Posts Tagged ‘Gutmenschen’

Essai 98: Über intolerante Ignoranten und die sogenannte Homo-Ehe

22. Januar 2013

Eins muss ich mal in aller Deutlichkeit sagen: Religiöse Fanatiker nerven! Haben von Tuten und Blasen keine Ahnung, aber müssen allen Leuten vorschreiben, was sie zu tun und zu lassen haben. Ganz besonders lästig sind, auf der westlichen Hälfte der Erdkugel, die christlichen Extremisten. Machen einen auf tolerant und verplempern dann ihre Zeit damit, anderen Menschen ein bisschen Glück zu verbieten, das niemandem weh täte, wenn es ihnen erlaubt würde.

Man ahnt es bereits, ich bin beim Thema „Homo-Ehe“. Die Tüddelchen sind Absicht, ebenso das „sogenannte“ im Titel. Mir persönlich gefällt die Formulierung nämlich nicht sonderlich. Das wirkt so, als wäre die „Homo-Ehe“ etwas anderes als die „Hetero-Ehe“ und als wäre Ersteres nicht selbstverständlich, Zweiteres hingegen ja. Besser gefällt mir die französische Bezeichnung „Mariage pour tous“ – „Ehe für alle“. Es fällt mir nämlich wirklich nicht ein einziger Grund ein, warum nicht alle heiraten und warum nicht alle Kinder adoptieren dürfen sollten. Es ist doch völlig egal, aus wie vielen Leuten welchen Geschlechts auch immer eine Beziehung besteht. Wenn man sich liebt und das rechtlich verankern und mit seiner ganzen Familie und seinen Freunden feiern will, dann soll man doch ruhig heiraten. Das ist doch schön. Und einem Kind ist das doch völlig wumpe, ob es nun zwei Papas, zwei Mamas, einen Papa und eine Mama oder nur einen davon oder sonstwas hat, Hauptsache, da ist überhaupt jemand, der sich liebevoll kümmert und sich für das Kind interessiert. So einfach ist das.

Leider denken nicht alle so, wenn ich mir diese ganzen intoleranten Ignoranten ansehe, die in Frankreich auf die Straße stürmen und wutentbrannt dagegen protestieren, dass Menschen, die sie nicht einmal kennen, die niemandem irgendwas getan haben, wie „normale“ Menschen behandelt werden wollen. Und in Deutschland ist das ja keinen Deut besser. Auch hier sitzen die Idioten im selbstauferlegten Auftrag des Herrn in den Talkshows und verbreiten geistigen Dünnpfiff, den sie sich nicht einmal selbst ausgedacht haben. Da wiederkäuen sie immer wieder den gleichen Salat, von wegen, eine Familie bestehe nun mal eben aus Vater, Mutter, Kind. Und was beim Wiederkäuen herauskommt, weiß man auch mit rudimentären Kenntnissen der Landwirtschaft, das ist nämlich Mist.

Es ist genau die gleiche alte Leier wie auch schon beim Thema Betreuungsgeld oder auch beim Thema Frauenquote. Vornehmlich die feinen Herrn und Damen von der „Christlich Sozialen Union“ (Christlich? Sozial? Union? – am Arsch!) werden offensichtlich nicht müde, gebetsmühlenartig zu wiederholen, dass sie sich in dem Punkt nun mal eben so und so entschieden haben und das bleibt jetzt bis in alle Ewigkeiten so und damit Ende der Diskussion. Unfassbar, dass es tatsächlich noch Leute gibt, die diese fanatischen Dummköpfe überhaupt beachten. Am besten wäre es, Ignoranten zu ignorieren, dann können die herumblubbern so viel sie wollen, sie richten dann immerhin keinen Schaden am allgemeinen gesellschaftlichen Wohlbefinden an. Aber nein, stattdessen lädt man sie hierzulande in Talkshows ein. Warum? Man weiß doch vorher, was sie sagen werden und man weiß auch schon vorher, dass sie ihre Meinung niemals ändern werden. Wieso bietet man denen so eine große Plattform? Die können ja am Stammtisch von mir aus gerne ihre kernigen Phrasen dreschen, aber im Fernsehen hätte ich gerne meine Ruhe vor diesen Pappnasen. Zum Glück kann man ja umschalten. Aber leider gibt es ja auch immer wieder Leichtbeeinflussbare, die eben nicht wegschalten und sich von dem überzeugten Auftreten religiöser Eiferer blenden lassen.

Wovor haben die Gegner der „Ehe für alle“ eigentlich Angst? Das verstehe ich wirklich nicht. Was soll denn Schlimmes passieren, wenn Schwule und Lesben heiraten und Kinder adoptieren dürfen? Außer, dass die sich dann freuen. Oder geht das hier nur um Rechthaberei? Das Gefühl habe ich nämlich, dass es den bedenkentragenden Miesmachern nur darum geht, recht zu haben und anderen Leuten das Leben schwer zu machen. Nicht mehr, nicht weniger. Geht es ihnen dadurch besser? Nein. Wird die Welt dadurch friedlicher? Nö. Hat das überhaupt irgendeinen tieferen Sinn? Pustekuchen. Ich könnte jetzt natürlich eine unflätige Vermutung äußern, in der möglicherweise die Begriffe „chronisch“ und „Untervögelung“ fallen würden, aber nachher fühlen sich wieder irgendwelche Leute beleidigt und sind dann erst Recht nicht gewillt, mal ein bisschen ihr Oberstübchen zu bemühen.

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Essai 90: Über Ersatz-Probleme und Stellvertreter-Ärgernisse

1. Juli 2012

Am vergangenen Donnerstag ging die Welt unter. Tja, die Mayas lagen falsch und waren ein halbes Jahr zu spät dran mit ihrer Schätzung. Aber die Mayas kannten ja auch noch keine Fußball-Europameisterschaften. Hier in Deutschland aber ist Fußball offenbar die Welt und eine ‚Niederlage‘ Untergang derselben. Schlimm. Zugegebenermaßen war ich dieses Mal doppelt geknickt. Ich drücke ja immer zwei Mannschaften die Daumen, den Franzosen und den Deutschen. Die Franzosen haben diesmal die Vorrunde heil überstanden und wurden dann von den Spaniern platt gemacht und die Deutschen nun von den Italienern im Halbfinale. Also wenn hier einer Grund zum Jammern hat, dann bin ich das (und meine deutschfranzösischen Artgenossen). Ehrlich gesagt, ist mir meine Zeit dafür aber ein bisschen zu schade und deswegen schaue ich mir lieber heute Abend das Finale an und freue mich über jedes Tor das fällt.

Diese lockere Haltung ist aber jedermanns Sache nicht, statt dessen nimmt man solche – Pardon – Kleinigkeiten lieber als Anlass, sich ordentlich über Sachen aufzuregen, die eigentlich egal sind, nur um sich nicht um Sachen kümmern zu müssen, die wirklich im Argen liegen. Kommt die Kanzlerin trotzdem zum Finale?, fragen wir uns. Wann gibt’s eigentlich endlich mal einen angemessenen Mindestlohn?, fragen wir uns nicht. Uns interessiert es auch brennend, wenn ein gewisser Dieter B. eine neue, noch jüngere Freundin hat, die aber genau so aussieht, wie die davor, nur halt jünger. Gleiches gilt für all die anderen prominenten, geltungssüchtigen, triebgesteuerten Lustgreise, die nicht müde werden ihr Privatleben in der Öffentlichkeit zu zelebrieren. Ja, das ist wirklich hochinteressant. Oder ob sich der gewisse Dieter B. und ein Thomas G., formerly known as größter Entertainer den es jemals gab sich in der Jury einer nicht weiter erwähnenswerten Unterhaltungssendung ordentlich kabbeln werden oder nicht, ob genannter Herr G. nun nach seinem Talkshow-Quotendebakel vollends unter sein früheres ‚Niveau‘ gesunken ist und es einfach nicht ertragen kann, einfach auch mal nicht im Mittelpunkt zu stehen, ob dies, ob das, egal, da kümmern wir uns drum, da bleiben wir mit unserer Aufmerksamkeit hängen. Dafür machen wir uns dann halt keine Gedanken über Hungersnöte, Kriege, Armut, Seuchen, und den ganzen unangenehmen Krempel.

Wer wie wann wo mit wem was-auch-immer laufen hatte, ist ein hochinteressantes Thema für jeden Bürotratsch. Dass Berufsanfänger und Absolventen kaum noch eine unbefristete Festanstellung bekommen und sich mit Praktika, Volontariaten, freier Mitarbeit und ähnlichem durchschlagen müssen, dass sie chronisch unterbezahlt sind, dass es einen durch nichts und wieder nichts gerechtfertigten Unterschied zwischen Männer- und Frauengehältern gibt, dass es Frauen immer noch nicht leichter gemacht wird, Arbeit und Familie unter einen Hut zu bekommen, darüber macht man sich keine Gedanken. Nicht nur beim Bürotratsch, auch nicht im Bundestag. Der kümmert sich lieber um Ersatz-Probleme wie diesen völlig beknackten Betreuungsgeld-Schwachsinn, um es den Frauen einfach mal noch leichter zu machen, da zu bleiben, wo sie hingehören, nämlich zu Hause an den Herd.

Es geht natürlich noch abstruser, wenn man sich zum Beispiel mal die Altersfreigaben von Kinofilmen anguckt. Da läuft irgendwann irgendeiner nackig durchs Bild, irgendwo purzelt eine weibliche Brust aus der Bluse – zack, frei ab 18. Da werden haufenweise Menschen erschossen, das Blut fließt in Strömen, Eingeweide fliegen durch die Luft, zermatschte Gehirne gammeln in der Gegend rum, abgehackte Gliedmaßen werden hin und her geworfen – zack, frei ab 12. Verzeihung, aber ist das nicht ein klitzekleines Bisschen unverhältnismäßig?

Aber so ist er, der Mensch. Er ärgert sich lieber über Kleinigkeiten, weil ihm die wirklichen, großen Probleme Angst machen, weil er die nicht überschauen, nicht greifen kann. In jedem von uns steckt so ein kleiner Kontrollfreak, der die Dinge gerne im Griff hat. Und kleine, unwichtige Dinge im Griff zu haben oder in selbigen zu bekommen, ist dann doch etwas einfacher, als das große Ganze im Alleingang umzuwälzen. Das ist durchaus verständlich, auch wenn es die Sache nicht unbedingt besser macht. Und sich um Ersatz-Probleme zu kümmern, die eigentlich wurscht sind, oder die Lösung ist selbstverständlich, lenkt einen von der eigenen Ohnmacht ab, die man gegenüber allumfassender Ungerechtigkeit empfindet. Wenn wir nur mal aufhören würden, zu jammern und stattdessen eben bei diesen Kleinigkeiten einfach mal anfangen würden, etwas gegen kleine Probleme und kleine Ungerechtigkeiten zu unternehmen, dann würden wir es vielleicht auch mit der Zeit schaffen, gemeinsam die größeren, richtigen, wichtigen Probleme zu lösen. Dafür müssten wir aber auch aufhören, immer nur um uns selbst zu kreisen und uns auch mal für unsere Mitmenschen interessieren. Aber bis es soweit ist, gucke ich heute abend Fußball und freue mich über jedes gefallene Tor.

Essai 87: Über Migrationshintergründe

11. Mai 2012

Fürwahr, ein heikles Thema, das ich mir für diesen Essai ausgesucht habe. Man setzt sich da doch recht schnell in die Nesseln, wenn man was über Ausländer öhm tja nun Mitbürger mit migrationshintergründigen Wurzeln und Wurzelinnen erzählt. Aber da ich ja per Definition auch zu diesem Menschenschlag gehöre, weil meine Mutter nicht aus Deutschland kommt, denke ich reicht das an Qualifikation, um mich mal über diesen Begriff des „Migrationshintergrunds“ zu wundern und mich zu fragen, ob überhaupt irgendeiner eine Ahnung hat, was er meint, wenn er von „Integration“ spricht.

Recht schnell rutscht man bei den Begriffen „Migrationshintergrund“ und „Integration“ in die Klischee-Kiste ab und hüpft entweder zum einen Extrem, in dem man herumzetert, „die“ (Mitbürger mit Migrationshintergrund) würden sich ja gar nicht „integrieren“ wollen, würden außerdem „uns“ (Deutschen ohne Migrationshintergrund) die Arbeitsplätze wegnehmen und überdies seien „die“ ja auch alle faul und hätten keine Moral und was weiß ich. Oder man gleitet ins andere Extrem und gibt einem B*shid* (ich zensier den Namen mal bis zur Unkenntlichkeit, damit der mich nicht verklagt) den Bambi für seine tolle Integrationsarbeit. Der Kerl ist auch nicht ausländischer als ich, ein Elternteil kommt aus Woanders-als-Deutschland und der andere aus Deutschland. Zudem ist er in Deutschland aufgewachsen, wie ich auch. Wo bleibt also mein Bambi? Ich mag Rehe, ich würde mir das Ding sogar ins Regal stellen und mich freuen, versprochen! Meine vage Vermutung ist, dass besagter junger Mann deswegen mit dieser heuchlerischen ‚Ausländer-Scheißfreundlichkeit‘  behandelt wird, weil er eine Person des öffentlichen Lebens ist, den ‚Jugendlichen‘ als ‚Vorbild‘ dient und daher für die selbstbeweihräuchernde Prominenz bei der Bambi-Verleihung ungemein wichtig ist. Mich kennt ja kein Aas, also kann ich zwar schreiben, was ich will, aber ein goldenes Rehlein bekomme ich dafür nicht. Man muss halt Prioritäten setzen. Vielleicht bastel ich mir eins aus Alufolie und Klopapier. Aber das ist irgendwie nicht dasselbe…

Oh, ich schweife schon wieder ab, Verzeihung. Ich will mal versuchen, diesen Begriff des „Migrationshintergrunds“ ein wenig zu analysieren, vielleicht verstehe ich ja dann, was das eigentlich heißt. Dass das nicht ein fadenscheiniger Ersatz für den Begriff des „Ausländers“ ist, um politisch korrekt wirken zu können, selbst wenn man es nicht ist, ist denke ich klar. Wäre ja irgendwie auch ziemlich scheinheilig, einfach einen objektiv wirkenden Euphemismus für einen zur Beleidigung verkommenen, aber konkreten Ausdruck zu nehmen, damit keiner merkt, dass man Vorurteile hat. Dass man aber diese Vorurteile trotzdem noch hat, selbst wenn der Begriff sich geändert hat und durch seine neue Schwammigkeit auch gleich viel netter klingt, merkt man dann an Aussagen wie: „Sie sprechen aber gut Deutsch!“ – Ist wirklich wahr, das hat mal so ein Akquise-Fuzzi von einer Finanzberatung zu mir gesagt (keine Ahnung, aus welchem zwielichtigen Datenhandel-Deal der meine Nummer hatte), nachdem er festgestellt hatte, dass „Isabelle Dupuis“ doch ein französischer Name sei. Der Einfachheit halber habe ich gesagt „Ja“ und dann kam auch schon das vermeintliche Kompliment, mein Deutsch sei aber gut. Daraufhin habe ich mir den Spaß gemacht und in meinem schönsten Missingsch geantwortet: „Jo. Ich bin auch hiä geboor’n, nech“ und habe sogleich darauf verzichtet, diesem Stoffel meine spärlichen Ersparnisse anzuvertrauen. Ich kenne aber auch das andere Extrem, mir hat zwar bisher noch keiner vorgeworfen, ich hätte eine zweifelhafte Moral und würde hart arbeitenden Deutschen den Arbeitsplatz wegnehmen (wobei ich ja auch nur zur Hälfte „Ausländerin“ bin, sprich, ich bin dann nicht moralisch völlig verdorben, sondern nur halbseiden und wenn, dann nehme ich den hartarbeitenden Deutsch-Deutschen auch nur eine Teilzeitstelle weg), aber trotzdem scheinen manche Leute zu denken, sie könnten mich beleidigen, indem sie irgendwelche Sprüche über den Verzehr von Froschschenkeln und den angeblich mangelnden Wohlgeruch von Franzosen klopfen. Ich bin dann höchstens über den Mangel an Einfallsreichtum und psychologischer Subtilität enttäuscht. Einmal habe ich auch gekontert, wenn dem so ist, dass Franzosen das mit der Hygiene nicht so genau nähmen, dann stänke ich ja nur auf der einen Hälfte. Das kann man natürlich auch positiv sehen, auf der anderen Hälfte dufte ich nach Rosenblüten und so.

Was ich mit diesen kleinen Anekdoten zu demonstrieren gedenke, ist die totale Absurdität des „Migrationshintergrund“-Begriffs. Hinzu kommt, dass es offenbar bestimmte „Migrationshintergründe“ gibt, die migrationshintergründiger sind, als andere „Migrationshintergründe“. Wenn ich zum Beispiel jemanden, der gerade über „Ausländer“ herzieht, freundlich darauf hinweise, dass auch meine Mutter per Definition zu dieser Spezies gehört, bekomme ich zu hören: „Ja, du! Das ist ja wohl was anderes“. Wieso ist das was anderes? Entweder man ist Deutscher oder nicht und wenn nicht, dann ist man doch in Deutschland ein Ausländer. Ich bin Deutsche und Französin und Deutsch-Französin. Ich bin gleichzeitig Deutsche, Ausländerin, Halb-Deutsche und Halb-Ausländerin, zieht euch das mal rein. Da stößt dann doch dieses ganze Konzept an seine Grenzen und dann ist es vielleicht einfach mal an der Zeit, diese Dichotomie von „Inländer“ und „Ausländer“ fallen zu lassen. Außerdem, wie kann denn das angehen, dass ein Franzose weniger ausländisch ist, als beispielsweise ein Türke oder ein Türke mit deutscher Staatsbürgerschaft oder ein Deutscher mit türkischem Migrationshintergrund? Das ist doch Blödsinn! Wo fängt überhaupt ein „Migrationshintergrund“ an und wo hört er auf? Gibt es dabei auch eine Verjährungsfrist, so wie bei Verbrechen? Mein Vater hat zum Beispiel hugenottische Wurzeln, sprich, irgendwann vor einigen Jahrhunderten, lebten meine Vorfahren väterlicherseits in Frankreich und frönten ihrem protestantischen Glauben. Frankreich war damals in der Hand von Katholiken und aus unerfindlichen Gründen haben diese etwas gegen Protestanten gehabt und ihnen nach dem Leben getrachtet, woraufhin diese geflüchtet sind, im Falle meiner Familie nach Deutschland. Übrigens hat wenige Generationen später irgendein Urahn dann doch zum Katholizismus konvertiert, um im katholisch geprägten Süddeutschland Bürgermeister werden zu können. Ich verstehe das nicht, das ist ja nicht nur der gleiche Gott wie in allen monotheistischen Religionen, es ist auch noch derselbe, ist doch alles Christentum, wo liegt also das Problem? Manche Leute WOLLEN aber auch einfach nicht ihr Hirn benutzen. Außerdem sieht man doch daran, wie unterschiedlich sich die Texte in der Bibel deuten lassen, wie will man denn da mit Sicherheit sagen, wer denn nun eigentlich Recht hat und wer falsch liegt? Aber ich komme schon wieder vom Ästchen aufs Stöckchen, schlimm das. Wo war ich stehen geblieben? Ach ja, Verjährungsfrist für „Migrationshintergründe“. Genau. Also, hat mein Vater jetzt mit seinem hugenottischen Nachnamen und den dazugehörigen Wurzeln einen Migrationshintergrund oder nicht? Was ist mit meiner Oma, die im Elsass geboren wurde, was ja zwischendurch auch mal zu Deutschland gehörte. Das heißt, irgendwann waren ihre Vorfahren zwischenzeitlich Deutsche und dann wieder Franzosen und dann wieder Deutsche. Migrationshintergrund oder nicht? Hat überhaupt auch schon mal irgendwer den Umstand bedacht, dass Deutschland und überhaupt alle anderen Länder auch, nicht seit Anbeginn der Erde ihre heutige Beschaffenheit hatten? Was ist mit den großen Völkerwanderungen? Gilt das nicht auch schon als „Migrationshintergrund“? Was ist mit den Amerikanern, wieso spricht man da von „Afro-Amerikanern“, aber nicht von „Euro-Amerikanern“, „Australo-Amerikanern“, „Asia-Amerikanern“? Und wieso nennt man die eigentlichen Amerikaner nicht „Amerikaner“ sondern „amerikanische Ureinwohner“ („Indianer“ darf man ja nicht mehr sagen)? Wobei, ich meine gelesen zu haben, dass besagte „Ureinwohner“ auch nicht immer in Amerika gelebt haben… Da wird man ja ganz wirr im Kopf. Aber ernsthaft, entweder, man unterscheidet überhaupt nicht („Diskriminierung“ heißt übrigens nichts anderes als „Unterscheidung“/“Trennung“) oder man unterscheidet alles. Wobei letzteres, wie man an meinen kleinen Beispielen sieht, ziemlich unübersichtlich und verwirrend werden kann. Sowieso, wird dieser ganze Quark mit dem „Migrationshintergrund“ meiner Erfahrung nach komplett hinfällig, sobald man jemanden als individuellen Menschen kennenlernt. Klingt zugegebenermaßen jetzt etwas kitschig und gutmenschelnd, aber es stimmt. Deswegen sagen ja meine Freunde auch, wenn ich ihnen sage, ich hätte sozusagen auch einen „Migrationshintergrund“, so was wie „Ja, DU!“ und finden, dass das bei mir nicht als „Migrationshintergrund“ gelten könne. Weil sie mich halt persönlich kennen. Wenn ich jemanden persönlich kennen lerne, ist er dann nicht mehr „Der Pole“, „Der Türke“, „Der Iraner“, „Der Österreicher“, sondern dann hat er einen Namen und dann ist das spannend, davon zu erfahren, wenn er eine andere Kultur und andere Traditionen hat, als ich, aber dann schiebe ich den nicht mehr in irgendeine Schublade, klebe ein Etikett drauf und fertig. Dabei ist es ja auch egal, ob auf dem Etikett etwas Erfreuliches draufsteht, wie „ist integriert“ oder etwas Unschönes, wie „will sich ja gar nicht integrieren, die Sau“, Vorurteile sind Vorurteile und die kann man nur ablegen, wenn man sich von bescheuerten, absurden Begriffen wie „Migrationshintergrund“ verabschiedet und offen und neugierig auf andere Menschen zugeht und sich ein bisschen Mühe gibt, denjenigen näher kennen zu lernen.

So, und nun gehe ich mein Klopapier-Alufolien-Bambi für den Weltfrieden anbeten.

Essai 72: Über offen gelassene Hintertürchen

27. Januar 2011

Was finden selbsternannte Kreuzritter für Wahrheit und Anstand noch viel, viel schlimmer als die menschliche Eigenart, Dinge auch mal für sich behalten zu wollen? Dinge nicht nur für sich behalten zu wollen, sondern sich daraus auch noch Vorteile zu erhoffen. Kurz: Sich Hintertürchen offen zu lassen.

Mal ganz ehrlich, diese Leute, die sich das Leben nicht schwieriger machen wollen als nötig, die sind doch wohl das Allerletzte. Was fällt denen eigentlich ein? Man kann doch nicht einfach die allseits etablierte und als allgemeine Wahrheit anerkannte Floskel, dass das Leben kein Ponyhof sei, Lügen strafen! Was käme denn dann als nächstes? Am Ende wird noch unser dualistisches Weltbild, das wir uns so schön einfach aus Schwarz-Weiß und Gut-Böse zusammengebastelt haben, in Frage gestellt. Womöglich müssten wir uns an neue Weltbilder und Floskeln gewöhnen. Daran, dass es nicht nur Grautöne in den feinsten Abstufungen zwischen Schwarz und Weiß gibt, nein, sondern auch Farben. Potzblitz!

Vielleicht müssten wir uns sogar daran gewöhnen, dass jede Sache mindestens zwei Seiten hat. Mindestens, das muss man sich mal vorstellen! Obwohl… Ach nee, lieber doch nicht.

Oder, dass es immer auch auf die Umstände und die Perspektive ankommt, wie eine Handlung oder Aussage zu bewerten sei. Ach Gottchen, nicht auszudenken wäre das!

Aber bevor die Panik hier Überhand nimmt, zurück zu unseren dämonischen Hintertürchen.

Ich kann ja durchaus verstehen, dass Hintertürchen hin und wieder furchtbar nerven. Wenn man zum Beispiel eine – wie man selbst findet – eindeutige Frage gestellt hat, die im Grunde nur die Optionen „Ja“ und „Nein“ offen lässt (wie man irrigerweise dachte) und dann kommt so eine Antwort wie „Öhm, ähm, vielleicht, muss ich gucken.“ Das nervt total, oder? Damit kann man seine Mitmenschen hervorragend zur Weißglut treiben, wenn man das konsequent durchzieht. Allerdings sind solche Antworten häufiger ein Schrei nach Entscheidungsabnahme denn eine gezielte Attacke auf unser Nervenkostüm. Das ist relativ leicht zu lösen. Man muss dann solchen entscheidungsunwilligen Zeitgenossen einfach die Entscheidung abnehmen, dann übersteht man das mit nur gering angesägten Nerven. Dann sagt man zum Beispiel: „OK, dann heißt das also Ja?“ und dann kommt mit großer Sicherheit ein Protest und dann weiß man, es war doch „Nein“.

Was aber macht man mit Leuten, die in der Öffentlichkeit stehen, wie zum Beispiel Politiker, die sich Hintertürchen offen lassen? Da geht dann jedes Mal ein empörter Aufschrei durch die Medien und die öffentliche Meinung echauffiert sich, dass das ja wohl unmöglich sei. Ich verstehe allerdings nicht direkt, was daran unmöglich ist. Wenn zum Beispiel einer sagt: „… wenn das mit dem Amt des Bundeskanzlers nicht klappt, nehme ich halt meinen Beruf als Anwalt wieder auf“, oder so was. Ist doch ganz vernünftig, nicht alles nur auf eine Karte zu setzen. Wenn das nämlich wirklich nicht klappt, ist das total dämlich, keinen Plan B in der Tasche zu haben. Außerdem ist es doch ganz nett, wenn sich Politiker zur Abwechslung mal ihrer Sache nicht hundertprozentig sicher sind. Das ist doch auch total unglaubwürdig, dieses Herumgeprotze.

Der Hamburger Noch-Bürgermeister gibt sich beispielsweise zur Zeit noch total selbstsicher, tätschelt hier ein paar Kinderköpfe im Einkaufszentrum, tanzt da sogar auf dem Presseball (nachdem er vorher neckisch meinte, er wolle das lieber denjenigen überlassen, die auch tatsächlich tanzen können.*kicher*). Diese angebiederte Volksnähe ist doch unauthentisch. Wenn er sowas sagen würde wie: „Ich weiß auch noch nicht, ob mich die Leute jetzt, da sie mich wählen können und ich ihnen nicht ungefragt vor die Nase gesetzt werde, auch tatsächlich wählen… Sonst widme ich mich dem Haushalt und meine Frau macht ihr Jodeldiplom zu Ende und dann eröffnen wir im Herbst mit dem Papst in Wuppertal eine Herrenboutique.“ Dann würde er zumindest mal etwas weniger schmierig wirken. Aber damit würde er sich ja ein Hintertürchen offen lassen.

Was genau wirft man den Hintertürchen eigentlich vor? Damit mache man es sich zu einfach? Man zeige menschliche Schwäche? Sei inkonsequent? Unehrlich? Sich selbst untreu? Nicht integer?

Ich halte das da lieber mit Brecht: „Wer A sagt, muss nicht B sagen. Er kann auch erkennen, dass A falsch war.“

Manchmal sind ja unsere vorgefertigten Meinungen, die wir für unsere Wahrheit und unsere Identität halten, ja auch Quatsch. Man verbaut sich doch unzählige Möglichkeiten, wenn man immer nur seinem eigenen, vorgetrampelten Pfad folgt und weder nach links, rechts, oben, unten, vor und zurück schaut. Dafür gibt’s doch auch ein schönes Wort, wie hieß das denn noch gleich… Ah ja, Borniertheit. Solch ein festgefahrenes Beharren auf eigene Vorurteile ist einfach borniert.

Also, auch auf die Gefahr hin, sich bei unseren Kreuzrittern für Wahrheit und Anstand nicht gerade beliebt zu machen, sollten wir uns ruhig hin und wieder Hintertürchen offen lassen. Das behalten wir dann allerdings lieber für uns.

Aber um der Nerven unserer Mitmenschen willen, sollten wir das Offenlassen von Hintertürchen nicht zu unserem neuen Grundsatz erklären.

Essai 69: Über unterschwellige Ideologievermittlung in angeblichen Kinderfilmen

16. November 2010

Die Kategorisierung medialer Erzeugnisse stößt bei mir immer wieder auf höchste Verwunderung. Vor allem die Kriterien der Kategorie „Kinder-irgendwas“ sind mir völlig schleierhaft. Da wird etwas als Kinderbuch bezeichnet und darin geht es um Mord, Totschlag, selbsternannte „Herrenrassen“ und vielerlei weiterer Grausamkeiten.

Ich bin ja der Meinung, ein gutes Buch, ein guter Film, überhaupt eine gute Geschichte, funktioniert immer auf mehreren Ebenen. In „Harry Potter“ zum Beispiel gibt es Elemente, die für Kinder tatsächlich zu brutal sind (wie bereits erwähnter Mord, Totschlag und „Herrenrassen“-Fascho-Gedöns), aber es gibt auch Elemente, die Kinder toll finden (Tiere, Magie, Freundschaft). Das ist aber längst nicht alles, es gibt auch Elemente, die eher Jugendliche ansprechen (Liebe und Streit, Generationskonflikte und nicht zuletzt bewährte Suspense-Elemente) und wenn man will, findet man sogar als Literaturwissenschaftler jede Menge Material, welches man analysieren kann (alles was bisher erwähnt wurde und bestimmt kann man das auch psychoanalytisch irgendwie deuten. Das geht nämlich immer).

Vor ein paar Wochen startete ein vermeintlicher „Kinderfilm“ in den Kinos, „Die Legende der Wächter“, nach einem vermeintlichen „Kinderbuch“. Ich kann jetzt nur von dem Film sprechen, das Buch kenne ich nicht. Jedenfalls ist es mir auch hier Schleier(eulen)haft, wieso man einen solchen ideologie-gespickten Streifen als „Kinderfilm“ verkauft. Gut, die Figuren sind Tiere (Eulen) und es ist ein Animationsfilm (übrigens atemberaubend animiert), da sind ja gerade meine Landsleute immer schnell dabei, solchergleichen als „Kinder-irgendwas“ zu deklassieren. Über dieses Thema hatte ich ja bereits im Essai 61 geschrieben. Man scheint hier nämlich so zu denken, wie der eine Einbrecher in „Kevin – allein zu Haus“: „Er ist ein Kind und Kinder sind doof.“ Folglich ist auch alles, was „für Kinder“ ist, für Idioten. Also unseriös und minderwertig. Und alles was mit Tieren ist und dann auch noch gezeichnet/animiert, ist natürlich nur was für Kinder, also Volltrottel, Nullpeiler, Schwachköpfe. Wer was auf sich hält, belächelt solche Machwerke von möglichst weit oben herab, damit alle merken, wie ungemein seriös, klug und erwachsen man ist.

Würde man allerdings sich weniger wichtig nehmen und stattdessen mal genauer hinsehen, würde man auch in Animations-Tierfilmen vieles entdecken können, das man kritisch betrachten, hinterfragen und analysieren kann. Was – man korrigiere mich gerne, sollte ich mich irren – doch wohl durchaus eine hirnbedingte Tätigkeit ist. Und da das Hirn wie ein Muskel funktioniert – hält man es in Bewegung, freut es sich und belohnt seinen Besitzer mit erhöhter Leistungsbereitschaft – ist das sogar das Gegenteil von bescheuert, dämlich und unseriös.

Aber ich schweife ab…

In der „Legende der Wächter“ also geht es um zwei verfeindete Lager, die Figuren sind Eulen, könnten aber genauso gut Menschen sein. Aber dann könnte man es nicht mehr als Kinderfilm verkaufen und die Kinder schon im frühesten Alter mit fragwürdigem Schwarz-Weiß-Denken und dualistischen Weltbildern indoktrinieren. Das Ganze funktioniert also als eine Art Perversion des Fabelprinzips. In der Fabel treten ja wie man weiß auch Tiere anstatt Menschen auf, die aber allesamt menschliche Züge tragen. In exemplarischer Weise werden moralische Fragestellungen verhandelt und zum Schluss in einem Epimythion die moralisch erwünschte Verhaltensweise auf den Punkt gebracht („Und die Moral von der Geschicht:…“). Dieses Prinzip finden wir im Grunde auch in der „Legende der Wächter“ mit dem nicht unerheblichen Unterschied, dass in der Fabel die erwünschte Lesart und moralische Interpretation explizit am Ende zusammengefasst, in diesem Film aber unterschwellig, implizit, dem Zuschauer untergeschummelt wird.

Wir haben in dem Film also auf der einen Seite „die Bösen“, die sich in dieser Variante des „Kampf Gut gegen Böse“-Plots „die Reinsten“ nennen. Auch sie jonglieren mit faschistoidem „Herrenrassen“-Gedankengut und wollen so eine Art Elite-Eulenrasse zurecht züchten, damit… äh… weil… öhm… nun ja… weil sie halt böse sind. Und deswegen wollen sie auch alle, die aufmucken oder sonstwie nicht in ihr kleines „Herrenrassen“-Hirnchen passen, abmurksen. Aber zum Glück gibt es ja noch „die Guten“, die in diesem Fall „die Wächter“ heißen. Die setzen sich zusammen aus lauter Auserwählten, wo jeder seinen vorherbestimmten Platz hat, seine „Bestimmung“. Und sie wollen „die Reinsten“ vernichten, weil… äh… nun ja… öhm… weil sie halt gut sind und die anderen halt böse. Und deswegen wollen sie auch alle, die aufmucken oder sonstwie nicht in ihr vermeintlich überdimensionales „Weltretter“-Hirn passen, abmurksen.

Wer jetzt aufgepasst hat, merkt, das ist ja beides das Gleiche in Grün. Genau. Und das ist der Punkt. Dem Zuschauer wird nämlich unterschwellig vorgegaukelt, es gäbe so etwas wie angeborene Bosheit und angeborene Gutheit. Und dass es die Aufgabe der „Guten“ ist, die „Bösen“ – O-Ton Film – „auszurotten“ (Das Zitat lautet allen Ernstes: „Wir werden nicht ruhen […] bis alles Unrecht ausgerottet ist“). Sicher, das ist ein beliebtes Motiv von Fantasy-Filmen und ähnlichem Machwerk. Dass man eine Bestimmung hat, der man folgen muss, dass alles Schicksal ist, dass man tun muss, wofür man geboren wurde, laber Rhabarber sülz und schwafel. Aber es macht doch einen Riesenunterschied, ob das Menschen sind, die solch fatalistisches Gedöns verzapfen, oder süße, putzig-flauschige Tierchen. Dadurch wird der Metadiskurs des dualistischen Weltbildes (Gut – Böse, Gott – Teufel, Wir – Sie) nämlich eklatant verharmlost und eingeniedlicht. Kindern wird dieser Quatsch als Normalität vorgegaukelt und somit erschwert, dass sie zu selbständig denkenden, kritisch hinterfragenden und differenzierenden Erwachsenen werden. Und das betrachte ich persönlich als kritisch…

Essai 66: Über das vorurteilsbedingte Zurechtbiegen nichtssagender Sachverhalte

12. August 2010

Ich bin mal wieder fündig geworden. In der Zeitung. Die ist fürwahr ein nichtversiegender Quell typisch menschlichen (grenzdebilen) Gebahrens. Heute möchte ich mal einen Artikel über die Schließung einer Moschee zum Anlass nehmen, mir die menschliche Eigenart vorzuknöpfen, jedes noch so nichtssagende Detail so zurechtzubiegen, dass es irgendwie ins eigene Weltkonzept passt, das man sich zusammengebastelt hat und aus welchem man seine Vorurteile speist.

Es geht um die Moschee, in der sich die Hamburger Attentäter vom 11. September häufiger getroffen haben. Nach jahrelanger Untersuchung steht jetzt fast fest, dass mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit in besagter Moschee „religiöse Fanatiker herangezüchtet“ worden sein sollen. Ob das nun stimmt oder nicht, will ich hier nicht weiter debattieren. Ich habe nämlich nicht die leiseste Ahnung, ob das stimmt oder nicht. Kann ich auch gar nicht wissen. Das ist auch egal, denn was mich interessiert, ist die Wirkung dieser – meiner Meinung nach sozial ungeschickten – Aktion.

In dem Artikel kamen nämlich die Nachbarn der Moschee zu Wort und die waren äußerst erleichtert über die Schließung (laut Artikel). „Die leben in ihrer eigenen Welt“ posaunte einem schon der Titel entgegen. Gesagt habe das ein Nachbar, der „aus Furcht anonym bleiben will“. Der verängstigte Nachbar weiß außerdem, dass „die“ (dem Artikel zufolge sind „die“, die Moschee-Besucher) sich „bewusst ausgegrenzt“ hätten. Begründung: „Für die deutsche Gesellschaft hatten die nur Verachtung übrig“. Beweis: „Das hat man gemerkt.“

Peng. Was soll man bloß gegen dieses hieb- und stichfeste Argument einwenden?

Aber es geht noch hanebüchener. Passt mal auf. Der furchtsame Anonyme fährt nämlich fort, dass bärtige, vermummte junge Männer bis spät in die Nacht vor der Moschee gestanden hätten, was „natürlich Unbehagen“ wecke. Schließlich sei er sich ja darüber im Klaren, was für „Verbindungen“ den „Leuten in der Moschee nachgesagt“ würden. Ja, sogar der Bundesnachrichtendienst sei dort „Dauergast“ gewesen, und das „spricht wohl Bände“. Unser anonymer Hasenfuß ist mit seinem Wissen nicht alleine. Weitere Nachbarn bewerteten die Besucher der Moschee als – jetzt kommt’s – auffällig unauffällig. Zum Beispiel seien die Gebete bis auf die Straße zu hören gewesen. Also, wenn die Fenster offen standen. Und das „klang […] schon merkwürdig“, stellt ein Nachbar fest, vor allem angesichts dessen, was den Moschee-Besuchern nachgesagt werde. Ansonsten habe er sich aber um seinen Kram gekümmert, und „die“ sich um ihren.

Ich kann mich einfach nicht des Eindrucks erwehren, dass auch der Autor des Artikels sich Nichtigkeiten so zurechtgebogen hat, wie es in seine vorgefertigten Meinungen passte. Jedenfalls macht er sich nicht die Mühe, diesen Quatsch zu entkräften. Dabei wäre es ein leichtes.
Nehmen wir zum Beispiel den Beweis von anonymer Feigling Nr. 1, „das hat man gemerkt“. Mit ein paar kleinen Gegenfragen kann man diese Art von Totschlagargumenten in der Luft verpuffen lassen: „Woran?“, „Wie kommen Sie darauf?“, „Können Sie ein Beispiel nennen?“, „Aber etwas Konkretes wissen Sie nicht?“, „Also was denn nun, vermummt oder bärtig?“, „Was hat denn nun auch noch der Bundesnachrichtendienst damit zu tun“, „Finden Sie nicht, dass Ihre Aussagen etwas – nun ja – paranoid anmuten?“ etc.

Oder der, der sich angeblich immer nur um seinen eigenen Kram gekümmert habe. Hat er ja nun ganz offensichtlich nicht. Sonst hätte er die Gebete, die „schon merkwürdig klangen“, gar nicht mitbekommen.

Ich hatte weiter oben erwähnt, dass ich diese Aktion als sozial ungeschickt erachte. Auf diese Art und Weise füttert, ja mästet, man die Vorurteile derer, die Fremdem gegenüber sowieso schon skeptisch sind. Außerdem füttert, ja mästet, diese Art der Berichterstattung die Vorurteile derer, die ohnehin schon skeptisch gegenüber der „deutschen Gesellschaft“ sind. Wie soll denn so jemals ein offener Dialog zustande kommen? Jeder fühlt sich in seiner wie auch immer gearteten Meinung bestätigt, die er sich schon lange vorher gebildet hatte. Und jeder ist der Meinung, Recht zu haben. Und leider ist das den meisten Menschen wichtiger als alles andere.

Essai 63: Über unhöfliche Weltverbesserer und Gutmenschen ohne Manieren

21. Juli 2010

Es fasziniert mich immer wieder, wie Menschen so komplett von sich überzeugt sein können, dass sie überhaupt nicht merken, wie eklatant scheinheilig sie sich aufführen. Besonders ist mir das bei vermeintlichen Weltverbesserern und selbsternannten Gutmenschen aufgefallen. Und wehe dem, der ihre sowas von total uneigennützigen Motive in Frage stellt. Da ist man dann vorsichtshalber gleich mal eingeschnappt und wird patzig.

Ich muss gestehen, ich war etwas – na ja, nicht fies … – sagen wir direkt zu einem Vertreter dieser Spezies, als er mich letztens für einen bekannten Tierschutzverein begeistern wollte. Zu meiner Verteidigung möchte ich kurz hinzufügen, dass ich in der Innenstadt andauernd von solch idealistisch anmutenden Helden der Selbstlosigkeit belagert werde und sich nicht selten herausstellt, dass sich durchaus unlautere Absichten hinter der jovialen Art verbergen und man sich hinterher mit Einschreiben und Anwälten herumärgern muss, um das Zwei-Jahres-Zeitschriften-Abo, das man gar nicht wollte, wieder loszuwerden.

Besagter junger Herr also kam mir im ersten Moment noch bekannt vor, daher ließ ich ihn auf mich zukommen und sein breites Grinsen spazieren tragen, bis ein Ausweichmanöver oder eine umgehende Tarnmaßnahme unmöglich war. Und dann sah ich es: Scheiße, ein Klemmbrett!

Er ratterte quietschvergnügt seine gutgelaunten Floskelchen vom Stapel und wie toll doch dieser Verein sei und – habe ich schon erwähnt? – komplett uneigennützig und so weiter und so fort.

Als er nach fünf Minuten doch mal Luft holen musste (auch Gutmenschen sind nur Menschen und müssen ab und zu atmen), nutzte ich flux die Gelegenheit was zu fragen: „Ich vermute, Sie wollen Geld haben?“ plumpste mir dann verhältnismäßig unsubtil aus dem Mund noch ehe mir eine diplomatische Art und Weise dieses Thema in blumige Worte zu kleiden eingefallen war.

Ich fürchte, ich habe den armen Kerl ganz schön aus dem Konzept gebracht. Jedenfalls kam er verbal ins Straucheln: „Ja, nee. Ähm. Also, mir geht’s persönlich darum, dass… Öhm, also, Ähm…“ und während ich noch einer Beantwortung meiner Frage harrte, pampte es plötzlich von gegenüber: „Ach. Du hast da ja eh kein Bock drauf!“

Schwupps! Weg war er. Hat mich da einfach stehen lassen.

Ich finde das sehr unhöflich. Man kann doch wenigstens „Tschüss“ sagen. Aber das reine Effizienzstreben ist offensichtlich inzwischen auch schon bei den geistigen Nachfahren Mutter Theresas angekommen. Der hat wohl gedacht, bei der ollen blöden Kuh ist nichts zu holen, dann nichts wie weg hier. Bei der nächsten Kuh einen Melkversuch starten. Und wenn nicht einmal mehr die Weltverbesserer heutzutage Manieren haben, worauf kann man denn dann heutzutage noch zählen?

Ja, es ist traurig und ich bin betroffen. Ich würde ja gerne helfen, mit Tatkraft oder indem ich eines der bedrohten Tiere zu Hause aufnehme (eine bedrohte Hauskatze vielleicht, oder ein bedrohtes Meerschweinchen) oder mit moralischer Unterstützung oder so. Aber bei Geld weiß man ja gar nicht, ob das nachher auch bei den Tieren ankommt.

Oh Mist, ich hab es schon wieder getan: die edlen Motive der Heiligen des 21. Jahrhunderts angezweifelt und ihnen mangelnde Uneigennützigkeit unterstellt.Was soll ich sagen, ich bin eben kein Gutmensch. Aber ich tu wenigstens auch gar nicht erst so, als ob.

So. Und nun dürfen Tomaten auf mich abgefeuert werden.

Essai 62: Über Windmühlenkämpfe, Knöllchenritter und Hasenbilder

19. Juni 2010

Fantasy-Filme haben uns verkorkst. Durch markige Phrasen à la „Du musst nur an dich glauben, dann schaffst du alles!“ oder „Kämpfe für deinen Traum und alles wird gut!“ sind wir dem verheerenden Irrglauben aufgesessen, wir müssten immer und überall für alles kämpfen.

Das ist so in unserer Gesellschaft verbreitet, dass wir sogar dann für etwas kämpfen, wenn ein Sieg völlig aussichtslos ist und wir uns nur lächerlich machen. Aufgeben ist nicht. Da könnte ja jeder kommen und wo kämen wir dann hin, wenn das hier jeder machen würde?

Es scheint tatsächlich kaum jemand in Erwägung zu ziehen, dass man auch mal einen würdevollen Abgang machen kann, bevor es anfängt albern zu werden. Nee, nee. Das ist schließlich jedermanns gutes Recht, für sein Recht zu kämpfen. Und wer Recht hat mit dem, was das eigene Recht ist und was nicht, das bestimmt man natürlich auch selbst.

Und wenn man sich ganz doll anstrengt in seinem Kampf und sogar Anwälte mit hinzuzieht, dann landet man zur Belohnung auch in der Zeitung und darf sich vor dem ganzen Land blamier- äh für sein gutes Recht einsetzen.

So wie der selbsternannte Kreuzritter der Knöllchenjagd, genannt Knöllchen-Hans (Name von der Redaktion geändert). Der Frührentner hat sich lange Zeit darum befleißigt, sämtliche Parksünder in seiner Gegend zu notieren und bei der Polizei zu denunzieren. Wir bräuchten mehr solche Helden, damit unsere Straßen wieder sauberer würden. Kann ja nicht angehen, dass hier die Leute falsch parken. Wenn die Erde untergeht, dann wissen wir ja schon mal wer Schuld dran ist. Und jetzt kommt aber der Oberhammer, der Skandal der Skandale, die Ungerechtigkeit der Ungerechtigkeiten: Knöllchen-Hans wurde geblitzt. Ja. Er ist zu schnell gefahren. Nur 15 km/h, das macht eine Strafe von 10 Euro. Nun könnte unser unbeugsamer Knöllchenritter natürlich klein beigeben, die 10 Euro einfach bezahlen und künftig entweder etwas toleranter gegenüber seinen Mitmenschen oder etwas achtsamer bezüglich seines eigenen Verhaltens sein und die Sache wäre erledigt. Nicht aber mit Knöllchen-Hans! Wie es sich für eine wahre Kämpfernatur, für einen Helden des Alltags gehört, hat er gegen den Strafzettel Beschwerde eingelegt und Anzeige erstattet. Es geht ja schließlich um seine Ehre, nicht wahr, und das kann man sich ja wohl nicht bieten lassen, 10 Euro, ich glaub es hakt, diese Halsabschneider. Nö, da riskiert man mal lieber erhebliche Mehrkosten und dass ein ganzes Land sich beömmelt, als dass man da nachgibt. Denn dass der Klügere nachgibt, ist ein Mythos. Nein, der Schwächere gibt nach. So sieht das aus.

Und da würde die Lehrerin, die eine ihrer Schülerinnen hasenbedingt verklagt hat, unserem Knöllchen-Hans absolut zustimmen. Diese Geschichte macht nun auch schon seit ein paar Tagen die Runde durch die Zeitungen. Eine Schülerin und eine Lehrerin haben gleichzeitig an dieselbe Schule gewechselt. Was genau passiert ist, ist wohl nicht bekannt, aber es ging irgendwie um Hasen. Es endete (bisher) damit, dass die Lehrerin die Schülerin verklagte, weil diese (angeblich) Hasen an die Tafel gemalt hat und noch dazu überall herumerzählt haben soll, dass die Lehrerin vor den flauschigen Langlöffeln Angst hätte. Was natürlich gar nicht stimmt und absolut frei erfunden ist, deswegen muss man die Schülerin selbstverständlich verklagen, dass sie erstens keine Hasen mehr an die Tafel malt und zweitens aufhört, überall herumzuerzählen, die Lehrerin habe Angst vor Hasen. Das strotzt nur so vor Logik.

Dass sie sich damit völlig lächerlich macht und man nun erst recht denkt, sie habe Angst vor Hasen, ist ihr wohl nicht bewusst. Das kann einem eigentlich leid tun. Auch dass vorher nur die Klasse, die sie unterrichtet hat, dieses Gerücht vernommen hatte und sie nun durch ihr antidiplomatisches Verhalten in ganz Deutschland bekannt ist, hat sie wohl nicht realisiert. Es war auch ein Foto von ihr in dem Zeitungsartikel. Verbissen stand sie da, mit kämpferisch verschränkten Armen und entschlossenem Blick. Das ist eine, die gibt nicht auf, die kämpft bis zum Schluss für ihr Recht. Und ganz Deutschland amüsiert sich.

Übrigens kämpft auch der Bischof Mixer (Name von der Redaktion geändert) beharrlich für sein Recht. Man hat ihn nämlich zum Rücktritt gezwungen, das war alles eine Riesenverschwörung und er wollte das eigentlich gar nicht, das mit dem Kinder verprügeln. Aber der befindet sich inzwischen wohl in Behandlung, also wünschen wir ihm einfach eine gute Besserung.

Meiner Meinung nach ist es gar nicht schlimm, ab und zu mal etwas sein zu lassen, wenn man merkt, dass es nichts bringt. Wenn man dann nämlich immer noch weiter kämpft, entwickelt man eine Obsession, wird völlig wahrnehmungsgestört und merkt überhaupt nicht mehr, wie lächerlich man sich vor allen Leuten macht. Dass man sich lächerlich macht, ist ja allein nicht schlimm. Ich mache mich ganz gerne mal lächerlich, singe Karaoke und solche Sachen. Aber das mache ich dann mit Absicht. Wenn man sich lächerlich macht, mit der Absicht, ernst genommen zu werden, dann ist das ziemlich tragisch. Besser ist es dann, rechtzeitig auf die Bremse zu treten und sich würdevoll zurückzuziehen.

Das kann man zum Beispiel der Frau Kässmann zu Gute halten. Nachdem sie mit Alkohol am Steuer erwischt worden war, hat sie ihren Fehler eingestanden und ist von ihrem Amt zurückgetreten. Die Hauptreaktion war danach Respekt, Anerkennung und fast sowas wie Bedauern. Auf keinen Fall aber hat man sich danach über sie lustig gemacht.

Wenn man Fehler eingesteht, behält man seine Integrität, weil man beweist, dass man Eigenverantwortung übernimmt. Wenn man verbissen und krampfhaft gegen Windmühlen kämpft, kriegt man gar nichts mehr mit und alle halten einen für bescheuert.

Ich bin für mehr Mut zum Aufgeben und weniger Angst vor dem Eingestehen von Schwäche. Denn schwach sind wir alle mal. Es liegt an uns, ob aus der Schwäche auch eine Totalblamage wird.

Essai 60: Über das Prinzip

11. März 2010

Ich fühle mich unverstanden.

Tja, so ganz immun gegen Selbstmitleid bin ich dann doch nicht. Mist.

Heute geht es mir ums Prinzip. Und zwar um das Prinzip, dass es manchmal eben tatsächlich ums Prinzip geht. Wenn ich das sage, halten mich immer alle bestenfalls für bescheuert und schlimmstenfalls für spitzfindig, pingelig UND bescheuert. Deswegen fühle ich mich ja auch unverstanden.

Vor allen Dingen, sobald ich gesagt habe: „Aber es geht ums Prinzip“ und nach einem „Haha! Ja, klar!“ noch ein verzweifeltes „Aber, es geht mir WIRKLICH ums Prinzip“ hinterhergeschoben habe, halten mich schon alle für dämlich und hören mir gar nicht mehr zu, WAS dieses Prinzip in dem Falle dann überhaupt ist.

So wirklich verübeln kann ich das den meisten Leuten auch nicht, schließlich reagiere ich spontan oft genauso, wenn mir jemand sagt, es gehe aber doch ums Prinzip. Vor allem, wenn es Leute sind, die sowieso schon häufiger durch exzessives Haarespalten und lustvolles Spitzfinden aufgefallen sind. Aber bin ich denn auch so schlimm?

Nä.

Wenn es bei mir prinzipiell ums Prinzip geht, ist das nämlich im Prinzip immer absolut logisch und nachvollziehbar. Meiner Meinung nach. Mit Spitzfindigkeit oder Pingeligkeit hat das gar nichts zu tun. Finde ich.

Das Problem ist, dass jeder, dem es ums Prinzip geht, es genauso sieht. Sprich: Geht es mir ums Prinzip, ist das logisch und nachvollziehbar, wenn es dem anderen ums Prinzip geht, spinnt der. Es ist deprimierend.

Na ja, wahrscheinlich muss man sich da als überzeugter Prinzipienreiter an die eigene Nase fassen und etwas toleranter mit Prinzipienreiter-Artgenossen umgehen. Man kann sich ja zumindest erstmal anhören, worin das Prinzip besteht, um das es geht. Danach hat man dann zwei Möglichkeiten, entweder man findet es einleuchtend und akzeptiert das oder man kann den anderen völlig unbedenklich für bescheuert erklären. Immerhin hat man’s ja versucht. Und vielleicht, wenn man den anderen mit etwas mehr Verständnis begegnet, begegnen sie einem auch mit mehr Verständnis…

Haha! Ja, klar!

Essai 58: Über Leute mit selbsernanntem Bildungsauftrag

27. Februar 2010

Manchmal muss ich mich doch sehr wundern, wie ungern Leute vor ihrer eigenen Haustür kehren und mit was für einem Vergnügen sie im Glashaus sitzen und einen Stein nach dem anderen fröhlich durch die Gegend pfeffern.

Wobei…

Wahrscheinlich bin ich da auch nicht viel besser…

Dumdidum…

Egal. Um mich geht’s hier jetzt nicht.

Heute habe ich mal diejenigen auf dem Kieker, die sich aufplustern und aufspielen und den großen Moralapostel und Erziehungsberechtigten raushängen lassen und mit unaufhaltsamer Energie ihren selbsternannten Bildungsauftrag verfolgen. Einen Bildungsauftrag, dessen Sinn und Zweck nur sie selbst einsehen, ihre Opfer, die erzogen werden sollen, jedoch nicht.

Irgendwie scheint es nicht unbedingt in der Natur des Menschen zu liegen, andere Menschen einfach mal in Ruhe machen zu lassen.

Besonders beliebt in Sachen Bildungsauftrag ist das Erwachsen sein, werden, was auch immer. Dabei ist unser Erziehungsberechtigter selbstverständlich derjenige, der ganz genau weiß, wann man sich erwachsen aufführt und wann nicht. Sprich, die Gewohnheiten und Macken des Bildungsbeauftragten sind erwachsen, die des Zöglings wider Willen nicht. Klingt soweit ganz einfach.

Achtung ist geboten, denn als Bildungsbeauftragter darf man auf GAR KEINEN FALL auch nur ein einziges Mal mit dem Gedanken spielen, seine Mission objektiv zu betrachten. Für sowas ist keine Zeit, der Auftrag muss schließlich ausgeführt werden und duldet keinerlei Aufschub.

Ganz wichtig ist auch, dass man seine Bildungsmission nicht ein einziges Mal infrage stellt. Man darf sich auch auf gar keinen Fall dazu hinreißen lassen, auch nur das kleinste Bisschen Empathie oder Einfühlungsvermögen bezüglich des Zöglings zuzulassen. (Dann würde nämlich auffallen, dass die ganze Aktion vollkommen bescheuert ist und nur dazu dient, sich nicht um seinen eigenen Kram zu kümmern.)

Mit dem Erwachsen sein, werden, was auch immer ist das sowieso wieder so eine Sache. Jeder versteht etwas anderes darunter. Ich zum Beispiel bin der Meinung, erwachsenes Verhalten ist ein solches, bei dem man sich erst einmal um seine eigenen Baustellen kümmert und dann auf NACHFRAGE anderen Menschen unter die Arme greift. Gut, im Grunde kann man auch auf Nachfrage anderen helfen, wenn man selbst noch nicht ganz fertig ist. Aber anderen Leuten seine eigenen Ansichten aufzudrängen und das auch noch ohne darum gebeten worden zu sein, finde ich nicht erwachsen. Das ist einfach nur nervig. Erwachsen ist es meiner Meinung nach auch, wenn man sich nicht nur seiner eigenen Schwächen bewusst ist, sondern wenn man an ihnen arbeitet, anstatt so zu tun, als wären das gar keine Schwächen und als sei man total stolz drauf. Das ist nicht erwachsen, das ist anstrengend. Mit solchen Leuten kann man nämlich nicht reden. Auch sehr unerwachsen.

So. Dann gibt es aber auch Leute, die erwachsen sein nicht von einer charakterlichen Reife abhängig machen, sondern nur auf rein äußerliche Faktoren stützen. Da kann man innerlich der kindischste, dämlichste Vollidiot sein, wenn man alleine wohnt, ist man erwachsen. Wenn man nie lacht und alles doof findet, ist man erwachsen. Wenn man hohe Schuhe trägt, obwohl die völlig unbequem sind, ist man erwachsen. Oder wenn man einen selbsternannten Bildungsauftrag verfolgt ist man erwachsen. Aber wenn man das alles nicht tut, kann man innerlich noch so reif sein, man ist und bleibt kindisch und muss umgehendst davon geheilt werden.

Das hat mich schon in der Schule genervt. Und es wird nicht besser.

Warum kann man nicht einfach seine Mitmenschen so nehmen wie sie sind? Das heißt natürlich nicht, dass man kritiklos alles hinnehmen muss, was einem so teilweise zugemutet wird. Wenn einen etwas stört, sollte man das freundlich und bestimmt sagen. Aber dann ist gut. Man sollte nicht versuchen, seine Mitmenschen umzuerziehen und sie zu ändern. Das geht sowieso in die Hose.

Man kann nicht die anderen ändern. Man kann nur sich selbst ändern.


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