Archive for Juli 2015

Essai 147: Über Frauen, die angeblich nichts können

26. Juli 2015

Eine Sache, die an uns Mädels echt nervig ist, ist unser überwiegend miserables Selbstwertgefühl. Irgendwie scheinen sich viele Frauen als schlechter und unfähiger einzuschätzen, als sie tatsächlich sind. Zumindest erlebe ich es immer wieder, dass meine Geschlechtsgenossinnen Dinge sagen wie: „Das kann ich nicht“, „Das ist nicht meine Stärke“, „Das Kleid? Ach, das ist doch schon uralt!“ und so weiter. Warum fällt es uns so schwer, uns einfach mal hinzustellen und zu sagen: Das bin ich. Das kann ich. Und wenn dir das nicht passt, dann ist das dein Problem! Bäm! Towabanga!

Ist uns das obsessive Tiefstapeln angeboren, anerzogen oder durch die Gesellschaft verbockt? Oder sind wir einfach selber Schuld, weil wir uns das irgendwann einmal angewöhnt haben und keine Lust haben, uns die Arbeit zu machen, es uns wieder abzugewöhnen? Vermutlich ist es eine Mischung aus allem. Auf jeden Fall ist das reichlich anstrengend, wenn man einmal angefangen hat, darauf zu achten. Eine Freundin von mir machte mich neulich darauf aufmerksam und erzählte mir eine Geschichte (eine wahre noch dazu): Vor ein paar Jahren traf sie auf dem Weg vom Einkaufen einen Nachbarn und kam mit ihm ins Gespräch. Sie unterhielten sich über alles Mögliche, doch zum Schluss wurde der Nachbar nachdenklich und sagte zu ihr: „Sag mal, ich hab jetzt von dir nur erfahren, was du angeblich alles nicht kannst. Gibt es auch etwas, wo du gut drin bist?“ Meine Freundin war sprachlos. Es war ihr überhaupt nicht bewusst gewesen, dass sie ihr Licht so konsequent unter den Scheffel gestellt hatte. Bis sie mir das erzählt hat, war mir das auch nicht so schlimm erschienen, dass ich immer in den buntesten Details meine vermeintliche allumfassende Unzulänglichkeit darlege und über meine Talente oder Begabungen gar nicht spreche.

Seltsam, mir ist das auch irgendwie total unangenehm, mit meinem Können hausieren zu gehen. Ich denke dann, das ist doch Angeberei, das tut man nicht. Oder vielmehr „frau“ tut das nicht, bei Männern ist das merkwürdigerweise weniger verpönt, wenn die sich in aller Öffentlichkeit großartig finden. Manche übertreiben es dann auch gern einmal und dann schäme ich mich ein bisschen fremd. Aber manchmal kann ich nicht umhin, das zu bewundern und mich darüber zu ärgern, dass ich nicht so locker und entspannt sagen kann, dass ich eigentlich im Großen und Ganzen schon in Ordnung bin so wie ich bin. Und was nicht so toll ist, müsste ich ja eigentlich nicht allen unter die Nase reiben, sondern könnte daran stillschweigend arbeiten. Oder könnte mir bei manchen Untalenten auch sagen, Scheiß drauf, man muss ja nicht alles können.

Stattdessen hat sich in mir die Überzeugung festgebissen, das, was ich kann, interessiere niemanden so wirklich. Das kann ich halt. Sieht ja eigentlich auch jeder, ohne dass ich das extra betonen muss, oder? Während ich bei den Dingen, die ich nicht gut kann, eher Gesprächsbedarf empfinde, weil das dann ja Probleme respektive Herausforderungen sind, die man gern lösen möchte. Oder auch nicht, bei besonders hoffnungslosen Nichtbegabungen will man vielleicht auch einfach nur darüber reden, um zu sagen: Seht her, ich bin nicht perfekt, ich bin ein menschliches Wesen, das niemandem etwas zuleide tut und geliebt werden will! Vielleicht will man als Frau mit dem Tiefstapeln sozusagen die weiße Fahne schwenken und signalisieren, dass man in Frieden kommt und keinen Konkurrenzkampf aka Stutenbissigkeit vom Zaun brechen will. Bei Männern hingegen ist Konkurrenzkampf und Wetteifern eher positiv behaftet. Niemand würde das als Zickenkrieg bezeichnen, wenn zwei Männer sich gegenseitig erzählen, wie unfassbar phänomenal sie sind. Bei Frauen schon. Deswegen versuchen wir uns gegenseitig mit unserem Unvermögen zu unterbieten, damit uns alle lieb haben.

