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Essai 144: Über die Bundesjugendspiele

28. Juni 2015

Letzte Woche brachte die Bloggerin Christine Finke mit einer Petition zur Abschaffung der Bundesjugendspiele den Hashtag #bundesjugendspieleweg ins Rollen. Dabei führt sie im Prinzip die gleichen Argumente an, die ich in meinem Essai über die traumatisierenden Auswirkungen von Schulsport erwähnt hatte: Sport sollte Spaß machen und keine demütigende Erfahrung für die Kinder sein. Schließlich will man doch, dass die Kinder Freude an der Bewegung entwickeln, damit sie später als Erwachsene möglichst lange gesund und fit bleiben. Es ist aber nun mal eben Fakt, dass allein schon von den körperlichen, angeborenen Voraussetzungen her nicht jeder Mensch die gleichen Talente besitzt.

Bundesjugendspiele, beziehungsweise „Sportfeste“ wie das bei mir damals hieß, fördern Kinder, die gut in Leichtathletik sind. Kinder, die grottig in Leichtathletik sind, weil sie zum Beispiel klein, schmächtig und langsam sind, bekommen eine Teilnehmerurkunde. Damit sie selbst niemals vergessen, dass sie zwar mitgemacht, aber komplett versagt haben.

So sind auch mir die Sportfeste in schlechter Erinnerung verblieben und auch der Sportunterricht war überwiegend furchtbar. Aber deswegen die Bundesjugendspiele abschaffen? Ich weiß nicht.

Das wäre meines Erachtens nicht fair gegenüber den vielen Kindern, die wirklich Spaß daran haben und die sich durch den Wettbewerbscharakter dazu angespornt fühlen, sich anzustrengen und ihre Leistungen zu verbessern. Es ist ja nicht jeder so wie ich, die ich mich von Wettkämpfen, in denen ich ohnehin keine Chance habe, abgeschreckt fühle.

Nun kann man einwenden, auf solche Leistungsverweigerer, Memmen und Weicheier (im Falle weiblichen Geschlechts eher Eierlose) müsse man keine Rücksicht nehmen. Sonst könnte man ja auch gleich Mathearbeiten und Deutschaufsätze abschaffen oder warum nicht gleich die Schulpflicht abschaffen und dann müssen nur noch die Kinder zum Unterricht, die das gern möchten und die dummen Kinder müssen sich nicht anstrengen und sich dumm fühlen, reicht ja schließlich, dass sie es sind.

Im ersten Augenblick klingt das nachvollziehbar. Aber ich sehe da trotzdem einen Unterschied. Mathe und Naturwissenschaften sind durch und durch logisch, das kann man lernen und wer darin eine Schwäche hat, sollte unterstützt werden und nicht vom Unterricht ausgeschlossen. Gesellschaftliche Fächer wie Gemeinschaftskunde (Politik), Geschichte und Erdkunde bauen auf Fakten auf, die kann man auswendig lernen. Dann gibt es die geisteswissenschaftlichen Fächer, Deutsch, Fremdsprachen, Philosophie und vielleicht noch Religion (wobei ich Religionsunterricht in der Schule nur sinnvoll fände, wenn alle Religionen gleichberechtigt behandelt und auch kritisch betrachtet würden). Darin lernt man (oder sollte man lernen), wie man analysiert, interpretiert und argumentiert. Man lernt Bücher kennen, von denen man anderweitig nie etwas gehört hätte und geht mit ihnen auf die Reise. Man bekommt die Möglichkeit seinen geistigen Horizont zu erweitern, über den Tellerrand zu schauen, kritisch und selbstständig zu denken. Man lernt andere Kulturen kennen und sieht die Welt dadurch in bunteren Farben.

Schließlich gibt es noch eine Kategorie von Schulfächern, die ebenfalls wichtig sind, aber in denen es weniger auf objektive Kriterien, sondern auf subjektive Aspekte wie Talent, physische Voraussetzungen und Interesse ankommt. Das sind künstlerische Fächer wie Musik, Kunst und Darstellendes Spiel sowie Sport.

Ich denke, keines dieser Fächer sollte abgeschafft werden, weil sie alle zur Formung und Stärkung von Geist und Körper unentbehrlich sind. Aber müssen Noten sein? Muss man Menschen, die mies in Leichtathletik sind, zu den Bundesjugendspielen zwingen? Können die nicht stattdessen Turniere oder Auftritte mit Tanzen, Mannschaftssportarten, Gymnastik, Geräteturnen oder Schwimmen haben?

Man könnte das doch flexibler gestalten, dass man sagt, jedes Kind sollte einmal im Jahr an einem Wettkampf teilnehmen, aber die Disziplin darf es sich aussuchen. Genauso würde ich für Musik, Kunst und Darstellendes Spiel Noten abschaffen. Auch dort könnte man freiwillige Wettbewerbe einführen, sofern das nicht schon gemacht wird: In Musik Vorspiele an einem Instrument der eigenen Wahl oder Auftritte mit dem Chor oder der Schulband. In Kunst Ausstellungen mit eigenen Bildern, Skulpturen, Fotografien. In Darstellendes Spiel Theateraufführungen – die, die sich nicht auf die Bühne trauen, können die anderen Theaterberufe (Regieassistenz, Dramaturgie, Autor, Licht, Technik, Inspizienz, …) kennen lernen.

Durch eine individuellere Gestaltung und der Betonung auf Spiel und Fest, anstatt auf Leistung und Wettkampf würden Bundesjugendspiele dann auch Kindern Spaß machen, die besser auf Bäume klettern, tanzen, jonglieren, was weiß ich was können als Leichtathletik, ohne dass man den Kindern, die das toll finden, etwas wegnimmt.

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Essai 95: Über traumatische Auswirkungen von Schulsport

11. November 2012

Wie soll ich sagen, ich war schon immer eine Streberin. Total uncool, schon klar. Aber was soll ich machen, wenn ich schon in der Schule in allen Fächern mindestens befriedigend bis gut war, außer in Sport. Ein „ungenügend“ blieb mir in diesem Folter-Fach wohl auch nur deswegen erspart, weil meine Sportlehrer Mitleid mit mir hatten. Nur einer verzichtete überwiegend auf den Niedlichkeitsbonus für meine Wenigkeit, der hat mir mit breitem Grinsen und offensichtlicher Genugtuung ein „mangelhaft“ in Badminton ins Zeugnis geknallt. Dabei habe ich bei Badminton immerhin jedes vierte oder fünfte Mal den Federball getroffen. Gemessen an meinen sonstigen Erfolgen im Treffen von ballähnlichen Objekten finde ich, ist das doch eine super Leistung.

Die meisten Menschen sind wohl heilfroh, wenn sie die Schule endlich hinter sich haben, aber ich bin tatsächlich – Streberin, wir erinnern uns – ganz gern zur Schule gegangen. Nur der Schulsport hat mich nachhaltig traumatisiert und in mir eine tiefsitzende Abneigung gegen sportliche Betätigung im Allgemeinen und Mannschafts-Ballsportarten im Besonderen erzeugt. Ballsportarten kann man oder kann man nicht, man braucht dafür schon ein Mindesmaß an Ballgefühl, das ich nicht habe. Werfen, Ditschen, Dribbeln, Schießen, Baggern und so weiter sind einfach Tätigkeiten, die außerhalb meines Kompetenzfeldes liegen. Das wäre ja auch soweit in Ordnung, würde man es nicht auch noch den Schülern überlassen, ihre Mannschaften selbst zu wählen. Und da man ja Teamgeist beweisen soll, wird dabei auch keiner verschont, sondern alle müssen mitmachen. Jeder kennt die armen Tropfe, die nie irgend jemand in seiner Mannschaft haben will, weil man mit solchen talentfreien Gestalten in der Mannschaft garantiert verliert. Nun, ich war so ein armer Tropf. Och nee, wir mussten sie letztes Mal schon nehmen, jetzt seid ihr aber mal dran. Und der arme Tropf sitzt da, ein Gesicht wie drei Monate Regenwetter, und denkt, lasst mich doch einfach hier auf der Bank sitzen. Ich feuer euch auch an. Ich schaue gern zu. Wirklich. Aber um Gottes Willen verschont mich damit, mitmachen zu müssen. Das ist demütigend.

Aber Sportlehrer lassen das nicht gelten. Alle müssen mitmachen, das ist kein Vorschlag, sondern ein Befehl. Zack, zack und Stillgestanden!  Aaaaach-tung! Fertig machen zum Angriff! Stellt euch nicht so an, hört auf zu heulen, ihr Memmen! Hier wird nicht schlapp gemacht! – Der Gute-Laune-Terrorismus beginnt im Sportunterricht.

Dabei bin ich nicht einmal unsportlich. Ich hab nur kein Ballgefühl, keine Kraft und keine Kondition. Na gut. Ich bin unsportlich. Aber zumindest bin ich kein kompletter Tolpatsch, Tanzen hat mir schon immer sehr gelegen und das wurde auch angeboten an unserer Schule. Man ist jedoch pädagogisch wertvoll und zwingt die Schüler zu einer möglichst umfangreichen sportlichen Ausbildung. Der Gedanke mag ja auch durchaus gut gemeint sein, aber warum kann man die Schüler nicht einfach die Sportarten ausüben lassen, die ihren Talenten entsprechen? Warum muss man jemanden, der ein ausgezeichnetes Rhythmusgefühl, eine gute Körperbeherrschung und Beweglichkeit hat, jemanden, der fürs Tanzen geschaffen ist, partout dazu zwingen, sich die Handgelenke beim Volleyball wund zu baggern, beim Völkerball ständig eins in die Fresse zu bekommen, beim Basketball vom Ball gedribbelt zu werden statt umgekehrt und beim Fußball in die Verteidigung abgeschoben zu werden, wo man am wenigsten Schaden anrichten kann? Warum demütigt man solche Menschen mit peinlichen Teilnehmerurkunden beim sogenannten „Sportfest“ (welch ein Hohn, dieser Euphemismus!) und reibt ihnen unter die Nase, dass sie gezwungen wurden, bei etwas mitzumachen, was sie nur quält und ihnen nichts nützt und sie obendrein auch noch bei den Mitschülern lächerlich und unbeliebt macht?

Nun ist mir natürlich bewusst, dass in Zeiten von allgemeinem Bewegungsmuffeltum unter immer dicker werdenden Kindern Sportzwang vonnöten ist. Und wenn nicht an der Schule, wo dann? Aber warum versucht man dann, alles zu tun, um den Kindern den Spaß an der Bewegung und am Mannschaftssport dadurch zu vermiesen, dass man Konkurrenzdenken durch Noten fördert? Das ist doch überhaupt nicht Sinn der Sache! Warum lässt man das mit den Noten nicht einfach? Warum lässt man nicht die mit Rhythmusgefühl im Tanzensemble ihrem Talent nachgehen und die mit Ballgefühl beim Volley- oder sonstwas-Ball? Warum lässt man die Schüler die Mannschaften wählen und fördert damit, dass die Coolen sich untereinander bestätigen und die Außenseiter noch weiter gedemütigt werden? Warum lässt man irgendwelche Sadisten Sportlehrer werden? Es wäre doch für alle das Beste, wenn man den Sportunterricht mal gründlich umstrukturieren würde. Dann kann man das von mir aus auch jeden Tag machen, unbenotet und mit Rücksicht auf die verschiedenen Persönlichkeiten und Begabungen der Kinder. Und dann muss man ja nicht die Fiesesten unter den fiesen Lehrern als Sport-Feldwebel einsetzen, sondern könnte doch auch auf tatsächliche Profis zurückgreifen. Es gibt doch genügend freiberuflich tätige Tanzlehrer oder andere Sportler, die sich über ein Zubrot freuen würden. Letzten Endes würde da die ganze Gesellschaft von profitieren und schon als Kind hätte man Spaß daran, sich zu bewegen und eine Menge von Selbstwertgefühlen blieben dadurch intakt. Aber ich bin ja bloß eine Streberin.


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