Essai 177: Über die angemessene Reaktion auf nicht lustige Witze

12. August 2017

Alles in allem betrachtet, bin ich leider völlig humorlos. Das ist überhaupt nicht lustig, weil es echt Nerven kostet, die vielen schlechten Witze und lästigen Verarschungsversuche meiner Mitmenschen zu ertragen, wenn mir dafür einfach komplett das Humorverständnis fehlt.

Wenn ich zum Beispiel in einem Gruppenchat eine klare Frage stelle, auf die ich eine klare Antwort mit einer bestimmten Information erhalten möchte, dann stellt es meine Geduld wirklich auf eine extrem harte Probe, wenn irgendwelche Scherzbolde dazwischenhupen. Dann geht meine – völlig unmissverständlich formulierte, einfach zu beantwortende – Frage unter den Frotzeleien unter.

Das führt dazu, dass ich meine Frage noch mal wiederholen muss, und ich hasse es, wenn ich mich wiederholen muss, obwohl es an meiner ursprünglichen Frage oder Aussage nicht viel misszuverstehen gab. Es sei denn natürlich, man greift sich ein Mini-Detail heraus und spitzfindet und haarspaltet was das Zeug hält, um witzig zu sein und den ganzen Laden aufzuhalten.

Nun will ich aber trotzdem nicht gemein sein, wenn jemand mich mit seinem Herumgewitzel nervt, und das stellt mich vor ein echtes moralisches Dilemma. Was ist denn bloß die sozial angemessene Reaktion auf Witze, die man überhaupt nicht lustig findet? Es ist ja nicht so, dass ich die Absicht witzig zu sein nicht bemerke. Das schon. Wenn jemand ironisch, sarkastisch oder spöttisch ist, aus Spaß irgendwas Dummes oder Selbstverständliches sagt, dann bin ich intellektuell durchaus in der Lage, es als „Witz“ zu identifizieren.

Aber genausowenig wie „gut gemeint“ das Gleiche wie „gut“ ist, ist „witzig gemeint“ immer das Gleiche wie „witzig“. Und manchen Leuten scheint das Feingefühl zu fehlen, um intuitiv zu spüren, wann ein Witz gerade angebracht ist, und wann er einfach nur allen anderen auf den Wecker fällt. Andere spüren das schon, sind aber von der Sorte „Lieber einen Freund verlieren, als eine Pointe zu verpassen und apropos, meinen Humor kann man bequem unter der Tür durchschieben. Höhöhö.“ und die sind nicht in der Lage, einfach mal die Fresse zu halten, wenn sich eine Gelegenheit bietet, sich mit einem blöden Spruch wichtig zu machen und vor allen aufzuplustern. Anstrengend.

Echt mal, das Leben an sich und zwischenmenschliche Kommunikation sind doch so schon kompliziert genug. Da muss man doch nicht noch mit unnützen Scherzen die Aufmerksamkeit auf sich ziehen, obwohl man zur Klärung des Sachverhalts überhaupt nichts Konstruktives beizutragen hat. Kann man nicht einfach nach dem Motto handeln: „Wenn du nichts Interessantes oder Sinnvolles zu sagen hast, dann sei still.“ Ist das wirklich so schwer? Man kann dann doch seine Energie und Spucke dafür aufbewahren, einen guten, lustigen Witz zu reißen, wenn es vom Kontext her passt.

Das Problem ist: Ich habe nicht nur keinerlei Sinn für Humor, ich lege auch noch großen Wert auf Höflichkeit, freundlichen Umgang miteinander und Harmonie. Ich will ja gern Toleranz für Anderswitzige aufbringen. Aber das kostet mich wirklich einiges an Selbstbeherrschung. Und das zehrt mit der Zeit an meinen inneren Energie- und Geduldreserven, die mir dann an anderer Stelle fehlen.

Allerdings muss man wohl damit leben, dass es immer wieder irgendeinen Kasper gibt, der allen unter die Nase reiben muss, was für einen riesengroßen Clown er gefrühstückt hat. Irgendeine sozial angemessene Reaktionsstrategie bräuchte ich also doch, die möglichst wenig nervlichen Aufwand kostet.

Ist es zum Beispiel OK, wenn ich die Frotzeleien einfach ignoriere und stur meine Frage wiederhole? Oder ist es sehr unhöflich, wenn ich den Scherzcharakter der lustig gemeinten Sprüche nicht mit Aufmerksamkeit würdige?

Oder darf ich mit Ehrlichkeit reagieren und die Witzbolde mit einem „Alter, wenn du nichts zu sagen hast, dann halt die Klappe und lass die Erwachsenen ihren Kram in Ruhe regeln!“ in ihre Schranken weisen? Das kann man doch eigentlich nicht machen, oder? Schließlich war das ja nicht böse gemeint und die wollen bloß spielen. Außerdem will ich halt auch nicht wie ein Arschloch dastehen.

Ich tendiere daher zu der Strategie, das Herumgewitzel zu ignorieren. Was ist eure Meinung dazu?

Essai 176: Über Eitelkeit

23. Juli 2017

Ich habe da so eine Theorie, und die lautet: Jeder ist eitel. Ich zum Beispiel bilde mir unheimlich viel auf meine vermeintliche Uneitelkeit ein. Aber wenn ich ehrlich bin, ist das Quatsch. Zwar bin ich nicht so eitel, was mein Aussehen angeht, insofern ich mich nicht schminke, hohe Absätze meide und am liebsten in Jeans und bequemem Oberteil herumlaufe. Ich habe auch keine Lust, mir den Umstand zu machen, Kontaktlinsen zu tragen. Und dass die weißen Haare auf meinem Kopf allmählich immer mehr werden, stört mich auch nicht. Das finde ich eher spannend. In zehn Jahren sind die Haare vielleicht ganz grau und dann sehe ich endlich mal seriös aus.

Da sind wir dann auch schon bei meiner Eitelkeit angelangt. Ich denke nämlich, dass Eitelkeit sich nicht nur aufs Aussehen beschränkt, sondern generell aufs eigene Selbstbild. Und da hat jeder seine Empfindlichkeiten, wunden Punkte. Eigenschaften, die man gern hätte, wo man sich vielleicht auch halbwegs einreden kann, dass man sie besitzt, aber tief in seinem Inneren weiß man, dass das vielleicht so nicht stimmt. Bei mir ist das – manchmal – dass ich gern ernst genommen werden würde. Ich bin also zugegebenermaßen ziemlich eitel, was meine geistigen Fähigkeiten angeht.

Nennt mich jemand hässlich und unattraktiv und gibt zu bedenken, dass er nicht gewillt wäre, mit mir zu schlafen, selbst wenn sich die Gelegenheit dazu böte, lässt mich das kalt. Das ist nicht die innere Baustelle, auf der meine Komplexe herumliegen. Ich finde, ich sehe ganz OK aus. Solange niemand vor meinem Anblick angewidert und schreiend davonläuft, bin ich zufrieden. Und bisher ist das noch nicht vorgekommen, also sind meine optischen Attribute wohl einigermaßen erträglich.

Aber behandelt mich jemand herablassend, tut so, als hätte ich keine Ahnung von gar nichts, wäre saudumm und hätte nichts auf dem Kasten, merke ich, wie das an meiner Eitelkeit rührt. Ernsthaft, das kann ich nicht ab! Und damit meine ich jetzt nicht so Standard-Beleidigungen wie „Dumme Kuh“ oder „Blöde Gans“, sondern eher so eine Art oder Grundhaltung, die ganz selbstverständlich davon ausgeht, dass ich nichts alleine auf die Kette kriege.

Das ist nicht unbedingt Absicht von den Leuten, es kann auch sein, dass sie mir gut gemeinte Anti-Komplimente machen („Du bist doch sooo hübsch, du kannst sooo stolz auf dich sein!“) oder mir ungefragt helfen wollen, bevor ich die Zeit hatte, selbst das Problem zu analysieren und gegebenenfalls selbst eine Lösung zu finden – und wenn nicht, um Hilfe zu bitten. Da bin ich superempfindlich. Vor allem macht mich dann sauer, dass die das ja gut mit mir meinen und ich dankbar sein muss, und sie nicht einfach anfauchen kann, dass ich mein Aussehen betreffend gar keine Komplexe habe, dass ich durchaus stolz auf mich bin, wenn es dazu einen Grund gibt, und dass ich verdammtnochmal schon Bescheid sage, wenn ich Hilfe brauche!

Allerdings ist es jetzt auch nicht so, dass ich wie ein schlecht erzogener Terrier gleich auf 180 bin, sobald jemand mich wie einen Trottel behandelt. Das wäre auch nicht gut für meinen Blutdruck, da hätte ich schon längst einen Herzinfarkt bekommen. Es sind halt jedes Mal kleine Piekser, und die meisten kann ich mit Humor und Selbstironie wegstecken. Nur manchmal wird es mir halt zu viel.

Apropos Humor: Das ist auch so eine Eitelkeit von mir. Ich finde mich meistens ziemlich witzig, aber wenn auf einen Scherz meiner Wenigkeit nur Schweigen und Verständnislosigkeit folgen, zerschmettert das mein Selbstvertrauen in Millionen Scherben. Ebenso, wenn man mir zu verstehen gibt, dass meine Geschichten und mein Geplauder nicht ansatzweise interessant sind. „Jahaaa, das hast du schon tausendmal erzählt!“ – Krawumms, nimm das, Selbstwertgefühl! Hallo, Minderwertigkeitskomplexe und Selbsthass!

OK, das war jetzt etwas überdramatisch. Trotzdem bin ich ziemlich geknickt, wenn man mich entweder wie einen Dummdödel oder einen nervigen Langweiler behandelt.

Aber genug von mir, man könnte sonst noch denken, ich wäre eitel, Höhöhö.

Bei manchen Leuten habe ich den Eindruck, sie übertreiben es mit der Eitelkeit. Ich denke, mein Ausmaß an Eitelkeit bewegt sich noch im normalen Rahmen. Zumindest bin ich nicht sooo empfindlich, dass ich quasi dauerbeleidigt bin und nur auf vermeintliche Demütigungen warte, um der ganzen Welt Schuld daran zu geben, dass mein Selbstwertgefühl nicht unerschütterlich ist. Sobald man jede Gelegenheit, die sich bietet oder auch nicht, dazu nutzt, eingeschnappt zu sein, und dafür zu sorgen, dass sich alles nur noch um einen selbst dreht, ist es zu viel der Eitelkeit.

Ich denke, diese Menschen definieren ihr Selbstbild ausschließlich über äußere Umstände wie Statussymbole, Meinungen anderer oder Ideologien. Und wenn jemand daran kratzt – sich nichts aus Statussymbolen macht, eine wenig schmeichelhafte Meinung äußert oder die eigene Ideologie bescheuert findet – fühlen sie sich in ihrem ganzen Selbstverständnis angegriffen. Und reagieren entsprechend aggressiv und tödlich beleidigt.

Ein Kumpel von mir hatte sich zum Beispiel eine schwarze Kunstleder-Couch gekauft, als er damals in seine erste eigene Wohnung zog. Er wusste, dass meine Anforderungen an eine Couch Folgende sind: fläzbar, kuschelig und gemütlich. Trotzdem fragte er mich, wie ich sein stylishes, aber unfassbar unbequemes Sofa finde. Da dachte ich, er wollte meine ehrliche Meinung hören, also sagte ich: „Sieht schick aus, aber ist mir persönlich zu ungemütlich“.

Uiuiui, war der beleidigt! Ich glaube, das hat er mir heute noch nicht verziehen. Seitdem behalte ich meine Ansichten auch lieber für mich, wenn er mal wieder mit seinen Statussymbolen angibt. Posaunt er etwa vollmundig herum, dass ihm Geld ja gaaar nicht so wichtig sei, sage ich „Mhm“ und denke mir meinen Teil.

Ein ehemaliger Freund von mir war da aber noch schlimmer. Der hatte anscheinend überhaupt kein stabiles Selbstbild, nicht einmal im Kern, und war vollkommen abhängig vom Urteil anderer Leute. Auf der Schauspielschule hat er von den Lehrern immer sehr viel Lob bekommen und hob dann völlig ab, hielt sich für absolut supertoll und duldete keinen Widerspruch. Nachdem wir uns zerstritten hatten, sah ich aber nicht mehr ein, weshalb ich sein fragiles (respektive nicht vorhandenes) Selbstwertgefühl weiter schonen sollte.

Und dann habe ich ab und zu auch mal eine kleine spöttische Bemerkung gemacht (zum Beispiel „Aufmerksamkeit!“ geflötet, wenn er mal wieder einen Geltungssuchtanfall hatte) oder zum Ausdruck gebracht, dass er mit seiner Egomanie allen auf die Nerven geht (etwa, indem ich laut aufgeseufzt habe, als er mit seiner „Aber die anderen sind alle gemein zu mir“-Jammertirade den ohnehin knapp bemessenen Gruppenunterricht bereits seit einer Stunde aufhielt). Der hätte mich jedesmal fast erwürgt. Wenn ich es recht bedenke, hatte er ganz schön Ähnlichkeit mit Trump … Aber das nur so am Rande.

Und, wie ist das bei euch? Wo liegen eure Eitelkeiten?

Essai 175: Über Komplimente, die keine sind

16. Juli 2017

Da hat sich also US-Präsident Trump in Frankreich mal wieder in die Nesseln gesetzt und das Netz rastet aus. Anlass ist Trumps Bemerkung „You are in such a good shape!“ („Sie sind so gut in Form!“) gegenüber Brigitte Macron, Frankreichs frischgebackener First Lady. Hier das Video dazu:

Die einen sagen: „Das war eindeutig ein Kompliment, jetzt hört doch mal auf, dauernd auf Trump herumzuhacken.“ Die anderen fanden das total unverschämt, was fällt dem eigentlich ein, so eine deplatzierte Bemerkung gegenüber einer Frau zu machen, war ja klar, typisch Trump, der ist halt ein Sexist. Ich finde, beide Seiten haben recht. Und ich finde, das ist ein prima Thema für einen Essai.

Ich habe den Vorfall mit meiner Mutter gründlich analysiert und wir waren uns beide einig, dass es vom Potus definitiv als Kompliment gemeint war. Wir waren ebenfalls beide der Meinung, dass es – objektiv betrachtet – kein wirkliches Kompliment war. Das ist so, wie wenn man zu meiner Mutter, die die deutsche Grammatik und Rechtschreibung trotz französischem Migrationshintergrund besser beherrscht als jeder „Biodeutsche“ und sicher auch ein breiter gefächtertes Vokabular hat, sagt: „Sie sprechen aber gut Deutsch.“ Oder wie, wenn man zu mir sagt: „Macht doch nichts, dass du klein bist. Die Männer stehen auf kleine Frauen.“

Tja, aber ist es nicht die Absicht, die bei einem Kompliment zählt? Und wie es ankommt oder objektiv von außen wirkt, ist egal? Immerhin kann man doch froh sein, wenn jemand versucht, nett zu einem zu sein, oder?

So einfach ist das meiner Ansicht nach nicht. Es gibt ja auch Komplimente, über die man sich wirklich freut. Und über Komplimente à la „Sind Sie aber gut in Form!“ oder „Sie sprechen aber gut Deutsch“ freut man sich nicht so recht, weil sie irgendwie herablassend wirken. Aber was macht den Unterschied? Und warum wirken die Komplimente der zweiten Kategorie so unterschwellig respektlos? Mal sehen, ob ich das aufgedröselt bekomme …

An der Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit kann es nicht liegen. Denn auch jemand, der die Deutschkenntnisse von jemandem lobt, der hervorragend Deutsch spricht, meint es ja nur gut. Jemand, der die Figur von jemandem lobt, der vermutlich mit regelmäßigem Sport und bewusster, gesunder Ernährung auf eine schlanke Linie achtet, ist tatsächlich vom Anblick angetan.

Man könnte vielleicht sagen, dass es grundsätzlich daneben ist, die Figur einer First Lady überhaupt zu kommentieren. Das kann man so sehen, erklärt aber nicht, warum „Sie sprechen aber gut Deutsch“ ein ähnliches Unbehagen und Peinlichberührtsein hervorruft wie „Sie sind aber gut in Form“. Denn jemandes Sprachkenntnisse zu loben, hat nichts Anzügliches an sich.

Ich glaube, was mich an solchen Komplimenten, die keine sind, stört, ist dieser pseudofürsorgliche, möchtegerntröstende Unterton, diese ehrliche Überraschung des Komplimentierenden darüber, dass der andere irgendwas gut kann. Als hätte er ihm das vorher nicht zugetraut und sei auch jetzt noch aufrichtig perplex darüber, dass jemand, den er als weniger wertvollen Menschen betrachtet als sich selbst, überhaupt irgendetwas kann.

Hinzu kommt auch noch die über jeden Zweifel erhabene Überzeugung derer, die Anti-Komplimente machen, dass ihre Meinung über ihr Gegenüber besonders wichtig wäre. Dass der andere das Lob und die Aufmunterung des Komplimentierenden braucht, um Selbstwert zu empfinden. Und dann diese selbstgerechte Grundhaltung, dass sie sich dann total toll fühlen, weil sie einer bedauernswerten armen Seele so etwas Nettes gesagt haben, ganz uneigennützig, nur um zu helfen, weil sie Mitleid mit diesem minderbemittelten Tropf hatten.

Als jemand, der solche Anti-Komplimente empfängt, ist man in einer blöden Situation. Denn einerseits hat der andere gerade unbewusst offenbart, dass er normalerweise nicht viel von einem hält. Bewusst hat er aber von seiner Warte aus etwas Nettes gesagt und es ist nicht einfach zu erklären, was an dem Kompliment komisch und fremdbeschämend war. Also muss man das Kompliment wohl oder übel dankbar annehmen und Freude darüber heucheln. Man ist ja höflich und gut erzogen. Aber so ein leichtes Geschmäckle bleibt dann doch übrig.

Anders bei echten Komplimenten, die nicht in Wahrheit der Selbstdarstellung und Selbstbestätigung des Komplimentierenden dienen, sondern wirklich und wahrhaftig selbstlos sind und von Herzen kommen. Ich denke, wenn man so ein Kompliment bekommt, dann spürt man den Unterschied zu Anti-Komplimenten intuitiv.

Was meint ihr dazu?

Essai 174: Über grundlose Unhöflichkeit

2. Juli 2017

Beim besten Willen kann ich nicht nachvollziehen, warum manche Menschen unfreundlich zu Leuten sind, die ihnen gar nichts oder sogar etwas Nettes für sie getan haben. Da bin ich vielleicht auch etwas dogmatisch, ich weiß es nicht. Aber meiner Meinung nach gibt es keinen Grund, unhöflich zu sein, wenn der andere sich nicht wie ein Riesenarschloch aufführt. Und selbst, wenn jemand sich wie ein Riesenarschloch aufführt, sollte man höflich sein, weil man sich ja nicht zwingend auf dieses Arschloch-Niveau herabbegeben muss.

Genaugenommen gehe ich sogar soweit, zu behaupten, dass generell niemand unhöflich sein muss. Es gibt zwar manchmal begriffstutzige Vollpfosten, die völlig wahrnehmungsgestört und ich-bezogen sind, und die nicht kapieren, dass sie sich scheiße benehmen, sofern man sie nicht im Kasernentonfall anschnauzt und zusammenfaltet. Aber die haben dann ja angefangen. Sprich: Wenn die sich nicht unhöflich und achtlos verhalten hätten, gäbe es nichts, weswegen man sie anpflaumen müsste. Und für ihr ursprünglich pampiges Gebahren gibt es meines Erachtens keine Entschuldigung.

Sicher, manchmal hat man einen Pups quer sitzen, ist mit dem falschen Fuß aufgestanden oder PMS-bedingtes Hormongeschwurbel verhagelt einem die Laune (an die Herren: In diesem Fall ist davon abzusehen, eure Herzensdamen zu fragen, ob sie ihre Tage haben, wenn sie gereizt sind). Dann ist es verständlich und menschlich, wenn man etwas mürrisch ist und einem der Tonfall ein wenig harsch gerät. Aber dann kann man sich doch kurz entschuldigen, damit der andere weiß, es liegt nicht an ihm. „Sorry, heute ist echt nicht mein Tag“ oder sowas in der Art, das reicht dann ja schon, wenn man andere versehentlich brüskiert hat.

Was ich auch nicht verstehe – und es macht mich fuchsig, wenn ich was nicht verstehe – wenn Menschen grundsätzlich unhöflich und unfreundlich zu allen anderen sind. Die so eine Grundhaltung an den Tag legen, dass alle anderen immer alles falsch machen und das mit voller Absicht, nur um sie zu ärgern. Die davon ausgehen, dass alle ihnen Böses wollen. Die sich nicht vorstellen können, dass andere vielleicht Besseres zu tun haben, als jede Sekunde ihres Daseins mit Komplotten und perfiden Betrugsplänen zu verplempern, um dieser einen Person zu schaden.

Da kann man noch so aufrichtig freundlich und wohlwollend auf diese Menschen zugehen, sie finden immer irgendeinen subjektiven Vorwand, um einen auf den Schlips zu treten. Gut, es kann sein, dass dieser garstigen Grundhaltung ein langes Leben voller Gefühle der Einsamkeit, Enttäuschung und des Ungeliebtseins vorangegangen ist. Das tut mir ja auch leid. Aber trotzdem kann man sich ja wohl Leuten, die einem nichts getan haben, gegenüber zusammenreißen. Und wenn man das nicht kann, sollte man eine Psychotherapie in Erwägung ziehen. Ist ja nichts dabei, sich professionelle Hilfe bei Problemen zu holen, die man alleine nicht geregelt bekommt. Wenn man einfach weiterhin alle wie Dreck behandelt, nur weil man sich selbst wie Dreck fühlt, wird die eigene Situation nur noch schlimmer.

Früher oder später hat da nämlich keiner mehr Lust zu, sich ständig von jemandem, der den lieben langen Tag nur in seiner eigenen Galle versumpft und die ganze Welt außer sich selbst dafür verantwortlich macht, dass er sich schlecht fühlt, als Frustableiter missbrauchen zu lassen. Und dann ist derjenige wirklich einsam. Und hat dann niemanden, der ihm ab und zu mal den Spiegel vorhält, Grenzen aufzeigt, und sagt: So, jetzt reicht’s aber.

Aber vielleicht stelle ich mir das auch alles viel zu einfach vor. Ich gebe zu, ich kann mir das schwer vorstellen und mich da nicht hineinversetzen, wenn man so chronisch verbittert ist. Mich kostet es zugegebenermaßen überhaupt keine Mühe, freundlich und höflich zu meinen Mitmenschen zu sein. Klar, manchmal bin ich aus Versehen ein achtloser Paddel, und mache irgendwas, was andere verletzt, ohne es in dem Moment zu merken. Dann bin ich von meinem Selbstbild her überzeugt, dass ich voll nett war, aber in Wirklichkeit hat mich der andere als Arsch empfunden. Das habe ich noch nicht ausklamüsert, wie sich so etwas vermeiden lässt. Ich hoffe einfach, dass man mich in solchen Situationen sachlich darauf hinweist, dass ich was Blödes gemacht habe, damit ich mich entschuldigen und versuchen kann, es wieder gut zu machen.

Doch wenn jemand ständig scheiße zu allen ist, das kann ich nicht nachempfinden. Ich kann auch diesen falschen Stolz, der solche Leute daran hindert, sich Hilfe zu holen, um Probleme zu lösen, die sie alleine nicht in den Griff bekommen, nicht nachvollziehen. Gut, es gibt manche psychische Erkrankungen, die für Antriebslosigkeit sorgen, und es für Betroffene unheimlich schwer machen, eine Therapie anzufangen. Das ist dann noch mal was anderes. Aber ansonsten verstehe ich das nicht.