Auf der anderen Seite finde ich es dann auch wieder ganz nett und witzig, wenn Menschen mit einer von sokratischer Ironie geprägten Haltung durchs Leben flanieren und wissen, dass sie nichts wissen. Es gibt da ja schon auch Nuancen. Wenn man ab und zu mit einem Lächeln zu seinen eigenen Schwächen steht, die man nicht ändern kann, anstatt immer nur zu erzählen, wie fantastisch man ist, macht einen das ja auch menschlich. Aber wenn man ständig jammert, man könne dies nicht und das nicht und nicht eine Sekunde darüber nachdenkt, ob das überhaupt in dem Ausmaß stimmt, dann ist das anstrengend. Man entwickelt sich nämlich auch weiter, und manchmal kommt die Selbstwahrnehmung nicht so schnell hinterher und dann denkt man, man sei immer noch genauso doof wie vor zehn Jahren, obwohl man längst Fortschritte gemacht hat. Da ist das dann ganz gut, wenn man nette Freunde hat, die einem ab und zu mal den Kopf zurecht rücken.

Letztens war ich beim Friseur und hatte ein Foto von meinem Wunschhaarschnitt dabei. Die Friseurin guckt sich das Bild an, völlig entgeistert und klagt: „Ja, aber das ist ja gestylt. Das kann ich so nicht schneiden.“ Ich: „Das ist schon klar, ich meine ja auch die Länge. An den Seiten und am Hinterkopf schön kurz, oben etwas länger, wie auf dem Foto.“ Friseurin: „Hmmmm, aber das ist ja gestylt, ich weiß nicht, das geht nicht, ich kann das so nicht schneiden, ich trau mich nicht, bla.“ (An dieser Stelle war ich kurz davor zu gehen, zu lange Haare hin oder her) Dann kam eine Kollegin dazu und fragte: „Kannst du mit dem Messer schneiden?“ Friseurin: „Nee, das habe ich ja noch nie gemacht.“ (Vielleicht war sie gar nicht Friseurin?) Kollegin (seufzt): „OK, lass, ich mach.“ Zack! So geht das!

Ich finde, wir können ruhig häufiger mal dazu stehen, wenn wir etwas können. Schließlich können Ausbildung und/oder Lebenserfahrung nicht komplett spurlos an uns vorübergegangen sein, oder? Irgendetwas wird schon hängengeblieben sein und wenn nicht: Es ist nie zu spät, sein Leben zu ändern und an dem zu arbeiten, was wir gern anders hätten. Und Komplimente dürfen wir auch ruhig einfach mal ohne Gedöns annehmen und uns darüber freuen. Jemand findet das Kleid schön, das man trägt? Ein Lächeln und ein Danke reichen als Antwort! Kein „Ach, das olle Ding?“ oder „Oh, das gab es im Angebot, so ein NoName-Teil, nichts Besonderes“ oder was auch immer.

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Essai 146: Über das Wehklagen einer Heulsuse

17. Juli 2015

Ich weiß nicht, ob das sonst noch wer kennt:
Ich bin so eine, die immer gleich flennt.
Das ist ziemlich doof und auch sehr lästig.
Darum schreibe ich hier dies kleine Gedicht.

Heute mal etwas Lyrik zur Einstimmung, es geht nämlich um ein sensibles Thema: Heulsusen. Wenn man wie ich nah am Wasser gebaut hat, gerät man jedesmal in peinliche Situationen, sobald es mal ein wenig emotional zugeht. Gut, wenn’s gerade traurig ist, ist die Flennerei vom Kontext her angebracht, aber ich fange auch an zu weinen, wenn ich sehr wütend, sehr glücklich, völlig verwirrt, überarbeitet, gestresst bin oder einfach nur schlecht geschlafen habe. Und da fängt es dann an, unglaubwürdig zu werden, wenn man zur Abwechslung mal heult, weil man etwas traurig findet.

Obendrein sehe ich mit meinen braunen Kulleraugen, den Pausbacken und dem Schmollmund auch noch schauderhaft putzig aus. So wie das kleine Viech aus Madagascar, Mort:

Da soll mal einer versuchen, unter den Voraussetzungen ein Anliegen klar und unmissverständlich zum Ausdruck zu bringen. Weiterhin blöd: Wenn ich flenne, weil ich sauer bin oder weil ich merke, dass mich kein Schwein versteht, dann kapiert erst recht niemand, was ich eigentlich sagen will. Dann ärgert mich das noch mehr, ich fühle mich noch unverstandener und überdies schäme ich mich in Grund und Boden wegen meiner Heulerei, sodass ich noch mehr weinen muss. Und dann will ich, dass das aufhört, damit ich sagen kann: So und so ist mein Standpunkt. Basta. Wie soll das aber gehen, wenn man vor lauter Schluchzerei kaum ein Wort geradeheraus gesagt bekommt?

Zum Glück kennen meine Freunde das schon von mir. Sie lassen mich dann erst einmal zuende heulen und wenn ich mich dann unter tausend Entschuldigungen irgendwann wieder eingekriegt habe (was üblicherweise recht fix geht), atme ich ein paar Mal tief durch und versuche mich dann zu erklären. Das versteht meistens immer noch keiner, aber wenigstens wirke ich dabei nicht mehr völlig banane, sondern nur noch ein wenig wunderlich.

Ehrlich gesagt, wenn ich in diesen Momenten nicht ich wäre, fände ich das alles ziemlich lustig. Weil es einfach völlig absurd ist, grundlos zu flennen, und weil ich dabei wohl auch sehr ulkig aussehe. Und weil es wie gesagt immer recht schnell wieder okay ist. Nervig ist es trotzdem. Ich wecke ohnehin schon den Beschützer- beziehungsweise Mutterinstinkt von allen mit meiner Plüschtieroptik. Das ist ja eigentlich auch nicht so schlimm, aber es erschwert mir, ernst genommen zu werden. Die Heulerei macht’s nicht besser.

Ein feinfühliger, empfindsamer Mensch zu sein, ist ziemlich anstrengend. Man hat es sicher um einiges leichter, wenn man ein dickes Fell hat, sich nichts so sehr zu Herzen nimmt und einem ab und zu Dinge einfach mal wurscht sind. Aber ich kenne es nicht anders, als mit einer tiefschürfenden Gefühlswelt verflucht zu sein. Wobei, irgendwie ist das auch ganz schön und bunt … so ist mir immerhin selten langweilig.

Essai 145: Über den Unterschied zwischen Heimatliebe und Nationalstolz

12. Juli 2015

„Heutzutage darf man ja gar nicht mehr stolz auf sein Land sein, ohne gleich als Nazi beschimpft zu werden“, schmollen Internet-Trolle gern mal in Online-Foren. Aber was bedeutet das denn, stolz auf sein Land zu sein? Und kann man stolz auf ein Land sein, in welchem Menschen dagegen protestieren, Hilfsbedürftigen aus anderen Ländern Zuflucht zu gewähren? Aber so gesehen könnte man ja auf gar kein Land stolz sein, denn in jeder Nation gibt es rassistische Arschlöcher, die ihre dumme Meinung bei jeder sich bietenden Gelegenheit herauskrakeelen und Menschen mit Füßen treten, die am Boden liegen. Doch ist Nationalstolz gleichzusetzen mit Rassismus?

Na jaaa …

Es kommt drauf an. Ich mit meinen unklaren Ansagen schon wieder, schlimm das. Es ist jedoch meines Erachtens wirklich nicht möglich, darauf eine eindeutige Antwort zu geben. Oft dient Nationalstolz nämlich Rassisten als Tarnung für ihre fremdenfeindlichen Ansichten. Dann kommt so ein Spruch wie der eingangs Zitierte und dann sind die Leute eingeschnappt und tun so, als wären die anderen alle gemein zu ihnen und sie das eigentliche Opfer. Widerlich, aber raffiniert. Denn so können sie an ihrem Selbstbild des rechtschaffenen Bürgers von einwandfreier Moral festhalten, ohne ihre Einstellung kritisch hinterfragen zu müssen. In diesem Fall also ist Nationalstolz ein Synonym und Euphemismus für Rassismus. Auch, wenn es den Rassisten selbst vielleicht nicht bewusst ist.

Es ist allerdings kein Rassismus, wenn man es schafft, stolz auf sein Land zu sein, ohne andere Länder deswegen pauschal scheiße zu finden. Ich habe den Eindruck, dass viele Menschen, die sich selbst als nationalstolz betrachten, schlicht und ergreifend das Bedürfnis haben, besser zu sein als alle anderen Länder. Küchentischpsychologen sprechen bei dem Phänomen, nichts gut finden zu können, wenn nicht alles andere schlecht ist, gern von nicht aufgearbeiteten Minderwertigkeitskomplexen. Jemand, der wirklich stolz auf etwas ist, kann auch damit leben, wenn Vergleichbares ebenfalls gut oder sogar besser ist. Nur, wer Angst hat und zweifelt, muss andere für das Aufpolieren des eigenen Selbstwertgefühls nieder machen.

Weil jedoch in den meisten Fällen, wenn von Nationalstolz die Rede ist, tatsächlich diese „Wir Inländer sind besser als die Ausländer“-Einstellung dahinter steckt, ist der Begriff eher negativ konnotiert. Als positiven Nationalstolz im Sinne von „Ich fühle mich in diesem Land wohl, mag die Kultur, interessiere mich für die Geschichte und schätze die Sprache hier“, ohne dass man etwas gegen Migrationshintergründe hat, würde ich daher den Begriff der Heimatliebe nutzen wollen. Und Heimatliebe kann man auch empfinden, ohne ein Nazi zu sein, um die eingangs zitierte Bemerkung (die ich übrigens nicht erfunden habe) als falsch zu entlarven.

Denn Liebe kann nur dort bestehen, wo es keine Verachtung gibt, wo das Andere mit Respekt behandelt wird. Heimat ist außerdem etwas anderes als das Konzept der Nation. Unabhängig von der Nationalität ist Heimat das Land oder die Gegend, in der man sich heimisch fühlt, das heißt, in der man die Sprache, die Kultur liebt und mit anderen teilen kann. Ohne jedoch seine Neugier gegenüber anderen Sprachen und Kulturen deswegen aufgeben zu müssen. Die Nation hingegen ist das, was im Pass steht, wo man zufällig hineingeboren wurde. Darauf stolz zu sein ist albern, man hat ja dafür nichts geleistet.


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