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Essai 166: Über Sprüche, die Introvertierte auf die Palme bringen

1. Oktober 2016

Meine Damen und Herren, herzlich Willkommen bei Isas Clickbaiting-Experiment! 10 Sprüche, die jeden Introvertierten sofort!!!111!1!!!einself!!1! auf die Palme bringen!!!1!! Bei Nummer 9 platzt mir immer garantiert die Hutschnur! Und Nummer 4 hat mich zum Heulen gebracht!

Aber im Ernst, ich weiß, jeder Introvertierte ist anders und sicher gibt es auch Leute, die sich nicht über die folgenden Sprüche aufregen, sondern sie gleichmütig zur Kenntnis nehmen oder als hilfreiche Ratschläge akzeptieren und umgehend in die Tat umsetzen. Mir persönlich gehen sie jedoch eklatant auf den Zeiger. Viel Spaß! Und lasst mich in den Kommentaren gern wissen, ob ihr meine Meinungen teilt oder findet, dass ich völligen Blödsinn verzapfe 😀

1. „Das Telefon klingelt“

Drrrinnng! Düdelüdelüdel! – DAS Geräusch aus der Hölle ist das Klingeln eines Telefons. Mein Handy habe ich meistens auf lautlos gestellt, aber leider kann man diesem grauenhaften Lärm nicht immer aus dem Weg gehen. In der heimlichen Hoffnung, der Anrufer möge bald aufgeben und mir eine Nachricht schreiben, die ich in Ruhe durchlesen kann, lasse ich das Telefon gern mal klingeln. (Einzige Ausnahme: Ich habe mich mit Freunden zum Telefonieren verabredet) Wenn dann jemand sagt „Das Telefon klingelt! Willst du nicht rangehen?“ finde ich das ganz furchtbar.

Natürlich habe ich gehört, dass das Scheißding herumdüdelt, ich bin nicht taub. Und nein, ich will nicht rangehen! Was, wenn der Anrufer irgendetwas von mir wissen will, was ich nicht beantworten kann? Dann stehe ich da und komme mir vor wie ein Idiot. Und das kann ich nicht leiden. Und außerdem kann doch derjenige, anstatt so eine scharfsinnige Beobachtungsmitteilung zu machen, ja auch selbst ans Telefon gehen. Ist doch wahr!

2. „Lass dir das doch nicht gefallen“

Gut, ich verstehe, das ist nett gemeint und soll mich aufbauen. Tut es aber nicht. Es ist nämlich so: Wenn ich mir etwas gefallen lasse von irgendwelchen Arschlöchern, dann schäme ich mich deswegen in Grund und Boden und fühle mich richtig dumm, dusselig und scheiße. Da ist das nicht hilfreich, wenn mir das jemand auch noch aufs Butterbrot schmiert und noch Salz in die Wunde streut und mir unter die Nase reibt, wie blöd und schwach ich bin. Nein, dann will ich einfach meine Ruhe haben, meine Wunden lecken, mich kurz selbst bemitleiden, bevor ich mich wieder aufrappel, mir den Staub von den Klamotten klopfe und wieder raus in die Welt gehe und mein Bestes gebe.

Wenn man in diesem Moment etwas Nettes tun möchte, kann man mir dabei gern Gesellschaft leisten und mir sagen, dass das echt voll gemein von diesen Fieslingen war (aber bitte so, dass ich es auch glauben kann). Aber irgendwelche herablassenden Handlungsaufforderungen, auf die ich ohnehin schon von selbst gekommen bin, machen es nur noch schlimmer.

3. „Du brauchst doch nicht schüchtern zu sein“

Ach so? Na, dann schnippe ich doch einfach mit dem Finger, stoße meine rotbeschuhten Hacken aneinander und – Zack – bin ich nicht mehr „schüchtern„. Warum hat man mir das nicht schon viel früher gesagt, wenn ich das eher gewusst hätte, was hätte ich da nicht alles erreichen können. Weh mir! Dass ich da nicht von selbst drauf gekommen bin!

So. Das ist auch so ein Spruch, der vom Sprücheklopfer selbst gut gemeint ist, aber mich richtig auf die Palme bringt. Es soll mich aufmuntern, mich ermutigen, ein Kompliment sein – und erreicht das komplette Gegenteil. Weil es suggeriert, dass ich zu doof bin, etwas an mir zu ändern, was allgemein gesellschaftlich als unerwünscht gilt. Kann man mir denn bitte einfach mal zutrauen, dass ich schon von alleine über meinen Schatten springe und meinen Hang zur Schüchternheit überwinde, wenn ich es für notwendig erachte? Es mag ja Leute geben, denen man alles sagen muss, weil sie von selbst nicht auf die Idee zu irgendwas kommen und permanente Arschtritte brauchen, um aus dem Quark zu kommen. Aber so bin ich nicht und will ich auch nicht sein, also soll man mich bitte auch nicht so behandeln.

4. „Sei nicht so zaghaft“

Das schlägt im Grunde in dieselbe Kerbe wie „Du brauchst doch nicht schüchtern zu sein“, ist aber noch eine Spur unverschämter und herablassender. Während das eine nämlich einfach nur von Unverständnis zeugt, aber ein ungeschickter Versuch ist, mich zu trösten oder was auch immer, ist „Sei doch nicht so zaghaft“ mit einem Vorwurf verbunden. Da schwingt Ungeduld mit, die kurz davor ist, in Aggression umzuschlagen. Und wenn man glaubt, dass ich plötzlich weniger zaghaft werde, wenn man mich so unter Druck setzt, dann sollte man noch mal an seinem Empathievermögen arbeiten und mich mit meinen „Problemen“ in Ruhe lassen.

5. „Sag ihm/ihr das doch einfach“

Ja, wenn das denn so einfach wäre, hätte ich es ja schon längst getan! Mit manchen Menschen kann man nicht vernünftig reden, weil sie cholerisch, narzisstisch, dumm, extremst überempfindlich, eitel oder chronisch beratungsresistent sind. Manche Leute sind sogar alles auf einmal. Da kann man nicht einfach hingehen und sagen, was man denkt und wie man es denkt, weil der andere das unter Garantie in den völlig falschen Hals bekommt und da, wo anfangs nur eine Meinungsverschiedenheit war, explodiert ein Streit, bei dem garantiert immer ich verliere, weil ich einfach nicht anders kann, als sachlich zu argumentieren.

Gut, ich neige auch zu emotionalen Argumenten, aber die kennzeichne ich stets als solche, und tu nicht so, als wären es Fakten. Und wenn dann jemand völlig unfair kämpft und mir Vorwürfe macht, auf die ich im Traum niemals gekommen wäre, dass man mir das ernsthaft unterstellen könnte, dann fange ich an zu heulen oder zu schreien oder beides, und es dauert ewig, bis ich mich wieder eingekriegt habe. Das ist anstrengend! Dazu habe ich nicht die geringste Lust! Und deswegen ziehe ich es gelegentlich vor, mich im Stillen über derartige impertinente Troglodyten zu ärgern, bis ich irgendwann ausgebrummelt habe.

6. „Wollen wir noch spontan irgendwohin?“

Spontane Antwort? Nein. Ich mag gern gemütlich mit Freunden und netten Menschen in einer muckeligen Runde zusammensitzen und klönen. Warum um alles in der Welt sollte man so einen schönen Moment unterbrechen, um in einen lauten, stinkigen, engen Club zu gehen, in eine verrauchte Kneipe oder sonstwohin, wo man sich nicht problemlos unterhalten kann? Ich habe das nie verstanden, warum man nicht einfach an einem Platz bleiben und sich dort amüsieren kann und was daran so toll sein soll, von einem Ort zum nächsten zu ziehen.

