Essai 173: Über Nettigkeit und Schmierigkeit

4. Juni 2017

Anscheinend ist es gar nicht so einfach Nettigkeit und Schmierigkeit auseinander zu halten. Dieser Eindruck entsteht zumindest, wenn man sich in Facebook-Diskussionen zum Thema Flirten einmischt. Da kann man sich wirklich die Finger fusselig tippen und immer wieder betonen, dass derjenige, der den ersten Schritt macht, einfach nur nett sein muss, das glaubt einem keiner. Es dauert in der Regel nicht lange, und irgendwer macht das Fass auf, von wegen: „Frauen stehen eh nur auf Arschlöcher. Wenn man als Mann nett ist, ist man doch gleich unten durch. Nett ist gleichbedeutend mit langweilig.“

Das gibt es zwar auch in der umgekehrten Variante, dass Frauen herumjammern, die guten Männer wären immer alle mit solchen Oberzicken zusammen, allerdings begegnet mir persönlich diese Version nicht so oft. Aber dass Männer, die sich selbst für total nett halten, den einen oder anderen Korb kassieren, und das darauf schieben, dass sie halt zu nett sind, das höre oder lese ich relativ häufig.

Und ich wundere mich darüber. Denn mir ist das noch nie passiert, dass ich eine Abfuhr bekommen hätte, weil ich zu nett war. Ein Arschloch bin ich aber auch nicht. Wenn ich eine Abfuhr bekommen habe, dann, weil der andere einfach nicht wollte. Punkt. Mehr steckt nicht dahinter. In allen anderen Fällen – das bezieht sich übrigens nicht alleine aufs Flirten, sondern grundsätzlich auf zwischenmenschliche Kommunikation – war es stets hilfreich, freundlich, höflich und nett zu bleiben. Sicher, manchmal kriegt man trotzdem ziemlich unfreundliche, arrogante oder aggressive Vorwürfe und Tiraden um die Ohren gehauen. Aber das liegt dann nicht an der Nettigkeit, sondern daran, dass der andere ein ernsthaftes Problem mit seinem Selbstwertgefühl und seiner Impulskontrolle hat.

Woran aber scheitern Flirtversuche, die der Anflirtende als nett empfindet, dann? Ich vermute, dass der Anflirtende in dem Moment nicht nett ist, weil er nett ist. Sondern, dass er nett ist, weil er was von dem anderen will, in der Regel Sex oder wenigstens ein sexy Herumgeplänkel mit späterer Aussicht auf Sex. Und das Objekt des Angeflirtetwerdens merkt, dass die Nettigkeit nicht aufrichtig ist, sondern Mittel zum Zweck. Und das, meine lieben Leserinnen und Leser, ist schmierig. Wer nett tut, weil er damit seine Bedürfnisse dem anderen aufoktroyieren möchte, weil er Nettigkeit als eine Währung begreift, und glaubt, er könnte sich damit die sofortige Erfüllung aller seiner Wünsche kaufen, ist ein Schmierlappen.

Da die Wenigsten Lust haben, mit einem Schmierlappen ins Bett zu gehen, klappen diese Flirtversuche in der Regel nicht. Das liegt nicht daran, dass man nett war, sondern daran, dass die Nettigkeit falsch, aufgesetzt, unehrlich, unauthentisch und berechnend war.

Wer wirklich nett ist, ist immer nett, auch, wenn er nichts von seinen Mitmenschen will. Die Nettigkeit ist dann eine Grundeinstellung, die immer mitschwingt, selbst, wenn man verärgert ist. Trotzdem bemüht man sich dann, in seinem Zorn nicht total unfair zu werden, bei sich zu bleiben und Eigenverantwortung zu übernehmen. Und wenn man sich als aufrichtig netter Mensch dann doch mal im Ton vergreift oder in seiner Wut gemein zu anderen wird, hat man kein Problem damit, sich hinterher – ebenfalls ehrlich und aufrichtig – zu entschuldigen.

Kann man das nicht, ist man nicht wirklich nett. Das ist ja nicht schlimm, es muss ja nicht jeder ein netter Mensch sein. Wobei, ich fände es persönlich sehr viel schöner, wenn es mehr wirklich nette Menschen gäbe, aber das nur so am Rande. Was mich aber nervt, ist, wenn man sich dann so eitel aufplustert, sämtliche Eigenverantwortung über Bord wirft, und sich aufs moralisch hohe Ross schwingt, indem man von sich behauptet, man wäre zu nett, und bekäme deswegen seinen Willen nicht anderen Menschen aufgezwungen.

Das finde ich einfach total widerlich, wenn man sich selbst als feiner Mensch, der nur das Wohl aller anderen im Sinn hat, aufbauscht, obwohl es einem in Wahrheit nur darum geht, immer und überall von jedem jeden Wunsch von den Lippen abgelesen und umgehend erfüllt zu bekommen. Entschuldigung! Wo leben wir denn hier? Im Leben hat man es nun mal eben mit anderen Menschen zu tun, die unterschiedliche Ziele, Wünsche, Bedürfnisse und Persönlichkeiten haben. Da kann ich nicht erwarten, dass sich alle nach mir, meinen Zielen, Wünschen und Bedürfnissen richten. Warum sollten sie das tun, wenn ich nicht dazu bereit bin, das für sie zu tun? Wie Ich-bezogen kann man eigentlich sein?

So. Und wer so dermaßen egomanisch unterwegs ist, mit überzogenen Ansprüchen an seine Umwelt und völlig unrealistischen Erwartungen an seine Mitmenschen, wer sich so dermaßen weigert, für sich Verantwortung zu übernehmen, der. Ist. NICHT. NETT!!! Der ist ein Arschloch. Und nur, weil ein Arschloch sich für unfassbar nett und charmant hält, ändert es nichts an seinem Arschlochtum. Es bekommt eben nur diesen schmierigen, klebrigen Schleim der Unaufrichtigkeit übergezogen.

Ich denke, wenn Frauen auf Arschlöcher stehen beziehungsweise Männer auf Oberzicken, dann liegt das daran, dass sich diese Leute nicht verstellen. Die sind so, wie sie sind, und das kann man mögen oder auch nicht, aber man weiß dann, woran man ist. Genauso weiß man intuitiv bei wirklich netten Menschen, dass sie es ehrlich meinen. Und das funktioniert meines Erachtens auch wunderbar. Es kommt halt nur seltener vor, dass man auf einen wirklich netten Menschen trifft.

Was meint ihr dazu?

Essai 172: Über Frauen, die scheiße sind

21. Mai 2017

Meine geneigte Leserschaft scheint sich sehr für das Thema „Frauen sind scheiße“ zu interessieren. Zumindest trudelt diese Suchanfrage ständig auf meinem Blog ein (WordPress verrät mir ja hin und wieder, mit welchen Suchanfragen Leute auf meinem Blog landen). Ich vermute, dass die Suchenden mit dieser Anfrage auf meinen Text über nervige Single-Männer landen, was ich ziemlich lustig finde, da sie in diesem Essai eher das Gegenteil dessen zu lesen bekommen, was sie vermutlich hören wollen. Aber da das offenbar viele Menschen umtreibt, wie gemein wir Frauen doch alle sind, dachte ich, ich kann dem ja mal einen Essai widmen und der User Intention besser gerecht werden. Oder auch nicht. Mal sehen.

Was könnte wohl einen Menschen dazu bewegen „Frauen sind scheiße“ zu googlen? Ich vermute, es handelt sich dabei überwiegend um Männer, die keinen Erfolg bei Frauen haben. Ein kleiner Teil mag auch Frauen betreffen, die von sich selbst behaupten, sie hätten nur männliche Freunde, weil unter Frauen ja immer gleich automatisch Zickenkrieg ausbricht, sobald sie aufeinander treffen. Wer kennt das nicht.

Diese beiden misogynen Menschenschläge haben dabei vor allem eines gemeinsam: Sie sind nicht schuld. Die anderen sind es.

Denn natürlich kann es nicht an ihrem eigenen Verhalten, ihrer eigenen Einstellung, ihrer eigenen Ausstrahlung liegen, dass sie von Frauen mutmaßlich schlecht behandelt werden. Nein, das liegt daran, dass alle Frauen grundsätzlich scheiße sind. Wir kommen schon scheiße auf die Welt, das liegt an den Hormonen und ist auf den X-Chromosomen so einprogrammiert (deswegen können Männer zum Beispiel auch nur höchstens halbscheiße sein). Und dann werden wir obendrein auch noch zum Scheißesein erzogen, mit diesem ganzen Pink und Lila und Glitzer und Einhörnern, Prinzessinnen und Flauschekatzenbabys. Da muss man ja einen Schaden davontragen. Den meisten von uns wird auch immernoch beigebracht, nett zu sein, zu lächeln, Hilfsbereitschaft zu zeigen und möglichst harmlos und hübsch zu sein, weil wir sonst keinen Mann abbekommen, und das wäre ja schrecklich. Was sollen wir Frauen denn so alleine auf uns gestellt bloß tun? Arbeiten? Hobbys? In Ruhe ein Buch lesen? OMG!!!11!1! Sonst noch was?

Mir wurde als Teenager von einer Seite der Verwandtschaft angemahnt: „Sei nicht immer so ironisch und sarkastisch, sonst kriegst du nie einen Mann.“ Und von anderer Seite hieß es: „Männer mögen kleine Frauen lieber“ (ich bin mit 1,58 m eher klein). Wie es aussieht, hat meine Kleinheit wohl meinen miesen Charakter wieder wettgemacht. Puh. Oder es liegt daran, dass mein Freund und ich humormäßig auf einer Wellenlinie schwimmen. Höhö.

Aber – Ach, weh – nicht jede Frau hat so viel Glück, dass ein Mann des Weges kommt, der über die ihr innewohnende Scheißheit hinwegzublicken vermag. Da sind dann alle Männer zu Tode beleidigt, wenn sich herausstellt, dass manche Frauen gelegentlich ihren eigenen Willen haben, der nicht mit ihrem Willen übereinstimmt. Potzblitz, was fällt ihnen ein? Und ich vermute, erleben Männer häufiger solche Situationen – insbesondere beim Balzverhalten -, und sind sie nicht gerade mit dem Talent zur kritischen Selbstreflexion gesegnet, dann schlussfolgern sie, dass Frauen scheiße sind.

Ähnliches gilt für Frauen, die sich vermeintlich ständig Zickenkriege mit Geschlechtsgenossinnen liefern. Sie haben in Wirklichkeit wahrscheinlich gar nicht so oft mit Stutenbissigkeit zu kämpfen gehabt, aber die entsprechenden Situationen haben sie offenbar geprägt. Sicher kommt es unter Frauen gelegentlich zu Statusstreitereien und ich meine irgendwo gelesen zu haben, dass die Hierarchie in reinen Frauengruppen keiner so klaren Hackordnung folgt, wie die Hierarchie in reinen Männergruppen. Das kann also Kabbeleien darüber geben, wer das letzte Wort hat und wessen Wort gilt.

Aber das ist doch kein Naturgesetz! Ich finde das zum Beispiel sehr angenehm, wenn die Hackordnung nicht so streng ist, weil ich mich dann nicht künstlich aufzuplustern und Dominanztheater zu spielen brauche, um einen Vorschlag zu machen oder meine Einschätzung kundzutun. Es reicht Fachwissen, Freundlichkeit, Sachlichkeit und sinnvolle Argumentation.

Mein Vorschlag für Frauen, die mit anderen Frauen nicht klarkommen, wäre der Folgende: Überdenkt noch mal euer eigenes Verhalten. Seid ihr wirklich ruhig, sachlich und freundlich geblieben? Habt ihr wirklich gute Argumente vorgebracht? Oder weiß die andere es womöglich tatsächlich besser? Es mag natürlich sein, dass man alles richtig gemacht hat und wird trotzdem angezickt, das ist mir auch schon ein paar Mal passiert. Allerdings sowohl von Frauen als auch von Männern. Aber das liegt in diesem Fall nicht an mir, sondern dann hat die/der andere irgendwelche Probleme mit sich selbst, die mich nichts angehen und für die ich nichts kann. Meistens lassen sich aber auch solche Leute zähmen, wenn man konsequent freundlich, sachlich und respektvoll bleibt, ihre Zickereien nicht persönlich nimmt, und mit Fachwissen überzeugt.

Was die Männer angeht, die dauernd Abfuhren kassieren: Auch das liegt nicht daran, dass Frauen per Definition scheiße sind. Das tut mir leid, euch da enttäuschen zu müssen. Die Wahrheit ist, wenn Frauen jemanden abblitzen lassen, dann, weil sie auf diesen Jemand nicht stehen. Badumm-Tss! So einfach ist das.

Ich hab mal wieder auf Facebook mit Leuten über das Thema diskutiert, und leider sind da viele total uneinsichtig. Einer meinte, er sei so erzogen worden, dass Frauen unerwünschtes Ansprechen als Vergewaltigung betrachten, deswegen spreche er keine Frauen an. Das sind dann so Leute, die sich irgendwann mal eine bestimmte Meinung gebildet haben, und sich dann für total integer, willensstark und großartig halten, wenn sie wider alle Logik auf dieser bescheuerten Meinung beharren.

Was ich nicht verstehe: Wenn Frauen tatsächlich so scheiße sind, warum sind die Männer dann so sauer, wenn Frauen sie abblitzen lassen? Die können doch froh sein, dass ihnen so ein scheißiges Wesen erspart blieb. Logischerweise dürften sie die Frauen auch gar nicht erst angraben, wenn sie sie so kacke finden. Und wenn ihnen jemand sagt, dass womöglich ihre Balzstrategie verbesserungswürdig ist, sind sie so tief gekränkt und rechtschaffen empört, als hätte man ihre Männlichkeit als solche angezweifelt.

Sie scheinen nicht zu begreifen, dass es einen Unterschied macht, wie ich mich einer fremden Person nähere. Ich kann zu jemandem hingehen, freundlich und unaufdringlich „Hallo“ sagen, höflich fragen, ob ich mich setzen kann, und schauen, was passiert. Stimmt die Chemie einigermaßen, entsteht zumindest ein nettes Gespräch.

Rücke ich aber einer fremden Person – eventuell sogar im angetrunkenen Zustand – nah auf die Pelle, raune ihr einen Standardspruch à la „Hat es wehgetan, als du vom Himmel gefallen bist/Du hast so schöne Augen/Darf ich dir einen Drink spendieren“ ungebeten ins Ohr, und versuche auf Tuchfühlung zu gehen oder mich ungefragt neben sie zu setzen, dann stößt das nun mal eben bei den Wenigsten auf Gegenliebe. Und dann ist eine Abfuhr sehr wahrscheinlich. Wenn diese Abfuhr ein „Nein, Danke“ ist, dann hat man sogar noch Glück gehabt. Dann hat man den Korb nicht gekriegt, weil alle Frauen scheiße sind, sondern, weil man sich selbst wie der allerletzte Arsch aufgeführt hat.

Also: Bevor man pauschal eine bestimmte Menschengruppe als scheiße abstempelt, weil man ein paar unangenehme Erlebnisse mit Vertretern dieser Gruppe hatte, sollte man sein eigenes Verhalten überdenken – und eventuell ändern. Das gilt nicht nur für Leute, die behaupten, Frauen wären scheiße, sondern auch für alle, die Männer prinzipiell scheiße finden, oder Ausländer, oder sonstwas. Außer Nazis. Die sind wirklich scheiße. Aber die sind ja auch nicht von Geburt an so, sondern haben sich dazu entschieden, hasserfüllte Riesenarschlöcher zu sein, und können sich wieder umentscheiden.

Essai 171: Über Jammern und Wehklagen

9. Mai 2017

Hin und wieder kommt man im Leben in Situationen, in denen man entscheiden muss: „Soll ich’s wirklich machen oder lass ich’s lieber sein?“ („Jein!“ – Oooohrwurm! 😛 ) Meistens befindet man sich in einem Zwiespalt, weil erwünschtes Ergebnis und unerwünschter Aufwand sich ungefähr die Waage halten, und man gründlich überlegen muss, ob man das Ergebnis wirklich unbedingt erreichen will und deswegen bereit ist, eine Tonne Nervkram zu bewältigen, oder ob man eigentlich auch ganz gut mit den Konsequenzen des Nichthandelns leben könnte, wenn erst einmal alles so bleibt wie es ist. Das sind dann so die Momente, in denen ich mit mir hadere und bevor ich mich da mit meinen Gedanken ewig im Kreis drehe und nicht vorwärts komme, teile ich sie lieber jemandem mit.

Das Problem ist, ich gehe den Leuten damit auf den Keks. Die finden nämlich, ich würde jammern und wehklagen und mich an meinem Selbstmitleid ergötzen, was ich umgekehrt ja auch nicht gerade als unterhaltsam betrachte. Das Ding ist, von meiner Warte aus hat das mit Jammern nichts zu tun, wenn ich meinen inneren Zwiespalt schildere, weil ich ja an einer Lösung interessiert bin. Und da finde ich das oft hilfreich, mein Gedankenchaos laut auszusprechen und es jemandem zu beschreiben, weil ich dabei dann etwas Ordnung in das Durcheinander bringen kann. Außerdem hilft eine Außenperspektive ja häufig dabei, alles ein bisschen realistischer zu betrachten und Dinge zu erkennen, die man vorher nicht gesehen hat, weil man selbst zu nah dran war. Blöd nur, dass ich immer anfange zu heulen, wenn ich versuche, das jemandem zu erklären, wenn ich ohnehin gerade aufgrund eines Dilemmas aufgewühlt bin. Menno!

Es ist jetzt auch nicht so, dass ich wildfremden Leuten in der U-Bahn meine Seelenqualen auf die Nase binde und ihnen als distanzloses Ungeheuer den letzten Nerv raube. Eigentlich bespreche ich meine Schwierigkeiten bei großen Entscheidungen und fiesen Zwiespälten nur mit meinem Freund und meinen engsten Freunden oder schreibe hier auf dem Blog darüber und gehe dem Internet auf den Zeiger. Leider heißt es dann meistens früher oder später, ich solle aufhören zu jammern, oder es kommen so hilfreiche Vorschläge wie: „Ja, dann mach doch das“ und wenn ich die Gegenargumente anführe: „Ja, dann lässt du’s halt.“ – Als ob ich auf diese beiden Optionen nicht auch von alleine gekommen wäre.

Tja, also, was tun? Ich will ja meinen Lieblingsmenschen nicht die Nerven zersägen und ihre Zeit mit meinen Wohlstandswehwehchen verplempern. Aber was, wenn ich alleine einfach nicht zu einer Lösung komme? Das gibt es ja manchmal, dass man lauter lose Teile und Gedankensplitter vor sich liegen hat, aber wie alles zusammenpasst, was das Gesamtbild ist, dazu braucht man ein bisschen Hilfe. Umgekehrt bin ich ja auch bereit, mir die Dilemmata meiner Freunde anzuhören, und auf Nachfrage meine Einschätzung dazu zu formulieren. Wobei zugegebenermaßen irgendwie immer alle genau zu wissen scheinen, was sie wollen und was nicht, nur ich bin dazu zu dusselig.

Ich denke, Jammern und Wehklagen ist es doch eigentlich nur, wenn man Mitleid erheischen und hören will, dass man total toll ist. Fishing for compliments, sozusagen. Insofern habe ich in diesem Essai tatsächlich ziemlich viel gejammert, denn ich würde natürlich schon gern hören: „Aber nein! Du bist nicht dusselig! Du bist kein weinerlicher Jammerlappen, der der ganzen Welt mit seinen Luxusproblemen in den Ohren liegt!“ und ich würde mich selbstverständlich gebauchpinselt fühlen, wenn jetzt jemand schreibt, dass das total gemein ist, mir Jammerei vorzuwerfen, obwohl das überhaupt nicht meine Intention ist. Ebenfalls fände ich es erbauend, wenn es anderen auch manchmal so geht, und ich nicht alleine bin.

Allerdings ist das aber nicht alles. Ich wüsste auch gern, was ich tun kann, wenn ich mit einer großen, wichtigen Entscheidung alleine nicht weiterkomme, wie ich meinen Zwiespalt meinen Freunden schildern kann, ohne dass die das für bloßes Mitleidsgeheische halten. Wie kann ich das so formulieren, dass klar wird, ich bin an Sachkritik und ehrlichen Einschätzungen interessiert, aber seid bitte trotzdem nett zu mir? Also, falls jemand eine Idee hat, bitte gern unten in die Kommentare schreiben. 🙂

Essai 170: Über zweifelhafte Konfliktlösungsstrategien

2. April 2017

Um ehrlich zu sein, bin ich manchmal schon ein ziemlicher Feigling. Wenn’s irgendwo nach Ärger riecht, Streit oder Unfrieden droht, ergreife ich ganz gern vorsorglich die Flucht und gehe dem Konflikt aus dem Weg. Das ist übrigens im Tierreich, zum Beispiel unter Katzen, eine völlig legitime Konfliktlösungsstrategie, aber unter Menschen ist das alles ein bisschen komplizierter.

Wenn zum Beispiel zwei Katzen einander auf einem Weg begegnen, der zu keinem Revier der beiden gehört, bleiben sie erst einmal stehen, taxieren sich aus einem höflichen Abstand heraus, und einigen sich schließlich darauf, ganz friedlich aneinander vorbei zu laufen und ihrer Wege zu gehen. Wirklich Zoff gibt’s nur, wenn er unvermeidbar ist, etwa, weil die Revierzugehörigkeit unklar ist und keine Rückzugsmöglichkeit besteht. Dann muss man den Konflikt kurz mit Tatzenhieben und Gefauche ausfechten, und danach ist es in der Regel auch wieder gut. Es sei denn, die Katzen hocken dauerhaft auf zu engem Raum und ohne Rückzugsmöglichkeit aufeinander, aber das ist eine andere Geschichte.

Das Nervige bei Menschen ist, dass wir uns vor allem verbal verständigen und nicht – wie Katzen und andere Tiere – nonverbal. Wenn es bei uns zu Konflikten kommt, heißt es immer, man müsste darüber reden. Leider kommt es aber gerade beim Reden oft zu Missverständnissen und manchmal entsteht durch missverstandene Worte überhaupt erst ein Konflikt. Das ist fürchterlich anstrengend, das hinterher dann ebenfalls mit Worten auseinander zu klamüsern, die dann möglicherweise wieder missverstanden werden. Und da möchte ich mich dann manchmal am liebsten einfach verkriechen und mich verstecken, bis der Konflikt sich hoffentlich von alleine in Wohlgefallen aufgelöst hat.

Im Kontext menschlichen Sozialverhaltens gilt diese Konfliktlösungsstrategie allerdings als reichlich unreif, kindisch und albern. Ich komme mir dann ja auch selbst völlig bescheuert vor, wenn ich mal wieder versuche, mit meiner Ausweichtaktik einen Konflikt solange zu ignorieren, bis er hoffentlich wieder ohne mein Zutun verschwindet. Obwohl es manchmal vermutlich schlauer und schneller ginge, doch miteinander ehrlich zu reden.

Aber dann weiß man ja oft nicht, was andere Menschen so denken, wie die drauf sind, wo ihre Empfindlichkeiten liegen. Und nachher überwinde ich meine Konfliktscheu, springe mutig und tapfer über meinen Schatten, sage, was ich denke, und der andere ist hinterher noch wütender auf mich oder enttäuschter von mir als vorher, weil ich meine Wortwahl ungeschickt getroffen habe. Oder ich lege jedes Wort ganz genau auf die Goldwaage, sodass der andere völlig genervt ist, weil ich nicht auf den Punkt komme. Auch blöd.

Normalerweise komme ich ganz gut damit zurecht, Konflikte gar nicht erst entstehen zu lassen, indem ich einfach von vorneherein freundlich und höflich zu allen bin, die mir nichts getan haben. Wenn doch einmal der äußerst seltene Fall eintritt, dass mich jemand absichtlich ärgert, ist das allerdings auch kein Problem, weil ich dann keinen Grund sehe, auf dessen Gefühle Rücksicht zu nehmen, und dann kann ich ihm ja problemlos meinen ehrlichen Ärger um die Ohren hauen. Das ist für denjenigen dann wenig erfreulich, aber das ist dann Pech, man muss mich ja nicht unnötig reizen. Kurz zur Klarstellung: Man muss das schon wirklich darauf anlegen, mich zu verärgern, ich bin da in der Regel sehr duldsam und langmütig.

Wenn es aber dann doch zu einem Missverständnis oder einem anderen Konflikt kommt, bin ich aufgeschmissen. Ich will den anderen ja nicht verletzen, unnötig gemein sein oder das Missverständnis noch weiter vertiefen. Aber auf eine offene Auseinandersetzung habe ich auch absolut keine Lust. Und wie ehrlich ich sein kann, ohne den Konflikt zu verschärfen, weiß ich dann ja auch nicht im Voraus. Und weil ich dann überhaupt nicht weiß, was ich machen soll, mache ich dann bevorzugt gar nichts, sprich: ich gehe der ganzen Geschichte aus dem Weg und komme mir völlig dusselig vor.

Seufz! Das Leben wäre um einiges einfacher, wenn wir uns tatsächlich nur über Körpersprache, Gerüche und Laute verständigen würden. Auf der anderen Seite ist verbale Sprache aber auch so eine faszinierende und vielseitige Sache, dass ich sie nicht missen möchte. (Zumal ich damit meine Brötchen verdiene) Vielleicht muss man Uneinigkeit manchmal auch einfach aushalten. Oder? Was meint ihr dazu?

Essai 169: Über Konkretes und Allgemeines

8. März 2017

Normalerweise bin ich ja ein Vorbild an Selbstbeherrschung. Aber es gibt Momente, da bin ich so aus dem Konzept gebracht, dass ich einfach anfange zu flennen. Meine Lieblingsfreundin schafft es irgendwie jedes Mal, wenn wir uns sehen, mich so komplett zu verwirren, dass mir sofort die Tränen in die Augen schießen und ich Heulsuse dastehe wie der letzte Vollidiot.

Dann tut es ihr furchtbar leid und mir tut es furchtbar leid und es ist alles ein ziemliches Durcheinander. Ich glaube aber, es gibt ein Licht am Ende des Tunnels (das nicht von einem entgegenkommenden Zug kommt, falls das hier irgendein neunmalkluger „Realist“ dazwischenwitzeln wollte). Zumindest habe ich den Eindruck, dass ich mit jedem Heulkrampf der Antwort auf die Frage näher komme, warum es zwischen uns immer mal wieder Missverständnisse gibt.

Es ist nämlich so, dass sie gern anderen Menschen hilft, besonders denen, die sie mag. Mir will sie also auch helfen, und gibt mir dann ab und zu gut gemeinte Ratschläge. Leider kommen diese Ratschläge oft, bevor ich auf die Idee gekommen wäre, überhaupt ein dazu passendes Problem zu haben. Und das verwirrt mich, denn wenn man mir einen gut gemeinten Rat gibt, dann hat man offenbar den Eindruck, dass ich den gebrauchen kann. Und wenn ich ausstrahle, dass ich einen Rat brauche, müsste da doch auch ein Problem sein, das mir vielleicht nur noch nicht bewusst ist.

Dann fange ich natürlich an zu grübeln und zu überlegen, was für ein Problem ich denn haben könnte, das sich mit diesem Rat lösen ließe. Wenn ich auf Anhieb nichts Passendes finde, wirft mich das in einen Zwiespalt. Ich will ja gern dankbar den Tipp annehmen, aber wenn ich in dem Moment gar nicht weiß, wie ich das tun und kommunizieren soll, dann kann ich das nicht. Dann streiten – Ach! – zwei Seelen in meiner Brust und ich fange an zu heulen, weil ich nicht weiß, wohin mit meiner Verwirrung. Ja, und das ist dann jedes Mal total peinlich.

Meine Vermutung ist, dass wir in diesen Momenten einfach komplett aneinander vorbeireden und von unterschiedlichen Prämissen ausgehen und es deswegen zu Missverständnissen kommt. Ich glaube, sie meint den Ratschlag ganz allgemein und erwartet auch gar nicht von mir, dass ich ihn sofort in die Tat umsetze. Sie will’s halt nur mal gesagt haben, weil sie helfen möchte. Aber ich nehme das dann immer als konkrete Handlungsaufforderung wahr, nehme ihre Aussage viel zu wörtlich und denke, dass ich jetzt sofort irgendwie darauf reagieren muss.

Zum Beispiel: Ein häufiges Thema zwischen uns ist das „Über den eigenen Schatten springen“, also das Verlassen seiner Komfortzonen. Ihr Rat ist, dass man auch bei Kleinigkeiten über seinen Schatten springen sollte, weil es einem dann irgendwann in Fleisch und Blut übergeht und dann nicht mehr schwierig und anstrengend ist. Neulich waren wir im Restaurant und ich hatte eine Flasche Wasser bestellt, in der Annahme, dass damit klar ist, dass ich die 0,75 Liter Flasche meinte und nicht die 0,25 Liter. Der Kellner brachte aber Letzteres. Ich hab kurz überlegt, sage ich was? Aber dann dachte ich, geht ja auch so, was soll’s.

Daraufhin kam dann wieder der Ratschlag, ich solle doch auch in solchen Situationen ruhig mal den Mund aufmachen und den Kellner auf seinen Fehler hinweisen. Ich habe nicht geschnallt, dass die konkrete Situation als Beispiel gemeint war, weil sich das gerade anbot, sondern dachte, Oh nein, jetzt habe ich hier schon wieder alles falsch gemacht und mich schon wieder nicht getraut, mich zu behaupten und mich durchzusetzen, weil ich dafür zu blöde bin. Gleichzeitig dachte ich aber auch, ich hab mir das doch ganz bewusst überlegt, ob ich es für lohnenswert erachte, die Unbequemlichkeit auf mich zu nehmen, über meinen Scheißschatten zu springen oder nicht. Und in diesem bestimmten Moment fand ich es lohnenswerter, in Ruhe in meiner Komfortzone eingemuckelt zu bleiben.

Ich sehe ja ein, dass meine Freundin da theoretisch und allgemein vollkommen recht hat. Aber ist das denn so falsch, eine allgemeine Theorie in der Praxis in konkreten Situationen auf ihre Stimmigkeit hin zu überprüfen und sich bewusst dafür oder dagegen zu entscheiden, sie anzuwenden? Wenn ich zum Beispiel über meinen Schatten springe, um im Beruf weiter voranzukommen, indem ich bei passenden Gelegenheiten meine Wünsche und Vorstellungen äußere, dann lohnt sich das. Wenn ich damit leben kann, weniger Wasser zu trinken, muss ich doch nicht einen schusseligen Kellner zurechtweisen, obwohl mir das total unangenehm ist und ich selbst am Missverständnis nicht ganz unschuldig bin?

Oder sehe ich das falsch? Was meint ihr dazu: Soll man immer seine Komfortzonen verlassen, um des Komfortzonenverlassens willen, damit man sich daran gewöhnt und es einem irgendwann leicht fällt, seine eigenen Grenzen auszuweiten? Oder ist es in Ordnung, wenn man ab und zu, in harmlosen Situationen, ein bisschen bequem ist, sofern man mit den Konsequenzen seiner Faulheit zu leben bereit ist?

Essai 168: Über Misologie und selbstgewähltes Arschlochtum

17. November 2016

Facebook-Diskussionen sind zum Glück ein nie versiegender Quell der Inspiration; dieses Mal geht es um den Begriff der Misologie, den ich im Zuge einer solchen Debatte entdeckt habe. Dabei handelt es sich laut Duden um eine starke Abneigung bis hin zu Hass gegen den Logos, also vernünftige, sachliche Auseinandersetzungen und Argumente. Ich habe so den Eindruck, damit bin ich auf ein Wort gestoßen, das absolut treffend das beschreibt, was auf dieser Welt schief läuft. Ein zeitgenössischer Trend ist es jedoch nicht, sondern – man rufe sich kurz Hexenverbrennungen oder von mir aus auch Jesus‘ Kreuzigung ins Gedächtnis – es scheint in der menschlichen Natur zu liegen, dem Logos grundsätzlich erst einmal zu misstrauen. Wie heißt es doch so schön? Niemand mag Klugscheißer. Isso.

In der entsprechenden Facebook-Diskussion ging es zunächst um Phobien, dann kam irgendwann die Frage auf, weshalb man denn bei Homophobie oder Xenophobie ebenfalls von einer krankhaften Angst spreche … schließlich hätten die Leute nicht in erster Linie Angst vor Homosexuellen oder Fremden, sondern seien schlichtweg Arschlöcher. Charakteristisch für eine Phobie ist ja, dass man wirklich Angst bis hin zu Panik vor etwas hat, obwohl man rational weiß, dass das unsinnig ist. Homophobe und Xenophobe hingegen haben einen starken Hass gegen Homosexuelle oder Fremde, sind jedoch davon überzeugt, dass das vollkommen rational sinnvoll und logisch begründet ist.

Neugierig wie ich bin, habe ich daraufhin kurz recherchiert, ob es nicht einen passenderen Begriff für solche Menschen gibt, die starrsinnig wider jede Vernunft darauf beharren, ihre Arschlochmeinung sei moralisch völlig legitim. Mir schwebte etwas mit der Vorsilbe „mis-“ oder „miso-“ vor, da ja Frauenfeindlichkeit Misogynie, Männerfeindlichkeit Misandrie, Kinderhass Misopädie und Menschenhass Misanthropie genannt wird. Dabei stieß ich letztendlich auf „Misologie“ und fand, das kam dem zumindest nahe. Schließlich hassen ja sowohl Homophobe als auch Xenophobe das, was sie als anders als sie selbst wahrnehmen.

Allerdings spielt Angst bei Hass schon eine Rolle. Bei einer Phobie weiß man jedoch, dass man Angst hat und weiß auch, dass es dafür eigentlich keinen Grund gibt. Bei Hass leugnet man vor sich selbst, dass man Angst hat, weil man sich nicht schwach und verletzlich fühlen will (wer will das schon?), und vor dieser Schwäche wiederum so viel Angst hat, dass man alles tut, um sie zu verdrängen und sich nichts anmerken zu lassen. Und dieses „alles“ bezieht dann auch die Angriff-ist-die-beste-Verteidigung-Taktik mit ein, wobei sich Betroffene dann so weit in ihre Paranoia hineinsteigern, dass sie überall Grund zur Verteidigung wittern – erst recht bei Dingen oder Menschen, die sie nicht sofort einschätzen können, weil sie anders sind.

Solche Misologen sind dann auch besonders anfällig für postfaktische Parolen pöbelnder Populisten (ich weiß, Alliterationen sind schlechter Stil, aber das bietet sich an dieser Stelle einfach an 😛 ). Das ist ja auch logisch (!), wer eine Abneigung gegen sachliche, vernünftige Argumente hat, bevorzugt das Gegenteil davon: Sündenböcke, am besten solche, die sich nicht wehren können als Schuldige, die dann an den Pranger gestellt werden – wahlweise und je nach Epoche und Kultur auch auf den Scheiterhaufen, aufs Schafott, unter die Guillotine, an den Galgen, auf den elektrischen Stuhl und was sich Menschen sonst noch so Feines ausgedacht haben, um sich wie Gott höchstselbst aufzuspielen und das Leben anderer Menschen zu beenden. Neben dem Sündenbock werden dann noch Katastrophenszenarien konstruiert, möglichst pompös und in einfachen Worten – die Zielgruppe will ja nicht erst über das Gesagte nachdenken müssen und auch die Populisten wollen tunlichst vermeiden, dass ihre Adressaten den hasserfüllten Scheißdreck hinterfragen, den sie ihnen so mühevoll vorgekaut haben.

Dabei wird absichtlich auch Angst geschürt, praktischerweise aber auch gleich ein einfaches Allheilmittel gegen die Furcht mitgeliefert, nämlich besagter Hass. Was mich wütend macht, ist, dass so viele Menschen dieses – wie ich finde – einfache Rezept so bereitwillig schlucken. Man müsste eigentlich nur kurz innehalten und den Populisten aufmerksam zuhören, ihre Parolen logisch auseinandernehmen und es bliebe nichts weiter übrig als heiße Luft, ausgefurzt von machtgeilen, gierigen Oberriesenarschlöchern, die diese ganzen „besorgten Bürger“, die frustrierten Abgehängten, als Wahlvieh missbrauchen, und sich darüber hinaus eine elende Mistkacke für sie interessieren. Man verzeihe mir meine Fäkalsprache, weil … ach … nur so.

Echt mal, glaubt zum Beispiel irgendeiner von den Dumpftröten, die Trump gewählt haben, dass der jetzt hingeht, dem Establishment in den verwöhnten Snobbyhintern tritt, Wohlstand, Jobs, Wohneigentum, Krankenversorgung, Bildungschancen und so weiter sozial gerecht unter allen Menschen aufteilt und dann mit seinem Schlitten und den Rentieren frohlockend und mit Glockengeläut zurück in den Himmel aufsteigt? Am Arsch! Gut, das hätte Hillary Clinton genausowenig gemacht, da muss man sich auch nichts vormachen. Und was die kriegstreiberische Außenpolitik angeht, wäre sie wohl auch nicht gerade zimperlich gewesen.

Aber das sind doch die eigentlichen Probleme: dass die Kluft zwischen Arm und Reich immer größer wird. Dass die Armen immer weniger haben, die Reichen immer mehr. Dass die soziale Gerechtigkeit, so es sie denn überhaupt jemals gab, immer weiter kaputtgespart wird. Dass Bildung und Krankenversorgung kaputtgespart werden. Dass Kultur keine Sau interessiert. Dass sich Lobbyisten und Politiker gegenseitig beschenken, Nepotismus in den oberen Schichten alles schön in den eigenen Reihen belässt. Dass Banken mit Geld spekulieren, das sie sich ausgedacht haben. Dieser ganze neoliberale Irrsinn, der völlig außer Kontrolle geraten ist, und dass die Menschen aus der letzten Finanzkrise nichts gelernt haben. Dass Menschen auch aus den Weltkriegen nichts gelernt haben. Gier und Machtstreben, das ist das, was schiefläuft.

Aber nein, es ist ja so viel einfacher, gefühlte Wahrheiten und nachgeplappertes Hassgepredige von irgendwelchen Demagogen als Grundlage für seine heilige „Meinung“ zu nehmen, sich gegen jede Art von sachlichem Dialog und logischen Argumenten zu verschließen. In seinem eigenen Hass zu schwelgen und sich dabei stark zu fühlen, weil man mit seinem Hass und seiner Misologie nicht alleine ist. Dabei ist es möglich, dem zu widerstehen. Und ich bin der Ansicht, es ist sogar notwendig, dem zu widerstehen, nicht zum Arschloch zu werden, nur, weil man es kann und weil es im ersten Moment kurzfristig einfacher erscheint. Ansonsten werden keine Probleme gelöst, im Gegenteil, alles wird nur noch schlimmer. Und Gewinner gibt es am Ende keine.

Essai 167: Über Männer, die Frauen Technikgedöns erklären

5. November 2016

Bei Paaren, die schon längere Zeit zusammen sind, lässt sich häufig ein amüsantes Schauspiel beobachten, wenn es um den Kauf, die Inbetriebnahme oder den Gebrauch eines technischen Geräts geht. Oft ist es ja so, dass Männer sich vor Begeisterung über dieses Gerät gar nicht mehr einkriegen und ganz fasziniert von den vielen Möglichkeiten sind, die dieses Ding ihnen bietet. Die Frau indes will einfach nur, dass das Ding funktioniert und der Rest ist ihr vollkommen wurscht. Gut, die Rollen mögen auch bei anderen Beziehungen vertauscht sein und es mag auch Paare geben, wo beide ähnlich in Bezug auf Technikgedöns ticken. Aber zumindest bei den Pärchen in meinem Umfeld sowie meinem Freund und meiner Wenigkeit ist das so.

Zum Beispiel bin ich vor rund zwei Monaten endlich eingeknickt, und habe mir so ein neumodisches Smartphone gekauft. Mein olles, 14 Jahre altes Siemenshandy hat zwar noch einigermaßen funktioniert (ich hasse es ohnehin, zu telefonieren, erst recht, wenn ich unterwegs bin – da will ich lieber lesen und zwar ein echtes Buch aus Papier), aber heutzutage kann man halt viele Services nur mit Smartphone nutzen, also konnte ich mich nicht länger davor drücken. Inzwischen habe ich mich darin ganz gut eingefuchst und weiß die Vorzüge durchaus zu schätzen – etwa, dass ich keine Kinokarten auf Papier mehr brauche, ich gebe zu, das ist praktisch.

Jedenfalls war dieser Anschaffung eine kleine Diskussion vorausgegangen, weil ich gern ein Telefon mit Tasten gehabt hätte. Ich mag keine Touchscreens, da fehlt einfach der haptische Vorgang, auf einen Knopf zu drücken, damit was passiert. Stattdessen schmier ich da mit meinen Wurstfingern das schöne Display voll und dann sehe ich die ganze Zeit, wie dreckig das ist, obwohl ich das gar nicht wissen möchte. Eklig.

Mein Freund fand es sehr albern von mir, dass ich unbedingt Tasten wollte und argumentierte: „Tja, wenn du unbedingt eins mit Tasten willst, kann ich dir aber hinterher nicht helfen“, woraufhin sich mein inneres Kleinkind zu Wort meldete und trotzig zickte: „Ja, aber vielleicht komme ich ja auch alleine mit dem Ding klar, wenn es Tasten hat!“ Woraufhin mein Freund nur milde lächelte, ein angedeutetes Augenrollen nicht ganz verbergen konnte und spöttisch meinte: „Tja, wie du willst. Aber nicht, dass du dich hinterher beschwerst.“ Darauf ich: „Mimimi! Werde ich auch nicht!“ Kann sein, dass ich ihm auch die Zunge rausgestreckt habe, das weiß ich nicht mehr so genau. Auf jeden Fall war das Thema damit erstmal erledigt.

Dann kam mein Entschluss, jetzt doch ein Smartphone zu kaufen, und wir gingen in den Handyladen. Ich glaube, es gibt kein langweiligeres Geschäft als einen Handyladen. Überall nur Smartphones, Tablets, Zubehör für den ganzen Schnickschnack und keine Bücher. Bäh. Allein bei dem Gedanken an Handyläden werde ich schon ganz schläfrigggggggggggggg…………

Oh. Hoppla. Entschuldigung. Ich war kurz über der Tastatur eingenickt. Also wir standen in diesem unfassbar öden Geschäft, der Anblick all dieser unterschiedlichen Telefone war erdrückend und trostlos … und bevor ich mitten im Laden im Stehen einschlief, beschloss ich, doch auf meinen Freund (überzeugter Apple-Fan) zu hören und mir so ein blödes Schnösel-iPhone zu holen. Damit ich mir nicht allzusehr wie ein Modeopfer vorkam, habe ich mich dann aber für ein älteres Modell entschieden.

Die Mitarbeiter waren alle sehr freundlich, wobei ich finde diese professionell erlernte Freundlichkeit immer etwas frostig und unauthentisch. Immerhin konnte ich die jungen Leute mit meiner alten Sim-Karte schockieren. Der Mitarbeiter, der sich um die Grundeinrichtung des Telefons kümmert, meinte: „So, jetzt können wir die Sim-Karte hier reinstecken“, woraufhin ich sagte: „Hm. Die Karte ist glaube ich zu groß.“ Mein Freund und der junge Mann dann so: „Ach was, das kann man zuschneiden“ und ich war skeptisch. Dann sahen sie meine Sim-Karte und beide: „Oh! SO alt ist die … Ja, dann muss wohl doch eine neue her!“

Ich hatte gehofft, ich brauche das blöde Ding nur einzuschalten und der Rest erklärt sich von selbst. Ich musste dann aber feststellen, dass es doch nicht ganz so einfach war. Nun ist es aber so, dass ich das Lesen von Bedienungsanleitungen mindestens so langweilig wie den Besuch eines Handyladens finde, und die Funktionen eines Technikdings lieber eigenständig erkunde. Das ging leider nicht, und dann war es doch gut, dass mein Freund mir das ein bisschen weiter einrichten und erklären konnte.

Was mich dann aber nervt, ist dieser Tonfall, mit dem solche Erklärungen oft einhergehen. Als wäre ich ein bisschen doof oder so. „Guck mal und hier kannst du dann das und das machen, und wenn du das und das willst, dann musst du hier klicken“, schön langsam und betont, um unendliche Geduld mit dem begriffstutzigen Gegenüber (nämlich mir) bemüht. Und dann geht auch manchmal ihre Begeisterung mit den Männern durch, und dann erklären die einem auch noch so Zeug, was man in dem Moment gar nicht gebrauchen kann, in einer Ausführlichkeit, die gar nicht nötig ist. Ich sag schon Bescheid, wenn ich was Konkretes wissen will. Und wenn ich wissen will, wie ich ein Spiegelei brate, interessiert es mich nicht, wie aus Dinosauriern Vögel und schließlich Hühner wurden, die Eier legen. Wenn ich wissen will, wie ich eine bestimmte App installiere, muss ich nicht noch erfahren, welche Apps es sonst noch alles gibt, wie die funktionieren und so weiter.

Ganz besonders langweilig wird es, wenn die Männer einem dann auf eine konkrete Anfrage hin, etwa: „Der will, dass ich hier ein Update installiere, muss das sein?“ einem das Gerät aus der Hand nehmen, „nur kurz was gucken“ und dann komplett darin versinken, irgendwas daran herumtüddeln und man sitzt da, und weiß immer noch nicht, ob man dieses dämliche Update jetzt braucht oder nicht. Fragt man dann nach einer halben Stunde nach, was der andere da eigentlich mache, heißt es dann: „Ich schau nur mal eben“ und dann dauert das noch mal so lange.

Bei meinen Eltern ist das übrigens genau dasselbe Spielchen. Meine Mutter hätte zum Beispiel einfach gern einen ganz normalen Fernseher gehabt, den man einschaltet und dann läuft er. Mein Vater aber liebt technische Spielereien über alles und hat da ins Wohnzimmer ein – damals hochmodernes – Multimedia-Surround-Sound-Anlagenmonstrum in die Ecke gepackt. Wenn man fernsehen will, muss man erstmal den Strom einschalten – im Standby-Modus frisst das Monstrum nämlich Unmengen Strom – dann muss man den Verstärker anschalten, den Receiver (oder was auch immer) und den Computer, ach so, und den Bildschirm natürlich auch. Dann hofft man, dass man die Reihenfolge richtig getroffen hat, weil sonst alles durcheinander kommt, und wartet 10 Minuten, bis die Kiste endlich hochgefahren ist. Dann muss man die Fernsehsoftware anklicken und hoffen, dass die nicht ein Update verlangt, das dann wieder den ganzen Rechner lahmlegt. Hat man Glück, funktioniert das Fernsehprogramm und man kann endlich in Ruhe fernsehen.

Wenn ich bei meinen Eltern zu Besuch bin, fragt mich meine Mutter dann, ob ich ihr den Fernseher einschalten kann. Mein Vater neigt nämlich dazu, „nur kurz was gucken“ zu wollen, wenn das Monstrum endlich läuft, und dann klickt und sucht er da fröhlich herum, kein Mensch weiß, was er vorhat, und man kann das mit dem Fernsehgucken erstmal knicken. Zum Glück gibt’s immer reichlich Bücher griffbereit, lesen kann man auch als vollendeter Techniktrottel. Überhaupt fragt meine Mama lieber mich, wenn sie etwas Technisches erklärt haben möchte, wie man Skype installiert oder einen E-Mail-Anhang verschickt. Das kriege ich zum Glück hin 🙂

Ich find’s aber irgendwie liebenswert und süß, wie sich Männer so für Technikgedöns begeistern können. Es wäre aber schön, wenn man nicht mit einem ewiglangen Vortrag oder stundenlangem Nur-kurz-was-Gucken rechnen müsste, wenn man ein klitzekleines Miniproblemchen hat. Andererseits, es macht den Jungs solchen Spaß, uns die Technikwelt zu erklären, da kann man sich auch in Geduld üben und sie machen lassen. 😛

Und, wie ist das bei euch? Gibt es Technikfreaks und -trottel bei euch in der Familie oder unter euren nicht blutsverwandten Lieblingsmenschen? Und zu welcher Sorte gehört ihr?

Essai 166: Über Sprüche, die Introvertierte auf die Palme bringen

1. Oktober 2016

Meine Damen und Herren, herzlich Willkommen bei Isas Clickbaiting-Experiment! 10 Sprüche, die jeden Introvertierten sofort!!!111!1!!!einself!!1! auf die Palme bringen!!!1!! Bei Nummer 9 platzt mir immer garantiert die Hutschnur! Und Nummer 4 hat mich zum Heulen gebracht!

Aber im Ernst, ich weiß, jeder Introvertierte ist anders und sicher gibt es auch Leute, die sich nicht über die folgenden Sprüche aufregen, sondern sie gleichmütig zur Kenntnis nehmen oder als hilfreiche Ratschläge akzeptieren und umgehend in die Tat umsetzen. Mir persönlich gehen sie jedoch eklatant auf den Zeiger. Viel Spaß! Und lasst mich in den Kommentaren gern wissen, ob ihr meine Meinungen teilt oder findet, dass ich völligen Blödsinn verzapfe 😀

1. „Das Telefon klingelt“

Drrrinnng! Düdelüdelüdel! – DAS Geräusch aus der Hölle ist das Klingeln eines Telefons. Mein Handy habe ich meistens auf lautlos gestellt, aber leider kann man diesem grauenhaften Lärm nicht immer aus dem Weg gehen. In der heimlichen Hoffnung, der Anrufer möge bald aufgeben und mir eine Nachricht schreiben, die ich in Ruhe durchlesen kann, lasse ich das Telefon gern mal klingeln. (Einzige Ausnahme: Ich habe mich mit Freunden zum Telefonieren verabredet) Wenn dann jemand sagt „Das Telefon klingelt! Willst du nicht rangehen?“ finde ich das ganz furchtbar.

Natürlich habe ich gehört, dass das Scheißding herumdüdelt, ich bin nicht taub. Und nein, ich will nicht rangehen! Was, wenn der Anrufer irgendetwas von mir wissen will, was ich nicht beantworten kann? Dann stehe ich da und komme mir vor wie ein Idiot. Und das kann ich nicht leiden. Und außerdem kann doch derjenige, anstatt so eine scharfsinnige Beobachtungsmitteilung zu machen, ja auch selbst ans Telefon gehen. Ist doch wahr!

2. „Lass dir das doch nicht gefallen“

Gut, ich verstehe, das ist nett gemeint und soll mich aufbauen. Tut es aber nicht. Es ist nämlich so: Wenn ich mir etwas gefallen lasse von irgendwelchen Arschlöchern, dann schäme ich mich deswegen in Grund und Boden und fühle mich richtig dumm, dusselig und scheiße. Da ist das nicht hilfreich, wenn mir das jemand auch noch aufs Butterbrot schmiert und noch Salz in die Wunde streut und mir unter die Nase reibt, wie blöd und schwach ich bin. Nein, dann will ich einfach meine Ruhe haben, meine Wunden lecken, mich kurz selbst bemitleiden, bevor ich mich wieder aufrappel, mir den Staub von den Klamotten klopfe und wieder raus in die Welt gehe und mein Bestes gebe.

Wenn man in diesem Moment etwas Nettes tun möchte, kann man mir dabei gern Gesellschaft leisten und mir sagen, dass das echt voll gemein von diesen Fieslingen war (aber bitte so, dass ich es auch glauben kann). Aber irgendwelche herablassenden Handlungsaufforderungen, auf die ich ohnehin schon von selbst gekommen bin, machen es nur noch schlimmer.

3. „Du brauchst doch nicht schüchtern zu sein“

Ach so? Na, dann schnippe ich doch einfach mit dem Finger, stoße meine rotbeschuhten Hacken aneinander und – Zack – bin ich nicht mehr „schüchtern„. Warum hat man mir das nicht schon viel früher gesagt, wenn ich das eher gewusst hätte, was hätte ich da nicht alles erreichen können. Weh mir! Dass ich da nicht von selbst drauf gekommen bin!

So. Das ist auch so ein Spruch, der vom Sprücheklopfer selbst gut gemeint ist, aber mich richtig auf die Palme bringt. Es soll mich aufmuntern, mich ermutigen, ein Kompliment sein – und erreicht das komplette Gegenteil. Weil es suggeriert, dass ich zu doof bin, etwas an mir zu ändern, was allgemein gesellschaftlich als unerwünscht gilt. Kann man mir denn bitte einfach mal zutrauen, dass ich schon von alleine über meinen Schatten springe und meinen Hang zur Schüchternheit überwinde, wenn ich es für notwendig erachte? Es mag ja Leute geben, denen man alles sagen muss, weil sie von selbst nicht auf die Idee zu irgendwas kommen und permanente Arschtritte brauchen, um aus dem Quark zu kommen. Aber so bin ich nicht und will ich auch nicht sein, also soll man mich bitte auch nicht so behandeln.

4. „Sei nicht so zaghaft“

Das schlägt im Grunde in dieselbe Kerbe wie „Du brauchst doch nicht schüchtern zu sein“, ist aber noch eine Spur unverschämter und herablassender. Während das eine nämlich einfach nur von Unverständnis zeugt, aber ein ungeschickter Versuch ist, mich zu trösten oder was auch immer, ist „Sei doch nicht so zaghaft“ mit einem Vorwurf verbunden. Da schwingt Ungeduld mit, die kurz davor ist, in Aggression umzuschlagen. Und wenn man glaubt, dass ich plötzlich weniger zaghaft werde, wenn man mich so unter Druck setzt, dann sollte man noch mal an seinem Empathievermögen arbeiten und mich mit meinen „Problemen“ in Ruhe lassen.

5. „Sag ihm/ihr das doch einfach“

Ja, wenn das denn so einfach wäre, hätte ich es ja schon längst getan! Mit manchen Menschen kann man nicht vernünftig reden, weil sie cholerisch, narzisstisch, dumm, extremst überempfindlich, eitel oder chronisch beratungsresistent sind. Manche Leute sind sogar alles auf einmal. Da kann man nicht einfach hingehen und sagen, was man denkt und wie man es denkt, weil der andere das unter Garantie in den völlig falschen Hals bekommt und da, wo anfangs nur eine Meinungsverschiedenheit war, explodiert ein Streit, bei dem garantiert immer ich verliere, weil ich einfach nicht anders kann, als sachlich zu argumentieren.

Gut, ich neige auch zu emotionalen Argumenten, aber die kennzeichne ich stets als solche, und tu nicht so, als wären es Fakten. Und wenn dann jemand völlig unfair kämpft und mir Vorwürfe macht, auf die ich im Traum niemals gekommen wäre, dass man mir das ernsthaft unterstellen könnte, dann fange ich an zu heulen oder zu schreien oder beides, und es dauert ewig, bis ich mich wieder eingekriegt habe. Das ist anstrengend! Dazu habe ich nicht die geringste Lust! Und deswegen ziehe ich es gelegentlich vor, mich im Stillen über derartige impertinente Troglodyten zu ärgern, bis ich irgendwann ausgebrummelt habe.

6. „Wollen wir noch spontan irgendwohin?“

Spontane Antwort? Nein. Ich mag gern gemütlich mit Freunden und netten Menschen in einer muckeligen Runde zusammensitzen und klönen. Warum um alles in der Welt sollte man so einen schönen Moment unterbrechen, um in einen lauten, stinkigen, engen Club zu gehen, in eine verrauchte Kneipe oder sonstwohin, wo man sich nicht problemlos unterhalten kann? Ich habe das nie verstanden, warum man nicht einfach an einem Platz bleiben und sich dort amüsieren kann und was daran so toll sein soll, von einem Ort zum nächsten zu ziehen.

7. „Jetzt sei doch nicht so langweilig“

Und das ist der Vorwurf, den man dann oft von Leuten zu hören bekommt, wenn man auf die Frage „Wollen wir noch spontan irgendwohin?“ mit „Och nööö“ antwortet. Zum Glück bin ich jetzt in einem Alter, wo meine Freunde Ruhe und Frieden zu schätzen gelernt haben und es vollkommen in Ordnung finden, einen netten Abend zu Hause zu verbringen, anstatt auf die Piste zu gehen. Hinzu kommt, dass inzwischen die Freunde, die feierwütiger sind als meine Langweiligkeit, ihre eigenen Wege gehen und wir kaum noch Kontakt haben. Das ist aber auch in Ordnung so, schließlich hat ja jeder eine unterschiedliche Auffassung von Spaß und wenn die komplett anders ist als meine, hat man dann getrennt voneinander mehr Spaß als zusammen und da haben dann alle mehr von.

8. „Mach doch mal mehr aus deinem Typ“

Würde ich ja, wenn ich Lust dazu hätte. Habe ich aber nicht, also lass mich in Ruhe. Das Ding ist, ich bin in mancherlei Hinsicht ziemlich bequem und habe keine Lust, ewig viel Zeit in mein äußeres Erscheinungsbild zu investieren. Außerdem finde ich es Quatsch, mich zu schminken, wenn ich von Natur aus dunkle Augenbrauen und Wimpern, volle Lippen und einen einigermaßen glatten Teint habe. Natürlich würde ich mit Make-up noch schöner aussehen und bla. Aber ich bin einfach nicht eitel genug, um meine Abneigung gegen farbige Pampe im Gesicht und meine noch größere Abneigung dagegen, den Scheiß hinterher wieder abzuschmieren, zu überwinden.

9. „Drück dich doch mal klarer aus“

Hör du doch mal genauer hin. Ich hasse es, wenn Leute mir sagen, ich sollte mich klarer ausdrücken, weil ich finde, zu einem Missverständnis gehören immer zwei Leute und dann soll man sich um seine eigene Seite kümmern, anstatt mir Vorschriften und Vorwürfe zu machen. Man kann gern sagen, dass man mich falsch verstanden hat, dass man meine Aussage so und so interpretiert hat, und dann komme ich schon von selbst zu der Schlussfolgerung, dass ich mich künftig klarer ausdrücken muss. Aber mir einfach vor den Latz zu knallen, dass ich unverständlichen Dünnpfiff labere, ohne sich selbst und seine eigene Wahrnehmung auch nur eine Sekunde infrage zu stellen, finde ich überheblich und mir gegenüber ziemlich unfair.

10. „Wo liegt denn das Problem?“

Tja. Wie erklärt man jemandem, der kein Problem in einem Sachverhalt sieht, wo für einen selbst das Problem liegt? Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Dann erklärt man da ewig herum, und der andere guckt einen völlig ratlos an und versteht nicht ansatzweise, worauf man hinaus will und worüber man sich derart aufregt. Und das macht einen dann natürlich noch wütender. Und dann dauert es nicht lange, dann fällt der Satz „Reg dich doch nicht so auf“, was dann dazu führt, dass man sich noch mehr aufregt. Es mag ja Menschen geben, die sich gern aufregen, aber zu denen gehöre ich ganz und gar nicht.


Und, welche Sprüche treiben euch so richtig zur Weißglut?

Essai 165: Über Humor, den ich nicht verstehe

25. September 2016

Mit dem Humor ist das wie mit dem Musikgeschmack: Jeder ist der Meinung, der eigene sei der einzig Wahre. Da bin ich keine Ausnahme, ich finde auch, dass mein Sinn für Humor Maßstab aller Lustigkeit ist und mein Musikgeschmack ganz klar nur gute Musik einschließt und alles, was ich nicht mag (Elektro, Free Jazz, Bäh!), ist keine richtige Musik, sondern nerviges Gedudel und unerträglicher Lärm. Da habe ich auch recht, bin ich der Meinung. Auf der anderen Seite gibt’s halt auch genug Leute, die Elektro und Free Jazz über alles lieben und finden, dass zum Beispiel Eurodance der absolute Tiefpunkt jeglichen Musikgeschmacks darstellt. Ich hingegen mag Eurodance sehr gern, weil es mich an meine Jugend erinnert und ich die Texte noch mitsingen kann (nicht, dass „Oooh lalala, I love you Baby“, „What is love? Baby don’t hurt me, don’t hurt me no more“ oder „Ooh, Aah, Just a little bit, Ooh, Aah, a little bit more …“ besonders schwer zu merken wären – Na, wer hat jetzt auch einen Ohrwurm?), aber ein Metalfan würde da jetzt die Hände über den Kopf zusammenschlagen und sich wünschen, er wäre tot, nur um nie wieder so etwas Schreckliches zu hören.

Und das hat man beim Humor halt auch. Ich bin der Ansicht, dass das, was ich witzig und komisch finde, auch witzig und komisch ist, und alles, worüber ich nicht lachen kann, jeglichem Sinn für Humor zuwiderläuft. Das ist zwar völliger Quatsch, denn Geschmäcker sind nichts weiter als Meinungen, und die können – im Gegensatz zu Fakten – verschieden und trotzdem gleichermaßen richtig und gültig sein. Aber ich habe finde ich trotzdem recht 😛

Allerdings spricht dagegen, dass sich mein Sinn für Humor im Laufe meines Lebens gewandelt hat. Früher als Kind und Teenie konnte ich mich über Pupswitze kaputtlachen, heutzutage rolle ich mit den Augen und denke „Pff, wie vulgär!“ Als Kind fand ich es auch unfassbar komisch, Telefonstreiche oder Klingelstreiche zu machen, nun finde ich das kindisch und albern. Ich frage mich, ob mein junges Ich und mein erwachsenes Ich viel miteinander zu lachen hätten …

Auf jeden Fall stelle ich fest, dass meine Toleranz für meiner Meinung nach dummen Sinn für Humor gaaanz tief gesunken ist. Zum Beispiel, wenn Leute in meinem Alter eine Wasserpistole in die Hände bekommen, und es unglaublich amüsant finden, andere Menschen damit nasszuspritzen, da könnte ich immer ausrasten. Warum können sie sich nicht gegenseitig nassspritzen und mich in Ruhe lassen? Dann treffen Leute mit demselben Idiotenhumor aufeinander und können sich einen Keks freuen und ich bleibe gemütlich trocken und kann in Ruhe mein Buch weiterlesen oder meine Umgebung friedlich beobachten.

Es ist aber offenkundig so, dass manche Leute es einfach sehr sehr witzig finden, andere zur Weißglut zu treiben. Daher ergibt es für sie dann humortechnisch keinen Sinn, Leute nasszuspritzen oder anderweitig grundlos auf die Nerven zu gehen, die das ebenso komisch finden wie sie. Der Spaß scheint für sie darin zu liegen, dass der andere sich aufregt. Und ganz ehrlich: Ich. Verstehe. Das. NICHT!!!

Ich kann etwa auch nicht begreifen, warum manche Leute dauernd Streit suchen und mich oder andere friedliebende Zeitgenossen aus dem Nichts heraus provozieren und an ihren Achillesfersen herumpieken und so lange sticheln und ärgern, bis dem anderen irgendwann der Kragen platzt und er ausfallend wird oder laut oder beides, obwohl das normalerweise überhaupt nicht seine Art ist, und der arme Tropf (also ich) nach jedem Wutanfall Ewigkeiten braucht, um sich wieder einzukriegen. Was soll denn das? Warum kann man Menschen, die einem nichts getan haben und die einem überhaupt nichts Böses wollen, nicht einfach in Ruhe sein lassen, wie sie sind?

Das würde mich wirklich mal interessieren, was die Motivation hinter einem solchen aggressiven, unhöflichen und gemeinen Verhalten ist. Wenn man Leute angreift und nervt, die irgendwie scheiße sind oder extrem dumme Ansichten vertreten und zum Beispiel die AfD gut finden oder so – das kann ich nachvollziehen, da juckt es mich auch, eine Diskussion vom Zaun zu brechen, und manchmal kann ich da nicht an mich halten. Aber wenn Menschen mir nichts getan haben und zwar anderer Meinung sind als ich, aber keinen haarsträubend blöden Standpunkt haben, sondern die Dinge einfach aus einer anderen Perspektive heraus betrachten als ich, vielleicht sogar aus ihrer Sicht nachvollziehbare Argumente für ihre Meinung haben, dann kann ich das doch auch einfach mal akzeptieren? Wieso muss ich die denn dann noch triezen?

Vielleicht kann mir das ja mal jemand erklären? Ich kann es nämlich nicht leiden, wenn ich Sachen nicht verstehe …

Essai 164: Über potenzielle Überlebenschancen in der freien Wildbahn

11. September 2016

Nicht selten bekomme ich zu hören, dass ich zu viel nachdenke. Ich sei zu verkopft, heißt es dann. Das bringt mich dann schon ins Grübeln … 😛 Nee, Quatsch, das Ding ist, ich denke einfach gern nach und sehe überhaupt nicht ein, warum ich mir diesen Spaß verkneifen sollte. Gedankenspiele sind für mich ein wunderbarer Zeitvertreib und warum auch nicht? Nur, weil man an allen Ecken liest, dass man „loslassen soll“ und so’n Scheiß? Was materielles Zeugs angeht, von mir aus, da ist das äußerst wohltuend, ab und zu mal auszumisten, Platz zu machen und Sachen zu verschenken, die man kaum nutzt und die im Weg herumstehen. Und wie sagte einst ein weiser Mann namens Tyler Durden? „Alles, was du besitzt, besitzt irgendwann dich“, oder so ähnlich. Die Gedanken aber sind frei, und wenn es einem Freude macht, sie schweifen und Pirouetten drehen zu lassen, weshalb sollte man es dann lassen?

Eines meiner Lieblingsgedankenspiele ist: Was wäre wenn ich aus irgendeinem Grund in die freie Wildbahn geworfen würde? Wie stünde es um meine Überlebenschancen? Vermutlich mies, richtig mies. Ich schätze, ich wäre so – je nachdem wo es mich fernab der Zivilisation hinverschlägt – spätestens nach einer Woche verrückt oder tot. Oder erst verrückt und dann tot. Betrachten wir einige der möglichen Katastrophen und meine jeweiligen Überlebenschancen doch mal näher:

Szenario: Supervirus löscht Menschheit aus

Angenommen, ein ekliger Monsterkeim würde fast die ganze Menschheit ausrotten und ich wäre eine der Wenigen, die immun sind (ich empfehle Stephen Kings „The Stand“, um sich das vorzustellen). Am Anfang wäre ich natürlich erst einmal verwirrt, verängstigt und verunsichert. Ich würde mich in eine Ecke setzen und heulen. Dann würde ich mich aufrappeln, ein paar Vorräte packen, ein letztes Mal duschen, und mich auf den Weg machen. Mein Startpunkt wäre Hamburg, eine große Stadt mit vielen Läden zum Plündern und Vorräte aufstocken, vielleicht treffe ich auf noch mehr Überlebende.

Habe ich Glück und sie sind nett, halte ich es vielleicht sogar mehrere Wochen durch, ohne den Verstand oder mein Leben zu verlieren. Spaßig ist trotzdem was anderes, denn ich hasse Zelten, bin total etepetete mit dem Essen und wenn ich nicht täglich meine warme Dusche habe, kriege ich schlechte Laune und dann haben die anderen ganz schnell keine Lust mehr darauf, mich alberne Zimperliese mit durchzuschleppen. Sind die anderen Überlebenden Arschlöcher, bin ich gleich geliefert. Dann klauen sie mir meine Vorräte, verprügeln mich, lassen mich im Straßengraben liegen und dann habe ich auch echt keinen Bock mehr auf gar nichts. Bumms, tot, nach … vielleicht drei Tagen.

Szenario: Zombie-Apokalypse

Ich schau unheimlich gern die Serie „The Walking Dead“ und stelle mir dann vor, welcher von den Überlebenden ich wohl wäre. Dieses Szenario ist ähnlich wie das mit dem Supervirus, nur, dass hier noch mordlüsterne, hungrige Zombies mir ans Leder wollen. Ich vermute, diese Variante würde ich genau so lange überleben, bis mir der erste Zombie begegnet. Ich dann so: „Aaah! Ein Zombie! Igitt“ und der Zombie so: *röchelkrächzsabbergrunz* und schon beißt mir der Untote den Kopf ab und tut sich an meinem denkfreudigen Gehirn gütlich.

Es kann aber auch sein, dass ich es schaffe, mich lange genug zu verstecken, bis mich irgendein schießwütiges Raubein unter seine Fittiche nimmt und ich ihm erzählen kann, ich wüsste, wie man die Zombie-Apokalypse aufhalten und die Menschheit retten kann, damit er mich nicht in die Wüste schickt, sobald ich ihn nerve. Das Dumme ist nur, ich lüge sehr, sehr offensichtlich und das würde recht schnell auffliegen, und dann war’s das.

Szenario: Zeitreise läuft schief

Was wäre wenn ich eine Zeitmaschine finden und in die Vergangenheit reisen würde? Strande ich bei den Dinosauriern, frisst mich der nächstbeste Tyrannosaurus Rex zum Frühstück. Strande ich bei den alten Ägyptern, werde ich versklavt und beim Pyramidenbau vom Stein zerquetscht, sodass ich Jahrtausende später Archäologen mit meinen Gebeinen eine spannende Entdeckung beschere. Im Mittelalter würde ich als Atheistin auf dem Scheiterhaufen verbrannt, sobald ich den Mund aufmache.

Bis zu dem Zeitpunkt, wo Frauen eigene Entscheidungen treffen, studieren und einen Beruf wählen durften, ohne erst ihren Mann um Erlaubnis zu fragen, hätte ich mich schlichtweg zu Tode gelangweilt. Es ist meinen Überlebenschancen also ganz zuträglich, hier und jetzt zu leben und nicht zu einem anderen Zeitpunkt in der Vergangenheit.

Szenario: In der Dystopie auf der Loser-Seite gelandet

Und was wäre mit einem anderen Zeitpunkt in der Zukunft? Viele besorgte Bürger hätten ja ganz gern klare Verhältnisse und einen beinharten Staatschef, der ihnen sagt, wo es langgeht, was sie denken und was sie tun sollen. Dass wir das schon mal hatten, vergessen sie dabei leicht. Aber wenn der Besorgtbürgertraum wahr würde und wir hier in Deutschland irgendwann in der Zukunft wieder eine Diktatur, eine Dystopie haben, kommt es darauf an, auf welcher Seite man steht, wie gut man diese überlebt.

Da ich wie gesagt gern selbst denke und miserabel lüge, würde ich zwangsläufig relativ schnell als Staatsfeindin auffallen. Denunziation von der Nachbarin gegenüber, die mich auf dem Kieker hat, weil mein Freund und ich uns in unserem Schlafzimmer umziehen und das auch gemacht haben, als wir noch keine Vorhänge hatten (sie entrüstete sich ob unseres schamlosen Freikörperkults). Verhör bei der geheimen Militärpolizei. Knast. Tod.

Oder es wird eine Dystopie à la „Hunger Games“ – ich glaube kaum, dass meine Schwester für mich als Tribut antreten würde, das heißt, das bliebe an mir hängen. In der Arena: „Oh je, ich kann hier doch nicht meine Mitmenschen töt-“ – Zack, tot. Vielleicht werde ich aber nicht ausgelost und habe eine Schonfrist. Ich kann nicht jagen, nicht schlachten, habe keine Ahnung von Pflanzen (meine Zimmerpflanzen überleben meine Obhut für gewöhnlich genauso kurz wie ich die hier geschilderten Katastrophenszenarien) und würde wahrscheinlich verhungern oder mich versehentlich selbst vergiften, weil ich Tollkirschen und Johannisbeeren verwechselt habe. Ersteres würde etwas länger dauern, Letzteres ginge recht fix.

Szenario: Einsame Insel

Sollte ich mit dem Flugzeug abstürzen und auf einer einsamen Insel landen, kommt es darauf an, ob ich alleine bin oder mit mehreren, wie lange ich das durchhalte. Bin ich alleine, erfriere ich in der ersten Nacht, weil ich zu handwerklich unbegabt bin, um mir einen anständigen Unterschlupf zu bauen, und zu dusselig, um ein Lagerfeuer zu machen. Ist es eine tropische Insel, erfriere ich womöglich nicht sofort, sondern verhungere vorher. Möglich ist auch, dass mich ein wildes Tier frisst. Auf jeden Fall wäre das der Moment, um mein geisteswissenschaftliches Studium und meine Schauspielausbildung zu bereuen. Sind noch andere mit mir gestrandet, wird sicher irgendwann die Frage aufkommen, wen von uns man entbehren und essen kann – und das wäre dann wohl ich.


Und, wie rechnet ihr eure Überlebenschancen in der freien Wildbahn aus, wenn irgendeine Katastrophe euch dorthin katapultiert?


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