch eigentlich nicht machen, oder? Schließlich war das ja nicht böse gemeint und die wollen bloß spielen. Außerdem will ich halt auch nicht wie ein Arschloch dastehen.

Ich tendiere daher zu der Strategie, das Herumgewitzel zu ignorieren. Was ist eure Meinung dazu?

Essai 176: Über Eitelkeit

23. Juli 2017

Ich habe da so eine Theorie, und die lautet: Jeder ist eitel. Ich zum Beispiel bilde mir unheimlich viel auf meine vermeintliche Uneitelkeit ein. Aber wenn ich ehrlich bin, ist das Quatsch. Zwar bin ich nicht so eitel, was mein Aussehen angeht, insofern ich mich nicht schminke, hohe Absätze meide und am liebsten in Jeans und bequemem Oberteil herumlaufe. Ich habe auch keine Lust, mir den Umstand zu machen, Kontaktlinsen zu tragen. Und dass die weißen Haare auf meinem Kopf allmählich immer mehr werden, stört mich auch nicht. Das finde ich eher spannend. In zehn Jahren sind die Haare vielleicht ganz grau und dann sehe ich endlich mal seriös aus.

Da sind wir dann auch schon bei meiner Eitelkeit angelangt. Ich denke nämlich, dass Eitelkeit sich nicht nur aufs Aussehen beschränkt, sondern generell aufs eigene Selbstbild. Und da hat jeder seine Empfindlichkeiten, wunden Punkte. Eigenschaften, die man gern hätte, wo man sich vielleicht auch halbwegs einreden kann, dass man sie besitzt, aber tief in seinem Inneren weiß man, dass das vielleicht so nicht stimmt. Bei mir ist das – manchmal – dass ich gern ernst genommen werden würde. Ich bin also zugegebenermaßen ziemlich eitel, was meine geistigen Fähigkeiten angeht.

Nennt mich jemand hässlich und unattraktiv und gibt zu bedenken, dass er nicht gewillt wäre, mit mir zu schlafen, selbst wenn sich die Gelegenheit dazu böte, lässt mich das kalt. Das ist nicht die innere Baustelle, auf der meine Komplexe herumliegen. Ich finde, ich sehe ganz OK aus. Solange niemand vor meinem Anblick angewidert und schreiend davonläuft, bin ich zufrieden. Und bisher ist das noch nicht vorgekommen, also sind meine optischen Attribute wohl einigermaßen erträglich.

Aber behandelt mich jemand herablassend, tut so, als hätte ich keine Ahnung von gar nichts, wäre saudumm und hätte nichts auf dem Kasten, merke ich, wie das an meiner Eitelkeit rührt. Ernsthaft, das kann ich nicht ab! Und damit meine ich jetzt nicht so Standard-Beleidigungen wie „Dumme Kuh“ oder „Blöde Gans“, sondern eher so eine Art oder Grundhaltung, die ganz selbstverständlich davon ausgeht, dass ich nichts alleine auf die Kette kriege.

Das ist nicht unbedingt Absicht von den Leuten, es kann auch sein, dass sie mir gut gemeinte Anti-Komplimente machen („Du bist doch sooo hübsch, du kannst sooo stolz auf dich sein!“) oder mir ungefragt helfen wollen, bevor ich die Zeit hatte, selbst das Problem zu analysieren und gegebenenfalls selbst eine Lösung zu finden – und wenn nicht, um Hilfe zu bitten. Da bin ich superempfindlich. Vor allem macht mich dann sauer, dass die das ja gut mit mir meinen und ich dankbar sein muss, und sie nicht einfach anfauchen kann, dass ich mein Aussehen betreffend gar keine Komplexe habe, dass ich durchaus stolz auf mich bin, wenn es dazu einen Grund gibt, und dass ich verdammtnochmal schon Bescheid sage, wenn ich Hilfe brauche!

Allerdings ist es jetzt auch nicht so, dass ich wie ein schlecht erzogener Terrier gleich auf 180 bin, sobald jemand mich wie einen Trottel behandelt. Das wäre auch nicht gut für meinen Blutdruck, da hätte ich schon längst einen Herzinfarkt bekommen. Es sind halt jedes Mal kleine Piekser, und die meisten kann ich mit Humor und Selbstironie wegstecken. Nur manchmal wird es mir halt zu viel.

Apropos Humor: Das ist auch so eine Eitelkeit von mir. Ich finde mich meistens ziemlich witzig, aber wenn auf einen Scherz meiner Wenigkeit nur Schweigen und Verständnislosigkeit folgen, zerschmettert das mein Selbstvertrauen in Millionen Scherben. Ebenso, wenn man mir zu verstehen gibt, dass meine Geschichten und mein Geplauder nicht ansatzweise interessant sind. „Jahaaa, das hast du schon tausendmal erzählt!“ – Krawumms, nimm das, Selbstwertgefühl! Hallo, Minderwertigkeitskomplexe und Selbsthass!

OK, das war jetzt etwas überdramatisch. Trotzdem bin ich ziemlich geknickt, wenn man mich entweder wie einen Dummdödel oder einen nervigen Langweiler behandelt.

Aber genug von mir, man könnte sonst noch denken, ich wäre eitel, Höhöhö.

Bei manchen Leuten habe ich den Eindruck, sie übertreiben es mit der Eitelkeit. Ich denke, mein Ausmaß an Eitelkeit bewegt sich noch im normalen Rahmen. Zumindest bin ich nicht sooo empfindlich, dass ich quasi dauerbeleidigt bin und nur auf vermeintliche Demütigungen warte, um der ganzen Welt Schuld daran zu geben, dass mein Selbstwertgefühl nicht unerschütterlich ist. Sobald man jede Gelegenheit, die sich bietet oder auch nicht, dazu nutzt, eingeschnappt zu sein, und dafür zu sorgen, dass sich alles nur noch um einen selbst dreht, ist es zu viel der Eitelkeit.

Ich denke, diese Menschen definieren ihr Selbstbild ausschließlich über äußere Umstände wie Statussymbole, Meinungen anderer oder Ideologien. Und wenn jemand daran kratzt – sich nichts aus Statussymbolen macht, eine wenig schmeichelhafte Meinung äußert oder die eigene Ideologie bescheuert findet – fühlen sie sich in ihrem ganzen Selbstverständnis angegriffen. Und reagieren entsprechend aggressiv und tödlich beleidigt.

Ein Kumpel von mir hatte sich zum Beispiel eine schwarze Kunstleder-Couch gekauft, als er damals in seine erste eigene Wohnung zog. Er wusste, dass meine Anforderungen an eine Couch Folgende sind: fläzbar, kuschelig und gemütlich. Trotzdem fragte er mich, wie ich sein stylishes, aber unfassbar unbequemes Sofa finde. Da dachte ich, er wollte meine ehrliche Meinung hören, also sagte ich: „Sieht schick aus, aber ist mir persönlich zu ungemütlich“.

Uiuiui, war der beleidigt! Ich glaube, das hat er mir heute noch nicht verziehen. Seitdem behalte ich meine Ansichten auch lieber für mich, wenn er mal wieder mit seinen Statussymbolen angibt. Posaunt er etwa vollmundig herum, dass ihm Geld ja gaaar nicht so wichtig sei, sage ich „Mhm“ und denke mir meinen Teil.

Ein ehemaliger Freund von mir war da aber noch schlimmer. Der hatte anscheinend überhaupt kein stabiles Selbstbild, nicht einmal im Kern, und war vollkommen abhängig vom Urteil anderer Leute. Auf der Schauspielschule hat er von den Lehrern immer sehr viel Lob bekommen und hob dann völlig ab, hielt sich für absolut supertoll und duldete keinen Widerspruch. Nachdem wir uns zerstritten hatten, sah ich aber nicht mehr ein, weshalb ich sein fragiles (respektive nicht vorhandenes) Selbstwertgefühl weiter schonen sollte.

Und dann habe ich ab und zu auch mal eine kleine spöttische Bemerkung gemacht (zum Beispiel „Aufmerksamkeit!“ geflötet, wenn er mal wieder einen Geltungssuchtanfall hatte) oder zum Ausdruck gebracht, dass er mit seiner Egomanie allen auf die Nerven geht (etwa, indem ich laut aufgeseufzt habe, als er mit seiner „Aber die anderen sind alle gemein zu mir“-Jammertirade den ohnehin knapp bemessenen Gruppenunterricht bereits seit einer Stunde aufhielt). Der hätte mich jedesmal fast erwürgt. Wenn ich es recht bedenke, hatte er ganz schön Ähnlichkeit mit Trump … Aber das nur so am Rande.

Und, wie ist das bei euch? Wo liegen eure Eitelkeiten?

Essai 173: Über Nettigkeit und Schmierigkeit

4. Juni 2017

Anscheinend ist es gar nicht so einfach Nettigkeit und Schmierigkeit auseinander zu halten. Dieser Eindruck entsteht zumindest, wenn man sich in Facebook-Diskussionen zum Thema Flirten einmischt. Da kann man sich wirklich die Finger fusselig tippen und immer wieder betonen, dass derjenige, der den ersten Schritt macht, einfach nur nett sein muss, das glaubt einem keiner. Es dauert in der Regel nicht lange, und irgendwer macht das Fass auf, von wegen: „Frauen stehen eh nur auf Arschlöcher. Wenn man als Mann nett ist, ist man doch gleich unten durch. Nett ist gleichbedeutend mit langweilig.“

Das gibt es zwar auch in der umgekehrten Variante, dass Frauen herumjammern, die guten Männer wären immer alle mit solchen Oberzicken zusammen, allerdings begegnet mir persönlich diese Version nicht so oft. Aber dass Männer, die sich selbst für total nett halten, den einen oder anderen Korb kassieren, und das darauf schieben, dass sie halt zu nett sind, das höre oder lese ich relativ häufig.

Und ich wundere mich darüber. Denn mir ist das noch nie passiert, dass ich eine Abfuhr bekommen hätte, weil ich zu nett war. Ein Arschloch bin ich aber auch nicht. Wenn ich eine Abfuhr bekommen habe, dann, weil der andere einfach nicht wollte. Punkt. Mehr steckt nicht dahinter. In allen anderen Fällen – das bezieht sich übrigens nicht alleine aufs Flirten, sondern grundsätzlich auf zwischenmenschliche Kommunikation – war es stets hilfreich, freundlich, höflich und nett zu bleiben. Sicher, manchmal kriegt man trotzdem ziemlich unfreundliche, arrogante oder aggressive Vorwürfe und Tiraden um die Ohren gehauen. Aber das liegt dann nicht an der Nettigkeit, sondern daran, dass der andere ein ernsthaftes Problem mit seinem Selbstwertgefühl und seiner Impulskontrolle hat.

Woran aber scheitern Flirtversuche, die der Anflirtende als nett empfindet, dann? Ich vermute, dass der Anflirtende in dem Moment nicht nett ist, weil er nett ist. Sondern, dass er nett ist, weil er was von dem anderen will, in der Regel Sex oder wenigstens ein sexy Herumgeplänkel mit späterer Aussicht auf Sex. Und das Objekt des Angeflirtetwerdens merkt, dass die Nettigkeit nicht aufrichtig ist, sondern Mittel zum Zweck. Und das, meine lieben Leserinnen und Leser, ist schmierig. Wer nett tut, weil er damit seine Bedürfnisse dem anderen aufoktroyieren möchte, weil er Nettigkeit als eine Währung begreift, und glaubt, er könnte sich damit die sofortige Erfüllung aller seiner Wünsche kaufen, ist ein Schmierlappen.

Da die Wenigsten Lust haben, mit einem Schmierlappen ins Bett zu gehen, klappen diese Flirtversuche in der Regel nicht. Das liegt nicht daran, dass man nett war, sondern daran, dass die Nettigkeit falsch, aufgesetzt, unehrlich, unauthentisch und berechnend war.

Wer wirklich nett ist, ist immer nett, auch, wenn er nichts von seinen Mitmenschen will. Die Nettigkeit ist dann eine Grundeinstellung, die immer mitschwingt, selbst, wenn man verärgert ist. Trotzdem bemüht man sich dann, in seinem Zorn nicht total unfair zu werden, bei sich zu bleiben und Eigenverantwortung zu übernehmen. Und wenn man sich als aufrichtig netter Mensch dann doch mal im Ton vergreift oder in seiner Wut gemein zu anderen wird, hat man kein Problem damit, sich hinterher – ebenfalls ehrlich und aufrichtig – zu entschuldigen.

Kann man das nicht, ist man nicht wirklich nett. Das ist ja nicht schlimm, es muss ja nicht jeder ein netter Mensch sein. Wobei, ich fände es persönlich sehr viel schöner, wenn es mehr wirklich nette Menschen gäbe, aber das nur so am Rande. Was mich aber nervt, ist, wenn man sich dann so eitel aufplustert, sämtliche Eigenverantwortung über Bord wirft, und sich aufs moralisch hohe Ross schwingt, indem man von sich behauptet, man wäre zu nett, und bekäme deswegen seinen Willen nicht anderen Menschen aufgezwungen.

Das finde ich einfach total widerlich, wenn man sich selbst als feiner Mensch, der nur das Wohl aller anderen im Sinn hat, aufbauscht, obwohl es einem in Wahrheit nur darum geht, immer und überall von jedem jeden Wunsch von den Lippen abgelesen und umgehend erfüllt zu bekommen. Entschuldigung! Wo leben wir denn hier? Im Leben hat man es nun mal eben mit anderen Menschen zu tun, die unterschiedliche Ziele, Wünsche, Bedürfnisse und Persönlichkeiten haben. Da kann ich nicht erwarten, dass sich alle nach mir, meinen Zielen, Wünschen und Bedürfnissen richten. Warum sollten sie das tun, wenn ich nicht dazu bereit bin, das für sie zu tun? Wie Ich-bezogen kann man eigentlich sein?

So. Und wer so dermaßen egomanisch unterwegs ist, mit überzogenen Ansprüchen an seine Umwelt und völlig unrealistischen Erwartungen an seine Mitmenschen, wer sich so dermaßen weigert, für sich Verantwortung zu übernehmen, der. Ist. NICHT. NETT!!! Der ist ein Arschloch. Und nur, weil ein Arschloch sich für unfassbar nett und charmant hält, ändert es nichts an seinem Arschlochtum. Es bekommt eben nur diesen schmierigen, klebrigen Schleim der Unaufrichtigkeit übergezogen.

Ich denke, wenn Frauen auf Arschlöcher stehen beziehungsweise Männer auf Oberzicken, dann liegt das daran, dass sich diese Leute nicht verstellen. Die sind so, wie sie sind, und das kann man mögen oder auch nicht, aber man weiß dann, woran man ist. Genauso weiß man intuitiv bei wirklich netten Menschen, dass sie es ehrlich meinen. Und das funktioniert meines Erachtens auch wunderbar. Es kommt halt nur seltener vor, dass man auf einen wirklich netten Menschen trifft.

Was meint ihr dazu?

Essai 171: Über Jammern und Wehklagen

9. Mai 2017

Hin und wieder kommt man im Leben in Situationen, in denen man entscheiden muss: „Soll ich’s wirklich machen oder lass ich’s lieber sein?“ („Jein!“ – Oooohrwurm! 😛 ) Meistens befindet man sich in einem Zwiespalt, weil erwünschtes Ergebnis und unerwünschter Aufwand sich ungefähr die Waage halten, und man gründlich überlegen muss, ob man das Ergebnis wirklich unbedingt erreichen will und deswegen bereit ist, eine Tonne Nervkram zu bewältigen, oder ob man eigentlich auch ganz gut mit den Konsequenzen des Nichthandelns leben könnte, wenn erst einmal alles so bleibt wie es ist. Das sind dann so die Momente, in denen ich mit mir hadere und bevor ich mich da mit meinen Gedanken ewig im Kreis drehe und nicht vorwärts komme, teile ich sie lieber jemandem mit.

Das Problem ist, ich gehe den Leuten damit auf den Keks. Die finden nämlich, ich würde jammern und wehklagen und mich an meinem Selbstmitleid ergötzen, was ich umgekehrt ja auch nicht gerade als unterhaltsam betrachte. Das Ding ist, von meiner Warte aus hat das mit Jammern nichts zu tun, wenn ich meinen inneren Zwiespalt schildere, weil ich ja an einer Lösung interessiert bin. Und da finde ich das oft hilfreich, mein Gedankenchaos laut auszusprechen und es jemandem zu beschreiben, weil ich dabei dann etwas Ordnung in das Durcheinander bringen kann. Außerdem hilft eine Außenperspektive ja häufig dabei, alles ein bisschen realistischer zu betrachten und Dinge zu erkennen, die man vorher nicht gesehen hat, weil man selbst zu nah dran war. Blöd nur, dass ich immer anfange zu heulen, wenn ich versuche, das jemandem zu erklären, wenn ich ohnehin gerade aufgrund eines Dilemmas aufgewühlt bin. Menno!

Es ist jetzt auch nicht so, dass ich wildfremden Leuten in der U-Bahn meine Seelenqualen auf die Nase binde und ihnen als distanzloses Ungeheuer den letzten Nerv raube. Eigentlich bespreche ich meine Schwierigkeiten bei großen Entscheidungen und fiesen Zwiespälten nur mit meinem Freund und meinen engsten Freunden oder schreibe hier auf dem Blog darüber und gehe dem Internet auf den Zeiger. Leider heißt es dann meistens früher oder später, ich solle aufhören zu jammern, oder es kommen so hilfreiche Vorschläge wie: „Ja, dann mach doch das“ und wenn ich die Gegenargumente anführe: „Ja, dann lässt du’s halt.“ – Als ob ich auf diese beiden Optionen nicht auch von alleine gekommen wäre.

Tja, also, was tun? Ich will ja meinen Lieblingsmenschen nicht die Nerven zersägen und ihre Zeit mit meinen Wohlstandswehwehchen verplempern. Aber was, wenn ich alleine einfach nicht zu einer Lösung komme? Das gibt es ja manchmal, dass man lauter lose Teile und Gedankensplitter vor sich liegen hat, aber wie alles zusammenpasst, was das Gesamtbild ist, dazu braucht man ein bisschen Hilfe. Umgekehrt bin ich ja auch bereit, mir die Dilemmata meiner Freunde anzuhören, und auf Nachfrage meine Einschätzung dazu zu formulieren. Wobei zugegebenermaßen irgendwie immer alle genau zu wissen scheinen, was sie wollen und was nicht, nur ich bin dazu zu dusselig.

Ich denke, Jammern und Wehklagen ist es doch eigentlich nur, wenn man Mitleid erheischen und hören will, dass man total toll ist. Fishing for compliments, sozusagen. Insofern habe ich in diesem Essai tatsächlich ziemlich viel gejammert, denn ich würde natürlich schon gern hören: „Aber nein! Du bist nicht dusselig! Du bist kein weinerlicher Jammerlappen, der der ganzen Welt mit seinen Luxusproblemen in den Ohren liegt!“ und ich würde mich selbstverständlich gebauchpinselt fühlen, wenn jetzt jemand schreibt, dass das total gemein ist, mir Jammerei vorzuwerfen, obwohl das überhaupt nicht meine Intention ist. Ebenfalls fände ich es erbauend, wenn es anderen auch manchmal so geht, und ich nicht alleine bin.

Allerdings ist das aber nicht alles. Ich wüsste auch gern, was ich tun kann, wenn ich mit einer großen, wichtigen Entscheidung alleine nicht weiterkomme, wie ich meinen Zwiespalt meinen Freunden schildern kann, ohne dass die das für bloßes Mitleidsgeheische halten. Wie kann ich das so formulieren, dass klar wird, ich bin an Sachkritik und ehrlichen Einschätzungen interessiert, aber seid bitte trotzdem nett zu mir? Also, falls jemand eine Idee hat, bitte gern unten in die Kommentare schreiben. 🙂

Essai 166: Über Sprüche, die Introvertierte auf die Palme bringen

1. Oktober 2016

Meine Damen und Herren, herzlich Willkommen bei Isas Clickbaiting-Experiment! 10 Sprüche, die jeden Introvertierten sofort!!!111!1!!!einself!!1! auf die Palme bringen!!!1!! Bei Nummer 9 platzt mir immer garantiert die Hutschnur! Und Nummer 4 hat mich zum Heulen gebracht!

Aber im Ernst, ich weiß, jeder Introvertierte ist anders und sicher gibt es auch Leute, die sich nicht über die folgenden Sprüche aufregen, sondern sie gleichmütig zur Kenntnis nehmen oder als hilfreiche Ratschläge akzeptieren und umgehend in die Tat umsetzen. Mir persönlich gehen sie jedoch eklatant auf den Zeiger. Viel Spaß! Und lasst mich in den Kommentaren gern wissen, ob ihr meine Meinungen teilt oder findet, dass ich völligen Blödsinn verzapfe 😀

1. „Das Telefon klingelt“

Drrrinnng! Düdelüdelüdel! – DAS Geräusch aus der Hölle ist das Klingeln eines Telefons. Mein Handy habe ich meistens auf lautlos gestellt, aber leider kann man diesem grauenhaften Lärm nicht immer aus dem Weg gehen. In der heimlichen Hoffnung, der Anrufer möge bald aufgeben und mir eine Nachricht schreiben, die ich in Ruhe durchlesen kann, lasse ich das Telefon gern mal klingeln. (Einzige Ausnahme: Ich habe mich mit Freunden zum Telefonieren verabredet) Wenn dann jemand sagt „Das Telefon klingelt! Willst du nicht rangehen?“ finde ich das ganz furchtbar.

Natürlich habe ich gehört, dass das Scheißding herumdüdelt, ich bin nicht taub. Und nein, ich will nicht rangehen! Was, wenn der Anrufer irgendetwas von mir wissen will, was ich nicht beantworten kann? Dann stehe ich da und komme mir vor wie ein Idiot. Und das kann ich nicht leiden. Und außerdem kann doch derjenige, anstatt so eine scharfsinnige Beobachtungsmitteilung zu machen, ja auch selbst ans Telefon gehen. Ist doch wahr!

2. „Lass dir das doch nicht gefallen“

Gut, ich verstehe, das ist nett gemeint und soll mich aufbauen. Tut es aber nicht. Es ist nämlich so: Wenn ich mir etwas gefallen lasse von irgendwelchen Arschlöchern, dann schäme ich mich deswegen in Grund und Boden und fühle mich richtig dumm, dusselig und scheiße. Da ist das nicht hilfreich, wenn mir das jemand auch noch aufs Butterbrot schmiert und noch Salz in die Wunde streut und mir unter die Nase reibt, wie blöd und schwach ich bin. Nein, dann will ich einfach meine Ruhe haben, meine Wunden lecken, mich kurz selbst bemitleiden, bevor ich mich wieder aufrappel, mir den Staub von den Klamotten klopfe und wieder raus in die Welt gehe und mein Bestes gebe.

Wenn man in diesem Moment etwas Nettes tun möchte, kann man mir dabei gern Gesellschaft leisten und mir sagen, dass das echt voll gemein von diesen Fieslingen war (aber bitte so, dass ich es auch glauben kann). Aber irgendwelche herablassenden Handlungsaufforderungen, auf die ich ohnehin schon von selbst gekommen bin, machen es nur noch schlimmer.

3. „Du brauchst doch nicht schüchtern zu sein“

Ach so? Na, dann schnippe ich doch einfach mit dem Finger, stoße meine rotbeschuhten Hacken aneinander und – Zack – bin ich nicht mehr „schüchtern„. Warum hat man mir das nicht schon viel früher gesagt, wenn ich das eher gewusst hätte, was hätte ich da nicht alles erreichen können. Weh mir! Dass ich da nicht von selbst drauf gekommen bin!

So. Das ist auch so ein Spruch, der vom Sprücheklopfer selbst gut gemeint ist, aber mich richtig auf die Palme bringt. Es soll mich aufmuntern, mich ermutigen, ein Kompliment sein – und erreicht das komplette Gegenteil. Weil es suggeriert, dass ich zu doof bin, etwas an mir zu ändern, was allgemein gesellschaftlich als unerwünscht gilt. Kann man mir denn bitte einfach mal zutrauen, dass ich schon von alleine über meinen Schatten springe und meinen Hang zur Schüchternheit überwinde, wenn ich es für notwendig erachte? Es mag ja Leute geben, denen man alles sagen muss, weil sie von selbst nicht auf die Idee zu irgendwas kommen und permanente Arschtritte brauchen, um aus dem Quark zu kommen. Aber so bin ich nicht und will ich auch nicht sein, also soll man mich bitte auch nicht so behandeln.

4. „Sei nicht so zaghaft“

Das schlägt im Grunde in dieselbe Kerbe wie „Du brauchst doch nicht schüchtern zu sein“, ist aber noch eine Spur unverschämter und herablassender. Während das eine nämlich einfach nur von Unverständnis zeugt, aber ein ungeschickter Versuch ist, mich zu trösten oder was auch immer, ist „Sei doch nicht so zaghaft“ mit einem Vorwurf verbunden. Da schwingt Ungeduld mit, die kurz davor ist, in Aggression umzuschlagen. Und wenn man glaubt, dass ich plötzlich weniger zaghaft werde, wenn man mich so unter Druck setzt, dann sollte man noch mal an seinem Empathievermögen arbeiten und mich mit meinen „Problemen“ in Ruhe lassen.

5. „Sag ihm/ihr das doch einfach“

Ja, wenn das denn so einfach wäre, hätte ich es ja schon längst getan! Mit manchen Menschen kann man nicht vernünftig reden, weil sie cholerisch, narzisstisch, dumm, extremst überempfindlich, eitel oder chronisch beratungsresistent sind. Manche Leute sind sogar alles auf einmal. Da kann man nicht einfach hingehen und sagen, was man denkt und wie man es denkt, weil der andere das unter Garantie in den völlig falschen Hals bekommt und da, wo anfangs nur eine Meinungsverschiedenheit war, explodiert ein Streit, bei dem garantiert immer ich verliere, weil ich einfach nicht anders kann, als sachlich zu argumentieren.

Gut, ich neige auch zu emotionalen Argumenten, aber die kennzeichne ich stets als solche, und tu nicht so, als wären es Fakten. Und wenn dann jemand völlig unfair kämpft und mir Vorwürfe macht, auf die ich im Traum niemals gekommen wäre, dass man mir das ernsthaft unterstellen könnte, dann fange ich an zu heulen oder zu schreien oder beides, und es dauert ewig, bis ich mich wieder eingekriegt habe. Das ist anstrengend! Dazu habe ich nicht die geringste Lust! Und deswegen ziehe ich es gelegentlich vor, mich im Stillen über derartige impertinente Troglodyten zu ärgern, bis ich irgendwann ausgebrummelt habe.

6. „Wollen wir noch spontan irgendwohin?“

Spontane Antwort? Nein. Ich mag gern gemütlich mit Freunden und netten Menschen in einer muckeligen Runde zusammensitzen und klönen. Warum um alles in der Welt sollte man so einen schönen Moment unterbrechen, um in einen lauten, stinkigen, engen Club zu gehen, in eine verrauchte Kneipe oder sonstwohin, wo man sich nicht problemlos unterhalten kann? Ich habe das nie verstanden, warum man nicht einfach an einem Platz bleiben und sich dort amüsieren kann und was daran so toll sein soll, von einem Ort zum nächsten zu ziehen.

7. „Jetzt sei doch nicht so langweilig“

Und das ist der Vorwurf, den man dann oft von Leuten zu hören bekommt, wenn man auf die Frage „Wollen wir noch spontan irgendwohin?“ mit „Och nööö“ antwortet. Zum Glück bin ich jetzt in einem Alter, wo meine Freunde Ruhe und Frieden zu schätzen gelernt haben und es vollkommen in Ordnung finden, einen netten Abend zu Hause zu verbringen, anstatt auf die Piste zu gehen. Hinzu kommt, dass inzwischen die Freunde, die feierwütiger sind als meine Langweiligkeit, ihre eigenen Wege gehen und wir kaum noch Kontakt haben. Das ist aber auch in Ordnung so, schließlich hat ja jeder eine unterschiedliche Auffassung von Spaß und wenn die komplett anders ist als meine, hat man dann getrennt voneinander mehr Spaß als zusammen und da haben dann alle mehr von.

8. „Mach doch mal mehr aus deinem Typ“

Würde ich ja, wenn ich Lust dazu hätte. Habe ich aber nicht, also lass mich in Ruhe. Das Ding ist, ich bin in mancherlei Hinsicht ziemlich bequem und habe keine Lust, ewig viel Zeit in mein äußeres Erscheinungsbild zu investieren. Außerdem finde ich es Quatsch, mich zu schminken, wenn ich von Natur aus dunkle Augenbrauen und Wimpern, volle Lippen und einen einigermaßen glatten Teint habe. Natürlich würde ich mit Make-up noch schöner aussehen und bla. Aber ich bin einfach nicht eitel genug, um meine Abneigung gegen farbige Pampe im Gesicht und meine noch größere Abneigung dagegen, den Scheiß hinterher wieder abzuschmieren, zu überwinden.

9. „Drück dich doch mal klarer aus“

Hör du doch mal genauer hin. Ich hasse es, wenn Leute mir sagen, ich sollte mich klarer ausdrücken, weil ich finde, zu einem Missverständnis gehören immer zwei Leute und dann soll man sich um seine eigene Seite kümmern, anstatt mir Vorschriften und Vorwürfe zu machen. Man kann gern sagen, dass man mich falsch verstanden hat, dass man meine Aussage so und so interpretiert hat, und dann komme ich schon von selbst zu der Schlussfolgerung, dass ich mich künftig klarer ausdrücken muss. Aber mir einfach vor den Latz zu knallen, dass ich unverständlichen Dünnpfiff labere, ohne sich selbst und seine eigene Wahrnehmung auch nur eine Sekunde infrage zu stellen, finde ich überheblich und mir gegenüber ziemlich unfair.

10. „Wo liegt denn das Problem?“

Tja. Wie erklärt man jemandem, der kein Problem in einem Sachverhalt sieht, wo für einen selbst das Problem liegt? Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Dann erklärt man da ewig herum, und der andere guckt einen völlig ratlos an und versteht nicht ansatzweise, worauf man hinaus will und worüber man sich derart aufregt. Und das macht einen dann natürlich noch wütender. Und dann dauert es nicht lange, dann fällt der Satz „Reg dich doch nicht so auf“, was dann dazu führt, dass man sich noch mehr aufregt. Es mag ja Menschen geben, die sich gern aufregen, aber zu denen gehöre ich ganz und gar nicht.


Und, welche Sprüche treiben euch so richtig zur Weißglut?

Essai 165: Über Humor, den ich nicht verstehe

25. September 2016

Mit dem Humor ist das wie mit dem Musikgeschmack: Jeder ist der Meinung, der eigene sei der einzig Wahre. Da bin ich keine Ausnahme, ich finde auch, dass mein Sinn für Humor Maßstab aller Lustigkeit ist und mein Musikgeschmack ganz klar nur gute Musik einschließt und alles, was ich nicht mag (Elektro, Free Jazz, Bäh!), ist keine richtige Musik, sondern nerviges Gedudel und unerträglicher Lärm. Da habe ich auch recht, bin ich der Meinung. Auf der anderen Seite gibt’s halt auch genug Leute, die Elektro und Free Jazz über alles lieben und finden, dass zum Beispiel Eurodance der absolute Tiefpunkt jeglichen Musikgeschmacks darstellt. Ich hingegen mag Eurodance sehr gern, weil es mich an meine Jugend erinnert und ich die Texte noch mitsingen kann (nicht, dass „Oooh lalala, I love you Baby“, „What is love? Baby don’t hurt me, don’t hurt me no more“ oder „Ooh, Aah, Just a little bit, Ooh, Aah, a little bit more …“ besonders schwer zu merken wären – Na, wer hat jetzt auch einen Ohrwurm?), aber ein Metalfan würde da jetzt die Hände über den Kopf zusammenschlagen und sich wünschen, er wäre tot, nur um nie wieder so etwas Schreckliches zu hören.

Und das hat man beim Humor halt auch. Ich bin der Ansicht, dass das, was ich witzig und komisch finde, auch witzig und komisch ist, und alles, worüber ich nicht lachen kann, jeglichem Sinn für Humor zuwiderläuft. Das ist zwar völliger Quatsch, denn Geschmäcker sind nichts weiter als Meinungen, und die können – im Gegensatz zu Fakten – verschieden und trotzdem gleichermaßen richtig und gültig sein. Aber ich habe finde ich trotzdem recht 😛

Allerdings spricht dagegen, dass sich mein Sinn für Humor im Laufe meines Lebens gewandelt hat. Früher als Kind und Teenie konnte ich mich über Pupswitze kaputtlachen, heutzutage rolle ich mit den Augen und denke „Pff, wie vulgär!“ Als Kind fand ich es auch unfassbar komisch, Telefonstreiche oder Klingelstreiche zu machen, nun finde ich das kindisch und albern. Ich frage mich, ob mein junges Ich und mein erwachsenes Ich viel miteinander zu lachen hätten …

Auf jeden Fall stelle ich fest, dass meine Toleranz für meiner Meinung nach dummen Sinn für Humor gaaanz tief gesunken ist. Zum Beispiel, wenn Leute in meinem Alter eine Wasserpistole in die Hände bekommen, und es unglaublich amüsant finden, andere Menschen damit nasszuspritzen, da könnte ich immer ausrasten. Warum können sie sich nicht gegenseitig nassspritzen und mich in Ruhe lassen? Dann treffen Leute mit demselben Idiotenhumor aufeinander und können sich einen Keks freuen und ich bleibe gemütlich trocken und kann in Ruhe mein Buch weiterlesen oder meine Umgebung friedlich beobachten.

Es ist aber offenkundig so, dass manche Leute es einfach sehr sehr witzig finden, andere zur Weißglut zu treiben. Daher ergibt es für sie dann humortechnisch keinen Sinn, Leute nasszuspritzen oder anderweitig grundlos auf die Nerven zu gehen, die das ebenso komisch finden wie sie. Der Spaß scheint für sie darin zu liegen, dass der andere sich aufregt. Und ganz ehrlich: Ich. Verstehe. Das. NICHT!!!

Ich kann etwa auch nicht begreifen, warum manche Leute dauernd Streit suchen und mich oder andere friedliebende Zeitgenossen aus dem Nichts heraus provozieren und an ihren Achillesfersen herumpieken und so lange sticheln und ärgern, bis dem anderen irgendwann der Kragen platzt und er ausfallend wird oder laut oder beides, obwohl das normalerweise überhaupt nicht seine Art ist, und der arme Tropf (also ich) nach jedem Wutanfall Ewigkeiten braucht, um sich wieder einzukriegen. Was soll denn das? Warum kann man Menschen, die einem nichts getan haben und die einem überhaupt nichts Böses wollen, nicht einfach in Ruhe sein lassen, wie sie sind?

Das würde mich wirklich mal interessieren, was die Motivation hinter einem solchen aggressiven, unhöflichen und gemeinen Verhalten ist. Wenn man Leute angreift und nervt, die irgendwie scheiße sind oder extrem dumme Ansichten vertreten und zum Beispiel die AfD gut finden oder so – das kann ich nachvollziehen, da juckt es mich auch, eine Diskussion vom Zaun zu brechen, und manchmal kann ich da nicht an mich halten. Aber wenn Menschen mir nichts getan haben und zwar anderer Meinung sind als ich, aber keinen haarsträubend blöden Standpunkt haben, sondern die Dinge einfach aus einer anderen Perspektive heraus betrachten als ich, vielleicht sogar aus ihrer Sicht nachvollziehbare Argumente für ihre Meinung haben, dann kann ich das doch auch einfach mal akzeptieren? Wieso muss ich die denn dann noch triezen?

Vielleicht kann mir das ja mal jemand erklären? Ich kann es nämlich nicht leiden, wenn ich Sachen nicht verstehe …

Essai 162: Über dumme Sachen, die man sagt, wenn einem nichts Schlaues einfällt

8. August 2016

Menschen sind seltsame Geschöpfe, sie scheinen es nur schwer auszuhalten, einfach mal still zu sein, wenn ihnen nichts Konstruktives einfällt, was sie in einer bestimmten Situation sagen könnten. Da bin ich keine Ausnahme, auch ich ertrage peinliches Schweigen so gut wie nie mit Fassung und versuche dann, irgendwas zu sagen, und das ist dann meistens noch viel peinlicher, als wenn ich einfach den Mund gehalten hätte.

Das Gute daran ist, dass es einen viel lustigeren Essai ergibt, wenn man über eigene Peinlichkeiten schreibt, als wenn ich jetzt hier herumtröten würde, wie unfassbar toll ich bin, dass ich nie Fehler mache und was Besseres bin als alle anderen Idioten und man sich mir als Vorbild für Anstand, gutes Benehmen und vortreffliche Manieren nehmen sollte. Ernsthaft, lasst das lieber, ich habe auch keine Ahnung von wasauchimmer.

Ich habe hier einfach mal in loser, willkürlicher Reihenfolge ein paar Allerweltsaussagen zusammengetragen, die man gern mal von sich gibt, um überhaupt etwas zu sagen, obwohl einem eigentlich gar nichts dazu einfällt. Weitere Sprüche und Geschichten dazu können gern in den Kommentaren verewigt werden 😀

1. „Vorsicht“ (nachdem das, vor dem man sich in acht nehmen soll, bereits geschehen ist)

Mich nervt es ungemein, wenn ich irgendwo gegenlaufe, mir den Kopf stoße oder ich über etwas stolpere und dann sagt irgendein Schlaumeier „Vorsicht“ oder „Achtung“ oder sowas. Leider bin ich auch oft dieser nervtötende Blitzmerker, der Leute auf Gefahren aufmerksam macht, in die sie gerade schon selbst getappt sind. Das ist eigentlich total bescheuert und nicht ansatzweise hilfreich, aber offenbar braucht das Gehirn manchmal einen Moment, vor allem, wenn es sich erschrocken hat, bis es eine potenzielle Gefahrensituation als solche erkannt hat – und dieser Moment zieht sich anscheinend gelegentlich so lang, dass die Gefahr schon längst wieder vorbei ist, bevor man sie realisiert hat.

Um die Nerven desjenigen, der gerade gestolpert ist oder sich gestoßen hat, nicht zu stark zu strapazieren, könnte man jedoch vielleicht beim nächsten Mal statt „Vorsicht“ lieber sagen „Oh, hast du dir wehgetan?“

2. „Frag doch mal“

Wenn ich einkaufen gehe und etwas Bestimmtes suche, dann gucke ich gern ersteinmal in Ruhe selbst, ob ich das Gesuchte finde. Gelingt es mir nicht, das Objekt meiner Begierde alleine aufzutreiben, frage ich einen Verkäufer. Es kann jedoch auch sein, dass ich keine Lust habe, zu fragen und dass mir die Sache so wichtig nun auch wieder nicht ist, sodass ich den Laden wieder verlasse, ohne etwas gekauft zu haben.

Das ist überhaupt nicht schlimm und gar kein Problem, was ich allerdings nicht ausstehen kann, ist, wenn mich jemand beim Einkaufen begleitet und mich dazu ermuntern will, einen Verkäufer zu fragen, während ich selbst grad noch gucke oder wenn ich bereits entschieden habe, dass ich auch ohne das Ding leben kann und ich keinen Bock habe, mit fremden Leuten zu reden. „Frag doch mal“ ist in diesem Moment ein Satz, der mich zielsicher mit 180 Sachen auf die Palme bringt, weil er suggeriert, dass ich zu doof bin, selbst auf die Idee zu kommen, jemanden um Rat zu fragen, der es besser weiß als ich, wenn ich alleine keine Lösung finde. Grummel!

3. „Ich hab’s dir ja gesagt!“

Zugegeben, diesen Satz muss ich mir selbst soooo oft verkneifen – und manchmal rutscht er mir dann doch heraus. „Ich hab’s dir ja gesagt“ oder „Das hätte ich dir auch gleich sagen können“ helfen dem anderen kein Stück und reiben ihm außerdem noch unter die Nase, dass nur eine totale Vollnulpe wie er die Konsequenzen seiner von vorneherein zum Scheitern verurteilten Idiotenentscheidung nicht hätte vorhersehen können und dass er deswegen ständig einen Anstandswauwau an seiner Seite braucht, der aufpasst, dass er keinen Mist baut.

Manche Menschen machen es einem wirklich nicht leicht, auf dumme Klugscheißersprüche zu verzichten, weil sie wirklich dauernd komplett dämliche Entscheidungen treffen und keine Sekunde vorher mal nachdenken und sich hinterher über die Konsequenzen wundern, die andere dann immer wieder geradebiegen müssen. Da muss ich mir dann richtig auf die Zunge beißen, um nicht ein sarkastisches, überhebliches „Pff, war ja klar!“ vom Stapel zu lassen. Selbst, wenn Leute allumfassend unfähig sind, ist niemandem damit gedient, wenn man es ihnen ständig sagt. So ändert sich ja nie etwas, wenn man ihr Selbstwertgefühl mit Füßen tritt. Allerdings weiß ich auch nicht, was man stattdessen machen soll, wenn erwachsene Menschen durch ihr eigenes dummes Verhalten ständig in ihr Verderben rennen, man sieht das und warnt und der andere baut trotzdem Mist, weil er meint, alles besser zu wissen. Vielleicht schweigen und den anderen sein Chaos alleine aufräumen lassen? Und konkrete Tipps geben, falls der andere seinen Fehler doch einsieht, wie sich sowas künftig vermeiden ließe?

4. „Beeil dich!“

Gut, ich bin gelegentlich etwas verträumt und mit meinen kurzen Beinchen kann ich ohnehin nicht so schnell laufen. Da kann ich verstehen, wenn das andere nervt und sie ungeduldig werden. Trotzdem weiß ich ja, wenn Eile angesagt ist, und dann mache ich halt so schnell wie ich kann, ohne dass man mir ein genervtes „Beeil dich!“ vor den Latz knallt. Oder es ist keine Eile angesagt, dann sehe ich nicht ein, warum ich mich grundlos abhetzen und herumstressen sollte. So einfach ist das.

5. „Das bist nicht du“

Menschen ändern sich, entwickeln sich und nicht immer kommt das Bild, das wir uns von ihnen gemacht haben, schnell genug hinterher. Wenn sie sich dann für uns ungewohnt verhalten, kann uns das irritieren. Allerdings ist es dann überhaupt nicht sinnvoll „Das bist nicht du“ oder sonstwas Kategorisches zu sagen, das den anderen in eine Schublade steckt, ihm ein Etikett aufklebt und ihm unterstellt, dass man viel besser weiß als er selbst, wer er ist und wer nicht. Das finde ich fürchterlich arrogant, selbstherrlich, selbstgefällig und destruktiv. Warum steht man nicht dazu, dass man überrascht ist und schildert seine Verwirrung ganz ehrlich und fragt neugierig, wie es zu der Veränderung kam? Das ist doch spannend, wenn Menschen sich entwickeln.

6. „Nicht, dass du dich hinterher beschwerst!“

Dieser Satz fällt meistens dann, wenn jemand mir einen seiner Meinung nach unverzichtbar guten Rat ungefragt aufbrummt und ich diesen dankend ablehne beziehungsweise mit einer vagen Larifari-Antwort versuche, mir die Entscheidung, ob ich den Rat befolge oder nicht, für später vorzubehalten. „Nicht, dass du dich hinterher beschwerst“ nervt deswegen, weil er ähnlich wie „Frag doch mal“ mir unterstellt, dass ich zu blöd bin, eigene Entscheidungen zu treffen und mit den Konsequenzen zu leben. Außerdem wird damit angedeutet, dass ich mich andauernd über selbstverschuldete Unannehmlichkeiten beklage, obwohl man doch ständig großmütig versucht, mich vor mir selbst zu schützen.

Das bedeutet ja nicht, dass man anderen nicht ungefragt einen guten Rat geben darf (wobei ich es immer höflicher und respektvoller finde, vorher zu fragen). Aber die Entscheidung, ob der andere dem Rat folgt oder nicht, bleibt beim Betroffenen, nicht beim Ratgebenden. Wenn dieser wirklich dem anderen helfen und ihm etwas Gutes tun will, sollte er seinen Rat geben und gut ist. Ansonsten wirkt das respektlos und übergriffig und dient nur dem Zweck, sein eigenes Ego aufzuplustern.

Essai 155: Über stilvolles Beleidigen

13. April 2016

Wer sich auf Onlineforen oder in den Kommentarspalten sozialer Medien tummelt, hat oft Gelegenheit, die Kunst des stilvollen Beleidigens zu trainieren. Es ist wirklich faszinierend, wie viel Unsinn sich Menschen ausdenken und auch noch für alle lesbar niederschreiben können. Darüber kann man verzweifeln, muss man aber nicht. Allerdings ist es auch wenig erquicklich, auf einen strunzdämlichen Kommentar zu antworten, dass der Kommentar strunzdämlich ist. Das Problem mit Idioten ist nämlich, dass die einen auf ihr Niveau herunterziehen und mit Erfahrung schlagen, wenn man sich auf eine Diskussion mit ihnen einzulassen versucht. In der Folge wirft man sich gegenseitig stillose Beleidigungen an den Kopf und hinterher hat man schlechte Laune, weil der Idiot einen längeren Atem als man selbst in Bezug darauf hat, seinen geistigen Dünnpfiff wiederzukäuen.

Was also kann man tun? Ignorieren? Ist eigentlich für den Seelenfrieden am besten, aber ab und zu juckt es einen dann ja doch in den Fingern. Oder es besteht Hoffnung, dass der Idiot vielleicht nicht ganz so dämlich ist und sich von sachlichen Argumenten möglicherweise doch zum Nachdenken anregen lässt. Und wenn schon nicht er selbst, dann vielleicht Menschen, die den Wortwechsel mitlesen. Stilvolles Beleidigen ist da eine ganz pfiffige Strategie, und die geht so:

1. Stilvolles Beleidigen ohne Beleidigungen

Hö? Stilvolles Beleidigen muss ohne Beleidigungen auskommen? Wie geht das denn? Tja, das ist paradox, aber tatsächlich ist es das Beste, wenn man den anderen nicht offensichtlich und offensiv beleidigt. Sonst ist er nämlich in der vorteilhaften Position, sich als Opfer ungerechtfertigter Angriffe stilisieren zu können und braucht überhaupt keine Argumente mehr, um als Derjenige, der recht hat, dazustehen. Blöd. Also bleibt man ganz höflich, sachlich und freundlich, zeigt Respekt und Achtung vor seinem Gegenüber und hinterfragt lediglich den Inhalt des Kommentars, wird also nicht persönlich.

Weiterer Vorteil: Der andere kennt diese Art der Kommunikation wahrscheinlich nicht, ist verwirrt und irritiert – und gerät womöglich ins Straucheln. Wenn man Glück hat, wird er selbst ausfallend und beleidigend, sodass man selbst wiederum in der vorteilhaften Position ist, sich als Opfer ungerechtfertigter Angriffe hinstellen zu können. Ausgebufft, oder? Also, anstatt zu schreiben: „Du dumme Sau hast doch überhaupt keine Ahnung und laberst hier nur Scheiße!“ sollte man lieber schreiben: „Ich verstehe Ihren Ärger, doch Ihre Argumentation erschließt sich mir noch nicht ganz.“ Dass man den Ärger des anderen versteht, ist natürlich gelogen, aber trotzdem kann der andere nichts dagegen sagen. Ätsch 😛

2. Gegenfragen stellen

Gegenfragen sind eine einfache, aber oft wirksame Strategie, damit der andere sich selbst als Idiot entlarvt. Dann muss man nämlich nicht mehr beleidigend werden und konkret aussprechen, dass der andere strunzdummes Zeug labert und nicht alle Tassen im Schrank hat, weil das dann auch so von alleine klar wird. Hübsche Gegenfragen sind zum Beispiel: „Mögen Sie mir Argument XY noch einmal genauer erläutern?“ oder „Haben Sie dafür sachliche Argumente oder wollen Sie es bei der bloßen Behauptung belassen?“ oder „Das ist ja interessant, was Sie da behaupten, aber haben Sie dafür auch stichhaltige Quellen, die Ihren Standpunkt objektiv beweisen?“

Es kann natürlich sein, dass daraufhin wirklich stichhaltige Argumente aufkommen. Sollte dieser Fall eintreten, kann sich daraus eine fruchtbare, spannende Diskussion entwickeln und dann kann man sich freuen, dass man nicht ausfallend geworden und höflich geblieben ist. Kommen daraufhin schwachsinnige Pseudoargumente à la „Ist halt so“ oder „da muss man halt über eine gewisse Intelligenz verfügen, um das so zu sehen (wie ich, weil ich bin so kluk!)“, kann man weiter nachfragen. „Tut mir leid, aber ich habe das immer noch nicht verstanden. Wie kommen Sie darauf, dass XY tatsächlich so passiert?“

3. Quellen prüfen

Fragt man nach Quellen, muss man damit rechnen, dass wirklich welche genannt werden. In diesem Fall lohnt es sich, reinzulesen und zu schauen, woher sie kommen, wer sie geschrieben hat und einen Blick ins Impressum zu werfen. Manchmal untermauern Leute ihre Behauptungen nämlich gern mit Links, die zu irgendwelchen Blogs oder Seiten von Leuten führen, die Dasselbe behaupten und ebenfalls weder objektiv nachvollziehbare Argumente noch seriöse Quellen nennen. Das kann man gut am Tonfall erkennen: Ist er polemisch, spöttisch, höhnisch oder verächtlich? Dann ist er mit großer Wahrscheinlichkeit zur objektiven Beweisführung ungeeignet.

Stutzig werden sollte man außerdem, wenn es weder ein Impressum noch ein Autorenporträt gibt. Ein Impressum habe ich auch nicht, aber immerhin könnt ihr unter „Über die Autorin“ erfahren, wer eigentlich diese Isabelle Dupuis ist, die hier so herumklugscheißert und immer alles besser weiß. So könnt ihr entscheiden, ob ihr findet, dass meine Expertise ausreicht, um hier etwas zum Thema stilvolles Beleidigen überzeugend darbringen zu können, oder ob ihr findet, ich habe zu dem Thema ja wohl gar nichts zu melden und soll mich hier gefälligst nicht so aufplustern und meine blöde Klappe halten. Gibt es keine Informationen darüber, was für Erfahrungen ein Autor hat, ist es nicht möglich, den Glaubwürdigkeitsfaktor eines Texts einzuschätzen. Es gibt Quellen, etablierte Zeitungen und Zeitschriften, öffentlich-rechtliche Medien, die bereits genug Glaubwürdigkeit mitbringen, weil man weiß, da arbeiten seriöse Journalisten. Die haben dann aber in der Regel ein Impressum und man merkt am Tonfall, ob der Autor sich um Objektivität bemüht oder seine subjektive Meinung über ein Thema äußert.

4. Rechtschreib- und Grammatikfehler korrigieren

Jetzt wird es doch ein bisschen unsachlich. Gibt es für die ersten drei Methoden zum stilvollen Beleidigen keine Ansatzpunkte, kann man, wenn man unbedingt etwas zu einem Meckerpöbeldummdödelkommentar sagen möchte, einfach seine Grammatik- und Rechtschreibfehler korrigieren. Keine Sorge, davon gibt es in Meckerpöbeldummdödelkommentaren immer welche zu entdecken. Trotzdem sollte man aber höflich und respektvoll bleiben. Beispiel für einen Dummdödelpöbelkommentar: „Dass ist so ein SCHWACHSINN was soll dass seit Ihr Dumm oder was!!!1111!!!??!?!??“ Da gibt es mannigfaltige Möglichkeiten, Grammatik, Rechtschreibung und Stil nach Manier eines Literaturkritikers zu zerpflücken. Trägt nichts zur Klärung des Sachverhalts bei, macht aber Spaß.

5. Nicken, lächeln, „Arschloch“ denken

Was bei Idioten im wirklichen Leben funktioniert, klappt auch bei unverbesserlichen Kommentar- und Forenpöblern. Sollten alle anderen Versuche gescheitert sein, zieht man sich am besten aus der Diskussion mit formvollendeten Manieren zurück. Also schreibt man so etwas wie „Ach so, na dann, wenn du meinst“, macht einen niedlichen Grinsesmiley dahinter, zum Beispiel 🙂 oder 😀 und denkt sich seinen Teil.

Essai 147: Über Frauen, die angeblich nichts können

26. Juli 2015

Eine Sache, die an uns Mädels echt nervig ist, ist unser überwiegend miserables Selbstwertgefühl. Irgendwie scheinen sich viele Frauen als schlechter und unfähiger einzuschätzen, als sie tatsächlich sind. Zumindest erlebe ich es immer wieder, dass meine Geschlechtsgenossinnen Dinge sagen wie: „Das kann ich nicht“, „Das ist nicht meine Stärke“, „Das Kleid? Ach, das ist doch schon uralt!“ und so weiter. Warum fällt es uns so schwer, uns einfach mal hinzustellen und zu sagen: Das bin ich. Das kann ich. Und wenn dir das nicht passt, dann ist das dein Problem! Bäm! Towabanga!

Ist uns das obsessive Tiefstapeln angeboren, anerzogen oder durch die Gesellschaft verbockt? Oder sind wir einfach selber Schuld, weil wir uns das irgendwann einmal angewöhnt haben und keine Lust haben, uns die Arbeit zu machen, es uns wieder abzugewöhnen? Vermutlich ist es eine Mischung aus allem. Auf jeden Fall ist das reichlich anstrengend, wenn man einmal angefangen hat, darauf zu achten. Eine Freundin von mir machte mich neulich darauf aufmerksam und erzählte mir eine Geschichte (eine wahre noch dazu): Vor ein paar Jahren traf sie auf dem Weg vom Einkaufen einen Nachbarn und kam mit ihm ins Gespräch. Sie unterhielten sich über alles Mögliche, doch zum Schluss wurde der Nachbar nachdenklich und sagte zu ihr: „Sag mal, ich hab jetzt von dir nur erfahren, was du angeblich alles nicht kannst. Gibt es auch etwas, wo du gut drin bist?“ Meine Freundin war sprachlos. Es war ihr überhaupt nicht bewusst gewesen, dass sie ihr Licht so konsequent unter den Scheffel gestellt hatte. Bis sie mir das erzählt hat, war mir das auch nicht so schlimm erschienen, dass ich immer in den buntesten Details meine vermeintliche allumfassende Unzulänglichkeit darlege und über meine Talente oder Begabungen gar nicht spreche.

Seltsam, mir ist das auch irgendwie total unangenehm, mit meinem Können hausieren zu gehen. Ich denke dann, das ist doch Angeberei, das tut man nicht. Oder vielmehr „frau“ tut das nicht, bei Männern ist das merkwürdigerweise weniger verpönt, wenn die sich in aller Öffentlichkeit großartig finden. Manche übertreiben es dann auch gern einmal und dann schäme ich mich ein bisschen fremd. Aber manchmal kann ich nicht umhin, das zu bewundern und mich darüber zu ärgern, dass ich nicht so locker und entspannt sagen kann, dass ich eigentlich im Großen und Ganzen schon in Ordnung bin so wie ich bin. Und was nicht so toll ist, müsste ich ja eigentlich nicht allen unter die Nase reiben, sondern könnte daran stillschweigend arbeiten. Oder könnte mir bei manchen Untalenten auch sagen, Scheiß drauf, man muss ja nicht alles können.

Stattdessen hat sich in mir die Überzeugung festgebissen, das, was ich kann, interessiere niemanden so wirklich. Das kann ich halt. Sieht ja eigentlich auch jeder, ohne dass ich das extra betonen muss, oder? Während ich bei den Dingen, die ich nicht gut kann, eher Gesprächsbedarf empfinde, weil das dann ja Probleme respektive Herausforderungen sind, die man gern lösen möchte. Oder auch nicht, bei besonders hoffnungslosen Nichtbegabungen will man vielleicht auch einfach nur darüber reden, um zu sagen: Seht her, ich bin nicht perfekt, ich bin ein menschliches Wesen, das niemandem etwas zuleide tut und geliebt werden will! Vielleicht will man als Frau mit dem Tiefstapeln sozusagen die weiße Fahne schwenken und signalisieren, dass man in Frieden kommt und keinen Konkurrenzkampf aka Stutenbissigkeit vom Zaun brechen will. Bei Männern hingegen ist Konkurrenzkampf und Wetteifern eher positiv behaftet. Niemand würde das als Zickenkrieg bezeichnen, wenn zwei Männer sich gegenseitig erzählen, wie unfassbar phänomenal sie sind. Bei Frauen schon. Deswegen versuchen wir uns gegenseitig mit unserem Unvermögen zu unterbieten, damit uns alle lieb haben.

Auf der anderen Seite finde ich es dann auch wieder ganz nett und witzig, wenn Menschen mit einer von sokratischer Ironie geprägten Haltung durchs Leben flanieren und wissen, dass sie nichts wissen. Es gibt da ja schon auch Nuancen. Wenn man ab und zu mit einem Lächeln zu seinen eigenen Schwächen steht, die man nicht ändern kann, anstatt immer nur zu erzählen, wie fantastisch man ist, macht einen das ja auch menschlich. Aber wenn man ständig jammert, man könne dies nicht und das nicht und nicht eine Sekunde darüber nachdenkt, ob das überhaupt in dem Ausmaß stimmt, dann ist das anstrengend. Man entwickelt sich nämlich auch weiter, und manchmal kommt die Selbstwahrnehmung nicht so schnell hinterher und dann denkt man, man sei immer noch genauso doof wie vor zehn Jahren, obwohl man längst Fortschritte gemacht hat. Da ist das dann ganz gut, wenn man nette Freunde hat, die einem ab und zu mal den Kopf zurecht rücken.

Letztens war ich beim Friseur und hatte ein Foto von meinem Wunschhaarschnitt dabei. Die Friseurin guckt sich das Bild an, völlig entgeistert und klagt: „Ja, aber das ist ja gestylt. Das kann ich so nicht schneiden.“ Ich: „Das ist schon klar, ich meine ja auch die Länge. An den Seiten und am Hinterkopf schön kurz, oben etwas länger, wie auf dem Foto.“ Friseurin: „Hmmmm, aber das ist ja gestylt, ich weiß nicht, das geht nicht, ich kann das so nicht schneiden, ich trau mich nicht, bla.“ (An dieser Stelle war ich kurz davor zu gehen, zu lange Haare hin oder her) Dann kam eine Kollegin dazu und fragte: „Kannst du mit dem Messer schneiden?“ Friseurin: „Nee, das habe ich ja noch nie gemacht.“ (Vielleicht war sie gar nicht Friseurin?) Kollegin (seufzt): „OK, lass, ich mach.“ Zack! So geht das!

Ich finde, wir können ruhig häufiger mal dazu stehen, wenn wir etwas können. Schließlich können Ausbildung und/oder Lebenserfahrung nicht komplett spurlos an uns vorübergegangen sein, oder? Irgendetwas wird schon hängengeblieben sein und wenn nicht: Es ist nie zu spät, sein Leben zu ändern und an dem zu arbeiten, was wir gern anders hätten. Und Komplimente dürfen wir auch ruhig einfach mal ohne Gedöns annehmen und uns darüber freuen. Jemand findet das Kleid schön, das man trägt? Ein Lächeln und ein Danke reichen als Antwort! Kein „Ach, das olle Ding?“ oder „Oh, das gab es im Angebot, so ein NoName-Teil, nichts Besonderes“ oder was auch immer.


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