7. „Jetzt sei doch nicht so langweilig“

Und das ist der Vorwurf, den man dann oft von Leuten zu hören bekommt, wenn man auf die Frage „Wollen wir noch spontan irgendwohin?“ mit „Och nööö“ antwortet. Zum Glück bin ich jetzt in einem Alter, wo meine Freunde Ruhe und Frieden zu schätzen gelernt haben und es vollkommen in Ordnung finden, einen netten Abend zu Hause zu verbringen, anstatt auf die Piste zu gehen. Hinzu kommt, dass inzwischen die Freunde, die feierwütiger sind als meine Langweiligkeit, ihre eigenen Wege gehen und wir kaum noch Kontakt haben. Das ist aber auch in Ordnung so, schließlich hat ja jeder eine unterschiedliche Auffassung von Spaß und wenn die komplett anders ist als meine, hat man dann getrennt voneinander mehr Spaß als zusammen und da haben dann alle mehr von.

8. „Mach doch mal mehr aus deinem Typ“

Würde ich ja, wenn ich Lust dazu hätte. Habe ich aber nicht, also lass mich in Ruhe. Das Ding ist, ich bin in mancherlei Hinsicht ziemlich bequem und habe keine Lust, ewig viel Zeit in mein äußeres Erscheinungsbild zu investieren. Außerdem finde ich es Quatsch, mich zu schminken, wenn ich von Natur aus dunkle Augenbrauen und Wimpern, volle Lippen und einen einigermaßen glatten Teint habe. Natürlich würde ich mit Make-up noch schöner aussehen und bla. Aber ich bin einfach nicht eitel genug, um meine Abneigung gegen farbige Pampe im Gesicht und meine noch größere Abneigung dagegen, den Scheiß hinterher wieder abzuschmieren, zu überwinden.

9. „Drück dich doch mal klarer aus“

Hör du doch mal genauer hin. Ich hasse es, wenn Leute mir sagen, ich sollte mich klarer ausdrücken, weil ich finde, zu einem Missverständnis gehören immer zwei Leute und dann soll man sich um seine eigene Seite kümmern, anstatt mir Vorschriften und Vorwürfe zu machen. Man kann gern sagen, dass man mich falsch verstanden hat, dass man meine Aussage so und so interpretiert hat, und dann komme ich schon von selbst zu der Schlussfolgerung, dass ich mich künftig klarer ausdrücken muss. Aber mir einfach vor den Latz zu knallen, dass ich unverständlichen Dünnpfiff labere, ohne sich selbst und seine eigene Wahrnehmung auch nur eine Sekunde infrage zu stellen, finde ich überheblich und mir gegenüber ziemlich unfair.

10. „Wo liegt denn das Problem?“

Tja. Wie erklärt man jemandem, der kein Problem in einem Sachverhalt sieht, wo für einen selbst das Problem liegt? Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Dann erklärt man da ewig herum, und der andere guckt einen völlig ratlos an und versteht nicht ansatzweise, worauf man hinaus will und worüber man sich derart aufregt. Und das macht einen dann natürlich noch wütender. Und dann dauert es nicht lange, dann fällt der Satz „Reg dich doch nicht so auf“, was dann dazu führt, dass man sich noch mehr aufregt. Es mag ja Menschen geben, die sich gern aufregen, aber zu denen gehöre ich ganz und gar nicht.


Und, welche Sprüche treiben euch so richtig zur Weißglut?

Essai 118: Über Glück

6. April 2014

Jede Essai-Sammlung, die etwas auf sich hält, sollte auch einen Essai über Glück enthalten. Bislang fand ich es immer Quatsch, über Glück herumzuphilosophieren, weil einer der besten Wege, um seinem Glück im Weg zu stehen, der ist, darüber nachzudenken, was Glück überhaupt ist. Aber da ich gerade Zeit und keine besseren Ideen habe, kann ich ja auch mal meinen Beitrag zur Glücksforschung leisten.

In Deutschland liebt man es ja, aus allem eine Wissenschaft zu machen. Da wird dann der Grüntee bei exakt 75 Grad genau zwei Minuten ziehen gelassen, weil irgendwelche Experten behaupten, so schmecke er am besten. Oder es gibt Leute, die sind allen Ernstes Humorforscher. Oder eben Glücksforscher. Es werden Statistiken erstellt, wo die glücklichsten Menschen wohnen (Dänemark ist im Moment Glücksparadies Nummer 1) und nach der ultimativen, allgemeingültigen Glücksformel gesucht.

Ich weiß nicht, ob das wirklich so übermäßig sinnvoll ist, über Glück herumzuforschen. Ich frage mich, ob die Ergebnisse der Glücksforschung einen Mehrwert bringen über etwaige Kalendersprüche und Weisheiten à la „Du musst nur an dich glauben, dann schaffst du alles“. Aber wenn man den Mumpitz gut verkaufen kann, ist einem ein Dauerabo auf Fernsehtalkshows sicher, dann kriegt man auch eigene Sendungen und geht mit seinen Weisheiten auf Tour und schreibt Bücher, die tatsächlich von Leuten gekauft, wenn nicht sogar gelesen werden.

Die neueste Erkenntnis in Sachen Glücksformeln, die anlässlich zum Tag des Glücks am 20. März ausgetüftelt wurde (den gibt es tatsächlich, den haben sich die vereinten Nationen vor zwei Jahren ausklamüsert), hat überraschenderweise entdeckt, dass Glück darin besteht, dass Haben (materielle und finanzieller Besitz), Lieben (Sozialleben, Partnerschaft, Familie und Freunde) sowie Sein (das Beste aus seinen Möglichkeiten machen) sich im Gleichgewicht befinden. Nun ist das sicherlich nicht verkehrt, doch braucht es wirklich jahrelange intensive Forschung um diese Selbstverständlichkeit zu entdecken?

Das kann ich innerhalb von Sekunden herausfinden, dass Glück die Abwesenheit von Unglück bedeutet. Man munkelt überdies, dass Glück da ist, wo kein Pech ist. Ich finde, da müsste ich jetzt eigentlich einen Orden bekommen, für diese ungeheuerliche Erkenntnis.

Absurd ist außerdem, dass ausgerechnet notorische Pechvögel solche Patentrezepte zum Glücklichsein für bare Münze nehmen. Menschen, die einfach glücklich sind, ohne sich darüber den Kopf zu zermartern, warum sie glücklich sind, lachen sich über solchen Schwachsinn schlapp und freuen sich einfach ihres Lebens. Aber Menschen, denen es wirklich, aus welchen Gründen auch immer, nicht gut geht, die traurig sind und Aufmunterung gebrauchen könnten, fühlen sich doch durch solche Patentrezepte noch mehr unter Druck gesetzt. Da fragt man sich doch, wenn es so einfach ist, glücklich zu sein, wieso kriege ich Vollpfostenversager das schon wieder nicht hin? Oder man fragt sich: Mist, bei mir stimmt das Haben, Lieben oder Sein nicht so ganz, ich darf also laut Naturgesetz und Glücksformel nicht glücklich sein. Das ist doch – mit Verlaub und bei allem Respekt – bescheuert.

Und trotzdem laufen auf den Öffentlich-Rechtlichen Fernsehsendern schwachsinnige „Glückswochen“, es werden Tage des Glücks beschlossen, die Ratgeberfraktion quillt über vor Tipps zum Glücklichsein und Leute, die die Glücksweisheit mit Suppenkellen in sich hineingeschaufelt haben, scheffeln ordentlich Kohle mit ihren selbstgefälligen, selbstbeweihräuchernden, selbstverliebten und selbstverständlichen Ratschlägen. Da stimmt dann immerhin schon mal das „Haben“.

Meine Botschaft an all die Glückskandidaten dort draußen ist: Scheiß drauf. Völlig wurscht, was die ganzen Glücksexperten labern. Drauf geschissen auf positives Denken, gutes Karma und den ganzen Tröt. Dann hat man nämlich Zeit, das zu genießen, was man gern tut und das auszuhalten, was man tun muss, auch wenn man da nicht so Bock drauf hat. Und ganz nebenbei, völlig aus Versehen, ist man dann glücklich.

Essai 107: Über private Sittenwächter

2. Juni 2013

Heute möchte ich meiner sehr verehrten Leserschaft ein ganz besonders nerviges Exemplar der menschlichen Spezies vorstellen: Den privaten Sittenwächter. Offenbar genügt es vielen Menschen nämlich nicht, dass die professionelle Sittenpolizei ein Auge auf Anstand und Benehmen ihrer Mitmenschen hat. So nehmen sie es selbst in die Hand, zu überwachen, dass auch ja alle die Regeln einhalten. Wobei mit „die“ Regeln, „ihre“ Regeln gemeint sind. Dieser besonderen Gattung aus der Kontrollfreak-Familie ist zwar sehr daran gelegen, alle anderen zu überwachen, doch offenbar nimmt sie diese wichtige Aufgabe so sehr in Anspruch, dass es ihnen nicht möglich ist, auch noch darauf zu achten, ob sie sich selbst an ihre – teilweise völlig abstrusen – Regeln halten. Getreu dem Motto „Tut was ich euch sage, nicht das, was ich tue“ verurteilen sie alle, die sich nicht an ihren Regelkanon halten, drücken dafür aber bei ihrem eigenen Verhalten alle ihnen zur Verfügung stehenden Augen zu.

Ein Beispiel ist der Frührentner, der sich als Knöllchenritter aufspielt. Der sitzt – nehme ich an – den ganzen Tag am Fenster und notiert sämtliche Falschparker (auch, wenn es sich dabei um den Notarzt handelt, der mit dem Helikopter im Halteverbot steht) und geht der Polizei auf die Nerven, indem er alles und jeden anzeigt. Und siehe da, wer bekommt ein Knöllchen, weil er zu schnell gefahren ist? Unser Knöllchenritter, na sowas. Aber hat er das etwa eingesehen und brav seine zehn Euro Strafe gezahlt? Nein, denn ein wahrer Sittenwächter, der lässt sich das nicht gefallen. Der zieht vor Gericht und streitet darum, diese zehn Euro nicht zahlen zu müssen.

Oder man denke an den Kleingärtner, der fast eine ganze Familie gemeuchelt hat, weil die ihre Gartenabfälle nicht ordnungsgemäß entsorgt hatten. Der hat auch vor Gericht keinerlei Einsehen gezeigt. Schließlich wurde er ja auch provoziert und so, da kann er ja nichts für. Aber selbst, wenn die selbsternannte Sittenstasi mal nicht die Leute ermordet oder anzeigt, kann sie extrem nervtötend werden. Zum Beispiel, wenn man gerade an seiner Masterarbeit sitzt und dann aus seiner Konzentration herausgerissen wird, weil ein Sittenwächter sich über ein nach dem Frühstück nicht weggeräumtes Brettchen ereifert. Oder wenn man ein Fenster zumachen will, weil es zieht und dann gleich voller Empörung angepflaumt wird, warum man denn das Fenster zu schließen wage. Oder Leute, die ständig anderer Menschen Sachen nehmen und verbummeln oder kaputt machen oder ausleeren und die leere Packung zurück in den Schrank stellen, oder einem den Kuchen wegessen, den man für eine besondere Gelegenheit aufgespart hatte, oder oder oder … und ausgerechnet DIE weisen einen zurecht, belehren einen und spielen sich als Erziehungsberechtigte auf, wenn man sich selbst mal was ausgeborgt hat.

Sie lauern überall, die privaten Sittenwächter, darauf, dass ihre Mitmenschen irgendetwas „falsch“ machen, damit sie da gleich mit dem Finger drauf zeigen und durch die Gegend posaunen können: „Schaut mal alle her! Dieses infame Geschöpf hat sein Frühstücksbrettchen nicht in die Spülmaschine befördert! Auf den Scheiterhaufen!“ Ich vermute, diese plumpe, diffamierende Strategie der selbsternannten Sittenstasi dient der Ablenkung von eigenen Fehlern. Denn davon haben diese Anstandsterroristen mehr als genug. Da es aber – wie bereits bekannt – ziemlich anstrengend ist, an eigenen Makeln und Macken zu arbeiten, verurteilen diese Nervensägen lieber alle anderen, weil es sie dann vermeintlich besser da stehen lässt. „Guckt mal! Alle mal herhören! Diese sittenwidrige Person hier! Hat den Toilettendeckel offen stehen lassen! (ich bin zwar sonst ein Arschloch, aber den Toilettendeckel klappe ich grundsätzlich zu, das heißt ich bin super)“

Doch was kann man tun, damit einem die Sittenwächter nicht den letzten Nerv rauben? Denn eins steht fest, wenn sie einen auf Schritt und Tritt beobachten und verfolgen, um beim kleinsten Faux-pas (aus ihrer Sicht) gleich los zu krakeelen und Alarm zu schlagen, kann man sich nicht mehr frei bewegen und die Luft zum Atmen kann man auch gleich mal vergessen. Da hilft eigentlich nur Abstand. Damit man sich selbst sagen kann: „Nicht ich bin das Problem. Der/die ist zu allen so. Das ist nicht persönlich gemeint. Er/sie kommt mit sich selbst nicht klar …“ Aber was man tun kann, wenn Abstand keine Option ist, da der Sittenwächter unter dem selben Dach haust, das weiß ich auch nicht.

Essai 90: Über Ersatz-Probleme und Stellvertreter-Ärgernisse

1. Juli 2012

Am vergangenen Donnerstag ging die Welt unter. Tja, die Mayas lagen falsch und waren ein halbes Jahr zu spät dran mit ihrer Schätzung. Aber die Mayas kannten ja auch noch keine Fußball-Europameisterschaften. Hier in Deutschland aber ist Fußball offenbar die Welt und eine ‚Niederlage‘ Untergang derselben. Schlimm. Zugegebenermaßen war ich dieses Mal doppelt geknickt. Ich drücke ja immer zwei Mannschaften die Daumen, den Franzosen und den Deutschen. Die Franzosen haben diesmal die Vorrunde heil überstanden und wurden dann von den Spaniern platt gemacht und die Deutschen nun von den Italienern im Halbfinale. Also wenn hier einer Grund zum Jammern hat, dann bin ich das (und meine deutschfranzösischen Artgenossen). Ehrlich gesagt, ist mir meine Zeit dafür aber ein bisschen zu schade und deswegen schaue ich mir lieber heute Abend das Finale an und freue mich über jedes Tor das fällt.

