Essai 165: Über Humor, den ich nicht verstehe

25. September 2016

Mit dem Humor ist das wie mit dem Musikgeschmack: Jeder ist der Meinung, der eigene sei der einzig Wahre. Da bin ich keine Ausnahme, ich finde auch, dass mein Sinn für Humor Maßstab aller Lustigkeit ist und mein Musikgeschmack ganz klar nur gute Musik einschließt und alles, was ich nicht mag (Elektro, Free Jazz, Bäh!), ist keine richtige Musik, sondern nerviges Gedudel und unerträglicher Lärm. Da habe ich auch recht, bin ich der Meinung. Auf der anderen Seite gibt’s halt auch genug Leute, die Elektro und Free Jazz über alles lieben und finden, dass zum Beispiel Eurodance der absolute Tiefpunkt jeglichen Musikgeschmacks darstellt. Ich hingegen mag Eurodance sehr gern, weil es mich an meine Jugend erinnert und ich die Texte noch mitsingen kann (nicht, dass „Oooh lalala, I love you Baby“, „What is love? Baby don’t hurt me, don’t hurt me no more“ oder „Ooh, Aah, Just a little bit, Ooh, Aah, a little bit more …“ besonders schwer zu merken wären – Na, wer hat jetzt auch einen Ohrwurm?), aber ein Metalfan würde da jetzt die Hände über den Kopf zusammenschlagen und sich wünschen, er wäre tot, nur um nie wieder so etwas Schreckliches zu hören.

Und das hat man beim Humor halt auch. Ich bin der Ansicht, dass das, was ich witzig und komisch finde, auch witzig und komisch ist, und alles, worüber ich nicht lachen kann, jeglichem Sinn für Humor zuwiderläuft. Das ist zwar völliger Quatsch, denn Geschmäcker sind nichts weiter als Meinungen, und die können – im Gegensatz zu Fakten – verschieden und trotzdem gleichermaßen richtig und gültig sein. Aber ich habe finde ich trotzdem recht😛

Allerdings spricht dagegen, dass sich mein Sinn für Humor im Laufe meines Lebens gewandelt hat. Früher als Kind und Teenie konnte ich mich über Pupswitze kaputtlachen, heutzutage rolle ich mit den Augen und denke „Pff, wie vulgär!“ Als Kind fand ich es auch unfassbar komisch, Telefonstreiche oder Klingelstreiche zu machen, nun finde ich das kindisch und albern. Ich frage mich, ob mein junges Ich und mein erwachsenes Ich viel miteinander zu lachen hätten …

Auf jeden Fall stelle ich fest, dass meine Toleranz für meiner Meinung nach dummen Sinn für Humor gaaanz tief gesunken ist. Zum Beispiel, wenn Leute in meinem Alter eine Wasserpistole in die Hände bekommen, und es unglaublich amüsant finden, andere Menschen damit nasszuspritzen, da könnte ich immer ausrasten. Warum können sie sich nicht gegenseitig nassspritzen und mich in Ruhe lassen? Dann treffen Leute mit demselben Idiotenhumor aufeinander und können sich einen Keks freuen und ich bleibe gemütlich trocken und kann in Ruhe mein Buch weiterlesen oder meine Umgebung friedlich beobachten.

Es ist aber offenkundig so, dass manche Leute es einfach sehr sehr witzig finden, andere zur Weißglut zu treiben. Daher ergibt es für sie dann humortechnisch keinen Sinn, Leute nasszuspritzen oder anderweitig grundlos auf die Nerven zu gehen, die das ebenso komisch finden wie sie. Der Spaß scheint für sie darin zu liegen, dass der andere sich aufregt. Und ganz ehrlich: Ich. Verstehe. Das. NICHT!!!

Ich kann etwa auch nicht begreifen, warum manche Leute dauernd Streit suchen und mich oder andere friedliebende Zeitgenossen aus dem Nichts heraus provozieren und an ihren Achillesfersen herumpieken und so lange sticheln und ärgern, bis dem anderen irgendwann der Kragen platzt und er ausfallend wird oder laut oder beides, obwohl das normalerweise überhaupt nicht seine Art ist, und der arme Tropf (also ich) nach jedem Wutanfall Ewigkeiten braucht, um sich wieder einzukriegen. Was soll denn das? Warum kann man Menschen, die einem nichts getan haben und die einem überhaupt nichts Böses wollen, nicht einfach in Ruhe sein lassen, wie sie sind?

Das würde mich wirklich mal interessieren, was die Motivation hinter einem solchen aggressiven, unhöflichen und gemeinen Verhalten ist. Wenn man Leute angreift und nervt, die irgendwie scheiße sind oder extrem dumme Ansichten vertreten und zum Beispiel die AfD gut finden oder so – das kann ich nachvollziehen, da juckt es mich auch, eine Diskussion vom Zaun zu brechen, und manchmal kann ich da nicht an mich halten. Aber wenn Menschen mir nichts getan haben und zwar anderer Meinung sind als ich, aber keinen haarsträubend blöden Standpunkt haben, sondern die Dinge einfach aus einer anderen Perspektive heraus betrachten als ich, vielleicht sogar aus ihrer Sicht nachvollziehbare Argumente für ihre Meinung haben, dann kann ich das doch auch einfach mal akzeptieren? Wieso muss ich die denn dann noch triezen?

Vielleicht kann mir das ja mal jemand erklären? Ich kann es nämlich nicht leiden, wenn ich Sachen nicht verstehe …

Essai 164: Über potenzielle Überlebenschancen in der freien Wildbahn

11. September 2016

Nicht selten bekomme ich zu hören, dass ich zu viel nachdenke. Ich sei zu verkopft, heißt es dann. Das bringt mich dann schon ins Grübeln …😛 Nee, Quatsch, das Ding ist, ich denke einfach gern nach und sehe überhaupt nicht ein, warum ich mir diesen Spaß verkneifen sollte. Gedankenspiele sind für mich ein wunderbarer Zeitvertreib und warum auch nicht? Nur, weil man an allen Ecken liest, dass man „loslassen soll“ und so’n Scheiß? Was materielles Zeugs angeht, von mir aus, da ist das äußerst wohltuend, ab und zu mal auszumisten, Platz zu machen und Sachen zu verschenken, die man kaum nutzt und die im Weg herumstehen. Und wie sagte einst ein weiser Mann namens Tyler Durden? „Alles, was du besitzt, besitzt irgendwann dich“, oder so ähnlich. Die Gedanken aber sind frei, und wenn es einem Freude macht, sie schweifen und Pirouetten drehen zu lassen, weshalb sollte man es dann lassen?

Eines meiner Lieblingsgedankenspiele ist: Was wäre wenn ich aus irgendeinem Grund in die freie Wildbahn geworfen würde? Wie stünde es um meine Überlebenschancen? Vermutlich mies, richtig mies. Ich schätze, ich wäre so – je nachdem wo es mich fernab der Zivilisation hinverschlägt – spätestens nach einer Woche verrückt oder tot. Oder erst verrückt und dann tot. Betrachten wir einige der möglichen Katastrophen und meine jeweiligen Überlebenschancen doch mal näher:

Szenario: Supervirus löscht Menschheit aus

Angenommen, ein ekliger Monsterkeim würde fast die ganze Menschheit ausrotten und ich wäre eine der Wenigen, die immun sind (ich empfehle Stephen Kings „The Stand“, um sich das vorzustellen). Am Anfang wäre ich natürlich erst einmal verwirrt, verängstigt und verunsichert. Ich würde mich in eine Ecke setzen und heulen. Dann würde ich mich aufrappeln, ein paar Vorräte packen, ein letztes Mal duschen, und mich auf den Weg machen. Mein Startpunkt wäre Hamburg, eine große Stadt mit vielen Läden zum Plündern und Vorräte aufstocken, vielleicht treffe ich auf noch mehr Überlebende.

Habe ich Glück und sie sind nett, halte ich es vielleicht sogar mehrere Wochen durch, ohne den Verstand oder mein Leben zu verlieren. Spaßig ist trotzdem was anderes, denn ich hasse Zelten, bin total etepetete mit dem Essen und wenn ich nicht täglich meine warme Dusche habe, kriege ich schlechte Laune und dann haben die anderen ganz schnell keine Lust mehr darauf, mich alberne Zimperliese mit durchzuschleppen. Sind die anderen Überlebenden Arschlöcher, bin ich gleich geliefert. Dann klauen sie mir meine Vorräte, verprügeln mich, lassen mich im Straßengraben liegen und dann habe ich auch echt keinen Bock mehr auf gar nichts. Bumms, tot, nach … vielleicht drei Tagen.

Szenario: Zombie-Apokalypse

Ich schau unheimlich gern die Serie „The Walking Dead“ und stelle mir dann vor, welcher von den Überlebenden ich wohl wäre. Dieses Szenario ist ähnlich wie das mit dem Supervirus, nur, dass hier noch mordlüsterne, hungrige Zombies mir ans Leder wollen. Ich vermute, diese Variante würde ich genau so lange überleben, bis mir der erste Zombie begegnet. Ich dann so: „Aaah! Ein Zombie! Igitt“ und der Zombie so: *röchelkrächzsabbergrunz* und schon beißt mir der Untote den Kopf ab und tut sich an meinem denkfreudigen Gehirn gütlich.

