Archive for Juni 2008

Essai 31: Über Rebellion

29. Juni 2008

Die Rebellion, von der hier die Rede ist, ist vor allen Dingen die jugendliche Rebellion. Die ist mir nämlich schon seit jeher ein Rätsel.

Der Sinn und Zweck von Rebellion liegt für mich darin, dass man sich unabhängig macht, um eine individuelle Persönlichkeit entwickeln zu können. Dann lehnt man erstmal alles ab, findet alles ätzend und mit der Zeit sortiert man, ob wirklich alles doof ist, oder ob nicht auch ein paar nützliche Sachen dabei sind.

Was mir auffällt, ist, dass Jugendliche zwar gegen die Eltern und die Erwachsenen generell rebellieren, untereinander aber alle das Gleiche tun. Man stellt sich also gegen eine bestimmte Gruppe von Menschen, um seine Individualität herauszuarbeiten, nur um sich dann an die nächste Gruppe anzupassen? Nicht besonders plausibel, wenn man mich fragt.

Denn in dieser Gruppe von rebellierenden Jugendlichen ist nichts mit individuell sein, dann ist man nämlich ganz schnell der uncoole Freak, der Streber oder der Langweiler. Auch wenn ich mir bestimmte Gruppierungen, die alle gegen die Gesellschaft rebellieren, angucke, sehen die untereinander alle gleich aus und machen auch das Gleiche: Bier trinken, die Hygiene vernachlässigen, dummes Zeug skandieren, was weiß ich.

Da wird dann die Rebellion zur Modeerscheinung, zum Kostüm, das man sich an- und wieder ausziehen kann, wie es einem gerade passt oder wie gerade der Trend ist. Auch gegen den Trend zu sein, ist dann hierbei ein Trend. Das Ziel von Rebellion hat man damit gründlich verfehlt, vielleicht auch nie anvisiert und das ist nichts anderes als peinlich und erbärmlich.

Essai 30: Über schicksalshafte Zufälle und zufällige Schicksalsschläge

26. Juni 2008

Es gibt ja so Leute, die mit bedeutungsschwangerem Vibrato in der Stimme verkünden, sie glaubten nicht an Zufälle. Nach einer kleinen Kunstpause klären sie dann die Unwissenden darüber auf, dass das Schicksal sei, wobei sie wissend und überlegen mit dem Kopf nicken. Dabei kommen sie sich dann ungemein tiefsinnig vor und spirituell überlegen sowieso. Ich rolle bei sowas immer mental mit den Augen, weil ich diese Schicksalsmystifizierung extrem albern finde. Einmal abgesehen davon, dass sich Zufall und Schicksal meiner Ansicht nach nicht zwingend widersprechen, halte ich es schlichtweg für idiotisch, sich über sowas wie Vorsehung den Kopf zu zerbrechen. Denn es ist doch so: Wenn tatsächlich nichts dem Zufall überlassen ist und alles Schicksal ist, wozu sich dann noch abmühen? Man kann ja doch nichts ausrichten, wenn man vom „Schicksal“ gelenkt wird. Und wenn es sowas wie Vorsehung nicht gibt, dann sollten wir zusehen, dass wir soviel wie möglich aus unserem Leben machen, anstatt uns mit Grübeleien über Dinge aufzuhalten, die wir nicht wissen können.

Warum ich denke, dass Zufall und Schicksal sich nicht ausschließen liegt daran, dass ich meine, dass es jedem selbst überlassen ist, bestimmten Gegebenheiten einen gewissen Grad an Bedeutung beizumessen, oder halt nicht. Wenn ich zum Beispiel verliebt bin, sehe ich überall Zeichen, die irgendwas mit meinem Objekt der Begierde zu tun haben. Dann lese ich überall seinen Namen, sehe überall Herzchen oder höre ständig ein bestimmtes Lied, das mich an ihn erinnert. In jedem Film, den ich sehe, werde ich irgendwas finden, dass ich mit ihm in Verbindung bringen kann. Nun kann ich entweder sagen: „Boah, krass, das ist Schicksal, das ist ein Zeichen! Wir sind für einander bestimmt!“ oder ich kann sagen: „Ach, das bemerke ich jetzt nur, weil ich verknallt bin und darauf achte, das hat nichts zu bedeuten.“ Mit welcher der beiden Aussagen ich Recht habe, kann man nicht sagen.

Schlussendlich muss jeder selber wissen, ob er das Leben für eine Aneinanderreihung von Zufällen hält, oder ob alles vom Schicksal vorherbestimmt ist. Ich für meinen Teil lebe ganz gut mit der Annahme, dass das meiste Zufall ist. So kann ich immer selbst entscheiden, was welche Bedeutung für mich hat. Gewiss ist ohnehin nur dies eine: Am Ende unseres Lebens sterben wir. Das ist unser Schicksal. Und zwar das Einzige, das objektiv wahr ist. Der Rest ist Ansichtssache.

Essai 29: Über die Verfloskelung emotionaler Zustände

24. Juni 2008

Es ist allgemein bekannt, wie schwierig es ist, Gefühle in Worte zu fassen. Vermutlich ist es sogar unmöglich.

Statt es aber einfach zu unterlassen, über die eigenen Gefühle zu reden und sie statt dessen einfach zu zeigen, machen wir folgendes: Wir verfloskeln sie.

Wie schnell wird zum Beispiel aus „Ich liebe dich“ eine Floskel, wenn man sie nur noch aus Gewohnheit sagt.

Besonders in diesem Fall, sollte man diesen Satz so selten wie möglich sagen, damit er kostbar bleibt und nicht zur Lüge wird. Denn wenn man Gefühle erst verfloskelt hat und diese Floskeln nur noch gewohnheitsmäßig dahersagt, ist es bis zur Lüge nicht mehr weit.

Interessanterweise verfloskeln wir überwiegend Gefühle, die von der zarten, verletzlichen Sorte sind, wie eben Liebe oder andere Formen der Zuneigung. Oder sagen wir etwa „Ich bin ja so wütend“, wenn wir wütend sind? Nee, wenn wir wütend sind, wirklich wütend, dann explodieren wir. Oder wenn man wirklich verzweifelt ist, sagt man auch nicht „Ach und Weh, was bin ich doch verzweifelt“ – es sei denn man ist eine Figur aus Klingers „Sturm und Drang“ – nein, man ist eben verzweifelt und tut, was man so tut, wenn man verzweifelt ist. Dazu gehört dann am wenigsten, dass man sich mit Platitüden aufhält.

Warum ist das so? Meine Vermutung ist, dass wir bei den zarten, verletzlichen Gefühlen Angst haben, uns lächerlich zu machen oder verletzt zu werden. Deswegen flüchten wir uns in Floskeln und Sprüche, weil wir es nicht besser wissen und vielleicht auch nicht besser können. Während Wut und Verzweiflung so starke Gefühle sind, dass wir sie nicht für uns behalten können, dass wir sie zeigen müssen. Da bleibt dann keine Zeit mehr, noch nach der passenden Floskel zu suchen.

Essai 28: Über Romantik oder den Schlüssel zum Unglücklichsein

19. Juni 2008

Romantik ist ja an sich was Schönes.

Ohne Romantik ist das Leben wie ohne Illusionen: trostlos und deprimierend.

Andererseits erlebe ich auch immer wieder, wie man sich mit absolut unrealistischen Ansprüchen an ebendiese Romantik sich mindestens genauso unglücklich macht, wie wenn man ein Leben ohne Romantik führt, was meiner Meinung nach ein wenig zweckentfremdet ist. Besonders auffällig ist das in Beziehungen.

Meistens geht das ja – ich schäme mich das zu gestehen – von den Frauen aus, dass sie irgendwelche romantischen Ansichten haben, wie etwas zu sein hat, es aber nicht sagen, und der Mann weiß von nichts, da er keine Gedanken lesen kann und wundert sich, wenn er dann irgendwann alles auf einmal vor die Füße geknallt bekommt: „Schaatz, ich bin zu Hause!“ „Toll, nie schenkst du mir Blumen und außerdem lässt du dich gehen und was machen schon wieder deine Socken auf dem Badezimmerfußboden.“ Schon sind alle Beteiligten unzufrieden und unglücklich.

Da gibt es zwei Lösungsmöglichkeiten, die aber leider nicht sehr romantisch sind, sondern eher pragmatisch, es geht nämlich bei beiden Optionen um Kompromisse.

Erstens: Die Frau sagt gleich, wenn sie was stört oder was vermisst, so dass es sich nicht anstaut. Das erfordert dann natürlich von ihrem Männe, dass er es nicht nur zur Kenntnis nimmt und „Mhm“ sagt, sondern, dass er sich wirklich mal Mühe gibt, ihr ab und zu Blumen mitbringt, ein bisschen Sport macht und seine schmutzigen Socken in den dafür vorgesehenen Behälter befördert.

Zweitens: Die Frau schraubt ihre eigenen Ansprüche herunter und gibt sich Mühe, ihren Partner so unvollkommen zu akzeptieren, wie er ist. Solange das auf Gegenseitigkeit beruht, kann das auch funktionieren. Ich halte trotzdem die erste Lösung für erfolgversprechender, weil sie aufrichtiger und offener ist und sich weniger Frust aufhäuft, bis es zur Explosion kommt.

Manchmal können solche unrealistischen Romantikvorstellungen auch zu regelrechten Identitäts- und Midlifekrisen führen. Der Mann kauft sich dann mit fünfzig ein Cabrio, weil er in seinem Alltag das romantische Gefühl von Freiheit und Unabhängigkeit vermisst. Oder er sucht sich aus ebendiesem Grund eine Geliebte. Dann wohl doch lieber das Cabrio. Andere verlassen oder betrügen ihren Partner, obwohl sie glücklich sind, weil sie das romantische Ideal von Feuer, Leidenschaft und Abenteuer vermissen. Dann suchen sie sich einen Lover oder eine Geliebte, die ihnen all das bietet und wundern sich dann, wenn ihre glückliche Beziehung daraufhin in die Brüche geht, wenn das rauskommt, und es kommt früher oder später raus. Dabei ließe sich das alles so leicht verhindern, indem man einfach miteinander kommuniziert und aufeinander eingeht. Aber das ist ja viel zu unromantisch.

Essai 27: Über das Älterwerden

8. Juni 2008

Das erste Mal, dass mir meine eigene Vergänglichkeit schmerzlich bewusst wurde, war, als meine acht Jahre jüngere Cousine und mein zehn Jahre jüngerer Cousin mich nur fragend ansahen, als ich Roxette erwähnte.

Ich meine, Roxette, das ist Kult, das kennt man doch! Ich war sozusagen entsetzt! Und ein wenig traurig. Denn da wusste ich: ich werde älter. Ich verfalle. Der Verfall beginnt beim Musikgeschmack.

Oder kennt etwa noch einer von den HipHop-verkorksten Teenies Ace of Base? Haddaway? Nä. Die kennen dann nur Fifty Cent und die anderen „Pimps“, so nennt man das doch? Ich kann zum Beispiel nicht nachvollziehen, dass es Musik sein soll, wenn ein „pimp my Pimp“-„Homie“ mit dicker Goldkette und noch dickerem „pimp my ride“-Auto vor so „pimp my bi-atch“-Tussis mit „pimp my boobs“-Brüsten in knappen Bikinis herumposen, einen auf fat „pimp my pants“ machen und die ganze Zeit erzählen, was sie mit eben genanntem alles Dolles anzustellen wissen.

Nur weil da im Hintergrund ein paar Alibi-Bässe einsam und verlassen vor sich hin wummern ist das doch noch keine Musik? Früher, zu meiner Zeit, da hat HipHop noch was bedeutet. Da war das noch Ausdruck und Rebellion! Jetzt ist es ja nur noch eine Parodie seiner selbst. Und sowas vermittelt unserer Jugend Werte?

In den Neunzigern wurde noch gute Musik gemacht, der Inhalt war zwar nicht immer künstlerisch oder pädagogisch wertvoll („There’s a party“), aber man konnte immerhin noch dazu tanzen, jawohl! Und die Texte hatte man auch schnell drauf, so dass man mitsingen konnte („Ooh Lalala, I love you baby…“). Das hatte noch Stil.

Aber jetzt…

Ach und Weh ein einziges Trümmerfeld von Ansprüchen, Niveau und zerschmetterten Melodien, die zum remixen und reremixen verdammt sind. Und was ist mit dem guten alten Ghettoblaster? Tja, dafür gibt’s ja jetzt diese tollen Handys, mit denen man seinen Mitmenschen in der U-Bahn so schön die Nerven zersägen kann. Aber ein Gutes hat das Ganze: Wenn in zehn Jahren nicht die Spice Girls, die Backstreet Boys und Take That ihr Come-Back versuchen, sondern Bushido und wie sie alle heißen, dann hab ich was zu lachen. Da freu ich mich drauf.

Essai 26: Über Stolz

6. Juni 2008

Es gibt zwei Arten von Stolz: positiven Stolz und negativen Stolz.

Unter positivem Stolz verstehe ich berechtigten Stolz, sprich, wenn man stolz darauf ist, etwas Mutiges, Gutes, Großmütiges, Uneigennütziges oder sonstwie Nettes getan zu haben. Oder wenn man stolz auf seine eigenen Stärken ist, ist das auch positiv.

Nun gibt es aber auch reichlich Leute, die auf total dumme Sachen stolz sind, oder zumindest so tun. Das ist dann der negative Stolz. Ich räume ein, dass das nicht eindeutig objektiv festlegbar ist, was nun dumm ist und was nicht, aber nehmen wir als Beispiel mal jemanden, der stolz darauf ist, ein „Arschloch“ zu sein. Da frage ich mich einfach mal ganz spontan, was daran denn so toll sein soll, wenn man ein „Arschloch“ ist? Das ist doch überhaupt keine Leistung, im Gegenteil. Sicher, ein „Arschloch“ kriegt wahrscheinlich eher, was es will und kann sich besser durchsetzen, als ein Duckmäuschen. Dann kann ich verstehen, wenn man auf sein Durchsetzungsvermögen stolz ist. Aber es ist doch viel schwieriger, sich durchzusetzen und trotzdem ein „guter“ Mensch zu bleiben. Das ist dann doch viel eher etwas, auf das man berechtigt stolz sein kann.

Meiner Meinung nach verkommt der Stolz in solchen Fällen zum bloßen Getue. In Wahrheit ist man nämlich gar nicht stolz, aber man hat sich an das „Arschloch“-Dasein irgendwie gewöhnt und schließlich ist es ja auch schön einfach, doof zu allen zu sein und so seinen Willen durchzusetzen, und damit keiner merkt, dass man das nur macht, weil man kein Selbstbewusstsein hat, behauptet man einfach ganz dreist, man wäre darauf stolz.

Das ist eine ganz natürliche Trotz-Reaktion: „So bin ich eben, und wem das nicht gefällt, der ist halt nicht mein Freund, so.“ Das ist ja auch viel bequemer, als sein Verhalten zu hinterfragen und gegebenenfalls zu ändern. Die anderen können ja schließlich auch…, die anderen machen ja auch nicht…, usw. Daran wird sich vermutlich auch nie was ändern, denn die Welt ist ein riesiger Kindergarten.

Essai 25: Über Ehrlichkeit

5. Juni 2008

Ehrlichkeit wird überbewertet.

Bevor jetzt eine ganze Armada von Wahrheitsfanatikern auf mich zustürzt mich zerfleischt und mit meinen Eingeweiden Ping Pong spielt, möchte ich kurz erläutern, was ich unter „Ehrlichkeit“ verstehe und warum ich der Meinung bin, dass dieser Begriff überbewertet wird:

Ehrlichkeit bedeutet in meinen Augen, dass man das, was man sagt auch denkt. Die meisten Leute, die von sich behaupten, sie wären ehrlich, denken aber nicht nur was sie sagen, sondern sagen tatsächlich alles was sie denken.

Und diese Wahrheitsterroristen fühlen sich nicht nur bemüßigt, einem jeden ihrer noch so unbedeutenden Meinungen unter die Nase zu reiben, nein, dies muss auch noch in der penetrantesten und unhöflichsten Art und Weise vonstatten gehen. Als ob es nicht möglich wäre, das, was man sagt, auch zu denken und trotzdem dabei Respekt zu zeigen, indem man den Intimraum des Anderen achtet, höflich und freundlich ist und sich um Himmels Willen nicht dauernd in Sachen einmischt, die einen überhaupt rein gar nichts angehen.

Natürlich sind die Menschen, die sich selbst als ehrlich bezeichnen, total stolz auf ihre „Ehrlichkeit“. Dabei bleibt es selbstverständlich ihnen allein vorbehalten, die wirklich und einzig wahre Wahrheit zu kennen. Dass das in Wirklichkeit bloß ihre vorgefertigten Meinungen, die meist auf Vorurteilen begründet liegen, sind, wollen sie gar nicht hören.

Denn „ehrliche“ Menschen sind für gewöhnlich zwar zu anderen ehrlich (ob diese das wollen oder nicht), aber sich selbst gegenüber ehrlich zu sein, ist dann wieder zuviel verlangt. Man kann sich ja auch schließlich nicht um alles kümmern. Die Welt retten und gleichzeitig selbstkritisch sein geht einfach nicht. Und wehe, man widerspricht ihnen. Dann wird nämlich sofort wieder der Hobby-Freud herausgekehrt und fröhlich ins Blaue hinein analysiert. Und dann beginnt die ganze lustige „Du darfst vor deinen Problemen nicht davonrennen“-Prozedur, die ich im Essai über Illusionen beschrieben habe.

Besser also, man ist dann für einen Moment weniger ehrlich und sagt einfach, Ja, du hast recht.

Ich bin auch einfach der Meinung, es kommt immer auf den Kontext, die Situation und die Menschen an, mit denen man zusammen ist, wieviel Ehrlichkeit angebracht ist. Mit Freunden ist zum Beispiel mehr Ehrlichkeit angebracht, als mit Leuten, mit denen man rein geschäftlich zu tun hat.

Jedenfalls halte ich es für besser, man ist ehrlich in seiner Unehrlichkeit, als dass man unehrlich in seiner Ehrlichkeit ist.

Denn, wenn ich ehrlich bin, sagt doch niemand immer die Wahrheit. Das ist gar nicht mal unbedingt Absicht. Manchmal kennt man die Wahrheit einfach nicht. Und manchmal ist es auch einfach aus Gründen der Höflichkeit notwendig, nicht ganz ehrlich zu sein. Und wenn man das einfach mal ehrlich zugibt, ist man schonmal ehrlicher, als jemand der sich rühmt, immer die Wahrheit zu sagen.


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