Archive for September 2012

Essai 93: Über Entschuldigungen als Allzweckmittel nach dem Tritt ins Fettnäpfchen

23. September 2012

Als Europäerin schaue ich zuweilen mit einer Mischung aus Verwunderung, Belustigung und Entsetzen zu unseren Freunden jenseits des großen Teichs hinüber und beobachte ungläubig das eigenartige Treiben, das vor allem in Wahlkampfzeiten seine Blüten entfaltet. Ohne parteiisch erscheinen zu wollen… ich habe den Eindruck, insbesondere die republikanischen Kandidaten haben ein Talent dafür, in jedes bereit stehende Fettnäpfchen mit beiden Beinen hineinzuspringen und darin überhaupt kein Problem zu sehen. Ist es auch nicht. Solange man sich hinterher einfach jedes Mal artig dafür entschuldigt. Dann kann man ruhig den größten Unfug und unmöglichsten, reaktionärsten Bockmist verzapfen, wenn man hinterher behauptet, es täte einem leid, man habe vielleicht den Grundgedanken etwas holprig formuliert, ist alles wieder in Butter.

Dieses Prinzip gilt übrigens nicht nur für Politiker. Auch verwöhnte, weltfremde Hotelerbinnen – nennen wir sie exemplarisch Paris H. – haben entdeckt, dass sie problemlos einfach mal ein paar homophobe Bemerkungen in den Raum stellen können und es niemanden juckt, sofern sie hinterher sagen, es täte ihnen leid. Diese Art der Entschuldigung hat allerdings nichts mit dem zu tun, was ich in meinem Essai über chronische Entschuldigeritis und Rechtfertigungszwang beschrieben hatte. Das Verhalten, das ich dort meinte, beruhte darauf, dass einem die Dinge, für die man sich entschuldigt, wirklich leid tun. Auch, wenn man es dabei mit dem schlechten Gewissen reichlich übertreibt. Das Verhalten, das ich in diesem Falle zu monieren gedenke, ist eine bewusste Strategie und Taktik, damit etwaige Kritiker aufhören, einem auf den Keks zu gehen mit ihren Einwänden. Das, wofür man sich entschuldigt, tut einem mitnichten leid, man hat nur gemerkt, dass das nicht so super ankommt. Hätte es keinen Ärger gegeben, hätte es einem auch nicht angeblich leid getan. Ohnehin: Wenn einem etwas wirklich leid tut, bemüht man sich, das in Zukunft zu vermeiden oder zumindest zu reduzieren, was dieses Leidtun provoziert hat.

Beim republikanischen Präsidentschaftskandidaten in den USA hat dieses Verhalten ja wirklich schon System, so dass man nicht davon ausgehen kann, er hätte begriffen, wofür er sich da eigentlich jedes Mal entschuldigt. Kaum ein Tag vergeht, ohne dass neue Internetvideos, Fernsehmitschnitte oder Berichte die Runde machen, in denen dieser Kasper seine schlichtweg unmögliche Weltsicht zum Besten gibt. An einem Tag sagt er einem schwulen Veteranen ins Gesicht, dass er gegen die gleichgeschlechtliche Ehe ist, während dessen Ehemann direkt daneben sitzt. Übrigens nutzt er dabei die gleichen hirnverbrannten ‚Argumente‘ wie hierzulande (das scheint also eine Gemeinsamkeit von bornierten Schwachköpfen quer über den Erdball zu sein und ist nichts typisch Amerikanisches): Man wolle das halt nicht, weil ist so, aus Prinzip und so, weil man das halt nicht will, da könne ja jeder kommen und die Ehe sei nun mal eben nur für zwischen Mann und Frau bestimmt, schließlich habe man das im Mittelalter auch so praktiziert und überhaupt, und damit Basta. Besonders gerne aber lästert der feine Herr über Nicht-Reiche, die schließlich, seien wir doch ehrlich, an ihrem Schicksal selbst Schuld sind. Sie hätten ja schließlich auch einfach reich werden können, dann wären sie jetzt nicht nicht reich. Sowieso sei das nicht nachzuvollziehen, warum sie nicht einfach mehr Geld haben, es ist doch viel schöner reich und gesund zu sein, als arm und krank. À propos krank: Da wollen doch die Wähler seines politischen Gegners tatsächlich eine gesetzliche Krankenversicherung haben, diese Schmarotzer, dieses faule Pack, das sich weigert, gesund zu bleiben. Eine Frechheit ist das, alles bolschewistische, tiefrote, sozialistische Kommunisten, die mit ihrem Bestreben, das Gemeinwohl zu fördern, in Wahrheit doch nur die persönliche Freiheit von gewissen egomanischen Hajopeis anzugreifen trachten. Dass man manchmal über starrsinnige Dickköpfe hinweg die Menschen zu ihrem Glück zwingen muss, ist wohl noch nicht überall angekommen. Sozialstaat bedeutet ja nicht, dass man gleich alle enteignet und sich als Diktator dran bereichert, während alle anderen verhungern und sich gegenseitig bespitzeln und alle, die sich dagegen wehren ins Gefängnis gesteckt oder umgebracht werden. Sozialstaat bedeutet genau das Gegenteil. Dass man Hilfsbedürftigen unter die Arme greift, damit alle die gleichen Chancen haben. Von Geburt an hat man die nämlich nicht.

Leitwerte, wie das der Freiheit, in allen Ehren, aber – bei allem Respekt – wenn das nur hohle Floskeln bleiben, die jeder Idiot in die Gegend posaunt und dahinter steckt nur heiße Luft, dann kann man sich das auch sparen. Genau so wie man sich auch jede Entschuldigung meines Erachtens getrost sparen kann, die keinerlei Einsicht in das eigene Fehlverhalten beinhaltet und infolgedessen auch keinerlei Änderung dieses eigenen Fehlverhaltens nach sich zieht. Was soll denn dann das ganze Theater, genauer, diese Schmierenkomödie? Wenn dann gleich wieder die ganze Scheiße von vorn anfängt? Mist bauen – Ärger kriegen – sich entschuldigen – Ärger ebbt ab. Den gleichen Mist bauen – den gleichen Ärger kriegen – sich auf die gleiche Weise entschuldigen – Ärger ebbt wieder ab. Und so weiter und so fort. Es wäre doch viel einfacher und effektiver und für sämtliche Beteiligten entschieden weniger nervtötend, wenn es folgendermaßen abliefe: Mist bauen – Ärger kriegen – überlegen, was an den Vorwürfen dran ist – eigenes Fehlverhalten kritisch reflektieren – eigenes Fehlverhalten ändern – sich währenddessen gegebenfalls entschuldigen – Ärger ebbt ab – Verhalten ändert sich. Punkt. Es ist ja schon lästig genug, dass man überhaupt sauer werden und sich beschweren muss, damit andere Leute merken, dass sie Mist gebaut haben. Aber wenn es dazu führt, dass diese Leute dazulernen und künftig weniger Mist bauen, dann lohnt sich der Aufwand wenigstens. Aber was soll man denn tun, wenn sich gar nichts ändert und man sich jedes Mal völlig umsonst aufregt? Sich nicht mehr aufregen? Ja, das wäre vermutlich das Beste. Ändern tut sich ja eh nichts und dann kann man es auch gleich ganz entspannt nehmen und gelassen reagieren, so wie Albert Camus‘ Sysiphus, der einfach akzeptiert, dass der dämliche Felsbrocken den blöden Berg immer wieder hinunterrollt, so dass man sich den guten alten Sysiphus glücklich vorzustellen hat. Wenn jemand herausgefunden hat, wie man es schafft, sich über die Idiotie, Ignoranz und Borniertheit in der Welt nicht mehr aufzuregen, so möge er mir bitte sein Geheimnis verraten. Meine Dankbarkeit wäre demjenigen Welchen gewiss.

