Essai 188: Über die dummdreiste Arroganz der Ahnungslosen

17. August 2019

Ich habe eine ganz schreckliche Vermutung: Möglicherweise bin ich intelligenter und gebildeter als der Durchschnitt. Wie ich auf diese anmaßend und eingebildet klingende Theorie komme?

Nun jaaa … ich bin, wie ihr wisst, viel in den Kommentarspalten sozialer Medien unterwegs. Und da begegnet einem ziemlich oft furchtbar dummes Zeug. Und ich kann und will unqualifizierten Quatsch nicht immer einfach so unwidersprochen stehen lassen. Am Ende glaubt das noch jemand, zum Beispiel, dass Impfungen mehr schaden als nutzen, dass es den Klimawandel gar nicht gibt, sondern dass die linksrotgrünversiffte Verbotspartei uns das nur einredet, um uns den Spaß zu verderben!!!1!111!!dankemerkel!!!1!12!“ Oder dass diese Ausländer an allem Schuld seien.

Und dann nehme ich es eben auf mich, und erkundige mich, wie die Kommentatoren auf diese Idee kommen. Manchmal, wenn ich müde und genervt bin von diesem haarsträubenden Ausmaß menschlicher Inkompetenz, schreibe ich auch sowas wie: „Was Sie da behaupten, stimmt nicht“, „Sie haben die Statistik falsch interpretiert“ oder „Sie haben sich offenbar nur auf Seiten informiert, die Ihre Sichtweise – die übrigens nicht den Tatsachen entspricht – bestätigen“.

So oder so: Es ist dann immer ein großes Hallo und die Leute, die den Quatsch verzapft haben sowie ihre ebenfalls geistig überforderten Zeitgenossen schießen sich auf mich ein, schreiben, ich wäre dumm und naiv und hoffentlich würde ich selbst mal von diesen „Rapefugees“ vergewaltigt/erleide selbst mal einen Impfschaden, dann würde ich ja wohl einsehen, wer Recht hat.

Seufz.

Was ich dabei immer wieder faszinierend finde, ist, dass meine Gesprächspartner offenkundig überhaupt keine Ahnung haben, was sie da reden, und das mit einer bestechend dummdreisten Arroganz einfach ignorieren. Bekannt ist dieses Phänomen auch als Dunning-Kruger-Effekt: Je inkompetenter jemand ist, desto eher überschätzt er seine eigenen und unterschätzt die Fähigkeiten seines (kompetenteren) Gegenübers.

Das begegnet mir gelegentlich auch im richtigen Leben, dass Leute in einem Brustton der Überzeugung irgendwelchen Scheiß behaupten, von dem ich entweder sofort weiß, dass es Blödsinn ist oder es durch eine kurze Recherche im Nachhinein als solchen entlarve.

So ein unerschütterliches Selbstvertrauen, selbst wenn man keine Ahnung von dem hat, was man da herausposaunt, hätte ich irgendwie auch ganz gern. Zumindest würde mir dann niemand mehr fiese Sachen an den Hals wünschen oder mich beleidigen, sondern dann würde man mir einfach alles abkaufen, was ich so an Unfug herauströte.

Dann würde ich vielleicht nicht ständig an mir zweifeln, Dinge hinterfragen oder so kreuzunglücklich darüber sein, dass niemand mehr heutzutage auf echte Experten hört und lieber Unfrieden stiftet, andere Leute mit Masern ansteckt oder weiterhin dazu beiträgt, die Erde zu zerstören, anstatt einmal kurz inne zu halten, zu reflektieren, ob der eigene Standpunkt überhaupt logisch ist, und dann wenigstens ein bisschen Demut zu zeigen.

Stattdessen hören dummdreist-arrogante Ahnungslose lieber auf Spinner, die unqualifizierten geistigen Dünnpfiff auf YouTube verzapfen, Hass säen oder beides gleichzeitig. Bestimmt fühlt es sich gut an, sich seiner selbst und seines (einfachen und nicht den Tatsachen entsprechenden) Weltbilds zu 100 Prozent sicher zu sein, zu einer Gemeinschaft anderer hasserfüllter Idioten zu gehören, die genau den gleichen Schwachsinn behaupten wie man selbst … da fühlt man sich bestimmt nicht so allein und so, als würde man gegen Windmühlen kämpfen, obwohl es völlig hoffnungslos ist.

Puh, das war jetzt ganz schön misanthropisch. Ich sollte solche polternden Vollidioten wahrscheinlich meinem eigenen Seelenheil zuliebe besser ignorieren. Aber das schaffe ich leider nicht. Ich denke, wenn man zu den Leuten gehört, die ein klitzekleines bisschen weniger dämlich sind als der Durchschnitt, hat man doch auch eine gewisse Verantwortung. Es gibt ja immer auch die stillen Mitleser oder die stillen Zuhörer, die sich nicht ganz sicher sind, ob der pöbelnde Dummdödel nicht vielleicht doch ein wenig Recht hat. Und da braucht es doch Menschen, die dagegenhalten, oder?

Komischerweise bin meistens ich diejenige, die dann als arrogante, eingebildete Intellektuelle dasteht, wenn ich Leute, die dummes Zeug behaupten, korrigiere. Anscheinend mögen es arrogante, eingebildete Dumpftröten nicht besonders, wenn man sie auf ihre Irrtümer aufmerksam macht. Dabei bin ich total höflich, ich sieze die Leute, ich bleibe sachlich, ich schreibe nie: „Halt die Fresse, du Honk“, sondern beziehe mich immer nur auf das Inhaltliche und kritisiere höchstens das Verhalten der Leute, werde also nicht persönlich ausfallend. Das scheint sie aber umso mehr zu reizen … verstehe ich gar nicht.


Und, wie sind eure Erlebnisse mit dummdreist-arroganten Ahnungslosen? Widersprecht ihr den Leuten? Oder habt ihr schon resigniert (ich selbst bin manchmal kurz davor …)?

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Essai 187: Über passiv-aggressives Gruppenverhalten

20. Juli 2019

Weicht man ein klitzekleines bisschen von der Norm ab und gerät in eine Gruppe von Menschen, die das nicht tun, dauert es meist nicht lange, und man erlebt folgendes Phänomen:

Diejenigen, die der Norm entsprechen, also dem Durchschnitt, der Mehrheit, rotten sich zusammen. Und dann ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis man als Nicht-Normaler irgendetwas macht, was dem Durchschnittsgrüppchen sauer aufstößt. Man fällt in Ungnade. Und dann geht es los, das passiv-aggressive Gruppenverhalten.

Von einem besonders typischen Fall erzählte mir kürzlich eine Freundin, die mit einer Elternclique an der Schule ihres Sohnes in eine solche Situation geraten ist. Meistens gibt es dann in solchen Gruppen einen Anführer oder eine Anführerin, die die anderen Normalen gegen die Von-der-Norm-Abweichenden aufstachelt.

Dann darf plötzlich keiner mehr mit den in Ungnade Gefallenen reden. Es werden böse Blicke zugeworfen. Die Kinder werden nicht mehr eingeladen und das erfährt man dann von hinten rum durchs Knie ins Auge – und wenn man fragt, ob irgendetwas ist, wird das mit einem eisigen Lächeln und einem „Nee, wieso?“ quittiert. Das sind übrigens alles erwachsene Leute, nur mal so am Rande.

Ich erlebe das auch oft in Facebook-Kommentarspalten, dass man sich nicht gerade mit Beliebtheit bekleckert, wenn man es wagt, einen von der Mehrheit (in der Kommentarspalte) abweichenden Standpunkt einzunehmen. Da stürzen sich die Mehrheitsvertreter wie die Geier auf den Abweichler, um diesen unverschämten Knilch zu zerfleischen. Was fällt dem auch ein, sich seine eigenen Gedanken zu machen? Frechheit!

Sicher, man muss aufpassen, dass man der Mehrheit nicht einfach so um des Widersprechens willen widerspricht. Manchmal hat es ja auch einen triftigen Grund, warum etwas Mehrheitsstandpunkt ist – nämlich weil es einfach stimmt. Aber das meine ich nicht, sondern solche Situationen, wo es einfach nur um Meinungen, Sichtweisen und Geschmäcker geht. Oder wenn irgendein Vertreter der Mehrheit oder ein Mensch mit Macht Scheiße gelabert oder sich übelst in die Nesseln gesetzt hat, und man wagt, das zu kritisieren. Dann muss man nur bis drei zählen und die Geier kommen angeflogen.

Dann ist es vollkommen wumpe, wer Recht hat, wer Unrecht, wie gut man argumentiert oder wie eloquent man sich ausdrückt. Man wird einfach mit Bockmist überrollt, bis man genervt aufgibt. Wobei … in den Kommentarspalten verlassen die Leute relativ schnell die Gefilde des Passiv-Aggressiven und werden einfach nur aggressiv. Pöbeln, beleidigen, verspotten, verhöhnen, für blöd erklären, mit offenkundiger, humorfreier Ironie herunterputzen … da ist kein Mittel zu weit unten in der Schublade, um es nicht dem unverschämten Abweichler um die Ohren zu hauen.

Es ist aber insofern doch wieder passiv-aggressiv, weil ich mir ziemlich sicher bin, dass die Pöbler, die in den Sozialen Medien so großkotzig ihr Schandmaul aufreißen, um andere kleinzumachen, die sich dem Gruppendruck nicht beugen wollten, im wahren Leben, von Angesicht zu Angesicht, eher das Verhalten der Elternclique an den Tag legen würden. Also böse Blicke, hinterm Rücken des Betroffenen lästern, Gerüchte streuen, die Leute und ihre Angehörigen schneiden und ausschließen, bei direktem Kontakt aber aalglatt lächeln und so tun, als wäre alles fein etc.

Ehrlich gesagt, ich verstehe nicht, was das soll. Erstens lassen sich die meisten Konflikte im Keim ersticken, bevor sie entstehen, wenn man einfach mal sagt, was man will oder nicht will. Zweitens haben die Abweichler den „Normalen“ in der Regel überhaupt nichts getan. Drittens ist man doch, wenn man zur Mehrheit gehört, ohnehin in einer Vorteilslage und sowieso in einer Machtposition. Wozu dann noch Leute dissen, die von der Norm abweichen? Was soll denn das bringen?


Und, was sind eure Erlebnisse mit passiv-aggressivem Gruppenverhalten? Schreibt es mir in die Kommentare, ich bin gespannt. 🙂

Essai 186: Über Arschloch-Humor

24. Mai 2019

Über Geschmack und Humor lässt sich nicht streiten? Von wegen! Man braucht sich nur auf Facebook zu tummeln, da gerät man früher oder später in eine erbitterte Humor-Debatte, in der einem selbsternannte Witzrichter erklären, dass alles, was sie selbst lustig finden, auch lustig ist. Und wer das anders sehe, habe eben keinen Humor.

Was mir dabei auffällt: Oft entstehen solche Debatten dort, wo der Witz darauf beruht, andere herunterzuputzen. Wenn dann irgendwelche zartbesaiteten Seelchen wie meine Wenigkeit darauf hinweisen, dass das nicht sehr nett ist, braucht man nicht einmal bis drei zu zählen, schon kommen die Humorapostel und belehren einen darüber, dass das ja wohl überaus komisch sei und man sich halt nicht so anzustellen habe.

Ich nenne das Arschloch-Humor.

Ein Beispiel: Zum Muttertag vor zwei Wochen veröffentlichte Edeka einen Werbespot. Dieser Spot zeigte völlig überforderte Väter, die an den einfachsten Aufgaben im Umgang mit ihren Kindern scheitern, die als hässlich bezeichnet wurden und in Sachen Familie und Haushalt nichts auf die Kette kriegen. Am Ende sagt dann die Tochter zu ihrer Mutter: „Danke Mama, dass du nicht Papa bist.“

Wer sich dieses Machwerk noch einmal zu Gemüte führen will, bitteschön:

Es dauerte jedenfalls nicht lange, da beschwerten sich die ersten Männer und insbesondere Väter, dass sie sich diskriminiert fühlten und dass das überhaupt nicht lustig sei. Der Meinung bin ich auch. Zudem kommen auch Frauen nicht gut weg. Wir erinnern uns: Der Spot war für den Muttertag gedacht. Da werden die Mütter geehrt – eigentlich. Hier werden aber nicht die Mütter geehrt, sondern die Väter gedisst. Und ganz ehrlich, wie armselig ist das denn, wenn man seiner Mutter als einziges Kompliment machen kann, dass sie nicht der Vater ist? Und was ist das überhaupt für ein Kompliment?

Jedenfalls finde ich, da kann man ganz sachlich, indem man sich allein auf den Inhalt und den Kontext bezieht, festmachen, dass das nicht sonderlich geistreich ist. Das Humorprinzip beruht auf Schadenfreude und Erniedrigung anderer. Wer darüber lacht, tut das, um sich über die Erniedrigten zu erhöhen und sich als was Besseres darzustellen als die humorlosen Wursttröten, die schon wieder rumflennen, weil ein Werbespot gemein zu ihnen war. Und das, meine lieben Leserinnen und Leser, ist der Inbegriff von Arschlochtum.

Arschloch-Humor war übrigens auch der Karnevalsauftritt von Annegret Kramp-Karrenbauer. Intersexuelle als verunsicherte Männer darzustellen, die völlig verwirrt sind, weil sie nicht wissen, wie sie auf einer Unisextoilette pinkeln sollen, ist objektiv betrachtet völlig daneben. Da hagelte es also völlig zu Recht jede Menge Kritik.

Doch viele Nichtbetroffene, Nichtgemeinte, waren der Ansicht, sie müssten jetzt alle Betroffenen und Gemeinten, die mit diesem „Witz“ diskriminiert und ohne Not verspottet wurden, belehren, dass das ja wohl ein höchst amüsantes Bonmot war – und wer das nicht begreift, der hat nicht nur keinen Sinn für Humor, sondern sei überdies völlig verklemmt und dumm obendrein.

Doch ganz allgemein begegnet mir Arschloch-Humor immer wieder. Das reicht von der klassischen sexistischen Kackscheiße à la „Ooooh, das vermaledeite Weibsbild hat schon wieder ihres Mannes sauer verdientes Geld für Schuhe ausgegeben“ bis hin zu mobbingähnlichen Zuständen, in denen sich mehrere Arschloch-Humoristen auf ein aus ihrer Sicht humorloses Gänseblümchen einschießen, um ihm die Welt des Witzes zu erklären, die es ja offenkundig infolge unermesslicher Dummheit nicht begriffen hat.

Es reicht übrigens einfach, in irgendeinem Punkt von der Norm abzuweichen, um Ziel des Spotts solcher Arschloch-Humoristen zu werden. So trinke ich zum Beispiel keinen Alkohol, was für nicht wenige Facebook-User bereits eindeutiges Zeichen dafür ist, dass ich keinen Spaß verstehe. Wobei: Wenn der Spaß aus Arschloch-Humor à la „Oh, ich gehe mal gezielt auf eine Seite für Leute, die wenig Alkohol trinken, und reibe ihnen unter die Nase, wie doof die sind“ besteht, verstehe ich den Witz aber wirklich nicht.

Da ist mir irgendwann auch mal die Hutschnur geplatzt, als da schon wieder so ein wichtigtuerischer Heini ungefragt darüber informierte, dass er Alkohol trinkt, Diesel fährt, Fleisch isst und noch irgendetwas Stinknormales tut. Und dann habe ich ihm gesagt, dass er nur ein stinknormaler Durchschnittstyp sei, der sich wichtig machen wolle, und das auf Kosten von Leuten, die ein wenig von der Norm abweichen und ihm nichts getan haben. Uuuuund was wurde ich im Anschluss darüber belehrt, wie humorbefreit und empfindlich ich sei, ein linksrotgrünversiffter Social Justice Warrior, Gutmensch und bla. Ja nun, irgendwer muss doch diesen Arschlöchern auch mal sagen, dass sie Arschlöcher sind, sonst denken die am Ende noch, man fände sie toll.

Jedenfalls muss ich ganz ehrlich sagen, dass ich Menschen, die nur dann lachen können, wenn andere, die ihnen nichts getan haben, erniedrigt, beleidigt, verspottet oder gedemütigt werden, nicht besonders mag. Es ist eben ein Unterschied, ob man subversiven Humor betreibt, indem man satirisch und geistreich die Mächtigen und Stärkeren aufs Korn nimmt. Oder ob man völlig plump und platt einfach irgendwelche Klischees hinklatscht, ohne diese zu reflektieren, damit man Vorurteile als Tatsachen hinstellen und sich auf dieser Basis über Schwächere oder Minderheiten lustig machen kann. Ziel von letzterem ist, das eigene Ego zu plüschen und Beifall von anderen Arschloch-Humoristen einzuheimsen, und dafür ist einem jedes Mittel recht.


Und, wie seht ihr das? Habt ihr auch Beispiele für Arschloch-Humor? Oder findet ihr, ich solle mich gefälligst nicht so anstellen, sei ja schließlich alles nur Spaß? Schreibt es mir in die Kommentare, ich bin gespannt.

Essai 185: Über die Frage nach der Herkunft

17. März 2019

Ich habe es schon wieder getan: mich auf Facebook mit Leuten gestritten. Dieses Mal ging es darum, ob es rassistisch ist, Leute nach ihrer Herkunft zu fragen.

Und es ist wahnsinnig schwierig, sachlich mit Menschen darüber zu diskutieren, weil immer alle gleich beleidigt sind. Lustigerweise vor allem die, die anderen Menschen mehr oder weniger rassistisch auf den Schlips treten. Die, auf deren Schlips getreten wird, sind vor allem eines: genervt.

Die Journalistin Ferad Ataman hat dem Phänomen der Herkunftsfrage einen Hashtag gewidmet, #vonhier.

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Viele, viele Menschen sprangen daraufhin auf den Zug auf und schilderten ihre Erlebnisse mit der Frage, woher sie kommen, also WIRKLICH kommen, also ihre Wurzeln haben und woher ihre Eltern, Großeltern und Urahnen kommen. Wiederum viele, viele Menschen reagierten erbost, beleidigt, empört darüber, dass ihnen pauschal Rassismus unterstellt würde.

Puh.

Nun, da ich es gern friedlich habe und es mich extrem nervt, wenn Leute sich zoffen, obwohl man den Konflikt mit etwas Einfühlungsvermögen und gegenseitigem Verständnis lösen könnte, versuche ich hier mal ein paar Dinge zu erklären.

Ist es rassistisch, wenn ich jemanden frage, woher er kommt?

Nein, zumindest nicht grundsätzlich. Es ist durchaus möglich, einfach aus Interesse und Neugier andere Menschen zu fragen, woher sie kommen. Als Smalltalk-Thema. Ob es echtes Interesse ist, lässt sich in der Regel daran erkennen, wie der Fragesteller auf die Antwort des Befragten reagiert.

Geht er auf die Antwort ein, war es ehrliche Neugier, und dann entwickelt sich in den meisten Fällen eine nette Plauderei.

Reagiert er so, als hätte sein Gegenüber die Frage falsch verstanden, bohrt nach oder macht deutlich, dass er eine ganz bestimmte Antwort hören will, die von der tatsächlichen Antwort abweicht – dann offenbart er damit, dass er eigentlich gar keine ehrliche Antwort auf seine Frage haben wollte. Sondern, dann ging es darum, dass der Fragesteller sich bereits vor der Antwort ein Bild von dem anderen gemacht, sich ein Vorurteil gebildet hat, und dieses bestätigt sehen möchte. Und wenn der andere die Erwartungen nicht erfüllt, ist der Fragesteller enttäuscht und frustriert.

Und das zeigt dann, dass der Fragesteller offenbar Vorurteile hat und wenn sich diese darauf beziehen, dass er automatisch davon ausgeht, jemand mit „nicht deutschem“ Namen oder Aussehen könne unmöglich aus Deutschland sein, die deutsche Staatsbürgerschaft besitzen und schon ewig oder seit immer hier leben. Dann tut es mir leid, das sagen zu müssen, aber das ist bereits rassistisch.

Aber Rassismus ist doch immer abwertend gemeint!

Ein häufiger Einwand ist, dass Rassismus doch stets abwertend gemeint sei, ebenso wie Diskriminierung. Das muss allerdings nicht zwingend der Fall sein. Vermeintlich positiver Rassismus existiert, auch bekannt als „Scheißausländerfreundlichkeit“. Man lässt sein Gegenüber dann spüren, dass es anders ist, eben nicht „von hier“, und deswegen nicht so richtig, wirklich, ganz dazugehört. Und nichts weiter heißt „Diskriminierung“: Unterscheidung, Trennung.

Das kann zum Beispiel sein, dass man Menschen, die „ausländisch“ aussehen, automatisch auf Englisch anspricht:

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Als ich mit meinen Eltern in Berlin im Museum war, hat meine Mutter Karten geholt. Sie hat einen französischen Akzent, spricht aber perfektes Deutsch und kennt sich mit deutscher Grammatik, Syntax und Rechtschreibung besser aus als die meisten „Bio-Deutschen“. Außerdem lebt sie länger hier als in Frankreich und hat die deutsche Staatsbürgerschaft. Trotzdem hat die Dame an der Kasse ihr sofort auf Englisch geantwortet. Meine Mutter war stinksauer und gekränkt.

Menschen, die sowas noch nie am eigenen Leib erlebt haben und vermutlich auch nie werden, verstehen oft nicht, warum das als Kränkung empfunden wird, wenn man sofort auf Englisch angesprochen wird, obwohl man perfekt Deutsch spricht. Sie sagen dann: War doch nicht so gemeint, ist doch keine böse Absicht, was stellen die sich alle so an, lasst doch mal die Kirche im Dorf, …

Das ist dann noch mal eins auf die Zwölf obendrauf. Nicht nur wurden die Menschen gerade – wenn auch ohne böse Absicht – diskriminierend behandelt. Sie werden dann auch noch als Mimosen beleidigt, die sich bloß anstellen.

Es kann auch sein, dass man Menschen auf ihren „exotischen Teint“ anspricht, ihnen dauernd in die Haare fasst, weil man die „tollen Afro-Locken“ so faszinierend findet, oder auch andere Dinge. Das ist alles „nicht böse“ gemeint, aber man lässt den anderen spüren, dass er kein vollwertiges Clubmitglied ist. Und je nachdem, was für ein dickes Fell man hat oder eben nicht, reagiert man irgendwann, wenn man sowas immer wieder erlebt, nicht mehr wirklich geduldig darauf.

Boah, jetzt macht mal halblang! Ist doch kein Problem

Interessanterweise fühlen sich vor allem die Menschen dazu bemüßigt, ein Problem als solches zu definieren, die entsprechendes Problem gar nicht haben. „Also, ich habe kein Problem damit, wenn man mich nach meiner Herkunft fragt!“ oder „Also, ich meine das immer als ehrliches Interesse, wenn ich nach der Herkunft frage!“

Menschen sind verschieden. Das macht es ja gerade spannend, aber manchmal eben auch kompliziert. Nur, weil man selbst noch nie ein Herkunftsverhör über sich ergehen lassen musste, heißt es nicht, dass es so etwas nicht gibt, und Leute, die darüber berichten, sich nur anstellen.

Und nur, weil man selber aus Neugier fragt, woher jemand kommt, heißt es nicht, dass es nicht auch manche Leute gibt, die es nicht lassen können, nach einer unerwarteten Antwort noch weiter nachzubohren, weil sie dem anderen nicht glauben wollen.

Deswegen ist es wirklich die beste Lösung, seinen Mitmenschen mit Empathie und Respekt, auf Augenhöhe zu begegnen, und wenn man ein nettes Gespräch führen möchte, dann geht man auf die Antworten seines Gegenübers ein. Und dann wird das Gegenüber mit großer Wahrscheinlichkeit auch nicht das Gefühl haben, ausgegrenzt oder rassistisch typisiert zu werden.


Und, was sind eure Geschichten zu dem Thema? Werdet ihr oft nach eurer Herkunft gefragt? Und nervt euch das oder findet ihr das OK? Ich bin gespannt auf eure Antworten 🙂

Essai 184: Über Sachen und Dinge

7. Februar 2019

Wer kennt es nicht: Da will man einen superschlauen Text schreiben, der nach mächtig viel Inhalt klingt, hat aber gar nichts zu sagen. Doof. Aber das muss nicht sein! Wenn man sich nämlich einfach total vage hält, merkt überhaupt niemand, dass man eigentlich nichts Substanzielles zu Irgendwas beizutragen hat. Praktisch.

Angenommen, zum Beispiel, ich bin Politikerin und möchte, dass alles so bleibt wie es ist, aber trotzdem den Eindruck erwecken, ich sei Neuerungen gegenüber offen. Ich will weder meine konservative Wählerschaft verprellen noch den diffus Unzufriedenen auf den Schlips treten. Eine ziemlich knifflige Aufgabe. Doch nicht unmöglich.

Ich überlege dann einfach, wie ich möglichst interpretationsoffene Vokabeln zu einem halbwegs grammatikalisch richtigen Satz zusammenwürfeln kann. Dann bastele ich mir aus Dingen, Sachen und so Zeug irgendein Gedöns zurecht – und überlasse dem Rezipienten, was er da hineindeuten möchte.

„Sachen machen mit Dingen“ wäre zum Beispiel ein hübscher Slogan. Das klingt dann auch noch aktiv, klasse! Mit Sachen und Dingen alleine stößt man allerdings irgendwann an seine Grenzen. „Dinge bringen mit Sachen“ könnte man noch schreiben – aber früher oder später fällt auf, dass das nur heiße Luft und nichts dahinter ist. Und das will man ja vermeiden.

Also ergänzt man die Sachen und Dinge am besten noch mit ein paar Allgemeinplätzen, die sich gewichtig anhören. Sowas wie „Zeit“, „Liebe“, „Welt“, „Leben“, „Land“, „gut“ … wenn ich darüber nachdenke, man kann sich eigentlich ganz bequem aus dem Repertoire deutscher Popmusik bedienen.

„Weil Zeit für Dinge wichtig ist“. Dem wird beispielsweise wohl niemand widersprechen. Und dass es sich dabei um einen Nebensatz ohne vorangegangenen Hauptsatz handelt, deutet an, dass es einen solchen Hauptsatz überhaupt gibt. Dass er aber so selbstverständlich ist, dass man ihn nicht hinzuschreiben braucht. Das suggeriert ein unausgesprochenes Einverständnis. Und man muss sich dafür noch nicht einmal irgendetwas Tiefsinniges aus den Fingern saugen.

„Für ein Land, in dem wir gut und gerne leben“ wäre auch eine Idee … ach so, Moment. Das kommt mir bekannt vor. Seltsam. Na ja, dann vielleicht eher „Damit die Dinge in der Welt gut werden“? Oder ist das schon zu komplex? Da bin ich mir gerade unsicher.

„Zeit für Liebe ist immer“ finde ich auch sehr schön, das kann man sich richtig gut als Meme vorstellen, mit einem quietschorangefarbenem Sonnenuntergang im Hintergrund. Und alle so: Aaaaaaaawwwwww!

„Sachen sind gut, weil Dinge Leben sind“ Wow! Na, wenn das mal nicht weise klingt, das könnte glatt auf diesen Teefähnchen von den Yogi-Teebeutelchen stehen. Oder sowas wie „Mache Sachen und liebe das Leben“, „Mach dein Ding und gut ist“ – das kann jeder risikolos abnicken und sich dabei klug und tiefsinnig fühlen. Niemand wird es wagen, anzumerken, dass das alles hohle Phrasen sind, weil man sich dann ja selbst eingestehen müsste, dass man auf inhaltsleeren Quatsch reingefallen ist. Und das wäre sehr peinlich. Also spielen alle das Spiel mit, klatschen Applaus, wenn Leute Sprüche klopfen, die sich „irgendwie gut“ anhören und tun so, als würde das irgendetwas aussagen.

Und vielleicht ist das auch „irgendwie gut“, wenn sich alle dabei wohlfühlen … aber so auf Dauer fühle ich mich von so viel Inhaltsleere wie, wenn ich mich ein paar Tage lang nur von Fastfood ernährt habe. So hungrig nach Nährstoffen, nur nicht für den Körper, sondern für den Geist.

Und wie geht es euch mit dem ganzen Zeug?

Essai 183: Über Scheiß, für den ich zu alt bin

22. November 2018

Als mir an meinem 18. Geburtstag mal ein wildfremder Typ sagte: „Pass auf, ab jetzt geht alles ganz schnell“, habe ich ihm nicht geglaubt. Aber – lieber wildfremder Typ, falls Sie das hier lesen – Sie hatten vollkommen recht. Dieses Jahr bin ich schon doppelt volljährig geworden und tatsächlich kommt mir die Zeit seit dem Jahr 2000 viel kürzer vor als die Zeit davor.

Nun könnte man deswegen natürlich wehmütig werden. Vergangenen Zeiten hinterhertrauern oder so. Darüber wehklagen, dass immer mehr weiße Haare im braunen Schopf hervorleuchten (so langsam sieht man sie sogar, ohne gezielt danach zu suchen), die Augen von Krähenfüßchen und Lachfältchen umrandet sind. Sich grämen, weil man jetzt fast eine ganze Woche braucht, um sich von einer langen Nacht zu erholen. Und andere ganz normale Alterserscheinungen, die sich mit Mitte 30 halt langsam so einschleichen.

Oder man lässt es bleiben und freut sich stattdessen über all die Dinge, die man früher für total wichtig hielt, die man aber inzwischen als unnötig erkannt hat. Das ist zumindest mein bevorzugter Ansatz – die Alterserscheinungen kommen ja eh, ob ich mich nun darüber ärgere oder nicht.

Meine Damen und Herren: Ich präsentiere hiermit meine Liste an Scheiß, für den ich zum Glück zu alt bin:

1. Alles glauben, was irgendwelche Schnacker im Brustton der Überzeugung behaupten

Zugegeben, an der Sache arbeite ich noch ein wenig. Hin und wieder passiert es mir dann doch, dass ich auf das aufgeblasene Geschwafel von Wichtigtuern hereinfalle und mich beeindrucken lasse, obwohl die Quatsch erzählen. Aber es ist nicht mehr die Regel. Früher ging ich automatisch davon aus, dass alle besser über alles Bescheid wissen als ich. Da musste man nur irgendwas im überzeugten Tonfall behaupten – und ich ging davon aus, dass das stimmt und der Schnacker ganz genau weiß, wovon er da redet.

Inzwischen ist mein Selbstvertrauen nicht mehr ganz so komplett für’n Arsch und ich habe mir in den letzten Jahren ausreichend Wissen und Erfahrung angeeignet, dass ich nicht mehr ganz so leicht Bullshit und Weisheit verwechsle. Und das finde ich super. Allerdings geht da noch was, von daher freue ich mich schon auf die nächsten Jahrzehnte.

2. Schnäppchen kaufen, weil sie billig sind, obwohl sie mir nicht gefallen

Früher habe ich oft Klamotten gekauft, die günstig, aber nicht wirklich praktisch oder mein Stil waren. Sie vegetierten darob in meinem Kleiderschrank dahin, ohne je das Tageslicht zu erblicken. Ich hatte dann zwar nicht viel Geld dafür ausgegeben, aber in Anbetracht der nicht vorhandenen Zweckmäßigkeit der Schnäppchenkäufe, eben doch zu viel Geld verplempert.

Und sowas nervt mich ja: Wenn ich Geld oder Energie verplempere, ohne dass es mir irgendwas nützt oder mir Freude bereitet. Inzwischen miste ich immer mal wieder meinen Kleiderschrank aus und gebe radikal alles weg, was ich ewig nicht mehr getragen habe, was mir nicht mehr gefällt oder mir nicht mehr hundertpro passt. Ausnahmen mache ich nur bei meinen Abend- und Cocktailkleidern, die trägt man halt generell nicht so oft.

3. Auf Partys gehen, auf die ich keine Lust habe

Ich bin eigentlich, tief im Grunde meines Herzens, ein Partymuffel. Früher habe ich mich trotzdem aufgerafft, mit in den Club zu gehen, obwohl ich viel lieber gemütlich auf der Couch gesessen und mit einer heißen Tasse Tee in den Händen mit meinen Freunden gequatscht hätte, als mich mit fremden Leuten auf einer klebrigen Tanzfläche zu quetschen, schlechte Luft zu atmen, mich von Idioten angraben zu lassen, die nicht kapieren, dass, wenn ich die Frage, ob sie mir einen Drink spendieren dürften, mit „Nein, Danke“ beantworte, damit tatsächlich „Nein, Danke“ meine.

Inzwischen traue ich mich, dazu zu stehen, dass ich kleine, muckelige Runden mit lieben Menschen, die ich gut kenne, Massenzwangsbespaßungsmaßnahmen vorziehe. Dann bin ich eben keine Partylöwin oder extrovertierte Stimmungskanone, und dann werde ich eben irgendwann müde und fahr nach Hause, anstatt bis zum Morgengrauen durchzuhalten. Dann fühle ich mich eben reizüberflutet und unwohl, wenn um mich herum die Technobässe wummern, sodass man sein eigenes Wort nicht mehr versteht. Ich bin keine 20 mehr und muss mir das nicht mehr antun.

4. Über meinen Schatten springen, obwohl ich das, was auf der anderen Seite ist, gar nicht will

Ich habe mich früher oft verpflichtet gefühlt, anderen Menschen irgendwas zu beweisen. Ich bin dann oft über meinen Schatten gesprungen, um beispielsweise mit auf Partys oder in die Disco zu gehen, und länger dort zu bleiben, als ich Lust hatte. Auch meine Schauspielausbildung habe ich im Grunde vor allem deswegen gemacht und durchgehalten, weil ich allen zeigen wollte, dass ich nicht so einfach aufgebe, und dass ich Kram, den ich angefangen habe, auch bis zum Ende durchziehe.

Und bevor man mich falsch versteht: Ich bin froh, dass ich das zu der Zeit getan habe. Ich habe zum Beispiel auf der Schauspielschule Freunde fürs Leben gefunden. Und man lernt halt viel über sich, wenn man auch mal Dinge ausprobiert, die einem nicht auf Anhieb zusagen. Und wenn man nicht mal seine Grenzen überschreitet, weiß man nicht, wo diese Grenzen liegen.

Aber mit der Zeit kann man sich immer besser einschätzen und man erkennt nach und nach, was man will und was nicht. Und das Gute ist, dass man dadurch mit zunehmendem Alter immer seltener über seinen Schatten springen muss, um herauszufinden, ob man das, was sich auf der anderen Seite des Schattens befindet, überhaupt erreichen will. Das finde ich sehr angenehm. So kann man sich seine Energie viel besser einteilen.

5. Dinge tun, weil ich denke, dass andere sie von mir erwarten, nicht, weil ich sie tun will

Puh, ganz schön viele Kommata in einem Satz. Aber auch das ist eine Sache, die mir erst so in den letzten Jahren klargeworden ist. Manchmal denkt man, man wollte etwas, aber in Wirklichkeit will man es gar nicht, sondern denkt nur, man müsste es wollen, weil andere das von einem erwarten, und man diese Menschen nicht enttäuschen will. Klingt kompliziert? Ist es auch. Ich bin teilweise auch immer noch dabei, das für mich auseinander zu klamüsern.

Aber es ist tatsächlich auch sehr spannend, herauszufinden, was man selbst will, was man vom Leben noch erwartet, was einen glücklich macht und wo die eigenen Prioritäten liegen. Muss man partout die Karriereleiter in Richtung Führungsposition emporklettern? Oder gibt es nicht noch andere Entwicklungsmöglichkeiten, die einem erlauben, immer wieder Neues dazuzulernen und sein Wissen mit anderen zu teilen? Tut das zwingend Not, eigene Kinder in die Welt zu setzen? Oder kann man nicht auch als Tante/Patentante/Pseudopatentante Spaß haben, die Kinder anderer Leute verwöhnen oder Verstecken spielen oder auf Hüpfburgen herumhopsen? Muss man wirklich immer B sagen, weil man irgendwann mal A gesagt hat? Oder kann man auch einsehen, dass A Quatsch war, und sich stattdessen für C entscheiden?

6. Mich für das Lebensglück erwachsener Menschen verantwortlich fühlen

Zugegeben, ich versuche immer noch, es allen Recht zu machen, und wünsche mir immer noch, dass alle glücklich sind, auch wenn ich weiß, dass das nicht geht beziehungsweise, dass mich das eigentlich nichts angeht. Aber ein bisschen Fortschritte habe ich in der Hinsicht schon gemacht. So mische ich mich zum Beispiel nicht mehr ungefragt ein, wenn ich den Eindruck habe, jemand steht sich selbst und seinem eigenen Glück im Weg. Das fällt mir immer noch schwer, aber ich reiße mich zusammen und denke mir meinen Teil, bis man mich nach meiner Meinung fragt. Und wenn man mich nicht nach meiner Meinung fragt, behalte ich sie für mich.

Es ist ja wirklich so, dass ich nicht für das Lebensglück anderer Leute verantwortlich bin. Und ich bin auch gar nicht das Maß aller Dinge, also, was für mich wichtig ist, muss ja nicht für andere gelten. Und solange keine Lebensgefahr besteht, kann man ja auch andere Leute – aus meiner Sicht – unvernünftige oder nicht zweckmäßige Verhaltensweisen machen lassen, auch wenn ich sie nicht nachvollziehen kann. Es ist ja nicht meine Aufgabe, Leute zu erziehen oder zu ändern. Das einzusehen, ist aber in der Tat eine Sache, an der ich wohl noch weiter arbeiten muss, denn leicht fällt mir das nicht.

7. Bücher zuende lesen, die langatmig geschrieben sind oder mir nicht gefallen

Während des Studiums musste ich mich häufiger auch mal durch Bücher quälen, die sehr verquast oder umständlich oder langatmig geschrieben waren. Es waren auch viele spannende und tolle Bücher dabei, die ich von alleine nicht entdeckt hätte. Aber eben auch so verkopfte Klopper, die darauf ausgelegt sind, nur von anderen Intellektuellen verstanden zu werden, wenn überhaupt. Und ich war zwar im Nachhinein schon stolz auf mich, wenn ich mich da durchgeackert hatte, aber wenn ich ganz ehrlich bin: Spaß ist was anderes.

Und jetzt kann ich endlich nur das lesen, worauf ich Lust habe, und das finde ich wunderbar. Ich habe immer ein Buch in der Tasche und lese in der U-Bahn, in der Mittagspause, wenn ich irgendwo warten muss, … Wenn ich in ein Buch beim besten Willen nicht reinkomme, weil der Schreibstil oder die Erzählweise mir zu zäh ist, dann habe ich inzwischen auch keine Skrupel mehr, ein paar Seiten oder Kapitel zu überspringen oder ein Buch auch mal zur Seite zu legen, und mir ein neues zu schnappen.


Und, wie erlebt ihr das Älterwerden? Kommen euch einige von diesen Dingen bekannt vor? Oder seht ihr noch andere Sachen, die mit den Jahren besser werden? Schreibt es mir in die Kommentare, ich bin gespannt! 🙂

Essai 182: Über die Schreckensherrschaft der Wüteriche

1. Juli 2018

Wenn man jemand ist, der gern Ärger vermeidet, kann man sich schon mal auf ein Leben voller Kompromisse einstellen, die zu den eigenen Ungunsten ausfallen. Ich weiß das, weil ich selbst zu diesen konfliktscheuen Harmoniejunkies gehöre. Und nein, ich bin nicht stolz darauf.

Das Problem ist, dass es manche Menschen gibt, die kein Problem damit haben, immer ein Theater zu machen, wenn etwas nicht nach ihrem Willen läuft. Und hat man sich ersteinmal einen Ruf als Wüterich erarbeitet, dann machen die meisten Menschen das, was man will, ohne dass man erst einen cholerischen Anfall simulieren muss.

Das lässt sich zum Beispiel in Familien gut beobachten. Oft gibt es ein bestimmtes Familienmitglied, das es sich zur Gewohnheit gemacht hat, stets einen Tobsuchtanfall zu bekommen, wenn irgendwer nicht nach seiner Pfeife tanzt. Aber generell gibt es in jeder größeren Gruppe einen solchen Kandidaten.

Und dann machen alle anderen lauter Sachen, auf die sie eigentlich nicht die geringste Lust haben, nur um nicht schon wieder angeschrien zu werden. Der Wüterich hingegen gewöhnt sich daran, dass er so viel Macht über die anderen ausübt.

Wie aber kann man diese Dynamik durchbrechen? Denn eigentlich fühlt sich ja niemand so wirklich wohl dabei, nehme ich an. Jedenfalls nicht die ganzen aufgescheuchten Hühner, die ihr Bestes geben, im vorauseilenden Gehorsam die Wünsche und Bedürfnisse des Cholerikers zu erfüllen, in der Hoffnung, dass er einigermaßen friedlich bleibt. Wie sich der Choleriker bei dem ganzen Theater fühlt, kann ich nicht beurteilen – auf dieser Seite der Macht stand ich einfach noch nie. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass einen das auf Dauer glücklich macht, wenn man zwar die Ehrfurcht seiner „Untergebenen“ genießt, aber gar nicht weiß, wie das geht, mal selbst einen Kompromiss einzugehen, gleichberechtigt zusammenzuarbeiten und es einfach zu genießen, dass nicht ständig Gewitterwolken über den Köpfen hängen.

Bloß denke ich, dass der Brüllaffe gar nicht weiß, wie Nachgeben funktioniert, weil das immer nur die anderen machen. Man wird also wohl als eingeschüchterter Konfliktvermeider hin und wieder aufmucken müssen. Ab und zu freundlich, aber bestimmt, eine Forderung des Wüterichs ablehnen (am besten dann, wenn man diese wirklich nicht erfüllen kann und will, dann fällt es leichter, überzeugt zu wirken) – dann merkt er, dass man sich nicht so einfach herumscheuchen lässt. Und vielleicht, wenn man das oft genug gemacht hat und andere mitziehen, lässt sich der Choleriker bändigen.

Ob’s funktioniert, weiß ich nicht. Ich nehme mir das zumindest vor 🙂 Das Komische ist, immer, wenn ich mir vornehme, mir ein bestimmtes Verhalten nicht mehr gefallen zu lassen, und dann entschlossen darauf warte, dass sich eine entsprechende Situation ergibt, um meinen Vorsatz in die Tat umzusetzen – dauert es ewig, bis wieder eine solche Situation eintritt. Und bis dahin ist diese „Mir reicht’s jetzt, nächstes Mal gibt’s aber richtig Stress!“-Stimmung auch schon wieder verpufft. Aber, wie heißt es doch so schön: Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Und, wie sind eure Erfahrungen mit Menschen, die jeden Ärger vermeiden wollen, und solchen, die ständig Ärger provozieren, um ihren Willen durchzusetzen? Gehört ihr mehr zu den Wüterichen? Oder mehr zu den Harmoniejunkies? Ich bin gespannt!

Essai 181: Über Weihnachten und wie man es für alle ruiniert

26. Dezember 2017

Weihnachten – das Fest der Liebe, des Friedens und der Freude. Zumindest für die meisten von uns und auch für mich. Normalerweise verlaufen unsere Weihnachtsfeste sehr harmonisch und wir verstehen uns in der Familie gut, jeder gibt sich Mühe, es sich miteinander möglichst schön und gemütlich zu machen.

Sagte ich „jeder“? Nun, das stimmt nicht ganz. Eine bestimmte Person in der Verwandtschaft kann irgendwie nicht anders, als Weihnachten für alle zu ruinieren. Für all diejenigen dort draußen, die es ihr gleichmachen wollen, gibt es hier jetzt ein paar Tipps.

1. Lade dich ungefragt bei Leuten ein, die du eigentlich nicht ausstehen kannst

Besagte Person kann Menschen im Allgemeinen und ihre große Schwester (meine Mutter) sowie ihre Nichten (meine Schwester und mich) im Besonderen eigentlich gar nicht leiden. Mein Vater betüddelt und tröstet sie immer, wenn sie mal wieder irgendeinen Pups quer sitzen hat, und meine Mutter geht bis an die Grenzen ihrer Kräfte, um Madame glücklich zu machen. Vielleicht kommt sie deswegen dann doch gern zu uns, um sich Bestätigung abzuholen oder keine Ahnung was.

Jedenfalls, sonst lädt sie sich nur für ein paar Tage über Silvester ein. Dann muss man sie nicht so lange ertragen und für die kurze Zeit kann man sich dann mit ein paar Mal tief durchatmen und sich mantraartig in Gedanken vorsagen „heute ist ein wunderbarer Tag“ soweit beruhigen, dass man keinen Wutanfall bekommt und sich um seinen Blutdruck sorgen muss. Und vor allem versaut sie einem dann nicht Weihnachten.

Dieses Jahr hat sie sich aus unerfindlichen Gründen dazu entschlossen, uns 10 (!) Tage mit ihrer Anwesenheit zu beglücken, also einen Tag vor Heiligabend bis einen Tag nach Neujahr. Wir hatten alle gedacht, dass sie vielleicht gerade eine Hochphase hat und mit ihrem Leben gerade nicht komplett unzufrieden ist, sodass ihr langer Aufenthalt nicht allzu schlimm wird. Na ja, aber wenn das ihre Hochphase ist, … Auweia.

2. Vergifte die Atmosphäre mit deiner Scheißlaune

Mein Freund und ich waren nur Heiligabend und den ersten Weihnachtstag vormittags da. Ich dachte, die kurze Zeit würde es schon gehen. Und schließlich hätte sie sich ja nicht für 10 Tage bei meinen Eltern eingeladen, wenn sie unerträglich gelaunt wäre, oder? Mein Optimismus verpuffte dann jedoch, sobald wir das Wohnzimmer betraten. Da saß sie dann zusammengesunken, mit hängenden Schultern und Mundwinkeln und strahlte ihren ganzen Missmut, ihre Bitterkeit und Menschenhass in die Gegend aus.

Gut, ich versuche dann immer, mich davon nicht zu sehr herunterziehen zu lassen, wenn andere eine Scheißlaune haben. Aber das schaffe ich nur mit Mühe und es zehrt an meinen Nerven. Ich probiere dann, mir zu sagen, dass das nicht persönlich gegen einen von uns gerichtet ist, sondern dass sie alle gleichermaßen wie Dreck behandelt.

Das ist so eine Art umgeleitete, passive Aggression. Sie ist unglücklich, gleichzeitig aber auch unfähig, ihren eigenen Anteil daran zu sehen, sondern sie ist überzeugt, dass alle anderen daran Schuld sind – und dafür büßen müssen. Für direkte Aggression ist sie aber zu faul und zu feige, deswegen wählt sie die passive Variante: Sticheln, Schmollen, emotionale Erpressung, andere zur Weißglut treiben, die ganze Palette.

Es funktioniert im Übrigen ganz hervorragend. Man hat tatsächlich ein quälend schlechtes Gewissen, dass man dieses arme Geschöpf, dem das Leben so übel mitgespielt hat, das überhaupt gar nichts dafür kann, dass es allein ist, dann auch noch so fies behandelt. Und dann macht man natürlich alles, was sie von einem verlangt oder unausgesprochen erwartet, in der (vergeblichen) Hoffnung, ihr doch ein kleines bisschen Glücksgefühl zu verschaffen. Spoiler: Das wiederum funktioniert nicht.

3. Gehe Leuten auf die Nerven, die gerade etwas spielen

Zum Glück begab sie sich dann in den Mittagsschlaf, nachdem sie übellaunig unsere freundliche Begrüßung über sich hatte ergehen lassen. Und – doppeltes Glück – der Mittagsschlaf dauerte fast 3 Stunden. Genug Zeit also, um sich mal in Ruhe mit den anderen Familienmitgliedern zu unterhalten, ohne dass sie beleidigt dazwischenquakt, weil es mal kurz nicht um sie geht. Und dann blieb sogar noch Zeit, „Siedler von Catan“ zu spielen.

Mitten in der zweiten Runde, es war gerade ziemlich spannend, weil meine Schwester soeben meinem Freund die Bonuspunkte für die längste Handelsstraße abgeluchst hatte, kam sie dann wieder herunter. Erst hegte ich die zarte Hoffnung, ihre Laune habe sich durch den Mittagsschlaf verbessert. Vergebens. Wobei – ein kleines bisschen weniger wehleidig war sie dann doch, dafür aber nicht minder garstig.

Jedenfalls sah sie uns alle da sitzen und friedlich miteinander spielen, da tigerte sie um den Tisch herum und gab unausgesprochen, aber unmissverständlich, zum Ausdruck, dass sie sich langweilte. Dann lief sie auch hinter uns auf und ab und atmete uns ihre Missbilligung darüber in den Nacken, dass wir es wagten, ohne sie Spaß zu haben. Weil uns das aber noch nicht vom Spielen abhielt, plärrte sie dann dazwischen: „Wann essen wir?“ oder „Was ist das denn für ein Spiel?“ oder „Braucht ihr noch lange?“

Aber auch das ertrugen wir alle mit der Geduld eines Zen-Meisters.

4. Ignoriere beim Essen sämtliche Tischmanieren

Schließlich gaben wir nach (wie immer) und unterbrachen unsere Partie, um zu essen. Meine Mutter hatte für meine Schwester und mich extra ein bisschen Soße ohne Pilze beiseite gepackt, weil wir die nicht so gern mögen. Meine Tante ignorierte den Hinweis „So, hier ist die Soße für euch beide“ und goss sich einfach mal die Hälfte davon auf ihren ansonsten leeren Teller. Unnötig hinzuzufügen, dass noch längst nicht alle am Tisch saßen.

Dann wollte ich mir gerade Kartoffeln nehmen, da verlangte sie selbige. Ich als artige Nichte, die keinen Streit will, gab ihr die Kartoffeln, wovon sie sich dann auch großzügig in ihre Soßenpfütze schaufelte. Als die Kartoffelschüssel einmal um den Tisch herum war, habe ich dann doch noch welche abbekommen, also alles gut, aber trotzdem. Man kann doch echt mal ein wenig höflich sein und fünf Minuten warten, bis man dran ist, anstatt gleich alles an sich zu reißen.

Als ihr Teller voll war, schlang sie alles laut schmatzend in sich hinein und kümmerte sich auch überhaupt nicht darum, sich fürs Kochen bei meiner Mama zu bedanken oder zu warten, bis alle was hatten oder sonst irgendwas, was sich an Tischmanieren eigentlich so gehört. Aber das reichte ihr anscheinend noch nicht.

5. Stelle indiskrete Fragen ohne jeden Grund

Also funkelte sie mich abschätzend an und fragte aus heiterem Himmel, ob mein Freund und ich schon ein Baby hätten. Dies verneinte ich, leicht irritiert über die Dämlichkeit dieser Frage, schließlich hätten wir ein vorhandenes Baby ja wohl mitgebracht. Sie ließ aber nicht locker. Nach meinem lapidaren „Nö“ musterte sie uns beide und fragte, wie alt wir denn seien. Ich: „35.“ Daraufhin sagte sie dann im gespielt vertraulichen Ton: „Ja, dann müsst ihr langsam mal ein Baby machen!“ – Fürs Protokoll: Sie hat keins.

Keine Ahnung, warum sie dieses Thema plötzlich anschnitt, das hat sie vorher nie gemacht. Vermutlich wollte sie gucken, wie sie mir eins reinwürgen kann, und meine biologische Uhr schien ihr ein geeignetes Thema. Da hat sie aber von sich auf andere geschlossen, denn ihr mag das Älterwerden was ausmachen, ich finde das eher spannend.

6. Sabotiere liebgewonnene Weihnachtstraditionen

Schließlich ging es an die Bescherung. Wir machen das in unserer Familie traditionell immer so, dass die jüngere Generation (also meine Schwester und ich inklusive Anhang) abwechselnd aufsteht, ein Geschenk auswählt und in die Runde fragt, für wen das ist. Dann lässt man den Beschenkten in Ruhe auspacken, unterhält sich danach noch kurz über das Geschenk, dann erst wird das nächste geholt.

Meiner Tante ging das nicht schnell genug. Ohne ein Wort zu sagen, wühlte sie sich durch den Geschenkeberg und knallte jedes Geschenk der entsprechenden Person – ohne diese eines Blickes zu würdigen – auf den Schoß. Dabei murmelte sie „Anonym“ vor sich hin, wenn ein Geschenk ohne Namen (den sie erkennen konnte) auftauchte. Das waren dann meine Geschenke, die ich nur dezent mit Namen versehen hatte, bzw. gar nicht, weil ich ja wusste, für wen die sind.

So entstand eine Unruhe, Hektik und Stress. Man konnte sich überhaupt nicht richtig anschauen, was man selbst und was die anderen bekommen hatten, weil man gleich schon das nächste Päckchen vor den Latz gepfeffert bekam. Man konnte sich auch überhaupt nicht über die Geschenke austauschen, sich darüber freuen und sich bedanken. Das ist meiner Meinung nach nicht Sinn der Sache.

7. Öffne anderer Leute Geschenke ohne zu fragen

Zu diesem Zeitpunkt schnaufte ich innerlich bereits wie ein Walross vor Zorn und musste mich mit aller Kraft zusammenreißen, um sie nicht an die Wand zu klatschen. Aber im Gegensatz zu anderen Leuten sind meine Frustrationstoleranz und Impulskontrolle recht gut ausgeprägt. Außerdem wollte ich es meiner Mutter nicht noch schwerer machen, als es ohnehin schon war, indem ich ihre Schwester vor versammelter Mannschaft zusammenfalte.

Dann fing sie aber an, ein „anonymes“ Geschenk nach dem anderen aufzureißen und mir („Da nimm“) in die Hand zu drücken – und dann reichte es mir.

8. Jemand reagiert verärgert auf dein Arschlochverhalten? Fang an zu flennen

Ich schoss vom Sofa empor, stürmte nach vorne und nahm ihr die „anonymen“ Geschenke aus der Hand. Sie guckte mich tief verletzt ob meiner Grobheit an wie ein getretener Hund und maulte: „Muss man halt mal die Namen draufschreiben“. Ich schnauzte: „Ich HABE die Namen draufgeschrieben. So. Das ist noch für Mama, das ist für Papa und jetzt ist gut.“ (Allerdings muss ich hinzufügen, dass mein „Schnauztonfall“ immer noch ziemlich freundlich klingt. Man erkennt nur, dass ich innerlich bis zum Anschlag gereizt bin, wenn man mich genau kennt und mein Verhalten im sonstigen Kontext betrachtet. Ansonsten klingt es einfach nur resolut.)

Dann packten wir – die Stimmung war hoffnungslos im Keller, aber dennoch versuchten wir, das Beste draus zu machen – die letzten Geschenke aus, unterhielten uns noch ein wenig – da fing sie plötzlich an zu schluchzen. Heulte sich die Seele aus dem Leib, sagte aber nicht, was denn verdammt noch mal jetzt schon wieder falsch war meine Fresse. Stand dann wortlos auf und ging in ihr Zimmer. Stampfte dort noch ein wenig hin und her. Knallte die Badezimmertür zu. Stampfte zurück in ihr Zimmer und legte sich dann (endlich!) schlafen.


So, wenn man sich an diese Vorgehensweise hält, kann man sicher sein, dass man allen anderen die Stimmung vermiest und es der Familie an Weihnachten zumindest vorübergehend genauso scheiße geht, wie man sich selber fühlt. Und das Beste ist: Man selbst ist nicht Schuld. Man kann überhaupt nichts dafür. Schließlich sind es ja die anderen, die einen dazu genötigt haben, sich wie ein asoziales Riesenarschloch zu benehmen, weil … darum. Die anderen sind halt immer gemein und so. Und dann pflaumen sie einen auch noch an, obwohl man gar nichts gemacht hat. Und bemitleiden einen noch nicht einmal, wenn man strategisch losflennt.

Grummel. Ich weiß auch ehrlich gesagt nicht, wie man solche Szenarien künftig verhindern könnte. Man müsste halt selbst zu unlauteren Mitteln greifen und meine Tante anlügen, dass Weihnachten bei uns keiner zu Hause ist. Problem: Wir sind in unserer Familie alle miserable Lügner. Oder man faltet sie mal so richtig zusammen (nicht so ein Mini-Wutausbrüchlein wie bei mir) und haut ihr einfach ihr ganzes Scheißbenehmen ehrlich um die Ohren. Dann ist sie vielleicht so nachhaltig beleidigt, dass sie sich im Folgejahr nicht wieder selbst einlädt.

Und, was sind so eure Katastrophengeschichten von Weihnachten?

Essai 180: Über Sexismus gegen Männer

21. Oktober 2017

Hurra, es ist mal wieder Zeit für eine Sexismus-Debatte! Wie prophezeit, ist der letzte Sexismus-Skandal um Herrn Brüderle recht schnell wieder in der Versenkung verschwunden. Und hat die Menschheit daraus irgendwas gelernt? Nö.

Dieses Mal ist es zugegebenermaßen etwas größer, da Hollywood-Größen zu den Tätern und Opfern gehören – und nicht bloß so ein deutscher Politstoffel und eine deutsche Journalistin. Und weil es dieses Mal auch nicht nur um Sexismus und leichte sexuelle Belästigung geht, sondern um schwere sexuelle Belästigung bis hin zu sexuellem Missbrauch.

Bevor ich über Sexismus gegen Männer schreibe (Ja, den gibt es, passt mal auf), möchte ich noch mal kurz die Begriffe klären. Die werden in der Debatte nämlich gern in einen Topf geworfen und auf der Grundlage kann man nicht vernünftig argumentieren, weil dann ein whataboutism und eine slippery-slope-Behauptung auf die nächste folgt. „Ja, dann darf man am Ende gar nichts mehr sagen!“ oder „Ja, und was ist mit diesen ganzen Feminazis? Die sind auch scheiße!“

Also, hier erstmal ein kleiner Exkurs zur Begriffsklärung:

Sexismus:

Bei Sexismus geht es nicht (!) um Sexualität, sondern um geschlechtsgebundene Diskriminierung. „Alle Frauen sind so-und-so“ oder „Alle Männer sind so-und-so“ – Das ist Sexismus. Das kann auch vermeintlich positiv sein, etwa „Frauen sind das schöne Geschlecht“ und „Männer sind das starke Geschlecht“. Oder „Echte Frauen haben Kurven“ und „Echte Männer weinen nicht“. Jedes pauschalisierende Vorurteil gegenüber Frauen oder Männern, das diese in eine bestimmte Rolle drängt und ihnen gleichzeitig die Möglichkeit abspricht, aus dieser Rolle auszubrechen, ist Sexismus. Alles klar? Gut.

Sexuelle Belästigung:

So, aber was ist denn dann sexuelle Belästigung? Hier verlassen wir den reinen Geschlechtsbezug und es geht um Sexualität. Sobald man jemandem seine sexuellen Wünsche verbal oder nonverbal mitteilt, ohne dass der andere darum gebeten hat, ist das sexuelle Belästigung. Das können anzügliche Blicke, schmierige „Komplimente“ oder ein Klaps auf den Po sein. Die Grenze zum sexuellen Missbrauch ist fließend. Ich denke, sie liegt darin, ob der Belästigte der Situation noch entkommen kann oder nicht. Bei letzterem kommt noch Nötigung hinzu und dann ist meines Erachtens die Grenze zum Missbrauch überschritten.

Das Knifflige an sexueller Belästigung ist, dass sie vom Kontext, vom Belästigenden und vom Belästigten sowie deren Tagesform und Stimmung abhängt. Also von lauter Faktoren, die sich eher mit Feingefühl erspüren, als kategorisch festlegen lassen. Und dieses Feingefühl scheint vielen Menschen zu fehlen. Ich würde als Faustregel zur Orientierung vorschlagen, dass man sich einfach jeden Poklaps, jede zweideutige Bemerkung, jedes Kompliment zum Aussehen des anderen und jeden anzüglichen Blick verkneift, wenn man sich nicht hundertprozentig sicher ist, dass das Gegenüber das charmant oder lustig findet. Man kann unter Freunden zum Beispiel ruhig etwas flapsiger miteinander umgehen, wenn man weiß, dass die Freunde den eigenen Sinn für Humor zu deuten wissen. Unter Kollegen oder Bekannten sollte man lieber etwas zurückhaltender sein. Und bei Fremden auf der Straße sowieso.

Sexueller Missbrauch:

Sexueller Missbrauch beinhaltet jede sexuelle Handlung, die nicht auf gegenseitigem Einvernehmen beruht. Dabei gilt sowohl „Nein heißt Nein!“ als auch „Alles, was nicht ‚Ja‘ heißt, heißt Nein“. Das sage ich deshalb, weil gerade in der Weinstein-Affäre oft ein Machtgefälle zugunsten des Missbrauchenden besteht. Da ist man als Missbrauchter in einer Situation, in der man völlig perplex und unter Schock ist, und dann vielleicht nicht so geistesgegenwärtig ist, eindeutig „Nein“ zu sagen. Und auch, wenn man „Ja“ sagt, aber dabei einen eindeutig ironischen Unterton durchscheinen lässt, ist das eigentlich ein „Nein, natürlich nicht, was denkst du denn?“ Beispiel: Louis CK, der allen Ernstes zwei Kolleginnen fragt, ob er ihnen seinen Penis zeigen darf. Und es auf ihr „Hahahaha, Ja, klar“ hin tatsächlich tut. Wobei, da könnte man noch drüber streiten, ob das sexuelle Belästigung oder schon Missbrauch ist …


Da das nun geklärt ist: Was ist denn nun Sexismus gegen Männer? Ein paar Beispiele wie „das starke Geschlecht“ oder „Echte Männer weinen nicht“ habe ich ja schon genannt. Es gibt aber noch mehr sexistische Vorurteile gegen Männer. Das Problem hierbei: sie wurden zum Teil schon so sehr verinnerlicht – von Männern sowie von Frauen -, dass wir gar nicht mehr merken, dass es Vorurteile und keine Wahrheiten sind.

Das Blöde ist aber, der Sexismus gegen Männer und der gegen Frauen hängen miteinander zusammen. Es kann kein „starkes Geschlecht“ geben, wenn es kein „schwaches Geschlecht“ gibt, kein „schönes Geschlecht“, wenn es nicht auch ein „hässliches Geschlecht“ gibt. Solange wir also erwarten, dass Männer die Führung übernehmen, die Entscheidungen treffen, sich um Wirtschaft und Finanzen kümmern, die Familie wirtschaftlich versorgen und diesen ganzen „starkes Geschlecht“-Scheiß bewerkstelligen, können wir nicht erwarten, dass Frauen ebenfalls diese Aufgaben übernehmen. Schließlich muss ja noch jemand den ganzen ruhmlosen, aber notwendigen Kram erledigen, wie Kochen, Waschen, Putzen und Einkaufen gehen. Und Männern können wir das ja wohl schlecht zumuten, wenn sie schon die Welt retten oder zumindest eine erfolgreiche Karriere machen (sprich: Einen Haufen Geld verdienen) sollen.

Aber ironische Überspitzung beiseite, sexistische Vorurteile ziehen sich tatsächlich durch die ganze Gesellschaft und beeinflussen auch unser Selbstbild und unsere Entscheidungen, die wir treffen. Bei Frauen bemüht man sich, das durch Aktionen wie den Girls‘ Day abzumildern, indem man versucht, die Mädchen für MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik) zu begeistern. Ich denke schon, dass das ein bisschen was bringt, dass die Mädchen ermutigt werden, ihren beruflichen Werdegang nicht von Vorurteilen bestimmen zu lassen.

Es gibt zwar parallel dazu einen Boys‘ Day, der Jungs dazu ermutigen soll, soziale Berufe zu ergreifen. Der wird aber längst nicht so sehr gehypt. Außerdem bringt das nichts, wenn Jungs Lust bekommen, als Krankenpfleger oder Erzieher zu arbeiten, wenn diese Berufe gleichzeitig völlig unterbezahlt und nicht angemessen wertgeschätzt werden, sodass sich die Männer der „Vernunft“ halber doch für einen Beruf entscheiden, der sie dazu befähigt, im Fall der Fälle eine Familie wirtschaftlich versorgen zu können.

Warum aber werden soziale Berufe so schlecht bezahlt und so wenig gewertschätzt? Weil das ja meistens Frauen machen, und denen ist (Achtung! sexistisches Vorurteil) Geld ja nicht so wichtig, die machen das ja, weil sie von Natur aus empathisch und altruistisch veranlagt sind. Außerdem können sie ja immer noch den Arzt heiraten, dann müssen sie ja auch nicht mehr arbeiten, wenn sie nicht wollen. Aber Männer? Die können ja wohl schlecht eine Frau heiraten, die wirtschaftlich erfolgreicher sind als sie. Wie stehen sie denn dann da vor den anderen Kerlen? Hoppla, da war ich wohl schon wieder sarkastisch.

Interessant ist, dass Sexismus gegen Männer nicht nur von Frauen ausgeht, sondern vor allem auch von anderen Männern. Meine Vermutung ist, dass der Gruppenzwang unter Männern noch viel stärker ist als bei Frauen. Unter Frauen akzeptieren wir unterschiedliche Neigungen eher, ist so meine Erfahrung. Aber wehe, man entspricht als Vertreterin des „schönen Geschlechts“ nicht den allgemein als akzeptabel anerkannten ästhetischen Idealen. Dann wird gedisst, was das Zeug hält (Ironie). Aber ob die Freundin Mathe studiert oder Chemie oder Germanistik oder eine Ausbildung zur Bürokauffrau gemacht hat, das macht für uns keinen Unterschied, wir mögen unsere Freundin so oder so.

Männer dissen sich untereinander zwar weniger wegen Klamotten oder Gewichtszunahme (wobei letzteres durchaus vorkommt, aber das nehmen die sich gegenseitig meistens nicht so krumm, scheint mir), dafür sind aber Statusfragen viel wichtiger. Und das liegt daran, dass ihnen von allen Seiten – Familie, Freunde, Schule, Beruf, Gesellschaft, Politik, Werbung – eingeredet wird, dass für Männer der soziale Status das Wichtigste ist. Wer einen wirtschaftlich erfolgreichen Beruf in einer Führungsposition ausführt, kann sich vor schönen, jungen Frauen, die ihm zu Füßen liegen, gar nicht mehr retten. Dann kann man seiner evolutionären Bestimmung folgen, und seinen kostbaren Samen überall verspritzen, um seine unverzichtbaren Gene möglichst weit zu verbreiten. Und das ist ja schließlich die Aufgabe des Mannes. Verflixt, schon wieder Sarkasmus.

Nun gibt es tatsächlich auch ein paar biologische Unterschiede zwischen Männern und Frauen. So haben Männer beispielsweise mehr Muskelmasse als Frauen. Sie sind also von Natur aus tatsächlich im Durchschnitt körperlich stärker als Frauen. Und die unterschiedliche hormonelle Zusammensetzung macht sicher auch etwas aus. Das Testosteron soll – soweit ich weiß – risikofreudiger, aber auch aggressiver machen. Östrogen soll meines Wissens sensibler machen und bei Frauen kommt es zyklusbedingt oft zu Stimmungsschwankungen. Die sexistischen Vorurteile sind also nicht völlig aus der Luft gegriffen.

Das Problem liegt in ihrer Verallgemeinerung und in ihrer Ausschließlichkeit. Nur, weil Männer durchschnittlich stärker sind als Frauen, heißt das ja nicht, dass ich als Frau automatisch völlig unsportlich bin. Ich werde nie so stark wie ein Mann sein, das ist klar. Aber ich kann trotzdem Kraftsport machen und an meiner Ausdauer arbeiten und für meine Verhältnisse (!) fit sein. Und das muss ich nicht machen, um irgendeinem Vorurteil zu entsprechen, sondern, weil ich mich selbst dann besser fühle. Im Sportunterricht an der Schule wurde mir eingeredet, ich hätte sportlich nichts drauf. Das hat gedauert, sich von diesem sexistischen Vorurteil zu befreien.

Männern und Jungs wird eingebläut, mehr oder weniger unterschwellig, dass sie keine Gefühle, keine Schwäche zeigen dürfen. Das sei Frauensache. Und vielleicht fällt es uns Frauen tatsächlich leichter, uns empathisch zu verhalten und unsere Eigeninteressen zum Wohle anderer hinten anzustellen. Weiß ich nicht. Aber nur, weil es uns leichter fällt, heißt es nicht, dass Männer das gar nicht können. Und es heißt auch nicht, dass das schlecht ist, weil Männer das nicht so gut können.

Das Ergebnis ist, dass Männer glauben, ihre Gefühle für sich behalten, Probleme selbst und alleine lösen zu müssen, keine Schwäche zeigen zu dürfen. Das ist sehr, sehr anstrengend. Weil das dann zu solchen Situationen führt, dass die Herren der Schöpfung die Zähne nicht auseinander kriegen, wenn ihnen irgendwo der Schuh drückt. Und wenn sie nichts sagen, kann man ihnen auch nicht helfen. Oft fällt es Männern auch schwer, zuzugeben, wenn sie überfordert sind, etwas nicht alleine geregelt kriegen. Das könnte man in den meisten Fällen leicht lösen, indem man andere um Hilfe bittet. Kann ja nicht jeder ein Organisationsgenie sein. Oder auch einfach so mal von seinem Tag erzählen und ein wenig plaudern, das gilt dann auch gleich als unmännlich. Und als Frau redet man sich dann den Mund fusselig. (Selbstverständlich kann man auch das nicht verallgemeinern, ich schildere lediglich eine Tendenz)

Eine Welt ohne sexistische Vorurteile, also das Ideal, wäre ein „Alles kann, nichts muss“. Männer könnten dann auch mal weinen, wenn sie traurig sind, sich Unterstützung holen, wenn sie alleine nicht weiterkommen. Sie könnten einfach offen sagen, wenn sie sich mit etwas unwohl fühlen oder sich irgendwas wünschen, ohne dass man Rätselraten müsste. Sie könnten ihren Beruf ganz frei nach Neigung aussuchen, nicht nach Gehalt. Sie könnten ihren Freunden auch mal sagen, wenn die derben Frotzeleien zu weit gehen und sie verletzen. Ohne gleich befürchten zu müssen, symbolisch kastriert zu werden. Sie müssten es aber auch nicht, wenn sie nicht wollen oder keine Notwendigkeit darin sehen.

Nun wird es sicher Männer geben, die denken, ich will aber gar keine Gefühle zeigen. Da stellt sich die Frage: Wollen sie es wirklich nicht? Oder kommt es ihnen nur komisch vor, weil sie meinen, das wäre unmännlich? In dem Fall hätten sie das sexistische Vorurteil schon so sehr verinnerlicht, dass es zu einem Teil von ihnen geworden ist.

Zugegeben, es erfordert ganz schön viel Mumm, Mut und Stärke, auch mal Schwäche zu zeigen und Gefühle zuzulassen. Schließlich macht einen das verletzlich und angreifbar. Aber es gibt auch etwas zu gewinnen. Und zwar mehr Gemeinschaft, gegenseitige Unterstützung, Ehrlichkeit und eine viel unkompliziertere zwischenmenschliche Kommunikation. Man müsste sich auch nicht mehr quälen, wenn man krank ist, und könnte sich einfach von einem Arzt helfen lassen. Das gilt übrigens auch und vor allem für psychische Krankheiten.

Und wenn dann auch noch die Frauen mitmachen, und sich bemühen, sexistische Vorurteile abzubauen, dann wäre das Flirten und Daten auch nicht mehr so kompliziert. Dann könnte jeder den ersten Schritt machen und den anderen ansprechen. Dann könnte man sich abwechseln mit dem Rechnung bezahlen oder es zahlt halt der, der mehr verdient.

Und, was ist eure Meinung dazu?

Essai 179: Über Schweigen und Nichtreagieren in Konfliktsituationen

21. Oktober 2017

Normalerweise bin ich nicht sooo nachtragend. Finde ich. Es ist meines Erachtens relativ schwierig, mich richtig wütend zu machen, und relativ einfach, sich hinterher wieder mit mir zu vertragen. Es gibt im Grunde nur eine Sache, die man tun muss, um garantiert alles schlimmer zu machen, und das ist: nichts. Mich macht es kirre, wenn ich mir alle Mühe gebe, eine Meinungsverschiedenheit oder sonstigen Konflikt zu klären, und mein Gegenüber schweigt und ignoriert mich komplett. Wie soll man denn zu einem Kompromiss oder einer Einigung kommen, wenn ich nur meine Sicht der Dinge kenne, von der anderen Perspektive aber einen Scheiß erfahre?

Leider ist es ziemlich schwierig, das Menschen klar zu machen, die eine andere Konfliktlösungsstrategie als ich verfolgen. Wenn ich mich mit jemandem streite, will ich das so schnell wie möglich lösen, damit wir uns wieder versöhnen und den Streit zu den Akten legen können. Generell ticke ich eher so, Unangenehmes schnell hinter mich zu bringen, es abzuhaken, und mich dann wieder den schönen Dingen des Lebens zu widmen. Ansonsten kann ich nicht richtig abschalten, weil mir das Unangenehme die ganze Zeit wie ein Damoklesschwert über dem Kopf schwebt.

Dann gibt es aber noch die – sagen wir – Vogel-Strauß-Konfliktlöser. Sie stecken einfach den Kopf in den Sand und hoffen, dass das Unangenehme sich von selbst löst, bevor sie wieder auftauchen. Oft neigen sie generell zum Prokrastinieren (Aufschieben) und erledigen Unangenehmes – wenn überhaupt – auf den letzten Drücker, lassen Unordnung sich erst anhäufen, bevor sie aufräumen und sitzen Konflikte und Streitsituationen einfach aus. Und da frage ich mich, ob das wirklich jemals funktioniert hat? Muss es ja eigentlich, sonst würden sie es ja anders machen …

Na jedenfalls, ich versuche wirklich, Verständnis dafür aufzubringen, wenn jemand anders mit Konflikten umgeht als ich. Aber diese Vogel-Strauß-Strategie ist so total unlogisch und ineffizient, überhaupt nicht vorausschauend gedacht. Dabei ist es doch viel einfacher, man klärt ein Missverständnis gleich auf, bevor es überhaupt erst zu einem Streit mutiert. Man spart sich auch jede Menge Nervkram und Arbeit, wenn man Unordnung gar nicht erst entstehen lässt, und Sachen, die man benutzt, im Anschluss wieder an ihren Platz stellt. Das ist doch mit Rechnungen zum Beispiel genauso. Wenn man sie gleich bezahlt, ist alles fein. Wenn nicht, kommen mit der Zeit noch Mahnungen und Zinsen dazu und man muss mehr bezahlen als ursprünglich.

Das ist doch nun wirklich keine sonderlich zweckdienliche Vorgehensweise. Gut, manchmal geht’s nicht anders, aber was ich halt nicht verstehe, ist, wenn man prinzipiell und grundsätzlich diese Wenn-ich-das-Problem-nur-lange-genug-ignoriere-löst-es-sich-bestimmt-von-alleine-in-Wohlgefallen-auf-ohne-dass-ich-mich-dafür-anstrengen-muss-Strategie anwendet. Das regt mich echt auf. Und ja, schon klar, ich höre mich gerade wie der übelste Streber-Klugscheißer-Korinthenkacker an, aber ich hab ja wohl einfach recht, da kann ich doch nichts für.

Es ist nun mal eben langfristig betrachtet viel angenehmer und einfacher, Nervkram so schnell wie möglich zu erledigen, anstatt ihn sich anhäufen zu lassen. Sonst steht man da vor diesem Riesenberg an unangenehmem Zeug, und denkt sich: „Puh. Wo soll ich da jetzt anfangen?“ oder „Auweia, wie konnte es denn soweit kommen?“ – Da ist doch die Hürde plötzlich viel größer, vielleicht sogar zu groß, um sie zu überwinden. Und das ist nun wirklich nicht schwierig, diese Konsequenz des Nichthandelns vorauszusehen. Weil. Das. Verdammt. Noch. Mal. LOGISCH!!! Ist.

Das gilt nicht nur für Rechnungen, doofe Haushaltstätigkeiten, Hausaufgaben oder Arbeitskram, sondern auch für Meinungsverschiedenheiten und Missverständnisse in Beziehungen. Wenn man sich größere Streitereien und lästige Grundsatzdiskussionen und peinliche Beziehungsgespräche ersparen will (und wer will das nicht?), ist es besser, man redet kontinuierlich miteinander. Das heißt nicht, dass man ständig plaudern und plappern muss, das ist ja auch nicht jedermanns Sache. Aber wenn was ist, sollte man das einfach gleich sagen, bevor es einen so sehr stört, dass man es nicht mehr ertragen kann.

Zum Beispiel hatte ich neulich eine zunächst kleine Differenz mit meinem Freund. Normalerweise verstehen wir uns prima und können auch mal nicht reden und es ist trotzdem alles gut. Wir löchern uns jetzt nicht dauernd gegenseitig und bereden auch nicht jeden Pups. Nun war er aber für fast zwei Wochen weg und wir konnten nur übers Handy kommunizieren. Ich hasse telefonieren, weil ich nie weiß, ob mein Anruf nicht gerade nervt, also schreibe ich lieber.

Ich hatte ihm ein Foto meiner neuen Kameratasche für meine neue Kamera geschickt und mich darüber gefreut, dass sie so gut passt. Daraufhin meinte er sinngemäß, klasse, dann kann ich sie ja auf die nächste Reise mitnehmen. Ich dachte erst, das wäre ein Scherz, wies aber vorsichtshalber darauf hin, dass ich meine neue Kamera in dem Zeitraum gern selbst ausprobieren möchte. Darauf er, das muss ich erst klären, eventuell muss ich meine eigene Kamera hierlassen. Und dann war ich sauer. Weil ich dachte, was soll denn das, wieso klärt er das nicht erst mit mir, ob er meine Sachen ausleihen kann, und überlegt dann, ob er seine eigene Kamera verleiht?

Dummerweise bin ich nicht sehr geübt darin, wütend zu sein, wie gesagt, das passiert mir nicht so oft. Also habe ich ihm mitten in der Nacht eine ellenlange Schimpftirade geschickt, die inhaltlich aussagen sollte, klär das bitte erst mit mir, wenn du meine Sachen brauchen könntest. Aber das war zugegebenermaßen in ziemlich viele und sehr wütende Worte verpackt. Daraufhin wurde er erst einsilbig. Und dann, als ich mich wieder etwas beruhigt hatte, und zu dem Schluss kam, vielleicht ein kleines bisschen überreagiert zu haben, habe ich mich entschuldigt. Und dann kam das große Schweigen.

So, mittlerweile haben wir uns „ausgesprochen“ (dieser Ausdruck weckt in mir einen Widerwillen, das klingt so nach Beziehungskrisengespräch, Bäh!) und es hat sich herausgestellt, dass ich ihn offenbar missverstanden habe. Warum hat er das denn dann nicht gleich gesagt? Er hätte doch einfach nur zu schreiben brauchen, nach meiner Schimpftirade, Hoppla, da ist wohl etwas in den falschen Hals geraten, gemeint war das-und-das. Zack. Sache geklärt, Konflikt gelöst, alle sind zufrieden.

Angenommen, ich habe ihn mit meinem Wortschwall so überrollt, dass er quasi unter Schock stand und deswegen so einsilbig reagiert hat. Spätestens nach meiner Entschuldigung hätte er doch einfach nur zu sagen brauchen, ja, da haben wir uns wohl missverstanden, mir tut’s auch leid, hab dich lieb – und schon wäre wieder Friede, Freude, Eierkuchen. Aber stattdessen schweigt er und reagiert gar nicht. Und überlässt mir die Interpretation, was eine Scheißidee ist, weil meine hyperaktive Fantasie sonstwas in das Schweigen hineininterpretiert. Zum Beispiel, dass er beleidigt ist und mich bestrafen will, dass das irgendsoein blödes Machtspiel ist, um mich in meine Schranken zu weisen, dass er mich nicht mehr mag und sich längst eine Neue gesucht hat, dass er heimlich als Agent oder Auftragskiller arbeitet und gerade in Schwierigkeiten steckt, …

Schweigen ist finde ich einfach das Fieseste, was man machen kann in einer Konfliktsituation. Ich kann halt auch dieses „Ja, ich wusste nicht, was ich dazu sagen soll“ nicht nachvollziehen. Irgendwas wird man doch wohl von dem halten, was ich geschrieben oder gesagt habe. Und das kann man dann doch einfach ohne Vorwürfe sagen, dann kann ich wiederum schauen, was ich davon halte. Und entweder es stellt sich heraus, dass einer von beiden recht hatte, dann sehe ich kein Problem darin, das auch so zu sagen. Oder beide Standpunkte haben ihre Daseinsberechtigung und ihre sinnigen Argumente, dann trifft man sich halt in der Mitte.

Ist doch eigentlich gar nicht so schwer, oder? Was meint ihr dazu?


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