Archive for Dezember 2015

Essai 151: Über das nervige Wörtchen „Hm“

27. Dezember 2015

Im Großen und Ganzen habe ich meinen Freund ziemlich lieb. Er ist ein recht erträglicher Zeitgenosse und in der Regel geht er mir nicht zu sehr auf die Nerven. Aber: Manchmal könnte ich ihn an die Wand klatschen. Schuld daran ist das harmlos erscheinende Wörtchen „Hm“, gelegentlich auch mal in seiner geschwätzigen Variante „Mhm“. Es erfordert für den Sprechenden nicht mehr Aufwand als „Ja“ oder „Nein“, sorgt jedoch beim Hörer für größtmögliche Verwirrung.

Es liegt vielleicht auch daran, dass ich mal wieder von mir auf andere schließe. Wenn ich nämlich eine Frage oder eine Aussage meines Gegenübers mit „Hm“ quittiere, meine ich damit meistens „Ich bin ganz und gar nicht deiner Meinung, aber mach wie du denkst“, was im Prinzip bedeutet „Du kannst mich mal“. „Mhm“ ist nicht ganz so schlimm, damit antworte ich meistens auf Bitten und Aufforderungen, auf die ich keine Lust habe, die ich aber trotzdem aus Pflichtgefühl mache. Zum Beispiel „Schatz, bringst du nachher den Müll mit runter?“ „Mhm.“ Ziehe ich das erste „M“ jedoch lang, wie in „Mmmmmmm-hm“, dann bedeutet es wieder „Leck mich am Arsch“ oder „Ich hab dir gerade nicht zugehört, aber es wird schon nicht sonderlich interessant gewesen sein. Damit du merkst, dass ich noch lebe, gebe ich mal ein unverbindliches Geräusch von mir, in der Hoffnung, dass du mich dann mit deinem Geschwafel in Frieden lässt.“

Mein Freund antwortet jedoch andauernd mit „Hm“, „Mhm“ oder „Mmmmm-hm“, und wenn er das meint, was ich meine, wenn ich das sage, dann finde ich das alles andere als schmeichelhaft. Dann wäre es mir lieber, er sagt mir direkt „Jetzt hör doch mal auf zu sabbeln, Weib! Mir wachsen schon die Frikadellen aus den Ohren!“ Das ist wenigstens eindeutig, und dann kann ich mit Fug und Recht beleidigt sein, und komme mir nicht so dusselig dabei vor. Außerdem ist es ja auch wenig zielführend, wenn man möchte, dass das nervige Quasselweib endlich den Rand hält, mit so kryptischen, polyvalenten Nicht-Antworten zu kommen, die zwangsläufig mehrerer Rückfragen bedürfen, um Klarheit zu erlangen. Überdies: Wie war das noch gleich mit klare Ansagen machen? Männer brüsten sich doch immer so gern damit, wie toll sie Klartext reden, und dann kommt so ein Scheiß wie „Hm“!? Ja, ich weiß, nicht alle Männer, bla. Und ja, es gibt auch Frauen, die bla. Ist mir jetzt aber gerade wurscht, es geht ums Prinzip, und ich schreibe mich hier gerade so schön in Rage, das muss auch alles mal raus. Jeder Küchentischpsychologe, der was auf sich hält, weiß, dass er Ärgernisse nicht in sich hineinfressen darf, davon kriegt man Pickel. Und Magengeschwüre.

Jedenfalls, ich frage jetzt einfach immer nach, ob es ein „Ja-Hm“, ein „Nein-Hm“ oder ein „Leck-mich-am-Arsch-Hm“ war, wenn mein Freund wieder so antwortet. Aber anstatt dass er dann eine der drei Möglichkeiten auswählt, muss er lachen und findet das ungemein witzig. Ich steh dann immer noch da wie der letzte Trottel, der die Pointe nicht verstanden hat, und weiß nicht, was ich mit diesem vermaledeiten „Hm“ anfangen soll. Das macht mich wahn-sin-nig! Warum nur? Warum kann man nicht einfach entweder zugeben, dass man nicht zugehört hat, oder dass man zu dem Thema keine Meinung hat, weil es einem egal ist? Und wenn es weder das eine noch das andere ist, warum kann man dann nicht „Ja“ oder „Nein“ sagen? Was ist daran so schwer? Ich verstehe es beim besten Willen nicht, und wenn ich etwas nicht ausstehen kann, dann ist das, wenn ich etwas beim besten Willen nicht verstehe!

Natürlich passiert mir das auch manchmal, dass ich mit „Hm“ antworte, obwohl ich nicht respektlos sein will, sondern weil ich das gerade vermeiden will. Weil ich fürchte, dass meine klare, eindeutige Meinung noch respektloser wirken könnte als „Hm“. Oder weil ich denke, dass meine Meinung zu einer sinnlosen Diskussion führen könnte, die ich für nicht konstruktiv halte, weil dann am Ende trotzdem noch alle ihre vorherige Meinung haben, aber dafür sauer aufeinander und zerstritten sind. Das ist dann aber auch die einzige Situation, in der ein „Hm“ in Ordnung ist, um Schlimmeres zu vermeiden. Dann heißt es: „Ich sehe das anders, aber ich weiß, dass ich dich nicht überzeugen kann, also lasse ich deine Meinung – die ich für falsch halte – unkommentiert stehen und denke mir meinen Teil.“

Aber man muss doch nun wirklich nicht mit „Hm“ oder „Mhm“ antworten, wenn ich frage, ob man an dem und dem Tag Zeit hat, um XY zu machen. Oder wenn ich an einem Gedankenspiel herumphilosophiere und den anderen in meine Spinnereien involvieren möchte, einfach, weil das Spaß macht. Wenn dann so ein fantasieloses, nichtssagendes „Hm“ kommt, finde ich das irgendwie grob. Vielleicht bin ich da allerdings schon wieder zu dünnhäutig und erwarte zu viel von meinen Mitmenschen. Ich find’s bloß schade, wenn man so wenig Lust daran hat, ein wenig seine Vorstellungskraft zu bemühen. Da ist wohl jeder anders und das muss man akzeptieren, nehme ich an.

Essai 150: Über Selbstverständlichkeiten, die keine sind

12. Dezember 2015

Das Dumme ist, dass ich immer von mir auf andere schließe. Und so erwarte ich dann, dass allen Menschen daran gelegen ist, mit anderen gut auszukommen und ansonsten ihre Ruhe zu haben. Für mich ist das selbstverständlich, freundlich und höflich zu allen zu sein, mich an Absprachen zu halten und mich möglichst so zu verhalten, dass ich die Dinge nicht schlimmer mache als sie sowieso schon sind – sofern ich das beeinflussen kann.

Dass das ganz und gar nicht selbstverständlich ist, zeigt der Syrien-Einsatz der Bundeswehr. Was soll das denn bitte Konstruktives zur Konfliktlösung beitragen und inwiefern soll das bitte den Terrorismus bekämpfen, wenn wir da jetzt unsere schrottigen Jets hinfliegen lassen? Damit liefern wir doch dem IS eine Rechtfertigung für seinen Terror und vielleicht schließen sich dann noch mehr Leute, die bisher unentschlossen sind, diesem Verein an. Die anderen Menschen, die wie ich einfach nur mit anderen gut auskommen und ihre Ruhe haben wollen, werden in den Krieg mit hineingezogen, obwohl sie niemandem etwas getan haben. Wenn sie es schaffen zu flüchten, will sie in Europa schon wieder keiner aufnehmen. Es ist also das Verheerendste und Dämlichste, was man machen kann, Kampfjets und anderen Kriegskram gegen den IS zu schicken. Davon einmal abgesehen, dass es für diese absolut hirnrissige Entscheidung noch nicht einmal eine rechtliche Grundlage wie zum Beispiel ein Mandat gibt.

Oder Nächstenliebe, die halte ich ebenfalls für selbstverständlich, und das muss ich gar nicht, denn ich bin Atheistin. Im Mittelalter wäre ich – selbstverständlich – auf dem Scheiterhaufen gelandet, ich ketzerische Heidin, ich. Trotzdem bin ich der Meinung, dass man Menschen helfen sollte, wenn man sieht, dass sie in Not sind. Oder dass man zumindest denen, die helfen, das Leben nicht noch schwerer macht als nötig, indem man zum Beispiel Flüchtlingsheime abfackelt. Warum machen Menschen sowas? Ich verstehe es einfach nicht. Warum jubeln Menschen Leuten zu, die menschenverachtende Kackscheiße vom Stapel lassen? Warum wählen einige Menschen solche Leute? Warum hat der Front National in meinem Mutterland Frankreich so viel Erfolg? Warum gibt es Menschen, die die AfD immer noch gut finden?

Aber auch alltägliche Selbstverständlichkeiten, die gar keine sind, treiben mich regelmäßig an den Rand der Verzweiflung. Das ist eigentlich völlig lächerlich und spießig, aber ich lege wirklich großen Wert auf Höflichkeit und Zuverlässigkeit. Und wenn dann jemand sich nicht an eine Abmachung hält, nicht einmal von sich aus absagt, sondern ich das auf den letzten Drücker durch Zufall oder zwischen Tür und Angel erfahre, dass die Absprache platzt, dann macht mich das sauer. Weil es doch eigentlich selbstverständlich ist, dass man von sich aus absagt und wenigstens ein bisschen zerknirscht ist, wenn man eine Verabredung nicht einhalten kann. Das kann doch nicht so schwer sein?

Ebenfalls selbstverständlich ist für mich, Eigenverantwortung zu übernehmen. Das heißt, wenn mich jemand kritisiert, dann überlege ich, ob was dran ist. Wenn ja, versuche ich, dran zu arbeiten. Wenn nicht, dann nicht, dann hefte ich die Kritik unter „unberechtigt“ ab und gut ist. Wobei, na ja, das ist sozusagen der Idealfall. Wenn die unberechtigte Kritik von Menschen kommt, die ich selbst sehr schätze und gern habe, dann wurmt mich das, weil ich denke, wie kommen die denn auf die Idee, mir so etwas aus meiner Sicht Abwegiges zu unterstellen? Das ist doch selbstverständlich, dass ich niemanden kränken oder verletzen will, den ich schätze und gern habe. Oder nicht? Kommt die unberechtigte Kritik allerdings von irgendwelchen Leuten, die mir wumpe sind, dann lasse ich sie blubbern und denke mir meinen Teil.

Also insgesamt ist das doch gar nicht so selbstverständlich mit den Selbstverständlichkeiten. Da benehmen sich Leute wie die letzten Arschlöcher, obwohl das überhaupt nichts Konstruktives zum Gemeinwohl beiträgt. Da machen Menschen dumme Sachen und bringen damit sich und/oder andere in Gefahr, obwohl sie ganz genau wissen (können), wie dumm und unnötig diese Sache ist. Da zetteln Politiker Kriege an, die sie unmöglich gewinnen können und die am Ende nur Verlierer übrig lassen … Und ich verstehe die Welt nicht mehr.


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