Archive for Juni 2011

Essai 74: Über Selbstbetrug und den gegenteiligen Effekt übertriebener Selbsaffirmation

12. Juni 2011

Eigentlich bin ich normalerweise ein ziemlich netter Mensch. Ich lasse den Leuten ihre Illusionen, selbst wenn es noch so offenkundig ist, dass sie sich gerade selbst belügen. Ich finde, das geht mich nichts an. Außerdem möchte ich auch, dass man mir meine Illusionen lässt (zum Beispiel die, dass ich eigentlich normalerweise ein ziemlich netter Mensch sei) und grundsätzlich versuche ich immer, das, was ich von anderen erwarte, erst einmal selbst zu erfüllen. Nein, wirklich! Ich schwöre! Ich bin nämlich eigentlich normalerweise ein ziemlich netter Mensch. Ohne Scheiß! Das meine ich wirklich so. Kein Witz.

Was ich gerade vorgeführt habe ist übertriebene Selbstaffirmation. Das ist die wohl verbreitetste Methode, ziemlich ungeschickt zu versuchen, sich selbst davon zu überzeugen, dass das, was man von sich selber denkt oder was man gerne für die Wahrheit halten möchte, auch tatsächlich die Wahrheit ist. Was bei den Außenstehenden ankommt ist eher das Gegenteil. Denn warum muss man sich überhaupt erst einmal von etwas überzeugen, das einfach so ist, wie es ist? Sprich, wenn ich ein netter Mensch bin, dann bin ich das einfach und dann wird das meine Außenwelt schon mitbekommen, durch die Art, wie ich mich verhalte, durch meine Handlungen, meine Ausstrahlung, was weiß ich. Wenn ich aber meine Zeit damit verschwende, herumzutröten wie unglaublich nett ich doch im Grunde sei, dann fragen sich doch alle Außenstehenden zu Recht, warum die denn da so herumtrötet, hat sie was zu verbergen, was hat sie zu verbergen, die ist bestimmt in Wirklichkeit gar nicht nett, die blöde Kuh.

Natürlich sind wir alle bemüht, ein möglichst positives Selbstbild von uns aufzubauen und aufrecht zu erhalten. Dass wir uns dabei dem Mittel der Selbstaffirmation bedienen („Ich bin ja mehr so und so und ich bin ja eher so der Dingsdabums-Typ und nicht so sehr der Blabla-Tralala-Typ…“) ist wohl ganz natürlich. Aber wir kennen sicherlich alle diese unglaublich blasierten, selbstverliebten Schnösel, die die Selbsaffirmation zur einzigen Daseinsgrundlage erklärt haben und unentwegt sich selbst definieren. Und dabei gar nicht merken, dass das nicht nur keine Sau interessiert, sondern dass es sowieso auch keiner glaubt. Wen interessiert das denn zum Beispiel ernsthaft, ob jemand eher der Wasser-mit-wenig-Kohlensäure-Typ ist oder der Wasser-mit-viel-Kohlensäure-Typ? Und wenn jemand mich stundenlang zutextet, wie absolut wundervoll doch das Leben als ewiger Junggeselle sei, weil man ja tun könne was man wolle und keiner rede einem dazwischen und überhaupt wären Frauen ja auch sowas von anstrengend und meckern dauernd rum und  verstehe einer die Frauen und ganz klar, ohne Frauen sei man besser dran, No woman, no cry, Hahahaha, Blablablabla-Sülz-Schwafel-Laber-Rhabarber… *Schnarch* – Oh – Sorry – ähm – wo war ich stehengeblieben? Ach ja, also wenn mich jemand derart zutextet, dann merke ich doch gleich, unser möchtegern-misogyner Trottel ist einfach ein armer Tropf, der schlichtweg nicht weiß, wie er auf Frauen zugehen soll und weil er sich aber nicht eingestehen will, dass er der Trottel ist, redet er sich einfach ein, die Frauen wären Schuld. Das ist ja auch schön einfach.

Warum tun wir das eigentlich alle? Uns selbst belügen? Ich glaube, wir versuchen es uns einfach so leicht wie möglich zu machen. Das ist klar, wir brauchen irgendwie Halt und Orientierung in dieser lauten, hektischen, verwirrenden Welt. Wir müssen uns entscheiden, wir müssen eine Auswahl treffen von dem was wir sind und was wir nicht sind. Das ist natürlich nicht gerade einfach, weil die Entscheidung für eine Sache auch immer gleich den Verzicht auf eine andere Sache mit sich bringt. Um aber nicht vollends durchzudrehen bei der schier grenzenlosen Auswahl, müssen wir uns aber entscheiden und diese Entscheidungen akzeptieren. Um sie zu akzeptieren müssen wir sie uns mitunter auch mal schönreden.

Ich denke, solange das alles im Rahmen bleibt, ist das ja auch ganz natürlich und völlig in Ordnung. Aber wenn es Überhand nimmt und zu einer permanenten Selbstaffirmation ausartet, dann nervt das nur noch und wird obendrein unglaubwürdig.

Und ab und zu kann man auch mal seine eigenen Überzeugungen kritisch hinterfragen und beleuchten, ob alle Frauen dieser Erde wirklich die Reinkarnation Satans sind, oder ob man(n) da nicht vielleicht auch ein kleines Bisschen selbst dazu beiträgt, dass das mit der Damenwelt nicht immer alles so supi-glatt läuft. Das gilt natürlich auch umgekehrt für die Mädels. Aber seltsamerweise kriege ich es seltener mit, dass Frauen herumheulen, dass alle Männer kacke sind, als umgekehrt. Das gibt’s natürlich auch, keine Frage. Und das ist genauso bescheuert, in welche Richtung auch immer es geht. Und in Wahrheit ist man einfach nur zu feige und zu faul, sein eigenes Verhalten mal kritisch zu beleuchten. Mehr muss man dazu nämlich nicht tun. Dann geht einem nämlich automatisch auf, was man falsch macht. Und wenn nicht, dann kann man ja mal Freunde um eine realistische Einschätzung des eigenen Verhaltens bitten, aber nicht hinterher beleidigt sein, wenn die auch tatsächlich erfolgt.

Es ist schon richtig, was Einstein einmal sagte: „Zwei Dinge sind unendlich: Das Universum und die menschliche Dummheit.“

Advertisements

%d Bloggern gefällt das: