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Essai 58: Über Leute mit selbsernanntem Bildungsauftrag

27. Februar 2010

Manchmal muss ich mich doch sehr wundern, wie ungern Leute vor ihrer eigenen Haustür kehren und mit was für einem Vergnügen sie im Glashaus sitzen und einen Stein nach dem anderen fröhlich durch die Gegend pfeffern.

Wobei…

Wahrscheinlich bin ich da auch nicht viel besser…

Dumdidum…

Egal. Um mich geht’s hier jetzt nicht.

Heute habe ich mal diejenigen auf dem Kieker, die sich aufplustern und aufspielen und den großen Moralapostel und Erziehungsberechtigten raushängen lassen und mit unaufhaltsamer Energie ihren selbsternannten Bildungsauftrag verfolgen. Einen Bildungsauftrag, dessen Sinn und Zweck nur sie selbst einsehen, ihre Opfer, die erzogen werden sollen, jedoch nicht.

Irgendwie scheint es nicht unbedingt in der Natur des Menschen zu liegen, andere Menschen einfach mal in Ruhe machen zu lassen.

Besonders beliebt in Sachen Bildungsauftrag ist das Erwachsen sein, werden, was auch immer. Dabei ist unser Erziehungsberechtigter selbstverständlich derjenige, der ganz genau weiß, wann man sich erwachsen aufführt und wann nicht. Sprich, die Gewohnheiten und Macken des Bildungsbeauftragten sind erwachsen, die des Zöglings wider Willen nicht. Klingt soweit ganz einfach.

Achtung ist geboten, denn als Bildungsbeauftragter darf man auf GAR KEINEN FALL auch nur ein einziges Mal mit dem Gedanken spielen, seine Mission objektiv zu betrachten. Für sowas ist keine Zeit, der Auftrag muss schließlich ausgeführt werden und duldet keinerlei Aufschub.

Ganz wichtig ist auch, dass man seine Bildungsmission nicht ein einziges Mal infrage stellt. Man darf sich auch auf gar keinen Fall dazu hinreißen lassen, auch nur das kleinste Bisschen Empathie oder Einfühlungsvermögen bezüglich des Zöglings zuzulassen. (Dann würde nämlich auffallen, dass die ganze Aktion vollkommen bescheuert ist und nur dazu dient, sich nicht um seinen eigenen Kram zu kümmern.)

Mit dem Erwachsen sein, werden, was auch immer ist das sowieso wieder so eine Sache. Jeder versteht etwas anderes darunter. Ich zum Beispiel bin der Meinung, erwachsenes Verhalten ist ein solches, bei dem man sich erst einmal um seine eigenen Baustellen kümmert und dann auf NACHFRAGE anderen Menschen unter die Arme greift. Gut, im Grunde kann man auch auf Nachfrage anderen helfen, wenn man selbst noch nicht ganz fertig ist. Aber anderen Leuten seine eigenen Ansichten aufzudrängen und das auch noch ohne darum gebeten worden zu sein, finde ich nicht erwachsen. Das ist einfach nur nervig. Erwachsen ist es meiner Meinung nach auch, wenn man sich nicht nur seiner eigenen Schwächen bewusst ist, sondern wenn man an ihnen arbeitet, anstatt so zu tun, als wären das gar keine Schwächen und als sei man total stolz drauf. Das ist nicht erwachsen, das ist anstrengend. Mit solchen Leuten kann man nämlich nicht reden. Auch sehr unerwachsen.

So. Dann gibt es aber auch Leute, die erwachsen sein nicht von einer charakterlichen Reife abhängig machen, sondern nur auf rein äußerliche Faktoren stützen. Da kann man innerlich der kindischste, dämlichste Vollidiot sein, wenn man alleine wohnt, ist man erwachsen. Wenn man nie lacht und alles doof findet, ist man erwachsen. Wenn man hohe Schuhe trägt, obwohl die völlig unbequem sind, ist man erwachsen. Oder wenn man einen selbsternannten Bildungsauftrag verfolgt ist man erwachsen. Aber wenn man das alles nicht tut, kann man innerlich noch so reif sein, man ist und bleibt kindisch und muss umgehendst davon geheilt werden.

Das hat mich schon in der Schule genervt. Und es wird nicht besser.

Warum kann man nicht einfach seine Mitmenschen so nehmen wie sie sind? Das heißt natürlich nicht, dass man kritiklos alles hinnehmen muss, was einem so teilweise zugemutet wird. Wenn einen etwas stört, sollte man das freundlich und bestimmt sagen. Aber dann ist gut. Man sollte nicht versuchen, seine Mitmenschen umzuerziehen und sie zu ändern. Das geht sowieso in die Hose.

Man kann nicht die anderen ändern. Man kann nur sich selbst ändern.

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Essai 57: Über Menschenbilder und Sozialcharaktere

20. Februar 2010

Ich hab in der Zeitung mal wieder was entdeckt. Zur Abwechslung mal nichts Ärgerliches, sondern etwas, das ich interessant fand. Es ging um den heute vorherrschenden „Sozialcharakter“, das heißt um das Menschenbild, das zur Zeit „in Mode“ ist. Sei es zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch der „autoritäre Charakter“ gewesen, so ist es im 21. Jahrhundert nun der „histrionische Charakter“ der en vogue ist. „Histrionisch“ heißt soviel wie hysterisch oder theatralisch. Und das fand ich interessant, das ist mir nämlich auch schon aufgefallen, ich hätte nur keinen so griffigen Namen wie „histrionischer Sozialcharakter“ für dieses Phänomen gehabt, sondern eher sowas Umständliches wie: „Lauter nervige, penetrante, geltungssüchtige, künstliche, unauthentische, kreischige, strunzdumme Schaufensterpuppen, die völlig hysterisch und aufgesetzt im Fernsehen völlig ungefragt allen ihr nicht im Geringsten interessantes Privatleben unter die Nase reiben.“

Auch wenn ich gestehen muss, der Unterhaltung wegen ganz gerne mal DSDS zu gucken, ist es doch auffällig, dass die jungen Leute sich da alle auf ein und dieselbe Weise gebahren. Sie verziehen das Gesicht zu Grimassen, werfen die Arme in die Luft und kreischen „OhmeinGott-OhmeinGott-OhmeinGott“, fangen schlimmstenfalls auch noch an zu flennen, weil sie gerade „Hero“ von Mariah Carey jaulend ihrer toten Katze gewidmet haben und überhaupt ist das alles wahnsinnig (und ich meine: wahnsinnig) „emotional“ und so.

Ja.

Ich hab ja nichts gegen Gefühle. Wäre auch Quatsch. Gefühle sind da, ob sie einem passen oder nicht, und da muss man halt mit umgehen. Sie doof zu finden wäre da nicht sehr konstruktiv. Aber was ist denn das, dass alle so völlig hysterisch ihre „Emotionalität“ so zur Schau stellen müssen? Überhaupt, dass das heutige Menschenbild von uns erwartet – oder genauer gesagt, dass unser Verhalten dieses Menschenbild konstituiert – , dass man sich selbst so inszenieren muss. Und wenn hier von „man selbst“ die Rede ist, meint man damit das Gefühlsleben. Irgendwie ist es beinahe „verboten“ sich vernünftig von seinem gesunden Menschenverstand leiten zu lassen. Dann ist man nämlich gleich ein Spießer. Oder ein Streber. Oder beides. Und der Streber-Spießer ist das absolute Feindbild unserer Generation. Und das obwohl meine Generation wieder sich nach Spießigkeit sehnt (siehe meinen Essai über die neospießigen Anwandlungen meiner Generation).

Klar, jeder hat Gefühle und hin und wieder auch mal Gefühle zu zeigen ist sicher nicht schädlich. Aber meiner Meinung nach verfälscht man die echten Gefühle, wenn man sie dermaßen theatralisch aufbauscht. Echte Gefühle muss man nicht extra betonen, die zeigt man eher unbewusst, sogar gegen den eigenen Willen (Passiert mir ständig, ist ziemlich nervig). Wenn man aber seine eigene Persönlichkeit so inszeniert und seine eigene Identität über so kitschig-pathetische Dinge wie „Drama“, „Emotionalität“, „Tragödie“ und „Schicksal“ definiert und seine Gefühle stereotypisiert herausposaunt, wo bleibt dann „man selbst“? Was ist denn daran überhaupt noch echt?

Die Verfloskelung von Gefühlen erreicht bei solchen Leuten ihren Höhepunkt. Ständig hört man von den Kandidaten von Castingshows und Konsorten denselben Quark. Die ausscheidenden Kandidaten werfen sich beispielsweise auf die Knie – wie in einer ganz ganz schlimmen Schmierentragödie – und fangen an zu heulen: „Nein, bitte nicht, das ist mein Leben, das ist mein Leben!!!“ oder – auch sehr beliebt – „Nein, das ist doch mein größter Traum!!“. Die Kandidaten, die weiterkommen fangen meistens erstmal an, Mund und Augen gleichermaßen weit aufzureißen, die Hände ans Gesicht zu nehmen (als Zeichen des Erstaunens nehme ich an, weil sie ja gaaaar nicht damit gerechnet haben, dass sie weiterkommen), mit den Knien Schwung zu holen um dann laut kreischend und „Wuhuu!!!!“ krakeelend allen – inklusive Jury – um den Hals zu fallen.

Wenn man die Kandidaten interviewt, fragt man sie vermutlich auch, was sie in der heutigen Sendung gedenken zu tun. Da hört man dann auch immer denselben alten Mist: „Ja, ich will natürlich heute richtig kämpfen und abliefern und mehr Gefühl zeigen und richtig Gas geben.“

Aha. Wie auch immer.

Meiner Meinung nach ist das Überwältigungskino hollywoodscher Prägung nicht ganz unschuldig daran, dass sich das moderne Menschenbild in Richtung des selbstinszenierten, theatralischen, hysterischen, künstlich-emotionalen Hampelmann entwickelt. Und nicht nur das Kino, sondern die amerikanische Mentalität an sich, wie sie in diversen televisionären US-Importen in unsere heimischen Gefilde Eingang gefunden hat. Ich hab nichts gegen „die“ Amerikaner, aber ich mag diese überemotionale Selbstinszenierung nicht, die typisch amerikanische Machwerke in Metadiskursen verdeckt propagieren. So wird nämlich das Hysterische als normaler Gefühlsausdruck dargestellt und von den Hiesigen unbewusst als Normalität übernommen.

Es gibt viele richtig gute amerikanische Fernsehserien, davon auch viele meiner Lieblingsserien. Das ist leider das Problem mit den deutschen Fernsehserien, die sind entweder peinlichst schlecht (Telenovelas, Seifenopern und Konsorten) oder werden nach wenigen Staffeln abgesetzt, weil sie bei den Leuten, die so ein ominöses Quotenkästchen zu Hause haben nicht gut ankommen (sämtliche Ralf Husmann-Serien wie „Dr. Psycho“, „Der kleine Mann“ oder auch „Stromberg“) oder weil sie ohnehin zu nachtschlafender Zeit laufen. Also versuchen die Quotenjäger es dem Publikum recht zu machen, indem sie entweder gleich amerikanische Serien zeigen, oder indem sie auf ganz peinliche Art und Weise versuchen, amerikanischen Krams mit deutschen Schauspielern zu fabrizieren. Dass da nur Murks bei rumkommt brauche ich wohl nicht zu präzisieren. Wenn amerikanische Schauspieler einen emotionalen Ausbruch nach dem anderen simulieren dann kennt man das schon und man hat sich dran gewöhnt und übersieht das schon fast, dann kann man sich auch aller Ruhe der Handlung widmen. Aber wenn deutsche Schauspieler einen auf emotional machen ist das nur noch ein Anlass zur Fremdscham mehr. Es passt einfach nicht. Das gehört nicht zu unseren herausragenden Eigenschaften übertrieben emotional zu sein, jedenfalls in der Regel. Und das ist auch gut so. Die besten deutschen Komiker (Loriot, Dieter Nuhr) arbeiten genau mit dieser emotionalen Untertreibung und mit sprachlicher Präzision, die Pointen kommen nebenbei, ohne Lärm auf Samtpfoten durch das Hintertürchen und eh man realisiert hat, dass das gerade irre komisch war, ist die Pointe auch schon wieder verschwunden.

Das ist doch gerade spannend, dass es kulturelle Unterschiede im Umgang mit Gefühlen gibt und auf die kulturellen Unterschiede sollte man sich auch besinnen, einfach, damit es nicht langweilig wird. Zudem befürchte ich, dass dieser hyperemotionale Einheitsbrei dazu führt, dass man abstumpft.

Vielleicht muss ich das näher erklären: Dadurch, dass man es von den Medien gewohnt ist, dass einem übertriebene, pathetisierte, verkitschte, verfloskelte Gefühle vorgespielt werden, nimmt man nur noch diese übertriebenen, inszenierten Gefühle als Normalität, also als Wahrheit an. Das heißt im Umkehrschluss, dass man alles, was nicht so übertrieben ist, entweder gar nicht erst wahrnimmt, oder als nicht normal, also nicht echt, empfindet. Das führt insofern schließlich zu einer emotionalen Abstumpfung, weil man nur noch gekünstelte, aufgesetzte Emotionsausbrüche als echt empfindet, obwohl gerade diese nicht echt sind. Das Gespielte wird zur Realität und die frühere Realität wird als Lüge empfunden. Jemand, der nichts zu seinen echten, wahren, stillen Gefühlen hinzusetzt, wirkt plötzlich verschlossen, als hätte er etwas zu verbergen.

Irgendwie ist das doch verkehrte Welt, oder nicht? Die Lüge wirkt wie die Wahrheit und die Wahrheit wird als Lüge empfunden.

Da muss wohl jeder wählen, was ihm lieber ist.

Was aber meiner Meinung nach ganz wichtig ist, ist, dass man überhaupt wählt. Denn das ist dann eine bewusste Entscheidung, die man getroffen hat. Dann ist es nicht so, dass man unbewusst manipuliert wurde, dass man sich hat verscheißern lassen und völlig unkritisch das als Normalität empfindet, was einem als Normalität verkauft wird. Ich kann es nur immer wieder betonen: Man muss häufiger mal als gegeben erachtete Dinge hinterfragen. Oft sind sie nämlich nicht gegeben, natürlich oder normal, sondern inszeniert und konstruiert und unthematisiert.

Essai 56: Über den Konflikt zwischen Höflichkeit und Ehrlichkeit und daraus resultierende Missverständnisse

17. Februar 2010

Falls jetzt einem aufmerksamen Leser der Titel bekannt vorkommt, ich habe tatsächlich schon einen Essai über Ehrlichkeit und einen über Höflichkeit geschrieben. Aber noch nie etwas über die Missverständnisse, die entstehen, wenn man versucht, den schmalen Drahtseilakt zu meistern, Höflichkeit und Ehrlichkeit in Einklang zu bringen.

Ich versuche das ständig und mir fällt immer wieder auf, dass manche Leute dann einfach nicht kapieren, was ich zu sagen versuche. Dann rede ich mich um Kopf und Kragen, veranstalte einen Eiertanz und verwickele mich infolgedessen in Widersprüche, weil ich versuche, auf nette, höfliche Art und Weise meine nicht hundertprozentig schmeichelhafte Meinung ehrlich zu äußern.

Dabei sollte das doch eigentlich zu schaffen sein, oder? Es gibt doch nicht nur Schwarz und Weiß, Wahrheit und Lüge, es gibt doch auch noch Graustufen und Farben.

Das Problem ist, dass nicht jeder gleich empfänglich für subtile Untertöne ist und dass überhaupt auch nicht jeder willens ist, selbst die eindeutigste Andeutung zu begreifen.

Ich weiß nicht, ob das wirklich ein völliger Mangel an Empathievermögen zur Ursache hat, oder ob mich diejenigen welchen einfach nur zur Weißglut treiben wollen, in dem sie mich absichtlich nicht verstehen.

Nehmen wir zur Veranschaulichung mal eine typische, an Heikelkeit kaum zu überbietende Situation: Schauplatz Uni-Campus, ein (vermuteter) Verehrer, der in den vorangegangenen Begegnungen stets mehr oder weniger zweideutige Bemerkungen gemacht hat, hat einen erblickt und kommt auf einen zu. Um aus dem Weg zu gehen, ist es zu spät. Man muss sich also unterhalten. Man unterhält sich auch gern. Aber man weiß nicht, was zum Henker er bloß mit „kosmischen Zufällen“ und „mal auf nen Kaffee treffen“ meinte. Man mag aber auch nicht so recht fragen, falls er es doch völlig harmlos gemeint hat, man will sich ja nicht blamieren. Was tut man also?

Eiertanz, Drahtseilakt, Kopf und Kragen. Man versucht so unverfänglich wie möglich zu plaudern und hofft, dass er nicht wieder eine von diesen komischen Andeutungen macht. Da kommt aber schon wieder sowas. Oha, diesmal war das aber nicht zweideutig, sondern, Auweia… „Ähm, also, öhm, nun ja, also ich weiß ja nicht, ob ich das richtig interpretiere, aber … ähm… also, ich hab nen Freund.“ Puh, jetzt ist alles endlich mal geklärt. Ach ja? Pustekuchen. Der Versuch, höflich und gleichzeitig ehrlich zu sein, ist einmal mehr grandios gescheitert. Seine Antwort: „Macht doch nichts, was der nicht weiß, … also, mein Angebot steht.“

Mist.

Es ist entweder so, dass Menschen tatsächlich nicht alle die gleiche „Sprache“ sprechen und von „verschiedenen Planeten“ kommen, oder manche Leute sind einfach chronisch bescheuert. Oder bösartig. Ich finde das nämlich ganz und gar nicht erfreulich, wenn ich mich sichtlich abmühe, auf nette Art einen unangenehmen Sachverhalt zu erläutern und der andere kapiert absichtlich überhaupt nichts. Wenn er einfach nur bescheuert ist, kann er ja nicht wirklich was dafür. Da muss ich mich dann wohl auch ganz einfach darauf einstellen und klarere Worte wählen. Etwa: „Du bist bescheuert und ich find dich scheiße.“ Wenn er dann immernoch nichts schnallt, ist er dann wohl doch bösartig.

Trotzdem möchte ich meinen Mitmenschen gerne nahelegen, ruhig mal etwas nachsichtiger mit Leuten wie mir zu sein, die hoffnungslos herumeiern, weil sie den anderen nicht verletzen wollen. Und man kann ja auch ganz sachlich und freundlich und vorwurfsfrei und unaggressiv nachfragen, wenn man tatsächlich nichts von dem begreift, was der andere einem zu sagen versucht.

Essai 55: Über Genuss und Dekadenz

17. Februar 2010

Bevor ich etwas zur Dekadenz schreibe, muss ich den Begriff erstmal abgrenzen. Unser diplomatisches Naturtalent von einem Außenminister hat den Begriff der „[römischen] Dekadenz“ nämlich kürzlich im Zusammenhang mit HartzIV-Empfängern erwähnt, davon möchte ich mich schon mal distanzieren. Außerdem muss ich den Begriff auch noch davon abgrenzen, dass die Nazis ihn synonym mit „entartet“ gebraucht haben, der Kontext ist mir bekannt und das, was ich unter „Dekadenz“ verstehe, hat nichts mit der Glorifizierung der Vergangenheit zu tun. Ich meine auch nicht die Kunstrichtung der „Dekadenz“. Allerdings meine ich „Dekadenz“ auch nicht im positiven Sinne, das gibt’s nämlich auch.

Nein, ich meine mit Dekadenz den Verfall (denn nichts anderes bedeutet „Dekadenz“) des natürlichen Maßempfindens des Menschen, das – meiner Meinung nach – Voraussetzung dafür ist, etwas genießen zu können. Das Maßempfinden erfordert Bewusstsein über das eigene Handeln und den eigenen Konsum. Und wenn man dieses Bewusstsein verliert, verliert man auch das Maß und bekommt nicht mehr mit, wenn aus Genuss Dekadenz wird.

Ein Beispiel: Ich geh ganz gerne ins Kino. In den großen Multiplex-Kinos ist mir allerdings ein bemerkenswertes um nicht zu sagen beunruhigendes Phänomen aufgefallen. Wie ferngesteuerte Rindviecher drängen sich die Menschenmassen an den Fressausgaben, um sich mit fettigen Nachos in glutamatisierter Sosse, klebrigem Popcorn und verzuckerten Softdrinks (deren kleinste Größe 0,5 Liter sind) einzudecken. Dann stehen sie auf, wenn der Abspann noch läuft und hinterlassen einen widerlichen Saustall im Kinosaal: Popcorn auf, in, unter den Sitzen, halbleer gefressene Nacho-Plastikschalen mit stinkigen Sossenresten, 1,5 liter-Kanister mit Zuckerwasser und überall Müll. Sicher, man MUSS seinen Dreck nicht mitnehmen, weil es ja Leute gibt, die dafür bezahlt werden anderer Leute Scheiß wegzumachen. Trotzdem zeugt das von einer Respektlosigkeit gegenüber a) den Filmmachern, weil man durch das vorzeitige Aufstehen signalisiert, dass es einem scheißegal ist, wer einem gerade den – hoffentlich – unterhaltsamen Abend ermöglicht hat und b) den jungen Leuten, die den ganzen Mist wieder aufräumen müssen.

Ich denke, in einem solchen Verhalten zeigt sich eine aktuelle Tendenz zu einer Konsumhaltung, die völlig gedankenlos, unreflektiert, maßlos und geschmacklos ist. Da wundert es einen, was überhaupt dieses ominöse Gen sein soll, das den Menschen vom Schwein unterscheidet. Vielleicht ist es das Sympathie-Gen? Schweine sind nämlich wenigstens irgendwie nett.

Meiner Meinung nach kann man dieses maßlose, unreflektierte Konsumieren als Dekadenz bezeichnen. Anstatt ab und zu sich bewusst dafür zu entscheiden, sich mal ein Tütchen Popcorn im Kino zu gönnen, das dafür aber bewusst zu genießen, dann ganz bewusst dem Film zu folgen und interessiert zu gucken, wer denn da alles mitgearbeitet hat und hinterher bewusst darauf zu achten, seinen Müll mitzunehmen und selbst in die Tonne zu werfen, macht man einfach automatisch irgendwas, lässt sich wie ein Idiot von der Konsumgüterindustrie und der Fettmacherindustrie fernsteuern und manipulieren und verliert dabei jeglichen Sinn für das Schöne.

Was ist daran so schlimm, ab und zu innezuhalten, über sein Konsumverhalten nachzudenken und gegebenenfalls zu ändern? Schmecken Popcorn und Konsorten wirklich so gut, wenn man sie seelenlos in sich hineinstopft und das jedes Mal wenn man im Kino ist? Schmeckt es nicht viel besser, wenn man es ab und zu bewusst genießt? Ist es nicht vielleicht sogar so, dass es nur so überhaupt nach irgendetwas schmeckt? Und lässt sich das nicht auf sämtliche Konsumgüter übertragen? Ist beispielsweise Komasaufen wirklich so viel besser als ab und zu ein Glas was weiß ich zu genießen?

Übermaß führt zu Maßlosigkeit, Maßlosigkeit zu Bewusst-losigkeit und Bewusst-losigkeit zu einem Verlust von Genuss und somit von der Freude am Leben.

Ab und zu sollte man doch kurz innehalten, denken und dann erst handeln.

Essai 54: Über den Valentinstag

14. Februar 2010

Nachdem ich in der Zeitung einen unglaublich dummen Kommentar zum Valentinstag gelesen habe, fühle ich mich nun bemüßigt, zur Feier des Selbigen ebenfalls meinen Senf beizutragen.

In dem Artikel ging es darum, dass die Schreiberline zu einer „seltenen“ „vom Aussterben bedrohten“ Art gehöre, nämlich der der hoffnungslosen Romantiker, die – Achtung, Klischee-Alarm! – noch an die „große Liebe“ glaube. Und als ob es der Klischees nicht damit schon genug wäre, führte sie dann auch gleich an, dass sie diesem romantischen Glauben anhänge, obwohl doch die Hälfte der Ehen geschieden würden. Dass im Gegenzug die andere Hälfte der Ehen nicht geschieden werden, wurde geflissentlich ignoriert.

Damit nicht genug, die Platitüden gingen noch weiter. Die literarische Einfallsfreiheit tönte dann rum, sie habe eine Freundin, die – das ist jetzt meine eigene Interpretation – offenbar irgendwo im geistigen und emotionalen Alter zwischen 13 und 14 hängen geblieben war, gleichzeitig aber der Meinung war, die Weisheit mit Tanklastern schnabuliert zu haben. Und vermutlich zuviele Vampirkitschromane gelesen und dabei die ironisch-distanzierte Haltung vergessen zu haben. Diese besagte Freundin wurde nun mit einer ihrer Weisheiten zitiert und als Beweis für die (stereotype, unreflektierte, selbstdiskriminierende) Meinung der „Autorin“ angeführt, was es denn mit der großen Liebe auf sich habe.

Mit dem Grundton der Überzeugung wurde so nun der uralte Irrtum hochgehalten, Liebe bedeute Schmerzen. Wenn es nicht wehtut, ist es keine Liebe.

Und das ist der Punkt, wo ich einfach mal ganz vehement widersprechen muss. Meiner Meinung nach ist es zwar spannender, tragische Liebesgeschichten zu lesen, zu sehen oder zu hören, so wie auch traurige Liebeslieder oft schöner sind als fröhliche. Aber: Wenn es um das RICHTIGE Leben geht, dann ist es einfach nur zum – Pardon – Kotzen, wenn die Liebe weh tut und man Liebeskummer hat. Im Nachhinein kann man das natürlich alles verklären, vielleicht muss man das auch, um mit den Schmerzen klar zu kommen. Aber mir kann keiner erzählen, dass er eine unglückliche, schmerzhafte Beziehung einer glücklichen, harmonischen vorzieht.

Sicher, es gibt den einen oder anderen, der auch diesem bekloppten Mythos der schmerzhaften Liebe aufgesessen ist, der möglicherweise auch aus irgendwelchen unglücklichen Verkettungen fieser Umstände glaubt, es nicht besser verdient zu haben.

Aber die wirkliche, wahre Liebe ist ganz ruhig, still und unspektakulär. Sie tut nicht weh, sie ist nicht laut und penetrant, sie beruht nicht auf Unausgewogenheit und Disharmonie, sie ist auch nicht schmerzhaft.

Natürlich muss man was dafür tun, damit die Liebe nicht weh tut. Und genau dafür finde ich den Valentinstag gut. Denn er bietet einem einen Anlass, mal wieder gemeinsam etwas zu unternehmen, dem anderen eine Freude zu machen und sich selbst damit auch. Das hat nichts mit hoffnungslosem Romantismus zu tun, sondern das ist reiner Überlebenswille. Denn wo kommen wir denn da hin, wenn das, was unser Leben lebenswert macht – nämlich die Liebe – wenn selbst das mit Leiden und Schmerzen verbunden ist.

Es wird mal Zeit, diesen dämlichen Mythos zu überdenken. Und nicht alles zu glauben, was in der Zeitung steht.

Einen fröhlichen Valentinstag noch an alle.

Essai 53: Über (gutgemeinte) Ratschläge, die man nicht mehr hören kann und die nicht helfen und die man trotzdem ständig ungefragt zu hören bekommt.

9. Februar 2010

Wie heißt es doch so schön: Das Gegenteil von „gut“ ist „gut gemeint“.

Es gibt eine Reihe von Ratschlägen, die gut gemeint sind und mit denen die Ratgebenden nur helfen wollen, die aber weder helfen, noch zu sonst irgendetwas gut sind. Ich würde gerne einige meiner nutzfreie Ratschläge-Highlights an dieser Stelle präsentieren.

1.) „Sei einfach nur du selbst“

Aha. Frage: Was heißt „einfach“ und was heißt „du selbst“. Das ist doch schon einfach mal deswegen nicht einfach, weil in dieser – Ja ich weiß gut gemeinten – Floskel überhaupt nicht klar wird, ob der Ratgebende mit „du selbst“ das Bild meint, das er sich von dem vermeintlich Ratbedürftigen gemacht hat oder das Bild meint, das derjenige selbst von sich hat.

Sprich: Wenn ich zum Beispiel mich selbst als schüchtern betrachte, müsste ich mich diesem Rat folgend schüchtern verhalten. Das meint der Ratgebende damit aber nicht. Nein, er möchte gerne – gut gemeint, Ja ja – den anderen dazu bewegen, selbstsicherer aufzutreten. Und das ist ja durchaus ein edles Motiv. Aber dieser Spruch bringt absolut NICHTS.

Ein anderes Beispiel: Was, wenn jemand innerlich ein verbitterter, verbiesterter Ekelstinkstiefel ist. Da wünscht sich doch keiner ernsthaft, dass er „einfach er selbst“ ist oder? Nein, im Gegenteil, da möchte man doch, dass der so unauthentisch wie nur irgendmöglich auftritt.

Ich persönlich denke, wir haben alle ein Recht darauf – im Falle des Ekelstinkstiefels womöglich sogar die Pflicht – nicht alles von unserer Persönlichkeit preiszugeben. So, nun ist es raus. Muss ich denn jedem unter die Nase reiben, was mir peinlich ist, wofür ich mich schäme und am liebsten verkriechen würde? Woher kommt diese Tendenz zum allgegenwärtigen Selbstoffenbarungszwang in unserer modernen Gesellschaft? Warum kann man nicht einfach mal was für sich behalten, wenn man das gerne möchte?

2.) „Redet doch darüber.“

Noch so ein Fall. Man ärgert sich über eine bestimmte Verhaltensweise oder Angewohnheit eines Mitmenschen. Der wohlmeinende Freund – der zugegebenermaßen in einer unbequemen Situation ist, muss er sich doch das Geschimpfe seines verärgerten Zeitgenossen anhören, obwohl er nichts damit zu tun hat und nichts dafür kann – weiß sich erstens nicht anders zu helfen und möchte zweitens auch irgendwas Sinnvolles zum Gespräch beitragen und greift deswegen zu diesem abgelutschten Tipp, den eigentlich niemand hören will: „Redet doch darüber“ oder „Sag ihm/ihr das doch einfach.“

Ja, dummerweise bedenkt man bei diesem Rat nicht, dass das praktisch nicht umsetzbar ist. Denn, KÖNNTE man mit dem Objekt des Ärgers über den Grund des Ärgers reden, dann WÜRDE man mit ihm darüber reden. Und man tut es deswegen nicht, weil man es eben NICHT kann. Ja, das gibt es. Das Reden nichts hilft. Ernsthaft. Öfter als man denkt.

Ärgert man sich zum Beispiel über das mangelnde Einfühlungsvermögen chronischen Ausmaßes eines Freundes, kann man mit ihm nicht darüber reden. Kann man schon. Aber es wird nichts bringen und man ist hinterher noch frustrierter, weil man in Wahrheit schon vorher wusste – bevor man über seinen Schatten gesprungen und den ärgerlichen Sachverhalt aufs Tapet gebracht hat – dass es nichts bringen würde. Der andere ärgert sich ja nicht über sein mangelndes Einfühlungsvermögen. Wie auch, dafür bräuchte er ja Einfühlungsvermögen um zu realisieren wie das Nichtvorhandensein desselben bei seinen Mitmenschen für Unmut sorgt.

Oder was ist, wenn man sich über das widerliche Arschlochtum eines Bekannten aufregt, der stolz, großkotzig und leidenschaftlich wahrnehmungsgestört die eigenen Schwächen als Stärken vorgaukelt, sich rücksichtslos und egozentrisch aufführt und ständig gemein zu allen ist. Dem kann man auch erzählen was man will. Angenommen, er lässt sich überhaupt dazu herab, einem zuzuhören – was schonmal utopisch ist – dann wird er sowieso alle Einwände abkanzeln und das ist ja alles gar nicht wahr, man solle sich doch an die eigene Nase fassen, vor der eigenen Haustür kehren und nicht mit Steinen werfen, wo man doch im Glashaus sitze. Angriff ist die beste Verteidigung. Es gibt einfach Leute, die fühlen sich permanent angegriffen und da kann man noch so freundlich und sachlich auftreten, die sind beleidigt und schießen – nach ihrem Verständnis – nur zurück.

3.) „Wo hast du es denn zuletzt gesehen?“ bzw. „Was suchst du?“

Wenn man etwas sucht, und sich selbst schon gefragt hat, wo man es denn zuletzt gesehen hat, dann hilft das keineswegs, die gleiche Frage noch mal von übereifrigen Außenstehenden zu hören. Genauso „Was suchst du?“. Sobald man nämlich völlig hektisch und genervt „meine Autoschlüssel“ entgegnet hat (begleitet von dem inneren Mantra „Wo hab ich sie bloß zuletzt gesehen, wo hab ich sie bloß zuletzt gesehen…“) folgt darauf sofort die hilfsbereite Nachfrage „Wo hast du sie denn zuletzt gesehen?“

Soweit erstmal. Fortsetzung folgt.

Essai 52: Über den Ton, der die Musik macht

9. Februar 2010

Von Natur aus bin ich eher aggressionsimmun. Man kann sagen, mein Gewaltpotential ist in etwa so hoch, wie das eines Gänseblümchens. Soviel zur Vorgeschichte.

Aber:

Der Ton macht die Musik. Davon bin ich überzeugt. Und ich bin immer wieder verblüfft, wie wenig selbstverständlich selbst dieser Grundsatz ist.

Besonders auffällig ist das bei Gesellschaftsspielen, insbesondere solchen, die kommunikativer Natur sind und deren Regeln mehr Interpretationsspielraum lassen, als die Bibel, die Thora und der Koran zusammen (jetzt werde ich bestimmt gehauen).

Im Prinzip könnte man sich in dem Fall natürlich vorher einigen, wie man die Regeln auffassen will. Anstatt während des Spiels – natürlich nur während die gegnerische Mannschaft dran ist – „das gildet nicht, das gildet nicht!!! Du darfst nicht mit dem Kopf schütteln bei Pantomime!!!“ zu krakeelen. Man könnte auch warten, bis die Sanduhr durchgelaufen ist, um sein Anliegen sachlich und gesittet vorzutragen, anstatt mitten in die Beschreibung eines schwierigen Begriffs – wo die anderen schon alle möglichen Synonyme genannt haben, nur auf das eine Wort kommt schon wieder keiner – hineinzubrüllen, dass man das ja wohl so was von gar nicht dürfe, was man da gerade gemacht hat.

Bis zu einem gewissen Punkt macht das Herumkrakeelen ja auch Spaß. Und zwar bis zu dem Punkt, wo man selber der Ankrakeelte ist und nicht der Krakeelende. (Ich mag dieses Wort: „krakeelen“. Das beschreibt so gut, was es ist)

Ich für meinen Teil – da mag man mich für eine Mimose halten – bin jedenfalls für weniger Herumkrakeele, weniger Gebrüll, weniger Gepolter, Gekreische, Gekeife, Gezicke und Gepampe und für mehr sachlich-gelassene Verhandlungskultur.

So.

Und wer jetzt erraten hat, welches Spiel ich letzte Woche gespielt habe, kriegt von mir einen metaphorischen Keks.

P.S.: Es ist ja nicht nur eine Frage der Höflichkeit, dass man seine Mitmenschen nicht permanent mit penetrantem Herumkrakeele malträtiert. Man hat ja selbst auch was davon, wenn man das unterlässt.

Wem tut man lieber einem Gefallen, wem hört man eher zu, wem ist man eher gewillt auch mal zuzustimmen: Dem menschlichen Pittbull, der einen gar nicht zu Wort kommen lässt und der in der Stimme einen dauernden, unterschwelligen Vorwurf mitschwingen lässt und der die ganze Zeit herumbrüllt. Oder dem, der ganz normal, gelassen und sachlich seine Sicht der Dinge darlegt? Eben.

Essai 52: Über staatlich gefördertes Denunziantentum

3. Februar 2010

Ich bin immer wieder überrascht, wie wenig selbstverständlich moralische Werte sind. Nehmen wir zum Beispiel das Denunziantentum. Da würde doch eigentlich jeder spontan sagen, das findet er mal so richtig doof. Oder?

Seit jeher sind Petzen und Denunzianten überall unbeliebt. Da sollte man doch meinen, dass man – erst Recht wenn man einen gewissen Einfluss auf die Gesellschaft hat – alles tut, um solche Menschen nicht noch in ihrem Verrätertum zu unterstützen. Erst Recht, wenn in dieser Gesellschaft das Denunziantentum eine besonders heikle Vergangenheit hat, mal euphemistisch ausgedrückt.

Nun ja.

Wie immer will man aber mal wieder etwas haben, ohne die Nachteile dafür in Kauf nehmen zu müssen, geschweige denn an die Nachteile überhaupt erst zu denken. Ist ja auch unbequem.

Jetzt ist die Situation so, dass man gegen die Steuersünder mit besonderer Härte vorgehen will. Gut, das ist ja soweit noch in Ordnung, Steuerhinterziehung ist Pfui und das soll man nicht tun. Ich bin auch dafür, dass alle ihre Steuern bezahlen. Nichtsdestotrotz bin ich der Meinung, dass es auch weitaus Schlimmeres gibt, um das man sich nicht kümmert, wenn man die Steuersünder verfolgt. Das ist auch schon wieder so eine Unart, anstatt mal sich um die wirklich schlimmen Sachen zu kümmern und die Probleme an der Wurzel zu packen, doktort man an den oberflächlichen Auswirkungen weniger schlimmer Ursachen herum.

Nehmen wir – ein wunderbar kontroverses Thema – den Nichtraucherschutz. Man könnte sich ja zum Beispiel mal überlegen, was denn Zigaretten überhaupt so attraktiv macht und da dann ansetzen. Statt dessen schustert man an den Auswirkungen herum. Die EU hat letztens härtere Strafen gegen Raucher gefordert, zum Beispiel, dass prominente Raucher ganz besonders hart bestraft werden sollten, als Abschreckung. Tolle Wurst, was ist denn das für eine Mentalität die sich in einem solchen absurden Vorschlag manifestiert, bitte ? Zum Glück hat sich das bisher nicht durchgesetzt. Das ist doch klar, dass das zu einem Hass auf Raucher führt und dass man anfängt, sie im Namen der Moral zu verfolgen usw. Was aber will man denn? Man will doch eigentlich verhindern, dass die Leute überhaupt erst mit dem Rauchen anfangen. Da muss man den Leuten, die mit Tabakanbau ihr Geld verdienen sinnvolle Alternativen bieten, die Zigarettenwerbung komplett unterlassen und als Erwachsener mit gutem Beispiel vorangehen. Man muss es schaffen, dass Zigaretten einfach kein Thema mehr sind. Wenn man noch drastischere Maßnahmen wählt, erhöht sich doch nur der Reiz. Durch die Tabuisierung einer Sache macht man sie erst Recht zum Thema. Und einmal abgesehen davon, man will doch nicht dem Raucher als Menschen ans Leder, man will doch das Rauchen, bzw. den Rauch von den Nichtrauchern möglichst fernhalten.

Aber zurück zu den Steuersündern. Irgendso ein Typ, ein geheimer „Informant“ hat sich da was ganz Pfiffiges ausklamüsert und erpresst jetzt 2,5 Millionen Euro von der Bundesregierung für eine CD mit Daten von Steuersündern, die insgesamt 100 Millionen (oder waren es Milliarden? Hab da grad den Überblick verloren… Also jedenfalls ein Haufen Kohle) einbrächten, erwischte man sie. Die fraglichen Steuersünder haben ihr Geld in vermeintlicher Sicherheit in der Schweiz gebunkert. Kann ja auch keiner ahnen, dass da einer so mies ist und die Bundesregierung mit den Daten erpresst.

Das der Typ eine miese Ratte ist, ist eine Sache. Aber wie dämlich kann man denn als jemand, der ein ganzes Land regiert, sein? Wer weiß, ob der Kerl nicht einfach lügt. Dann bezahlen die 2,5 Millionen Euro, kriegen eine CD und drauf sind Kochrezepte.

Und selbst, wenn das alles stimmt. Wenn der Typ die Regierung bescheißt, ist das ja halb so schlimm. Ist schade um das schöne Geld, das man wunderbar in die Kultur hätte stecken können, damit nicht noch ein Theater schließen muss. Aber wenigstens hat dann die Regierung vielleicht kapiert, dass man Denunziantentum nicht auch noch belohnen sollte.

Wo kommen wir denn da hin, wenn der Typ Erfolg hat mit seiner miesen Aktion und die CD tatsächlich echt ist? Was passiert dann? Erstmal redet die Schweiz dann kein Wort mehr mit den Deutschen. Und außerdem kommen noch mehr Ratten aus ihren Löchern gekrochen und wittern das große Geld und sagen „Ja, hier, ich hab da ne CD mit 2000 Daten prominenter Raucher, die im Restaurant auf dem Klo geraucht haben.“

Und was ist mit Ländern, die weitaus weniger liberale Gesetze haben als wir? Sollen wir die Leute, die hierher geflüchtet sind alle verpetzen und ausliefern?

Ich dachte eigentlich, das hätten wir hinter uns.


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