Posts Tagged ‘Geschmack’

Essai 86: Über Gerichte mit Geschichte

4. April 2012

Im französischen Radio lief vorhin eine Sendung über das Essen und dabei habe ich einen interessanten Gedanken aufgeschnappt, den ich meiner werten Leserschaft nicht vorenthalten wollte. Jedes Gericht hat seine eigene Geschichte, hieß es. Als Studentin der Literaturwissenschaft und Narratologie (Erzähltheorie) möchte ich dem nicht ganz vorbehaltlos zustimmen, so schön ich diesen Gedanken auch finde. Wobei, wenn man zum Beispiel auch sagen kann, dass ein Bild eine Geschichte erzählt oder ein instrumentales Musikstück, warum dann nicht auch eine Ansammlung von Gerüchen und Geschmäckern, wie man sie in Gerichten findet? Schließlich können diese eine ganze Flut von Erinnerungen und Assoziationen hervorrufen, die zusammengenommen eine Art Geschichte bilden. Aber dann ist diese Geschichte ja bei jedem Menschen eine andere, während bei einem (nicht-abstrakten) Bild oder einem Musikstück die Geschichten, die der Betrachter oder Zuhörer damit verbindet sich doch eher ähneln.

Vielleicht war damit aber auch so etwas wie eine Tradition gemeint, die hinter bestimmten Gerichten steckt. Da gibt es ja tatsächlich Rezepte, die schon sehr alt sind und wirklich eine Geschichte haben, die ursprünglich für irgendwelche Könige gedacht waren oder Ähnliches. Es kann aber auch eine ganz persönliche Familiengeschichte dahinterstecken. Der Apfelkuchen, den meine Mutter immer macht und den ich auch in mein Repertoire übernommen habe, ist zum Beispiel ein Rezept, das schon meine Urgroßmutter immer benutzt hat. Oder die leckeren Käseplätzchen, die mein Opa immer gebacken hat. Meine Schwester und ich haben sein Rezept übernommen und wenn wir heute Käseplätzchen essen, ist das auch immer eine Erinnerung an unseren Opa und Teil unserer Familiengeschichte. Das hat doch auch etwas Tröstliches, oder?

Ich find’s bloß schade, dass es in Deutschland so ein merkwürdiges Verhältnis zur Nahrungsaufnahme gibt. In Frankreich oder auch in Wien, wo ich neulich für eine Woche war, habe ich den Eindruck, man geht viel natürlicher, freudiger und sinnlicher mit dem Essen um. Natürlich ist auch da nicht immer alles supertoll und Friede, Freude, Eierkuchen, aber zumindest die Esskultur wird mit einer gewissen Zuneigung gepflegt. In Deutschland macht man da entweder so eine Wissenschaft draus und sich das Leben viel zu kompliziert (Eier in den Mürbeteig? Backpulver für Crèpes? Zucker in die Salatsoße?) oder man isst, um satt zu werden und hauptsache, die Größe der Portion ist möglichst umfangreich. Kein Wunder, dass der Anteil der Übergewichtigen hier so hoch ist. Essen sollte doch auch Spaß machen, man sollte das doch auch genießen können. Wie will man denn etwas genießen, was so völlig ohne Vergnügen zubereitet wurde? Dann schaufelt man eben in Windeseile Nahrung in sich hinein, damit man nicht merkt, wie leidenschaftslos das Essen schmeckt. Das ist doch öde. Und da merkt man natürlich auch nichts von der Geschichte eines Gerichts.

Mich nerven ja immer die Leute, die mit stolzgeschwellter Brust verkünden, sie könnten nicht kochen. Das ist Unsinn. Jeder kann kochen, da halte ich es wie der Koch im Film Ratatouille, der der kleinen Ratte Rémi als Vorbild dient. À propos, diese kocht ja auch nicht sklavisch nach Rezept, sondern intuitiv, sinnlich, mit Spaß am Vergnügen. Und das kann wirklich jeder. Einfach mal in die Schränke gucken, eine Packung Nudeln hat man ja immer irgendwo und die kann man mit allem essen. Sogar mit Apfelkompott. Und dann improvisiert man mit dem, was man sonst so findet, eine Soße. Dafür braucht man kein kulinarisches Talent, nur ein wenig Experimentierfreude und Fantasie. Oder wenigstens Salz und Pfeffer. Dann kann man sich nämlich auch diesen widerlichen Dosenfraß sparen, bei dem sogar das am wenigsten eklige immer noch schlimmer ist, als das misslungenste Selbstgekochte. Außerdem weiß ja auch kein Mensch, was in diesen Dosenravioli und dergleichen Verbrechen gegen die Geschmacksnerven eigentlich drin ist. Das ist ja wie bei Katzenfutter, dann steht drauf „mit Rind“ und in der Zutatenliste, ganz klein gedruckt, ja mir ist manchmal langweilig im Supermarkt, dann lese ich mir das durch, „0,3% Rinderknochenasche“.

