Archive for Mai 2014

Essai 122: Über die Doppelwahl des Giovanni di Lorenzo

28. Mai 2014

Mir ist bewusst, dass mich keiner kennt und dass meine Meinung daher irrelevant ist. Das macht aber nichts. Ich sag sie einfach trotzdem. Meines bescheidenen Erachtens ist es nämlich ein absolutes Unding, wie zurzeit die versehentliche doppelte Stimmabgabe bei der Europawahl von Giovanni di Lorenzo von allen Seiten genüsslich ausgeschlachtet wird. Er habe bei Jauch „zugegeben“, zweimal gewählt zu haben, heißt es, und würde nun „behaupten“ von nichts gewusst zu haben.

Als ob so ein kluger Kopf wie di Lorenzo sich bei dem Jauch hinsetzt und ganz gelassen erzählt, er hätte die Europawahl auf perfide, hinterhältige Art mit vollster Absicht manipuliert. Der ist doch nicht bescheuert. In dem Video wirkt er zwar selbstsicher, vielleicht ein wenig arrogant, aber er macht auch den Eindruck von der Richtigkeit seines Handelns ehrlich überzeugt zu sein:

Klar, man kann jetzt natürlich mit dem moralisch erhobenen Zeigefinger herumscharwenzeln und klugscheißen, dass der feine Herr mit seinen zwei Pässen sich wohl für was Besseres halte und daher der Meinung ist, dass seine Stimme zu Recht doppelt zu zählen hat. Man kann auch triumphieren und schadenfroh sein und sagen, Ätsch, der Schlaumeier hat einen Fehler gemacht. Man kann auch, wie diese ungemein sympathische Partei AfD es gemacht hat, Giovanni di Lorenzo wegen Wahlbetrugs den Staatsanwalt auf den Hals hetzen. Oder man kann sich einfach mal mit Leuten unterhalten, die eine doppelte europäische Staatsbürgerschaft haben und gucken, was dahinter steckt und wie es so leicht zu einer doppelten Stimmabgabe kommen kann.

Genau das Gleiche hätte mir nämlich auch passieren können. Mich hat nur meine Faulheit davor bewahrt, auch noch mal für Frankreich bei der Europawahl abzustimmen. Ich hatte im Vorfeld sämtliche benötigten Zugangsdaten und Passwörter per Post und per Handy vom französischen Konsulat zugesandt bekommen, um im Internet für Frankreich bei der Europawahl meine Stimme abzugeben. Nirgendwo stand ein deutlicher, eindeutiger Warnhinweis, dass ich das nicht tun darf, wenn ich bereits für ein anderes europäisches Land meine Stimme abgegeben habe. Dabei kann das ja wohl nicht so schwer sein, das einfach dick und fett am Anfang des Briefs, der die Wahlbenachrichtigung enthält, hinzuschreiben.

Dass ich nicht doppelt abgestimmt habe, war eigentlich Zufall: Ich hatte mir vorgenommen, mir die ganzen Zugangsdaten und das Online-Abstimmverfahren in Ruhe anzugucken, sobald ich Zeit habe. Hatte ich aber nie. Als es dann Wahltag war, habe ich mir flugs meinen deutschen Personalausweis geschnappt und hab für Deutschland abgestimmt. Mir hinterher wieder alle Passwörter für die französische Wahl herauszusuchen, hatte ich dann keine Lust mehr. Ein schlechtes Gewissen hatte ich dann aber doch, weil ich für Deutschland und Frankreich eine Wahlberechtigung hatte und nur eine genutzt habe. Und dann haben in Frankreich die Nazis vom Front National so derbe abgeräumt. Offenbar waren die Gewissensbisse umsonst.

Sicher kann man sich im Vorfeld umfassend informieren und sich durch dieses doch recht komplizierte EU-Wahlrecht durchboxen. Doch das ginge wie gesagt ohne jeden Aufwand auch schneller, einfacher und eindeutiger. Und anscheinend muss es auch eindeutiger und einfacher kommuniziert werden, denn wenn nicht einmal jemand wie di Lorenzo von allein drauf kommt, dass er seine beiden Wahlbenachrichtigungen und Wahlberechtigungen nicht auch nutzen darf, dann ist das offenbar nicht selbstverständlich. Wenn das zu viel Aufwand ist – ich wüsste nicht, wieso, aber man weiß ja nie – im Brief des entsprechenden Konsulats einen Warnhinweis zu schreiben, könnte durch die Mitarbeiter oder auf der Internetseite des Konsulats kurz die Frage gestellt werden, ob man schon für Deutschland abgestimmt hätte beziehungsweise das noch vorhabe. Und dann freundlich darauf hinweisen, dass man das nicht darf. Damit das auch alle wissen, die den Skandal um den „Wahlbetrug“ nicht mitbekommen haben sollten.

So. Und wenn danach immer noch jemand in einer Talkshow vor allen Leuten einen „Wahlbetrug“ „zugibt“, dann ist derjenige wirklich bescheuert oder unfassbar dummdreist. Bis dahin sollen gefälligst mal alle die Füße still halten, ihren moralisch erhobenen Zeigefinger wieder einklappen und sich lieber mit wichtigeren Fragen auseinander setzen. Zum Beispiel mit der Frage, warum Rechtspopulismus überall in Europa immer beliebter wird.

Essai 121: Über fröhliches Scheitern

3. Mai 2014

Dass ich wenig davon halte, sich im Auftrag ständiger Selbstoptimierung dauernd zu Höchsterfolgen zu peitschen und immer nur völlig verbissen auf Leistung zu achten, habe ich ja schon mal dezent angedeutet. Doch wie ist das eigentlich, wenn nie etwas zu gelingen scheint und man dauernd nur auf die Fresse fällt? Das ist auf Dauer irgendwann supernervig und frustrierend. Leider ist die einzige Möglichkeit, eines Tages doch noch Erfolge zu erleben, die, sich immer wieder aufzurappeln und es noch einmal zu versuchen. Auch, wenn es vielleicht nicht einfach erscheint, wenn man gerade wieder einmal frisch gescheitert ist, sollte man sich davon nicht zu sehr unterkriegen lassen. Vielleicht hat man sich ein zu hohes Ziel gesteckt und muss in kleineren Schritten und leichter zu erreichenden Teilerfolgen denken. Oder man ist falsch an die Sache herangegangen, ist von unstimmigen Prämissen ausgegangen oder hat seine Fähigkeiten nicht passend eingeschätzt.

Fröhliches Scheitern kann als eine Art Spiel betrachtet werden. Wie ein Rätsel, das es zu knacken gilt. Es ist völlig OK, wenn man erst einmal kurz sitzenbleibt, seine Wunden leckt und sich sammelt, wenn man hingeknallt ist. Aber dann sollte man sich gut gelaunt an die Ursachenforschung machen und neugierig nach Lösungsmöglichkeiten suchen, die man dann vergnügt ausprobiert. Früher oder später wird sich dann schon ein Erfolg einstellen, auch, wenn es vielleicht etwas anderes ist als man sich am Anfang vorgenommen hatte. Aber es muss ja nicht immer alles streng nach Plan laufen. Wenn etwas partout nicht klappen will, dann hat man sich vielleicht an einen Plan gekrallt, der gar nicht zu einem gepasst hat.

Ich denke, wir Menschen lassen uns leicht von gesellschaftlichen Normen beeinflussen, die sich vor mehreren Jahrtausenden irgendwann mal entwickelt haben. Damals haben diese Normen Sinn ergeben und zum Teil tun sie es auch noch heute. Doch das muss nicht zwingend heißen, dass das, was für eine Person das Richtige ist, auch für alle anderen Menschen erstrebenswert ist. Für manche ist es wichtig und richtig, reich zu werden und sich mit tollen Statussymbolen einzudecken. Für manche ist es wichtig, was die Nachbarn über sie denken und die Fassade einer heilen Welt nach außen zu bewahren. Das muss jedoch nicht heißen, dass alle Menschen reich und von den Nachbarn beneidet und bewundert werden müssen.

Meiner Meinung nach erschwert man sich die Möglichkeit, sich nach einer als solcher empfundenen Niederlage zu berappeln, wenn man sich so sehr unter Druck setzt, nach außen hin perfekt zu wirken. Da ist das Scheitern ja eh schon vorprogrammiert, weil niemand perfekt sein kann. Und selbst wenn: Wie langweilig ist das? Was soll man den Rest seines Lebens denn noch machen, wenn man schon alles in seiner Perfektion erreicht hat, was man sich vorgenommen hatte?

Natürlich muss man seine Nachbarn nicht mit Absicht ärgern und sich daneben benehmen. Man muss auch nicht mit Absicht Selbstsabotage betreiben, damit ja nichts gelingt, was man anpackt. Das verstehe ich ohnehin nicht, warum manche Leute mit einer „Böh, das wird eh wieder nix“-Haltung oder „Wieso soll ich das versuchen, wenn das eh nicht klappt“-Attitüde an eine Sache herangehen. Das ist allerdings Stoff für einen eigenen Essai.

Wer fröhlich scheitert und es bestens gelaunt immer wieder probiert und jedes Mal etwas anders macht, verschiedene Herangehensweisen spielerisch ausprobiert, der wird vielleicht nicht reich und vielleicht denken die Nachbarn, Ach du meine Fresse, was ist das denn für ein optimistischer Vollpfosten, doch eines wird er dabei ganz sicher: glücklich. Und zwar ganz aus Versehen, ohne sich das als Ziel gesetzt zu haben. Wenn man von einer gegenwärtigen Situation ausgeht, guckt, was man als nächstes erreichen will und realistisch betrachtet erreichen kann und bei der Lösungssuche die Lehren vergangener Fehler und Erfahrungen mit einbezieht, ist man so gut beschäftigt, dass man gar nicht mehr dazu kommt, sich um Dinge Sorgen zu machen, die man eh nicht ändern kann.

So, und nun wünsche ich allen ein schönes Wochenende.


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