Posts Tagged ‘Manipulation’

Essai 178: Über Berufsbeleidigte Leberwürste

9. September 2017

Manche Menschen haben das Beleidigtsein zu einer Kunstform erhoben und beherrschen diese auf virtuose Weise. Das ist wirklich faszinierend. Und raffiniert, denn mit professionellem Beleidigtsein kann man andere Menschen hervorragend manipulieren.

Die Politiker von der AfD zum Beispiel haben das Prinzip begriffen: Wenn jemand mit kritischen Fragen oder guten Argumenten kommt, einfach schmollen und pikiert tun. Die Leute, die die AfD sowieso scheiße finden, denken dann: „Ach, die schon wieder, Mimimi, Idioten“ und ziehen gar nicht in Betracht, dass diese Partei eine ernsthafte Bedrohung für irgendwas darstellen könnte. Und wer die AfD gut findet, denkt: „Richtig so! Wir lassen uns von dieser Lügenpresse nicht den Mund verbieten! Das wurde auch Zeit, dass sich mal wieder jemand für unser Deutschland stark macht und da konsequent bleibt!“

Derweil kann die AfD dann fröhlich an ihrer menschenfeindlichen Ideologie weiterfeilen, ohne dass sie irgendjemand dabei stört. Das professionell beleidigte Leberwursttum hat bei denen schon System. Erst tun sie empört, weil man sie angeblich nie in Talkshows einlädt. Dann lädt man sie in Talkshows ein. Sie wettern über illegale Einwanderung, als ob das das einzige oder zumindest größte Problem wäre, weshalb in Deutschland keine soziale Gerechtigkeit herrscht, zählen bis drei … und wenn dann ein Talkshowgast erwartungsgemäß das Stichwort „rechtsextrem“ in den Raum wirft, verlassen sie selbigen. Dabei murmeln sie noch hochempört weiter was von „Einwanderung“ und „muss-ich-mir-nicht-bieten-lassen“ und freuen sich schon darauf, ihre vorbereitete Pressemeldung auf Facebook zu posten.

Zackbumm, Ziel erreicht: Die AfD-Gegner amüsieren sich darüber, wie doof die doch sind, dass die immer gleich beleidigt tun. Die AfD-Sympathisanten fühlen sich in ihrer Rolle als Opfer der bösen Medien und naiven Bahnhofsklatscher/linksrotgrünversifften Gutmenschen/Merkel bestätigt.

Das funktioniert aber nicht nur in der Politik, mit berufsbeleidigtem Lebergewurste die Menschen in seinem Umfeld so zu manipulieren, dass sie nach der eigenen Pfeife tanzen. Auch privat ist das eine sehr effektive Strategie, um sich selbst für nichts anstrengen zu müssen, und trotzdem alles zu bekommen, was man will.

Klar, es gibt immer ein paar Leute, die gegen diese meisterhafte emotionale Erpressungstaktik immun sind, die Profi-Mimosen einfach vor sich hin schmollen lassen, und sich weiter ihrem Kram widmen. Aber es gibt auch immer Leute wie mich, die möchten, dass alle glücklich sind, die es nicht ertragen, wenn jemand traurig oder verletzt erscheint, und die sich nach Kräften bemühen, für Harmonie zu sorgen.

Und berufsbeleidigte Leberwürste spüren intuitiv, mit wem sie ihre Spielchen erfolgreich betreiben können, und mit wem nicht. Die beinharten Knochen, an denen sie sich die Zähne ausbeißen würden, ignorieren sie einfach. Dafür konzentrieren sie ihre geballte Energie auf die Harmoniebedürftigen, um gezielt ihre Drama-Queen-Auftritte zu inszenieren.

Das Pfiffige an diesem systematischen Dauerbeleidigtsein ist, dass man sich damit als Märtyrer stilisieren kann, dem immer von allen übel mitgespielt wird. Das gibt einem natürlich das Recht, anderen Leuten Vorwürfe zu machen (ist ja egal, ob die auch stimmen). Und das Tolle ist: Wenn man selbst anderen Vorwürfe macht, ist es ja vollkommen ausgeschlossen, dass man selbst das Vorgeworfene ebenfalls tut. Die AfD ist auch darin ein Meister. Sie werfen allen anderen Lügen vor, da kommt keiner (von ihren Anhängern) auf die Idee, dass sie selber Scheiß erzählen.

Anstrengend ist das. Wenn irgendwer einen guten Tipp hat, wie man sich vor diesen Manipulationen schützen kann, immer her damit!

Essai 124: Über subtile Propaganda

21. Juni 2014

Manchmal frage ich mich, ob das für meinen Blutdruck so gut ist, morgens die Zeitung zu lesen. Diese geballte, dummdreiste Arroganz, die einem da zuweilen entgegen schlägt, regt mich jedes Mal auf. Manchmal sind es inhaltliche Dinge, die mich aufregen: Wulff schreibt ein vor Selbstmitleid und Realitätsverleugnung triefendes Buch, irgendwelche Spießer klagen gegen einen Kindergarten/ein Altersheim/ein Hospiz, weil sie sich in ihrer Ruhe gestört fühlen oder verkappte Salonrassisten wettern gegen irgendeine Moschee. Ab und zu ist es jedoch nicht der Inhalt, der mich wütend macht, sondern die Art und Weise der Berichterstattung. Insbesondere, wenn mit Manipulation und subtiler Propaganda gearbeitet wird.

Zum Beispiel berichtete das Hamburger Abendblatt vor ein paar Tagen über eine Gruppe von Menschen, die sich für die Lampedusa-Flüchtlinge einsetzen. Es ging um eine Petition, die auch einige bekanntere Persönlichkeiten unterschrieben hatten. Unter anderem auch einer, der in seiner Jugend mal bei der RAF war. Die Story wurde so aufgezogen: „(ehemaliger) TERRORIST unterschreibt Petition für Lampedusa-Flüchtlinge“. Hallo? Was hat denn das eine mit dem anderen zu tun? Nichts. Außer, wenn Stimmung gegen die Lampedusa-Flüchtlinge und ihre Unterstützer gemacht werden soll, ist die Vergangenheit von einem der Unterzeichner überhaupt nicht relevant. Womit ich selbstredend die terroristischen Taten der RAF nicht verharmlosen oder schönreden oder verteidigen oder sonstwas will. Was mich ärgert ist, dass dadurch von dem eigentlichen Problem abgelenkt wird. Durch die Diskussion über aus dem Zusammenhang gerissenen und für den gegenwärtigen Sachverhalt nicht entscheidenden Dingen wird das, worum es ursprünglich ging, vergessen und in den Hintergrund verschoben. Das ist sozusagen ein kalkuliertes, bewusst provoziertes Ersatzproblem.

Auch in der Auswahl dessen, worüber berichtet und dessen, was weggelassen wird, lässt sich subtil Propaganda ausüben. So wird derzeit ständig über die Fußball-WM geschrieben. Das ist ja im Prinzip auch in Ordnung, nur muss das ständig auf die Titelseite? Themen wie NSA-Affäre, Kriege, Unruhen, Unterdrückung, Massenmord und Elend überall auf der Welt rücken dann aus dem Fokus und die Menschen werden mit leichter Unterhaltung eingelullt und sind mehr oder weniger zufrieden.

Was ich außerdem etwas schräg finde, sind die Berichte von Nachrichtenagenturen, die vorgefertigt an diverse Presseorgane verkauft werden. Erstens nimmt man Redakteuren und Journalisten dadurch interessante Themen und einen Teil ihrer Arbeit weg. Zweitens steht dann überall das Gleiche und man bekommt als Leser nicht die Möglichkeit, verschiedene Sichtweisen auf einen Sachverhalt kennen zu lernen und miteinander zu vergleichen. Drittens sind diese vorformulierten Texte fürchterlich langweilig geschrieben und taugen nicht einmal zu Unterhaltungszwecken.

Sicher, man könnte jetzt anmerken, dass ein intelligenter Mensch diese Strategien ja wohl durchschaue und dass es für einen dummen Menschen eh nicht ratsam sei, sein beschränktes Gehirn überzustrapazieren. Doch ich denke, egal wie schlau man ist und selbst wenn man einen Teil der Manipulation durchschaut, kann man nicht verhindern, dass die subtile Propaganda Spuren hinterlässt. Man wird in eine bestimmte Richtung gelenkt, allein schon durch die Auswahl an vermittelten und verschwiegenen Informationen. Sich dagegen zu wehren und eine von sämtlichen Beeinflussungen unabhängige Meinung zu bilden, ist da meiner Ansicht nach gar nicht so einfach. Selbst, wenn man überzeugt ist, dass die eigene Meinung frei und selbstständig ist – den Einflüssen seines Umfelds (wozu die Medien auch gehören) vollkommen zu entgehen, ist meines Erachtens fast unmöglich.

Essai 110: Über emotionale Erpresser und Manipulatoren

15. Oktober 2013

Bislang habe ich ja nur etwas über Frustableiter und Menschen mit chronischer Entschuldigeritis geschrieben, aber noch gar nichts über ihre Gegenspieler: Emotionale Erpresser und Manipulatoren. Dabei geht das eine nicht ohne das andere. Irgendwer muss ja schließlich die personifizierten schlechten Gewissen regelmäßig daran erinnern, dass und warum sie an allem Schuld sind. Andererseits macht es natürlich überhaupt keinen Spaß, die ganze Welt zu hassen, wenn das keinen interessiert und alle darauf nur mit gleichgültigem Schulterzucken reagieren – wenn überhaupt.

Heute möchte ich also dem Rätsel auf die Spur gehen, wie es einige Leute partout schaffen keine Verantwortung für sich, ihr Leben und ihr Handeln zu übernehmen und sich wie die Vampire auf Frustableiter mit Rechtfertigungszwang zu stürzen, sich an ihnen festbeißen, bis diese völlig erschöpft zusammenklappen.