Diese lockere Haltung ist aber jedermanns Sache nicht, statt dessen nimmt man solche – Pardon – Kleinigkeiten lieber als Anlass, sich ordentlich über Sachen aufzuregen, die eigentlich egal sind, nur um sich nicht um Sachen kümmern zu müssen, die wirklich im Argen liegen. Kommt die Kanzlerin trotzdem zum Finale?, fragen wir uns. Wann gibt’s eigentlich endlich mal einen angemessenen Mindestlohn?, fragen wir uns nicht. Uns interessiert es auch brennend, wenn ein gewisser Dieter B. eine neue, noch jüngere Freundin hat, die aber genau so aussieht, wie die davor, nur halt jünger. Gleiches gilt für all die anderen prominenten, geltungssüchtigen, triebgesteuerten Lustgreise, die nicht müde werden ihr Privatleben in der Öffentlichkeit zu zelebrieren. Ja, das ist wirklich hochinteressant. Oder ob sich der gewisse Dieter B. und ein Thomas G., formerly known as größter Entertainer den es jemals gab sich in der Jury einer nicht weiter erwähnenswerten Unterhaltungssendung ordentlich kabbeln werden oder nicht, ob genannter Herr G. nun nach seinem Talkshow-Quotendebakel vollends unter sein früheres ‚Niveau‘ gesunken ist und es einfach nicht ertragen kann, einfach auch mal nicht im Mittelpunkt zu stehen, ob dies, ob das, egal, da kümmern wir uns drum, da bleiben wir mit unserer Aufmerksamkeit hängen. Dafür machen wir uns dann halt keine Gedanken über Hungersnöte, Kriege, Armut, Seuchen, und den ganzen unangenehmen Krempel.

Wer wie wann wo mit wem was-auch-immer laufen hatte, ist ein hochinteressantes Thema für jeden Bürotratsch. Dass Berufsanfänger und Absolventen kaum noch eine unbefristete Festanstellung bekommen und sich mit Praktika, Volontariaten, freier Mitarbeit und ähnlichem durchschlagen müssen, dass sie chronisch unterbezahlt sind, dass es einen durch nichts und wieder nichts gerechtfertigten Unterschied zwischen Männer- und Frauengehältern gibt, dass es Frauen immer noch nicht leichter gemacht wird, Arbeit und Familie unter einen Hut zu bekommen, darüber macht man sich keine Gedanken. Nicht nur beim Bürotratsch, auch nicht im Bundestag. Der kümmert sich lieber um Ersatz-Probleme wie diesen völlig beknackten Betreuungsgeld-Schwachsinn, um es den Frauen einfach mal noch leichter zu machen, da zu bleiben, wo sie hingehören, nämlich zu Hause an den Herd.

Es geht natürlich noch abstruser, wenn man sich zum Beispiel mal die Altersfreigaben von Kinofilmen anguckt. Da läuft irgendwann irgendeiner nackig durchs Bild, irgendwo purzelt eine weibliche Brust aus der Bluse – zack, frei ab 18. Da werden haufenweise Menschen erschossen, das Blut fließt in Strömen, Eingeweide fliegen durch die Luft, zermatschte Gehirne gammeln in der Gegend rum, abgehackte Gliedmaßen werden hin und her geworfen – zack, frei ab 12. Verzeihung, aber ist das nicht ein klitzekleines Bisschen unverhältnismäßig?

Aber so ist er, der Mensch. Er ärgert sich lieber über Kleinigkeiten, weil ihm die wirklichen, großen Probleme Angst machen, weil er die nicht überschauen, nicht greifen kann. In jedem von uns steckt so ein kleiner Kontrollfreak, der die Dinge gerne im Griff hat. Und kleine, unwichtige Dinge im Griff zu haben oder in selbigen zu bekommen, ist dann doch etwas einfacher, als das große Ganze im Alleingang umzuwälzen. Das ist durchaus verständlich, auch wenn es die Sache nicht unbedingt besser macht. Und sich um Ersatz-Probleme zu kümmern, die eigentlich wurscht sind, oder die Lösung ist selbstverständlich, lenkt einen von der eigenen Ohnmacht ab, die man gegenüber allumfassender Ungerechtigkeit empfindet. Wenn wir nur mal aufhören würden, zu jammern und stattdessen eben bei diesen Kleinigkeiten einfach mal anfangen würden, etwas gegen kleine Probleme und kleine Ungerechtigkeiten zu unternehmen, dann würden wir es vielleicht auch mit der Zeit schaffen, gemeinsam die größeren, richtigen, wichtigen Probleme zu lösen. Dafür müssten wir aber auch aufhören, immer nur um uns selbst zu kreisen und uns auch mal für unsere Mitmenschen interessieren. Aber bis es soweit ist, gucke ich heute abend Fußball und freue mich über jedes gefallene Tor.

Essai 87: Über Migrationshintergründe

11. Mai 2012

Fürwahr, ein heikles Thema, das ich mir für diesen Essai ausgesucht habe. Man setzt sich da doch recht schnell in die Nesseln, wenn man was über Ausländer öhm tja nun Mitbürger mit migrationshintergründigen Wurzeln und Wurzelinnen erzählt. Aber da ich ja per Definition auch zu diesem Menschenschlag gehöre, weil meine Mutter nicht aus Deutschland kommt, denke ich reicht das an Qualifikation, um mich mal über diesen Begriff des „Migrationshintergrunds“ zu wundern und mich zu fragen, ob überhaupt irgendeiner eine Ahnung hat, was er meint, wenn er von „Integration“ spricht.

Recht schnell rutscht man bei den Begriffen „Migrationshintergrund“ und „Integration“ in die Klischee-Kiste ab und hüpft entweder zum einen Extrem, in dem man herumzetert, „die“ (Mitbürger mit Migrationshintergrund) würden sich ja gar nicht „integrieren“ wollen, würden außerdem „uns“ (Deutschen ohne Migrationshintergrund) die Arbeitsplätze wegnehmen und überdies seien „die“ ja auch alle faul und hätten keine Moral und was weiß ich. Oder man gleitet ins andere Extrem und gibt einem B*shid* (ich zensier den Namen mal bis zur Unkenntlichkeit, damit der mich nicht verklagt) den Bambi für seine tolle Integrationsarbeit. Der Kerl ist auch nicht ausländischer als ich, ein Elternteil kommt aus Woanders-als-Deutschland und der andere aus Deutschland. Zudem ist er in Deutschland aufgewachsen, wie ich auch. Wo bleibt also mein Bambi? Ich mag Rehe, ich würde mir das Ding sogar ins Regal stellen und mich freuen, versprochen! Meine vage Vermutung ist, dass besagter junger Mann deswegen mit dieser heuchlerischen ‚Ausländer-Scheißfreundlichkeit‘  behandelt wird, weil er eine Person des öffentlichen Lebens ist, den ‚Jugendlichen‘ als ‚Vorbild‘ dient und daher für die selbstbeweihräuchernde Prominenz bei der Bambi-Verleihung ungemein wichtig ist. Mich kennt ja kein Aas, also kann ich zwar schreiben, was ich will, aber ein goldenes Rehlein bekomme ich dafür nicht. Man muss halt Prioritäten setzen. Vielleicht bastel ich mir eins aus Alufolie und Klopapier. Aber das ist irgendwie nicht dasselbe…

Oh, ich schweife schon wieder ab, Verzeihung. Ich will mal versuchen, diesen Begriff des „Migrationshintergrunds“ ein wenig zu analysieren, vielleicht verstehe ich ja dann, was das eigentlich heißt. Dass das nicht ein fadenscheiniger Ersatz für den Begriff des „Ausländers“ ist, um politisch korrekt wirken zu können, selbst wenn man es nicht ist, ist denke ich klar. Wäre ja irgendwie auch ziemlich scheinheilig, einfach einen objektiv wirkenden Euphemismus für einen zur Beleidigung verkommenen, aber konkreten Ausdruck zu nehmen, damit keiner merkt, dass man Vorurteile hat. Dass man aber diese Vorurteile trotzdem noch hat, selbst wenn der Begriff sich geändert hat und durch seine neue Schwammigkeit auch gleich viel netter klingt, merkt man dann an Aussagen wie: „Sie sprechen aber gut Deutsch!“ – Ist wirklich wahr, das hat mal so ein Akquise-Fuzzi von einer Finanzberatung zu mir gesagt (keine Ahnung, aus welchem zwielichtigen Datenhandel-Deal der meine Nummer hatte), nachdem er festgestellt hatte, dass „Isabelle Dupuis“ doch ein französischer Name sei. Der Einfachheit halber habe ich gesagt „Ja“ und dann kam auch schon das vermeintliche Kompliment, mein Deutsch sei aber gut. Daraufhin habe ich mir den Spaß gemacht und in meinem schönsten Missingsch geantwortet: „Jo. Ich bin auch hiä geboor’n, nech“ und habe sogleich darauf verzichtet, diesem Stoffel meine spärlichen Ersparnisse anzuvertrauen. Ich kenne aber auch das andere Extrem, mir hat zwar bisher noch keiner vorgeworfen, ich hätte eine zweifelhafte Moral und würde hart arbeitenden Deutschen den Arbeitsplatz wegnehmen (wobei ich ja auch nur zur Hälfte „Ausländerin“ bin, sprich, ich bin dann nicht moralisch völlig verdorben, sondern nur halbseiden und wenn, dann nehme ich den hartarbeitenden Deutsch-Deutschen auch nur eine Teilzeitstelle weg), aber trotzdem scheinen manche Leute zu denken, sie könnten mich beleidigen, indem sie irgendwelche Sprüche über den Verzehr von Froschschenkeln und den angeblich mangelnden Wohlgeruch von Franzosen klopfen. Ich bin dann höchstens über den Mangel an Einfallsreichtum und psychologischer Subtilität enttäuscht. Einmal habe ich auch gekontert, wenn dem so ist, dass Franzosen das mit der Hygiene nicht so genau nähmen, dann stänke ich ja nur auf der einen Hälfte. Das kann man natürlich auch positiv sehen, auf der anderen Hälfte dufte ich nach Rosenblüten und so.

Was ich mit diesen kleinen Anekdoten zu demonstrieren gedenke, ist die totale Absurdität des „Migrationshintergrund“-Begriffs. Hinzu kommt, dass es offenbar bestimmte „Migrationshintergründe“ gibt, die migrationshintergründiger sind, als andere „Migrationshintergründe“. Wenn ich zum Beispiel jemanden, der gerade über „Ausländer“ herzieht, freundlich darauf hinweise, dass auch meine Mutter per Definition zu dieser Spezies gehört, bekomme ich zu hören: „Ja, du! Das ist ja wohl was anderes“. Wieso ist das was anderes? Entweder man ist Deutscher oder nicht und wenn nicht, dann ist man doch in Deutschland ein Ausländer. Ich bin Deutsche und Französin und Deutsch-Französin. Ich bin gleichzeitig Deutsche, Ausländerin, Halb-Deutsche und Halb-Ausländerin, zieht euch das mal rein. Da stößt dann doch dieses ganze Konzept an seine Grenzen und dann ist es vielleicht einfach mal an der Zeit, diese Dichotomie von „Inländer“ und „Ausländer“ fallen zu lassen. Außerdem, wie kann denn das angehen, dass ein Franzose weniger ausländisch ist, als beispielsweise ein Türke oder ein Türke mit deutscher Staatsbürgerschaft oder ein Deutscher mit türkischem Migrationshintergrund? Das ist doch Blödsinn! Wo fängt überhaupt ein „Migrationshintergrund“ an und wo hört er auf? Gibt es dabei auch eine Verjährungsfrist, so wie bei Verbrechen? Mein Vater hat zum Beispiel hugenottische Wurzeln, sprich, irgendwann vor einigen Jahrhunderten, lebten meine Vorfahren väterlicherseits in Frankreich und frönten ihrem protestantischen Glauben. Frankreich war damals in der Hand von Katholiken und aus unerfindlichen Gründen haben diese etwas gegen Protestanten gehabt und ihnen nach dem Leben getrachtet, woraufhin diese geflüchtet sind, im Falle meiner Familie nach Deutschland. Übrigens hat wenige Generationen später irgendein Urahn dann doch zum Katholizismus konvertiert, um im katholisch geprägten Süddeutschland Bürgermeister werden zu können. Ich verstehe das nicht, das ist ja nicht nur der gleiche Gott wie in allen monotheistischen Religionen, es ist auch noch derselbe, ist doch alles Christentum, wo liegt also das Problem? Manche Leute WOLLEN aber auch einfach nicht ihr Hirn benutzen. Außerdem sieht man doch daran, wie unterschiedlich sich die Texte in der Bibel deuten lassen, wie will man denn da mit Sicherheit sagen, wer denn nun eigentlich Recht hat und wer falsch liegt? Aber ich komme schon wieder vom Ästchen aufs Stöckchen, schlimm das. Wo war ich stehen geblieben? Ach ja, Verjährungsfrist für „Migrationshintergründe“. Genau. Also, hat mein Vater jetzt mit seinem hugenottischen Nachnamen und den dazugehörigen Wurzeln einen Migrationshintergrund oder nicht? Was ist mit meiner Oma, die im Elsass geboren wurde, was ja zwischendurch auch mal zu Deutschland gehörte. Das heißt, irgendwann waren ihre Vorfahren zwischenzeitlich Deutsche und dann wieder Franzosen und dann wieder Deutsche. Migrationshintergrund oder nicht? Hat überhaupt auch schon mal irgendwer den Umstand bedacht, dass Deutschland und überhaupt alle anderen Länder auch, nicht seit Anbeginn der Erde ihre heutige Beschaffenheit hatten? Was ist mit den großen Völkerwanderungen? Gilt das nicht auch schon als „Migrationshintergrund“? Was ist mit den Amerikanern, wieso spricht man da von „Afro-Amerikanern“, aber nicht von „Euro-Amerikanern“, „Australo-Amerikanern“, „Asia-Amerikanern“? Und wieso nennt man die eigentlichen Amerikaner nicht „Amerikaner“ sondern „amerikanische Ureinwohner“ („Indianer“ darf man ja nicht mehr sagen)? Wobei, ich meine gelesen zu haben, dass besagte „Ureinwohner“ auch nicht immer in Amerika gelebt haben… Da wird man ja ganz wirr im Kopf. Aber ernsthaft, entweder, man unterscheidet überhaupt nicht („Diskriminierung“ heißt übrigens nichts anderes als „Unterscheidung“/“Trennung“) oder man unterscheidet alles. Wobei letzteres, wie man an meinen kleinen Beispielen sieht, ziemlich unübersichtlich und verwirrend werden kann. Sowieso, wird dieser ganze Quark mit dem „Migrationshintergrund“ meiner Erfahrung nach komplett hinfällig, sobald man jemanden als individuellen Menschen kennenlernt. Klingt zugegebenermaßen jetzt etwas kitschig und gutmenschelnd, aber es stimmt. Deswegen sagen ja meine Freunde auch, wenn ich ihnen sage, ich hätte sozusagen auch einen „Migrationshintergrund“, so was wie „Ja, DU!“ und finden, dass das bei mir nicht als „Migrationshintergrund“ gelten könne. Weil sie mich halt persönlich kennen. Wenn ich jemanden persönlich kennen lerne, ist er dann nicht mehr „Der Pole“, „Der Türke“, „Der Iraner“, „Der Österreicher“, sondern dann hat er einen Namen und dann ist das spannend, davon zu erfahren, wenn er eine andere Kultur und andere Traditionen hat, als ich, aber dann schiebe ich den nicht mehr in irgendeine Schublade, klebe ein Etikett drauf und fertig. Dabei ist es ja auch egal, ob auf dem Etikett etwas Erfreuliches draufsteht, wie „ist integriert“ oder etwas Unschönes, wie „will sich ja gar nicht integrieren, die Sau“, Vorurteile sind Vorurteile und die kann man nur ablegen, wenn man sich von bescheuerten, absurden Begriffen wie „Migrationshintergrund“ verabschiedet und offen und neugierig auf andere Menschen zugeht und sich ein bisschen Mühe gibt, denjenigen näher kennen zu lernen.

So, und nun gehe ich mein Klopapier-Alufolien-Bambi für den Weltfrieden anbeten.

Essai 63: Über unhöfliche Weltverbesserer und Gutmenschen ohne Manieren

21. Juli 2010

Es fasziniert mich immer wieder, wie Menschen so komplett von sich überzeugt sein können, dass sie überhaupt nicht merken, wie eklatant scheinheilig sie sich aufführen. Besonders ist mir das bei vermeintlichen Weltverbesserern und selbsternannten Gutmenschen aufgefallen. Und wehe dem, der ihre sowas von total uneigennützigen Motive in Frage stellt. Da ist man dann vorsichtshalber gleich mal eingeschnappt und wird patzig.

Ich muss gestehen, ich war etwas – na ja, nicht fies … – sagen wir direkt zu einem Vertreter dieser Spezies, als er mich letztens für einen bekannten Tierschutzverein begeistern wollte. Zu meiner Verteidigung möchte ich kurz hinzufügen, dass ich in der Innenstadt andauernd von solch idealistisch anmutenden Helden der Selbstlosigkeit belagert werde und sich nicht selten herausstellt, dass sich durchaus unlautere Absichten hinter der jovialen Art verbergen und man sich hinterher mit Einschreiben und Anwälten herumärgern muss, um das Zwei-Jahres-Zeitschriften-Abo, das man gar nicht wollte, wieder loszuwerden.

Besagter junger Herr also kam mir im ersten Moment noch bekannt vor, daher ließ ich ihn auf mich zukommen und sein breites Grinsen spazieren tragen, bis ein Ausweichmanöver oder eine umgehende Tarnmaßnahme unmöglich war. Und dann sah ich es: Scheiße, ein Klemmbrett!

Er ratterte quietschvergnügt seine gutgelaunten Floskelchen vom Stapel und wie toll doch dieser Verein sei und – habe ich schon erwähnt? – komplett uneigennützig und so weiter und so fort.

Als er nach fünf Minuten doch mal Luft holen musste (auch Gutmenschen sind nur Menschen und müssen ab und zu atmen), nutzte ich flux die Gelegenheit was zu fragen: „Ich vermute, Sie wollen Geld haben?“ plumpste mir dann verhältnismäßig unsubtil aus dem Mund noch ehe mir eine diplomatische Art und Weise dieses Thema in blumige Worte zu kleiden eingefallen war.

Ich fürchte, ich habe den armen Kerl ganz schön aus dem Konzept gebracht. Jedenfalls kam er verbal ins Straucheln: „Ja, nee. Ähm. Also, mir geht’s persönlich darum, dass… Öhm, also, Ähm…“ und während ich noch einer Beantwortung meiner Frage harrte, pampte es plötzlich von gegenüber: „Ach. Du hast da ja eh kein Bock drauf!“

Schwupps! Weg war er. Hat mich da einfach stehen lassen.

Ich finde das sehr unhöflich. Man kann doch wenigstens „Tschüss“ sagen. Aber das reine Effizienzstreben ist offensichtlich inzwischen auch schon bei den geistigen Nachfahren Mutter Theresas angekommen. Der hat wohl gedacht, bei der ollen blöden Kuh ist nichts zu holen, dann nichts wie weg hier. Bei der nächsten Kuh einen Melkversuch starten. Und wenn nicht einmal mehr die Weltverbesserer heutzutage Manieren haben, worauf kann man denn dann heutzutage noch zählen?

Ja, es ist traurig und ich bin betroffen. Ich würde ja gerne helfen, mit Tatkraft oder indem ich eines der bedrohten Tiere zu Hause aufnehme (eine bedrohte Hauskatze vielleicht, oder ein bedrohtes Meerschweinchen) oder mit moralischer Unterstützung oder so. Aber bei Geld weiß man ja gar nicht, ob das nachher auch bei den Tieren ankommt.

Oh Mist, ich hab es schon wieder getan: die edlen Motive der Heiligen des 21. Jahrhunderts angezweifelt und ihnen mangelnde Uneigennützigkeit unterstellt.Was soll ich sagen, ich bin eben kein Gutmensch. Aber ich tu wenigstens auch gar nicht erst so, als ob.

So. Und nun dürfen Tomaten auf mich abgefeuert werden.

Essai 60: Über das Prinzip

11. März 2010

Ich fühle mich unverstanden.

Tja, so ganz immun gegen Selbstmitleid bin ich dann doch nicht. Mist.

Heute geht es mir ums Prinzip. Und zwar um das Prinzip, dass es manchmal eben tatsächlich ums Prinzip geht. Wenn ich das sage, halten mich immer alle bestenfalls für bescheuert und schlimmstenfalls für spitzfindig, pingelig UND bescheuert. Deswegen fühle ich mich ja auch unverstanden.

Vor allen Dingen, sobald ich gesagt habe: „Aber es geht ums Prinzip“ und nach einem „Haha! Ja, klar!“ noch ein verzweifeltes „Aber, es geht mir WIRKLICH ums Prinzip“ hinterhergeschoben habe, halten mich schon alle für dämlich und hören mir gar nicht mehr zu, WAS dieses Prinzip in dem Falle dann überhaupt ist.

So wirklich verübeln kann ich das den meisten Leuten auch nicht, schließlich reagiere ich spontan oft genauso, wenn mir jemand sagt, es gehe aber doch ums Prinzip. Vor allem, wenn es Leute sind, die sowieso schon häufiger durch exzessives Haarespalten und lustvolles Spitzfinden aufgefallen sind. Aber bin ich denn auch so schlimm?

Nä.

Wenn es bei mir prinzipiell ums Prinzip geht, ist das nämlich im Prinzip immer absolut logisch und nachvollziehbar. Meiner Meinung nach. Mit Spitzfindigkeit oder Pingeligkeit hat das gar nichts zu tun. Finde ich.

Das Problem ist, dass jeder, dem es ums Prinzip geht, es genauso sieht. Sprich: Geht es mir ums Prinzip, ist das logisch und nachvollziehbar, wenn es dem anderen ums Prinzip geht, spinnt der. Es ist deprimierend.

Na ja, wahrscheinlich muss man sich da als überzeugter Prinzipienreiter an die eigene Nase fassen und etwas toleranter mit Prinzipienreiter-Artgenossen umgehen. Man kann sich ja zumindest erstmal anhören, worin das Prinzip besteht, um das es geht. Danach hat man dann zwei Möglichkeiten, entweder man findet es einleuchtend und akzeptiert das oder man kann den anderen völlig unbedenklich für bescheuert erklären. Immerhin hat man’s ja versucht. Und vielleicht, wenn man den anderen mit etwas mehr Verständnis begegnet, begegnen sie einem auch mit mehr Verständnis…

Haha! Ja, klar!

Essai 58: Über Leute mit selbsernanntem Bildungsauftrag

27. Februar 2010

Manchmal muss ich mich doch sehr wundern, wie ungern Leute vor ihrer eigenen Haustür kehren und mit was für einem Vergnügen sie im Glashaus sitzen und einen Stein nach dem anderen fröhlich durch die Gegend pfeffern.

Wobei…

Wahrscheinlich bin ich da auch nicht viel besser…

Dumdidum…

Egal. Um mich geht’s hier jetzt nicht.

Heute habe ich mal diejenigen auf dem Kieker, die sich aufplustern und aufspielen und den großen Moralapostel und Erziehungsberechtigten raushängen lassen und mit unaufhaltsamer Energie ihren selbsternannten Bildungsauftrag verfolgen. Einen Bildungsauftrag, dessen Sinn und Zweck nur sie selbst einsehen, ihre Opfer, die erzogen werden sollen, jedoch nicht.

Irgendwie scheint es nicht unbedingt in der Natur des Menschen zu liegen, andere Menschen einfach mal in Ruhe machen zu lassen.

Besonders beliebt in Sachen Bildungsauftrag ist das Erwachsen sein, werden, was auch immer. Dabei ist unser Erziehungsberechtigter selbstverständlich derjenige, der ganz genau weiß, wann man sich erwachsen aufführt und wann nicht. Sprich, die Gewohnheiten und Macken des Bildungsbeauftragten sind erwachsen, die des Zöglings wider Willen nicht. Klingt soweit ganz einfach.

Achtung ist geboten, denn als Bildungsbeauftragter darf man auf GAR KEINEN FALL auch nur ein einziges Mal mit dem Gedanken spielen, seine Mission objektiv zu betrachten. Für sowas ist keine Zeit, der Auftrag muss schließlich ausgeführt werden und duldet keinerlei Aufschub.

Ganz wichtig ist auch, dass man seine Bildungsmission nicht ein einziges Mal infrage stellt. Man darf sich auch auf gar keinen Fall dazu hinreißen lassen, auch nur das kleinste Bisschen Empathie oder Einfühlungsvermögen bezüglich des Zöglings zuzulassen. (Dann würde nämlich auffallen, dass die ganze Aktion vollkommen bescheuert ist und nur dazu dient, sich nicht um seinen eigenen Kram zu kümmern.)

Mit dem Erwachsen sein, werden, was auch immer ist das sowieso wieder so eine Sache. Jeder versteht etwas anderes darunter. Ich zum Beispiel bin der Meinung, erwachsenes Verhalten ist ein solches, bei dem man sich erst einmal um seine eigenen Baustellen kümmert und dann auf NACHFRAGE anderen Menschen unter die Arme greift. Gut, im Grunde kann man auch auf Nachfrage anderen helfen, wenn man selbst noch nicht ganz fertig ist. Aber anderen Leuten seine eigenen Ansichten aufzudrängen und das auch noch ohne darum gebeten worden zu sein, finde ich nicht erwachsen. Das ist einfach nur nervig. Erwachsen ist es meiner Meinung nach auch, wenn man sich nicht nur seiner eigenen Schwächen bewusst ist, sondern wenn man an ihnen arbeitet, anstatt so zu tun, als wären das gar keine Schwächen und als sei man total stolz drauf. Das ist nicht erwachsen, das ist anstrengend. Mit solchen Leuten kann man nämlich nicht reden. Auch sehr unerwachsen.

So. Dann gibt es aber auch Leute, die erwachsen sein nicht von einer charakterlichen Reife abhängig machen, sondern nur auf rein äußerliche Faktoren stützen. Da kann man innerlich der kindischste, dämlichste Vollidiot sein, wenn man alleine wohnt, ist man erwachsen. Wenn man nie lacht und alles doof findet, ist man erwachsen. Wenn man hohe Schuhe trägt, obwohl die völlig unbequem sind, ist man erwachsen. Oder wenn man einen selbsternannten Bildungsauftrag verfolgt ist man erwachsen. Aber wenn man das alles nicht tut, kann man innerlich noch so reif sein, man ist und bleibt kindisch und muss umgehendst davon geheilt werden.

Das hat mich schon in der Schule genervt. Und es wird nicht besser.

Warum kann man nicht einfach seine Mitmenschen so nehmen wie sie sind? Das heißt natürlich nicht, dass man kritiklos alles hinnehmen muss, was einem so teilweise zugemutet wird. Wenn einen etwas stört, sollte man das freundlich und bestimmt sagen. Aber dann ist gut. Man sollte nicht versuchen, seine Mitmenschen umzuerziehen und sie zu ändern. Das geht sowieso in die Hose.

Man kann nicht die anderen ändern. Man kann nur sich selbst ändern.

Essai 53: Über (gutgemeinte) Ratschläge, die man nicht mehr hören kann und die nicht helfen und die man trotzdem ständig ungefragt zu hören bekommt.

9. Februar 2010

Wie heißt es doch so schön: Das Gegenteil von „gut“ ist „gut gemeint“.

Es gibt eine Reihe von Ratschlägen, die gut gemeint sind und mit denen die Ratgebenden nur helfen wollen, die aber weder helfen, noch zu sonst irgendetwas gut sind. Ich würde gerne einige meiner nutzfreie Ratschläge-Highlights an dieser Stelle präsentieren.

1.) „Sei einfach nur du selbst“

Aha. Frage: Was heißt „einfach“ und was heißt „du selbst“. Das ist doch schon einfach mal deswegen nicht einfach, weil in dieser – Ja ich weiß gut gemeinten – Floskel überhaupt nicht klar wird, ob der Ratgebende mit „du selbst“ das Bild meint, das er sich von dem vermeintlich Ratbedürftigen gemacht hat oder das Bild meint, das derjenige selbst von sich hat.

Sprich: Wenn ich zum Beispiel mich selbst als schüchtern betrachte, müsste ich mich diesem Rat folgend schüchtern verhalten. Das meint der Ratgebende damit aber nicht. Nein, er möchte gerne – gut gemeint, Ja ja – den anderen dazu bewegen, selbstsicherer aufzutreten. Und das ist ja durchaus ein edles Motiv. Aber dieser Spruch bringt absolut NICHTS.

Ein anderes Beispiel: Was, wenn jemand innerlich ein verbitterter, verbiesterter Ekelstinkstiefel ist. Da wünscht sich doch keiner ernsthaft, dass er „einfach er selbst“ ist oder? Nein, im Gegenteil, da möchte man doch, dass der so unauthentisch wie nur irgendmöglich auftritt.

Ich persönlich denke, wir haben alle ein Recht darauf – im Falle des Ekelstinkstiefels womöglich sogar die Pflicht – nicht alles von unserer Persönlichkeit preiszugeben. So, nun ist es raus. Muss ich denn jedem unter die Nase reiben, was mir peinlich ist, wofür ich mich schäme und am liebsten verkriechen würde? Woher kommt diese Tendenz zum allgegenwärtigen Selbstoffenbarungszwang in unserer modernen Gesellschaft? Warum kann man nicht einfach mal was für sich behalten, wenn man das gerne möchte?

2.) „Redet doch darüber.“

Noch so ein Fall. Man ärgert sich über eine bestimmte Verhaltensweise oder Angewohnheit eines Mitmenschen. Der wohlmeinende Freund – der zugegebenermaßen in einer unbequemen Situation ist, muss er sich doch das Geschimpfe seines verärgerten Zeitgenossen anhören, obwohl er nichts damit zu tun hat und nichts dafür kann – weiß sich erstens nicht anders zu helfen und möchte zweitens auch irgendwas Sinnvolles zum Gespräch beitragen und greift deswegen zu diesem abgelutschten Tipp, den eigentlich niemand hören will: „Redet doch darüber“ oder „Sag ihm/ihr das doch einfach.“

Ja, dummerweise bedenkt man bei diesem Rat nicht, dass das praktisch nicht umsetzbar ist. Denn, KÖNNTE man mit dem Objekt des Ärgers über den Grund des Ärgers reden, dann WÜRDE man mit ihm darüber reden. Und man tut es deswegen nicht, weil man es eben NICHT kann. Ja, das gibt es. Das Reden nichts hilft. Ernsthaft. Öfter als man denkt.

Ärgert man sich zum Beispiel über das mangelnde Einfühlungsvermögen chronischen Ausmaßes eines Freundes, kann man mit ihm nicht darüber reden. Kann man schon. Aber es wird nichts bringen und man ist hinterher noch frustrierter, weil man in Wahrheit schon vorher wusste – bevor man über seinen Schatten gesprungen und den ärgerlichen Sachverhalt aufs Tapet gebracht hat – dass es nichts bringen würde. Der andere ärgert sich ja nicht über sein mangelndes Einfühlungsvermögen. Wie auch, dafür bräuchte er ja Einfühlungsvermögen um zu realisieren wie das Nichtvorhandensein desselben bei seinen Mitmenschen für Unmut sorgt.

Oder was ist, wenn man sich über das widerliche Arschlochtum eines Bekannten aufregt, der stolz, großkotzig und leidenschaftlich wahrnehmungsgestört die eigenen Schwächen als Stärken vorgaukelt, sich rücksichtslos und egozentrisch aufführt und ständig gemein zu allen ist. Dem kann man auch erzählen was man will. Angenommen, er lässt sich überhaupt dazu herab, einem zuzuhören – was schonmal utopisch ist – dann wird er sowieso alle Einwände abkanzeln und das ist ja alles gar nicht wahr, man solle sich doch an die eigene Nase fassen, vor der eigenen Haustür kehren und nicht mit Steinen werfen, wo man doch im Glashaus sitze. Angriff ist die beste Verteidigung. Es gibt einfach Leute, die fühlen sich permanent angegriffen und da kann man noch so freundlich und sachlich auftreten, die sind beleidigt und schießen – nach ihrem Verständnis – nur zurück.

3.) „Wo hast du es denn zuletzt gesehen?“ bzw. „Was suchst du?“

Wenn man etwas sucht, und sich selbst schon gefragt hat, wo man es denn zuletzt gesehen hat, dann hilft das keineswegs, die gleiche Frage noch mal von übereifrigen Außenstehenden zu hören. Genauso „Was suchst du?“. Sobald man nämlich völlig hektisch und genervt „meine Autoschlüssel“ entgegnet hat (begleitet von dem inneren Mantra „Wo hab ich sie bloß zuletzt gesehen, wo hab ich sie bloß zuletzt gesehen…“) folgt darauf sofort die hilfsbereite Nachfrage „Wo hast du sie denn zuletzt gesehen?“

Soweit erstmal. Fortsetzung folgt.

Essai 25: Über Ehrlichkeit

5. Juni 2008

Ehrlichkeit wird überbewertet.

Bevor jetzt eine ganze Armada von Wahrheitsfanatikern auf mich zustürzt mich zerfleischt und mit meinen Eingeweiden Ping Pong spielt, möchte ich kurz erläutern, was ich unter „Ehrlichkeit“ verstehe und warum ich der Meinung bin, dass dieser Begriff überbewertet wird:

Ehrlichkeit bedeutet in meinen Augen, dass man das, was man sagt auch denkt. Die meisten Leute, die von sich behaupten, sie wären ehrlich, denken aber nicht nur was sie sagen, sondern sagen tatsächlich alles was sie denken.

Und diese Wahrheitsterroristen fühlen sich nicht nur bemüßigt, einem jeden ihrer noch so unbedeutenden Meinungen unter die Nase zu reiben, nein, dies muss auch noch in der penetrantesten und unhöflichsten Art und Weise vonstatten gehen. Als ob es nicht möglich wäre, das, was man sagt, auch zu denken und trotzdem dabei Respekt zu zeigen, indem man den Intimraum des Anderen achtet, höflich und freundlich ist und sich um Himmels Willen nicht dauernd in Sachen einmischt, die einen überhaupt rein gar nichts angehen.

Natürlich sind die Menschen, die sich selbst als ehrlich bezeichnen, total stolz auf ihre „Ehrlichkeit“. Dabei bleibt es selbstverständlich ihnen allein vorbehalten, die wirklich und einzig wahre Wahrheit zu kennen. Dass das in Wirklichkeit bloß ihre vorgefertigten Meinungen, die meist auf Vorurteilen begründet liegen, sind, wollen sie gar nicht hören.

Denn „ehrliche“ Menschen sind für gewöhnlich zwar zu anderen ehrlich (ob diese das wollen oder nicht), aber sich selbst gegenüber ehrlich zu sein, ist dann wieder zuviel verlangt. Man kann sich ja auch schließlich nicht um alles kümmern. Die Welt retten und gleichzeitig selbstkritisch sein geht einfach nicht. Und wehe, man widerspricht ihnen. Dann wird nämlich sofort wieder der Hobby-Freud herausgekehrt und fröhlich ins Blaue hinein analysiert. Und dann beginnt die ganze lustige „Du darfst vor deinen Problemen nicht davonrennen“-Prozedur, die ich im Essai über Illusionen beschrieben habe.

Besser also, man ist dann für einen Moment weniger ehrlich und sagt einfach, Ja, du hast recht.

Ich bin auch einfach der Meinung, es kommt immer auf den Kontext, die Situation und die Menschen an, mit denen man zusammen ist, wieviel Ehrlichkeit angebracht ist. Mit Freunden ist zum Beispiel mehr Ehrlichkeit angebracht, als mit Leuten, mit denen man rein geschäftlich zu tun hat.

Jedenfalls halte ich es für besser, man ist ehrlich in seiner Unehrlichkeit, als dass man unehrlich in seiner Ehrlichkeit ist.

Denn, wenn ich ehrlich bin, sagt doch niemand immer die Wahrheit. Das ist gar nicht mal unbedingt Absicht. Manchmal kennt man die Wahrheit einfach nicht. Und manchmal ist es auch einfach aus Gründen der Höflichkeit notwendig, nicht ganz ehrlich zu sein. Und wenn man das einfach mal ehrlich zugibt, ist man schonmal ehrlicher, als jemand der sich rühmt, immer die Wahrheit zu sagen.


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