Aber so lange es Leute gibt, die diesen – Pardon – Scheiß in sich hineinschaufeln, weil sie stolz auf ihr eingebildetes Koch-Untalent sind, wird dieser Mist auch immer weiter produziert. Natürlich gibt’s diesen Ekelkram auch in Frankreich oder Österreich, aber da steht dem wenigstens eine traditionelle Esskultur gegenüber, mit Gerichten, die etwas zu erzählen haben. Es wäre schön, wenn sich in Deutschland auch mal so eine Wertschätzung von gutem, leckeren Essen etablieren könnte.

Essai 80: Über die Akkumulation gleichgearteter Nutzlosigkeiten

21. Januar 2012

Männer und Kinder haben ja bekanntermaßen so Einiges gemeinsam. Sie brauchen ständig Aufmerksamkeit, verstehen einen so, wie es ihnen gerade in den Kram passt, obwohl sie ganz genau verstanden haben, was man meint, sie sind laut und manchmal nervig, dabei aber irgendwie putzig, mitunter gar rührend.
Es gibt noch eine Gemeinsamkeit zwischen Männern und Kindern, die ich heute mal dem geneigten Leser und seinem weiblichen Pendant schildern möchte: Die Sammelwut. Oder anders gesagt, die Akkumulation gleichgearteter Nutzlosigkeiten. Ich habe zum Beispiel als Kind Schneekugeln, Parfumflacons und Stofftiere gesammelt, es gab auch mal eine Münz- und Briefmarkensammelphase. Jetzt da ich allmählich altersweise werde (meine Sammelhochzeit hatte ich zu Beginn der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts) habe ich die kathartische Wirkung des Ausmistens für mich entdeckt und meine Schneekugeln und Flacons im Müll entsorgt, meine Münzsammlung für mickrige 10 Euro verschachert (ich vermute, der feiste Kerl, Typ „Klischee-Kapitalist“, der in dem kleinen Münzgeschäft-Kabuff wie die Made im Speck auf seinem Stuhl thronte, hat mich über den Tisch gezogen. Aber bei Krempel muss man immer abwägen, ob man ihn los- oder reich werden will.), einen Großteil der Stofftiere für Tombolas gespendet und die Briefmarkensammlung verschenkt. Herrlich! Dinge, die einfach nur herumstehen und Staub fangen, dabei aber keinerlei Nutzen aufweisen, loszuwerden ist ungemein befreiend. Bücher und DVDs zählen übrigens nicht dazu, die haben nämlich einen Nutzen.

Nun begibt es sich aber so, dass Männer, erwachsene Männer, es häufig total super finden, völlig nutzfreie Dinge anzusammeln, zu katalogisieren, in Alben zu stecken und diese Alben wiederum ins Regal zu stellen, sich eine Extravitrine zuzulegen, wo dann die gesamte Reihe irgendwelcher Sammelfiguren von geringem ästhetischen Wert Platz hat und sich einfach nur daran zu erfreuen, dass sie die Reihe komplett haben und dass sie mit diesem Sachverhalt vor anderen Männern angeben können. Wie gesagt, rührend und putzig und liebenswert. Solange sie alleine wohnen auch überhaupt kein Problem. Ansonsten sehe ich den Beziehungsknatsch schon vorprogrammiert: „MUSS das sein, dass deine Sammlung von Fantasy-Skulpturen in unserem Schlafzimmer steht? Diese Elfe hat überhaupt nichts drunter an und wie dieser Troll mich anstarrt, das irritiert mich!“ – „Stehe NICHT zwischen mir und meinem Hobby!“ … Man stelle sich vor, die Frau nutzt einen unbeobachteten Moment und wischt zum Beispiel ein wenig Staub und aus Versehen, wirklich aus Versehen! verschiebt sich der Troll oder die Elfe fällt herunter und ein Zacken ihres Sternchen-Haarbands bricht ab… Es hat sicher schon Morde gegeben deswegen.

Ich habe da ja so eine Theorie, was männliche und kindliche Sammelwut voneinander unterscheidet. Kinder sammeln Dinge, die sie schön finden. Es macht ihnen Spaß und sie haben Freude daran, hübsche Dinge – egal ob diese einen realen monetären Wert haben oder nicht – nebeneinander zu stellen, mit anderen ähnlichen Dingen zu ergänzen, mit ihren Freunden zu tauschen und ähnliches. Im Vordergrund steht immer der Spaß an der Freude. Diese Einstellung scheinen übrigens auch erwachsene Frauen mit ausgeprägtem Sammeltrieb zu teilen (Ja, ja, die gibt es auch, schon klar). Sammelnde Frauen akkumulieren bevorzugt Kitsch-Figuren, wie Porzellanpuppen oder neckisch aus der Wäsche guckende Clowns mit Luftballons und Grübchen, die mit flauschigen, kulleräugigen Kätzchen spielen, die ebenfalls Grübchen haben. Alles in allem an Scheußlichkeit nur von nackten Elfen zu überbieten. Ich möchte nicht wissen, was das mit der sensiblen Kinderpsyche macht, wenn sie in einem Umfeld aufwachsen, indem sie von Porzellanpuppen und Grinseclowns zugekitscht werden. Da wird man bestimmt ganz komisch von und sammelt sowas später selbst. Wenn hingegen erwachsene Männer sammeln, steht der Spaß an der Freude eher im Hintergrund. Es geht darum, möglichst eine bestimmte Reihe komplett zu haben, von der irgendwelche anderen männlichen Sammler – selbsternannte Sammelexperten – behaupten, man müsse sie komplett haben, sonst wäre sie nichts wert. Und wenn eines von diesen Teilen aus welchen Gründen auch immer von diesen ‚Experten‘ als besonders schwer zu bekommen qualifiziert wird, ist es umso toller, dieses Ding zu erwerben. Ganz egal, ob das eine geschmacklose, hässliche Elfenskulptur, ein kleines Plastikfigürchen  oder ein Stückchen buntes Papier ist. Das ist natürlich super für Leute, die ihr Gerümpel loswerden wollen, die brauchen das dann nur ins Netz zu stellen oder bei irgendeinem Gerümpelhändler vorbeizubringen und schon kriegen sie Geld für etwas, das bei ihnen zu Hause eh nur im Weg herumgestanden hat. Wenn sie sich vorher bei selbsternannten Sammelexperten schlau gemacht haben, vielleicht sogar viel Geld.

Ich muss ganz ehrlich gestehen, dass ich noch halbwegs nachvollziehen kann, dass die Jagd nach einem imaginiert kostbaren Objekt Spaß machen kann. Ich verstehe aber überhaupt nicht, was daran Spaß macht, sich die Sammlung – ist sie einmal komplett – ins Regal zu stellen und nie wieder anzufassen. Wenn das irgendwelche Sammelkarten sind, die man einrahmt, das ist vielleicht nicht immer im eigentlichen Sinne schön, nimmt aber wenigstens keinen Platz weg, also jedem Tierchen sein Pläsierchen. Aber dicke Alben mit Zeugs drin oder Skulpturen nehmen Platz weg und Figürchen versperren einem den Weg zu den Büchern, ist das nicht irgendwann nervig? Fällt einem da nicht manchmal vor lauter Gedöns in der Umgebung die Decke auf den Kopf? Kriegt man da nicht irgendwann einen Rappel und schmeißt die ganze Scheiße weg?

