Essai 119: Über notorische Beratungsresistenz

Im Prinzip ist das gar nicht so einfach, mich auf die Palme zu bringen. Mir ist das in der Regel viel zu anstrengend, mich aufzuregen. Das liegt daran, dass, wenn mich dann doch etwas so dermaßen ärgert, dass ich nicht umhin kann, sauer zu werden, dann bin ich ziemlich nachtragend. Ich hab dann eine Scheißlaune und bin noch ziemlich lange wegen des Wut auslösenden Sachverhalts grollig und brummelig. Kommt dann das Verhalten, welches mich bei jemandem verärgert hat, immer wieder vor, obwohl ich meines Erachtens schon hunderttausend Mal gesagt oder zumindest deutlich nonverbal zum Ausdruck gebracht habe, dass mich das ankotzt, dann werde ich deswegen immer wieder wütend. Auch, wenn sich das entsprechende Verhaltensmuster nur dezent andeutet. Eines dieser Verhaltensmuster, mit denen man mich garantiert auf 180 bringt, ist notorische Beratungsresistenz und dumme, sture, grundlose Lernresistenz. Wenn ich mit Leuten nicht reden kann, weil die immer gleich beleidigt sind, dann macht mich das fuchsig.

Natürlich darf man sich als erwachsener Mensch wie ein Vollidiot oder Riesenarschloch aufführen. Natürlich kann man sich als erwachsener Mensch auch wie ein Vollidiot und Riesenarschloch aufführen. Aber MUSS man sich deshalb auch wie ein Vollidiot und Riesenarschloch aufführen? Nein. Man kann es auch einfach lassen und nett sein. Womit ich nicht devot meine, sondern rücksichtsvoll, umsichtig, freundlich, verantwortungsbewusst und dass man auch mal an wen anders denkt als immer nur an sich. So.

Trotzdem gibt es immer wieder Leute, die meinen, ihren nie aufhörenden spätpubertären Anwandlungen immer gleich nachgehen zu müssen, ohne Rücksicht auf Verluste und auf die negativen Auswirkungen auf andere oder auf die eigene Zukunft. Geringe Frustrationstoleranz nennt man das, wenn Leute immer gleich dem ersten impulsiven Gedankenfurz folgen, ohne auch nur einen Augenblick darüber nachzudenken und nur tun, worauf sie gerade Lust haben. Auch wenn das, auf was sie Lust haben, totaler Mist ist und anderen Leuten schadet. Denn in den wenigsten Fällen haben beratungs- und lernresistente Menschen Lust darauf, sich einen Job zu suchen oder ihr Leben mal auf die Kette zu kriegen. Meistens haben sie eher Lust, zum Beispiel, Quatsch zu kaufen, den sie nicht brauchen, mit Geld, das sie nicht haben. Oder alles stehen und liegen und alle im Stich zu lassen, weil man gerade irgendwen übers Internet kennen gelernt hat. Oder die Küche in ein Schlachtfeld zu verwandeln in dem scheiternden Versuch, Dampfnudeln mit Schokomilchreis und Vanillesoße zu kochen. Aber hinterher aufzuräumen, Nöööö, lass mal.

Wenn das einmal passiert, OK, kann man noch drüber lächeln und sagen, Na ja, so ist er oder sie nun mal. Beim zweiten Mal sagt man dann vielleicht schon: Das fand ich grad nicht so super. Beim dritten Mal heißt es dann schon: Ich hab dir doch gesagt, du sollst das lassen, was soll die Scheiße!! Und dann geht man davon aus, der andere kann das jetzt aber unmöglich nicht gepeilt haben, dass sein Verhalten absolut daneben war. Aber dann passiert das wieder. Und wieder. Und wieder. Und man kann nichts, absolut nichts dagegen tun, denn der andere macht einfach weiter mit seiner Scheiße und interessiert sich einen Dreck dafür, dass man sauer ist. Man versucht es mit Vernunft, mit konstruktiver Kritik, dann wird man vielleicht ein wenig sarkastisch und der andere macht trotzdem weiter. Schließlich platzt einem der Kragen. Man wird laut, man brüllt, man bollert alles raus, was einen am anderen auf die Palme bringt. Dann brüllt der andere zurück, am Ende heulen alle und wenn man sich wieder beruhigt hat … bleibt alles beim Alten und der andere macht immer noch weiter mit seiner unmöglichen Scheiße.

Man wirft mir gerne vor, zu viel nachzudenken, abzuwägen und zu überlegen. Ich werde des Öfteren gerügt, weil ich nicht immer auf alles gleich eine eindeutige Antwort habe, weil ich eben erst einmal darüber nachdenken will, bevor ich mir eine Meinung dazu bilde. Auch kassiere ich Rüffel, weil ich nicht immer gleich was sage, wenn mir etwas nicht hundertprozentig passt, sondern erst, wenn es mir wirklich reicht. Nun bin ich der Ansicht, dass es sinnvoller ist, etwas erst anzusprechen, wenn es wirklich gar nicht mehr geht, als immer bei jeder Kleinigkeit gleich herumzunörgeln. Davon abgesehen kann ich auch einfach nicht anders, es reicht mir halt erst, wenn es mir reicht und davor geht’s halt noch.

Der Umkehrschluss von diesem meinem nervigen Verhalten ist jedoch, dass klar sein dürfte: Wenn ich etwas sage, dann weil es mir wirklich reicht. Trotzdem kommt es mir manchmal so vor als wäre ich die Einzige, der sich diese Logik (wie ich finde) erschließt. Lernresistente Leute hören offenbar nur, was sie hören wollen und beim Rest machen sie einfach dicht. Da frage ich mich, warum mache ich mir überhaupt die Mühe, springe über meinen Schatten und sage in aller Deutlichkeit, was mir nicht passt, wenn es ohnehin nichts bringt. Denn, wie gesagt, richtig sauer, sodass es mir so sehr reicht, dass ich etwas sage, machen mich nur Menschen, die völlig uneinsichtig immer wieder das gleiche asoziale Scheißverhalten an den Tag legen. Und diese Menschen sind typischerweise notorisch lern- und beratungsresistent. Und da kann man sonstwas machen, die ändern sich niemals. Niemals. Da hilft nur, sie ihren Scheiß alleine machen zu lassen und sich zurückzuziehen.

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2 Antworten to “Essai 119: Über notorische Beratungsresistenz”

  1. Essai 139: Über Paranoia im Internet | Isa09 - Angry young woman Says:

    […] belegte Studien und gegen jede Logik wird da der allergrößte Unfug verzapft und mit vehementer Beratungsresistenz verteidigt. Tummelplatz dieser bornierten Idioten ist das Internet, durch das sie nicht nur ihre […]

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  2. Essai 174: Über grundlose Unhöflichkeit | Isa09 - Angry young woman Says:

    […] ich sogar soweit, zu behaupten, dass generell niemand unhöflich sein muss. Es gibt zwar manchmal begriffstutzige Vollpfosten, die völlig wahrnehmungsgestört und ich-bezogen sind, und die nicht kapieren, dass sie sich […]

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