Advertisements

Essai 92: Über den Umgang mit Gerüchten

10. September 2012

Im Moment sorgt eine junge Dame für ordentlich Wirbel, weil sie sich gegen unerhörte Gerüchte zur Wehr setzt, die zum Inhalt haben, sie habe früher einmal als Escort-Fräulein beziehungsweise Prostituierte gearbeitet. Diese junge Dame – nennen wir sie Bätina W. (Name von mir geändert, ich will nicht auch noch verklagt werden) – verklagt nun also Google und Günther Jauch, wegen böswilliger Förderung besagter Gerüchte. Google wird wegen dieser Auto-Vervollständigung verklagt. Tatsächlich – ich hab das eben spaßeshalber mal ausprobiert – wenn man auch nur die ersten zwei Anfangsbuchstaben des Vornamens in Google eingibt, erscheint das Wort „Prostituierte“ gleich an erster Stelle. Und Günther Jauch hat offenbar irgendwann einmal aus einem großen deutschen Boulevard-Blatt vorgelesen, das darüber geschrieben hatte, dass jemand anders behauptet habe, dass er vom Nachbarn seines Schwagers gehört hätte, dessen Cousin habe mal eine Bekannte im Supermarkt getroffen, die sich ganz sicher sei, dass der Arbeitskollege ihres Postboten jemanden kenne, der jemanden kenne, der besagte junge Dame einmal von Weitem an der Bushaltestelle gesehen habe, wie sie höchst promiskuitiv zu ihm herübergeschaut habe. Jetzt hat er eine Unterlassungsklage am Hals, das kommt davon.

Ich bin schon gespannt, wie die Klagen verlaufen. Wenn ich mich nicht irre, ist Günther Jauch auch schon zurückgerudert und hat versichert, nie wieder darüber zu reden, dass irgendwelche Leute behaupten, dass besagtes junges Fräulein einst in einem Escort-Service oder als Bordsteinschwalbe tätig gewesen sein soll. Google weist – meiner Meinung nach völlig zu Recht – darauf hin, dass es nichts dafür könne, was die User alles Lustiges in ihre Suchmaschine tippen. Das läuft ja alles automatisch ab.

Nun ist für mich die Frage, ob dieser Umgang mit Gerüchten, den diese junge Dame pflegt, so übermäßig schlau ist. Meine Wenigkeit beispielsweise wäre nie auf die Idee gekommen, sie mit Prostitution in Verbindung zu bringen, wenn sie jetzt nicht herumliefe, und alles verklagte, was nicht bei „Drei“ auf den Bäumen ist. Warum nicht? Weil es mir vollkommen egal ist. Das ist ihre Privatsache und wenn sie in ihrer Jugend mal irgend etwas gemacht hat, was ihr heute peinlich ist, dann ist das sowas von überhaupt nicht mein Problem. Und ich bin mir sicher, dass der Großteil der Weltbevölkerung meine Ansicht teilt – sofern man außerhalb des deutschsprachigen Raums überhaupt weiß, wer die junge Dame ist. Und selbst wenn an den Gerüchten etwas dran sein sollte – was mir, wie gesagt, völlig schnurz ist – dann ist es doch überhaupt nicht schlimm. Sie hat ja niemandem damit geschadet. Im Gegenteil. Außerdem ist das Vergangenheit und wir haben jetzt Gegenwart. Ich bin mir nicht sicher, ob in der Presse so ein Bohei um die Sache gemacht würde, wenn das Fräulein W. einfach auf die Gerüchte pfeifen und ihr Leben fröhlich weiterleben würde mit ihrem grundehrlichen Göttergatten.

Das ist doch die Gelegenheit, zur Abwechslung mal ein paar Sympathiepunkte einzuheimsen. Angenommen, sie würde sich – anstatt alle Welt zu verklagen – einfach hinstellen, eine kleine Pressekonferenz geben oder im Netz ein Statement abgeben und dann triefend vor Ironie und mit dem Schalk im Nacken sagen: „Diese Gerüchte sind unwahr. Der Codename war nicht ‚Viktoria‘ sondern ‚Veronika‘ als ich im Escort-Service gearbeitet habe. Da sollte jemand mal seine Quellen verifizieren.“ Oder – anstatt eine strunzlangweilige Autobiografie zu verfassen – ein Buch über ihre fiktive Vergangenheit als Prostituierte zu schreiben und dabei schön zu übertreiben und in den buntesten Farben irgendwelche Erlebnisse mit Freiern Kunden zu erfinden und dabei das Ganze so ins Lächerliche zu ziehen, dass es gar nicht stimmen kann. Dann käme es nämlich so bei der Öffentlichkeit an, dass die junge Dame Sinn für Humor hat und souverän, selbstbewusst und frech genug ist, mit offensichtlich schwachsinnigen Gerüchten und pubertärem Getratsche angemessen umzugehen. Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert. Oder – um mich der besten Band der Welt, Die Ärzte, anzuschließen – Lasse red’n!


%d Bloggern gefällt das: