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Essai 106: Über die Du darfst-Mentalität

26. Mai 2013

Früher gab es mal eine ganz besonders nervige Werbung für angeblich kalorienreduzierte, figurenfreundliche Nahrungsmittel. Darin versuchten die Produzenten ihre Zielgruppe zum Kauf des Zeugs zu überreden, indem eine fröhliche Frauenstimme in einer munteren Melodie „Ich will so bleiben wie ich bin“ flötete und dann total sexy hinterherhauchte „Du darfst“. Weiß nicht, vielleicht gibt’s den Quatsch immer noch, aber ich hab den Spot länger nicht mehr gesehen. Über die Unsinnigkeit von vermeintlichen „Light“-Produkten will ich mich hier gar nicht weiter auslassen. Denn ich gehe davon aus, dass inzwischen hinlänglich bekannt ist, dass, wenn man viel Fett durch viel Zucker oder viel Zucker durch viel Süßstoff ersetzt oder einfach die Wurstscheiben dünner macht, das noch lange nicht automatisch zur idealen Bikinifigur führt. Worüber ich mich heute aufregen möchte, ist diese unsympathische Mentalität, die sich in dem Werbejingle äußert.

Mir ist schon klar, dass das nett gemeint ist, wenn man gesagt bekommt, man solle so bleiben wie man sei. Und als solches nehme ich das dann meistens auch auf. Aber wenn man mal so darüber nachdenkt, dann ist das doch ziemlich witzlos, wenn man sich sein Leben lang kein bisschen entwickelt. Niemand ist perfekt, das ist denke ich eine der wenigen Feststellungen, denen ich ohne einen Essai darüber zu schreiben, zustimmen kann. Infolgedessen gibt es immer etwas, das man an sich verbessern und woran man arbeiten kann. Wenn man eine bestimmte Schwäche hat, ist das völlig OK. So lange man versucht, das Beste daraus zu machen. Das ist ein aktiver, lebendiger Prozess und das kann ja auch Spaß machen. Wenn man einfach nur auf seinen vier Buchstaben hockt, dünne Wurstscheiben mit Süßstoff futtert und allen anderen die Verantwortung für das eigene Leben überlässt, ist das doch stinklangweilig. Und mit der Bikinifigur wird das auf diese Weise auch nichts. Natürlich hat man manchmal Pech, fiese Gene, schlechte Erziehung erhalten oder was es sonst noch so an gängigen Ausreden dafür gibt, dass irgendwas, das man gern hätte, nicht klappt. Doch muss das einen daran hindern, trotzdem – oder erst recht – ein Problem zu erkennen, zu überlegen, was man dagegen tun kann und es dann auch in die Tat umzusetzen? Beziehungsweise sich Hilfe holt, wenn man es allein nicht hinkriegt? Muss das sein, dass man sich dann schmollend hinstellt und patzig sagt: „Ich bin nun mal eben so“, anstatt mit kritischer Selbstreflexion auf Lösungssuche zu gehen?

Mir geht diese „Du darfst“-Mentalität nämlich unglaublich auf den Senkel, fast noch mehr, als dieser debile Werbespot. Da wird dann gejammert und lamentiert und immer sind die ominösen „Anderen“ an „allem“ Schuld und man selbst ist das arme kleine Opfer, das doch Ach so perfekt ist, aber keiner hat es lieb, weil die Welt ja so gemein ist. Das ist ja völlig OK, wenn das mal eine kurze Phase oder eine momentane Stimmung ist und man sich nur mal kurz ein bisschen ausheulen muss und dann ist auch wieder gut. Was nervt, ist, wenn das zur lebensbestimmenden Grundeinstellung wird. Wenn jemand dann mit so einem imaginären Selbstvertrauen durch die Gegend stolziert und innerlich summt „Ich will so bleiben wie ich bin“ und dann erwartet, dass ihm alle wohlwollend entgegenhauchen „Du darfst“. Na gut, dürfen tut man natürlich schon. Zumindest in dem Sinne, dass es legal ist, wenn man sich dusselig anstellen und dafür auch noch betüddelt werden möchte. Man darf sich rechtlich gesehen auch hinterher darüber wundern, wenn man nicht ständig mit Lob dafür überschüttet wird, dass man überhaupt nicht an sich arbeitet und sich gehen lässt. Nur, sollte man das deswegen auch, weil man es darf? Denn weder hat man selbst etwas davon, wenn man sich stur weigert, sich zu entwickeln und zu verändern, noch irgendjemand anders. Außerdem kann man sich da auch einfach mal ganz zynisch fragen, was das Leben überhaupt für einen Sinn machen soll, wenn nicht fließende Entwicklung statt Stillstand. Die Welt um einen herum bleibt ja auch nicht so wie sie ist. Und das ist auch gut so. Da sollte man sich dran anpassen, wenn man nicht als alter Mensch mit Reue auf sein Leben zurückblicken und feststellen will, dass man alle seine Möglichkeiten tatenlos hat verstreichen lassen.


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