Es kann aber auch sein, dass ich es schaffe, mich lange genug zu verstecken, bis mich irgendein schießwütiges Raubein unter seine Fittiche nimmt und ich ihm erzählen kann, ich wüsste, wie man die Zombie-Apokalypse aufhalten und die Menschheit retten kann, damit er mich nicht in die Wüste schickt, sobald ich ihn nerve. Das Dumme ist nur, ich lüge sehr, sehr offensichtlich und das würde recht schnell auffliegen, und dann war’s das.

Szenario: Zeitreise läuft schief

Was wäre wenn ich eine Zeitmaschine finden und in die Vergangenheit reisen würde? Strande ich bei den Dinosauriern, frisst mich der nächstbeste Tyrannosaurus Rex zum Frühstück. Strande ich bei den alten Ägyptern, werde ich versklavt und beim Pyramidenbau vom Stein zerquetscht, sodass ich Jahrtausende später Archäologen mit meinen Gebeinen eine spannende Entdeckung beschere. Im Mittelalter würde ich als Atheistin auf dem Scheiterhaufen verbrannt, sobald ich den Mund aufmache.

Bis zu dem Zeitpunkt, wo Frauen eigene Entscheidungen treffen, studieren und einen Beruf wählen durften, ohne erst ihren Mann um Erlaubnis zu fragen, hätte ich mich schlichtweg zu Tode gelangweilt. Es ist meinen Überlebenschancen also ganz zuträglich, hier und jetzt zu leben und nicht zu einem anderen Zeitpunkt in der Vergangenheit.

Szenario: In der Dystopie auf der Loser-Seite gelandet

Und was wäre mit einem anderen Zeitpunkt in der Zukunft? Viele besorgte Bürger hätten ja ganz gern klare Verhältnisse und einen beinharten Staatschef, der ihnen sagt, wo es langgeht, was sie denken und was sie tun sollen. Dass wir das schon mal hatten, vergessen sie dabei leicht. Aber wenn der Besorgtbürgertraum wahr würde und wir hier in Deutschland irgendwann in der Zukunft wieder eine Diktatur, eine Dystopie haben, kommt es darauf an, auf welcher Seite man steht, wie gut man diese überlebt.

Da ich wie gesagt gern selbst denke und miserabel lüge, würde ich zwangsläufig relativ schnell als Staatsfeindin auffallen. Denunziation von der Nachbarin gegenüber, die mich auf dem Kieker hat, weil mein Freund und ich uns in unserem Schlafzimmer umziehen und das auch gemacht haben, als wir noch keine Vorhänge hatten (sie entrüstete sich ob unseres schamlosen Freikörperkults). Verhör bei der geheimen Militärpolizei. Knast. Tod.

Oder es wird eine Dystopie à la „Hunger Games“ – ich glaube kaum, dass meine Schwester für mich als Tribut antreten würde, das heißt, das bliebe an mir hängen. In der Arena: „Oh je, ich kann hier doch nicht meine Mitmenschen töt-“ – Zack, tot. Vielleicht werde ich aber nicht ausgelost und habe eine Schonfrist. Ich kann nicht jagen, nicht schlachten, habe keine Ahnung von Pflanzen (meine Zimmerpflanzen überleben meine Obhut für gewöhnlich genauso kurz wie ich die hier geschilderten Katastrophenszenarien) und würde wahrscheinlich verhungern oder mich versehentlich selbst vergiften, weil ich Tollkirschen und Johannisbeeren verwechselt habe. Ersteres würde etwas länger dauern, Letzteres ginge recht fix.

Szenario: Einsame Insel

Sollte ich mit dem Flugzeug abstürzen und auf einer einsamen Insel landen, kommt es darauf an, ob ich alleine bin oder mit mehreren, wie lange ich das durchhalte. Bin ich alleine, erfriere ich in der ersten Nacht, weil ich zu handwerklich unbegabt bin, um mir einen anständigen Unterschlupf zu bauen, und zu dusselig, um ein Lagerfeuer zu machen. Ist es eine tropische Insel, erfriere ich womöglich nicht sofort, sondern verhungere vorher. Möglich ist auch, dass mich ein wildes Tier frisst. Auf jeden Fall wäre das der Moment, um mein geisteswissenschaftliches Studium und meine Schauspielausbildung zu bereuen. Sind noch andere mit mir gestrandet, wird sicher irgendwann die Frage aufkommen, wen von uns man entbehren und essen kann – und das wäre dann wohl ich.


Und, wie rechnet ihr eure Überlebenschancen in der freien Wildbahn aus, wenn irgendeine Katastrophe euch dorthin katapultiert?

Essai 163: Über Dinge, die ich tue, wenn keiner guckt

21. August 2016

Es soll ja Leute geben, die um keinen Preis der Welt alleine sein wollen. Zu denen gehöre ich nicht. Ich bin zwar kein mürrischer Eigenbrötler, der alle Menschen grundsätzlich hasst und Gesellschaft überhaupt gar nicht verträgt, aber gelegentlich finde ich es sehr wohltuend, alleine zu sein. Ich tendiere nämlich dazu, es allen recht machen zu wollen, und nehme mir das immer sehr zu Herzen, wenn ich irgendwelche emotionalen Disharmonien verspüre und denke dann immer gleich, ich hätte irgendwas gemacht, weswegen der Miesepeter sich nicht wohlfühlt. Ich weiß, dass das Blödsinn ist, aber mein Herz ist da etwas schwerer von Begriff als mein Hirn😛 Und wenn man immer andere Menschen um sich hat, tauchen früher oder später immer irgendwelche schiefen Töne auf, und das finde ich sehr anstrengend.

Manchmal meinen es Menschen obendrein auch noch gut mit mir und geben mir so sinnvolle Ratschläge, etwa, dass ich gar nicht schüchtern/zurückhaltend/etc. sein müsste, dass ich doch einfach sagen sollte, wenn irgendwas ist oder dass ich mir doch gar nicht alles so zu Herzen zu nehmen bräuchte. Ich weiß, es ist nett gemeint und man will mir nur helfen. Aber das finde ich dann noch mal doppelt anstrengend, weil ich dann das Gefühl habe, ich müsste mich nicht nur für meine dusseligen Empfindungen schämen, sondern mich auch noch dafür rechtfertigen, dass ich nun mal eben fühle, was ich fühle, und das nicht einfach ausknipse, wenn das, was ich fühle, Schwachsinn und nicht zweckdienlich ist. Ja, schon klar, ich bin ein komischer kleiner Kauz.

Wie dem auch sei, ich denke, ich bin zumindest nicht die Einzige, die hin und wieder gern unbeobachtete Momente genießt und diese dazu nutzt, Quatsch oder peinlichen Kram zu machen, einfach so, weil’s Spaß macht. Eine kleine Auswahl davon enthülle ich euch heute mal:

1. Laut singen

Ich singe unheimlich gern, aber ich fürchte, es klingt nicht immer sonderlich gut. Zumindest habe ich mal bei einem Karaoke-Wettbewerb „Unbreak my Heart“ von Toni Braxton voller Inbrunst ins Mikrofon gegrölt und damit den letzten Platz gemacht. 5 Punkte heimste ich von der dreiköpfigen Jury ein, die nach meinem Auftritt erstmal perplex dasaß. Nachdem sie sich vom Schock erholt hatten, meinte die Anführerin: „Das war zu tief“ (war’s auch), woraufhin ich meinte: „Mir hat’s gefallen“. Ach so, und dann habe ich bei einem anderen Karaoke-Auftritt „Basket Case“ von Green Day gesungen – bei Punkrock macht es ja zum Glück nichts, wenn’s ein bisschen schief klingt – und das fand die Jury dann „ganz OK“.

Wie dem auch sei, Spaß habe ich trotzdem dran, auch, wenn aus mir vermutlich nicht die nächste Céline Dion oder was wird. Um meine Mitmenschen dennoch nicht über alle Maße zu quälen, singe ich meistens nur, wenn gerade keiner zuhört, oder beim Karaoke, wo ohnehin alle fürchterlich singen und keinen Ton treffen, da falle ich dann nicht weiter auf.😀 Mein Freund muss gelegentlich auch meinen Gesang ertragen, wenn wir im Auto Radio hören und ich das Lied kenne. Aber er trägt es mit Fassung, zum Glück hat er Nerven aus Stahl😛

2. Voll sexy durch die Wohnung tanzen

Mindestens genauso gern wie Singen mag ich Tanzen, aber weil das irgendwie peinlich ist, auf der Straße, in der U-Bahn oder im Büro ständig vor mich hin zu tänzeln und zu hüpfen, reiße ich mich in der Öffentlichkeit lieber zusammen. Ein Hopser hier oder ein Wechselschritt da rutscht mir manchmal schon heraus, aber ansonsten beschränke ich mein Getanze darauf, wenn ich alleine bin oder in einem Kontext, in dem Tanzen angemessen erscheint, etwa auf Feiern. Zum Beispiel mache ich zu Hause beim Kochen immer das Radio an, und wenn mir ein Lied gefällt, singe ich laut mit und wackel mit dem Hintern und lasse die Hüften kreisen, während ich hingebungsvoll die Tomatensoße umrühre.

3. Grimassen schneiden vorm Spiegel

Wenn ich in den Spiegel schaue, verziehe ich mein Gesicht immer zu irgendwelchen Grimassen, die sogar Jim Carrey Konkurrenz machen würden. Das macht einfach Spaß, außerdem werden die Gesichtsmuskeln dabei gedehnt und man bewahrt sich etwas länger sein jugendliches Aussehen😛

4. Füße auf den Tisch legen

Eigentlich gehört sich das ja nicht, die Füße auf den Tisch zu legen. Es ändert aber nichts an der Tatsache, dass das sehr bequem ist. Also mache ich das nur, wenn ich sturmfreie Bude habe. Da ich meine Füße täglich wasche und die Socken täglich wechsle, ist das auch nur ein bisschen eklig😀

5. Handtücher zu Abendkleidern umfunktionieren

Ich brauche immer Ewigkeiten im Bad, weil ich dort so schön meine Ruhe habe und weil’s da schön warm ist, wenn ich die Heizung rechtzeitig voll aufgedreht habe. Beim Abtrocknen finde ich es außerdem immer sehr unterhaltsam, aus meinem Handtuch ein Cocktailkleid zu basteln und mir auszumalen, ich würde so zu einem wichtigen Anlass gehen. Das wäre ziemlich lustig. Wer weiß, vielleicht traut sich auch keiner, anzumerken, dass ich mir nur ein Handtuch umgetüddelt habe und ich bekomme lauter Komplimente zu meinem exquisiten Kleidungsstil, so wie in dem Märchen von des Kaisers neue Kleider. Aber dafür müsste ich wahrscheinlich irgendwie wichtig sein. Und dann hätte ich weniger Zeit für mich alleine, was auch blöd wäre. Tja, man kann halt nicht alles haben, dann bleiben meine Handtuchkleidkreationen eben hinter verschlossener Tür.

Und, was macht ihr so, wenn ihr euch unbeobachtet fühlt?

Essai 162: Über dumme Sachen, die man sagt, wenn einem nichts Schlaues einfällt

8. August 2016

Menschen sind seltsame Geschöpfe, sie scheinen es nur schwer auszuhalten, einfach mal still zu sein, wenn ihnen nichts Konstruktives einfällt, was sie in einer bestimmten Situation sagen könnten. Da bin ich keine Ausnahme, auch ich ertrage peinliches Schweigen so gut wie nie mit Fassung und versuche dann, irgendwas zu sagen, und das ist dann meistens noch viel peinlicher, als wenn ich einfach den Mund gehalten hätte.

Das Gute daran ist, dass es einen viel lustigeren Essai ergibt, wenn man über eigene Peinlichkeiten schreibt, als wenn ich jetzt hier herumtröten würde, wie unfassbar toll ich bin, dass ich nie Fehler mache und was Besseres bin als alle anderen Idioten und man sich mir als Vorbild für Anstand, gutes Benehmen und vortreffliche Manieren nehmen sollte. Ernsthaft, lasst das lieber, ich habe auch keine Ahnung von wasauchimmer.

Ich habe hier einfach mal in loser, willkürlicher Reihenfolge ein paar Allerweltsaussagen zusammengetragen, die man gern mal von sich gibt, um überhaupt etwas zu sagen, obwohl einem eigentlich gar nichts dazu einfällt. Weitere Sprüche und Geschichten dazu können gern in den Kommentaren verewigt werden😀

1. „Vorsicht“ (nachdem das, vor dem man sich in acht nehmen soll, bereits geschehen ist)

Mich nervt es ungemein, wenn ich irgendwo gegenlaufe, mir den Kopf stoße oder ich über etwas stolpere und dann sagt irgendein Schlaumeier „Vorsicht“ oder „Achtung“ oder sowas. Leider bin ich auch oft dieser nervtötende Blitzmerker, der Leute auf Gefahren aufmerksam macht, in die sie gerade schon selbst getappt sind. Das ist eigentlich total bescheuert und nicht ansatzweise hilfreich, aber offenbar braucht das Gehirn manchmal einen Moment, vor allem, wenn es sich erschrocken hat, bis es eine potenzielle Gefahrensituation als solche erkannt hat – und dieser Moment zieht sich anscheinend gelegentlich so lang, dass die Gefahr schon längst wieder vorbei ist, bevor man sie realisiert hat.

Um die Nerven desjenigen, der gerade gestolpert ist oder sich gestoßen hat, nicht zu stark zu strapazieren, könnte man jedoch vielleicht beim nächsten Mal statt „Vorsicht“ lieber sagen „Oh, hast du dir wehgetan?“

2. „Frag doch mal“

Wenn ich einkaufen gehe und etwas Bestimmtes suche, dann gucke ich gern ersteinmal in Ruhe selbst, ob ich das Gesuchte finde. Gelingt es mir nicht, das Objekt meiner Begierde alleine aufzutreiben, frage ich einen Verkäufer. Es kann jedoch auch sein, dass ich keine Lust habe, zu fragen und dass mir die Sache so wichtig nun auch wieder nicht ist, sodass ich den Laden wieder verlasse, ohne etwas gekauft zu haben.

Das ist überhaupt nicht schlimm und gar kein Problem, was ich allerdings nicht ausstehen kann, ist, wenn mich jemand beim Einkaufen begleitet und mich dazu ermuntern will, einen Verkäufer zu fragen, während ich selbst grad noch gucke oder wenn ich bereits entschieden habe, dass ich auch ohne das Ding leben kann und ich keinen Bock habe, mit fremden Leuten zu reden. „Frag doch mal“ ist in diesem Moment ein Satz, der mich zielsicher mit 180 Sachen auf die Palme bringt, weil er suggeriert, dass ich zu doof bin, selbst auf die Idee zu kommen, jemanden um Rat zu fragen, der es besser weiß als ich, wenn ich alleine keine Lösung finde. Grummel!

3. „Ich hab’s dir ja gesagt!“

Zugegeben, diesen Satz muss ich mir selbst soooo oft verkneifen – und manchmal rutscht er mir dann doch heraus. „Ich hab’s dir ja gesagt“ oder „Das hätte ich dir auch gleich sagen können“ helfen dem anderen kein Stück und reiben ihm außerdem noch unter die Nase, dass nur eine totale Vollnulpe wie er die Konsequenzen seiner von vorneherein zum Scheitern verurteilten Idiotenentscheidung nicht hätte vorhersehen können und dass er deswegen ständig einen Anstandswauwau an seiner Seite braucht, der aufpasst, dass er keinen Mist baut.

Manche Menschen machen es einem wirklich nicht leicht, auf dumme Klugscheißersprüche zu verzichten, weil sie wirklich dauernd komplett dämliche Entscheidungen treffen und keine Sekunde vorher mal nachdenken und sich hinterher über die Konsequenzen wundern, die andere dann immer wieder geradebiegen müssen. Da muss ich mir dann richtig auf die Zunge beißen, um nicht ein sarkastisches, überhebliches „Pff, war ja klar!“ vom Stapel zu lassen. Selbst, wenn Leute allumfassend unfähig sind, ist niemandem damit gedient, wenn man es ihnen ständig sagt. So ändert sich ja nie etwas, wenn man ihr Selbstwertgefühl mit Füßen tritt. Allerdings weiß ich auch nicht, was man stattdessen machen soll, wenn erwachsene Menschen durch ihr eigenes dummes Verhalten ständig in ihr Verderben rennen, man sieht das und warnt und der andere baut trotzdem Mist, weil er meint, alles besser zu wissen. Vielleicht schweigen und den anderen sein Chaos alleine aufräumen lassen? Und konkrete Tipps geben, falls der andere seinen Fehler doch einsieht, wie sich sowas künftig vermeiden ließe?

4. „Beeil dich!“

Gut, ich bin gelegentlich etwas verträumt und mit meinen kurzen Beinchen kann ich ohnehin nicht so schnell laufen. Da kann ich verstehen, wenn das andere nervt und sie ungeduldig werden. Trotzdem weiß ich ja, wenn Eile angesagt ist, und dann mache ich halt so schnell wie ich kann, ohne dass man mir ein genervtes „Beeil dich!“ vor den Latz knallt. Oder es ist keine Eile angesagt, dann sehe ich nicht ein, warum ich mich grundlos abhetzen und herumstressen sollte. So einfach ist das.

5. „Das bist nicht du“

Menschen ändern sich, entwickeln sich und nicht immer kommt das Bild, das wir uns von ihnen gemacht haben, schnell genug hinterher. Wenn sie sich dann für uns ungewohnt verhalten, kann uns das irritieren. Allerdings ist es dann überhaupt nicht sinnvoll „Das bist nicht du“ oder sonstwas Kategorisches zu sagen, das den anderen in eine Schublade steckt, ihm ein Etikett aufklebt und ihm unterstellt, dass man viel besser weiß als er selbst, wer er ist und wer nicht. Das finde ich fürchterlich arrogant, selbstherrlich, selbstgefällig und destruktiv. Warum steht man nicht dazu, dass man überrascht ist und schildert seine Verwirrung ganz ehrlich und fragt neugierig, wie es zu der Veränderung kam? Das ist doch spannend, wenn Menschen sich entwickeln.

6. „Nicht, dass du dich hinterher beschwerst!“

Dieser Satz fällt meistens dann, wenn jemand mir einen seiner Meinung nach unverzichtbar guten Rat ungefragt aufbrummt und ich diesen dankend ablehne beziehungsweise mit einer vagen Larifari-Antwort versuche, mir die Entscheidung, ob ich den Rat befolge oder nicht, für später vorzubehalten. „Nicht, dass du dich hinterher beschwerst“ nervt deswegen, weil er ähnlich wie „Frag doch mal“ mir unterstellt, dass ich zu blöd bin, eigene Entscheidungen zu treffen und mit den Konsequenzen zu leben. Außerdem wird damit angedeutet, dass ich mich andauernd über selbstverschuldete Unannehmlichkeiten beklage, obwohl man doch ständig großmütig versucht, mich vor mir selbst zu schützen.

Das bedeutet ja nicht, dass man anderen nicht ungefragt einen guten Rat geben darf (wobei ich es immer höflicher und respektvoller finde, vorher zu fragen). Aber die Entscheidung, ob der andere dem Rat folgt oder nicht, bleibt beim Betroffenen, nicht beim Ratgebenden. Wenn dieser wirklich dem anderen helfen und ihm etwas Gutes tun will, sollte er seinen Rat geben und gut ist. Ansonsten wirkt das respektlos und übergriffig und dient nur dem Zweck, sein eigenes Ego aufzuplustern.

Essai 161: Über rationale und emotionale Argumente

24. Juli 2016

Eigentlich bin ich friedfertig und habe gern meine Ruhe, aber manchmal kann ich einem gepflegten geistigen Duell einfach nicht widerstehen. Neulich zum Beispiel habe ich mich mal wieder mit einem Kerl auf Facebook gestritten (Spoiler: Ich habe gewonnen😛 ). Es ging um einen Comic von Erzählmirnix, wo ein Mann einer Frau erklärt, dass der Unterschied zwischen Männern und Frauen darin bestünde, dass Männer rational argumentieren und Frauen mit Gefühlen. Die Frau sagt daraufhin: „Das stimmt nicht“ und der Mann konstatiert: „Siehst du, da haben wir wieder den Beweis: Ich stelle ganz rational Tatsachen fest und du als Frau weigerst dich, die Realität zu akzeptieren und argumentierst damit, was du lieber hättest.“ Da ich diesen Quatsch auch schon des Öfteren gehört habe, habe ich das natürlich kommentiert. Beim Scrollen durch die Kommentare fiel mir dann ein Beitrag auf, wo besagter Kerl spekulierte: „Ich meine mich zu erinnern, dass es mal eine psychologische Studie mit diesem Ergebnis gab😉 Die mag natürlich falsch sein, aber wissenschaftlich gilt eine These bekanntermaßen, bis sie widerlegt wurde ^^“ Und da wollte ich ganz gern wissen, was es mit dieser Studie auf sich hat. Zunächst aber erzählte ich eine Anekdote, in der ich Parallelen zu seiner Argumentation sah. Ein Freund von mir, der sich ebenso gern geistig duelliert wie ich, hat mir mal von einer Studie berichtet, die beweisen soll, dass Frauen grausamer seien als Männer. In einem Versuch, wo die Probanden jemandem Stromstöße verpassen sollten, hätten die Frauen häufiger aufs Knöpfchen gedrückt als die Männer. Da wollte ich dann gern mehr Details zur Studie wissen: Wer hat sie wann unter welchen Bedingungen mit wie vielen Menschen durchgeführt? Wo kann man sie finden und das nachlesen? Wie war die Ausgangsthese und könnte es sein, dass Vorurteile eine Rolle gespielt haben? Antworten gab es keine.

Ursprünglich hatte ich diese Geschichte eigentlich nur erzählt, weil ich es amüsant fand, dass man eine Studie anbringt, um seine Argumentation scheinbar rational zu untermauern und tüchtig Eindruck zu schinden, bei näherem Nachfragen stellt sich dann jedoch heraus, dass man da irgendwie mal von irgendwas gehört hat, und eigentlich nichts Genaues weiß. Und das von Männern, die den Eindruck erwecken, sie argumentierten rational. Wobei implizit angenommen wird, dass rationale Argumente immer besser wären als emotionale Argumente. Da der feine Herr sich weigerte, mir den Link zur Studie zu schicken, sich in Widersprüchen verhedderte und lustigerweise ins Emotionale abdriftete und anfing, mich zu beleidigen, schlug ich einen Kompromiss vor: Männer und Frauen argumentieren beide emotional und rational, was davon jeweils überwiegt, hängt von der Persönlichkeit, Temperament, Situation, Kontext, persönlichem Hintergrund, Tagesform und Thema ab, weniger vom Geschlecht. Wenn es vom Geschlecht abhängt, ist es wahrscheinlich zum großen Teil der Erziehung geschuldet, die nach wie vor Männern „untersagt“ Gefühle zu zeigen und Frauen einredet, sie würden Schwierigkeiten haben, einen heiratstauglichen Göttergatten zu finden, wenn sie zu viele rational untermauerte Widerworte gäben. Da meinte er, das sei falsch, und überhaupt, er wisse doch auch nichts von der Studie, hätte nur gefragt, ob es eine solche nicht gäbe, sie sei ihm überdies völlig egal und außerdem hätten beide Personen im Comic unrecht. Da brachte ich den Einwand, dass nicht beide unrecht haben können, da Person A sagt „XY ist Fakt“ und Person B sagt „Das stimmt nicht“. Etwas kann ja nicht gleichzeitig Fakt und nicht Fakt sein. Ich meine, daraufhin wurde er wieder ausfallend … Jedenfalls, irgendwann war mir das dann auch zu blöd, da schlug ich ihm vor, wir könnten uns einfach einigen, dass ich das geistige Duell gewonnen hätte, woraufhin er mich als dumm und asozial beschimpfte. Höhöhö, ist mal eine nette Abwechslung, sonst kriege ich eher vorgeworfen, ich wäre ein Klugscheißer, Streber und zu nett (wobei wir ja alle wissen, wessen kleine Schwester das Wort „nett“ ist).😀

So viel zur Vorgeschichte, weshalb es mich in den Fingern gejuckt hat, diesen Essai zu schreiben. Der Blödmann wollte nämlich partout nicht zugeben, dass er Schwachsinn verzapft und selbst keine Ahnung hatte, wovon er denn da redet, und … nun ja, der Vorwurf mit dem Klugscheißer ist wohl berechtigt. Selbst, wenn ich weiß, dass ich recht habe, höre ich es doch ganz gern, da fühle ich mich gebauchpinselt. Wir haben alle unsere kleinen Eitelkeiten *hüstel* Nachdem das geklärt ist, möchte ich gern wissen, was denn nun eigentlich genau rationale Argumente im Gegensatz zu emotionalen Argumenten sein sollen. Denn meiner Ansicht nach kann man gar nicht umhin, dass sich immer persönliche, emotionale Motive unbewusst in unsere Aussagen mogeln. Das merken wir in dem Moment nicht unbedingt, wenn es nur ganz subtile, leise emotionale Töne sind, aber da sind sie trotzdem. Man könnte höchstens sagen, dass in wissenschaftlichen Arbeiten, Studien und bei seriöser Berichterstattung im Journalismus sowie vor Gericht versucht wird, seine Emotionen weitestgehend in den Hintergrund zu schieben und sich auf die bloße Nennung der Fakten zu beschränken. Im Schriftlichen gelingt das sogar noch einigermaßen, aber sobald man etwas ausspricht, verraten Stimme, Tonfall, Betonung und Körpersprache etwas von der inneren Haltung. Aber sagen wir, dass in diesen Bereichen die rationalen Argumente überwiegen, so gut sie es eben können.

Sind emotionale Argumente denn im Gegenzug immer schlecht? Klar, wenn es um Wissenschaft, Recht und Berichterstattung geht, kann man nicht einfach schreiben oder sagen: „Ach, also ich habe das Gefühl, der Angeklagte ist ein dummes Stück Dreck, deswegen ist er meinem Empfinden nach definitiv schuldig.“ Eine gerechte Verhandlung wäre dann nicht mehr möglich. Aber angenommen, es geht nicht um Fakten und Taten, sondern um Befindlichkeiten, Meinungen und persönliche Vorlieben. Kann man da überhaupt rational argumentieren und wenn ja, ist das sinnvoll? Es entstehen dauernd Missverständnisse in zwischenmenschlichen Beziehungen, weil jeder einen unterschiedlichen Hintergrund, eigene Wahrnehmung und Perspektive, Gewohnheiten, Kenntnisse, Erziehung und so weiter hat. Wenn man dann seine persönlichen Ansichten als Fakten darstellt, kann man den Konflikt niemals klären. Weil dann beide auf ihrem Standpunkt verharren und diesen verteidigen, denn für beide erscheint der eigene Standpunkt als Wahrheit. Da ist es doch besser, man argumentiert ehrlich mit seinen Gefühlen, steht dazu, dass es Befindlichkeiten und keine Fakten sind und versucht, die Gefühle des anderen nachzuvollziehen oder zumindest zu akzeptieren.

Von daher finde ich, dass sowohl emotionale als auch rationale Argumente ihre Daseinsberechtigung haben und es das Beste ist, wenn man beides beherrscht und je nach Situation, Kontext und Diskussionspartner mal mehr in die eine oder andere Richtung tendiert. Das ist natürlich der Idealzustand, im wirklichen Leben platzt einem dann doch mal der Kragen und man schaltet auf stur und vergisst, dass die eigenen Gefühle keine Fakten sind. Das ist einfach menschlich, aber weder explizit männlich noch ausschließlich weiblich. Meiner Meinung nach könnten wir trotzdem ruhig mal etwas netter und nachgiebiger miteinander umgehen. Und uns vielleicht auch mal fragen, ob unsere Behauptungen wirklich eindeutig belegbar sind, oder eher als Überzeugung getarnte Meinungen und Befindlichkeiten sind. In diesem Sinne: Wer das nächste Mal als rationales Argument eine Studie aufs Tapet bringt, sollte vorher noch mal den Link zur Originalquelle heraussuchen – oder lieber schweigen.

Essai 160: Über Mitleid, den bösen Zwilling von Mitgefühl

2. Juli 2016

Es gibt ja nicht viel, was mich zur Weißglut treibt, aber Mitleid gehört definitiv dazu. Das Schlimme ist: Mir passiert das auch gelegentlich, dass ich glaube, ich würde mit jemandem mitfühlen, obwohl ich ihn in Wahrheit bemitleide. Beste Voraussetzungen also, um zu dem Thema mal einen Essai zu schreiben.

Immer wieder trifft man auf Leute, die andere Ziele im Leben, andere Wertvorstellungen und Maßstäbe haben, andere Prioritäten setzen und einen anderen Geschmack haben. Da kommt es oft vor, dass man ihre Handlungsweisen und Motivationen nicht nachvollziehen kann, weil einem das so fremd ist und es so sehr von den eigenen Vorstellungen abweicht. Und dann hat man manchmal den Eindruck, dass diese Menschen nicht klarkommen – weil sie die Ziele, Werte, Maßstäbe und Prioritäten, die man selbst hat, nicht erfüllen. Da hat man dann drei Möglichkeiten:

  1. Man pfeift drauf, lässt den anderen in Ruhe und geht seiner Wege
  2. Man hat Mitleid und denkt: „Ach der Arme, der ist so ein Versager“
  3. Man versucht, Mitgefühl mit dem anderen zu empfinden und ihn respektvoll zu behandeln

Möglichkeit 1 ist meiner Meinung nach für lockere Bekannte in Ordnung und die beste Lösung, damit jeder seinen Seelenfrieden hat. Bei Freunden und anderen Menschen, die einem am Herzen liegen, ist es etwas anderes. Es gibt ja einen Unterschied zwischen Respektieren und Ignorieren; Verhalten, das einem komisch vorkommt, zu ignorieren, wenn es sich um jemanden handelt, der einem etwas bedeutet, finde ich irgendwie … herzlos. Hat man Mitleid mit der betreffenden Person, ist das allerdings auch kein Zeichen von Respekt – und das ist der wesentliche Unterschied zu Mitgefühl.

Bei Mitleid schließt man von sich auf andere und interpretiert den anderen, ohne ihn zu fragen. Man formuliert innerlich ein Urteil, eine Diagnose, wo das Problem liegt, und kommt sich dabei unfassbar schlau und sensibel vor. Dann teilt man sein küchentischpsychologisches Gutachten stolz allen mit, dem Betroffenen natürlich auch, und bietet am besten auch gleich seine Hilfe bei der Lösung des Problems an und ignoriert Proteste und Widersprüche des armen Tropfs, der das Mitleid erregt hat. Übrigens bin ich da nicht anders, ich bin auch manchmal ein ziemliches Arschloch, ohne es in dem Moment zu merken. Das Ding ist nämlich: Mitleid ist nie böse gemeint, es ist immer lieb und nett und gut gemeint – das ist das Diabolische daran.

Ist man selbst das Opfer einer Mitleidsattacke, kann man sich im Grunde nicht wirklich dagegen wehren, man ist in einer emotionalen Zwickmühle eingeklemmt, aus der man nicht mehr heil heraus kommt. Sagt man dem anderen, er solle sich sein Mitleid dahin schieben, wo keine Sonne scheint (was in Hamburg so ziemlich überall ist😛 ), stößt man ihn vor den Kopf, tritt ihm auf den Schlips und steht als undankbares Miststück da. Versucht man es mit Sachlichkeit, bedankt sich für das vermeintliche Mitgefühl, erklärt aber, dass soweit alles in Ordnung ist und man schon klar kommt, wird einem nicht geglaubt oder gar nicht erst zugehört, weil man nicht laut und ausfallend genug geworden ist, um klar zu machen, dass man nicht bemitleidet werden will. Und geht man auf das Mitleid ein, gibt man dem anderen damit recht, und steht wie ein unfähiger Vollidiot da, der nichts alleine auf die Kette kriegt, und kann sich schon mal darauf freuen, das Mitleid nie wieder loszuwerden.

Und dann ist da noch das Mitgefühl. Der Unterschied zwischen Mitleid und Einfühlungsvermögen ist, dass es bei letzterem wirklich um den anderen geht, nicht um einen selbst. Mitleid ist Selbstbestätigung und Selbstdarstellung, Mitgefühl ist ehrliches, aufrichtiges Interesse an der anderen Person. Man versucht dann, sich in den anderen hineinzuversetzen, nachzuvollziehen, wie seine Sicht der Dinge, seine Wertvorstellungen, Prioritäten, etc. gewichtet sind – und betrachtet seine Handlungen in seinem Kontext und nicht im eigenen. Dann stellt man entweder fest, dass der andere zufrieden und glücklich ist, so wie es ist. Oder es gibt doch ein paar Sachen, die ihn wurmen. Wenn man ehrliches Mitgefühl empfindet, wird der andere merken, dass er sich öffnen kann, ohne dass er bewertet, verurteilt, analysiert, belehrt oder sonstwie herablassend behandelt wird. Ist ersteinmal so ein Vertrauen entstanden, dass der andere alles erzählen kann, aber nichts erzählen muss, handelt es sich um wirkliches Mitgefühl.

Ich denke, grundsätzlich kann man Mitgefühl im Rahmen seiner Möglichkeiten schon lernen. Zumindest möchte ich versuchen, wenn ich merke, dass sich Mitleid in mir regt, innezuhalten und zu schauen, ob der andere nur meiner Meinung nach ein Problem hat, oder auch aus seiner oder aus objektiver Sicht. Und dann nicht zu urteilen, sondern zu fragen, nicht mit Weisheiten zuzutexten, sondern zuzuhören. Mal gucken, ob mir das gelingt …

Essai 159: Über den Verlust der Religion

19. Juni 2016

Eigenartig, wie ein bestimmtes Lied, ein Geruch oder eine Atmosphäre manchmal schlagartig Erinnerungen wachrufen kann … So wie neulich, als auf einem Straßenfest neben unserer Wohnung eine Band „Losing my religion“ von REM spielte und ich mich plötzlich wieder daran erinnerte, wie es sich angefühlt hat, als ich meine Religion verlor: wie eine Befreiung. Kleine Warnung vorweg, dieser Essai kann eventuell für Strenggläubige und Strengreligiöse blasphemisch wirken.

Ich war nicht immer Atheistin. Meine beste Freundin zu Grundschul- und Unterstufenzeiten war Tochter eines Pastors und so ging ich regelmäßig mit ihr in seine Kirche zur sogenannten Mädelschar und später zum Bibelunterricht. Mir ist klar, dass „Mädelschar“ ein bisschen nach, na ja, Hitlerjugend klingt, aber tatsächlich war es eine Art Pfadfindertruppe ohne Uniformen. Und es hat Spaß gemacht, man hat zusammen gesungen, gebastelt, Ausflüge gemacht, die Leute waren nett und ich mochte das Gemeinschaftsgefühl dort. Als Kind war ich allerdings noch leichtgläubiger als heute, inzwischen habe ich dann ja doch ein bisschen dazugelernt und verrate nicht mehr irgendwelchen Klemmbrettträgern in der Einkaufsstraße meine Kontodaten, weil sie behaupten, das „kostenlose“ Zeitschriftenabo helfe armen Leuten. Also habe ich alles geglaubt, was man mir da so erzählt hat, unter anderem, welche Popstars alle ihre Seele an den Teufel verkauft haben, um des Erfolgs Willen (Michael Jackson, sämtliche Beatles und haben die Rolling Stones nicht sogar ein Lied namens „Sympathy for the devil“ gesungen?).

Zwar verstand ich nicht so ganz, wie die darauf kamen, was das bedeutete und woher die das wissen wollten, aber ich dachte, die sind älter als ich und wissen Bescheid. Da ich schon als Kind mit lebhafter Fantasie verflucht war, hatte ich fortan grauenhafte Angst, der Teufel würde sich mir meine Seele holen, wenn ich nachts schlafe, weil ich versehentlich dieser frevelhaften Satansmusik gelauscht hatte. Später im Bibelunterricht legte sich diese Angst ein wenig, aber gleichzeitig fing ich auch an, zu hinterfragen. Vor allem fiel es mir immer schwerer, die Klassenbesten im Bibelunterricht, diese bibeltreuen Streber, die immer auf alles eine auswendig gelernte Antwort wussten und sich deswegen als was Besseres vorkamen, ernst zu nehmen. Ich hatte irgendwie keine Lust mehr, Angst zu haben, mir kam es seltsam vor, dass ein Buch mit uralten Geschichten und Legenden die Antworten auf alle Fragen liefern sollte. Und so fing mein religiöser Glaube allmählich an zu bröckeln.

Die letzten Reste sind dann regelrecht zusammengekracht, als ich Goethes „Faust I“ in der Schule las, als Faust sich auf die Gretchenfrage „Wie hast du’s mit der Religion?“ wortreich herausredet, und schließlich erklärt: „Nenn’s Glück! Herz! Liebe! Gott! Ich habe keinen Namen dafür! Gefühl ist alles; Name ist Schall und Rauch, umnebelnd Himmelsglut.“ Darin fand ich meine Zweifel, mein zunehmendes Unbehagen angesichts des kritiklosen Wiederkäuens von Bibelinhalten, in Worte gefasst und dachte: Stimmt, genauso ist es. Ich brauche keine Religion, um meine Mitmenschen möglichst gut, fair, mitfühlend zu behandeln, mich für sie und das, was in der Welt geschieht zu interessieren, das kann ich auch einfach nur deswegen tun, weil ich es will. Das fand ich befreiend, die Vorstellung, dass ich für mich selbst und meine Taten verantwortlich bin, selbst entscheiden, mein Leben selbst gestalten kann und wenn ich tot bin, dann bin ich tot und gut ist. Das Leben ist eine absurde Aneinanderreihung von Zufällen und jeder versucht, das Beste draus zu machen. Vielen fällt das leichter, wenn sie eine Art Leitfaden in Form von Religion dazu haben, andere suchen sich Pseudo- und Ersatzreligionen wie Ernährungsweisheiten, Verschwörungstheorien, politische Ideologien und so weiter. Aber ich finde das spannend, auszuprobieren, es ohne diese Leitfäden zu versuchen, Sinnlosigkeit auch mal auszuhalten, Nichtwissen zu akzeptieren und trotzdem neugierig und zuversichtlich zu bleiben.

Auf jeden Fall habe ich festgestellt, dass es mir schwerfällt, die Tragik nachzuempfinden, die Menschen in Filmen und Liedern empfinden, wenn sie ihre Religion verlieren. Im Film „Spotlight“ zum Beispiel nimmt dieser Verlust von Religion als Thema genauso viel Raum ein, wie der eigentliche Skandal, nämlich der Missbrauch von Schutzbefohlenen durch Vertrauenspersonen. Die Journalisten in der Geschichte fallen durch die Ereignisse von ihrem Glauben ab und das scheint sie fast noch mehr zu treffen, als der Kindesmissbrauch an sich. Aus diesem Grund hat der Film bei mir einen bitteren Nachgeschmack hinterlassen. Vermutlich aber war das nicht die Absicht und ich vermute, die meisten Leute aus der angepeilten Zielgruppe können sich durch diesen persönlichen Religionsaspekt besser mit den Figuren identifizieren.

Essai 158: Über Komfortzonen und das Verlassen derselben

12. Juni 2016

Es ist eine allgemein anerkannte Wahrheit, dass Komfortzonen nur dazu da sind, um sie gleich wieder zu verlassen. Sonst erreicht man im Leben nämlich nichts, versagt auf ganzer Linie und wird nie ein nützliches Mitglied der Gesellschaft werden. Das steht in Frauenzeitschriften, Motivationstrainer predigen es, die Spatzen pfeifen es von den Dächern und alle anderen sind auch dafür: In seiner Komfortzone zu verweilen ist schlecht. Basta. Nur interessant, dass dies lediglich für die Komfortzonen anderer Leute gilt, nicht für die eigenen.

Da bin ich übrigens keine Ausnahme, ich bin auch immer schnell dabei, mich in altkluge Höhen des Alles-am-besten-Wissens aufzuschwingen und zu tönen: „Ja, kein Wunder, dass XY nie eine Freundin bekommt, wenn der die ganze Zeit in seiner Komfortzone bleibt. Der muss mal rausgehen und Frauen ansprechen! Der muss mal Speeddating machen oder sich bei einer Online-Partnervermittlung anmelden!“ Gleichzeitig nervt es mich tierisch, wenn Freunde oder Bekannte mir mit neunmalklugen Ratschlägen kommen à la „Ja, Isa, du musst mal aus deiner Komfortzone raus, du musst mal lernen, dich durchzusetzen, du musst mal mehr Selbstvertrauen entwickeln, du musst mal Kontakte knüpfen und du musst dich mal klarer ausdrücken und du musst mal selbstsicherer auftreten und du musst mal deine ständigen Relativierungen, Eigentlichs und Irgendwies weglassen, sonst kannste das knicken mit der Karriere.“ Ich weiß ja, dass sie recht haben und es gut mit mir meinen, aber irgendwie fühle ich mich eigentlich auch wohl in meiner Komfortzone. Und strenggenommen ist es – nun ja – so ein wenig … unbequem, sie zu verlassen.

Es ist anscheinend in der Theorie einfacher, eine Position freiwillig hinter sich zu lassen, auf der man es sich gemütlich gemacht hat. Und daher ist es auch ganz leicht, anderen dazu zu raten. Trotzdem mag dann aber keiner so wirklich gern vor seiner eigenen Haustür kehren (der Schmutzhaufen vor den anderen Haustüren macht anscheinend mehr Spaß, wegzufegen). Na ja, und dann gibt es auch noch die, die sich selbstgefällig in ihre Komfortzone fläzen und trotzdem erfolgreich sind. Ich schätze mal, im Moment gucken die meisten Leute Fußball und da bleibt eine Begegnung mit B*la R*thy nicht aus und der Typ ist einer der erfolgreichsten Fußballkommentatoren im deutschsprachigen Fernsehen, obwohl der einen Scheiß tut und seinen bequemen, fest etablierten Platz verlässt. Ich meine, noch weiter karrieremäßig in seiner Branche aufsteigen kann er wohl nicht, könnte man einwenden. Also warum sollte er seinen muckeligen Posten aufgeben? Weil er ein Sprecher ist, der nicht sprechen kann, und das ist eine Schande. Das ist so, als wäre ich bei der größten deutschsprachigen Tageszeitung Chefredakteurin und könnte „seit“ und „seid“, „das“ und „dass“ nicht auseinanderhalten, würde ständig irgendwo ein überflüssiges Apostroph reinknallen wie in „Panda’s sind süß“ und „Standart“ mit „t“ am Ende schreiben (Urgs, sieht das scheußlich aus!).

Ich finde, äußere Faktoren wie „Karriere machen“ oder „Freund/in finden“ sind zwar begründete Motivationsfaktoren, um auch mal Dinge zu tun, die man anstrengend findet, aber wenn es die einzigen Gründe bleiben, dann wird man faul, sobald man sein Ziel erreicht hat. Und dann hat es sich letztendlich nicht wirklich gelohnt, die Komfortzone zu verlassen, weil man dann entweder einen schlechten Job abliefert und auf seinem hohen Thron vor sich hin dilettiert und keiner traut sich, einem zu sagen, dass man scheiße ist, weil man so weit oben sitzt und so imposant dabei ausschaut. Oder man gibt einen grauenhaften Beziehungspartner ab, weil man aufhört, sich Mühe zu geben, sobald man die „Beute“ erobert hat. Man selbst fühlt sich dann wahrscheinlich superklasse und sieht nicht ein, warum man was ändern sollte, aber für die anderen ist es dann halt nicht so toll.

Wahrscheinlich ist es gar nicht so leicht, sich seine Fähigkeit zur kritischen Selbstreflexion zu bewahren, wenn man ein solches Ziel erreicht und es sich an der Spitze kuschelig eingerichtet hat. Vor allem, wenn man von den meisten Menschen hört, man sei mega der Hammer, dann glaubt man das vermutlich irgendwann. Dabei kann man immer etwas verbessern und wenn man nicht an sich und seinem Können arbeitet, faul wird, dann rostet man ein und wird immer schlechter – und merkt das noch nicht einmal.

Im Prinzip stimmt es also schon, dass man es sich auf seinem Platz nicht zu komfortabel machen, in Bewegung bleiben und stetig dazulernen sollte. Aber ich finde, jeder hat das Recht, dies in seinem eigenen Tempo zu tun und selbst zu entscheiden, wann er seine Komfortzone verlässt und wann nicht. Es geht ja auch immer darum, was man erreichen will. Wenn man zufrieden damit ist, dass die eigene Karriere an einer nicht so hohen Stelle stagniert, weil man sich dort wohl fühlt, ist das doch in Ordnung. Wenn man sich als Single wohl fühlt und keine Lust hat, sich auf einen anderen Menschen einzulassen, weil man andere Menschen anstrengend und nervig findet, ist das auch völlig in Ordnung.

Das Schwierige daran ist nur, herauszufinden, was man eigentlich will und was einem wichtiger ist: Komfort oder Weiterentwicklung. Und man darf auch durchaus in einem Bereich Weiterentwicklung wählen und in einem anderen Komfort oder das von Situation zu Situation im Einzelfall beschließen. Das macht das Ganze noch komplizierter. Dann stellt sich noch die Frage, will man das, was man zu wollen glaubt, wirklich? Oder will man es nur wollen, weil man glaubt, dass andere das von einem erwarten und man sie nicht enttäuschen will?

Jedenfalls, um diesen Essai jetzt nicht mit so einem Gehirnknoten zu beenden, ich habe mir vorgenommen, mich mit ungefragten „Du musst mal dies-und-das“-Ratschlägen ein bisschen zurückzuhalten. Mal schauen, ob mir das gelingt, ich gebe nämlich sehr gerne Tipps und ich weiß es wirklich oft besser😛 Aber ich kann halt auch nicht in Leute reingucken und richtig erraten, was ihre Prioritäten im Leben sind – es sei denn, sie sagen es mir und fragen mich um meine Meinung. Und vielleicht kann ich mich wirklich auch mal etwas klarer ausdrücken😀

Edit: Mir fiel noch ein, dass es manchmal doch ganz gut ist, wenn man einen unbequemen Stubs aus der Komfortzone heraus von einem lieben Menschen bekommt.🙂 Man merkt das ja nicht immer selbst, wenn man es sich so gemütlich gemacht hat, dass man in seinem eigenen Quark zu versumpfen droht.

Essai 157: Über rhetorische Tricks für Wichtigtuer

24. April 2016

Manchmal will man gern Eindruck schinden, hat aber gar nichts Interessantes zu sagen. Das muss jedoch kein Hinderungsgrund sein, denn man kann auch Nichtssagendes eindrucksvoll aufplüschen, sodass es total wichtig klingt und keiner merkt, dass es nur heiße Luft ist. Oder zumindest: fast keiner – aber selbst, wenn da jemand im Publikum sitzt, der merkt, dass der Kaiser keine neuen Kleider, sondern gar nichts trägt, braucht man sich beim rhetorischen Aufplustern in der Regel keine Sorgen zu machen. Zumindest habe ich das noch nie erlebt, dass jemand in solchen Situation losgetrötet hätte: „Laaaangweilig, du laberst doch nur hohlen Stuss, komm‘ doch mal auf den Punkt!“ Das macht irgendwie keiner, vielleicht, weil es doch sehr unhöflich ist. Oder weil man, wenn man im Publikum sitzt und gezwungen ist, dem Wichtigtuer beim Phrasendreschen zuzuhören, normalerweise weniger wichtig ist und sich den Wichtigtuer nicht zum Feind machen möchte. Mit den Konsequenzen zu leben, sich einen ehrlichen, aber wenig konstruktiven und ziemlich unhöflichen Kommentar verkniffen zu haben, ist wohl einfacher, als eine wichtige Person gegen sich aufzubringen.

Wer auch mal mitmachen möchte beim Zirkus Richtig-wichtig-popichtig, für den habe ich heute ein paar Tipps parat. Ganz besonders wichtig: die richtige Haltung (oder auf Wichtigtuerisch „Attitude“). Damit der Unfug nämlich überzeugend rüberkommt und tatsächlich nur Wenige merken, dass man eigentlich keine Ahnung von der Materie hat (oder der „Craft“, wie einer meiner Lieblingswichtigtuer Herr T. S. sagen würde), muss man schon auch selbst davon überzeugt sein, dass man supertoll ist und die Erde auf der Stelle stillstünde, wenn man nicht da wäre, damit sie sich um einen dreht.

1. Mit Anglizismen jonglieren

Man findet Sachen nicht einfach gut, sondern man findet sie „nice“. Und wenn Dinge gar nicht gehen, dann sind sie ein „No-Go“. Anglizismen sind für Wichtigtuer unverzichtbar, denn das wirkt voll „internäschenell“ (also weltmännisch), wenn man alles Mögliche und Unmögliche mit englischen Phrasen aufbauscht. Da wird dann also vom „Commitment“ geschwafelt und davon, dass alles „no problem“ ist, weil das ja alles zur „Challenge“ dazugehört. Oder es wird von „Compliance“ gesprochen (das Wort musste ich erstmal ergooglen, heißt wohl so viel wie „Regeltreue“) und „values“. Übrigens macht es überhaupt nichts, wenn die Zuhörerschaft bei den ganzen Anglizismen höchstens die Hälfte versteht. Das soll so. Je weniger die Zuhörerschaft von dem Quatsch versteht, den man von sich gibt, desto geringer ist das Risiko, dass sie es als Quatsch erkennen. Die Chancen steigen, dass sie denken: „Wow! Ich versteh kein Wort! Also muss es unfassbar klug sein, was der Mensch da redet!“

Diesen Zweck erfüllen übrigens nicht nur Anglizismen, sondern auch andere Fremdwörter oder Fachbegriffe. Allerdings ist da die Gefahr gegeben, dass man übers Ziel hinausschießt und arrogant wirkt. Das will man auch nicht, denn Wichtigtuer sind ja noch einigermaßen erträglich, aber Streber kann keiner leiden. Bevor man also etwas „goutiert“, anstatt gut findet, oder von einer „cauchemardesken Atmosphäre“ anstelle einer „alptraumhaften Stimmung“ spricht, sollte man schauen, ob man dieses Ausmaß an Schnöselvokabular seinem Publikum zumuten kann. Befindet man sich unter einem Haufen hochkultureller Geisteswissenschaftler und Intellektueller, kann – ja, sollte – man sich so ausdrücken und vorzugsweise viele Gallizismen in seinem Geschwafel unterbringen. Wendet man sich als Mediziner an andere Mediziner, sollte man seinen Vortrag entsprechend mit lateinischen Fachbegriffen aufplustern, und so weiter.

2. Sich selbst loben

Ein Wichtigtuer, der etwas auf sich hält, hat nichts davon, wenn nur er selbst sich seiner eigenen Großartigkeit bewusst ist. Es schadet also nichts, es zwischendurch auch mal explizit zu betonen. Außerdem sollte man auch seine Untergebenen, äh, das Fußvolk, genauer gesagt, alle anderen, in seiner Eigenlobeshymne nicht unerwähnt lassen. Schließlich will man ja, dass die sich zu den „values commiten“ und die „Challenge“ „nice“ finden. Also sagt man dann, dass man ganz große Klasse ist, aber, dass man – selbstverständlich – nur so toll sein kann, weil man so eine wunderbare Unterstützung hat. Das muss man nicht unbedingt selbst glauben, das genügt völlig, wenn man das einigermaßen überzeugend äußert.

3. Hyperbolische Ausdrucksweise: Alles ist fantastisch (mindestens)!

Beim Selbstlob darf man übrigens auf keinen Fall bescheiden sein, sonst wirkt das unglaubwürdig. Man ist also nicht einfach nur soweit ganz in Ordnung oder nicht schlecht, auch nicht einfach nur gut – sondern fantastisch, „amazing“, „awesome“, großartig, phänomenal, superkallifragelistikextraalligetisch (Mist, jetzt habe ich mir selbst einen Ohrwurm verpasst!), … Das nennt sich hyperbolische Ausdrucksweise (ein Fremdwort, mit dem man unter Geisteswissenschaftlern ein bisschen Eindruck schinden kann) und heißt schlicht und ergreifend, dass man heillos übertreibt.

4. Körpersprache für Wichtigtuer

Wie gesagt, wer ein richtiger Wichtigtuer sein will, muss erst einmal die richtige, wichtige Haltung an den Tag legen. Dies bezieht sich nicht nur auf die innere Einstellung und Überzeugung, dass man etwas ganz besonders Tolles ist, sondern auch buchstäblich auf die Körperhaltung. Wer mit hängenden Schultern von „commitment“ und „amazing challenges“ schwadroniert, macht sich lächerlich und wird sofort durchschaut. Also: Brust raus, Bauch rein, Kopf hoch und sein Publikum mit dem Blick fixieren. Am besten stellt man sich breitbeinig hin, so nimmt man mehr Raum ein und wirkt gleich noch viel wichtiger. Die Hände kann man lässig an den Daumen in die Gürtelschnallen hängen, in die Hüften stemmen oder eindrucksvoll verschränken. Auf keinen Fall sollte man sie hinterm Rücken verstecken, das wirkt zu zurückhaltend und bescheiden.

5. Auf den Ton achten, der die Musik macht

Der Tonfall, mit dem man seinen aufgeplüschten Schwachsinn unters Volk bringen möchte, sollte ebenfalls allumfassende Wichtigkeit ausstrahlen. Man sollte alle „Ähs“ und „Öhms“, alle „eigentlichs“ und „Na jas“ sowie sämtliche anderen Denkpausenfüller und abmildernden Ausdrücke aus seinem Vokabular streichen. Stattdessen kann man aber prima Kunstpausen einbauen und dabei ganz wichtig auf sein Publikum herabschauen. Ansonsten spricht man am besten laut, deutlich und klar, so, als wäre man es schon sein Leben lang gewöhnt, andere herumzukommandieren. Es soll ja keiner das Schwafeln bemerken.

6. Was, wenn man wirklich etwas zu sagen hat?

Sollte man kein echter Wichtigtuer sein, sondern wirklich etwas zu sagen haben, braucht man die Punkte 1 bis 3 nicht. Allerdings empfiehlt es sich, an 4 und 5 zu arbeiten, denn dann hören die Leute einem eher zu und sind eher gewillt, das Gesagte aufzunehmen und für richtig und wichtig zu befinden.

Und, habt ihr noch ein paar Tipps für Wichtigtuer oder Menschen, die wirklich Wichtiges zu sagen haben?

Essai 156: Über Streber

14. April 2016

Um ehrlich zu sein, bin ich ein ziemlich bequemer Mensch. Ich habe es sehr gern gemütlich, mag Harmonie und Frieden und weiß den Komfort von Strom, Heizung und fließend Wasser zu schätzen. Außerdem hasse ich es, wenn ich krank bin oder irgendetwas nicht hinkriege, was ich mir vorgenommen habe. Als ich noch zur Uni ging, habe ich vor jeder Prüfung und bei jeder Hausarbeit und Abschlussarbeit einen Panikflash bekommen, dass ich das alles nicht schaffe und komplett versagen werde. Mein Freund fand das immer ziemlich unglaubwürdig und lustig und sagte: „Ja, ja. Und dann schreibst du doch wieder eine 1“ und ich dann so: „Gar nicht wahr! Dieses Mal weiß ich wirklich nicht, wie ich das schaffen soll! Heul! Schluchz!“ Natürlich hatte er meistens recht und konstatierte dann hinterher: „Siehste, bist halt ’ne Streberin.“

Ich weiß, in dem Kontext ist das als Kompliment gemeint, aber irgendwie mag ich das überhaupt nicht, wenn man mich eine Streberin nennt. Ich finde nicht, dass ich eine Streberin bin *schmoll*. Trotzdem schwebt dieses ‚Urteil‘ ständig über meinem Kopf und mir ist das immer fürchterlich unangenehm, wenn sich herausstellt, dass ich irgendetwas ganz gut kann und – schlimmer noch – teilweise sogar besser kann oder besser weiß als andere. Ich trau mich dann immer gar nicht, das so laut zu sagen, weil ich fürchte, man könnte mich dann mit dem vernichtenden „Streber!“-Etikett bekleben und dann stehe ich da und fühle mich allumfassend uncool, langweilig und genussfeindlich. Aber dann denke ich auch, was bin ich doch für eine alberne, dusselige Kuh, dass ich mein Licht immer so untern Scheffel stelle, nur, um nicht als Streberin zu gelten.

Irgendwie wäre ich schon gern so eine obercoole Socke, der es vollkommen schnurz ist, was andere von ihr denken. Aber in meinem Hinterkopf blubbern dann doch so Vorurteile vor sich hin, dass nur Leute obercoole Socken sein dürfen, die sich nicht darum scheren, was andere von ihnen denken, die sich möglichst unvernünftig aufführen, bestenfalls sogar kriminell sind oder wenigstens so gut wie. Das Klischee vom Rockstar, der keine Drogen auslässt, fröhlich durch die Weltgeschichte pimpert (natürlich ohne Kondom, wo kämen wir denn da sonst hin), dauerbesoffen ist und Kette raucht, unfreundlich zu anderen Leuten ist und sich wie ein Arschloch aufführt schwebt mir als optimaler Antistreber vor, am besten stirbt der dann auch noch möglichst jung, dann ist er an Coolness nicht mehr zu überbieten.

Nun bin ich nicht nur viel zu alt, um jung zu sterben (den Club 27 habe ich auf jeden Fall schon laaaaange hinter mir gelassen), ich habe auch überhaupt keine Lust, meine Sinne mit irgendwelchen süchtig machenden Substanzen zu vernebeln und sehe darin auch überhaupt keinen Mehrwert für mein Wohlbefinden. Und man hat es viel einfacher und muckeliger im Leben, wenn man einfach nett und höflich zu anderen Leuten ist, ein wenig Mitgefühl zeigt, anstatt gemein zu allen zu sein, und sich bestmöglich an die Regeln hält. Rein optisch bin ich eh viel zu niedlich, um als Rockstar zu überzeugen.

Also bin ich vielleicht doch eine Streberin? Immerhin rauche ich nicht, trinke keinen Alkohol, Drogen nehme ich sowieso nicht und zu allem Überfluss mache ich auch noch regelmäßig Sport, ernähre mich ausgewogen und maßvoll, gehe regelmäßig zu den ärztlichen Vorsorgeuntersuchungen und lese lieber ein schönes Buch als nachts auf die Piste zu gehen. Als ob das nicht schon schlimm genug wäre, bin ich auch noch einigermaßen intelligent, lernfähig und lernfreudig und habe an der Uni und in der Schule in der Tat überwiegend gute Noten geschrieben. Streit mit meinen Lehrern und Profs habe ich auch nie welchen angefangen. Und ich will schon das Beste aus meinen Möglichkeiten machen, so viel Ehrgeiz habe ich dann doch. In einem meiner Zeugnisse hatte mein Biolehrer mal geschrieben: „Isabelle weint manchmal bei Leistungsversagen.“ Das fand ich übrigens gar nicht lustig, dass der das da reingeschrieben hat, ich hab mich nur einmal geärgert, dass ich eine 4 in einer Klausur geschrieben hatte, und da sind dann auch ein paar Tränen geflossen, aber das muss man doch nicht gleich so hämisch ins Zeugnis schreiben und für alle Ewigkeit für die Nachwelt festhalten, was für eine peinliche, jämmerliche Erscheinung ich bin. Grummel.

Die Wahrheit ist aber, ich mach das alles nicht, um anderen zu zeigen, was für ein fantastisch organisierter, disziplinierter und makelloser Mensch ich bin und schon gar nicht, um anderen zu zeigen, wie chaotisch, fehlerhaft und schluderig alle anderen Menschen sind. Sondern ich mach das, was ich mache, weil es mir so gut geht. Ich fühle mich pudelwohl, wenn ich ein wenig auf meine Gesundheit achte, ich bewege mich wirklich gern (und das, obwohl ich Schulsport immer gehasst habe) und ich bin aufrichtig neugierig und interessiert daran, neue Dinge zu lernen und zu begreifen. Mir macht es gar nichts aus, mich an Gesetze zu halten und es kostet mich überhaupt keine Mühe, höflich und freundlich zu sein. Na ja, meistens. Manchmal lasse ich mich provozieren und dann und wann platzt mir die Hutschnur. Aber das ist zum Glück selten und meistens fühle ich mich hinterher total mies. Ich bewahre lieber so lange die Contenance, wie es mir möglich ist. Ich verzichte auf nichts, was mir Spaß macht und was ich gern habe, genieße das Leben … und habe dennoch immer das Gefühl, ich müsste mich dafür rechtfertigen (was ich gerade schon wieder tue) und erklären, dass es mir an nichts fehlt.

Ich bin der Meinung, Streber, also echte Streber, sind nicht nur einfach relativ intelligent und einigermaßen fleißig, sondern sie müssen das auch ständig allen zeigen und wollen dafür Applaus. Streber brauchen das Gefühl, besser zu sein als andere und sie brauchen die Gewissheit, dass alle – nicht nur sie selbst – wissen, dass sie besser respektive die Besten sind. Ihnen ist das ganz und gar nicht unangenehm, wenn sie neidische oder bewundernde Kommentare von außen bekommen, sondern die sind ihr Lebenselixier. Und so bin ich nicht und möchte ich auch nicht sein. Das macht mich noch lange nicht zu einer obercoolen Socke, aber eine Streberin bin ich auch nicht. Ich bin einfach nur ein Mensch, der versucht, sich Mühe zu geben. Und sich dabei langfristig Ärger zu ersparen.


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