Es entspinnt sich dann ein Machtkampf, in der beide Parteien voneinander abhängig sind. Der emotionale Erpresser braucht jemanden, dem er die Schuld zuweisen und Vorwürfe machen kann, der Frustableiter braucht jemanden, den er betüddeln und um den er sich kümmern kann. Beiden ist gemeinsam, dass sie sich nicht um ihren eigenen Kram kümmern. Der Frustableiter kehrt ständig vor den Haustüren anderer Leute und der emotionale Erpresser ist schwer damit beschäftigt, den Dreck vor seiner Haustür auf die Türschwellen anderer Leute zu verteilen.

Emotionale Erpresser und Manipulatoren haben dabei mehrere Möglichkeiten, um ihr Opfer zu trietzen. Sie können zum Beispiel an das schlechte Gewissen ihres Gegenübers appellieren. Das geht prima mit Vorwürfen, einem allgemein aggressivem Tonfall und cholerischem Auftreten, wahllosen Zickereien und plötzlichen Schmollattacken ohne ersichtlichen Grund. Menschen, die immun gegen solche Manipulationsversuche sind, sind zu beneiden, denn die ignorieren das Drama Queen-Gehabe einfach und lassen den Wüterich vor sich hintoben, bis er sich von allein wieder beruhigt. Denn das tut er in der Regel, wenn er merkt, dass sein Theater nicht den gewünschten Erfolg bringt. Spürt er allerdings, dass der andere die Schuld annimmt, die er ihm in die Schuhe schiebt, beginnt der Machtkampf. Dann fährt sich dieser Mechanismus fest und beide Parteien fügen sich in ihre Rollen. Der Manipulator setzt den Frustableiter unter Druck, der Frustableiter wird von schrecklichen Schuldgefühlen gequält und versucht verzweifelt, es dem anderen recht zu machen. Was natürlich absolut unmöglich ist.

Eine weitere Möglichkeit zur emotionalen Erpressung ist, Mitleid zu erwecken und den Helferkomplex des Frustableiters zu aktivieren. Am besten klappt das, indem man einen auf hilflos macht und zur Krönung anfängt zu heulen. Hervorragend funktionieren dann solche Formulierungen wie: „Ich dachte, du wärst mein Freund“, „Ich dachte, du liebst mich“ und andere „Wenn-du-mich-wirklich-wertschätzt-dann-machst-du-gefälligst-was-ich-will“-Variationen. Oder, noch subtiler, solche Aussagen, die scheinbare Komplimente sind: „Du kannst das doch so gut“, „Du kannst das viel besser als ich“, „Dir fällt das doch leicht“ und so weiter. Am allerfiesesten ist es, wenn diese skrupellosen Gestalten obendrein die Selbstmord-Karte ausspielen – ohne das ernst zu meinen natürlich. Aber das verfehlt seine Wirkung garantiert nie, denn schließlich ist wohl kaum ein Mensch so kaltschnäuzig, um nach einer solchen Bemerkung nicht fürchterlich zu erschrecken und sich zu fragen, ob da nicht doch etwas dran ist.

Im Grunde sind emotionale Erpresser und Manipulatoren ziemlich schlau und geschickt. Denn da sie nie Schuld oder verantwortlich sind, müssen sie sich auch um nichts kümmern. Das erledigen dann ihre Opfer für sie. Und wenn die irgendwann mal keine Lust mehr dazu haben, sich ständig herumscheuchen, schlecht behandeln, beleidigen und demütigen zu lassen, ist das auch nicht weiter schlimm. Die nächsten Opfer stehen schon an der nächsten Ecke bereit. Der Nachteil ist natürlich, dass die emotionalen Erpresser voraussichtlich einsam sterben werden. Aber das ist auch halb so wild, denn das ist schließlich nicht ihre Schuld.

So ganz ist mir nicht klar, was diese manipulierenden Arschlöcher (mit Verlaub!) dazu bewegt, sich so asozial aufzuführen. Vielleicht haben sie es einfach nicht anders gelernt. Oder sie haben gemerkt, dass sie mit dem Scheißverhalten durchkommen und dass sie alle nach ihrer Pfeife tanzen lassen können, wenn sie wollen. Dann ist das wohl auch wurscht, dass einen keiner wirklich leiden kann. Vermutlich geht es schlicht und ergreifend um Macht. Und nach Macht streben immer nur Leute, die von irgendwelchen idiotischen, aber hartnäckigen Minderwertigkeitskomplexen gebeutelt werden, aber zu feige sind, das einfach mal zuzugeben und sich helfen zu lassen. Bescheuert, aber effektiv. Nur schade, dass diese Erkenntnis in keinster Weise hilft, sich gegen emotionale Erpresser zu wappnen. Da muss man sich wohl oder übel ein dickeres Fell wachsen lassen und dem Manipulator ins Gesicht sagen, dass man es satt hat, herumschikaniert zu werden.


<span>%d</span> Bloggern gefällt das: