Posts Tagged ‘Vernunft’

Essai 158: Über Komfortzonen und das Verlassen derselben

12. Juni 2016

Es ist eine allgemein anerkannte Wahrheit, dass Komfortzonen nur dazu da sind, um sie gleich wieder zu verlassen. Sonst erreicht man im Leben nämlich nichts, versagt auf ganzer Linie und wird nie ein nützliches Mitglied der Gesellschaft werden. Das steht in Frauenzeitschriften, Motivationstrainer predigen es, die Spatzen pfeifen es von den Dächern und alle anderen sind auch dafür: In seiner Komfortzone zu verweilen ist schlecht. Basta. Nur interessant, dass dies lediglich für die Komfortzonen anderer Leute gilt, nicht für die eigenen.

Da bin ich übrigens keine Ausnahme, ich bin auch immer schnell dabei, mich in altkluge Höhen des Alles-am-besten-Wissens aufzuschwingen und zu tönen: „Ja, kein Wunder, dass XY nie eine Freundin bekommt, wenn der die ganze Zeit in seiner Komfortzone bleibt. Der muss mal rausgehen und Frauen ansprechen! Der muss mal Speeddating machen oder sich bei einer Online-Partnervermittlung anmelden!“ Gleichzeitig nervt es mich tierisch, wenn Freunde oder Bekannte mir mit neunmalklugen Ratschlägen kommen à la „Ja, Isa, du musst mal aus deiner Komfortzone raus, du musst mal lernen, dich durchzusetzen, du musst mal mehr Selbstvertrauen entwickeln, du musst mal Kontakte knüpfen und du musst dich mal klarer ausdrücken und du musst mal selbstsicherer auftreten und du musst mal deine ständigen Relativierungen, Eigentlichs und Irgendwies weglassen, sonst kannste das knicken mit der Karriere.“ Ich weiß ja, dass sie recht haben und es gut mit mir meinen, aber irgendwie fühle ich mich eigentlich auch wohl in meiner Komfortzone. Und strenggenommen ist es – nun ja – so ein wenig … unbequem, sie zu verlassen.

Es ist anscheinend in der Theorie einfacher, eine Position freiwillig hinter sich zu lassen, auf der man es sich gemütlich gemacht hat. Und daher ist es auch ganz leicht, anderen dazu zu raten. Trotzdem mag dann aber keiner so wirklich gern vor seiner eigenen Haustür kehren (der Schmutzhaufen vor den anderen Haustüren macht anscheinend mehr Spaß, wegzufegen). Na ja, und dann gibt es auch noch die, die sich selbstgefällig in ihre Komfortzone fläzen und trotzdem erfolgreich sind. Ich schätze mal, im Moment gucken die meisten Leute Fußball und da bleibt eine Begegnung mit B*la R*thy nicht aus und der Typ ist einer der erfolgreichsten Fußballkommentatoren im deutschsprachigen Fernsehen, obwohl der einen Scheiß tut und seinen bequemen, fest etablierten Platz verlässt. Ich meine, noch weiter karrieremäßig in seiner Branche aufsteigen kann er wohl nicht, könnte man einwenden. Also warum sollte er seinen muckeligen Posten aufgeben? Weil er ein Sprecher ist, der nicht sprechen kann, und das ist eine Schande. Das ist so, als wäre ich bei der größten deutschsprachigen Tageszeitung Chefredakteurin und könnte „seit“ und „seid“, „das“ und „dass“ nicht auseinanderhalten, würde ständig irgendwo ein überflüssiges Apostroph reinknallen wie in „Panda’s sind süß“ und „Standart“ mit „t“ am Ende schreiben (Urgs, sieht das scheußlich aus!).

Ich finde, äußere Faktoren wie „Karriere machen“ oder „Freund/in finden“ sind zwar begründete Motivationsfaktoren, um auch mal Dinge zu tun, die man anstrengend findet, aber wenn es die einzigen Gründe bleiben, dann wird man faul, sobald man sein Ziel erreicht hat. Und dann hat es sich letztendlich nicht wirklich gelohnt, die Komfortzone zu verlassen, weil man dann entweder einen schlechten Job abliefert und auf seinem hohen Thron vor sich hin dilettiert und keiner traut sich, einem zu sagen, dass man scheiße ist, weil man so weit oben sitzt und so imposant dabei ausschaut. Oder man gibt einen grauenhaften Beziehungspartner ab, weil man aufhört, sich Mühe zu geben, sobald man die „Beute“ erobert hat. Man selbst fühlt sich dann wahrscheinlich superklasse und sieht nicht ein, warum man was ändern sollte, aber für die anderen ist es dann halt nicht so toll.

Wahrscheinlich ist es gar nicht so leicht, sich seine Fähigkeit zur kritischen Selbstreflexion zu bewahren, wenn man ein solches Ziel erreicht und es sich an der Spitze kuschelig eingerichtet hat. Vor allem, wenn man von den meisten Menschen hört, man sei mega der Hammer, dann glaubt man das vermutlich irgendwann. Dabei kann man immer etwas verbessern und wenn man nicht an sich und seinem Können arbeitet, faul wird, dann rostet man ein und wird immer schlechter – und merkt das noch nicht einmal.

Im Prinzip stimmt es also schon, dass man es sich auf seinem Platz nicht zu komfortabel machen, in Bewegung bleiben und stetig dazulernen sollte. Aber ich finde, jeder hat das Recht, dies in seinem eigenen Tempo zu tun und selbst zu entscheiden, wann er seine Komfortzone verlässt und wann nicht. Es geht ja auch immer darum, was man erreichen will. Wenn man zufrieden damit ist, dass die eigene Karriere an einer nicht so hohen Stelle stagniert, weil man sich dort wohl fühlt, ist das doch in Ordnung. Wenn man sich als Single wohl fühlt und keine Lust hat, sich auf einen anderen Menschen einzulassen, weil man andere Menschen anstrengend und nervig findet, ist das auch völlig in Ordnung.

Das Schwierige daran ist nur, herauszufinden, was man eigentlich will und was einem wichtiger ist: Komfort oder Weiterentwicklung. Und man darf auch durchaus in einem Bereich Weiterentwicklung wählen und in einem anderen Komfort oder das von Situation zu Situation im Einzelfall beschließen. Das macht das Ganze noch komplizierter. Dann stellt sich noch die Frage, will man das, was man zu wollen glaubt, wirklich? Oder will man es nur wollen, weil man glaubt, dass andere das von einem erwarten und man sie nicht enttäuschen will?

Jedenfalls, um diesen Essai jetzt nicht mit so einem Gehirnknoten zu beenden, ich habe mir vorgenommen, mich mit ungefragten „Du musst mal dies-und-das“-Ratschlägen ein bisschen zurückzuhalten. Mal schauen, ob mir das gelingt, ich gebe nämlich sehr gerne Tipps und ich weiß es wirklich oft besser 😛 Aber ich kann halt auch nicht in Leute reingucken und richtig erraten, was ihre Prioritäten im Leben sind – es sei denn, sie sagen es mir und fragen mich um meine Meinung. Und vielleicht kann ich mich wirklich auch mal etwas klarer ausdrücken 😀

Edit: Mir fiel noch ein, dass es manchmal doch ganz gut ist, wenn man einen unbequemen Stubs aus der Komfortzone heraus von einem lieben Menschen bekommt. 🙂 Man merkt das ja nicht immer selbst, wenn man es sich so gemütlich gemacht hat, dass man in seinem eigenen Quark zu versumpfen droht.

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Essai 156: Über Streber

14. April 2016

Um ehrlich zu sein, bin ich ein ziemlich bequemer Mensch. Ich habe es sehr gern gemütlich, mag Harmonie und Frieden und weiß den Komfort von Strom, Heizung und fließend Wasser zu schätzen. Außerdem hasse ich es, wenn ich krank bin oder irgendetwas nicht hinkriege, was ich mir vorgenommen habe. Als ich noch zur Uni ging, habe ich vor jeder Prüfung und bei jeder Hausarbeit und Abschlussarbeit einen Panikflash bekommen, dass ich das alles nicht schaffe und komplett versagen werde. Mein Freund fand das immer ziemlich unglaubwürdig und lustig und sagte: „Ja, ja. Und dann schreibst du doch wieder eine 1“ und ich dann so: „Gar nicht wahr! Dieses Mal weiß ich wirklich nicht, wie ich das schaffen soll! Heul! Schluchz!“ Natürlich hatte er meistens recht und konstatierte dann hinterher: „Siehste, bist halt ’ne Streberin.“

Ich weiß, in dem Kontext ist das als Kompliment gemeint, aber irgendwie mag ich das überhaupt nicht, wenn man mich eine Streberin nennt. Ich finde nicht, dass ich eine Streberin bin *schmoll*. Trotzdem schwebt dieses ‚Urteil‘ ständig über meinem Kopf und mir ist das immer fürchterlich unangenehm, wenn sich herausstellt, dass ich irgendetwas ganz gut kann und – schlimmer noch – teilweise sogar besser kann oder besser weiß als andere. Ich trau mich dann immer gar nicht, das so laut zu sagen, weil ich fürchte, man könnte mich dann mit dem vernichtenden „Streber!“-Etikett bekleben und dann stehe ich da und fühle mich allumfassend uncool, langweilig und genussfeindlich. Aber dann denke ich auch, was bin ich doch für eine alberne, dusselige Kuh, dass ich mein Licht immer so untern Scheffel stelle, nur, um nicht als Streberin zu gelten.

Irgendwie wäre ich schon gern so eine obercoole Socke, der es vollkommen schnurz ist, was andere von ihr denken. Aber in meinem Hinterkopf blubbern dann doch so Vorurteile vor sich hin, dass nur Leute obercoole Socken sein dürfen, die sich nicht darum scheren, was andere von ihnen denken, die sich möglichst unvernünftig aufführen, bestenfalls sogar kriminell sind oder wenigstens so gut wie. Das Klischee vom Rockstar, der keine Drogen auslässt, fröhlich durch die Weltgeschichte pimpert (natürlich ohne Kondom, wo kämen wir denn da sonst hin), dauerbesoffen ist und Kette raucht, unfreundlich zu anderen Leuten ist und sich wie ein Arschloch aufführt schwebt mir als optimaler Antistreber vor, am besten stirbt der dann auch noch möglichst jung, dann ist er an Coolness nicht mehr zu überbieten.

Nun bin ich nicht nur viel zu alt, um jung zu sterben (den Club 27 habe ich auf jeden Fall schon laaaaange hinter mir gelassen), ich habe auch überhaupt keine Lust, meine Sinne mit irgendwelchen süchtig machenden Substanzen zu vernebeln und sehe darin auch überhaupt keinen Mehrwert für mein Wohlbefinden. Und man hat es viel einfacher und muckeliger im Leben, wenn man einfach nett und höflich zu anderen Leuten ist, ein wenig Mitgefühl zeigt, anstatt gemein zu allen zu sein, und sich bestmöglich an die Regeln hält. Rein optisch bin ich eh viel zu niedlich, um als Rockstar zu überzeugen.

Also bin ich vielleicht doch eine Streberin? Immerhin rauche ich nicht, trinke keinen Alkohol, Drogen nehme ich sowieso nicht und zu allem Überfluss mache ich auch noch regelmäßig Sport, ernähre mich ausgewogen und maßvoll, gehe regelmäßig zu den ärztlichen Vorsorgeuntersuchungen und lese lieber ein schönes Buch als nachts auf die Piste zu gehen. Als ob das nicht schon schlimm genug wäre, bin ich auch noch einigermaßen intelligent, lernfähig und lernfreudig und habe an der Uni und in der Schule in der Tat überwiegend gute Noten geschrieben. Streit mit meinen Lehrern und Profs habe ich auch nie welchen angefangen. Und ich will schon das Beste aus meinen Möglichkeiten machen, so viel Ehrgeiz habe ich dann doch. In einem meiner Zeugnisse hatte mein Biolehrer mal geschrieben: „Isabelle weint manchmal bei Leistungsversagen.“ Das fand ich übrigens gar nicht lustig, dass der das da reingeschrieben hat, ich hab mich nur einmal geärgert, dass ich eine 4 in einer Klausur geschrieben hatte, und da sind dann auch ein paar Tränen geflossen, aber das muss man doch nicht gleich so hämisch ins Zeugnis schreiben und für alle Ewigkeit für die Nachwelt festhalten, was für eine peinliche, jämmerliche Erscheinung ich bin. Grummel.

Die Wahrheit ist aber, ich mach das alles nicht, um anderen zu zeigen, was für ein fantastisch organisierter, disziplinierter und makelloser Mensch ich bin und schon gar nicht, um anderen zu zeigen, wie chaotisch, fehlerhaft und schluderig alle anderen Menschen sind. Sondern ich mach das, was ich mache, weil es mir so gut geht. Ich fühle mich pudelwohl, wenn ich ein wenig auf meine Gesundheit achte, ich bewege mich wirklich gern (und das, obwohl ich Schulsport immer gehasst habe) und ich bin aufrichtig neugierig und interessiert daran, neue Dinge zu lernen und zu begreifen. Mir macht es gar nichts aus, mich an Gesetze zu halten und es kostet mich überhaupt keine Mühe, höflich und freundlich zu sein. Na ja, meistens. Manchmal lasse ich mich provozieren und dann und wann platzt mir die Hutschnur. Aber das ist zum Glück selten und meistens fühle ich mich hinterher total mies. Ich bewahre lieber so lange die Contenance, wie es mir möglich ist. Ich verzichte auf nichts, was mir Spaß macht und was ich gern habe, genieße das Leben … und habe dennoch immer das Gefühl, ich müsste mich dafür rechtfertigen (was ich gerade schon wieder tue) und erklären, dass es mir an nichts fehlt.

Ich bin der Meinung, Streber, also echte Streber, sind nicht nur einfach relativ intelligent und einigermaßen fleißig, sondern sie müssen das auch ständig allen zeigen und wollen dafür Applaus. Streber brauchen das Gefühl, besser zu sein als andere und sie brauchen die Gewissheit, dass alle – nicht nur sie selbst – wissen, dass sie besser respektive die Besten sind. Ihnen ist das ganz und gar nicht unangenehm, wenn sie neidische oder bewundernde Kommentare von außen bekommen, sondern die sind ihr Lebenselixier. Und so bin ich nicht und möchte ich auch nicht sein. Das macht mich noch lange nicht zu einer obercoolen Socke, aber eine Streberin bin ich auch nicht. Ich bin einfach nur ein Mensch, der versucht, sich Mühe zu geben. Und sich dabei langfristig Ärger zu ersparen.

Essai 150: Über Selbstverständlichkeiten, die keine sind

12. Dezember 2015

Das Dumme ist, dass ich immer von mir auf andere schließe. Und so erwarte ich dann, dass allen Menschen daran gelegen ist, mit anderen gut auszukommen und ansonsten ihre Ruhe zu haben. Für mich ist das selbstverständlich, freundlich und höflich zu allen zu sein, mich an Absprachen zu halten und mich möglichst so zu verhalten, dass ich die Dinge nicht schlimmer mache als sie sowieso schon sind – sofern ich das beeinflussen kann.

Dass das ganz und gar nicht selbstverständlich ist, zeigt der Syrien-Einsatz der Bundeswehr. Was soll das denn bitte Konstruktives zur Konfliktlösung beitragen und inwiefern soll das bitte den Terrorismus bekämpfen, wenn wir da jetzt unsere schrottigen Jets hinfliegen lassen? Damit liefern wir doch dem IS eine Rechtfertigung für seinen Terror und vielleicht schließen sich dann noch mehr Leute, die bisher unentschlossen sind, diesem Verein an. Die anderen Menschen, die wie ich einfach nur mit anderen gut auskommen und ihre Ruhe haben wollen, werden in den Krieg mit hineingezogen, obwohl sie niemandem etwas getan haben. Wenn sie es schaffen zu flüchten, will sie in Europa schon wieder keiner aufnehmen. Es ist also das Verheerendste und Dämlichste, was man machen kann, Kampfjets und anderen Kriegskram gegen den IS zu schicken. Davon einmal abgesehen, dass es für diese absolut hirnrissige Entscheidung noch nicht einmal eine rechtliche Grundlage wie zum Beispiel ein Mandat gibt.

Oder Nächstenliebe, die halte ich ebenfalls für selbstverständlich, und das muss ich gar nicht, denn ich bin Atheistin. Im Mittelalter wäre ich – selbstverständlich – auf dem Scheiterhaufen gelandet, ich ketzerische Heidin, ich. Trotzdem bin ich der Meinung, dass man Menschen helfen sollte, wenn man sieht, dass sie in Not sind. Oder dass man zumindest denen, die helfen, das Leben nicht noch schwerer macht als nötig, indem man zum Beispiel Flüchtlingsheime abfackelt. Warum machen Menschen sowas? Ich verstehe es einfach nicht. Warum jubeln Menschen Leuten zu, die menschenverachtende Kackscheiße vom Stapel lassen? Warum wählen einige Menschen solche Leute? Warum hat der Front National in meinem Mutterland Frankreich so viel Erfolg? Warum gibt es Menschen, die die AfD immer noch gut finden?

Aber auch alltägliche Selbstverständlichkeiten, die gar keine sind, treiben mich regelmäßig an den Rand der Verzweiflung. Das ist eigentlich völlig lächerlich und spießig, aber ich lege wirklich großen Wert auf Höflichkeit und Zuverlässigkeit. Und wenn dann jemand sich nicht an eine Abmachung hält, nicht einmal von sich aus absagt, sondern ich das auf den letzten Drücker durch Zufall oder zwischen Tür und Angel erfahre, dass die Absprache platzt, dann macht mich das sauer. Weil es doch eigentlich selbstverständlich ist, dass man von sich aus absagt und wenigstens ein bisschen zerknirscht ist, wenn man eine Verabredung nicht einhalten kann. Das kann doch nicht so schwer sein?

Ebenfalls selbstverständlich ist für mich, Eigenverantwortung zu übernehmen. Das heißt, wenn mich jemand kritisiert, dann überlege ich, ob was dran ist. Wenn ja, versuche ich, dran zu arbeiten. Wenn nicht, dann nicht, dann hefte ich die Kritik unter „unberechtigt“ ab und gut ist. Wobei, na ja, das ist sozusagen der Idealfall. Wenn die unberechtigte Kritik von Menschen kommt, die ich selbst sehr schätze und gern habe, dann wurmt mich das, weil ich denke, wie kommen die denn auf die Idee, mir so etwas aus meiner Sicht Abwegiges zu unterstellen? Das ist doch selbstverständlich, dass ich niemanden kränken oder verletzen will, den ich schätze und gern habe. Oder nicht? Kommt die unberechtigte Kritik allerdings von irgendwelchen Leuten, die mir wumpe sind, dann lasse ich sie blubbern und denke mir meinen Teil.

Also insgesamt ist das doch gar nicht so selbstverständlich mit den Selbstverständlichkeiten. Da benehmen sich Leute wie die letzten Arschlöcher, obwohl das überhaupt nichts Konstruktives zum Gemeinwohl beiträgt. Da machen Menschen dumme Sachen und bringen damit sich und/oder andere in Gefahr, obwohl sie ganz genau wissen (können), wie dumm und unnötig diese Sache ist. Da zetteln Politiker Kriege an, die sie unmöglich gewinnen können und die am Ende nur Verlierer übrig lassen … Und ich verstehe die Welt nicht mehr.

Essai 126: Über den Kassandra-Effekt

28. Juni 2014

Wer zu vernünftigem, logischen Denken neigt und die lästige Angewohnheit hat, bei seinen Überlegungen auch langfristige Entwicklungen mit zu berücksichtigen, läuft Gefahr, des Öfteren recht zu haben. Dann hat man ein Problem. Leute, die ständig recht haben und alles (wirklich) besser wissen, gelten als Klugscheißer und die mag niemand. Das führt dazu, dass man sich den Mund fusselig reden kann mit seinen Einwänden, Bedenken, Anmerkungen und Kritiken – niemand wird einem bereitwillig zuhören. Was folgt, nenne ich mal den Kassandra-Effekt. Man warnt vor irgendwelchen negativen Konsequenzen einer bestimmten Handlung, die Leute ignorieren einen und machen den Blödsinn trotzdem und – zack! – tritt genau das ein, wovor man gewarnt hat.

Kassandra hatte in der griechischen Mythologie vom Gott Apollon die Gabe geschenkt bekommen, die Zukunft voraussehen zu können. Der war nämlich in sie verknallt und für so einen Gott sind Pralinen oder Blumen zu weltlich, also muss es gleich die Gabe der Weissagung sein. Da kann man sich natürlich drüber streiten, ob das wirklich eine Gabe ist … ich bin ganz froh, dass ich noch nicht weiß, was genau in meinem Leben passiert. Sonst wäre ja die ganze Überraschung im Eimer. Jedenfalls, bei den alten Griechen galt das als ganz tolles Geschenk. Kassandra wollte jedoch trotzdem nichts von Apollon und in seiner gekränkten Eitelkeit verfluchte er die ursprüngliche Gabe und fügte hinzu, dass niemand Kassandras Weissagungen glauben würde.

Das war vor allem für die Trojaner Mist, denn Kassandra warnte zum Beispiel ihren Bruder Paris davor, die schöne Helena von den Griechen zu entführen. Daraufhin würde es zum Krieg mit den Griechen kommen, sagte sie. Niemand hörte auf sie und es kam, wie es kommen musste. Schließlich tüftelten die Griechen noch die Sache mit dem riesigen Holzpferd aus, um in die von hohen Mauern gesicherte Stadt Troja zu gelangen. Kassandra warnte die Trojaner, das Holzpferd in die Stadt zu holen. Da sitzen die Griechen drin, die zerstören Troja, wenn wir sie reinlassen. Pfft, Quatsch, sagten die anderen, wir machen das jetzt, halt die Klappe, sei nicht immer so pessimistisch. Und wer hatte mal wieder recht? Genau. Die nervige Besserwisserin. Ehrlich gesagt, die Trojaner waren offenbar nicht die hellsten Birnen im Kronleuchter. Wer holt denn einfach so ein riesiges Holzpferd in seine Stadt, wenn die Leute, die einem ans Leder wollen, direkt vor den Stadtmauern hocken? Wer soll denn das Pferd gebaut haben, wenn nicht ebendiese (nicht zu Unrecht) stinkwütenden Gesellen, die nur auf eine Gelegenheit warten, einen platt zu machen?

Ich habe den Eindruck, dass beim Kassandra-Effekt die Leute absichtlich das Gegenteil von dem tun, was man ihnen rät. Einfach so, aus Trotz, Stolz und weil sie keine Lust haben, selbst kurz nachzudenken und einzusehen sowie zuzugeben, dass sie falsch liegen. Das ist doch überhaupt nicht schlimm, wenn man sich irrt und auf dem Holzweg ist. Ich verstehe überhaupt nicht, was das soll, dass man sehenden Auges in sein Verderben rennt, obwohl ein aufmerksamer Mitmensch sogar noch davor warnt. Vielleicht sogar einen schlauen Alternativvorschlag präsentiert. Das ist dem Besserwisser doch wurscht, dass er recht hat, ihm geht es darum, Ungemach zu verhindern. Das Missverständnis zwischen Besserwissern und Nichtbesserwissern liegt darin, dass Letztere überzeugt sind, Erstere würden nur herumklugscheißen, um sich als was Besseres zu fühlen und Letztere zu maßregeln. Dabei ist dem gar nicht so.

Essai 123: Über den Umgang mit Idioten

9. Juni 2014

Da die Untergattung der Idioten innerhalb der menschlichen Spezies eindeutig in der Überzahl ist, ist es ratsam, sich mit ihnen zu arrangieren. Doch nach Lösungen zu suchen, wie das zuverlässig gelingt, ist eine Lebensaufgabe. Immerhin, ein paar Tricks und Kniffe, wie man mit Dummdödeln gut zurecht kommt, habe ich schon ausgetüftelt und an real existierenden Exemplaren erfolgreich erprobt. Bevor ich hier wieder als arrogante Intellektuelle da stehe: Ich meine mit „Idioten“ nicht Menschen mit niedrigem Intelligenzquotienten. Sondern ich meine damit Leute, die normal oder sogar überdurchschnittlich intelligent sind, sich aber wie Vollidioten aufführen, obwohl sie anders könnten.

Ich hege die Theorie, dass das Sich-idiotisch-aufführen als eine Art Selbstschutz dient. Vermutlich halten sich die Betroffenen insgeheim für Totalversager und damit das keiner merkt, spielen sie nach außen hin den von sich selbst überzeugten Supermacker. Nur leider scheint das, was wir insgeheim von uns denken, immer irgendwie nach draußen durch und macht sich in der Ausstrahlung bemerkbar. Vielleicht kann man das als Außenstehender nicht immer gleich erklären, warum der andere einem seltsam erscheint, doch man merkt, dass er unauthentisch ist und nicht im Einklang mit seinem Selbstbild handelt.

Das allein ist ja noch nicht schlimm. Wenn Derjenige nur ein wenig aufgesetzt wirkt, aber trotzdem bemüht ist, freundlich und höflich zu sein, kann man ihm ja einfach seinen Selbstschutz lassen. Doch was tun, wenn Derjenige es so dermaßen übertreibt, dass er wie ein eingebildeter Fatzke, arroganter Klugscheißer, unhöflicher Angeber oder bornierter Vollpfosten rüberkommt? Dann wird’s knifflig.

Zunächst sollte man sich dann fragen: Muss ich mit dem Idioten klar kommen oder kann ich ihm auch ohne großen Aufwand aus dem Weg gehen und ihn sein Leben leben lassen, während ich meinem Seelenfrieden fröne? Ist Letzteres der Fall, sollte man auch schlichtweg Letzteres tun. Es sei denn natürlich, man ist selber ein Idiot und macht gern einen auf Streithammel. Dann kann man sich freuen, einen Seelenverwandten gefunden zu haben.

Ist man jedoch wie ich pazifistischer und pragmatischer veranlagt, sollte man versuchen, eine Basis zu finden, auf der der Idiot nicht allzu sehr nervt. Als kurzfristige Lösung funktioniert die Strategie „lächeln, nicken, ‚Arschloch‘ denken“ immer ganz gut. Langfristig aber wird der Vollpfosten irgendwann die Strategie durchschauen und dann kommt man in Erklärungsnot. Unangenehm.

Es ist also schon wichtig, dass man dem Dummdödel Kontra gibt und so ehrlich wie möglich mit ihm redet. Ich bitte vielmals um Pardon, dass ich hier überwiegend die männliche Form gebrauche, aber leider sind die Idioten, die ich meine, häufig männlich. Liegt vermutlich daran, dass Männer ständig glauben, ihre Männlichkeit beweisen zu müssen, die auf völlig veralteten und überdies albernen Prämissen beruht. Das fragile Selbstbild des sich zur Männlichkeit verpflichteten Mannes bedarf eben eines besonders starken Selbstschutzes.

Ich warte immer ein wenig ab, wie weit ich in Richtung Ironie, Sarkasmus und ehrlicher Meinungsäußerung bei einem Idioten gehen kann beziehungsweise bis es mir wurscht ist, ob ich dem Vollpfosten auf den Schlips trete, weil er sich so bescheuert aufführt, dass er es nicht anders verdient hat. Und dann sage ich einfach direkt und furztrocken, was ich von ihm halte. Mit Menschen, die ich mag, bin ich immer etwas feinfühliger, vorsichtiger, behutsamer und netter – da sage ich meine Meinung nur, wenn man mich nach Selbiger fragt, formuliere sie freundlich, mit differenzierter Begründung und unter Berücksichtigung des jeweiligen Kontextes. Mitunter führt das dazu, dass man mich nicht versteht, aber geradeheraus und holterdipolter bin ich eben nur, wenn mir jemand so auf die Nerven geht, dass meine Geduld aufgebraucht ist und mir seine Gefühle wumpe sind.

Jedenfalls habe ich schon ein paar Mal festgestellt, dass man sich mit dieser direkten, spöttischen Art den Respekt von Idioten verdient. Und schon sind sie gar nicht mehr so idiotisch wie man anfangs dachte. Also, es lohnt sich durchaus, ab und zu etwas Verständnis auch für Vollpfosten aufzubringen, nicht beleidigt zu reagieren, wenn sie sich bescheuert benehmen und ihnen stattdessen mit schonungsloser Offenheit zu begegnen. Nur wie man mit völlig humorlosen oder aggressiven Idioten umgeht, konnte ich noch nicht herausfinden. Da ist Ehrlichkeit nämlich nicht immer unbedingt empfehlenswert.

Essai 109: Über wählen und nicht wählen

15. September 2013

Nächsten Sonntag ist Wahl! Und daher möchte ich diese Gelegenheit einfach mal dazu nutzen, um meiner werten Leserschaft heiter und parteiisch zuzurufen: Lasst uns nächsten Sonntag alle Schwarz-Gelb abwählen!

Damit das klappt, müssen natürlich alle zur Wahl. Wer also nächsten Sonntag nicht zur Wahl geht oder vorher per Briefwahl seine Stimme abgegeben hat, der kann sich meiner lebenslangen Verachtung gewiss sein. Und ich bin sehr nachtragend, wenn ich will.

Wer nicht weiß, wen er nächsten Sonntag, am 22. September wählen soll, weil das doch ohnehin alles Mist ist, dem möchte ich gern sagen: Stimmt. Aber es gibt schlimmeren und weniger schlimmeren Mist.

Den Wahl-O-Mat könnt ihr übrigens getrost vergessen, die Entscheidung für den geringsten Mist geht auch schneller:

1.) Alles, was rechts von der CDU ist, ist der größte Mist. Je weiter rechts, desto größer der Mist. Es scheiden also aus: CSU, FDP, Alternative für Deutschland und NPD.

2.) Da die CSU ebenfalls die CDU ist, gehört die CDU auch in die Kategorie größerer Mist.

3.) Bleiben also noch: SPD, Grüne, Die Linke und die Piraten.

4.) Die Piraten haben keinen Plan von gar nichts. Die also nicht wählen.

5.) Mit der Linken will keiner koalieren. Stimme wäre zwar nachvollziehbar, aber sinnlos, und verschenkt, da sie nicht in einer Koalition zum Tragen käme.

6.) Bleiben nur noch SPD und Grüne. Da schlage ich vor, eine Münze zu werfen.

So, da ich nun wunderbar subtil und überhaupt nicht offensichtlich eure Wahlentscheidung in die richtige Richtung gelenkt habe, dürfte es ein Einfaches sein, nächsten Sonntag in die Wahlkabine zu schlüpfen, eine Münze zu werfen, und das geringste Übel zu wählen.

Essai 106: Über die Du darfst-Mentalität

26. Mai 2013

Früher gab es mal eine ganz besonders nervige Werbung für angeblich kalorienreduzierte, figurenfreundliche Nahrungsmittel. Darin versuchten die Produzenten ihre Zielgruppe zum Kauf des Zeugs zu überreden, indem eine fröhliche Frauenstimme in einer munteren Melodie „Ich will so bleiben wie ich bin“ flötete und dann total sexy hinterherhauchte „Du darfst“. Weiß nicht, vielleicht gibt’s den Quatsch immer noch, aber ich hab den Spot länger nicht mehr gesehen. Über die Unsinnigkeit von vermeintlichen „Light“-Produkten will ich mich hier gar nicht weiter auslassen. Denn ich gehe davon aus, dass inzwischen hinlänglich bekannt ist, dass, wenn man viel Fett durch viel Zucker oder viel Zucker durch viel Süßstoff ersetzt oder einfach die Wurstscheiben dünner macht, das noch lange nicht automatisch zur idealen Bikinifigur führt. Worüber ich mich heute aufregen möchte, ist diese unsympathische Mentalität, die sich in dem Werbejingle äußert.

Mir ist schon klar, dass das nett gemeint ist, wenn man gesagt bekommt, man solle so bleiben wie man sei. Und als solches nehme ich das dann meistens auch auf. Aber wenn man mal so darüber nachdenkt, dann ist das doch ziemlich witzlos, wenn man sich sein Leben lang kein bisschen entwickelt. Niemand ist perfekt, das ist denke ich eine der wenigen Feststellungen, denen ich ohne einen Essai darüber zu schreiben, zustimmen kann. Infolgedessen gibt es immer etwas, das man an sich verbessern und woran man arbeiten kann. Wenn man eine bestimmte Schwäche hat, ist das völlig OK. So lange man versucht, das Beste daraus zu machen. Das ist ein aktiver, lebendiger Prozess und das kann ja auch Spaß machen. Wenn man einfach nur auf seinen vier Buchstaben hockt, dünne Wurstscheiben mit Süßstoff futtert und allen anderen die Verantwortung für das eigene Leben überlässt, ist das doch stinklangweilig. Und mit der Bikinifigur wird das auf diese Weise auch nichts. Natürlich hat man manchmal Pech, fiese Gene, schlechte Erziehung erhalten oder was es sonst noch so an gängigen Ausreden dafür gibt, dass irgendwas, das man gern hätte, nicht klappt. Doch muss das einen daran hindern, trotzdem – oder erst recht – ein Problem zu erkennen, zu überlegen, was man dagegen tun kann und es dann auch in die Tat umzusetzen? Beziehungsweise sich Hilfe holt, wenn man es allein nicht hinkriegt? Muss das sein, dass man sich dann schmollend hinstellt und patzig sagt: „Ich bin nun mal eben so“, anstatt mit kritischer Selbstreflexion auf Lösungssuche zu gehen?

Mir geht diese „Du darfst“-Mentalität nämlich unglaublich auf den Senkel, fast noch mehr, als dieser debile Werbespot. Da wird dann gejammert und lamentiert und immer sind die ominösen „Anderen“ an „allem“ Schuld und man selbst ist das arme kleine Opfer, das doch Ach so perfekt ist, aber keiner hat es lieb, weil die Welt ja so gemein ist. Das ist ja völlig OK, wenn das mal eine kurze Phase oder eine momentane Stimmung ist und man sich nur mal kurz ein bisschen ausheulen muss und dann ist auch wieder gut. Was nervt, ist, wenn das zur lebensbestimmenden Grundeinstellung wird. Wenn jemand dann mit so einem imaginären Selbstvertrauen durch die Gegend stolziert und innerlich summt „Ich will so bleiben wie ich bin“ und dann erwartet, dass ihm alle wohlwollend entgegenhauchen „Du darfst“. Na gut, dürfen tut man natürlich schon. Zumindest in dem Sinne, dass es legal ist, wenn man sich dusselig anstellen und dafür auch noch betüddelt werden möchte. Man darf sich rechtlich gesehen auch hinterher darüber wundern, wenn man nicht ständig mit Lob dafür überschüttet wird, dass man überhaupt nicht an sich arbeitet und sich gehen lässt. Nur, sollte man das deswegen auch, weil man es darf? Denn weder hat man selbst etwas davon, wenn man sich stur weigert, sich zu entwickeln und zu verändern, noch irgendjemand anders. Außerdem kann man sich da auch einfach mal ganz zynisch fragen, was das Leben überhaupt für einen Sinn machen soll, wenn nicht fließende Entwicklung statt Stillstand. Die Welt um einen herum bleibt ja auch nicht so wie sie ist. Und das ist auch gut so. Da sollte man sich dran anpassen, wenn man nicht als alter Mensch mit Reue auf sein Leben zurückblicken und feststellen will, dass man alle seine Möglichkeiten tatenlos hat verstreichen lassen.

Essai 103: Über Keksverbote und zuckerarme Kitas

29. März 2013

In letzter Zeit macht wieder eine sehr skurrile Geschichte in den Zeitungen die Runde, bei der ein kleiner Junge aus einer Kita geworfen wurde, weil er Butterkekse zum Essen mithatte. Hier ist zum Beispiel der Bericht des Hamburger Abendblatts und hier ein Bericht von der Welt.

Offenbar lief es so ab: Die Eltern waren eines Morgens besonders in Eile und haben es zeitlich nicht geschafft, ihrem kleinen Sohn ein Brot zu schmieren. Bevor er gar nichts zu essen hat, packten sie ihm ein paar Kekse und Waffeln ein. Nun ist aber die einzige Kita in dem kleinen Örtchen in Schleswig-Holstein, in dem die Familie lebt, ein „zuckerarmer Kindergarten“. Kekse sind strengstens verboten, ebenso Waffeln. Die teuflischen Süßwaren wurden konfisziert, der Junge musste hungern. Nach ewigen Streitereien mit den Eltern warf die Kita den Kleinen raus, kündigte den Vertrag und nun sind die Parteien hoffnungslos verkracht, worunter derjenige am meisten leidet, der am wenigsten mit der ganzen Sache zu tun hat, nämlich der Steppke.

Zugegeben, ich bin da etwas parteiisch und auch die Berichterstattung ist klar auf Seiten der Eltern und des Lütten, Verständnis für die Kita gibt es keine. Ich kenne natürlich auch die Seite der Kita nicht und die Seite der Eltern auch nur aus den Berichten. Deswegen möchte ich jetzt auch weniger auf diesen einen konkreten Vorfall eingehen, sondern die Geschichte als Vorwand nehmen, um mal was über Leute zu schreiben, die völlig kompromisslos allen Menschen ihren Lebenswandel aufzwingen müssen.

Es ist ja durchaus löblich, wenn man sich gesund ernährt. Mach ich ja auch. Also weitestgehend. Aber ist das wirklich so gesund, wenn man gesunde Ernährung zu einem Kult, zu einer Ersatzreligion macht und dann auch noch andere Menschen zu missionieren sucht? Und ist das wirklich so gesund, wenn man sich bestimmte Nahrungsmittel strikt verbietet? Kriegt man da nicht ziemlich miese Laune von mit der Zeit?

Natürlich kann es auch sein, dass man Nahrungsmittel aus ideologischen Gründen ablehnt, wie Vegetarier oder Veganer, und sich da nichts verbieten muss, sondern sich dazu freiwillig entschieden hat. Diese Menschen sind dann aber in der Regel sehr tolerant und lassen anderen Leuten ihr Vergnügen. Bei der Kita in der Geschichte scheint es mir allerdings so zu sein, dass sie alles andere als locker und entspannt wenig Zucker konsumieren, weil sie das für sich als richtig empfinden. Dann wären sie nicht so aggressiv unterwegs und fühlten sich nicht bemüßigt, so kleinen Kindern ihren Lebensstil aufzuzwingen. Das ist so, als würde eine kirchliche Kita nur Kinder aufnehmen, die der gleichen Konfession angehören. Da wäre meine Mutter vor 26 Jahren aber ganz schön angeschmiert gewesen, hätte die einzige Kita in der Nähe gesagt, Nö, wir sind ein evangelischer Kindergarten, ihr Katholenspross kommt uns nicht ins Haus. Oder: Wir sind hier ein christlicher Kindergarten, ihre angehende Atheistin können sie mal schön zu Hause erziehen. Nun begegnete man zwar meiner Familie und mir als französischen Migrationshintergründlern mit einer gewissen Skepsis, aber im Kindergarten durfte ich trotzdem bleiben, soviel christliche Nächstenliebe war dann schon drin.

So ähnlich könnte es doch auch die „zuckerarme Kita“ handhaben. Man muss ja die Kinder nicht mit Schokoriegeln und Cola mästen, aber gelegentlich mal ein Butterkeks ist doch nun wirklich kein Problem. Wenn die Leiter des Kindergartens selbst überhaupt keinen Zucker essen wollen, ist das ja schön für sie, aber das tut doch nicht Not, allen anderen seine Ernährungsgewohnheiten aufzuzwingen. Das reicht doch, dass man nur ein bisschen darauf achtet, dass der Süßigkeitenkonsum im Rahmen bleibt, dann lernen die Kinder gleich einen vernünftigen Umgang mit Genussmitteln, anstatt später einen unkontrollierten Heißhunger danach zu entwickeln, weil es ihnen früher so streng verboten wurde.

Kein Problem wäre es auch, wenn es noch viele andere Kitas in dem Dörfchen gäbe. Dann könnten die Eltern entscheiden, ihr Kind in einem anderen Kindergarten unterzubringen, der toleranter ist und könnten die „zuckerarme Kita“ meiden. So wäre auch das Argument legitim, niemand sei gezwungen, sein Kind von jemandem betreuen zu lassen, der seinen Lebensstil, mit dem man nicht konform geht, allen anderen aufdrängt. Wenn diese Wahl aber nicht besteht, finde ich, könnte man auch mal netter zu den Leuten sein. Aber vielleicht beeinträchtigt das ja auch das Toleranzvermögen, wenn man sich grundsätzlich Kekse verbietet.

Essai 102: Über Shitstorms und Wutbürger im Internet

25. März 2013

Früher, als noch nicht jeder einen Internetanschluss hatte, konnten Politiker, Schauspieler und andere öffentliche Personen ruhig Quatsch erzählen, in Fettnäpfchen treten oder sich grob unhöflich aufführen, ohne dass das große Konsequenten gehabt hätte. Ich spreche von einer Zeit, die die unter Zwanzigjährigen, die Digital Natives, vermutlich nicht mehr kennen und sich auch nicht vorstellen können. Ja, damals hat man sich auch an Verabredungen halten müssen, weil man nicht mal eben mit dem Handy Bescheid sagen konnte, man komme später. Es gab keine sozialen Netzwerke, keine Blogs (wir hatten stattdessen Poesiealben und Tagebücher, alles analog), keine eigenen Homepages und so weiter. Das war nicht unbedingt besser, aber auch nicht schlechter, sondern einfach anders. Hat sich also in dieser grauen Vorzeit jeder privat und für sich in Ruhe aufgeregt, wenn ein Promi sich daneben benommen hat (bei ganz üblen Verstößen gegen das Gemeinwohl gab es auch mal Zeitungs- und Fernsehberichte), fühlt sich offenbar heute jeder Wutbürger bemüßigt, seinen Unmut im Internet kund zu tun. Das, was dann auf den tollpatschigen Promi einprasselt, nennt sich gemeinhin Shitstorm.

Der neueste Fall eines Shitstorms wurde von Katja Riemann losgetreten. Sie hatte sich – vermutlich nichts Böses ahnend – in die NDR-Sendung „Das!“ zu einem Interview begeben und hatte auf die recht belanglosen Fragen etwas irritiert geantwortet. Offenbar, so meine Deutung der ganzen Affäre, war sie mit der Absicht in das Interview gegangen, über ihre Arbeit und ihre neuen Filme zu sprechen und das auf einem sehr hohen intellektuellen Niveau. Hinnerk Baumgarten, der Moderator hingegen, war vermutlich mit der Absicht ins Interview gegangen, den Menschen Katja Riemann kennen zu lernen, ihre private Seite zu beleuchten und sie dem Publikum menschlich näher zu bringen. Diese beiden konträren Motivationen sind aufeinander geprallt und es hat nicht funktioniert. Weder hatte Katja Riemann Lust, über ihr Privatleben zu reden (was ich sehr gut verstehen kann!) noch ist es dem Moderator gelungen, das zu akzeptieren und seine Interviewstrategie spontan an seinen etwas widerborstigen Gast anzupassen. Wahrscheinlich konnten die beiden sich schlichtweg nicht riechen, so ist das ja manchmal. Jedenfalls besteht meiner Meinung nach kein Anlass, Katja Riemann in irgendeiner Weise Arroganz vorzuwerfen. Natürlich hätte sie netter sein können, aber im Grunde war sie einfach ehrlich und das finde ich persönlich auch mal ganz erfrischend. Ein Problem ist jedenfalls auch, dass viele sich gar nicht das ganze Interview angesehen haben, sondern nur einen Zusammenschnitt, bei dem Katja Riemann tatsächlich ziemlich fies rüberkommt.

Aber mangelnde Information hat ja noch nie irgendwen davon abgehalten, sich künstlich aufzuregen. Erst recht nicht, wenn man das auch noch schön gesellig in der Masse machen kann, wo man sich dann auch noch gegenseitig hochschaukelt. Wie weiland aufgehetzte Bürger Fackeln und Mistgabeln schwenkend auf vermeintliche Ketzer losgingen, stürzen sich dann die selbstgerechten Wutbürger auf den bedauernswerten Promi und bombardieren diesen mit wüsten Beschimpfungen, üblen Beleidigungen bis hin zu regelrechten Drohungen. Manche Dinge ändern sich halt nie und vermutlich ist das auch ganz schön, wenn man seinen aufgestauten Frust und sorgfältig angesammelten Zorn mal an jemandem auslassen kann, den man gar nicht kennt. Und wenn dann noch andere dabei sind, die der gleichen Meinung sind, kann man ja auch nicht falsch liegen. Die eigenen Sünden verblassen zudem bis zur beinahen Unsichtbarkeit, wenn man mit dem Finger auf jemanden zeigen und lauthals krakeelen kann, der sei ja wohl viel schlimmer als man selbst. Außerdem muss man sich dann für eine kleine Weile nicht mehr mit wichtigen Dingen herumärgern, wenn man auf andere Leute wegen vermeintlicher oder tatsächlicher Fehltritte eindreschen kann. Das ist nicht nett, aber meiner bescheidenen Ansicht nach, schlichtweg menschlich. Das liegt offenbar einfach in unserer Natur, dass wir lieber unsere Zeit damit verplempern, anderen Leuten ihre Fehler in den schillerndsten Farben vorzuhalten, anstatt mal an unseren eigenen Fehlern zu arbeiten. Ich nehme an, ich bin da auch nicht anders, aber so genau weiß ich das nicht, schließlich sind wir alle mit einer eklatanten Selbstgerechtigkeit gesegnet, ohne die wir wohl nicht vorwärts kämen. Man stelle sich vor, jeder würde ständig jeden seiner Schritte und Entscheidungen hinterfragen. Das kann dann ja lange dauern, bis da mal ein Schritt gegangen oder eine Entscheidung getroffen wurde.

Wie dem auch sei, ich fände es um des allgemeinen Friedens willen dennoch wünschenswert, wenn man gelegentlich kurz innehielte, bevor man fremde Leute wüst beschimpft. Das sind ja schließlich auch nur Menschen, die manchmal eben blöd sind. Natürlich kann man denjenigen sachlich kritisieren und demjenigen sagen, man habe Missfallen an dessen Verhalten gefunden. Aber es müssen doch nicht immer gleich verbale Mistgabeln und rhetorische Fackeln sein, mit denen man auf denjenigen welchen einprügelt. Erst recht nicht so feige im Schutz der Masse. Und erst recht nicht aus so niederen Beweggründen, dass man einfach nur von seinem eigenen Frust ablenken will. So was finde ich erbärmlich. Und helfen tut das auch niemandem. Außerdem, bevor man jemanden kritisiert, sollte man sich informieren und gucken, ob man nicht vielleicht auch falsch liegt. Das kann nämlich auch mal passieren und dann zurück zu rudern, nachdem man schon auf jemanden eingedroschen hat, ist ja mal richtig peinlich.

Essai 101: Über Nazi-Witze

17. März 2013

Heute habe ich mal wieder ein ganz besonders kontroverses Thema für meine werte Leserschaft hervorgekramt: Nazi-Witze. Darf man das, über Nazis Witze zu machen? Und darf man das überhaupt, darüber zu schreiben, ob man über Nazis Witze machen darf? Ich bin der Meinung, man darf das natürlich, aber es müssen ein paar Bedingungen erfüllt sein, damit daraus keine Respektlosigkeit gegenüber den Opfern des Nationalsozialismus wird. Aber aufzeigen und entlarven, mit dem Mittel des Humors und der Satire, wie Nazis ticken, wie Mitläufer ticken und wie es möglich sein konnte (und nach wie vor möglich ist!), dass ein paranoider Fanatiker so viele Anhänger finden konnte, halte ich nicht nur für erlaubt, sondern auch für dringend notwendig. Das reicht ja nicht, dass etwas verboten ist. Wenn man gar nicht weiß, warum etwas verboten ist und es auch nicht versteht, scheint es in der menschlichen Natur zu liegen, dieses Etwas erst recht zu tun oder gut zu finden. Da sind Menschen wie kleine Kinder.

Allerdings birgt die Satire auch immer die Gefahr, nicht verstanden zu werden. So geschehen mit Timur Vermes Roman „Er ist wieder da“. Das hat beim NPD-Obermotz großen Anklang gefunden, weil der nicht kapiert hat, dass das Satire war. Und offenbar auch überlesen hat, dass gerade die NPD ihr Fett weg kriegt in dem Roman. Aber nur, weil ein paar Leute zu doof sind, sollte man meiner Meinung nach nicht einfach alles unter den Teppich kehren oder mit dem Vermerk „verboten“ abheften, denn dann nimmt man den Menschen die Möglichkeit, zu verstehen. Wer nicht versteht, kann es auch nicht besser machen. Oder anders gesagt: „Wer die Vergangenheit nicht versteht, ist gezwungen, sie zu wiederholen.“ (Leider habe ich vergessen, von wem das Zitat ist, aber ich finde es sehr zutreffend). Und gibt es ein besseres Mittel, um zu verstehen, als Humor? Der erhobene moralische Zeigefinger jedenfalls nicht und das Verbergen und zum Tabu erklären auch nicht.

Was ich schon eher problematisch finde, ist, wenn man wie im Film „Der Untergang“ mit vollem Ernst und bar jeden Humors Hitler als kranken Menschen präsentiert, ohne dabei jedoch seine Denke, seine Strategie, seine Motivation und so weiter zu entlarven. Stattdessen wird durch Pathos und Katastrophenkitsch verhindert, dass man begreift, was da eigentlich geschehen ist zu der Zeit. Das Mittel der Überwältigung und Faszination haben ja auch die Nazis für ihr Propagandakino genutzt, wenn sie nicht gerade durch Ablenkung und Heiterkeit in Filmen wie „Die Feuerzangenbowle“ so getan haben, als sei alles paletti. Bei beiden Methoden geht es jedenfalls darum, dem Publikum zu suggerieren, „wir“ seien toll, moralisch überlegen und voll die Helden, aber „die Anderen“ seien böse, moralisch unterlegen und „unsere“ Feinde. Was ich von diesem dualistischen Weltbild und diesem Schwarz-Weiß-Denken halte, habe ich ja schon das eine oder andere Mal erwähnt. Nämlich nichts. Man beraubt sich durch diese bornierte Haltung der Möglichkeit, selbständig zu denken und das ist die Grundvoraussetzung dafür, dass der gesunde Menschenverstand entscheidet und nicht irgendein fanatischer selbsternannter „Führer“. Aber diesen Mechanismus muss man erst mal verstehen. Das tut man nicht, wenn man alles vorgekaut bekommt. Aber auch nicht, wenn man vom eigentlichen Thema abgelenkt wird.

Leider haben nicht nur Satiren über Nazis das Problem, missverstanden zu werden, sondern Satiren im Allgemeinen. „Fight Club“ von David Fincher zum Beispiel, ist meiner Meinung nach eine der genialsten Satiren auf den modernen Konsumzwang überhaupt. Trotzdem gibt es Idioten, die denken: „Geil, auf die Fresse, cool!“ und das dann nachmachen und sich toll vorkommen. Und dabei nicht kapieren, dass genau diese Haltung im Film verarscht und dabei entlarvt wird. Oder die Fernsehserie „Dexter“, da gibt’s natürlich reaktionäre Vollpfosten, die denken: „Selbstjustiz, geil, auf die Fresse, böse Buben plattmachen, cool!“ und in der Tat kann man die Serie so verstehen. Man kann sie aber auch kritisch als Satire lesen, die genau dieses Selbstjustizthema hinterfragt. Kürzlich habe ich Paul Thomas Andersons „The Master“ im Kino gesehen und auch da ist mir aufgefallen, dass man es entweder als Satire und Kritik an Fanatikern, fehlgeleiteten Idealisten und Sekten sehen kann, aber auch als Befürwortung dessen missverstehen könnte. Vielleicht hat deswegen Scientology noch nicht lauthals zum Boykott dieses Films aufgerufen. Es ist halt immer die Gefahr, wenn Kunstwerke – gleich ob literarisch, theatral, filmisch, musikalisch oder anderes – ihren Rezipienten nicht zweifelsfrei vorschreiben, wie sie das dargestellte Geschehen zu bewerten haben, dass nicht voraus zu sehen ist, wie es interpretiert wird. Deswegen darauf umzuschwenken, die moralische Botschaft eines Werkes widerspruchsfrei und ohne jede Ambivalenz den Leuten vor den Latz zu knallen, halte ich für keine gute Idee. Denn das ist dann wieder Propaganda, die eigenes freies Denken und somit echtes Verstehen verhindert. Und dann macht man die gleichen Fehler immer und immer wieder.


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