Neulich bin ich auf eine unsäglich peinliche Fernsehsendung gestoßen, die in bester ‚Scripted reality‘-Manier gerümpelgeplagten Ehegattinnen hilft, ihren Mann dazu zu bewegen den Trödel zu entsorgen, den er schon seit Jahren hortet und allen Ernstes glaubt, der Schrott sei irgendetwas wert. Alte Kaffeemaschinen, bei der einen fehlt die Kanne, bei der anderen ist der Deckel abgebrochen, bei der dritten ist das Kabel durchgeschmort. Milchkannen von monströser Kitschigkeit, angemalte Schaufeln, jede Menge Harken und Kisten mit undefinierbarem Kleinkram. Der küchentischpsychologisch geschulte Hanswurst von einem Moderator äußerte dann auch gleich die Vermutung, dass die Gattin sich durch das Vergraben ihres Mannes in seinen Krempel vernachlässigt fühle. Nun bin ich nicht minder küchentischpsychologisch geschult und vermute, dass das Problem gar nicht Liebesentzug ist, wenn die Sammelwut des Göttergatten soweit geht, dass der Mann nichts wegwerfen mag (Kann man noch kleben! Ist doch noch gut! Kann man doch noch gebrauchen! Da kann man doch noch was draus machen! Man weiß ja nie! Wieso, was stimmt denn damit nicht! Das ist doch schön! Man muss nur Leute finden, die das auch wertschätzen können!), sondern schlicht und ergreifend darin, dass ein Übermaß an Krempel einfach erdrückend ist. Wenn es mit der Sammelwut des Gatten soweit ist, muss man als Frau tricksen. Am besten nicht fragen und die Sachen heimlich entsorgen. Ja, ja, ja, das macht man nicht, von wegen Ehrlichkeit blablabla. Aber Extremsituationen erfordern mitunter drastische Methoden. Man muss das natürlich geschickt machen und erst mal nur Kleinigkeiten entsorgen und nicht zu viel auf einmal. Ich wette, das merkt der gar nicht. Aber wenn man ihn fragt, ob man diese ramponierte Kaffeemaschine ohne Kanne, die kein Mensch mehr benutzt, entsorgen darf, wird er sich vehement weigern. Schmeißt man sie einfach weg, sind alle zufrieden.

Essai 78: Über 10 Dinge, die ich hasse

5. Dezember 2011

Die Reihenfolge der Liste ist rein zufällig und die Auswahl der Dinge vollkommen willkürlich.

1.)    Drehtüren. Gibt es etwas Bescheuerteres und Unpraktischeres als Drehtüren? Am schlimmsten sind automatische Drehtüren. Die drehen sich prinzipiell immer langsamer als man gehen will und sobald man sie auch nur ein bisschen anstupst kollabiert das ganze System und das Ding bleibt komplett stehen. Außerdem nehmen die Teile unnötig viel Platz weg und in den Kabinen selbst ist es grundsätzlich trotzdem zu eng. Was spricht eigentlich gegen Schiebetüren oder normale Türen? Wenn die Drehtüren wenigstens noch einen ästhetischen Wert hätten, könnte ich das ja verstehen. Haben sie aber nicht. Ich hasse Drehtüren, die machen mich aggressiv.

2.)    Überfüllte Busse, Bahnen und Fahrstühle, insbesondere bei Regenwetter. Enge kann ich nicht leiden, Kälte und Nässe auch nicht. Momente, in denen diese drei widerwärtigen Dinge aufeinandertreffen, sind überfüllte Busse, Bahnen oder Fahrstühle bei Regenwetter. Man weiß nicht wohin mit seinem Schirm, die Regenjacken riechen eigenartig, es tropft und trieft in allen Ecken, man wird herumgestoßen, bekommt von allen Seiten irgendwelche Taschen, Rucksäcke und Ellbogen ins Gesicht gerammt, alle sind genervt und haben miese Laune und man friert und schwitzt gleichzeitig. Dann muss man ewig warten, bis man sich irgendwo hinsetzen und sein Buch lesen kann und früher oder später werden die Leute zickig und fangen an sich gegenseitig zu beschimpfen. Anstrengend.

3.)    Staubsaugen. Ich hasse staubsaugen. Das macht Lärm und die Dinger sind sperrig und schwer und im entscheidenden Moment fliegt immer dieses Scheißkabel aus der Scheißsteckdose oder dieser idiotische Beutel muss schon wieder gewechselt werden. Problem dabei ist, dass ich Staub auch hasse. Wenn dann in den Ecken die Wollmäuse wieder zu Wollelefanten anschwellen, komme ich in ein regelrechtes Dilemma. Ist meine Abneigung gegen Staub größer als mein Widerwillen, zu saugen? Am Ende gewinnt zumeist das staubfressende Ungetüm. Zu allem Überfluss bleibt es dann nur sehr kurz, viel zu kurz, staubfrei. Und dann geht der ganze Ärger von vorne los. Wenn irgendwann supercoole Staubsaugroboter erfunden werden, die überall in jede Ecke kommen und gleichzeitig auch sämtliche Regale vom Staub befreien und automatisch erkennen, wenn etwas kein Dreck ist, sondern Dekoration oder so, dann will ich das haben. Und zwar sofort.