Was ich ebenfalls schwierig finde, ist der richtige Umgang mit solchen chronisch grundlos unhöflichen Zeitgenossen. Einerseits bin ich es allmählich leid, mein Seelenglück von solchen egozentrischen Stinkstiefeln vermiesen zu lassen. Dazu habe ich echt keine Lust mehr, ich bin jetzt Mitte 30 und langsam wirklich zu alt für diesen Scheiß. Die sollen sich entweder verdammt noch mal nicht so anstellen oder sich Hilfe suchen. Außerdem habe ich überhaupt nicht das professionelle psychologische Handwerkszeug, um solchen Leuten zu helfen. Andererseits habe ich aber ein schrecklich schlechtes Gewissen, weil ich ja niemanden im Stich lassen will, nur weil er ständig Scheißlaune hat und allen Menschen mit Misstrauen und Arroganz begegnet. Obwohl die das ja irgendwie nicht besser verdient haben, als dass ihnen die Freunde nach und nach davonlaufen.

Aber wenn sie alle Menschen gleichermaßen mies behandeln, ist es ja nicht persönlich gemeint, wenn sie bei mir keine Ausnahme machen. Und dann muss ich es doch eigentlich auch nicht persönlich nehmen … Allerdings sehe ich nicht ein, warum ich mich für Fieslinge aufreiben sollte, wenn es genug liebe, nette Menschen gibt, die meine Gesellschaft zu schätzen wissen und das ab und zu auch mal zeigen. Das muss ich doch nicht, oder?

Essai 173: Über Nettigkeit und Schmierigkeit

4. Juni 2017

Anscheinend ist es gar nicht so einfach Nettigkeit und Schmierigkeit auseinander zu halten. Dieser Eindruck entsteht zumindest, wenn man sich in Facebook-Diskussionen zum Thema Flirten einmischt. Da kann man sich wirklich die Finger fusselig tippen und immer wieder betonen, dass derjenige, der den ersten Schritt macht, einfach nur nett sein muss, das glaubt einem keiner. Es dauert in der Regel nicht lange, und irgendwer macht das Fass auf, von wegen: „Frauen stehen eh nur auf Arschlöcher. Wenn man als Mann nett ist, ist man doch gleich unten durch. Nett ist gleichbedeutend mit langweilig.“

Das gibt es zwar auch in der umgekehrten Variante, dass Frauen herumjammern, die guten Männer wären immer alle mit solchen Oberzicken zusammen, allerdings begegnet mir persönlich diese Version nicht so oft. Aber dass Männer, die sich selbst für total nett halten, den einen oder anderen Korb kassieren, und das darauf schieben, dass sie halt zu nett sind, das höre oder lese ich relativ häufig.

Und ich wundere mich darüber. Denn mir ist das noch nie passiert, dass ich eine Abfuhr bekommen hätte, weil ich zu nett war. Ein Arschloch bin ich aber auch nicht. Wenn ich eine Abfuhr bekommen habe, dann, weil der andere einfach nicht wollte. Punkt. Mehr steckt nicht dahinter. In allen anderen Fällen – das bezieht sich übrigens nicht alleine aufs Flirten, sondern grundsätzlich auf zwischenmenschliche Kommunikation – war es stets hilfreich, freundlich, höflich und nett zu bleiben. Sicher, manchmal kriegt man trotzdem ziemlich unfreundliche, arrogante oder aggressive Vorwürfe und Tiraden um die Ohren gehauen. Aber das liegt dann nicht an der Nettigkeit, sondern daran, dass der andere ein ernsthaftes Problem mit seinem Selbstwertgefühl und seiner Impulskontrolle hat.

Woran aber scheitern Flirtversuche, die der Anflirtende als nett empfindet, dann? Ich vermute, dass der Anflirtende in dem Moment nicht nett ist, weil er nett ist. Sondern, dass er nett ist, weil er was von dem anderen will, in der Regel Sex oder wenigstens ein sexy Herumgeplänkel mit späterer Aussicht auf Sex. Und das Objekt des Angeflirtetwerdens merkt, dass die Nettigkeit nicht aufrichtig ist, sondern Mittel zum Zweck. Und das, meine lieben Leserinnen und Leser, ist schmierig. Wer nett tut, weil er damit seine Bedürfnisse dem anderen aufoktroyieren möchte, weil er Nettigkeit als eine Währung begreift, und glaubt, er könnte sich damit die sofortige Erfüllung aller seiner Wünsche kaufen, ist ein Schmierlappen.

Da die Wenigsten Lust haben, mit einem Schmierlappen ins Bett zu gehen, klappen diese Flirtversuche in der Regel nicht. Das liegt nicht daran, dass man nett war, sondern daran, dass die Nettigkeit falsch, aufgesetzt, unehrlich, unauthentisch und berechnend war.

Wer wirklich nett ist, ist immer nett, auch, wenn er nichts von seinen Mitmenschen will. Die Nettigkeit ist dann eine Grundeinstellung, die immer mitschwingt, selbst, wenn man verärgert ist. Trotzdem bemüht man sich dann, in seinem Zorn nicht total unfair zu werden, bei sich zu bleiben und Eigenverantwortung zu übernehmen. Und wenn man sich als aufrichtig netter Mensch dann doch mal im Ton vergreift oder in seiner Wut gemein zu anderen wird, hat man kein Problem damit, sich hinterher – ebenfalls ehrlich und aufrichtig – zu entschuldigen.

Kann man das nicht, ist man nicht wirklich nett. Das ist ja nicht schlimm, es muss ja nicht jeder ein netter Mensch sein. Wobei, ich fände es persönlich sehr viel schöner, wenn es mehr wirklich nette Menschen gäbe, aber das nur so am Rande. Was mich aber nervt, ist, wenn man sich dann so eitel aufplustert, sämtliche Eigenverantwortung über Bord wirft, und sich aufs moralisch hohe Ross schwingt, indem man von sich behauptet, man wäre zu nett, und bekäme deswegen seinen Willen nicht anderen Menschen aufgezwungen.

Das finde ich einfach total widerlich, wenn man sich selbst als feiner Mensch, der nur das Wohl aller anderen im Sinn hat, aufbauscht, obwohl es einem in Wahrheit nur darum geht, immer und überall von jedem jeden Wunsch von den Lippen abgelesen und umgehend erfüllt zu bekommen. Entschuldigung! Wo leben wir denn hier? Im Leben hat man es nun mal eben mit anderen Menschen zu tun, die unterschiedliche Ziele, Wünsche, Bedürfnisse und Persönlichkeiten haben. Da kann ich nicht erwarten, dass sich alle nach mir, meinen Zielen, Wünschen und Bedürfnissen richten. Warum sollten sie das tun, wenn ich nicht dazu bereit bin, das für sie zu tun? Wie Ich-bezogen kann man eigentlich sein?

So. Und wer so dermaßen egomanisch unterwegs ist, mit überzogenen Ansprüchen an seine Umwelt und völlig unrealistischen Erwartungen an seine Mitmenschen, wer sich so dermaßen weigert, für sich Verantwortung zu übernehmen, der. Ist. NICHT. NETT!!! Der ist ein Arschloch. Und nur, weil ein Arschloch sich für unfassbar nett und charmant hält, ändert es nichts an seinem Arschlochtum. Es bekommt eben nur diesen schmierigen, klebrigen Schleim der Unaufrichtigkeit übergezogen.

Ich denke, wenn Frauen auf Arschlöcher stehen beziehungsweise Männer auf Oberzicken, dann liegt das daran, dass sich diese Leute nicht verstellen. Die sind so, wie sie sind, und das kann man mögen oder auch nicht, aber man weiß dann, woran man ist. Genauso weiß man intuitiv bei wirklich netten Menschen, dass sie es ehrlich meinen. Und das funktioniert meines Erachtens auch wunderbar. Es kommt halt nur seltener vor, dass man auf einen wirklich netten Menschen trifft.

Was meint ihr dazu?

Essai 172: Über Frauen, die scheiße sind

21. Mai 2017

Meine geneigte Leserschaft scheint sich sehr für das Thema „Frauen sind scheiße“ zu interessieren. Zumindest trudelt diese Suchanfrage ständig auf meinem Blog ein (WordPress verrät mir ja hin und wieder, mit welchen Suchanfragen Leute auf meinem Blog landen). Ich vermute, dass die Suchenden mit dieser Anfrage auf meinen Text über nervige Single-Männer landen, was ich ziemlich lustig finde, da sie in diesem Essai eher das Gegenteil dessen zu lesen bekommen, was sie vermutlich hören wollen. Aber da das offenbar viele Menschen umtreibt, wie gemein wir Frauen doch alle sind, dachte ich, ich kann dem ja mal einen Essai widmen und der User Intention besser gerecht werden. Oder auch nicht. Mal sehen.

Was könnte wohl einen Menschen dazu bewegen „Frauen sind scheiße“ zu googlen? Ich vermute, es handelt sich dabei überwiegend um Männer, die keinen Erfolg bei Frauen haben. Ein kleiner Teil mag auch Frauen betreffen, die von sich selbst behaupten, sie hätten nur männliche Freunde, weil unter Frauen ja immer gleich automatisch Zickenkrieg ausbricht, sobald sie aufeinander treffen. Wer kennt das nicht.

Diese beiden misogynen Menschenschläge haben dabei vor allem eines gemeinsam: Sie sind nicht schuld. Die anderen sind es.

Denn natürlich kann es nicht an ihrem eigenen Verhalten, ihrer eigenen Einstellung, ihrer eigenen Ausstrahlung liegen, dass sie von Frauen mutmaßlich schlecht behandelt werden. Nein, das liegt daran, dass alle Frauen grundsätzlich scheiße sind. Wir kommen schon scheiße auf die Welt, das liegt an den Hormonen und ist auf den X-Chromosomen so einprogrammiert (deswegen können Männer zum Beispiel auch nur höchstens halbscheiße sein). Und dann werden wir obendrein auch noch zum Scheißesein erzogen, mit diesem ganzen Pink und Lila und Glitzer und Einhörnern, Prinzessinnen und Flauschekatzenbabys. Da muss man ja einen Schaden davontragen. Den meisten von uns wird auch immernoch beigebracht, nett zu sein, zu lächeln, Hilfsbereitschaft zu zeigen und möglichst harmlos und hübsch zu sein, weil wir sonst keinen Mann abbekommen, und das wäre ja schrecklich. Was sollen wir Frauen denn so alleine auf uns gestellt bloß tun? Arbeiten? Hobbys? In Ruhe ein Buch lesen? OMG!!!11!1! Sonst noch was?

Mir wurde als Teenager von einer Seite der Verwandtschaft angemahnt: „Sei nicht immer so ironisch und sarkastisch, sonst kriegst du nie einen Mann.“ Und von anderer Seite hieß es: „Männer mögen kleine Frauen lieber“ (ich bin mit 1,58 m eher klein). Wie es aussieht, hat meine Kleinheit wohl meinen miesen Charakter wieder wettgemacht. Puh. Oder es liegt daran, dass mein Freund und ich humormäßig auf einer Wellenlinie schwimmen. Höhö.

Aber – Ach, weh – nicht jede Frau hat so viel Glück, dass ein Mann des Weges kommt, der über die ihr innewohnende Scheißheit hinwegzublicken vermag. Da sind dann alle Männer zu Tode beleidigt, wenn sich herausstellt, dass manche Frauen gelegentlich ihren eigenen Willen haben, der nicht mit ihrem Willen übereinstimmt. Potzblitz, was fällt ihnen ein? Und ich vermute, erleben Männer häufiger solche Situationen – insbesondere beim Balzverhalten -, und sind sie nicht gerade mit dem Talent zur kritischen Selbstreflexion gesegnet, dann schlussfolgern sie, dass Frauen scheiße sind.

Ähnliches gilt für Frauen, die sich vermeintlich ständig Zickenkriege mit Geschlechtsgenossinnen liefern. Sie haben in Wirklichkeit wahrscheinlich gar nicht so oft mit Stutenbissigkeit zu kämpfen gehabt, aber die entsprechenden Situationen haben sie offenbar geprägt. Sicher kommt es unter Frauen gelegentlich zu Statusstreitereien und ich meine irgendwo gelesen zu haben, dass die Hierarchie in reinen Frauengruppen keiner so klaren Hackordnung folgt, wie die Hierarchie in reinen Männergruppen. Das kann also Kabbeleien darüber geben, wer das letzte Wort hat und wessen Wort gilt.

Aber das ist doch kein Naturgesetz! Ich finde das zum Beispiel sehr angenehm, wenn die Hackordnung nicht so streng ist, weil ich mich dann nicht künstlich aufzuplustern und Dominanztheater zu spielen brauche, um einen Vorschlag zu machen oder meine Einschätzung kundzutun. Es reicht Fachwissen, Freundlichkeit, Sachlichkeit und sinnvolle Argumentation.

Mein Vorschlag für Frauen, die mit anderen Frauen nicht klarkommen, wäre der Folgende: Überdenkt noch mal euer eigenes Verhalten. Seid ihr wirklich ruhig, sachlich und freundlich geblieben? Habt ihr wirklich gute Argumente vorgebracht? Oder weiß die andere es womöglich tatsächlich besser? Es mag natürlich sein, dass man alles richtig gemacht hat und wird trotzdem angezickt, das ist mir auch schon ein paar Mal passiert. Allerdings sowohl von Frauen als auch von Männern. Aber das liegt in diesem Fall nicht an mir, sondern dann hat die/der andere irgendwelche Probleme mit sich selbst, die mich nichts angehen und für die ich nichts kann. Meistens lassen sich aber auch solche Leute zähmen, wenn man konsequent freundlich, sachlich und respektvoll bleibt, ihre Zickereien nicht persönlich nimmt, und mit Fachwissen überzeugt.

Was die Männer angeht, die dauernd Abfuhren kassieren: Auch das liegt nicht daran, dass Frauen per Definition scheiße sind. Das tut mir leid, euch da enttäuschen zu müssen. Die Wahrheit ist, wenn Frauen jemanden abblitzen lassen, dann, weil sie auf diesen Jemand nicht stehen. Badumm-Tss! So einfach ist das.

Ich hab mal wieder auf Facebook mit Leuten über das Thema diskutiert, und leider sind da viele total uneinsichtig. Einer meinte, er sei so erzogen worden, dass Frauen unerwünschtes Ansprechen als Vergewaltigung betrachten, deswegen spreche er keine Frauen an. Das sind dann so Leute, die sich irgendwann mal eine bestimmte Meinung gebildet haben, und sich dann für total integer, willensstark und großartig halten, wenn sie wider alle Logik auf dieser bescheuerten Meinung beharren.

Was ich nicht verstehe: Wenn Frauen tatsächlich so scheiße sind, warum sind die Männer dann so sauer, wenn Frauen sie abblitzen lassen? Die können doch froh sein, dass ihnen so ein scheißiges Wesen erspart blieb. Logischerweise dürften sie die Frauen auch gar nicht erst angraben, wenn sie sie so kacke finden. Und wenn ihnen jemand sagt, dass womöglich ihre Balzstrategie verbesserungswürdig ist, sind sie so tief gekränkt und rechtschaffen empört, als hätte man ihre Männlichkeit als solche angezweifelt.

Sie scheinen nicht zu begreifen, dass es einen Unterschied macht, wie ich mich einer fremden Person nähere. Ich kann zu jemandem hingehen, freundlich und unaufdringlich „Hallo“ sagen, höflich fragen, ob ich mich setzen kann, und schauen, was passiert. Stimmt die Chemie einigermaßen, entsteht zumindest ein nettes Gespräch.

Rücke ich aber einer fremden Person – eventuell sogar im angetrunkenen Zustand – nah auf die Pelle, raune ihr einen Standardspruch à la „Hat es wehgetan, als du vom Himmel gefallen bist/Du hast so schöne Augen/Darf ich dir einen Drink spendieren“ ungebeten ins Ohr, und versuche auf Tuchfühlung zu gehen oder mich ungefragt neben sie zu setzen, dann stößt das nun mal eben bei den Wenigsten auf Gegenliebe. Und dann ist eine Abfuhr sehr wahrscheinlich. Wenn diese Abfuhr ein „Nein, Danke“ ist, dann hat man sogar noch Glück gehabt. Dann hat man den Korb nicht gekriegt, weil alle Frauen scheiße sind, sondern, weil man sich selbst wie der allerletzte Arsch aufgeführt hat.

Also: Bevor man pauschal eine bestimmte Menschengruppe als scheiße abstempelt, weil man ein paar unangenehme Erlebnisse mit Vertretern dieser Gruppe hatte, sollte man sein eigenes Verhalten überdenken – und eventuell ändern. Das gilt nicht nur für Leute, die behaupten, Frauen wären scheiße, sondern auch für alle, die Männer prinzipiell scheiße finden, oder Ausländer, oder sonstwas. Außer Nazis. Die sind wirklich scheiße. Aber die sind ja auch nicht von Geburt an so, sondern haben sich dazu entschieden, hasserfüllte Riesenarschlöcher zu sein, und können sich wieder umentscheiden.

Essai 171: Über Jammern und Wehklagen

9. Mai 2017

Hin und wieder kommt man im Leben in Situationen, in denen man entscheiden muss: „Soll ich’s wirklich machen oder lass ich’s lieber sein?“ („Jein!“ – Oooohrwurm! 😛 ) Meistens befindet man sich in einem Zwiespalt, weil erwünschtes Ergebnis und unerwünschter Aufwand sich ungefähr die Waage halten, und man gründlich überlegen muss, ob man das Ergebnis wirklich unbedingt erreichen will und deswegen bereit ist, eine Tonne Nervkram zu bewältigen, oder ob man eigentlich auch ganz gut mit den Konsequenzen des Nichthandelns leben könnte, wenn erst einmal alles so bleibt wie es ist. Das sind dann so die Momente, in denen ich mit mir hadere und bevor ich mich da mit meinen Gedanken ewig im Kreis drehe und nicht vorwärts komme, teile ich sie lieber jemandem mit.

Das Problem ist, ich gehe den Leuten damit auf den Keks. Die finden nämlich, ich würde jammern und wehklagen und mich an meinem Selbstmitleid ergötzen, was ich umgekehrt ja auch nicht gerade als unterhaltsam betrachte. Das Ding ist, von meiner Warte aus hat das mit Jammern nichts zu tun, wenn ich meinen inneren Zwiespalt schildere, weil ich ja an einer Lösung interessiert bin. Und da finde ich das oft hilfreich, mein Gedankenchaos laut auszusprechen und es jemandem zu beschreiben, weil ich dabei dann etwas Ordnung in das Durcheinander bringen kann. Außerdem hilft eine Außenperspektive ja häufig dabei, alles ein bisschen realistischer zu betrachten und Dinge zu erkennen, die man vorher nicht gesehen hat, weil man selbst zu nah dran war. Blöd nur, dass ich immer anfange zu heulen, wenn ich versuche, das jemandem zu erklären, wenn ich ohnehin gerade aufgrund eines Dilemmas aufgewühlt bin. Menno!

Es ist jetzt auch nicht so, dass ich wildfremden Leuten in der U-Bahn meine Seelenqualen auf die Nase binde und ihnen als distanzloses Ungeheuer den letzten Nerv raube. Eigentlich bespreche ich meine Schwierigkeiten bei großen Entscheidungen und fiesen Zwiespälten nur mit meinem Freund und meinen engsten Freunden oder schreibe hier auf dem Blog darüber und gehe dem Internet auf den Zeiger. Leider heißt es dann meistens früher oder später, ich solle aufhören zu jammern, oder es kommen so hilfreiche Vorschläge wie: „Ja, dann mach doch das“ und wenn ich die Gegenargumente anführe: „Ja, dann lässt du’s halt.“ – Als ob ich auf diese beiden Optionen nicht auch von alleine gekommen wäre.

Tja, also, was tun? Ich will ja meinen Lieblingsmenschen nicht die Nerven zersägen und ihre Zeit mit meinen Wohlstandswehwehchen verplempern. Aber was, wenn ich alleine einfach nicht zu einer Lösung komme? Das gibt es ja manchmal, dass man lauter lose Teile und Gedankensplitter vor sich liegen hat, aber wie alles zusammenpasst, was das Gesamtbild ist, dazu braucht man ein bisschen Hilfe. Umgekehrt bin ich ja auch bereit, mir die Dilemmata meiner Freunde anzuhören, und auf Nachfrage meine Einschätzung dazu zu formulieren. Wobei zugegebenermaßen irgendwie immer alle genau zu wissen scheinen, was sie wollen und was nicht, nur ich bin dazu zu dusselig.

Ich denke, Jammern und Wehklagen ist es doch eigentlich nur, wenn man Mitleid erheischen und hören will, dass man total toll ist. Fishing for compliments, sozusagen. Insofern habe ich in diesem Essai tatsächlich ziemlich viel gejammert, denn ich würde natürlich schon gern hören: „Aber nein! Du bist nicht dusselig! Du bist kein weinerlicher Jammerlappen, der der ganzen Welt mit seinen Luxusproblemen in den Ohren liegt!“ und ich würde mich selbstverständlich gebauchpinselt fühlen, wenn jetzt jemand schreibt, dass das total gemein ist, mir Jammerei vorzuwerfen, obwohl das überhaupt nicht meine Intention ist. Ebenfalls fände ich es erbauend, wenn es anderen auch manchmal so geht, und ich nicht alleine bin.

Allerdings ist das aber nicht alles. Ich wüsste auch gern, was ich tun kann, wenn ich mit einer großen, wichtigen Entscheidung alleine nicht weiterkomme, wie ich meinen Zwiespalt meinen Freunden schildern kann, ohne dass die das für bloßes Mitleidsgeheische halten. Wie kann ich das so formulieren, dass klar wird, ich bin an Sachkritik und ehrlichen Einschätzungen interessiert, aber seid bitte trotzdem nett zu mir? Also, falls jemand eine Idee hat, bitte gern unten in die Kommentare schreiben. 🙂

Essai 170: Über zweifelhafte Konfliktlösungsstrategien

2. April 2017

Um ehrlich zu sein, bin ich manchmal schon ein ziemlicher Feigling. Wenn’s irgendwo nach Ärger riecht, Streit oder Unfrieden droht, ergreife ich ganz gern vorsorglich die Flucht und gehe dem Konflikt aus dem Weg. Das ist übrigens im Tierreich, zum Beispiel unter Katzen, eine völlig legitime Konfliktlösungsstrategie, aber unter Menschen ist das alles ein bisschen komplizierter.

Wenn zum Beispiel zwei Katzen einander auf einem Weg begegnen, der zu keinem Revier der beiden gehört, bleiben sie erst einmal stehen, taxieren sich aus einem höflichen Abstand heraus, und einigen sich schließlich darauf, ganz friedlich aneinander vorbei zu laufen und ihrer Wege zu gehen. Wirklich Zoff gibt’s nur, wenn er unvermeidbar ist, etwa, weil die Revierzugehörigkeit unklar ist und keine Rückzugsmöglichkeit besteht. Dann muss man den Konflikt kurz mit Tatzenhieben und Gefauche ausfechten, und danach ist es in der Regel auch wieder gut. Es sei denn, die Katzen hocken dauerhaft auf zu engem Raum und ohne Rückzugsmöglichkeit aufeinander, aber das ist eine andere Geschichte.

Das Nervige bei Menschen ist, dass wir uns vor allem verbal verständigen und nicht – wie Katzen und andere Tiere – nonverbal. Wenn es bei uns zu Konflikten kommt, heißt es immer, man müsste darüber reden. Leider kommt es aber gerade beim Reden oft zu Missverständnissen und manchmal entsteht durch missverstandene Worte überhaupt erst ein Konflikt. Das ist fürchterlich anstrengend, das hinterher dann ebenfalls mit Worten auseinander zu klamüsern, die dann möglicherweise wieder missverstanden werden. Und da möchte ich mich dann manchmal am liebsten einfach verkriechen und mich verstecken, bis der Konflikt sich hoffentlich von alleine in Wohlgefallen aufgelöst hat.

Im Kontext menschlichen Sozialverhaltens gilt diese Konfliktlösungsstrategie allerdings als reichlich unreif, kindisch und albern. Ich komme mir dann ja auch selbst völlig bescheuert vor, wenn ich mal wieder versuche, mit meiner Ausweichtaktik einen Konflikt solange zu ignorieren, bis er hoffentlich wieder ohne mein Zutun verschwindet. Obwohl es manchmal vermutlich schlauer und schneller ginge, doch miteinander ehrlich zu reden.

Aber dann weiß man ja oft nicht, was andere Menschen so denken, wie die drauf sind, wo ihre Empfindlichkeiten liegen. Und nachher überwinde ich meine Konfliktscheu, springe mutig und tapfer über meinen Schatten, sage, was ich denke, und der andere ist hinterher noch wütender auf mich oder enttäuschter von mir als vorher, weil ich meine Wortwahl ungeschickt getroffen habe. Oder ich lege jedes Wort ganz genau auf die Goldwaage, sodass der andere völlig genervt ist, weil ich nicht auf den Punkt komme. Auch blöd.

Normalerweise komme ich ganz gut damit zurecht, Konflikte gar nicht erst entstehen zu lassen, indem ich einfach von vorneherein freundlich und höflich zu allen bin, die mir nichts getan haben. Wenn doch einmal der äußerst seltene Fall eintritt, dass mich jemand absichtlich ärgert, ist das allerdings auch kein Problem, weil ich dann keinen Grund sehe, auf dessen Gefühle Rücksicht zu nehmen, und dann kann ich ihm ja problemlos meinen ehrlichen Ärger um die Ohren hauen. Das ist für denjenigen dann wenig erfreulich, aber das ist dann Pech, man muss mich ja nicht unnötig reizen. Kurz zur Klarstellung: Man muss das schon wirklich darauf anlegen, mich zu verärgern, ich bin da in der Regel sehr duldsam und langmütig.

Wenn es aber dann doch zu einem Missverständnis oder einem anderen Konflikt kommt, bin ich aufgeschmissen. Ich will den anderen ja nicht verletzen, unnötig gemein sein oder das Missverständnis noch weiter vertiefen. Aber auf eine offene Auseinandersetzung habe ich auch absolut keine Lust. Und wie ehrlich ich sein kann, ohne den Konflikt zu verschärfen, weiß ich dann ja auch nicht im Voraus. Und weil ich dann überhaupt nicht weiß, was ich machen soll, mache ich dann bevorzugt gar nichts, sprich: ich gehe der ganzen Geschichte aus dem Weg und komme mir völlig dusselig vor.

Seufz! Das Leben wäre um einiges einfacher, wenn wir uns tatsächlich nur über Körpersprache, Gerüche und Laute verständigen würden. Auf der anderen Seite ist verbale Sprache aber auch so eine faszinierende und vielseitige Sache, dass ich sie nicht missen möchte. (Zumal ich damit meine Brötchen verdiene) Vielleicht muss man Uneinigkeit manchmal auch einfach aushalten. Oder? Was meint ihr dazu?

Essai 169: Über Konkretes und Allgemeines

8. März 2017

Normalerweise bin ich ja ein Vorbild an Selbstbeherrschung. Aber es gibt Momente, da bin ich so aus dem Konzept gebracht, dass ich einfach anfange zu flennen. Meine Lieblingsfreundin schafft es irgendwie jedes Mal, wenn wir uns sehen, mich so komplett zu verwirren, dass mir sofort die Tränen in die Augen schießen und ich Heulsuse dastehe wie der letzte Vollidiot.

Dann tut es ihr furchtbar leid und mir tut es furchtbar leid und es ist alles ein ziemliches Durcheinander. Ich glaube aber, es gibt ein Licht am Ende des Tunnels (das nicht von einem entgegenkommenden Zug kommt, falls das hier irgendein neunmalkluger „Realist“ dazwischenwitzeln wollte). Zumindest habe ich den Eindruck, dass ich mit jedem Heulkrampf der Antwort auf die Frage näher komme, warum es zwischen uns immer mal wieder Missverständnisse gibt.

Es ist nämlich so, dass sie gern anderen Menschen hilft, besonders denen, die sie mag. Mir will sie also auch helfen, und gibt mir dann ab und zu gut gemeinte Ratschläge. Leider kommen diese Ratschläge oft, bevor ich auf die Idee gekommen wäre, überhaupt ein dazu passendes Problem zu haben. Und das verwirrt mich, denn wenn man mir einen gut gemeinten Rat gibt, dann hat man offenbar den Eindruck, dass ich den gebrauchen kann. Und wenn ich ausstrahle, dass ich einen Rat brauche, müsste da doch auch ein Problem sein, das mir vielleicht nur noch nicht bewusst ist.

Dann fange ich natürlich an zu grübeln und zu überlegen, was für ein Problem ich denn haben könnte, das sich mit diesem Rat lösen ließe. Wenn ich auf Anhieb nichts Passendes finde, wirft mich das in einen Zwiespalt. Ich will ja gern dankbar den Tipp annehmen, aber wenn ich in dem Moment gar nicht weiß, wie ich das tun und kommunizieren soll, dann kann ich das nicht. Dann streiten – Ach! – zwei Seelen in meiner Brust und ich fange an zu heulen, weil ich nicht weiß, wohin mit meiner Verwirrung. Ja, und das ist dann jedes Mal total peinlich.

Meine Vermutung ist, dass wir in diesen Momenten einfach komplett aneinander vorbeireden und von unterschiedlichen Prämissen ausgehen und es deswegen zu Missverständnissen kommt. Ich glaube, sie meint den Ratschlag ganz allgemein und erwartet auch gar nicht von mir, dass ich ihn sofort in die Tat umsetze. Sie will’s halt nur mal gesagt haben, weil sie helfen möchte. Aber ich nehme das dann immer als konkrete Handlungsaufforderung wahr, nehme ihre Aussage viel zu wörtlich und denke, dass ich jetzt sofort irgendwie darauf reagieren muss.

Zum Beispiel: Ein häufiges Thema zwischen uns ist das „Über den eigenen Schatten springen“, also das Verlassen seiner Komfortzonen. Ihr Rat ist, dass man auch bei Kleinigkeiten über seinen Schatten springen sollte, weil es einem dann irgendwann in Fleisch und Blut übergeht und dann nicht mehr schwierig und anstrengend ist. Neulich waren wir im Restaurant und ich hatte eine Flasche Wasser bestellt, in der Annahme, dass damit klar ist, dass ich die 0,75 Liter Flasche meinte und nicht die 0,25 Liter. Der Kellner brachte aber Letzteres. Ich hab kurz überlegt, sage ich was? Aber dann dachte ich, geht ja auch so, was soll’s.

Daraufhin kam dann wieder der Ratschlag, ich solle doch auch in solchen Situationen ruhig mal den Mund aufmachen und den Kellner auf seinen Fehler hinweisen. Ich habe nicht geschnallt, dass die konkrete Situation als Beispiel gemeint war, weil sich das gerade anbot, sondern dachte, Oh nein, jetzt habe ich hier schon wieder alles falsch gemacht und mich schon wieder nicht getraut, mich zu behaupten und mich durchzusetzen, weil ich dafür zu blöde bin. Gleichzeitig dachte ich aber auch, ich hab mir das doch ganz bewusst überlegt, ob ich es für lohnenswert erachte, die Unbequemlichkeit auf mich zu nehmen, über meinen Scheißschatten zu springen oder nicht. Und in diesem bestimmten Moment fand ich es lohnenswerter, in Ruhe in meiner Komfortzone eingemuckelt zu bleiben.

Ich sehe ja ein, dass meine Freundin da theoretisch und allgemein vollkommen recht hat. Aber ist das denn so falsch, eine allgemeine Theorie in der Praxis in konkreten Situationen auf ihre Stimmigkeit hin zu überprüfen und sich bewusst dafür oder dagegen zu entscheiden, sie anzuwenden? Wenn ich zum Beispiel über meinen Schatten springe, um im Beruf weiter voranzukommen, indem ich bei passenden Gelegenheiten meine Wünsche und Vorstellungen äußere, dann lohnt sich das. Wenn ich damit leben kann, weniger Wasser zu trinken, muss ich doch nicht einen schusseligen Kellner zurechtweisen, obwohl mir das total unangenehm ist und ich selbst am Missverständnis nicht ganz unschuldig bin?

Oder sehe ich das falsch? Was meint ihr dazu: Soll man immer seine Komfortzonen verlassen, um des Komfortzonenverlassens willen, damit man sich daran gewöhnt und es einem irgendwann leicht fällt, seine eigenen Grenzen auszuweiten? Oder ist es in Ordnung, wenn man ab und zu, in harmlosen Situationen, ein bisschen bequem ist, sofern man mit den Konsequenzen seiner Faulheit zu leben bereit ist?

Essai 168: Über Misologie und selbstgewähltes Arschlochtum

17. November 2016

Facebook-Diskussionen sind zum Glück ein nie versiegender Quell der Inspiration; dieses Mal geht es um den Begriff der Misologie, den ich im Zuge einer solchen Debatte entdeckt habe. Dabei handelt es sich laut Duden um eine starke Abneigung bis hin zu Hass gegen den Logos, also vernünftige, sachliche Auseinandersetzungen und Argumente. Ich habe so den Eindruck, damit bin ich auf ein Wort gestoßen, das absolut treffend das beschreibt, was auf dieser Welt schief läuft. Ein zeitgenössischer Trend ist es jedoch nicht, sondern – man rufe sich kurz Hexenverbrennungen oder von mir aus auch Jesus‘ Kreuzigung ins Gedächtnis – es scheint in der menschlichen Natur zu liegen, dem Logos grundsätzlich erst einmal zu misstrauen. Wie heißt es doch so schön? Niemand mag Klugscheißer. Isso.

In der entsprechenden Facebook-Diskussion ging es zunächst um Phobien, dann kam irgendwann die Frage auf, weshalb man denn bei Homophobie oder Xenophobie ebenfalls von einer krankhaften Angst spreche … schließlich hätten die Leute nicht in erster Linie Angst vor Homosexuellen oder Fremden, sondern seien schlichtweg Arschlöcher. Charakteristisch für eine Phobie ist ja, dass man wirklich Angst bis hin zu Panik vor etwas hat, obwohl man rational weiß, dass das unsinnig ist. Homophobe und Xenophobe hingegen haben einen starken Hass gegen Homosexuelle oder Fremde, sind jedoch davon überzeugt, dass das vollkommen rational sinnvoll und logisch begründet ist.

Neugierig wie ich bin, habe ich daraufhin kurz recherchiert, ob es nicht einen passenderen Begriff für solche Menschen gibt, die starrsinnig wider jede Vernunft darauf beharren, ihre Arschlochmeinung sei moralisch völlig legitim. Mir schwebte etwas mit der Vorsilbe „mis-“ oder „miso-“ vor, da ja Frauenfeindlichkeit Misogynie, Männerfeindlichkeit Misandrie, Kinderhass Misopädie und Menschenhass Misanthropie genannt wird. Dabei stieß ich letztendlich auf „Misologie“ und fand, das kam dem zumindest nahe. Schließlich hassen ja sowohl Homophobe als auch Xenophobe das, was sie als anders als sie selbst wahrnehmen.

Allerdings spielt Angst bei Hass schon eine Rolle. Bei einer Phobie weiß man jedoch, dass man Angst hat und weiß auch, dass es dafür eigentlich keinen Grund gibt. Bei Hass leugnet man vor sich selbst, dass man Angst hat, weil man sich nicht schwach und verletzlich fühlen will (wer will das schon?), und vor dieser Schwäche wiederum so viel Angst hat, dass man alles tut, um sie zu verdrängen und sich nichts anmerken zu lassen. Und dieses „alles“ bezieht dann auch die Angriff-ist-die-beste-Verteidigung-Taktik mit ein, wobei sich Betroffene dann so weit in ihre Paranoia hineinsteigern, dass sie überall Grund zur Verteidigung wittern – erst recht bei Dingen oder Menschen, die sie nicht sofort einschätzen können, weil sie anders sind.

Solche Misologen sind dann auch besonders anfällig für postfaktische Parolen pöbelnder Populisten (ich weiß, Alliterationen sind schlechter Stil, aber das bietet sich an dieser Stelle einfach an 😛 ). Das ist ja auch logisch (!), wer eine Abneigung gegen sachliche, vernünftige Argumente hat, bevorzugt das Gegenteil davon: Sündenböcke, am besten solche, die sich nicht wehren können als Schuldige, die dann an den Pranger gestellt werden – wahlweise und je nach Epoche und Kultur auch auf den Scheiterhaufen, aufs Schafott, unter die Guillotine, an den Galgen, auf den elektrischen Stuhl und was sich Menschen sonst noch so Feines ausgedacht haben, um sich wie Gott höchstselbst aufzuspielen und das Leben anderer Menschen zu beenden. Neben dem Sündenbock werden dann noch Katastrophenszenarien konstruiert, möglichst pompös und in einfachen Worten – die Zielgruppe will ja nicht erst über das Gesagte nachdenken müssen und auch die Populisten wollen tunlichst vermeiden, dass ihre Adressaten den hasserfüllten Scheißdreck hinterfragen, den sie ihnen so mühevoll vorgekaut haben.

Dabei wird absichtlich auch Angst geschürt, praktischerweise aber auch gleich ein einfaches Allheilmittel gegen die Furcht mitgeliefert, nämlich besagter Hass. Was mich wütend macht, ist, dass so viele Menschen dieses – wie ich finde – einfache Rezept so bereitwillig schlucken. Man müsste eigentlich nur kurz innehalten und den Populisten aufmerksam zuhören, ihre Parolen logisch auseinandernehmen und es bliebe nichts weiter übrig als heiße Luft, ausgefurzt von machtgeilen, gierigen Oberriesenarschlöchern, die diese ganzen „besorgten Bürger“, die frustrierten Abgehängten, als Wahlvieh missbrauchen, und sich darüber hinaus eine elende Mistkacke für sie interessieren. Man verzeihe mir meine Fäkalsprache, weil … ach … nur so.

Echt mal, glaubt zum Beispiel irgendeiner von den Dumpftröten, die Trump gewählt haben, dass der jetzt hingeht, dem Establishment in den verwöhnten Snobbyhintern tritt, Wohlstand, Jobs, Wohneigentum, Krankenversorgung, Bildungschancen und so weiter sozial gerecht unter allen Menschen aufteilt und dann mit seinem Schlitten und den Rentieren frohlockend und mit Glockengeläut zurück in den Himmel aufsteigt? Am Arsch! Gut, das hätte Hillary Clinton genausowenig gemacht, da muss man sich auch nichts vormachen. Und was die kriegstreiberische Außenpolitik angeht, wäre sie wohl auch nicht gerade zimperlich gewesen.

Aber das sind doch die eigentlichen Probleme: dass die Kluft zwischen Arm und Reich immer größer wird. Dass die Armen immer weniger haben, die Reichen immer mehr. Dass die soziale Gerechtigkeit, so es sie denn überhaupt jemals gab, immer weiter kaputtgespart wird. Dass Bildung und Krankenversorgung kaputtgespart werden. Dass Kultur keine Sau interessiert. Dass sich Lobbyisten und Politiker gegenseitig beschenken, Nepotismus in den oberen Schichten alles schön in den eigenen Reihen belässt. Dass Banken mit Geld spekulieren, das sie sich ausgedacht haben. Dieser ganze neoliberale Irrsinn, der völlig außer Kontrolle geraten ist, und dass die Menschen aus der letzten Finanzkrise nichts gelernt haben. Dass Menschen auch aus den Weltkriegen nichts gelernt haben. Gier und Machtstreben, das ist das, was schiefläuft.

Aber nein, es ist ja so viel einfacher, gefühlte Wahrheiten und nachgeplappertes Hassgepredige von irgendwelchen Demagogen als Grundlage für seine heilige „Meinung“ zu nehmen, sich gegen jede Art von sachlichem Dialog und logischen Argumenten zu verschließen. In seinem eigenen Hass zu schwelgen und sich dabei stark zu fühlen, weil man mit seinem Hass und seiner Misologie nicht alleine ist. Dabei ist es möglich, dem zu widerstehen. Und ich bin der Ansicht, es ist sogar notwendig, dem zu widerstehen, nicht zum Arschloch zu werden, nur, weil man es kann und weil es im ersten Moment kurzfristig einfacher erscheint. Ansonsten werden keine Probleme gelöst, im Gegenteil, alles wird nur noch schlimmer. Und Gewinner gibt es am Ende keine.


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