Posts Tagged ‘Ärger’

Essai 177: Über die angemessene Reaktion auf nicht lustige Witze

12. August 2017

Alles in allem betrachtet, bin ich leider völlig humorlos. Das ist überhaupt nicht lustig, weil es echt Nerven kostet, die vielen schlechten Witze und lästigen Verarschungsversuche meiner Mitmenschen zu ertragen, wenn mir dafür einfach komplett das Humorverständnis fehlt.

Wenn ich zum Beispiel in einem Gruppenchat eine klare Frage stelle, auf die ich eine klare Antwort mit einer bestimmten Information erhalten möchte, dann stellt es meine Geduld wirklich auf eine extrem harte Probe, wenn irgendwelche Scherzbolde dazwischenhupen. Dann geht meine – völlig unmissverständlich formulierte, einfach zu beantwortende – Frage unter den Frotzeleien unter.

Das führt dazu, dass ich meine Frage noch mal wiederholen muss, und ich hasse es, wenn ich mich wiederholen muss, obwohl es an meiner ursprünglichen Frage oder Aussage nicht viel misszuverstehen gab. Es sei denn natürlich, man greift sich ein Mini-Detail heraus und spitzfindet und haarspaltet was das Zeug hält, um witzig zu sein und den ganzen Laden aufzuhalten.

Nun will ich aber trotzdem nicht gemein sein, wenn jemand mich mit seinem Herumgewitzel nervt, und das stellt mich vor ein echtes moralisches Dilemma. Was ist denn bloß die sozial angemessene Reaktion auf Witze, die man überhaupt nicht lustig findet? Es ist ja nicht so, dass ich die Absicht witzig zu sein nicht bemerke. Das schon. Wenn jemand ironisch, sarkastisch oder spöttisch ist, aus Spaß irgendwas Dummes oder Selbstverständliches sagt, dann bin ich intellektuell durchaus in der Lage, es als „Witz“ zu identifizieren.

Aber genausowenig wie „gut gemeint“ das Gleiche wie „gut“ ist, ist „witzig gemeint“ immer das Gleiche wie „witzig“. Und manchen Leuten scheint das Feingefühl zu fehlen, um intuitiv zu spüren, wann ein Witz gerade angebracht ist, und wann er einfach nur allen anderen auf den Wecker fällt. Andere spüren das schon, sind aber von der Sorte „Lieber einen Freund verlieren, als eine Pointe zu verpassen und apropos, meinen Humor kann man bequem unter der Tür durchschieben. Höhöhö.“ und die sind nicht in der Lage, einfach mal die Fresse zu halten, wenn sich eine Gelegenheit bietet, sich mit einem blöden Spruch wichtig zu machen und vor allen aufzuplustern. Anstrengend.

Echt mal, das Leben an sich und zwischenmenschliche Kommunikation sind doch so schon kompliziert genug. Da muss man doch nicht noch mit unnützen Scherzen die Aufmerksamkeit auf sich ziehen, obwohl man zur Klärung des Sachverhalts überhaupt nichts Konstruktives beizutragen hat. Kann man nicht einfach nach dem Motto handeln: „Wenn du nichts Interessantes oder Sinnvolles zu sagen hast, dann sei still.“ Ist das wirklich so schwer? Man kann dann doch seine Energie und Spucke dafür aufbewahren, einen guten, lustigen Witz zu reißen, wenn es vom Kontext her passt.

Das Problem ist: Ich habe nicht nur keinerlei Sinn für Humor, ich lege auch noch großen Wert auf Höflichkeit, freundlichen Umgang miteinander und Harmonie. Ich will ja gern Toleranz für Anderswitzige aufbringen. Aber das kostet mich wirklich einiges an Selbstbeherrschung. Und das zehrt mit der Zeit an meinen inneren Energie- und Geduldreserven, die mir dann an anderer Stelle fehlen.

Allerdings muss man wohl damit leben, dass es immer wieder irgendeinen Kasper gibt, der allen unter die Nase reiben muss, was für einen riesengroßen Clown er gefrühstückt hat. Irgendeine sozial angemessene Reaktionsstrategie bräuchte ich also doch, die möglichst wenig nervlichen Aufwand kostet.

Ist es zum Beispiel OK, wenn ich die Frotzeleien einfach ignoriere und stur meine Frage wiederhole? Oder ist es sehr unhöflich, wenn ich den Scherzcharakter der lustig gemeinten Sprüche nicht mit Aufmerksamkeit würdige?

Oder darf ich mit Ehrlichkeit reagieren und die Witzbolde mit einem „Alter, wenn du nichts zu sagen hast, dann halt die Klappe und lass die Erwachsenen ihren Kram in Ruhe regeln!“ in ihre Schranken weisen? Das kann man doch eigentlich nicht machen, oder? Schließlich war das ja nicht böse gemeint und die wollen bloß spielen. Außerdem will ich halt auch nicht wie ein Arschloch dastehen.

Ich tendiere daher zu der Strategie, das Herumgewitzel zu ignorieren. Was ist eure Meinung dazu?

Advertisements

Essai 174: Über grundlose Unhöflichkeit

2. Juli 2017

Beim besten Willen kann ich nicht nachvollziehen, warum manche Menschen unfreundlich zu Leuten sind, die ihnen gar nichts oder sogar etwas Nettes für sie getan haben. Da bin ich vielleicht auch etwas dogmatisch, ich weiß es nicht. Aber meiner Meinung nach gibt es keinen Grund, unhöflich zu sein, wenn der andere sich nicht wie ein Riesenarschloch aufführt. Und selbst, wenn jemand sich wie ein Riesenarschloch aufführt, sollte man höflich sein, weil man sich ja nicht zwingend auf dieses Arschloch-Niveau herabbegeben muss.

Genaugenommen gehe ich sogar soweit, zu behaupten, dass generell niemand unhöflich sein muss. Es gibt zwar manchmal begriffstutzige Vollpfosten, die völlig wahrnehmungsgestört und ich-bezogen sind, und die nicht kapieren, dass sie sich scheiße benehmen, sofern man sie nicht im Kasernentonfall anschnauzt und zusammenfaltet. Aber die haben dann ja angefangen. Sprich: Wenn die sich nicht unhöflich und achtlos verhalten hätten, gäbe es nichts, weswegen man sie anpflaumen müsste. Und für ihr ursprünglich pampiges Gebahren gibt es meines Erachtens keine Entschuldigung.

Sicher, manchmal hat man einen Pups quer sitzen, ist mit dem falschen Fuß aufgestanden oder PMS-bedingtes Hormongeschwurbel verhagelt einem die Laune (an die Herren: In diesem Fall ist davon abzusehen, eure Herzensdamen zu fragen, ob sie ihre Tage haben, wenn sie gereizt sind). Dann ist es verständlich und menschlich, wenn man etwas mürrisch ist und einem der Tonfall ein wenig harsch gerät. Aber dann kann man sich doch kurz entschuldigen, damit der andere weiß, es liegt nicht an ihm. „Sorry, heute ist echt nicht mein Tag“ oder sowas in der Art, das reicht dann ja schon, wenn man andere versehentlich brüskiert hat.

Was ich auch nicht verstehe – und es macht mich fuchsig, wenn ich was nicht verstehe – wenn Menschen grundsätzlich unhöflich und unfreundlich zu allen anderen sind. Die so eine Grundhaltung an den Tag legen, dass alle anderen immer alles falsch machen und das mit voller Absicht, nur um sie zu ärgern. Die davon ausgehen, dass alle ihnen Böses wollen. Die sich nicht vorstellen können, dass andere vielleicht Besseres zu tun haben, als jede Sekunde ihres Daseins mit Komplotten und perfiden Betrugsplänen zu verplempern, um dieser einen Person zu schaden.

Da kann man noch so aufrichtig freundlich und wohlwollend auf diese Menschen zugehen, sie finden immer irgendeinen subjektiven Vorwand, um einen auf den Schlips zu treten. Gut, es kann sein, dass dieser garstigen Grundhaltung ein langes Leben voller Gefühle der Einsamkeit, Enttäuschung und des Ungeliebtseins vorangegangen ist. Das tut mir ja auch leid. Aber trotzdem kann man sich ja wohl Leuten, die einem nichts getan haben, gegenüber zusammenreißen. Und wenn man das nicht kann, sollte man eine Psychotherapie in Erwägung ziehen. Ist ja nichts dabei, sich professionelle Hilfe bei Problemen zu holen, die man alleine nicht geregelt bekommt. Wenn man einfach weiterhin alle wie Dreck behandelt, nur weil man sich selbst wie Dreck fühlt, wird die eigene Situation nur noch schlimmer.

Früher oder später hat da nämlich keiner mehr Lust zu, sich ständig von jemandem, der den lieben langen Tag nur in seiner eigenen Galle versumpft und die ganze Welt außer sich selbst dafür verantwortlich macht, dass er sich schlecht fühlt, als Frustableiter missbrauchen zu lassen. Und dann ist derjenige wirklich einsam. Und hat dann niemanden, der ihm ab und zu mal den Spiegel vorhält, Grenzen aufzeigt, und sagt: So, jetzt reicht’s aber.

Aber vielleicht stelle ich mir das auch alles viel zu einfach vor. Ich gebe zu, ich kann mir das schwer vorstellen und mich da nicht hineinversetzen, wenn man so chronisch verbittert ist. Mich kostet es zugegebenermaßen überhaupt keine Mühe, freundlich und höflich zu meinen Mitmenschen zu sein. Klar, manchmal bin ich aus Versehen ein achtloser Paddel, und mache irgendwas, was andere verletzt, ohne es in dem Moment zu merken. Dann bin ich von meinem Selbstbild her überzeugt, dass ich voll nett war, aber in Wirklichkeit hat mich der andere als Arsch empfunden. Das habe ich noch nicht ausklamüsert, wie sich so etwas vermeiden lässt. Ich hoffe einfach, dass man mich in solchen Situationen sachlich darauf hinweist, dass ich was Blödes gemacht habe, damit ich mich entschuldigen und versuchen kann, es wieder gut zu machen.

Doch wenn jemand ständig scheiße zu allen ist, das kann ich nicht nachempfinden. Ich kann auch diesen falschen Stolz, der solche Leute daran hindert, sich Hilfe zu holen, um Probleme zu lösen, die sie alleine nicht in den Griff bekommen, nicht nachvollziehen. Gut, es gibt manche psychische Erkrankungen, die für Antriebslosigkeit sorgen, und es für Betroffene unheimlich schwer machen, eine Therapie anzufangen. Das ist dann noch mal was anderes. Aber ansonsten verstehe ich das nicht.

Was ich ebenfalls schwierig finde, ist der richtige Umgang mit solchen chronisch grundlos unhöflichen Zeitgenossen. Einerseits bin ich es allmählich leid, mein Seelenglück von solchen egozentrischen Stinkstiefeln vermiesen zu lassen. Dazu habe ich echt keine Lust mehr, ich bin jetzt Mitte 30 und langsam wirklich zu alt für diesen Scheiß. Die sollen sich entweder verdammt noch mal nicht so anstellen oder sich Hilfe suchen. Außerdem habe ich überhaupt nicht das professionelle psychologische Handwerkszeug, um solchen Leuten zu helfen. Andererseits habe ich aber ein schrecklich schlechtes Gewissen, weil ich ja niemanden im Stich lassen will, nur weil er ständig Scheißlaune hat und allen Menschen mit Misstrauen und Arroganz begegnet. Obwohl die das ja irgendwie nicht besser verdient haben, als dass ihnen die Freunde nach und nach davonlaufen.

Aber wenn sie alle Menschen gleichermaßen mies behandeln, ist es ja nicht persönlich gemeint, wenn sie bei mir keine Ausnahme machen. Und dann muss ich es doch eigentlich auch nicht persönlich nehmen … Allerdings sehe ich nicht ein, warum ich mich für Fieslinge aufreiben sollte, wenn es genug liebe, nette Menschen gibt, die meine Gesellschaft zu schätzen wissen und das ab und zu auch mal zeigen. Das muss ich doch nicht, oder?

Essai 168: Über Misologie und selbstgewähltes Arschlochtum

17. November 2016

Facebook-Diskussionen sind zum Glück ein nie versiegender Quell der Inspiration; dieses Mal geht es um den Begriff der Misologie, den ich im Zuge einer solchen Debatte entdeckt habe. Dabei handelt es sich laut Duden um eine starke Abneigung bis hin zu Hass gegen den Logos, also vernünftige, sachliche Auseinandersetzungen und Argumente. Ich habe so den Eindruck, damit bin ich auf ein Wort gestoßen, das absolut treffend das beschreibt, was auf dieser Welt schief läuft. Ein zeitgenössischer Trend ist es jedoch nicht, sondern – man rufe sich kurz Hexenverbrennungen oder von mir aus auch Jesus‘ Kreuzigung ins Gedächtnis – es scheint in der menschlichen Natur zu liegen, dem Logos grundsätzlich erst einmal zu misstrauen. Wie heißt es doch so schön? Niemand mag Klugscheißer. Isso.

In der entsprechenden Facebook-Diskussion ging es zunächst um Phobien, dann kam irgendwann die Frage auf, weshalb man denn bei Homophobie oder Xenophobie ebenfalls von einer krankhaften Angst spreche … schließlich hätten die Leute nicht in erster Linie Angst vor Homosexuellen oder Fremden, sondern seien schlichtweg Arschlöcher. Charakteristisch für eine Phobie ist ja, dass man wirklich Angst bis hin zu Panik vor etwas hat, obwohl man rational weiß, dass das unsinnig ist. Homophobe und Xenophobe hingegen haben einen starken Hass gegen Homosexuelle oder Fremde, sind jedoch davon überzeugt, dass das vollkommen rational sinnvoll und logisch begründet ist.

Neugierig wie ich bin, habe ich daraufhin kurz recherchiert, ob es nicht einen passenderen Begriff für solche Menschen gibt, die starrsinnig wider jede Vernunft darauf beharren, ihre Arschlochmeinung sei moralisch völlig legitim. Mir schwebte etwas mit der Vorsilbe „mis-“ oder „miso-“ vor, da ja Frauenfeindlichkeit Misogynie, Männerfeindlichkeit Misandrie, Kinderhass Misopädie und Menschenhass Misanthropie genannt wird. Dabei stieß ich letztendlich auf „Misologie“ und fand, das kam dem zumindest nahe. Schließlich hassen ja sowohl Homophobe als auch Xenophobe das, was sie als anders als sie selbst wahrnehmen.

Allerdings spielt Angst bei Hass schon eine Rolle. Bei einer Phobie weiß man jedoch, dass man Angst hat und weiß auch, dass es dafür eigentlich keinen Grund gibt. Bei Hass leugnet man vor sich selbst, dass man Angst hat, weil man sich nicht schwach und verletzlich fühlen will (wer will das schon?), und vor dieser Schwäche wiederum so viel Angst hat, dass man alles tut, um sie zu verdrängen und sich nichts anmerken zu lassen. Und dieses „alles“ bezieht dann auch die Angriff-ist-die-beste-Verteidigung-Taktik mit ein, wobei sich Betroffene dann so weit in ihre Paranoia hineinsteigern, dass sie überall Grund zur Verteidigung wittern – erst recht bei Dingen oder Menschen, die sie nicht sofort einschätzen können, weil sie anders sind.

Solche Misologen sind dann auch besonders anfällig für postfaktische Parolen pöbelnder Populisten (ich weiß, Alliterationen sind schlechter Stil, aber das bietet sich an dieser Stelle einfach an 😛 ). Das ist ja auch logisch (!), wer eine Abneigung gegen sachliche, vernünftige Argumente hat, bevorzugt das Gegenteil davon: Sündenböcke, am besten solche, die sich nicht wehren können als Schuldige, die dann an den Pranger gestellt werden – wahlweise und je nach Epoche und Kultur auch auf den Scheiterhaufen, aufs Schafott, unter die Guillotine, an den Galgen, auf den elektrischen Stuhl und was sich Menschen sonst noch so Feines ausgedacht haben, um sich wie Gott höchstselbst aufzuspielen und das Leben anderer Menschen zu beenden. Neben dem Sündenbock werden dann noch Katastrophenszenarien konstruiert, möglichst pompös und in einfachen Worten – die Zielgruppe will ja nicht erst über das Gesagte nachdenken müssen und auch die Populisten wollen tunlichst vermeiden, dass ihre Adressaten den hasserfüllten Scheißdreck hinterfragen, den sie ihnen so mühevoll vorgekaut haben.

Dabei wird absichtlich auch Angst geschürt, praktischerweise aber auch gleich ein einfaches Allheilmittel gegen die Furcht mitgeliefert, nämlich besagter Hass. Was mich wütend macht, ist, dass so viele Menschen dieses – wie ich finde – einfache Rezept so bereitwillig schlucken. Man müsste eigentlich nur kurz innehalten und den Populisten aufmerksam zuhören, ihre Parolen logisch auseinandernehmen und es bliebe nichts weiter übrig als heiße Luft, ausgefurzt von machtgeilen, gierigen Oberriesenarschlöchern, die diese ganzen „besorgten Bürger“, die frustrierten Abgehängten, als Wahlvieh missbrauchen, und sich darüber hinaus eine elende Mistkacke für sie interessieren. Man verzeihe mir meine Fäkalsprache, weil … ach … nur so.

Echt mal, glaubt zum Beispiel irgendeiner von den Dumpftröten, die Trump gewählt haben, dass der jetzt hingeht, dem Establishment in den verwöhnten Snobbyhintern tritt, Wohlstand, Jobs, Wohneigentum, Krankenversorgung, Bildungschancen und so weiter sozial gerecht unter allen Menschen aufteilt und dann mit seinem Schlitten und den Rentieren frohlockend und mit Glockengeläut zurück in den Himmel aufsteigt? Am Arsch! Gut, das hätte Hillary Clinton genausowenig gemacht, da muss man sich auch nichts vormachen. Und was die kriegstreiberische Außenpolitik angeht, wäre sie wohl auch nicht gerade zimperlich gewesen.

Aber das sind doch die eigentlichen Probleme: dass die Kluft zwischen Arm und Reich immer größer wird. Dass die Armen immer weniger haben, die Reichen immer mehr. Dass die soziale Gerechtigkeit, so es sie denn überhaupt jemals gab, immer weiter kaputtgespart wird. Dass Bildung und Krankenversorgung kaputtgespart werden. Dass Kultur keine Sau interessiert. Dass sich Lobbyisten und Politiker gegenseitig beschenken, Nepotismus in den oberen Schichten alles schön in den eigenen Reihen belässt. Dass Banken mit Geld spekulieren, das sie sich ausgedacht haben. Dieser ganze neoliberale Irrsinn, der völlig außer Kontrolle geraten ist, und dass die Menschen aus der letzten Finanzkrise nichts gelernt haben. Dass Menschen auch aus den Weltkriegen nichts gelernt haben. Gier und Machtstreben, das ist das, was schiefläuft.

Aber nein, es ist ja so viel einfacher, gefühlte Wahrheiten und nachgeplappertes Hassgepredige von irgendwelchen Demagogen als Grundlage für seine heilige „Meinung“ zu nehmen, sich gegen jede Art von sachlichem Dialog und logischen Argumenten zu verschließen. In seinem eigenen Hass zu schwelgen und sich dabei stark zu fühlen, weil man mit seinem Hass und seiner Misologie nicht alleine ist. Dabei ist es möglich, dem zu widerstehen. Und ich bin der Ansicht, es ist sogar notwendig, dem zu widerstehen, nicht zum Arschloch zu werden, nur, weil man es kann und weil es im ersten Moment kurzfristig einfacher erscheint. Ansonsten werden keine Probleme gelöst, im Gegenteil, alles wird nur noch schlimmer. Und Gewinner gibt es am Ende keine.

Essai 166: Über Sprüche, die Introvertierte auf die Palme bringen

1. Oktober 2016

Meine Damen und Herren, herzlich Willkommen bei Isas Clickbaiting-Experiment! 10 Sprüche, die jeden Introvertierten sofort!!!111!1!!!einself!!1! auf die Palme bringen!!!1!! Bei Nummer 9 platzt mir immer garantiert die Hutschnur! Und Nummer 4 hat mich zum Heulen gebracht!

Aber im Ernst, ich weiß, jeder Introvertierte ist anders und sicher gibt es auch Leute, die sich nicht über die folgenden Sprüche aufregen, sondern sie gleichmütig zur Kenntnis nehmen oder als hilfreiche Ratschläge akzeptieren und umgehend in die Tat umsetzen. Mir persönlich gehen sie jedoch eklatant auf den Zeiger. Viel Spaß! Und lasst mich in den Kommentaren gern wissen, ob ihr meine Meinungen teilt oder findet, dass ich völligen Blödsinn verzapfe 😀

1. „Das Telefon klingelt“

Drrrinnng! Düdelüdelüdel! – DAS Geräusch aus der Hölle ist das Klingeln eines Telefons. Mein Handy habe ich meistens auf lautlos gestellt, aber leider kann man diesem grauenhaften Lärm nicht immer aus dem Weg gehen. In der heimlichen Hoffnung, der Anrufer möge bald aufgeben und mir eine Nachricht schreiben, die ich in Ruhe durchlesen kann, lasse ich das Telefon gern mal klingeln. (Einzige Ausnahme: Ich habe mich mit Freunden zum Telefonieren verabredet) Wenn dann jemand sagt „Das Telefon klingelt! Willst du nicht rangehen?“ finde ich das ganz furchtbar.

Natürlich habe ich gehört, dass das Scheißding herumdüdelt, ich bin nicht taub. Und nein, ich will nicht rangehen! Was, wenn der Anrufer irgendetwas von mir wissen will, was ich nicht beantworten kann? Dann stehe ich da und komme mir vor wie ein Idiot. Und das kann ich nicht leiden. Und außerdem kann doch derjenige, anstatt so eine scharfsinnige Beobachtungsmitteilung zu machen, ja auch selbst ans Telefon gehen. Ist doch wahr!

2. „Lass dir das doch nicht gefallen“

Gut, ich verstehe, das ist nett gemeint und soll mich aufbauen. Tut es aber nicht. Es ist nämlich so: Wenn ich mir etwas gefallen lasse von irgendwelchen Arschlöchern, dann schäme ich mich deswegen in Grund und Boden und fühle mich richtig dumm, dusselig und scheiße. Da ist das nicht hilfreich, wenn mir das jemand auch noch aufs Butterbrot schmiert und noch Salz in die Wunde streut und mir unter die Nase reibt, wie blöd und schwach ich bin. Nein, dann will ich einfach meine Ruhe haben, meine Wunden lecken, mich kurz selbst bemitleiden, bevor ich mich wieder aufrappel, mir den Staub von den Klamotten klopfe und wieder raus in die Welt gehe und mein Bestes gebe.

Wenn man in diesem Moment etwas Nettes tun möchte, kann man mir dabei gern Gesellschaft leisten und mir sagen, dass das echt voll gemein von diesen Fieslingen war (aber bitte so, dass ich es auch glauben kann). Aber irgendwelche herablassenden Handlungsaufforderungen, auf die ich ohnehin schon von selbst gekommen bin, machen es nur noch schlimmer.

3. „Du brauchst doch nicht schüchtern zu sein“

Ach so? Na, dann schnippe ich doch einfach mit dem Finger, stoße meine rotbeschuhten Hacken aneinander und – Zack – bin ich nicht mehr „schüchtern„. Warum hat man mir das nicht schon viel früher gesagt, wenn ich das eher gewusst hätte, was hätte ich da nicht alles erreichen können. Weh mir! Dass ich da nicht von selbst drauf gekommen bin!

So. Das ist auch so ein Spruch, der vom Sprücheklopfer selbst gut gemeint ist, aber mich richtig auf die Palme bringt. Es soll mich aufmuntern, mich ermutigen, ein Kompliment sein – und erreicht das komplette Gegenteil. Weil es suggeriert, dass ich zu doof bin, etwas an mir zu ändern, was allgemein gesellschaftlich als unerwünscht gilt. Kann man mir denn bitte einfach mal zutrauen, dass ich schon von alleine über meinen Schatten springe und meinen Hang zur Schüchternheit überwinde, wenn ich es für notwendig erachte? Es mag ja Leute geben, denen man alles sagen muss, weil sie von selbst nicht auf die Idee zu irgendwas kommen und permanente Arschtritte brauchen, um aus dem Quark zu kommen. Aber so bin ich nicht und will ich auch nicht sein, also soll man mich bitte auch nicht so behandeln.

4. „Sei nicht so zaghaft“

Das schlägt im Grunde in dieselbe Kerbe wie „Du brauchst doch nicht schüchtern zu sein“, ist aber noch eine Spur unverschämter und herablassender. Während das eine nämlich einfach nur von Unverständnis zeugt, aber ein ungeschickter Versuch ist, mich zu trösten oder was auch immer, ist „Sei doch nicht so zaghaft“ mit einem Vorwurf verbunden. Da schwingt Ungeduld mit, die kurz davor ist, in Aggression umzuschlagen. Und wenn man glaubt, dass ich plötzlich weniger zaghaft werde, wenn man mich so unter Druck setzt, dann sollte man noch mal an seinem Empathievermögen arbeiten und mich mit meinen „Problemen“ in Ruhe lassen.

5. „Sag ihm/ihr das doch einfach“

Ja, wenn das denn so einfach wäre, hätte ich es ja schon längst getan! Mit manchen Menschen kann man nicht vernünftig reden, weil sie cholerisch, narzisstisch, dumm, extremst überempfindlich, eitel oder chronisch beratungsresistent sind. Manche Leute sind sogar alles auf einmal. Da kann man nicht einfach hingehen und sagen, was man denkt und wie man es denkt, weil der andere das unter Garantie in den völlig falschen Hals bekommt und da, wo anfangs nur eine Meinungsverschiedenheit war, explodiert ein Streit, bei dem garantiert immer ich verliere, weil ich einfach nicht anders kann, als sachlich zu argumentieren.

Gut, ich neige auch zu emotionalen Argumenten, aber die kennzeichne ich stets als solche, und tu nicht so, als wären es Fakten. Und wenn dann jemand völlig unfair kämpft und mir Vorwürfe macht, auf die ich im Traum niemals gekommen wäre, dass man mir das ernsthaft unterstellen könnte, dann fange ich an zu heulen oder zu schreien oder beides, und es dauert ewig, bis ich mich wieder eingekriegt habe. Das ist anstrengend! Dazu habe ich nicht die geringste Lust! Und deswegen ziehe ich es gelegentlich vor, mich im Stillen über derartige impertinente Troglodyten zu ärgern, bis ich irgendwann ausgebrummelt habe.

6. „Wollen wir noch spontan irgendwohin?“

Spontane Antwort? Nein. Ich mag gern gemütlich mit Freunden und netten Menschen in einer muckeligen Runde zusammensitzen und klönen. Warum um alles in der Welt sollte man so einen schönen Moment unterbrechen, um in einen lauten, stinkigen, engen Club zu gehen, in eine verrauchte Kneipe oder sonstwohin, wo man sich nicht problemlos unterhalten kann? Ich habe das nie verstanden, warum man nicht einfach an einem Platz bleiben und sich dort amüsieren kann und was daran so toll sein soll, von einem Ort zum nächsten zu ziehen.

7. „Jetzt sei doch nicht so langweilig“

Und das ist der Vorwurf, den man dann oft von Leuten zu hören bekommt, wenn man auf die Frage „Wollen wir noch spontan irgendwohin?“ mit „Och nööö“ antwortet. Zum Glück bin ich jetzt in einem Alter, wo meine Freunde Ruhe und Frieden zu schätzen gelernt haben und es vollkommen in Ordnung finden, einen netten Abend zu Hause zu verbringen, anstatt auf die Piste zu gehen. Hinzu kommt, dass inzwischen die Freunde, die feierwütiger sind als meine Langweiligkeit, ihre eigenen Wege gehen und wir kaum noch Kontakt haben. Das ist aber auch in Ordnung so, schließlich hat ja jeder eine unterschiedliche Auffassung von Spaß und wenn die komplett anders ist als meine, hat man dann getrennt voneinander mehr Spaß als zusammen und da haben dann alle mehr von.

8. „Mach doch mal mehr aus deinem Typ“

Würde ich ja, wenn ich Lust dazu hätte. Habe ich aber nicht, also lass mich in Ruhe. Das Ding ist, ich bin in mancherlei Hinsicht ziemlich bequem und habe keine Lust, ewig viel Zeit in mein äußeres Erscheinungsbild zu investieren. Außerdem finde ich es Quatsch, mich zu schminken, wenn ich von Natur aus dunkle Augenbrauen und Wimpern, volle Lippen und einen einigermaßen glatten Teint habe. Natürlich würde ich mit Make-up noch schöner aussehen und bla. Aber ich bin einfach nicht eitel genug, um meine Abneigung gegen farbige Pampe im Gesicht und meine noch größere Abneigung dagegen, den Scheiß hinterher wieder abzuschmieren, zu überwinden.

9. „Drück dich doch mal klarer aus“

Hör du doch mal genauer hin. Ich hasse es, wenn Leute mir sagen, ich sollte mich klarer ausdrücken, weil ich finde, zu einem Missverständnis gehören immer zwei Leute und dann soll man sich um seine eigene Seite kümmern, anstatt mir Vorschriften und Vorwürfe zu machen. Man kann gern sagen, dass man mich falsch verstanden hat, dass man meine Aussage so und so interpretiert hat, und dann komme ich schon von selbst zu der Schlussfolgerung, dass ich mich künftig klarer ausdrücken muss. Aber mir einfach vor den Latz zu knallen, dass ich unverständlichen Dünnpfiff labere, ohne sich selbst und seine eigene Wahrnehmung auch nur eine Sekunde infrage zu stellen, finde ich überheblich und mir gegenüber ziemlich unfair.

10. „Wo liegt denn das Problem?“

Tja. Wie erklärt man jemandem, der kein Problem in einem Sachverhalt sieht, wo für einen selbst das Problem liegt? Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Dann erklärt man da ewig herum, und der andere guckt einen völlig ratlos an und versteht nicht ansatzweise, worauf man hinaus will und worüber man sich derart aufregt. Und das macht einen dann natürlich noch wütender. Und dann dauert es nicht lange, dann fällt der Satz „Reg dich doch nicht so auf“, was dann dazu führt, dass man sich noch mehr aufregt. Es mag ja Menschen geben, die sich gern aufregen, aber zu denen gehöre ich ganz und gar nicht.


Und, welche Sprüche treiben euch so richtig zur Weißglut?

Essai 165: Über Humor, den ich nicht verstehe

25. September 2016

Mit dem Humor ist das wie mit dem Musikgeschmack: Jeder ist der Meinung, der eigene sei der einzig Wahre. Da bin ich keine Ausnahme, ich finde auch, dass mein Sinn für Humor Maßstab aller Lustigkeit ist und mein Musikgeschmack ganz klar nur gute Musik einschließt und alles, was ich nicht mag (Elektro, Free Jazz, Bäh!), ist keine richtige Musik, sondern nerviges Gedudel und unerträglicher Lärm. Da habe ich auch recht, bin ich der Meinung. Auf der anderen Seite gibt’s halt auch genug Leute, die Elektro und Free Jazz über alles lieben und finden, dass zum Beispiel Eurodance der absolute Tiefpunkt jeglichen Musikgeschmacks darstellt. Ich hingegen mag Eurodance sehr gern, weil es mich an meine Jugend erinnert und ich die Texte noch mitsingen kann (nicht, dass „Oooh lalala, I love you Baby“, „What is love? Baby don’t hurt me, don’t hurt me no more“ oder „Ooh, Aah, Just a little bit, Ooh, Aah, a little bit more …“ besonders schwer zu merken wären – Na, wer hat jetzt auch einen Ohrwurm?), aber ein Metalfan würde da jetzt die Hände über den Kopf zusammenschlagen und sich wünschen, er wäre tot, nur um nie wieder so etwas Schreckliches zu hören.

Und das hat man beim Humor halt auch. Ich bin der Ansicht, dass das, was ich witzig und komisch finde, auch witzig und komisch ist, und alles, worüber ich nicht lachen kann, jeglichem Sinn für Humor zuwiderläuft. Das ist zwar völliger Quatsch, denn Geschmäcker sind nichts weiter als Meinungen, und die können – im Gegensatz zu Fakten – verschieden und trotzdem gleichermaßen richtig und gültig sein. Aber ich habe finde ich trotzdem recht 😛

Allerdings spricht dagegen, dass sich mein Sinn für Humor im Laufe meines Lebens gewandelt hat. Früher als Kind und Teenie konnte ich mich über Pupswitze kaputtlachen, heutzutage rolle ich mit den Augen und denke „Pff, wie vulgär!“ Als Kind fand ich es auch unfassbar komisch, Telefonstreiche oder Klingelstreiche zu machen, nun finde ich das kindisch und albern. Ich frage mich, ob mein junges Ich und mein erwachsenes Ich viel miteinander zu lachen hätten …

Auf jeden Fall stelle ich fest, dass meine Toleranz für meiner Meinung nach dummen Sinn für Humor gaaanz tief gesunken ist. Zum Beispiel, wenn Leute in meinem Alter eine Wasserpistole in die Hände bekommen, und es unglaublich amüsant finden, andere Menschen damit nasszuspritzen, da könnte ich immer ausrasten. Warum können sie sich nicht gegenseitig nassspritzen und mich in Ruhe lassen? Dann treffen Leute mit demselben Idiotenhumor aufeinander und können sich einen Keks freuen und ich bleibe gemütlich trocken und kann in Ruhe mein Buch weiterlesen oder meine Umgebung friedlich beobachten.

Es ist aber offenkundig so, dass manche Leute es einfach sehr sehr witzig finden, andere zur Weißglut zu treiben. Daher ergibt es für sie dann humortechnisch keinen Sinn, Leute nasszuspritzen oder anderweitig grundlos auf die Nerven zu gehen, die das ebenso komisch finden wie sie. Der Spaß scheint für sie darin zu liegen, dass der andere sich aufregt. Und ganz ehrlich: Ich. Verstehe. Das. NICHT!!!

Ich kann etwa auch nicht begreifen, warum manche Leute dauernd Streit suchen und mich oder andere friedliebende Zeitgenossen aus dem Nichts heraus provozieren und an ihren Achillesfersen herumpieken und so lange sticheln und ärgern, bis dem anderen irgendwann der Kragen platzt und er ausfallend wird oder laut oder beides, obwohl das normalerweise überhaupt nicht seine Art ist, und der arme Tropf (also ich) nach jedem Wutanfall Ewigkeiten braucht, um sich wieder einzukriegen. Was soll denn das? Warum kann man Menschen, die einem nichts getan haben und die einem überhaupt nichts Böses wollen, nicht einfach in Ruhe sein lassen, wie sie sind?

Das würde mich wirklich mal interessieren, was die Motivation hinter einem solchen aggressiven, unhöflichen und gemeinen Verhalten ist. Wenn man Leute angreift und nervt, die irgendwie scheiße sind oder extrem dumme Ansichten vertreten und zum Beispiel die AfD gut finden oder so – das kann ich nachvollziehen, da juckt es mich auch, eine Diskussion vom Zaun zu brechen, und manchmal kann ich da nicht an mich halten. Aber wenn Menschen mir nichts getan haben und zwar anderer Meinung sind als ich, aber keinen haarsträubend blöden Standpunkt haben, sondern die Dinge einfach aus einer anderen Perspektive heraus betrachten als ich, vielleicht sogar aus ihrer Sicht nachvollziehbare Argumente für ihre Meinung haben, dann kann ich das doch auch einfach mal akzeptieren? Wieso muss ich die denn dann noch triezen?

Vielleicht kann mir das ja mal jemand erklären? Ich kann es nämlich nicht leiden, wenn ich Sachen nicht verstehe …

Essai 162: Über dumme Sachen, die man sagt, wenn einem nichts Schlaues einfällt

8. August 2016

Menschen sind seltsame Geschöpfe, sie scheinen es nur schwer auszuhalten, einfach mal still zu sein, wenn ihnen nichts Konstruktives einfällt, was sie in einer bestimmten Situation sagen könnten. Da bin ich keine Ausnahme, auch ich ertrage peinliches Schweigen so gut wie nie mit Fassung und versuche dann, irgendwas zu sagen, und das ist dann meistens noch viel peinlicher, als wenn ich einfach den Mund gehalten hätte.

Das Gute daran ist, dass es einen viel lustigeren Essai ergibt, wenn man über eigene Peinlichkeiten schreibt, als wenn ich jetzt hier herumtröten würde, wie unfassbar toll ich bin, dass ich nie Fehler mache und was Besseres bin als alle anderen Idioten und man sich mir als Vorbild für Anstand, gutes Benehmen und vortreffliche Manieren nehmen sollte. Ernsthaft, lasst das lieber, ich habe auch keine Ahnung von wasauchimmer.

Ich habe hier einfach mal in loser, willkürlicher Reihenfolge ein paar Allerweltsaussagen zusammengetragen, die man gern mal von sich gibt, um überhaupt etwas zu sagen, obwohl einem eigentlich gar nichts dazu einfällt. Weitere Sprüche und Geschichten dazu können gern in den Kommentaren verewigt werden 😀

1. „Vorsicht“ (nachdem das, vor dem man sich in acht nehmen soll, bereits geschehen ist)

Mich nervt es ungemein, wenn ich irgendwo gegenlaufe, mir den Kopf stoße oder ich über etwas stolpere und dann sagt irgendein Schlaumeier „Vorsicht“ oder „Achtung“ oder sowas. Leider bin ich auch oft dieser nervtötende Blitzmerker, der Leute auf Gefahren aufmerksam macht, in die sie gerade schon selbst getappt sind. Das ist eigentlich total bescheuert und nicht ansatzweise hilfreich, aber offenbar braucht das Gehirn manchmal einen Moment, vor allem, wenn es sich erschrocken hat, bis es eine potenzielle Gefahrensituation als solche erkannt hat – und dieser Moment zieht sich anscheinend gelegentlich so lang, dass die Gefahr schon längst wieder vorbei ist, bevor man sie realisiert hat.

Um die Nerven desjenigen, der gerade gestolpert ist oder sich gestoßen hat, nicht zu stark zu strapazieren, könnte man jedoch vielleicht beim nächsten Mal statt „Vorsicht“ lieber sagen „Oh, hast du dir wehgetan?“

2. „Frag doch mal“

Wenn ich einkaufen gehe und etwas Bestimmtes suche, dann gucke ich gern ersteinmal in Ruhe selbst, ob ich das Gesuchte finde. Gelingt es mir nicht, das Objekt meiner Begierde alleine aufzutreiben, frage ich einen Verkäufer. Es kann jedoch auch sein, dass ich keine Lust habe, zu fragen und dass mir die Sache so wichtig nun auch wieder nicht ist, sodass ich den Laden wieder verlasse, ohne etwas gekauft zu haben.

Das ist überhaupt nicht schlimm und gar kein Problem, was ich allerdings nicht ausstehen kann, ist, wenn mich jemand beim Einkaufen begleitet und mich dazu ermuntern will, einen Verkäufer zu fragen, während ich selbst grad noch gucke oder wenn ich bereits entschieden habe, dass ich auch ohne das Ding leben kann und ich keinen Bock habe, mit fremden Leuten zu reden. „Frag doch mal“ ist in diesem Moment ein Satz, der mich zielsicher mit 180 Sachen auf die Palme bringt, weil er suggeriert, dass ich zu doof bin, selbst auf die Idee zu kommen, jemanden um Rat zu fragen, der es besser weiß als ich, wenn ich alleine keine Lösung finde. Grummel!

3. „Ich hab’s dir ja gesagt!“

Zugegeben, diesen Satz muss ich mir selbst soooo oft verkneifen – und manchmal rutscht er mir dann doch heraus. „Ich hab’s dir ja gesagt“ oder „Das hätte ich dir auch gleich sagen können“ helfen dem anderen kein Stück und reiben ihm außerdem noch unter die Nase, dass nur eine totale Vollnulpe wie er die Konsequenzen seiner von vorneherein zum Scheitern verurteilten Idiotenentscheidung nicht hätte vorhersehen können und dass er deswegen ständig einen Anstandswauwau an seiner Seite braucht, der aufpasst, dass er keinen Mist baut.

Manche Menschen machen es einem wirklich nicht leicht, auf dumme Klugscheißersprüche zu verzichten, weil sie wirklich dauernd komplett dämliche Entscheidungen treffen und keine Sekunde vorher mal nachdenken und sich hinterher über die Konsequenzen wundern, die andere dann immer wieder geradebiegen müssen. Da muss ich mir dann richtig auf die Zunge beißen, um nicht ein sarkastisches, überhebliches „Pff, war ja klar!“ vom Stapel zu lassen. Selbst, wenn Leute allumfassend unfähig sind, ist niemandem damit gedient, wenn man es ihnen ständig sagt. So ändert sich ja nie etwas, wenn man ihr Selbstwertgefühl mit Füßen tritt. Allerdings weiß ich auch nicht, was man stattdessen machen soll, wenn erwachsene Menschen durch ihr eigenes dummes Verhalten ständig in ihr Verderben rennen, man sieht das und warnt und der andere baut trotzdem Mist, weil er meint, alles besser zu wissen. Vielleicht schweigen und den anderen sein Chaos alleine aufräumen lassen? Und konkrete Tipps geben, falls der andere seinen Fehler doch einsieht, wie sich sowas künftig vermeiden ließe?

4. „Beeil dich!“

Gut, ich bin gelegentlich etwas verträumt und mit meinen kurzen Beinchen kann ich ohnehin nicht so schnell laufen. Da kann ich verstehen, wenn das andere nervt und sie ungeduldig werden. Trotzdem weiß ich ja, wenn Eile angesagt ist, und dann mache ich halt so schnell wie ich kann, ohne dass man mir ein genervtes „Beeil dich!“ vor den Latz knallt. Oder es ist keine Eile angesagt, dann sehe ich nicht ein, warum ich mich grundlos abhetzen und herumstressen sollte. So einfach ist das.

5. „Das bist nicht du“

Menschen ändern sich, entwickeln sich und nicht immer kommt das Bild, das wir uns von ihnen gemacht haben, schnell genug hinterher. Wenn sie sich dann für uns ungewohnt verhalten, kann uns das irritieren. Allerdings ist es dann überhaupt nicht sinnvoll „Das bist nicht du“ oder sonstwas Kategorisches zu sagen, das den anderen in eine Schublade steckt, ihm ein Etikett aufklebt und ihm unterstellt, dass man viel besser weiß als er selbst, wer er ist und wer nicht. Das finde ich fürchterlich arrogant, selbstherrlich, selbstgefällig und destruktiv. Warum steht man nicht dazu, dass man überrascht ist und schildert seine Verwirrung ganz ehrlich und fragt neugierig, wie es zu der Veränderung kam? Das ist doch spannend, wenn Menschen sich entwickeln.

6. „Nicht, dass du dich hinterher beschwerst!“

Dieser Satz fällt meistens dann, wenn jemand mir einen seiner Meinung nach unverzichtbar guten Rat ungefragt aufbrummt und ich diesen dankend ablehne beziehungsweise mit einer vagen Larifari-Antwort versuche, mir die Entscheidung, ob ich den Rat befolge oder nicht, für später vorzubehalten. „Nicht, dass du dich hinterher beschwerst“ nervt deswegen, weil er ähnlich wie „Frag doch mal“ mir unterstellt, dass ich zu blöd bin, eigene Entscheidungen zu treffen und mit den Konsequenzen zu leben. Außerdem wird damit angedeutet, dass ich mich andauernd über selbstverschuldete Unannehmlichkeiten beklage, obwohl man doch ständig großmütig versucht, mich vor mir selbst zu schützen.

Das bedeutet ja nicht, dass man anderen nicht ungefragt einen guten Rat geben darf (wobei ich es immer höflicher und respektvoller finde, vorher zu fragen). Aber die Entscheidung, ob der andere dem Rat folgt oder nicht, bleibt beim Betroffenen, nicht beim Ratgebenden. Wenn dieser wirklich dem anderen helfen und ihm etwas Gutes tun will, sollte er seinen Rat geben und gut ist. Ansonsten wirkt das respektlos und übergriffig und dient nur dem Zweck, sein eigenes Ego aufzuplustern.

Essai 151: Über das nervige Wörtchen „Hm“

27. Dezember 2015

Im Großen und Ganzen habe ich meinen Freund ziemlich lieb. Er ist ein recht erträglicher Zeitgenosse und in der Regel geht er mir nicht zu sehr auf die Nerven. Aber: Manchmal könnte ich ihn an die Wand klatschen. Schuld daran ist das harmlos erscheinende Wörtchen „Hm“, gelegentlich auch mal in seiner geschwätzigen Variante „Mhm“. Es erfordert für den Sprechenden nicht mehr Aufwand als „Ja“ oder „Nein“, sorgt jedoch beim Hörer für größtmögliche Verwirrung.

Es liegt vielleicht auch daran, dass ich mal wieder von mir auf andere schließe. Wenn ich nämlich eine Frage oder eine Aussage meines Gegenübers mit „Hm“ quittiere, meine ich damit meistens „Ich bin ganz und gar nicht deiner Meinung, aber mach wie du denkst“, was im Prinzip bedeutet „Du kannst mich mal“. „Mhm“ ist nicht ganz so schlimm, damit antworte ich meistens auf Bitten und Aufforderungen, auf die ich keine Lust habe, die ich aber trotzdem aus Pflichtgefühl mache. Zum Beispiel „Schatz, bringst du nachher den Müll mit runter?“ „Mhm.“ Ziehe ich das erste „M“ jedoch lang, wie in „Mmmmmmm-hm“, dann bedeutet es wieder „Leck mich am Arsch“ oder „Ich hab dir gerade nicht zugehört, aber es wird schon nicht sonderlich interessant gewesen sein. Damit du merkst, dass ich noch lebe, gebe ich mal ein unverbindliches Geräusch von mir, in der Hoffnung, dass du mich dann mit deinem Geschwafel in Frieden lässt.“

Mein Freund antwortet jedoch andauernd mit „Hm“, „Mhm“ oder „Mmmmm-hm“, und wenn er das meint, was ich meine, wenn ich das sage, dann finde ich das alles andere als schmeichelhaft. Dann wäre es mir lieber, er sagt mir direkt „Jetzt hör doch mal auf zu sabbeln, Weib! Mir wachsen schon die Frikadellen aus den Ohren!“ Das ist wenigstens eindeutig, und dann kann ich mit Fug und Recht beleidigt sein, und komme mir nicht so dusselig dabei vor. Außerdem ist es ja auch wenig zielführend, wenn man möchte, dass das nervige Quasselweib endlich den Rand hält, mit so kryptischen, polyvalenten Nicht-Antworten zu kommen, die zwangsläufig mehrerer Rückfragen bedürfen, um Klarheit zu erlangen. Überdies: Wie war das noch gleich mit klare Ansagen machen? Männer brüsten sich doch immer so gern damit, wie toll sie Klartext reden, und dann kommt so ein Scheiß wie „Hm“!? Ja, ich weiß, nicht alle Männer, bla. Und ja, es gibt auch Frauen, die bla. Ist mir jetzt aber gerade wurscht, es geht ums Prinzip, und ich schreibe mich hier gerade so schön in Rage, das muss auch alles mal raus. Jeder Küchentischpsychologe, der was auf sich hält, weiß, dass er Ärgernisse nicht in sich hineinfressen darf, davon kriegt man Pickel. Und Magengeschwüre.

Jedenfalls, ich frage jetzt einfach immer nach, ob es ein „Ja-Hm“, ein „Nein-Hm“ oder ein „Leck-mich-am-Arsch-Hm“ war, wenn mein Freund wieder so antwortet. Aber anstatt dass er dann eine der drei Möglichkeiten auswählt, muss er lachen und findet das ungemein witzig. Ich steh dann immer noch da wie der letzte Trottel, der die Pointe nicht verstanden hat, und weiß nicht, was ich mit diesem vermaledeiten „Hm“ anfangen soll. Das macht mich wahn-sin-nig! Warum nur? Warum kann man nicht einfach entweder zugeben, dass man nicht zugehört hat, oder dass man zu dem Thema keine Meinung hat, weil es einem egal ist? Und wenn es weder das eine noch das andere ist, warum kann man dann nicht „Ja“ oder „Nein“ sagen? Was ist daran so schwer? Ich verstehe es beim besten Willen nicht, und wenn ich etwas nicht ausstehen kann, dann ist das, wenn ich etwas beim besten Willen nicht verstehe!

Natürlich passiert mir das auch manchmal, dass ich mit „Hm“ antworte, obwohl ich nicht respektlos sein will, sondern weil ich das gerade vermeiden will. Weil ich fürchte, dass meine klare, eindeutige Meinung noch respektloser wirken könnte als „Hm“. Oder weil ich denke, dass meine Meinung zu einer sinnlosen Diskussion führen könnte, die ich für nicht konstruktiv halte, weil dann am Ende trotzdem noch alle ihre vorherige Meinung haben, aber dafür sauer aufeinander und zerstritten sind. Das ist dann aber auch die einzige Situation, in der ein „Hm“ in Ordnung ist, um Schlimmeres zu vermeiden. Dann heißt es: „Ich sehe das anders, aber ich weiß, dass ich dich nicht überzeugen kann, also lasse ich deine Meinung – die ich für falsch halte – unkommentiert stehen und denke mir meinen Teil.“

Aber man muss doch nun wirklich nicht mit „Hm“ oder „Mhm“ antworten, wenn ich frage, ob man an dem und dem Tag Zeit hat, um XY zu machen. Oder wenn ich an einem Gedankenspiel herumphilosophiere und den anderen in meine Spinnereien involvieren möchte, einfach, weil das Spaß macht. Wenn dann so ein fantasieloses, nichtssagendes „Hm“ kommt, finde ich das irgendwie grob. Vielleicht bin ich da allerdings schon wieder zu dünnhäutig und erwarte zu viel von meinen Mitmenschen. Ich find’s bloß schade, wenn man so wenig Lust daran hat, ein wenig seine Vorstellungskraft zu bemühen. Da ist wohl jeder anders und das muss man akzeptieren, nehme ich an.

Essai 149: Über Diskriminierung

6. September 2015

Dies ist eine Tirade gegen alle Flitzpiepen, die meinen, sich wie Arschlöcher aufführen zu müssen, ohne dass man sie dafür kritisieren dürfte und wenn man es doch tut, krakeelen sie: „Das ist Diskriminierung! Pfui!“ Ihr ahnt es schon, ich habe wieder Facebook-Kommentare gelesen. Ich weiß, meinem Seelenfrieden zuliebe sollte ich das unterlassen, aber manchmal bleibe ich dann doch hängen. Dieses Mal ging es um ein Foto von einem Lokal, das nach neuen Mitarbeitern suchte. Auf einem Aushang an der Eingangstür stand: „Wir suchen dringend: Köchin/Koch, Kellnerin/Kellner, Religion: egal, Refugees: welcome!, Pegida/Legida-Anhang: So dringend ist es dann doch nicht!!“ Es dauerte nicht lange, dann maulten schon die ersten, das sei ja wohl Diskriminierung und auch nicht besser als gegen Flüchtlinge zu wettern. Das Gemaule ging ja noch, die Kommentatoren waren immerhin friedlich. Aber die Hardcore-Rassisten witterten natürlich eine prima Gelegenheit, um Mitstreiter für ihr Gepöbel zu finden. Und dabei dreschen sie die immergleichen Parolen, von wegen, das sei ihre Meinung und sie seien Realisten und diese ganzen „Gutmenschen“ würden schon noch sehen, was sie davon hätten, wenn es dann in Deutschland zum großen Knall käme, dann säßen sie in der ersten Reihe und würden das Zugrundegehen der ganzen „Gutmenschen“ abfeiern, bla-bla-bla …

So. Dass diese rassistischen Klappspaten in Geschichte mal so gar nicht aufgepasst haben, steht wohl außer Frage. Außerdem deucht es mich ein wenig kurzsichtig, dass sie beim von ihnen offenbar herbeigesehntem Tag des jüngsten Gerichts oder was-auch-immer für ihr Hassgepredige belohnt würden. Warum sollte das passieren? Sie leisten überhaupt nichts Konstruktives mit ihrem Gelaber, im Gegenteil, sie zerstören jede Chance auf Dialog und vernünftige Lösungssuche. Aber sich dann auch noch hinzustellen und beleidigt tun und sich diskriminiert fühlen und sich als Opfer stilisieren, das ist einfach die Höhe!

Gut, es stimmt, dass niemand wegen seiner politischen Einstellung benachteiligt werden darf. Das gilt auch für rassistische Arschgeigen. Allerdings ist das kein Freifahrtsschein dafür, sich komplett daneben zu benehmen. Die wenigsten Menschen kommen als Arschloch auf die Welt, jeder besitzt einen freien Willen und kann entscheiden, ob er die Geschehnisse und Tatsachen in der Welt sowie andere Menschen mit Neid und Missgunst, Hass und Misstrauen betrachten will oder mit Wohlwollen, Vertrauen, Menschlichkeit, Herzenswärme und Nächstenliebe. Wer sich also für den Weg des Hasses entscheidet und sich dafür entscheidet, daran festzuhalten, der benimmt sich wie ein Arschloch und ist selbst Schuld daran. Wenn dann jemand sagt, wir wollen hier aber keine Arschlöcher als Kollegen, dann kann man seine Einstellung ändern oder sich einen anderen Job suchen, wo es nichts macht, dass man sich an einer Scheißhaltung festbeißt. Das Problem mit hasszerfressenen Dünnbrettbohrern ist nämlich, dass sie Unfrieden stiften und das (Arbeits)klima vergiften. Man kann also sicherlich auch als Pegida/Legida-Mitläufer in besagtem Lokal arbeiten, wenn man kein rassistisches Arschloch ist und diese Einstellung ständig kundtut. Das wäre dann ja für Pegida/Legida-Mitläufer, die eigentlich total nett sind, eine prima Gelegenheit, zu beweisen, dass es keinen Grund für einen solchen Vermerk auf einem Aushang gibt. Indem man „Diskriminierung“ brüllt, macht man sich aber lächerlich und wirkt wie eine beleidigte Leberwurst.

Zwar ist es faktisch und von der Definition her nicht gänzlich verkehrt, dass es Diskriminierung ist, Menschen, die einer bestimmten politischen Bewegung angehören, auszuschließen. Doch wo will man denn dann die Grenze ziehen? Darf ich dann in einer Stellenanzeige auch nicht schreiben, dass ich Leute mit einem bestimmten Abschluss, einer bestimmten Ausbildung oder Berufserfahrung suche, weil sich dann alle diskriminiert fühlen, die diesen Qualifikationen nicht entsprechen? Muss ich es einfach so hinnehmen, wenn irgendsoein Arschloch geistigen Dünnpfiff durch die Gegend schmeißt, weil er sich diskriminiert fühlen könnte, wenn ich ihn darauf hinweise, dass seine Einstellung scheiße ist? Was ist, wenn dieses Arschloch andere Menschen mit seinem geistigen Dünnpfiff diskriminiert. Muss man das so stehen lassen, weil es sich ja sonst in seiner Freiheit, andere in ihrer Freiheit zu beschneiden, beschnitten fühlen könnte?

Ich würde daher vorschlagen, Diskriminierung nur als solche zu werten, wenn es um Dinge geht, für die man nichts kann und die sich nicht (ohne Weiteres) ändern lassen. Dazu gehören zum Beispiel das Geschlecht, die Hautfarbe, Körpergröße, eventuelle Behinderungen, Herkunft. Auch kann man nichts dafür, wenn man Flüchtling ist, denn ich gehe davon aus, dass man nur aus seiner Heimat flüchtet, wenn man existenziell bedroht wird und/oder um sein Leben fürchten muss. Ansonsten ist man ein Auswanderer. Man kann auch nur bedingt etwas für seine Religion, sofern man dort hineingeboren wurde und damit aufgewachsen ist. Man kann aber was dafür, ob man sich wie ein asoziales, egoistisches, hasserfülltes Arschloch aufführt oder nicht. Wenn man deswegen nicht benachteiligt werden will, soll man anfangen, sich wie ein Mensch zu benehmen.

Essai 143: Über Feminismus

16. Juni 2015

Was ist eigentlich Feminismus? Macht es mich bereits zur Feministin, wenn ich für Gleichberechtigung eintrete, mich über Ungerechtigkeiten zwischen den Geschlechtern ereifere und auf Missstände hinweise? Offenbar ja, glaubt man zumindest einem Herrn, der mich in einem Facebook-Forum entschlossen als „misandristische Emanze“ bezeichnet hatte. Zuvor hatte ich einen meiner Flirtratgeber in dem Forum geteilt. Als ich daraufhin meinte, ich würde doch nur nervige Singlemänner und nicht alle Singlemänner und erst recht nicht alle Männer mit meiner Kritik meinen, knallte er mir noch einen meiner Texte vor die Füße. Bin ich denn automatisch eine männerfeindliche Arschlochfrau, wenn ich gewisse Verhaltensweisen, die mir bei Männern häufiger aufgefallen sind als bei Frauen, kritisiere?

Meine (logischen und stichhaltigen) Gegenargumente ließ der Herr dann mit einem Nazivergleich abprallen. Analog zu dem Klassiker der Sprüche, die Nazis gern sagen („Ich bin kein Nazi, aber …“), unterstellte er mir dann, ich würde ja im Prinzip auch sagen „Ich habe nichts gegen Männer, aber …“. Ja, das war natürlich ganz raffiniert von dem Kerl, schließlich konnte ich danach sagen, was ich wollte, um meinen Standpunkt ins richtige Licht zu rücken, jedes Argument stand danach als Ausrede da. Ärgerlich.

Jedenfalls, Tatsache ist, der Typ lag falsch. Man kann für die Gleichberechtigung von Frauen und Männern sein, kann dafür sein, dass sich alle sämtliche Pflichten und Rechte teilen, ohne gleich in Hass und irrationale Aggressionen auszubrechen. Als Feministin will man vor allem die Rechte der Frauen stärken und ist bereit, auch alle Pflichten zu übernehmen, die damit verbunden sind. Aber deswegen will man doch den Herren der Schöpfung nichts wegnehmen! Wenn man zum Beispiel eine Frauenquote verlangt, dann geht es doch nicht darum, Männerrechte zu beschneiden, sondern darum, Frauenrechte zu stärken. Auf dem Papier sind wir alle gleichberechtigt, aber in der Realität noch lange nicht. Das ist doch ganz ähnlich wie mit der Ehe für alle: Wenn Homosexuelle heiraten dürfen, ändert sich für Heterosexuelle überhaupt gar nichts. Sie dürfen sogar weiterhin ihre rückständigen, unlogischen und unvernünftigen Ansichten behalten, nicht einmal das müssen sie ändern. Aber für Homosexuelle ändert sich, dass sie genauso behandelt werden wie alle anderen.

Und so ist das auch, wenn Frauen wirklich (!) voll und ganz gleichberechtigt sind. Männern wird nichts weggenommen (außer vielleicht, dass es für einen Posten in den oberen Chefetagen keinen Pluspunkt mehr darstellt, zufällig mit Penis ausgestattet zu sein), aber den Frauen wird etwas mehr Gerechtigkeit zuteil.

Dabei geht es darum, wie die Aufgaben innerhalb der Familie verteilt werden, wie viel Gehalt man für eine bestimmte Tätigkeit bekommt, welchen Schwierigkeiten man beim Erklimmen der Karriereleiter begegnet oder auch nicht, wessen Meinung eher gehört und respektiert wird. Gut, dass Frauen die Kinder bekommen, ist eine biologische Tatsache, die sich nicht ändern lässt. Aber muss man es ihnen darüber hinaus so schwer machen? Warum zahlt man Erzieherinnen und Erziehern, Kita-Mitarbeitern, Tagesmüttern, etc. nicht ein besseres, ein wirklich angemessenes Gehalt? Kein Wunder, dass sie streiken! Vollkommen zu Recht! Erstens sind wir auf solche Menschen angewiesen, die sich anständig um den Nachwuchs kümmern, damit wir möglichst schnell wieder ins Berufsleben einsteigen können. Zweitens würden sich auch automatisch mehr Männer für den Beruf interessieren, wenn er hoch genug bezahlt würde.

Außerdem brauchen wir generell eine höhere Wertschätzung für die Arbeit im Haushalt. Da sind es nach wie vor überwiegend die Frauen, die den meisten Nervkram zuhause erledigen, ohne ständig herumzujammern und ohne dafür auch nur ein „Danke“ oder einen feuchten Händedruck zu bekommen. Was wäre zum Beispiel, wenn die Arbeit im Haushalt ebenfalls angemessen bezahlt würde? Ich meine jetzt kein absolut lächerliches Betreuungsgeld, sondern ein echtes Gehalt? Dann würden sicher auch mehr Männer häufiger den Wischmopp schwingen. Anerkennung und Respekt sind in unserer Gesellschaft leider vor allem mit Geld verknüpft, nicht mit der Erledigung notwendiger Tätigkeiten.

Das sind alles Fragen und Vorschläge, mit denen sich Feminismus tatsächlich beschäftigen sollte. Stattdessen wird Feminismus immer wieder lächerlich gemacht, indem auf alberne Nebenschauplätze verwiesen wird. Zum Beispiel vor ein paar Monaten, als ein paar BewohnerInnen des Berliner Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg einen Zehn-Punkte-Plan gegen frauendiskriminierende Werbung verfassten. Jan Fleischhauer hatte in seiner Spiegel-Kolumne darüber berichtet. Grundlos glückliche Frauen sollten aus der Werbung verbannt werden, ebenso sinnlos lächelnde oder übertrieben hübsche Frauen. Selbstverständlich ist Werbung auch frauendiskriminierend, weil Werbung mit Klischees arbeitet. Aber in der Werbung werden immerhin alle gleichermaßen diskriminiert und als Stereotypen dargestellt, egal ob Männer, Frauen, Kinder oder Tiere. Zu sagen, nur Frauen sollten einigermaßen realistisch dargestellt werden (wobei ich persönlich ja häufiger mal auch grundlos fröhlich bin, auf diese Weise lässt sich der Mist der Welt einfacher ertragen), ist wiederum diskriminierend für Männer, Kinder und Tiere.

Entweder, man verzichtet generell bei Werbung auf Klischees, wobei ich nicht weiß, wie das gehen soll, schließlich will man ja in kurzer Zeit sein Zeug möglichst effektiv verkaufen, was nun mal eben mit Klischees am besten geht. Oder man akzeptiert, dass Klischees zur Werbung dazugehören und nimmt das nicht so ernst. Es weiß doch jeder, dass Zahnarztfrauen nicht zwingend weißere Zähne haben als andere Leute. Es weiß auch jeder, dass Schokoriegel auch mit Extraportion Milch eine Süßigkeit bleiben und kein gesundes Lebensmittel, das täglich auf den Speiseplan gehört, sonst wird man krank.

Was mich ebenfalls nervt, ist, wenn man Feminismus rein auf optische Aspekte beschränkt. Da regen sich dann Leute auf, weil die Frauen in der Werbung als „zu schön“ dargestellt werden. Dabei wären doch alle Frauen wunderschön, ganz gleich, welche Körperform und wie viel Übergewicht sie haben. Es geht doch bei Feminismus nicht um Schönheit! Es geht um Rechte, um Respekt, um Anerkennung! Es sollte egal sein, wie jemand aussieht. Bei Männern ist das auch egal, auch wenn sie in der Werbung meistens fit und attraktiv aussehen, um Karriere zu machen, können sie auch adipös sein, das macht nichts. Bei Frauen macht es was. Und das ist nicht gerecht.

Essai 142: Über Alkohol

6. Juni 2015

Es ist Zeit, mich zu outen: Ich trinke keinen Alkohol. Und das, obwohl ich überhaupt keinen triftigen Grund für diesen freiwilligen Verzicht vorweisen kann. Sofern man überhaupt von einem Verzicht sprechen kann, wenn etwas einfach nicht zu jemandes Leben dazu gehört, darin einfach keine Rolle spielt. Ich sage ja auch nicht, ich verzichte auf eine dritte Brust. Wobei ich mich, hätte ich drei Brüste, vermutlich weniger exotisch fühlen würde als als Nicht-Alkoholtrinkerin und auch seltener den Eindruck hätte, ich müsste mich irgendwie rechtfertigen, erklären, dafür, dass ich es nicht als Genuss empfinde, meine Sinne zu benebeln.

Vielleicht wurde ich als Kind mit einem Alien-Baby vertauscht, vielleicht fehlt mir das entsprechende Lust-am-Rausch-Gen, das offenbar die meisten Menschen besitzen, vielleicht bin ich aber auch einfach nur ein wunderliches kleines Käuzchen. Jedenfalls, Fakt ist, ich habe ohne Alkohol viel mehr Spaß am Leben als mit. Und trotzdem kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, anders zu sein, im Sinne von seltsam, eigenartig und nicht ganz richtig im Kopf.

Es ist sehr schwierig, mit Menschen, die gern Alkohol trinken (und das sind mit Abstand die meisten), eine sachliche Diskussion darüber zu führen. Manchmal packt mich dann ja doch das Sendungsbewusstsein und ich möchte mich verständlich machen und erklären, dass man keinen Alkohol braucht, um einen gemütlichen Abend mit Freunden oder allein, zuhause oder in der Kneipe zu verbringen. Man braucht auch keinen Alkohol, um auf einer Party Spaß zu haben, vorausgesetzt, es ist eine gute Party mit toller Musik, netten Leuten und ausgelassener Stimmung.

Immer, wenn ich versuche, das irgendwem begreiflich zu machen, fühlen die sich angegriffen und glauben, ich würde sie belehren wollen. Dann komme ich mir, weil man mich so eklatant missversteht und ich mich bemüßigt fühle, meinen Standpunkt noch deutlicher zu erklären, tatsächlich wie ein Moralapostel vor. Dabei gibt es doch nicht nur das eine oder andere Extrem. Ich will doch überhaupt nicht sagen, dass man nie Alkohol trinken darf. Ich will nur sagen, dass man nicht immer Alkohol trinken MUSS, um zu genießen, Spaß zu haben und sich wohl zu fühlen.

Der Fairness halber möchte ich auch noch betonen, dass inzwischen die meisten Leute, mit denen ich mich darüber mal unterhalte, recht aufgeschlossen reagieren und das auch gut finden, dass ich keinen Alkohol trinke. Oft bekomme ich auch mit, dass viele gar nicht immer freiwillig auf Partys Alkohol trinken, sondern vor allem deswegen, weil es halt dazu gehört und weil es (fast) alle machen. Aber trotzdem kommt es dann zu Problemen wie „Ach Mist, dann kann ich ja gar nicht mit dem Auto fahren, wie komme ich dann nach Hause?“, „Ach Mist, ich wollte doch am nächsten Tag noch dies und das machen, das kann ich nicht, wenn ich verkatert bin“, etc. Da bin ich dann immer diejenige, die mit Verständnislosigkeit reagiert.

Allerdings, was auch die freundlichsten Mitmenschen bei meiner Nicht-Alkohol-Beichte nur schwer verbergen können, ist ihre Verwunderung. Oft kommen dann Rückfragen, warum ich keinen Alkohol trinke, ob aus Überzeugung oder anderen Gründen. Ehrlich gesagt, ich weiß das gar nicht so genau. Ich hab halt einfach nie damit angefangen, weil ich keinen Grund hatte, damit anzufangen und den hatte ich bis heute nicht. Und mit über 30 noch mit dem Alkohol trinken anzufangen finde ich irgendwie überflüssig. Jetzt habe ich mich da schon dran gewöhnt, mein Ruf als Sondervogel ist etabliert, da muss ich mich doch nicht zu etwas zwingen, was mir überhaupt keinen Mehrwert gibt und meine Gesundheit ankratzen könnte.

Denn, tut mir leid, aber so ist das, gesund ist Alkohol nicht. Es gibt eine bestimmte Dosis, die nicht weiter schädlich ist und mit der die Leber gut fertig wird. Aber einen gesundheitlichen Nutzen hat man dadurch nicht. Einige Studien behaupten zwar, dass Wein gesund ist. Allerdings liegt das nicht am Alkohol, sondern an den besonderen Inhaltsstoffen des Weins, die sich aus den Weintrauben heraus im Gärungsprozess entwickeln.

Wenn Alkohol wenigstens lecker wäre, dann würde ich ab und zu in Maßen sicher etwas mittrinken. Denn, dass ich den Rausch nicht mag, hindert mich ja nicht daran, ein bisschen Alkohol zu genießen. Es ist für mich aber kein Genuss, ich finde den Geschmack ganz scheußlich. Ich glaube auch, dass sich da jeder erst einmal dran gewöhnen muss. Oder fand irgendjemand, der heute gern Alkohol trinkt, seinen ersten Schluck wirklich so köstlich? Das würde mich wirklich mal interessieren, weil ich mich da so schwer hineinversetzen kann. Ein Freund von mir versucht immer, mir weiszumachen, dass Alkohol keinen Eigengeschmack hätte. Er behauptet, es gäbe verschiedene alkoholische Getränke, die jeweils einen Eigengeschmack hätten und der Alkohol selbst schmecke nach nichts. Warum aber mag ich dann mit Wein kochen und finde das Aroma wunderbar, wenn der Alkohol größtenteils verpufft ist? Oder warum schmeckt mir Tiramisú, wo der beißende, aggressive, stechende Alkoholgeschmack im Amaretto vom Mascarpone und Espresso neutralisiert wird und nur das feine Mandelaroma übrig bleibt?

Mein Eindruck ist, dass in Sachen Alkohol ganz viel über gesellschaftlichen Gruppenzwang läuft. Es ist Teil der Kultur, Teil der Geschichte, gehört untrennbar zu unserem sozialen Zusammenleben, zu den Regeln der Geselligkeit, ein „Gläschen zu trinken“. Wer da nein sagt, wirkt schnell unhöflich und wird als Spaßbremse betrachtet.

Früher, als ich mich noch in Schauspieler- und Theaterkreisen tummelte, war die Verwunderung über meinen Alkohol“verzicht“ noch größer. Schauspieler tun ja ganz gern mal psychologisch und da wurde ich dann immer gleich analysiert: „Du hast Angst. Warum? Brauchst du doch gar nicht!?“ Oh, wie ich das gehasst habe! Vielleicht reagiere ich auch deshalb heute noch mit einer gewissen skeptischen Abwehrhaltung, wenn jemand sich freundlich nach den Gründen erkundigt. Das tut mir dann immer leid, aber ich denke dann immer sofort, na super, jetzt halten die mich wieder alle für merkwürdig.

Vielleicht habe ich Angst. Davor, dass ich irgendwas Dummes im Rausch sage oder tue, das andere verletzt oder womit ich mich ganz fürchterlich selbst bloßstelle. Aber ist das so schlimm, davor Angst zu haben und etwas deswegen nicht zu tun? Wenn man aus Angst etwas vermeidet, was einem in irgendeiner Weise nützen könnte, dann ist das natürlich doof. Aber Alkohol zu trinken würde mir doch überhaupt nichts nützen. Ich verstehe also wirklich nicht, warum ich damit heute noch anfangen sollte?

Seltsamerweise scheinen viele, die Alkohol trinken, den umgekehrten Gedankengang zu verfolgen. „Warum sollte ich keinen Alkohol trinken?“ ist eine häufige Reaktion, wenn ich versuche, meinen Standpunkt zu erläutern. „Weil es nichts bringt und weil es nicht schmeckt“, ist dann nicht wirklich ein überzeugendes Argument, denn diesen Menschen bringt es ja Freude und Genuss und es schmeckt ihnen. Was ich ja auch überhaupt nicht verurteile, ich wünsche mir nur manchmal ein bisschen mehr Verständnis dafür, dass nur, weil man einen Standpunkt vertritt, mit dem 99 % der Menschen des eigenen Kulturkreises d’accord gehen, das nicht heißt, dass die restlichen 1 % falsch liegen und einen Knall haben.

Das kriegt man wahrscheinlich gar nicht so mit, wenn man selbst betrunken ist, aber betrunkene Menschen sind immer unangenehm. Sie sind laut, manche rücken einem viel zu nah auf die Pelle, sie stinken, einige sind aggressiv, andere weinerlich, wieder andere werden großkotzig und halten sich für unbesiegbar. Ganz selten werden einige bei leichtem Betrunkensein auch netter und gesprächiger. Aber da denke ich immer, die sind halt im nüchternen Zustand schüchtern oder glauben, immer Stärke beweisen zu müssen, und trauen sich nicht, nett und unterhaltsam zu sein. Da wäre es doch möglich, auch ohne Alkohol seine Hemmungen, der sympathische Mitmensch zu sein, der man im Kern ist, zu überwinden. Das ist schwieriger, sicher, aber unmöglich ist es nicht.

Einmal habe ich den Fehler begangen und meinen Geburtstag ohne Alkohol feiern wollen. Das hatte ich allerdings vorher nicht angekündigt, weil ich damit für mich gegen das unausgesprochene Diktat protestieren wollte, Partys wären nur mit Alkohol möglich. Mit meiner pädagogisch gemeinten Motivation habe ich natürlich die Rebellionslust einiger Gäste angestachelt und prompt schmuggelte jemand eine Flasche Wodka ins Haus. Irgendwann wunderte ich mich, dass die Stimmung irgendwie kippte. Einige wurden erst pubertär kicherig, dann aggressiv und plötzlich entbrach zwischen zwei Personen ein völlig idiotischer Streit und ich stand dazwischen als Gastgeberin und verstand die Welt nicht mehr. Bis ich dann am nächsten Tag die leere Flasche entdeckte und mich fürchterlich schämte, so naiv gewesen zu sein, dass andere meine Einstellung verstehen, vielleicht sogar teilen könnten. Und ich war sauer, weil man mich nicht einfach gefragt hatte, ob das OK sei. Da hätte ich vielleicht ein wenig mit den Zähnen geknirscht, aber mich einverstanden erklärt. Mir dabei aber auch gedacht, also, wenn man einen Abend mit netten Leuten in gemütlicher Atmosphäre nicht ohne Alkohol genießen kann, dann sollte man sich doch mal Gedanken machen … Na ja, inzwischen kündige ich halt immer an, dass jeder, der Alkohol trinken möchte, diesen mitbringen kann und gut ist.

Sicher kommt einem eine grauenhaft langweilige Party mit Alkohol weniger furchtbar vor, das mag sein. Aber wenn ich auf einer grauenhaft langweiligen Party bin, dann will ich da doch nicht länger bleiben als nötig. Dann suche ich mir nette Gesprächspartner, laufe ab und zu zum Buffet und wenn ich glaubhaft verkaufen kann, dass ich los muss, weil die letzte Bahn fährt oder ich morgen früh raus muss, verkrümel ich mich. Also auch kein Grund, Alkohol zu trinken. Sonst würde ich am Ende tatsächlich die letzte Bahn verpassen.

Dass mich keiner zu verstehen scheint (außer die wenigen Menschen in meinem Bekanntenkreis, die ebenfalls Alkohol nichts abzugewinnen vermögen), wurmt mich. Es scheint keine sachliche Diskussion über das Thema möglich zu sein. Aber was mich wirklich richtig wütend macht, das ist diese ekelhafte Doppelmoral in Bezug auf Alkohol und Sucht!

Solange man fröhlich und gesellig mittrinkt, ist man ein Genussmensch und allseits beliebt. Aber auch Genussmenschen können (müssen nicht) irgendwann nicht mehr vom Alkohol loskommen. Meine Oma zum Beispiel, die war ein sehr geselliger Mensch und hatte einen großen Freundeskreis. Die haben sich oft getroffen, gemeinsam getrunken („Dummheit frisst, Intelligenz säuft“, war ein Motto meiner Großmutter) und über Hochkultur debattiert. Dann starb mein Opa und meine Oma rutschte in die Sucht ab. Ihre sogenannten Freunde ließen sie nach und nach alle fallen, keiner wollte mehr mit ihr zu tun haben, alle waren ihr gegenüber peinlich berührt. Sie wurde einsam. Und sie telefonterrorisierte ihre Kinder und Enkel mit volltrunkenen, weinerlichen Anrufen, viele Male am Tag. Wir haben versucht, zu ihr zu stehen, aber leicht hat sie es einem nicht gemacht. Sie war gemein, garstig, verletzend und ungerecht. Misstrauisch und paranoid. Dann wieder hilflos und verloren.

Als Teenager habe ich das alles miterlebt und es war für mich sicher nicht der Hauptgrund, auf Alkohol zu verzichten, aber es hat meine Entscheidung zumindest gestärkt. Meine Oma tat mir sehr leid, ich hatte sie lieb, trotz allem und ich hätte ihr gern geholfen. Besser wurde es erst später, als sie dement war und ihre Sucht seltsamerweise zu vergessen schien. Sie vergaß auch ihre paranoiden Wahntheorien, vergaß, dass ihre Freunde sie im Stich gelassen hatten, vergaß ihre Verbitterung. Sie wurde friedlich. Und so werde ich sie auch in Erinnerung behalten.

Was ich mit dieser Geschichte eigentlich sagen will: Solange man seinen Alkoholkonsum soweit unter Kontrolle hat, dass man im Alltag nicht negativ auffällt, gehört man dazu. Verzichtet man hingegen komplett auf Alkohol, gehört man nicht wirklich dazu. Verliert man eines Tages die Kontrolle über seinen Alkoholkonsum (und ich bin überzeugt davon, dass davor niemand gefeit ist), dann ist man plötzlich der letzte Dreck und niemand will mehr mit einem zu tun haben. Dieselben Leute, die einen vorher zum Trinken animiert und selber mitgetrunken haben, rümpfen plötzlich die Nase und wenden sich ab. Das ist doch zum Kotzen!

Und so habe ich vielleicht doch den einen oder anderen Grund, keinen Alkohol zu trinken.


%d Bloggern gefällt das: