Archive for Dezember 2014

Essai 135: Über die Suche nach einem Sündenbock

28. Dezember 2014

Eigentlich wollte ich mich ja nicht mehr so sehr über Leute ärgern, die eine meiner Meinung nach bescheuerte Meinung vertreten. Das hatte ich mir zumindest im Essai über den Umgang mit intoleranten Ignoranten vorgenommen. Aber das war, bevor diese Leute von Pegida und Hogesa und wie sie alle heißen sich bedrohlich wachsender Beliebtheit erfreuten. Im letzten Essai über religiöse Gefühle war ich ja kurz auf diese bornierten Zeitgenossen eingegangen. Nun hat der Hype um diese selbsternannten patriotischen Europäer aber nicht nachgelassen und so fand ich, das verdient einen eigenen Essai.

Ich muss zugeben, ich bin bei Fremden- und Ausländerhass immer sehr dünnhäutig und reagiere da zuweilen etwas zickig, rechthaberisch und humorlos, wenn ich irgendwas in der Richtung zu wittern meine. Da kann ich mich manchmal nicht zurückhalten, ich finde eine solche Einstellung einfach scheiße. Vor allem, weil sie sich ja durch ein bisschen Nachdenken und Neugier auf das Andere sofort in Luft auflösen würde und das ist doch eigentlich nicht schwer. Na ja, das ist zumindest meine Sicht der Dinge, die besitzt ja keine Allgemeingültigkeit, wie ich mir gelegentlich ins Gedächtnis rufen muss. Schon gut, arrogante Intellektuelle und so weiter.

Also, heute möchte ich mal versuchen, zu verstehen, warum die Leute bei Pegida und Co. mitmachen. Ich habe mir mal die Videos der Panorama-Sendung angeschaut, die ARD auf seiner Homepage veröffentlicht hat.

http://www.ardmediathek.de/tv/Panorama/Pegida-Die-Interviews-in-voller-L%C3%A4nge-/Das-Erste/Video?documentId=25442126&bcastId=310918

Achtung, die graubemützte Pappnase, die die ausländerfeindlichen Parolen am Anfang hervorblubbert, ist der inzwischen enttarnte Möchtegern-Wallraff von RTL, der sich bei seinen Kollegen mehr als unbeliebt gemacht hat. Hier gibt’s den Kommentar von der Panorama-Redaktion zu der Angelegenheit.

Es gibt noch ein zweites Video mit Interviews:

http://www.ardmediathek.de/tv/Panorama/Pegida-Die-Interviews-in-voller-L%C3%A4nge-/Das-Erste/Video?documentId=25442102&bcastId=310918

Es fällt auf, dass die meisten Menschen, die dort befragt werden, die im Namen Pegida („Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“) enthaltene vermeintliche Islamisierung gar nicht fürchten, teilweise sogar selbst für Quatsch halten. Weiterhin scheinen auch nicht alle plumpe Ausländerhasser, Nazis, Rechtsradikale und Idioten zu sein. Mein Eindruck nach diesen Interviews ist eher, dass es sich um Durchschnittsbürger und Spießer handelt, die sich mit ganz anderen Sorgen als irgendeine Islamisierung plagen. Was natürlich keine Verteidigung sein soll, wie gesagt, ich versuche das lediglich nachzuvollziehen.

Meines Erachtens schimmert vor allem eine Grundstimmung durch: Politikverdrossenheit. Viele der Interviewten kamen relativ schnell ins Straucheln, wenn die Reporter sie auf die Islamisierung ansprachen. Da wussten sie dann auch nicht so genau, was das sein soll und wovor sie da konkret Angst haben und was sie da nun aktuell bedroht sehen. Stattdessen kamen Probleme zum Vorschein, die mit Religion oder Ausländern nicht wirklich viel zu tun haben. Einige beklagen, dass nicht genug unternommen wird, um die Bevölkerung vor Kriminalität zu schützen (wobei es schon arg ausländerfeindlich ist, in diesem Zusammenhang alle Bulgaren und Rumänen über einen Kamm zu scheren). Ältere Menschen sorgen sich, dass ihre Rente nicht ausreicht, andere kritisieren, dass der Lohn für ehrliche Arbeit nicht zum Leben genügt oder dass Mütter nicht ausreichend unterstützt werden. Im Kern schien es hauptsächlich darum zu gehen, dass „die Politiker“ sich für die Schwierigkeiten der Bevölkerung nicht interessierten, sich mit Ersatzproblemen beschäftigten, anstatt im „eigenen Land“ anzupacken, das Geld für die falschen Dinge verschwendeten und sich überhaupt rücksichtslos egoistisch aufführten.

So betrachtet erscheint diese vermeintliche Islamisierung des Abendlandes nicht als reelle Gefahr, sondern als Sündenbock. Relativ normale Menschen mit mehr oder weniger nachvollziehbaren Ängsten und Alltagsproblemen wissen nicht, wohin sie ihren Frust lenken sollen. Gegen die genannten Schwierigkeiten ist man ja als Einzelner tatsächlich machtlos und das kann einen schon sehr belasten, nehme ich an.

Trotzdem, auch wenn man das mit etwas Wohlwollen immerhin verstehen kann, warum ein Sündenbock gesucht wird, halte ich diese schwelende Atmosphäre der allgemeinen Frustration für gefährlich. Das kann ganz schnell eskalieren, vor allem, wenn sich auch noch gewaltbereite Rechtsradikale und mitlaufende Vollidioten unter die Durchschnittsbürger mischen. Und ich habe keine Lust, dass die Nazis wieder Oberwasser gewinnen. Das bereitet mir persönlich größere Sorgen als irgendeine eingebildete Islamisierung.

Vielleicht lassen sich nicht alle diese Probleme lösen, aber ich bin der Ansicht, wenn man die Energie, die man in die Suche und Aufrechterhaltung eines Sündenbocks investiert, aufspart, dann kann man zumindest im Kleinen ein bisschen bewegen. Die Energie lässt sich dann zum Beispiel darauf verwenden, den ausländischen Nachbarn besser kennen zu lernen. Sobald man jemanden persönlich kennt, spielen Vorurteile gegen größere Gruppen keine Rolle mehr.

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Essai 134: Über religiöse Gefühle

14. Dezember 2014

Dann will ich hier mal fröhlich auf dünnes Glatteis schliddern. Mein Eindruck ist, irgendwie ist ständig irgendwer beleidigt, weil er seine religiösen Gefühle verletzt sieht. Ich kann ja verstehen, dass man sauer ist, wenn man diskriminiert wird, weil man an dies oder das glaubt. Also, wenn man wirklich benachteiligt wird wegen seines Glaubens oder um sein Leben fürchten muss. So lange aber weder das eine noch das andere der Fall ist, sind Religion und Glaube Privatsache.

Natürlich gibt es sehr viele gemäßigt religiöse Menschen, die friedlich vor sich hin glauben und andere damit in Ruhe lassen. Leider fallen die nicht weiter auf, sondern nur diejenigen, die mit ihrer Religion hausieren gehen oder jedesmal eingeschnappt sind, wenn wieder ein Satiriker einen Witz gemacht oder religiösen Fanatismus kritisiert hat. So geschehen kürzlich mit Dieter Nuhr. Aber auch Carolin Kebekus hat schon Ärger gekriegt (und zwar nicht mit Moslems, sondern mit Christen). Und das Hamburger Thalia-Theater hatte vor rund drei Jahren auch mal ziemlichen Stress mit christlichen Fanatikern.

Und was nicht alles an Kriegen geführt wird wegen angeblicher religiöser Gefühle. In Gottes Namen werden Menschen umgebracht und das nur, weil ihre unsichtbare Macht, die für alles Unerklärbare verantwortlich gemacht wird, anders heißt als die der Angreifer. Was soll denn das? Können wir uns nicht einfach mal alle vertragen und akzeptieren, dass kulturelle Unterschiede nicht unsere eigene Kultur bedrohen, sondern sie bereichern? Nur weil das Fremde anders ist, müssen wir es doch nicht zum Feind erklären und zerstören.

Aber genau das passiert in letzter Zeit zunehmend. Pegida, Hogesa und diese ganzen Schwachköpfe, die Angst und Minderwertigkeitskomplexe haben und nichts zu tun. Allerdings macht man es sich zu einfach, wenn man das mit einem lapidaren „Sind halt Idioten“ abtut oder sich arrogant über sie lustig macht. Überall in Europa sind die Rechten wieder en vogue und was sich da zusammenrottet, das sind Menschen, die unzufrieden mit ihrem Leben sind und nach Schuldigen suchen. Das sind dann meistens Einwanderer und Flüchtlinge, weil die sich nicht so gut wehren können. Es brauchen dann nur irgendwelche Rechtspopulisten herumzutröten, dass die an allem schuld wären und die Leute nehmen das dankbar auf. So viel verschwendete Energie, die man dazu hätte nutzen können, sein eigenes Leben zu ändern … Auf jeden Fall nutzen Rechtspopulisten in diesen Fällen gnadenlos verletzte religiöse Gefühle aus. Wobei hier dann eine bestimmte Vorstellung von Patriotismus als Ersatzreligion fungiert.

Glaube an sich ist ja eigentlich eine ganz friedliche, private Angelegenheit. Wer sich unter dem Deckmantel von einer Religion aufplustert und empört tut, sobald jemand anderer Meinung ist, sollte sich lieber mal wieder auf seinen Glauben besinnen. Und damit meine ich nicht irgendwelche längst überholten Dogmen oder willkürlich interpretierten, uralten Aussagen aus uralten Büchern. Sondern einfach, dass man mit seinem Glauben Ruhe und Sicherheit über den Sachverhalt gewinnt, dass man eben nicht alles wissen und erklären kann. Dazu braucht man den Glauben nicht unbedingt, aber es ist ein Hilfsmittel, gegen das sich nichts einwenden lässt. Solange es nicht in religiöse Gefühle ausartet, die dauernd beleidigt werden.

Denkt eigentlich bei alldem auch mal jemand an die atheistischen Gefühle anderer Leute? Die werden nämlich jedesmal beleidigt, wenn wieder irgendjemand Religion als Vorwand nimmt, um sich über irgendetwas künstlich aufzuregen, was eigentlich den ganzen Ärger nicht wert ist.

In diesem Sinne möchte ich mich einfach mal Jan Böhmermann und seinem Coming Out anschließen:

Bald ist Weihnachten und ganz gleich, welchen religiösen Hintergrund man hat, es sollte ein Fest der Liebe sein. Also noch einmal meine Frage: Können wir uns nicht einfach alle mal vertragen und miteinander auskommen?


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