4.)    Distanzlose Ungeheuer. Ich habe nichts gegen andere Menschen, aber ich möchte nicht ungefragt bekuschelt, beknuddelt oder sonst irgendwas werden. Und wenn so ein impertinenter Troglodyt mir im Kino beinahe auf dem Schoß sitzt und ich nur noch die halbe Leinwand sehe, weil das distanzlose Ungeheuer sich völlig ohne Not seitlich über meinen Sitzplatz gebeugt hat, finde ich das ganz und gar unangenehm. Mir ist schon klar, dass das nicht böse gemeint ist und dass diese Menschen ernsthaft glauben, es mache sie in irgendeiner Weise charmant, dass sie ständig in anderer Leute ‚Intimraum‘ eindringen, aber nein, das ist nicht charmant. Es ist unhöflich und respektlos. Körperkontakt, in welcher Form auch immer, erfordert ein gewisses Maß an Vertrautheit. Und die muss sich erst mal aufbauen, das geht mit einigen Menschen schneller, mit anderen langsamer. Wenn man mich aber mit seinem physischen Zuneigungsbekundungszwang überrollt, ohne dass ich eine Wahl habe und wenn ich diesen Menschen noch überhaupt nicht kenne, werde ich in eine Situation hineingedrängt, in der eine Intimität aufgedrückt wird, die noch gar nicht vorhanden sein kann. Das ist so, als würde einer mit Pauken, Trompeten und Feuerwerk um Mitternacht in meinem Schlafzimmer von der Decke springen und ohrenbetäubend La Cucaracha krähen.

5.)    Wenn es draußen kalt, nass, finster und ungemütlich ist und ich auch noch da raus muss. Obwohl… das mag wahrscheinlich niemand… Ich mach mir jetzt nen Tee.

6.)    Bügeln. Bügeln ist lästig. Außerdem bin ich darin untalentiert. Ich schaffe das jedes Mal, wenn ich einen Teil eines Kleidungsstücks glatt bekommen habe, dafür an anderer Stelle eine Falte rein zu bügeln. Dann bügel ich die eingebügelte Falte weg und dann entsteht an dritter Stelle eine neue. Und so weiter und so fort.

7.)    Hundehaufen. Ich mag Hunde, die sind süß und alles, aber Tatsache ist, dass ihre Hinterlassenschaften von äußerst penetrantem Übelgeruch geprägt sind. Und die will ich nicht am Schuh oder sonst wo haben. Also, wenn künftig alle Hundebesitzer die Häufchen ihrer kleinen Lieblinge mit Plastiktütchen aufsammeln und entsorgen könnten, wäre ich unendlich dankbar. Ist doch wahr.

8.)    Überraschungen im Essen. Auf die Gefahr hin, mich als ete petete zu outen, ich kann Überraschungen im Essen nicht ausstehen. Ob das ein Sammelsurium an Sehnen, Knochen, Knorpel und anderem unangenehmem Zeugs im Fleisch ist oder der Biss in eine Fleischpastete in freudiger Erwartung eines Schokoladenmuffins. Ich mag auch keinen Glibber oder Schleim oder eine gummiartige Konsistenz beim Essen… vielleicht bin ich doch ein wenig ete petete.

9.)    Unangenehme Stimmlagen und -lautstärken. Ich bin sensibel, verdammt noch mal! Also höre man doch bitte auf, mich anzubrüllen, anzukrakeelen oder blöd von der Seite anzuquaken, wenn man mir einen simplen Sachverhalt mitzuteilen gedenkt. Wenn man klar und deutlich spricht, verstehe ich das auch akustisch, ohne dass man herumschreien muss. Und was ich auch hasse, ist, wenn quer durch’s Haus von einem Raum zum nächsten gegrölt wird, weil man zu faul ist, die drei Schritte zu gehen. Meistens hört man nur, dass gegrölt wird, aber nicht, was gegrölt wird. Dann platzt einem erst fast das Trommelfell und dann muss man auch noch das unterbrechen, was man gerade macht, muss zu dem Brüllaffen hingehen und nachfragen, wo denn das Problem liege, nur um zu erfahren, dass man entweder nicht gemeint war oder der Informationsgehalt der Aussage gegen Null tendiert (Etwa: „Da ist eine Kohlmeise draußen am Meisenknödel!“).

10.)  Kinder und Familien in Werbespots. Boah, geht mir das auf den Keks. Diese unglaublich blonden Kinder, mit ihren ungemein blauen Augen, wie sie im Befehlston herumkreischen (siehe Punkt 9), dass sie irgendwelche Süßigkeiten wollen. Und wie die erstaunlich junge Mutter, bei der man sich immer fragt, wie das biologisch möglich ist, dass sie schon so große Kinder hat, ihrer Höllenbrut brav und hörig ein perfekt arrangiertes Silbertablett mit den angepriesenen Süßigkeiten unter die Nase reibt. Eva Herrmann hätte ihre helle Freude daran. Und dann wird auch noch alles von denselben kotzsüßlichen Synchronsprechern gesprochen. Von dem Rollenbild von Mann und Frau, das vermittelt wird, einmal ganz zu schweigen. Offensichtlich hat die Mutter ihre allerseligste Erfüllung darin gefunden, ihre Blagen mit Süßkram zu mästen, kein Wunder, dass in Deutschland schon die Kinder übergewichtig sind (nur in der Werbung natürlich nicht). Die kleinen Monster sind unhöflich, schlecht erzogen und unerträglich und der Papa – sofern vorhanden – setzt sich an den gedeckten Tisch und lässt sich bedienen. Manchmal, wenn die Werbespot-Produzenten sich pfiffig wähnen, drehen sie die Rollen auch mal um, dann kocht nämlich der Papa. Heißt, er schiebt ne Fertigpizza in den Ofen. Super. Zum Glück ist das nicht das wahre Leben.

Essai 61: Über das zwiespältige Verhältnis der Deutschen zu Comics, Trickfilmen etc.

13. Mai 2010

Manchmal sind meine Landsleute – tut mir leid das sagen zu müssen – ignorante Banausen. Und nicht nur das, sie ignorieren sogar ihr ignorantes Banausentum. Schlimm, schlimm, schlimm möchte man da sagen.

Wie oft erlebe ich hierzulande, dass sich jemand für furchtbar intellektuell und über alle Maßen gebildet wähnt und dann noch nie auch nur eine Folge von den „Simpsons“ gesehen hat. Geschweige denn in ein Album von Tim und Struppi, Johann und Pfiffikus oder Asterix und Obelix geschaut.

Warum nicht? Weil es „was für Kinder“ sei. Warum das? Weil es gezeichnet ist.

Das ist der einzige Grund.

Denn – wie ja allgemein bekannt ist – Kinder sind dumm (wie einst schon die überaus intelligenten Einbrecher in Kevin allein zu Haus feststellten und die müssen es ja wissen). Daher kann das, was „für Kinder“ ist, auch nur was für Idioten sein und da ist sich unsere erwachsene intellektuelle Elite zu schade für.

Es ist hier in unserer Kultur wirklich ein großer Irrtum zu beobachten. Allein schon, dass man alles, was gezeichnet ist, in einen Pott schmeißt, ist eine Riesenidiotie. Man kann doch nicht die Simpsons mit zum Beispiel dieser Barbie-Trickfilm-Serie auf SuperRTL vergleichen oder Asterix und Obelix mit Hulk. Wobei… Warum eigentlich nicht? Ich bin mir sicher, dass man mit etwas Interesse, Neugierde und wissenschaftlicher Offenheit auch bei Barbie und Hulk etwas finden kann, über das es sich kritisch nachzudenken lohnt. Das Frauenbild bei Barbie im Vergleich zur Simpsons-Folge Lisa contra Malibu Stacy oder die Rolle der Gewalt in Asterix und Obelix im Vergleich zu Hulk. Wäre bestimmt interessant.

Comics und Trickfilme ermöglichen doch gerade dadurch, dass sie gezeichnet sind, Sozial- und Gesellschaftskritik, politische Anspielungen, literarische Zitate und historische Zusammenhänge ironisch und nur scheinbar harmlos zu verpacken.

Und wenn man sich dann einfach hinstellt und hoch erhobenen Hauptes deklariert, man halte von „so etwas“ nichts, dann finde ich das borniert und dämlich. Wenn man nämlich einfach mal genauer hinschaute, würde man entdecken, dass sich die Macher zumeist einiges dabei gedacht haben und dass Trickfilme und Comics häufig – wenn sie gut gemacht sind – auf mehreren Ebenen funktionieren. Eine Ebene ist sicher oft, dass es auch für Kinder gemacht ist. Aber es gibt immer auch Ebenen, die den Intellekt ansprechen, auch den eines Erwachsenen (sofern vorhanden), wenn man bereit ist, neugierig hinter die Oberfläche zu gucken.

Das aber würde bedeuten, dass das doch ganz gut funktionierende Weltbild und die Definition der eigenen Persönlichkeit als intellektueller Kunstkenner ins Wanken geriete. Und das darf natürlich nicht passieren. Wo kämen wir denn da hin.

Ich hab zum Beispiel als Kind literarische Meisterwerke wie Krieg und Frieden, Die Leiden des jungen Werther oder Der geteilte Viscomte durch die Lustigen Taschenbücher kennengelernt und bin dadurch überhaupt erst dazu angeregt worden, das Original zu lesen. Durch Asterix und Obelix habe ich meine Lateinkenntnisse erlangt (ich spreche zwar nicht fließend, aber immerhin). Durch Johann und Pfiffikus verfeinerte ich meine Sprachkenntnisse (im Original ist es in einem hervorragenden Französisch geschrieben und auch übersetzt ist die Sprache einwandfrei) und lernte, wie die mittelalterliche Gesellschaft aufgebaut war. Und die Simpsons bringen mich auch dann noch mit ihrer Gesellschaftskritik zum Lachen und Staunen, wenn ich die Folge schon fünf Mal gesehen habe.

Und dann soll noch einer sagen, alles was gezeichnet ist, ist für Vollidioten (Kinder)?

Es ist wohl eher umgekehrt. Wer es nötig hat, herablassend über Dinge zu urteilen, über die er nichts weiß, ist ein Idiot.

Aber was weiß denn ich schon. Ich mag Comics und Trickfilme. „So jemandem“ kann man doch nicht trauen…

Essai 27: Über das Älterwerden

8. Juni 2008

Das erste Mal, dass mir meine eigene Vergänglichkeit schmerzlich bewusst wurde, war, als meine acht Jahre jüngere Cousine und mein zehn Jahre jüngerer Cousin mich nur fragend ansahen, als ich Roxette erwähnte.

Ich meine, Roxette, das ist Kult, das kennt man doch! Ich war sozusagen entsetzt! Und ein wenig traurig. Denn da wusste ich: ich werde älter. Ich verfalle. Der Verfall beginnt beim Musikgeschmack.

Oder kennt etwa noch einer von den HipHop-verkorksten Teenies Ace of Base? Haddaway? Nä. Die kennen dann nur Fifty Cent und die anderen „Pimps“, so nennt man das doch? Ich kann zum Beispiel nicht nachvollziehen, dass es Musik sein soll, wenn ein „pimp my Pimp“-„Homie“ mit dicker Goldkette und noch dickerem „pimp my ride“-Auto vor so „pimp my bi-atch“-Tussis mit „pimp my boobs“-Brüsten in knappen Bikinis herumposen, einen auf fat „pimp my pants“ machen und die ganze Zeit erzählen, was sie mit eben genanntem alles Dolles anzustellen wissen.

Nur weil da im Hintergrund ein paar Alibi-Bässe einsam und verlassen vor sich hin wummern ist das doch noch keine Musik? Früher, zu meiner Zeit, da hat HipHop noch was bedeutet. Da war das noch Ausdruck und Rebellion! Jetzt ist es ja nur noch eine Parodie seiner selbst. Und sowas vermittelt unserer Jugend Werte?

In den Neunzigern wurde noch gute Musik gemacht, der Inhalt war zwar nicht immer künstlerisch oder pädagogisch wertvoll („There’s a party“), aber man konnte immerhin noch dazu tanzen, jawohl! Und die Texte hatte man auch schnell drauf, so dass man mitsingen konnte („Ooh Lalala, I love you baby…“). Das hatte noch Stil.

Aber jetzt…

Ach und Weh ein einziges Trümmerfeld von Ansprüchen, Niveau und zerschmetterten Melodien, die zum remixen und reremixen verdammt sind. Und was ist mit dem guten alten Ghettoblaster? Tja, dafür gibt’s ja jetzt diese tollen Handys, mit denen man seinen Mitmenschen in der U-Bahn so schön die Nerven zersägen kann. Aber ein Gutes hat das Ganze: Wenn in zehn Jahren nicht die Spice Girls, die Backstreet Boys und Take That ihr Come-Back versuchen, sondern Bushido und wie sie alle heißen, dann hab ich was zu lachen. Da freu ich mich drauf.

Essai 20: Über Partnerlook

25. Mai 2008

Normalerweise kennt man das ja von Paaren jenseits der fünfzig, dass sie anhand ähnlicher oder gleicher Kleidung ihr Zusammengehörigkeitsgefühl zur Schau stellen.

Da werden dann vom Mann und der Frau die gleichen roten Fleecejacken – Marke: Gemütlich – von Globetrotter spazierengetragen, möglichst auch noch garniert mit den gleichen Bauchtaschen, weil die so praktisch sind.

Neulich jedoch machte ich eine für mich schockierende Beobachtung: Ein junges Pärchen, so anfang zwanzig, promenierte lässig vor sich hin und das in Pullovern der exakt gleichen Farbe. Wenn diese exakt gleiche Farbe etwas würdevolles gewesen wäre, blau oder schwarz, meinetwegen braun oder dunkelgrün, dann hätte man es ja wohlwollend als Zufall abtun können. Aber es war ein barbieskes, kitischistisches Lila, das einem beim Anblick Augenschmerzen bescherte. Der arme Junge versuchte sich verzweifelt an seiner Zigarette festzuklammern und dadurch Coolness zu simulieren, was ihm in dem lächerlichen lila Pulli nicht so wirklich gelingen wollte. Ob er dieses Ding freiwillig angezogen hatte? Oder hatte ihn seine Freundin gezwungen? Ein Rätsel, das auf ewig ungeklärt bleiben wird…

Essai 10: Über Humor

9. Mai 2008

Mit dem Humor ist das so eine Sache. Entweder man hat welchen, oder man hat keinen. Und interessanterweise ist jeder der Ansicht, welchen zu haben, wohingegen alle, die sich nicht bei allem was man sagt, vor Lachen biegen, keinen haben. Es sei denn natürlich, man hat das, was man gerade gesagt hat, gar nicht witzig gemeint. Dann hält man die Leute, die lachen, nicht nur für humorlos, sondern obendrein auch noch für bekloppt. Wobei es mit Sicherheit mehr Menschen gibt, die bekloppt sind, als welche, die echten Humor haben. Die meisten verwechseln „lustig sein“ mit „Humor haben“. Oder „Bei allem in wieherndes, penetrantes Lachen ausbrechen“ mit „Humor haben“. Dabei hat Humor gar nicht mal so viel damit zu tun, wie laut man lacht oder wie man andere am laufenden Band zum Lachen bringt. Es ist eher eine Art Lebenseinstellung, eine Gegenbewegung zum großen, allgemeinen Jammertum Ewignörgelnder. Ich für meinen Teil habe keinen Humor. Ich nörgel einfach zu gern.

Essai 6: Über Kulturdrückeberger, Kunstmuffel und andere Idioten.

28. April 2008

Ich bin entsetzt darüber, wieviele Menschen es gibt, die die Frage „Kommst du mit ins Museum?“ mit „Nö, Kunst ist langweilig“ und die Frage „Kommst du mit ins Theater“ mit „Nä, ich bezahl doch nicht um mich über die Eitelkeiten eines größenwahnsinnigen Regisseurs zu ärgern“ beantworten.

Diese Antworten kommen nämlich prinzipiell von Leuten, die prinzipiell nie ins Theater oder Museum gehen. Woher wissen sie denn dann, dass es langweilig ist oder größenwahnsinnig? Vielleicht tue ich diesen Menschen ja auch Unrecht, wenn ich sie als Idioten und bornierte Schwachköpfe bezeichne? Vielleicht haben sie einfach so etwas wie einen sechsten Sinn, der langweilige und größenwahnsinnige Machwerke zehn Meilen gegen den Wind erschnuppert. Demnach wäre ich der Idiot, wenn ich sage, man sollte nicht vorschnell urteilen und sich auch ruhig mal zutrauen, Neues kennenzulernen und offen und interessiert durch die Weltgeschichte zu wandeln.
Sicher muss man nicht alles gut finden, was die Künstlerwelt so fabriziert.

Neulich hörte ich im Radio von einem Künstler, der Bilder sang.

Klingt komisch, ist aber so.

Der hatte dann so leere Leinwände vor sich stehen und besang diese Leinwände beispielsweise mit einem Blumenstrauß, und das in reichlich schiefer und schräger Tongestaltung. Ich fand es nicht schön, aber so hatte ich für den Rest des Tages was zum fremdschämen. Und das ist ja auch schonmal was.
Dennoch sollte man sich von komischen Künstler-Käuzen nicht dazu verleiten lassen, grundsätzlich alles abzulehnen, was auch nur annähernd kreativ ist. Wo kämen wir denn da hin, wenn wir alles Kreative lassen würden? DAS wäre langweilig.


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